Alle Beiträge, die unter Romane gespeichert wurden

Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat

Ishmael ist Kriminalkommissar in Madison in Wisconsin. Wenn er gefragt wird, warum er Polizist geworden ist, dann erklärt er es damit, dass er ein Rebell sei. Er habe rebelliert gegen den Konformitätszwang, dem sich die Schwarzen unterwerfen, die sich in der amerikanischen Mittelklasse etablieren wollen. Nein, so ein angepasstes, langweiliges Leben, ein Leben als Professor-Roboter mit jährlich gleichen Vorlesungen an einer Universität, das wollte er nicht. Und tatsächlich, als Polizist fühlt er sich mehr als er selbst, als er es sonst hätte sein können. Dabei hat seine Frau ihn genau wegen dieses Berufs verlassen. Nicht, weil er gefährlich ist oder Ishmael ständig Überstunden gemacht hat, sondern weil sie ihn als Verräter sieht, als Verräter gegen seine eigene Rasse, denn Ishmael ermittelte durchaus auch gegen schwarze Kriminelle. Mukoma wa Ngugi skizziert zügig die Gemengelage, in der der Ich-Erzähler Ishmael einen Mord aufklären muss. Es ist die Suche nach der Identität, die Ishmael persönlich umtreibt, es ist seine Suche nach einem Mörder und sein Versprechen, Gerechtigkeit herzustellen. Thema ist aber auch der Rassismus, der im Roman in …

John von Düffel: Wassererzählungen

Von verschiedenem Wasser erzählt uns John von Düffel in diesen Erzählungen, von Ostsee und Nordsee, von einem natürlichen Schwimmteich, einem Swimmingpool, einem Teich im Garten, einem See in Norddeutschland. Von unterschiedlichen Landschaften erzählt er und von Menschen in entscheidenden Situationen ihres Lebens. John von Düffel ist ein passionierter, ein unermüdlicher Schwimmer. Dabei kann ihn beobachten, wer die Dokumentation zur Entstehung seines Houwelandt-Romans sieht: Immer wieder zieht von Düffel seine Bahnen, im Schwimmbad, im See. Und so bezeichnet er sich selbst als einen „Paradiesvogel“ unter den Schriftstellern, zumindest zu Beginn seiner Karriere sei das so gewesen. Ein asketischer Schriftsteller, dem der eigene Sport wichtig sei, das Langstreckenschwimmen noch dazu, das passe nicht zur gängigen Vorstellung über das Lebens eines Künstlers, der, so werde doch immer noch unterstellt, seine Schaffenskraft, seine Intuition und Kreativität vor allem auf den Genuss von Rauchwaren und Rotwein zurückführe, nicht auf den möglichst täglichen Gang ins meistens zu kalte Wasser [2]. Dass aber auch das zu kalte Wasser eine Inspirationsquelle sein kann, das zeigt von Düffel uns deutlich mit seinen „Wassererzählungen“. In …

Rafael Chirbes: Am Ufer

Als Wirtschaftskrimi kündigt der Verlag Rafael Chirbes Roman an, als Buch zur spanischen Finanzkrise empfiehlt ihn El Pais. Beide Zuschreibungen stimmen – und sind doch zu oberflächlich. Wesentlich vielschichtiger hat der Autor seinen Roman konzipiert und hat eben nicht nur die Auswirkungen der zerplatzten Immobilienblase auf die verschiedenen Milieus einer Kleinstadt in der Nähe von Valencia beschrieben. Chirbes hat uns vor allem Esteban erschaffen, einen knorrigen, und zynischen Handwerker, für den sein siebzigjähriges Leben mehr Enttäuschungen als positive Wendungen bereit gehalten hat. Esteban weiß seine Umgebung – und durchaus auch sich selbst – auch mit Ironie zu betrachten und beurteilen und er gewährt uns durch seine Erinnerungen auch tiefe Einblicke in die spanische Gesellschaft seit dem Ende der Zweiten Republik und der Machtübernahme durch Franco 1936. Es ist der 14. Dezember 2010 an dem Esteban sich auf den Weg macht in die Sümpfe. Zuvor hat er seinen über neunzigjährigen dementen Vater geduscht, ihm neue Windeln angelegt und ihn angezogen, ihm ein Frühstück bereitet und ihn dann in den tiefen Sessel vor den Fernseher gesetzt, aus …

Juli Zehs Corpus Delicti, Big Data und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Als Juli Zeh 2009 ihren Roman „Corpus Delicti“ veröffentlichte, schien die von ihr dort als METHODE geschilderte Doktrin doch sehr weit hergeholt zu sein. Einen Staat, der das Rauchen verbietet, den kennen wir ja. Eher unvorstellbar aber ist, dass der Staat so sehr in eine Erzieherrolle hineinwächst, dass er uns so allerlei gesundes Verhalten vorschreibt – und das auch lückenlos überprüft. Und doch wird uns mehr und mehr klar, dass „der Staat“ über Institutionen, die zunächst einmal unbemerkt von der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit agieren, ungehindert Daten sammeln kann, zunächst vielleicht unter dem Deckmantel einer Terrorbekämpfung und mit sehr ungewissen Erfolgen. Neben dem Staat aber, und auch hier weitgehend außerhalb unserer Beobachtung, sammeln aber auch Unternehmenumfassende Daten, der „gläserne Kunde“ ist ihr Ziel, der Kunde, dem man am besten schon Werbung zu Produkten zukommen lassen kann, für die er sich wahrscheinlich erst in naher Zukunftinteressieren wird, der Kunde, dessen Risiko das (Versicherungs-)Unternehmen genau einschätzen kann. In Juli Zehs Gesellschaft, die sich zu Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts entwickelt hat, ist es das Gesundheitswesen, dass die Menschen beherrscht. …

Birgit Vanderbeke: Der Sommer der Wildschweine

Birgit Vanderbeke breitet in ihrem Roman vom „Sommer der Wildschweine“ ein Familien-Wimmelbild vor uns aus, oder – um im Bild eines der Themen des Romans zu bleiben – verknäuelt die Erlebnisse, Interessen und Erfahrungen Leos und Milans sowie ihrer Kinder Johnny und Anouk gehörig, um sie dann im Laufe der Erzählung zu entwirren und zu einem ordentlichen (Woll-)Knäuel aufzuwickeln. So wuseln also die unterschiedlichsten Themen vor den Augen des Lesers herum: die wirtschaftlich immer höchst gefährdete Situation von Einzelunternehmern, die von jeder Wirtschaftskrise betroffen sind, die Hausbesetzerszene im Frankfurter Westend in den 1980er Jah-ren, das strickende soziale Netzwerk ravelry, die Kunst des Bloggens, der Bau von Lautsprecherbo-xen für anspruchsvolle Kunden, Strickdesigns und hochwertige Garne, Keywords im Zeitalter des Contents, Hilfe für ölverschmierte Pinguine, Pervasive Computing, Unwetterkatastrophen im Fern-sehen, Industrial Design, PETA, 3-D-Programmierung, die wirtschaftlichen Interessen einer Ölgesellschaft – und eben Wildschweine. Über Wildschweine, so berichtet Leo, die Ich-Erzählerin dieses Fadengewirrs, habe sie gerade letztens einen knappen Artikel gelesen, der eigentlich nur Content gewesen sei, ein Text zu einem Bild, für ein paar Cent von einer …

Dorothee Elmiger: Schlafgänger

Als Schlafgänger, so erklärt der Student aus Glendale, seien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diejenigen Zuwanderer in die Großstädte wie Berlin, Frankfurt und Wien bezeichnet worden, die nur schlecht bezahlte und meist befristete Arbeit fanden und sich deshalb kein Zimmer leisten konnten. Sie mieteten sich also ein Bett für ein paar Stunden, um schlafen zu können. Eine absolut prekäre Situation, denn Schlafgänger fanden so „auch für den Schlaf keinen unbedingt sicheren Ort, sie legen sich für einige Stunden auf eine gemietet Stelle, um dann wiederum als Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen.“ Und sie wurden auch, so fährt der Student seine Erklärung fort, als „flüchtige Existenzen bezeichnet, auf die stets das Augenmerk der Polizei gerichtet war.“ Schlafgänger gibt es heute wohl nicht mehr, den Gedanken aber, geradezu das Primat, die Arbeitskraft so zu erhalten, dass sie immer wieder einsetzbar ist, sehr wohl. Nur wer über eine marktfäfige Arbeitskraft verfügt, findet seinen Platz in unserer Gesellschaft, sei es als Fußballspieler, als Schriftstller, als Logistiker/Spediteur. Und der Logistiker in Dorothee Elmigers Roman hat nun das große …

Kim Thúy: Der Geschmack der Sehnsucht

Heimat bezeichnet, dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend, zu allererst einen Ort, der mit seiner räumlichen Umgebung als Haus, Dorf oder Stadt, Landschaft, als Region oder gar Land, den Menschen eine Orientierung gibt, einen Halt, auch ein Stück Identität. Aber es ist nicht der Raum alleine, der Sicherheit und Geborgenheit gibt, es ist die Familie und es sind die Menschen, die uns umgeben, es sind die gemeinsamen Rituale und Gewohnheiten, die Sprache mit ihren auch lokalen Besonderheiten, es sind die Geschichten, die erzählt werden, es ist das Sonnenlicht, der Wind, die Temperatur des Regens, es sind die Gerüche, die Geräusche, es ist der Geschmack des Essens, mithin die Gefühle, die wir auch mit Heimat assoziieren. Manchmal führt schon der Umzug in einen anderen Stadtteil, in die nächste Gemeinde dazu, dass wir uns nicht mehr aufgehoben, nicht mehr heimisch, fühlen, manchmal kommt uns sogar im eigenen Haus die Sicherheit, die Orientierung und der Halt abhanden – wir fühlen uns fremd in den eigenen vier Wänden. Von Heimatverlust, von Entwurzelung, von Exil erzählt Kim Thúy auch in ihrem zweiten …

Martin Kordiċ: Wie ich mir das Glück vorstelle

Eines bleibt zunächst festzuhalten: Wer meint, vom Buchcover des Romans, auf den Inhalt der Geschichte Martins Kordiċs schließen zu können, der irrt, denn die lustig purzelnden Buchstaben und der mit schief gelegtem Kopf freundliche blickende Vogel lassen nicht darauf schließen, dass der Leser dem kleinen Jungen Viktor in die Auswirkungen des Bosnienkrieges folgt. Indem er Viktor begleitet, der bei einer Umsiedlung in der  ethnisch geteilten Stadt seine Familie verliert,  lernt der Leser hautnah, was es heißt, zumal für ein Kind, in einer vom Bürgerkrieg zerstörten Stadt zu leben. Schon bei Viktors Geburt läuft es überhaupt nicht glatt. Allein der beherzte Eingriff der Großmutter rettet das Leben des Neugeborenen, ein krummer Rücken aber bleibt. So muss Viktor ein Korsett tragen, Rückenspinne genannt, das ständig scheuert und zu lästigen nässenden Wunden führt. Durch seine körperlichen Beschädigungen wird Viktor zum Außenseiter, zum Gespött der Kinder und Erwachsenen, die ihn gerne mal Kretin nennen.  In den Kindergarten geht er nur zwei Wochen, lieber sitzt er bei der Mutter in der Küche. Sie gibt ihm Papier und Stifte, so fängt …

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal

Es hat einen blauen Einband, das „Berliner Journal“, so wie seine älteren Brüder, die Tagebücher von 1946  – 1949 und von 1966 – 1971. Wer es aufschlägt und die ersten Einträge liest aus dem Februar 1973, der wird sofort hineingesogen in die unnachahmliche Sprache Max Frischs. Kaum einem Schriftsteller gelingt es so überzeugend, mit ein paar Sätzen, ausformuliert die einen, unvollständig, manchmal bis auf ein Wort verknappt, die anderen, wie ein Zeichner mit ein paar Bleistiftlinien in seinem Skizzenbuch, vor den Augen der Leser eine vollständige Szene entstehen zu lassen, eine Geschichte zu erzählen, die darin mitschwingenden Gefühle gleich mit. Unvergessen aus den ersten Tagebüchern sind seine Beschreibungen der Situation im Nachkriegsdeutschland, die zerstörten Städte, die er aus dem Zug sieht, die Flüchtlingsströme auf den Bahnhöfen; seine literarischen Skizzen und Ideen, das Nachdenken über „sein“ Thema – wer der Mensch denn wirklich sei, sich selbst und anderen gegenüber -, Begegnungen mit anderen Schriftstellern, die Reisen in die USA, Skizzen des Alltags. Ein ähnliches Themenspektrum findet sich auch im Berliner Journal. Zum Ende des Jahres 1972 …

Zadie Smith: London NW

Im letzten Winter hat John Lanchester uns in seinem Roman „Kapital“ nach London gebracht, in die Pepys Road. Er hat uns erzählt von den Menschen, die nun dort leben in den mehrstöckigen Backsteinhäusern, erbaut zum Ende des 19. Jahrhunderts von den leitenden Angestellten in Steuerberaterbüros oder Anwaltskanzleien: dem jungen afrikanischen Fußballspieler zum Beispiel, der mit seinem Vater  in der Pepys Road wohnt; dem Banker, der nur darüber nachdenkt, wie hoch seine Jahresprämie sein muss, damit er sein Leben weiter finanzieren kann und wie hoch es idealerweise sein könnte; der alten Dame, die in der Pepys Road ihr gesamtes Leben verbracht hat und die nun dort stirbt; der pakistanischen Familie, die an der Ecke einen Kiosk betriebt; dem polnischen Handwerker, der in den Häusern Reparaturen durchführt; dem ungarischen Kindermädchen. Auch Zadie Smith entführt uns nach London, aber nach Kilburn, im Nordwesten der Hauptstadt gelegen, nicht gerade ein Viertel, in dem die Reichen wohnen, eher eines, in dem sich Arbeiter, „kleine“ Angestellte, viele Einwanderer vor allem ansiedeln. Aber Smith´ Romanpersonal ist überschaubarer als das John Lanchesters Geschichte …

Brigitte Kronauer: Gewäsch und Gewimmel

In fernen Zeiten, als das Wäschewaschen in einem Dorf noch gemeinschaftlich am Fluss, am Brunnen oder am Waschtrog stattfand, trafen sich die Frauen. Und während sie ihre Wäsche gemeinschaftlich einweichten, einseiften, schrubbten und bürsteten, kneteten, ausspülten, bleichten und trockneten, vertrieben sie sich die Zeit mit Gesprächen. Sie schwätzten und tratschen und schnatterten und klatschten und tauschten sich aus über die Fehler der anderen: sie wuschen also schmutzige Wäsche in verschiedener Hinsicht. Nun wird schon ewig nicht mehr am Dorfplatz gemeinsam gewaschen, geblieben ist das Gewäsch aber trotzdem: der Flurfunk belebt und würzt den Büroalltag, das Schwätzchen am Zaun verschafft die Teilhabe am Leben der vielen näher und entfernt wohnenden Nachbarn, im Supermarkt wird zwischen Kartoffeln und Möhren die Krankengeschichte der unglücklichen Tante zum Besten gegeben und bei der Geburtstagsfeier erhalten die Gäste einen mehr oder weniger ausführlichen Überblick über den Verlauf der Geschichte des schwarzen (Familen-)Schafes seit dem letzten Jahr. Es wird ja auch so gerne gesprochen über die, die gerade nicht da sind, geklatsch und getrascht, „gehaspelt, gesponnen, geschnurrt“, vor allem: verraten. Ob das …

Auður Ava Ólafsdóttir: Ein Schmetterling im November

Vierzig Tage lang drehen sich gleich mehrere Tiefausläufer über Island und vierzig Tage regnet es so viel, dass es zu Erdrutschen und Überschwemmungen in einem Ausmaß kommt, an das sich kaum ein Isländer erinnern kann. Durch die Überschwemmungen wird sogar ein Wal mitten im Dorf, direkt vor die Sparkasse, gespült. Dabei ist es mit 10 Grad so warm wie zur selben Zeit in Lissabon, ungewöhnlich, denn immerhin ist es November. Aber nicht nur die Natur ist aus dem Lot geraten, auch das Leben der Erzählerin gerät gerät ordentlich durcheinander. Es ist der denkwürdige Tag Anfang November, an dem der Regen beginnt und das Eis taut und die Ereignisse sich förmlich überschlagen: Beim Ausliefern ihrer Lektoratsarbeiten an ihre Kunden überfährt die Erzählerin eine Gans und beschließt, die günstige Gelegenheit zu nutzen und ihren Ehemann am Abend mit einem vorgezogenen Weihnachtsessen zu überraschen. Vorher aber will sie das Verhältnis zu ihrem Liebhaber beenden, der ihr aber zuvorkommt, da er es nicht ertragen kann, dass sie sich nicht von ihrem Mann trennen möchte. Und dann ruft auch noch …

Claire Beyer: Refugium

Ein Fuchs kündigt das Unglück an, ein einäugiger Hund ist behilflich, es aufzuklären. Zwischen beiden Ereignissen liegt ein Jahr, ein Jahr der Ungewissheit, ein Jahr zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Schuldgefühlen und Wut, ein Jahr in der Schwebe, in der nichts abgeschlossen werden kann, in dem es keine Trauer gibt. An dem Morgen, an dem Claudia den Anruf aus Lappland bekommt, ist der Fuchs nicht gekommen, der gewöhnlich nachts den Mülleimer untersucht und dabei den Deckel verschiebt. Robert, der in den Wintermonaten in Lappland auf den zugefrorenen Seen die neuen Autos testet, werde vermisst, sagt die Kollegin am Telefon, spät am Abend sei er losgefahren mit einem der Testautos zu einer nicht geplanten Fahrt und er sei nicht wieder zurückgekehrt. Ob sie etwas von ihrem Mann gehört habe. Schnell wird klar, dass den Kollegen nicht nur das unerklärliche Verschwinden Roberts Sorgen bereitet, sondern auch der Umstand, dass er mit einem der neuen Autos, einem Erlkönig, losgefahren ist, das nun ebenso verschwunden ist. Leider, sagte ihr Gesprächspartner, könne er ihr nicht weiterhelfen. Er sei nur darüber …

Abbas Khider: Brief in die Auberginenrepublik

Über Nacht aus einem Land zu fliehen, um die eigene Haut zu retten vor Willkür, Verhaftung und Folter, und in einem anderen Land bei Null anzufangen, das ist das eine. Das andere aber ist, dass Menschen zurückbleiben, Eltern, Geschwister, Freunde, die Freundin, und es keinen Weg gibt, mit ihnen in Kontakt zu kommen, nicht einmal um zu melden, dass man gut angekommen sei in der Sicherheit des benachbarten Landes, ohne dass die dienstbaren geister des Staates mithören und mitlesen und so die Zurückgebliebenen auch noch in Gefahr zu bringen. Vielleicht ist das heute leichter, aber 1999, in der Zeit, aus der uns Abbas Khider die Geschichte eines Briefes erzählt, galt das Schicken eines Briefes über die normalen Wege als sehr gefährlich. So steht Salim seit zwei Jahren immer wieder ratlos vor der Post von Bengasi, in Libyen. Er ist zusammen mit anderen Studenten wegen Lesens „verbotener Bücher“ (S. 12) verhaftet worden. In der Folterkammer, die die Gefangenen als die „Schweiz“ bezeichnen, weil auf dem Elektroschockgerät der Aufkleber „Made in Switzerland“ prangt, hat er nichts verraten, …

Michael Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer

Joel Spazierer ist ein Lügner, ein Dieb und ein Mörder. Er ist ein Schutzengel, ein fürsorglicher Begleiter, ein liebevoller Vater. Er arbeitet als Automechaniker ebenso erfolgreich wie als Drogendealer und Professor für wissenschaftlichen Atheismus (!). Joel Spazierer bewegt sich problemlos in Städten des West- und des Ostblocks, wenn es sein muss, macht er sich unsichtbar und lebt wochenlang im Wald oder im Keller eines Luxushotels. Er kommt in der Unterwelt genauso klar wie in der Gesellschaft der Industriellen oder der Apparatschiks der DDR:  Joel Spazierer besitzt die Gabe der Anpassung an die unterschiedlichsten Lebensbedingungen. Natürlich ist Joel Spazierer nicht sein richtiger Name. Geboren ist er, nach eigenen Auskünften jedenfalls, im März 1949 in Budapest als András Fülöp. Sein Großvater, Ernö Fülüp, ist Leiter der internen Abteilung an der Semmelweisklinik. Er gerät in die Hände der Staatssicherheit, deren Häscher ihn einsperren und foltern, weil sie ihm vorwerfen, er habe versucht, den Parteivorsitzenden Ungarns während einer Gallenblasenoperation auf Geheiß des jugoslawischen Politikers Tito zu ermorden. Seine Großmutter, Helena Fülöp-Ortmann, eine Ägyptologin, die mit einem Buch über Echnaton …

Elke Heidenreich: Nurejews Hund

Ein Gastbeitrag von Felix, dem Hund Weil sich hier die Arbeit auf dem Schreibtisch türmt, bin ich gebeten worden, noch einmal einen Gastbeitrag zu schreiben. In Erinnerung an mein letztes Werk stürzte ich mich voller Freude auf das ausgewählte Buch , wahrscheinlich auch, weil ich erwartete, es handele sich um einen sachlichen Beitrag zu den wichtigen Facetten meines Hundelebens, also dem Zusammenleben mit den Menschen, Tipps und Tricks dazu, wie man Menschen zum Spielen animiert, welche Spiele es gibt, die man Menschen anbieten kann, damit sie körperlich und geistig gefordert werden usw.  Dann entpuppte sich das Buch aber als Literatur. Und eine Literatur-Experte bin ich ja eigentlich nicht. Immerhin ist ein Hund auf dem Buchdeckel abgebildet. Ich bleibe noch einen Moment bei dem Buchcover. Es stammt von Michael Sowa, einem Illustrator, der, so habe ich in recherchiert, auch schon Axel Hackes Bücher vom „Weißen Neger Wumbaba“ bebildert hat. Und auch für Elke Heidenreichs Geschichte von „Nurejews Hund“ hat er einige herausragende Szenen mit viel Liebe für Einzelheiten als Bild dargestellt. So hat der Leser dann …

Ulrike Kolb: Die Schlaflosen

Es gibt doch wirklich nichts Herrlicheres, als sich abends ins Bett zu legen, sich wohlig unter der Decke auszustrecken, die Augen zu schließen und, in Morpheus Armen liegend, in die Traumwelt hinüberzugleiten – ganz egal, was der Tag so gebracht hat. Dann wird der Schlaf zu einem wunderbaren Gefühl des Gleitens und Schwebens, zu einer Fahrt „in das tiefe, wunderbare Dunkel, das man Schlaf nennt“ (S. 153). Aber gerade mit dem Schlafen haben die Menschen, die an diesem späten Nachmittag ins Hotel Gut Sezkow anreisen, so ihre Schwierigkeiten. Seit Jahren können sie nicht mehr schlafen, höchstens zwei bis drei Stunden in der Nacht dämmern sie hinweg, dann wachen sie wieder auf und nichts hilft, um wieder einschlafen zu können: sie nehmen Tabletten, trinken warme Milch, schieben das Kopfkissen zurecht, (vgl. S. 177) nur um doch wieder eine „qualvolle Nacht [zu verbringen], ohne Ablenkung, ohne die Hilfe eines zerstreuenden Fernsehprogramms, nur seinen privaten Dämonen ausgeliefert, deren Toben sich in der Wüste einsamer Nächte seines Kopfes bemächtigt und ihm Angst macht, reine Angst“ (S. 145). Und viele …

Jagoda Mariniċ: Restaurant Dalmatia

Als Mia zu einem Auslandssemester nach Kanada kommt, geht alles plötzlich ganz leicht. Aus Mija Markoviċ wird Mia Markovich, aus dem Anglistik-Studium wird ein Studium der Kunst, niemand fragt sie, woher sie denn komme, aber jeder fragt, was sie als nächstes vorhabe, welche Pläne sie verwirklichen möchte. Alles ist so, wie Mia es sich immer erträumt hat, hier scheint auch für sie das pursuit of happiness Realität zu werden. Da ist Jane, bei der Mia wohnt, und die sich mehr um Mia kümmert, als ihre Mutter es je getan hat. Da sind die neuen Freunde, da ist Raphael, den sie beim Studium kennenlernt und der Dokumentarfilmer wird. Aus dem Auslandssemester wird ein Leben in Toronto. Mia bricht alle Brücken nach Europa ab, nichts soll sie mehr an ihr altes, unglückliches Leben erinnern. Und dann gewinnt sie auch noch den Grange-Prize, einen renomierten Preis für Fotografie, und ihr stehen noch viel mehr Türen offen als vorher schon. Mia aber fällt in ein tiefes Loch, verkriecht sich zu Hause, hat keine Ideen mehr, keine Interessen. Raphael drängt …

[5 lesen 20] Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten

Als Kind wünscht Lena sich, Kosmonautin zu werden. Sie lebt ganz im Osten der Sowjetunion, dort, wo ihr Vater als Pilot die Grenze sichert nach Japan. In ärmlichen Verhältnissen leben sie dort, zwei Familien teilen sich eine Küche, sitzen, in verschiedenen Ecken des Raumes, beim Frühstück, beim Abendessen zusammen. Später, als ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz stirbt, stellt sich heraus, dass er ein Verhältnis mit der Nachbarin hatte. Nun ziehen Lena und ihre Mutter zur Großmutter „in den Süden“, in eine Stadt am Kaukasus. Dort leben sie in der Nähe des Fleischkombinates, je nach Windrichtung ziehen Geruchsschleier vorbei. Das Fleischkombinat betreibt auch eine  Bibliothek, in einem Palais untergebracht und geleitet von Vera Antowna Gutova. Vera führt Lena nicht nur an die Weltliteratur heran, sie legt auch immer wieder neu eingetroffenen Bücher für sie zurück und liebt es, ausgiebig mit Lena über die Bücher zu diskutieren. Lena liest Victor Hugo, Tolstoi, Puschkin, Balsac, Stendhal, Gracia Marquez und eines Tages „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. Beeindruckt ist Lena mehr von den Radierungen, weniger von der Geschichte, denn sie …

Hans Ruprecht (Hg.): „Einen schweren Schuh hatte ich gewählt…“. Lesen und wandern rund um Leukerbad

Dieses Buch lädt einfach dazu ein, der Textkritik erst einmal eine Umschlags-Kritik voran zu stellen! Denn dieser wunderbare Schutzumschlag ist ganz ungewöhnlich für einen Textband, bringt aber das Herz eines jeden (Alpen-)Wanderers zum Hüpfen, denn der kennt sich damit aus, fremde Wege mit Hilfe einer Wanderkarte zu erschließen, um dann  zu überprüfen, wie der papierene Weg in der Realität aussieht. Und so ist auf diesem Schutzumschlag nicht nur, wie gemeinhin üblich, Titel und Klappentext zu lesen, sondern er lässt sich auf fast die doppelte Größe aufkappen, und enthält dann eine Übersichtskarte über das Gebiet rund um Leuk und Leukerbad sowie kleinere Ausschnittskarten der 17 Touren, die die Schriftsteller der hier versammelten Texte unternommen haben. So kann jeder Leser – natürlich auch der nicht wanderaffine – jede Tour auf der Karte mit- und nachgehen und sich auf der die großen Übersichtskarte orientieren und sich in dem ganzen Gebiet zurechtzufinden, schauen, aus welchem Tal die Wanderer starten, welche Routen sie über die Berghänge nehmen, wo nun genau die kleinen Orte, die sie durchwandern, liegen, welcher Gipfel hier …

[5 lesen 20] Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums

Urs Widmer, in diesem Frühsommer 75 Jahre alt geworden, hat eine Autobiografie mit dem merkwürdigen Titel „Die Reise ans Ende des Universums“ geschrieben. Er beginnt seine Lebenserzählung ganz am Anfang, bei seiner Zeugung, die wohl im Sommerurlaub im Lötschental stattgefunden hat. Seine Eltern  verbrachten die ersten Sommerurlaube dort, in diesem Jahr zusammen mit einem befreundeten Ehepaar, das just an diesem Nachmittag zu einer Bergtour aufbrach, an der Widmers Vater sowieso nie teilnahm, seine Mutter an diesem Nachmittag auch nicht. Und er endet seine Erinnerungen 30 Jahre später auf dem Campingplatz in Barcelona, auf dem er mit seiner Frau May ein Zelt aufgebaut hat. Dort hat er ihr seine erste Geschichte zum Lesen gegeben, die zwar schon seit längerer Zeit fertig ist, die er aber bisher noch niemandem zum Lesen gegeben hat, und wartet nun mit bangem Herzen auf ihr Urteil. Diese beiden Geschichten, der Anfangs- und der Endpunkt, geben bereits eine deutliche Auskunft darüber, welcher Prinzipien sich Widmer in seiner Autobiografie bedient: er erinnert, erstens, den Zeitraum seiner ersten dreißig Jahren, er erzählt, zweitens, Episoden …

[5 lesen 20] Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como

Liebe, natürlich. Musik. Und Freundschaft. Tom Holler sitzt im Wohnzimmer mit Leonardo Hermanns, Ehemann von Anne, die wiederum Toms Klavierschülerin ist – und seine Geliebte. Sie trinken Whisky und plaudern, weil Anne beim Einkaufen offensichtlich die Zeit vergessen hat und nur ihr Ehemann, Physiker und als Manager sonst viel unterwegs, ausnahmsweise zu Hause ist. Beim Plaudern hat Hermanns Tom die Frage nach den wichtigen Dingen des Lebens gestellt. Nun schaut er nachdenklich den Klavierlehrer seine Frau an und bescheinigt ihm auf seinee Antwort hin, wohl doch noch sehr jung zu sein und er solle es genießen, es bliebe nicht immer so. Hermanns liegt mit seiner Einschätzung richtig, aber das ahnt jetzt noch niemand. Liebe, Musik und Freundschaft sind die Themen, die Monika Zeiner in ihrem Roman um Tom, Marc und betty auslotet. Und Berlin und Italien spielen auch eine große Rolle, das Berlin und das Lebensgefühl auf aufstrebenden Künstler in den frühen 1990er Jahre, und Italien, weil außer einem alle wichtigen Geschichten dieses Romans mit Italien zu tun haben, sei es die italienische Woche in …

[5 lesen 20] Thomas Stangl: Regeln des Tanzes

Walter Steiner, pensionierter Wissenschaftler, wandert ziellos durch die Straßen Wiens. Er wandert durch Stadtteile, in denen er einmal gewohnt hat, in denen er sich gut auskennt, in denen sich über die Jahre nichts verändert hat, durch Straßen mit sanierten Altbauten, in denen nun Firmen mit modernen Namen ihren Sitz haben, durch Gassen, die er noch nie betreten hat: Nichts passte mehr zum anderen, die Häuser nicht zu den Straßen, die Straßen nicht zu den Menschen, die Menschen nicht zu den Erinnerungen, die Häuser waren keine Häuser, die Straßen keine Straßen, (sie passten nicht zu sich selbst), die Menschen keine – nun das heißt nur, er passte nicht hierher, sonst passte alles. (S. 11) Und dann, in einem Loch in der Hausmauer eines neu gebauten Hauses, findet Steiner zwei Filmdosen, in denen sich auch tatsächlich Filme befinden; alte Filme mit Bildern, die entwickelt werden und auf Papier abgezogen werden müssen. Wie mit einem Geheimfund läuft Steiner nun durch die Stadt, zu Hause versteckt er seinen Schatz in der Schublade seines Schreibtisches, seine Frau Pre soll nichts …

Die bebilderte Besprechung – Vea Kaiser: Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam

Gerade ist Sommerferienzeit und einige Urlauber machen sich auf den Weg in den Süden, aber nicht ans Meer, nein, ins Gebirge. Sie alle reisen dorthin, um in Tälern und an Bergflanken durch Wälder und an Bächen zu spazieren, um in den klaren, von Gletschern gespeisten Seen zu schwimmen, um auf Almwiesen mit ängstlich pochenden Herzen dem Rindvieh auszuweichen oder um über felsige Gipfelgrate zu kraxeln. Und manch einer der Reisenden, gestresst von der Hektik und Fülle der Großstadt, wird sich wohl beim Blick auf die vielen Gipfel fragen, wie es sich wohl anfühlt, hier, in dieser Landschaft und in einem kleinen ruhigen Dorf das ganze Jahr zu leben. Und auf diese Frage liefert Vea Kaisers Roman „Blasmusikpop“ eine Antwort. Johannes A. Irrwein und sein Großvater Johannes Gerlitzen nämlich leben in so einem Dorf in den Bergen, in St. Peter am Anger. Das Dorf liegt sehr einsam, denn es hat nur einen Zugang von Lenk im Angertal aus, ansonsten ist es von unüberwindbaren gletscherbedeckten Gipfeln mit 4000 Meter Höhe umgeben. Die Dorfbewohner sind seit Jahrhunderten nicht …

Sascha Reh: Gibraltar

Bernhard Milbrandt hat die Bank ausgeraubt und ist nun auf dem Weg nach Gibraltar. Dort, bei einer Offshorebank, will er ein Konto eröffnen, um an das Geld zu gelangen, dass er gerade bei seinen Deals zur Seite geschafft hat. Er ist kein Bankräuber alten Stils, der mit Strumpfmaske über dem Kopf und Pistole in der Hand in der Schalterhalle einer Bank Angst und Schrecken verbreitet, sodass der Kassierer ihm das Bargeld in die mitgebrachten Taschen packt. Bernhard Milbrandt hat seine eigene Bank abgezockt, die Bank, bei der er seit Ende seines Studiums als Händler arbeitet und bei der er sich im Laufe der Jahre wegen seiner guten Erfolge und hohen Erträge eine Ver-trauensstellung erarbeitet hat – obwohl sein aggressiver und risikoreicher Spekulationsstil so gar nicht zum Firmenleitbild passt. Vor eineinhalb Jahren konnte er Johann Alberts, den Komplementär der Bank, überreden, ihn Eigenhandel betreiben zu lassen, also mit dem Eigenkapital der Bank Geschäfte zu tätigen. Diese Geschäfte sind höchst riskant, denn seit der Bankenkrise 2008 sind die Vorschriften für die Höhe des Eigenkapitals heraufgesetzt worden. Milbrandt …

Philipp Schönthaler: Nach oben ist das Leben offen

„Arbeit als Hochleistungssport“ überschreibt die Süddeutsche Zeitung vor einigen Tagen einen Artikel, der von den „World Skills“ berichtet, einem Wettbewerb, der in diesem Jahr in Leipzig stattgefunden hat und bei dem die Teilnehmer, Berufsanfänger aus 46 nicht-akademischen Berufen, gegeneinander antraten. Unter den Augen der Öffentlichkeit mussten sie in einer knapp bemessenen Zeit das Design für eine Jacke entwickeln und diese nähen, ein Auto lackieren, Fliesen legen, einen Gartenweg oder eine Wandfläche nach einer Vorlage gestalten. Und damit der Pinsel ruhig in der Hand liegt, hat sich die Maler-Meisterschülerin mit autogenem Training und mit Yoga gut vorbereitet. Die Menschen, die in diesem Artikel beschrieben werden, könnten Figuren sein aus Philipp Schön-thalers Erzählungen. Allen gemein ist ihr Streben nach Höchstleistungen, sowohl im Beruf als auch in Freizeitaktivitäten, die aber längst so professionell ausgeführt werden, dass sie zum Beruf ge-worden sind. Da ist zum Beispiel Termann, Apnoetaucher, dessen Ziel es ist, 200 Meter tief zu tauchen ohne Sauerstoff, nur mit seiner eigenen Luft. Diese Art des Tiefseetauchens ist nicht ganz ungefährlich, denn die eingeatmete Luft muss auch dazu …

Amy Waldman: Der amerikanische Architekt

Noch als die meisten Betrachter fassungslos auf die quasi in Endlosschleife gezeigten Bilder der brennenden und zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers schauten, waren die ersten Stimmen zu hören, die behaupteten, dass nun nichts mehr sei wie zuvor. Tatsächlich wurden fast über Nacht die über viele Jahre, vielleicht sogar Jahrhunderte, erkämpften Bürger- und Freiheitsrechte ganz ohne die demokratisch übliche öffentliche Debatte zugunsten einer vermeintlich erhöhten Sicherheit eingeschränkt und schon ein paar Monate später zogen erste Soldaten in den Krieg gegen den Terror. Und in das Bewusstsein der Gesellschaft drang ein Gift das Vertrauen zerstört, Respekt und Toleranz. Und so merkt auch Mo Khan schon eine Woche nach den Anschlägen, dass nichts mehr ist, wie es war. Von den Anschlägen hat er aus dem Radio erfahren, Mo ist Architekt bei dem renommierten New Yorker Architekturbüro ROI und betreut im September 2011 den Bau des neuen Theaters in Santa Monica. Während in den Tagen nach den Anschlägen immer sicherer wird, dass Muslime für die Taten verantwortlich sind, beobachtet er sich dabei, wie er auf der Baustelle keine …

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern

Was für ein Zufall: Da schließt sich die eine Lektüre – ganz ungeplant –geografisch nahtlos an die vorherige an. Meike Winnemuth besuchte als letzte Stadt ihrer Jahresreise Havanna. Dort konnte sie nur ganz schlecht Fuß fassen, unter anderem, weil sie Kuba als ein einziges Museum empfand, nämlich „ein karibisches Disneyland der Fifties.“ Als selbstkritische Touristin beschreibt sie Kuba so: Hinterher reist jeder Besucher mit dem dreisten Wunsch ab, dass es möglichst hübsch heruntergekommen bleiben möge, es fotografiert sich einfach besser – scheiß auf die Einwohner, die lieber in heilen Häusern wohnen würden und einen Job hätten, statt auf den Stufen der Verwahrlosung zu hocken und sich von Leuten wie mir beim prima authentischen Zigarrenrauchen knipsen zu lassen. (…) Und trotzdem, trotz aller kleinen Öffnungen, durch die die vorsichtige Frischluft in Fidels hermetisches Reich bläst. Über allem hängt der Geruch des Untergangs. [1] Genau in diese marode, zum Teil wirklich lebensfeindliche Umgebung entführt uns Leonardo Padura in seinem wunderbaren Roman um den ehemaligen Polizisten Mario Conde. Padura selbst ist Journalist gewesen, ein bekannter Verfasser von Reportagen, …

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Kweku Sai ist 16, als er seiner Mutter mitteilt, dass er mit den Missionaren nach Pennsylvania gehen wird. Er steht vor ihr, barfuß, in der Hütte aus Lehm, die sein Vater gebaut hat, mit dem in der Mitte fünf Meter hohen Dach aus Schilf. Sein Vater hat die Familie verlassen, aus Scham wahrscheinlich, weil er ins Gefängnis musste und dann öffentlich ausgepeitscht wurde, denn er hat einen betrunkenen englischen Soldaten geschlagen, der seine Frau belästigt hat. Nun will auch Kweku weg und natürlich will die Mutter ihn zurückhalten, sagt, dass er hier gebraucht werde, bei der Familie, doch Kweku will nicht bleiben in Ghana, in dem Dorf am Meer, in dem er Fischer werden kann, vielleicht Tischler oder Bediensteter einer reichen Familie, dann mit Uniform oder Anzug, aber immer barfuß. Er will weg, will lernen, will so leben wie die Engländer mit ihrem großen Haus am Strand. Und weil es Streit gibt, wirft Kweku der Mutter vor, sie wolle ihn nicht weglassen, weil sie eifersüchtig sei, eifersüchtig, weil sie mit sieben Jahren die Schule verlassen …

Rainer Merkel: Bo

Im Flugzeug schon geht das Chaos los, als Benjamin, 13-jährig, nach Monrovia in Liberia fliegt, um seinen Vater zu besuchen, der dort als Entwicklungshelfer Brücken baut. Neben Benjamin sitzt die Frau des ehemaligen deutschen Botschafters in Liberia (die ursprünglich aus Wuppertal (!) kommt). Und sie ist die magische Helferin, die Benjamin mit allen Hilfsmitteln ausstattet, damit er seinen Heldenweg im dunklen, mythischen Wald, der hier Liberia ist, sicher bestehen kann. Sie hat zwar die Tüte, in der Benjamin nicht nur die Sonnenmilch, einen Sonnenhut, etwas Bargeld, sondern vor allem auch seinen Pass verwahrt, an sich genommen und verschwindet damit bei ihrem sehr schnellen Ausstieg nach der Landung. Dafür lässt sie aber ihren sehr muffigen Mantel im Flugzeug liegen, den Benjamin nun an sich nimmt und später feststellen wird, dass viel Geld in seinen Taschen steckt. Indem sie ausgerechnet kurz vor der Landung einen wunderschön blinkenden Ball durchs Flugzeug rollen lässt, stellt sie auch die Bekanntschaft zwischen Benjamin, der zwischen den Stuhlreihen hinter dem Ball herkrabbelt, und Brilliant her. Brilliant ist die sehr verwöhnte Enkelin von …

Teju Cole: Open City

Nach Abschluss der Schule in Nigeria bewirbt Julius sich an amerikanischen Colleges. Sein gespartes Geld reicht gerade für die Bewerbungsgebühren, um das Flugticket nach New York zu bezahlen, muss er sich Geld von seinem Onkel leihen. Nun, fünfzehn Jahre später, ist Julius im letzten Jahr seiner Facharztausbildung zum Psychiater. Seine Freundin hat ihn gerade verlassen und so beginnt er abends nach der Arbeit im Krankenhaus damit, immer länger werdende Spaziergänge zu unternehmen, immer neue Straßen und Parks zu entdecken und zu genau zu beobachten, was sich ihm gerade zeigt. Er beschreibt und bestaunt die Architektur einer U-Bahn-Station, berichtet von seinen Museumsbesuchen, beobachtet die Menschen, die ihm begegnen, erzählt davon, was sie tun und wie sie leben: Als ich wieder zur Mitte des beinahe menschenleeren Hauptganges zurücklief, eilte gerade ein einzelner Mann zu den U-Bahn-Aufzügen und ließ seine Aktentasche fallen. Mit lautem Klappern fiel sie zu Boden. Er sank auf die Knie und sammelte den Inhalt auf. Sein übergroßer, mausgrauer Trenchcoat stülpte sich über ihn wie ein viktorianisches Kleid. (…) An einem Falafelstand an der Ecke …

Gerbrand Bakker: Der Umweg

Es gibt diese Fragen, die bei den Antworten ganz grundsätzliche Entscheidungen einfordern und auf die wahrscheinlich keiner eine ehrliche Antwort finden kann, solange er nicht selbst in der ganz konkreten Situation ist. Agnes, die Heldin in Bakkers Roman, hat ihre ganz persönliche Antwort gefunden auf die Frage, die ihr gestellt worden ist: „Was würdest Du tun, wenn Du nur noch einige wenige Monate zu leben hast.“ Und die Frage kann sicherlich nicht beantwortet werden, wenn nicht auch das Leben bis hierher bilanziert wird, die Beziehungen zu Familien und Freunden geklärt werden, die Zufriedenheit mit dem Beruf – und im schlechtesten Fall auf einmal feststeht, dass man das falsche Leben gelebt hat. Agnes und ihr Mann haben sich in ärztliche Behandlung begeben, um ein Kind zu bekommen. Im Rahmen der notwendigen Untersuchungen ist bei Agnes eine bösartige Krankheit, den Symptomen nach Krebs, auch wenn dies im Roman nie explizit benannt wird, diagnostiziert worden. Agnes spricht mit niemandem darüber, mit ihrem Mann nicht und nicht mit ihren Eltern. Auch über ihre Kündigung als Literaturdozentin an der Uni …

Eva Menasse: Quasikristalle

Xane verbringt die letzten Tage der Sommerferien bei ihrer Freundin Judith. Die beiden 14-jährigen liegen Musik hörend und träumend im Garten, tratschen über Lehrer und Mitschülerinnen, essen abends zusammen mit Judiths Vater, probieren ihre ersten Drogen. Xane möchte gerne die Schule wechseln, statt Altgriechisch will sie lieber Französisch lernen. Ihre Eltern haben nichts gegen einen Schulwechsel, die Freundin ist auch schnell überredet und um Judiths Eltern zu überzeugen, organisiert Xane einen Anruf ihrer Mutter. Die dritte Freundin, Claudia, werden sie in der alten Schule zurücklassen, sie ist sowieso eher das fünfte Rad am Wagen, denn Claudia ist die merkwürdige Freundin mit den Vollkornkeksen und der selbst getöpferten Teekanne, die Blumen aus Seidenpapier bastelt und den Sommer bei ihren Großeltern auf dem Land verbringt. Das alles gibt Judith und Xane viele Anlässe zum Lästern, in der Schule aber verteidigen sie Claudia gegen jede dumme Bemerkung, als wäre sie gegen sie selbst gerichtet. Claudia stirbt noch vor Beginn der Schule plötzlich und so gerät der erste Schultag nicht nur zum Beginn einer neuen Zeit für Judith und …

Anna Weidenholzer: Der Winter tut den Fischen gut

Seit 25 Jahren wohnt Maria Beerenberger in ihrer kleinen Wohnung, die sie mit wenigen Schritten durchschreiten kann. Aus der Wohnung kann Maria in den Hof blicken und auf die Straße, um den Himmel zu sehen, muss sie sich am Fenster bücken und nach oben schauen, vorbei an der immer höher wachsenden Fichte im Hof, die ihr noch zusätzlich das Licht nimmt.  Seit ihr Mann gestorben ist, lebt sie hier alleine. Aber eine erfüllte, glückliche Ehe ist das auch nicht gewesen, das Zusammenleben mit Walter, dem Elvis-Imitator, der sie auch schon einmal schlägt, wenn sie ihn zu lange bittet, auf sein Gewicht, auf seine Gesundheit zu achten. Walter ist eine traurige Gestalt: Schon sein Elternhaus steht auf der Schattenseite des Tals, dort, wo im Winter die Sonne nicht hinkommt. Er ist ein Muttersöhnchen, der Maria daran misst, ob sie den Weihnachtsbaum so schmückt, wie er es von Zuhause kennt und den Braten so zubereitet, wie seine Mutter es immer macht. Zu seinen Elvis-Nummern hat Maria eine feste Meinung: Als King betritt er die Bühne und er …

Sam Savage: Firmin. Ein Rattenleben

Angeregt durch die Gestaltung des Buchcovers, des in der Innenseite des Klappendeckel abgebildeten Bildes des Autors sowie dem guten Ratschlag von Dennis Scheck („Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Sam Savages ´Firmin`“) gehörte dieser Roman über Firmin, die lesende Ratte– zugegebenermaßen schon vor etlichen Monaten – unbedingt auf meine Leseliste. Und es geht gleich mit den wichtigen Fragen des Lebens und Lesens los: Warum fängt man eigentlich mit dem Lesen an, wenn doch alle anderen Geschwister lieber balgen und streiten? Wie kommt es, dass man sich zum Lesen, zur Literatur so hingezogen fühlt, dass man geradezu süchtig danach ist? Entgeht einem das Leben, wenn man liest? Oder: Lebt man gerade intensiver durch das Lesen? Macht Literatur anders? Oder: Ist sowieso anders, wer gerne liest? Und: Kann Literatur helfen, das Leben zu bewältigen, weil Probleme und Schwierigkeiten, ja das Leben selbst, in einem neuen Licht erscheinen, wenn man liest? Firmin, um den es hier geht, ist tatsächlich anders. Er ist einer von dreizehn Rattengeschwistern und beschreibt die Unterschiede so: Sie …

Hansjörg Schertenleib: Wald aus Glas

Eine furchtbare Kraft ist in uns, die Freiheit. Dieses Zitat Cesare Paveses stellt Schertenleib seinem Roman voran. Und Freiheit und Selbstbestimmung sind auch die großen Themen des Romans, denn Schertenlaub zeigt uns gleich zwei Protagonistinnen, die 72-jährige Roberta und die 16-jährige Ayfer, die zu Beginn des Romans ihre Selbstständigkeit verloren haben und sie mühsam versuchen zurückzugewinnen, und dies, das erfährt der Leser gleich auf den ersten Seiten, nicht mit einem guten Ende. Die 72-jährige Roberta ist in ein Altersheim zwangseingewiesen, denn sie hat sich geweigert, ihre Wohnung zu verlassen. Das Haus aber soll abgerissen werden, es steht schon ein Investor parat. Das Altersheim kommt ihr vor wie ein Panoptikum: der Zimmernachbar Humbel kennt nur das Thema der Fortpflanzung von Tieren, mit dem er bei Tisch alle Sitznachbarn belästigt. Frau Gautschi spielt, wann immer sie in den Speisesaal kommt, Stewardess, begrüßt alle Anwesenden recht herzlich, nennt die aktuelle Lokalzeit und bedankt sich für den Mitflug. Und wenn Roberta nicht abends zum organisierten Kartenspeilen kommt, muss sie sich dafür rechtfertigen. Das ist nichts für Roberta, die ihr …

John Lanchester: Kapital

Es ist schon eine spannende Idee, in die Häuser einer Straße zu schauen, um durch die vielen Lebensgeschichten ihrer Bewohner exemplarische Blicke zu bekommen auf die Beschaffenheit einer Gesellschaft. Diese Idee hat John Lanchester für die Pepys Road übernommen, eine Straße in London, deren Häuser vor über Hundert Jahren für die kleinen Angestellten aus Rechtsanwalts- und Steuerkanzleien erreichtet wurden, die aber mittlerweile in den Sog der Immobilienblase geraten und damit nur noch für sehr gut betuchte Menschen erschwinglich sind. Die momentan noch ansatzweise gemischte Bevölkerung, die hier lebt, zeigt dann tatsächlich ein gutes und vielschichtiges Panorama großstädtischen Lebens unserer heutigen Zeit. Dabei streift der Zeitraum von Dezember 2007 bis November 2008 tatsächlich die Zeit des Ausbruchs der Finanzkrise. Dass dieses Panorama in der Marketingmaschinerie von Verlag und Feuilleton dann aber gleich als Roman zur Finanzkrise erklärt wird, ist kaum nachvollziehbar. Ein Jahr lang kann der Leser einige der Bewohner der Straße, aber auch der Menschen, die im Umfeld der Straße arbeiten, in ihrem Leben begleiten und schlaglichtartig Höhen und Tiefen miterleben. Als roter Faden dient …

Anna Kim: Anatomie einer Nacht

Die deutsche Journalistin Ella ist nach Grönland gereist, weil sie herausfinden möchte, warum es dort so viele Selbstmorde gibt. Auf ihre Frage erklärt Peder, der die Touristeninformation leitet, dass Selbstmorde in der Natur der Grönländer liegen. Weil Grönländer nämlich nur in der Gegenwart lebten, so seine Meinung, weil sie unfähig seien, ihr Unglück zu kontrollieren und weil es ihnen an Vernunft mangele, führe eine unglückliche Gegenwart sie eben unweigerlich dazu, sich selbst zu töten. In der Nacht, in der Ella im Pakhuset, der einzigen Diskothek Amarâqs mit Peder spricht, töten sich innerhalb von fünf Stunden gleich elf Grönländer. Ella hat wohl keinen dieser Menschen kennengelernt. Wer es sich dann zur Aufgabe macht, die Entwicklungen dieser Nacht, die Stunden zwischen 22 und 3 Uhr, zu rekonstruieren, das bleibt unklar. So versucht der Roman, die Handlungen, aber auch die Gedanken und Reflexionen der Personen wiederzugeben, die sich entschließen in dieser Nacht zu sterben. Strukturierendes Prinzip ist dabei der Ablauf der Zeit in dieser Nacht, sodass der Leser die Personen zu einzelnen Zeitpunkten in ihrem Denken und Tun …

Kevin Kuhn: Hikikomori

Als Till die Zulassung zum Abitur nicht bekommt, räumt er alle Möbel aus seinem Zimmer bis auf die Matratze, ein Buchregal und den Schreibtisch mit seinem PC. Nun hat er mehr Platz und wenn er seine Matratze, die er in die Mitte des Zimmers auf den Boden gelegt hat, umrundet, braucht er jetzt 15 Schritte, während er früher nur 12 schaffte: Im-Kreis-Gehen belebt das Denken. Ich bin lange nicht mehr im Kreis gegangen, ich hatte lange keine Zeit zum Denken mehr. Immer mehr läuft Till im Kreis, immer mehr zieht er sich aus der Welt zurück und beschränkt sein Leben auf sein Zimmer. Er will keinen Kontakt mehr mit seinem Freund Jan und seiner Freundin Kim. Er nimmt nicht mehr an den Familienessen im Wohnzimmer teil. Und als Jan nach dem Abitur zur ehemals gemeinsam geplanten Reise nach Amerika und Australien aufbricht, beschließt er, die Welt im Kleinen, also die Welt in seinem Zimmer zu entdecken. Seiner Freundin, die er mit Jan auf der Reise vermutet, schreibt er: vielleicht erklimmt ihr gerade einen berg, während …

Grégoire Delacourt: Alle meine Wünsche

Beim Stöbern im Besten Buchladen hat das Umschlagbildes mein Interesse geweckt: Faden, Nadel, Knopf und Stoff. Und als ich dann auf dem Klappentext gelesen habe, dass die Protagonistin einen Weblog über Sticken, Nähen und Stricken betreibt, bin ich neugierig geworden  – auch wenn ich beim Hinweis auf den hohen Lottogewinn erst einmal einen recht kitschigen Inhalt befürchtet habe. Jocelyne Guerbette ist die Besitzerin eines Kurzwarenladens in Arras. Sie lebt dort mit ihrem Mann, die beiden Kinder gehen schon ihre eigenen Wege. Seit ein paar Monaten betreibt sie unter dem Namen „Zehngoldfinger“ einen Blog, der so schnell so viele Leserinnen anspricht, das es schon fast unheimlich ist: Ich schreibe darin jeden Morgen über die Freuden des Strickens, des Stickens, des Nähens. Ich stelle Stoffe und Wolle vor, Bänder mit Pailletten, aus Samt, Satin und Organdy; Baumwoll- und Elstikspitze, Tattenschwanzschnur, gewachste Schnürsenkel, geflochtene Kunstseidenkordel, Anorakkordel. Und schon kommt eine Journalstin und möchte sie interviewen für einen Beitrag in der Zeitung: Sie haben schon tausendzweihundert Besucher am Tag, ruft die Journalstin, tausendzweihundert, allein hier in der Gegend. (…) …

Alan Bennett: Die souveräne Leserin

Die Queen liest – Ein Buch über die subversive Kraft des Lesens Beim Staatsbesuch in Kanada ist die Queen „übellaunig“. Ihre emotionale Befindlichkeit zeigt sie ganz auf ihre Art: „Im hohen Norden warteten die wenigen Eisbären, die sich auftrieben ließen, lange auf Ihre Majestät, und als die sich nicht blicken ließ, machten sie sich auf einer vielversprechenden Scholle davon. Zahllose Holzstämme verkeilten sich im Fluss, Gletscher kalbten ins eisige Meer, alles vom königlichen Gast unbeachtet, denn die blieb in ihrer Kabine.“ Was ist passiert, dass die Queen, die ihre Aufgaben immer pflichtbewusst wahrnimmt, immer pünktlich und adrett erscheint, nun nicht einmal mehr zu den Niagara-Fällen fahren möchte? Die Queen hat entdeckt, wie wunderbar das Lesen ist. Gemeinsam mit ihrem persönlichen Leseberater Norman, der vor diesem Sprung in die Höhen des königlichen Beraterstabs Küchenjunge war, hat sie eine Lesekiste für den Staatsbesuch in Kanada gepackt. Die ist aber niemals angekommen, und nun sitzt sie ohne Lektüre und geistige Nahrung in der Natur Kanadas. Von ihrem Leseeifer ist der Hof nämlich wenig begeistert. So warnt ihr Privatsekretär, …