Alle unter Lesen verschlagworteten Beiträge

Liebster Award

Von Norman und seinem Blog Notizhefte flatterte vor einigen Tagen eine Nominierung zum „Liebster Award“ auf mein graues Sofa. Vielen Dank dafür! Er stellt mir dazu vier Fragen, die ich hier gerne beantworte – und denen ich einfach mal noch eine Antwort auf eine ungestellte Frage (nämlich die fünfte, die ich mir aus Normans Frageliste angeeignet habe) hinzufüge. Ich möchte nun den Award wiederum weiterreichen an Anna von Buchpost und Petra von Elementares Lesen. Euch stelle ich auch meine vier Fragen (1. – 4.), füge aber noch eine fünfte Frage hinzu: 5. Stellt Ihr Euch manchmal – oder auch öfter – Eure Lese- und Rezensionsliste nach ganz bestimmten Themen, Autoren, Zeiten usw. zusammen?   Und diese Fragen hat Norman mir gestellt: 1. Was war der konkrete Auslöser, mit dem Bloggen anzufangen? Ich habe schon seit einigen Jahren Lust gehabt, an einem Rezensionsblog zu schreiben. So wollte ich meine Leseerlebnisse erhalten – und nur für mich selbst Rezensionen zu schreiben, dazu bin ich längst nicht diszipliniert genug und es fehlt dann der fiktive Leser, ohne den …

Kam ein Blogstöckchen geflogen…

Erst in den letzten Tage habe ich auf irgendeinem Blog mit ganz anderem als literarischem Inhalt gelesen, dass es Blogstöckchen gibt. Aha, wieder etwas Neues gelernt. Und ehe ich es mich versehe, hat Birgit von Sätze und Schätze  ihr Stöckchen schon in meine Richtung geworfen, elegant aufgeschnappt von meinem gewandten Assistenten Linus (der Schnee täuscht, den gibt es hier „Tief im Westen“ bisher zumindest nicht). Nun geht es aber los:   Welches Buch liest Du momentan? Im Moment lese ich auch mal wieder mehrere Büchern mehr oder weniger gleichzeitig: Im Roman folge ich Zadie Smith nach „London NW“ und lerne dort vier ehemalige Schulkameraden kennen, die nun als Anfang 30-Jährige ihre ganz unterschiedlichen Lebenswege zeigen, aber auch darüber nachdenken, ob es gute Wege gewesen sind, ob sie zufrieden sind. Zusätzlich lese ich schon seit ein paar Wochen an Wolfgang Martynkewicz „Das Zeitalter der Erschöpfung“, in dem er der „Überforderung des Menschen durch die Moderne“, also dem Wechsel vom 19. ins 20. Jahrhundert, nachgeht und dabei interessante und erschreckende Parallelen zu unserer aktuellen Diskussion um Überforderung …

Die Sonntagsleserin: KW # 04 2014

Die Idee der Bücherphilosophin, jeden Sonntag eine Blogrückschau zu betreiben, gefällt mir – schon seit ihrem ersten Beitrag Anfang Januar – sehr gut. Und nachdem sie ihre Idee zum  Mitmachen freigegeben hat, überlege ich von Woche zu Woche daran teilzunehmen. Zum einen finde ich gut, über die Wochenrückblicke nicht nur die Leseeindrücke der mitmachenden Blogger anschauen zu können, sondern auch den ein oder anderen Blog zu entdecken, die ich vorher noch gar nicht wahrgenommen habe. Zum anderen kann ich mir vorstellen, dass die eigenen Beiträge als Sonntagsleserin das eigene Leseerlebnis im Netz archivieren und so erinnerbar machen. Seitdem lese ich die Blogbeiträge anders, intensiver, so wie es mit auch mit meinen Romanen geht, seit ich darüber schreibe. Und beim genaueren Lesen ist mir aufgefallen, dass es in den einzelnen Wochen Themen gibt, zu denen sich die Beiträge zusammenfassen lassen. In manchen Wochen beherrscht ein bestimmter Roman das Interesse, in einer anderen lassen sich unterschiedliche Buchbesprechungen und Artikel zu einem Thema zusammenfügen. Um diese Themen „rund“ zu machen, muss ich wohl auch auf den ein oder …

[5 lesen 20] Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums

Urs Widmer, in diesem Frühsommer 75 Jahre alt geworden, hat eine Autobiografie mit dem merkwürdigen Titel „Die Reise ans Ende des Universums“ geschrieben. Er beginnt seine Lebenserzählung ganz am Anfang, bei seiner Zeugung, die wohl im Sommerurlaub im Lötschental stattgefunden hat. Seine Eltern  verbrachten die ersten Sommerurlaube dort, in diesem Jahr zusammen mit einem befreundeten Ehepaar, das just an diesem Nachmittag zu einer Bergtour aufbrach, an der Widmers Vater sowieso nie teilnahm, seine Mutter an diesem Nachmittag auch nicht. Und er endet seine Erinnerungen 30 Jahre später auf dem Campingplatz in Barcelona, auf dem er mit seiner Frau May ein Zelt aufgebaut hat. Dort hat er ihr seine erste Geschichte zum Lesen gegeben, die zwar schon seit längerer Zeit fertig ist, die er aber bisher noch niemandem zum Lesen gegeben hat, und wartet nun mit bangem Herzen auf ihr Urteil. Diese beiden Geschichten, der Anfangs- und der Endpunkt, geben bereits eine deutliche Auskunft darüber, welcher Prinzipien sich Widmer in seiner Autobiografie bedient: er erinnert, erstens, den Zeitraum seiner ersten dreißig Jahren, er erzählt, zweitens, Episoden …

Die bebilderte Besprechung – Vea Kaiser: Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam

Gerade ist Sommerferienzeit und einige Urlauber machen sich auf den Weg in den Süden, aber nicht ans Meer, nein, ins Gebirge. Sie alle reisen dorthin, um in Tälern und an Bergflanken durch Wälder und an Bächen zu spazieren, um in den klaren, von Gletschern gespeisten Seen zu schwimmen, um auf Almwiesen mit ängstlich pochenden Herzen dem Rindvieh auszuweichen oder um über felsige Gipfelgrate zu kraxeln. Und manch einer der Reisenden, gestresst von der Hektik und Fülle der Großstadt, wird sich wohl beim Blick auf die vielen Gipfel fragen, wie es sich wohl anfühlt, hier, in dieser Landschaft und in einem kleinen ruhigen Dorf das ganze Jahr zu leben. Und auf diese Frage liefert Vea Kaisers Roman „Blasmusikpop“ eine Antwort. Johannes A. Irrwein und sein Großvater Johannes Gerlitzen nämlich leben in so einem Dorf in den Bergen, in St. Peter am Anger. Das Dorf liegt sehr einsam, denn es hat nur einen Zugang von Lenk im Angertal aus, ansonsten ist es von unüberwindbaren gletscherbedeckten Gipfeln mit 4000 Meter Höhe umgeben. Die Dorfbewohner sind seit Jahrhunderten nicht …

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern

Was für ein Zufall: Da schließt sich die eine Lektüre – ganz ungeplant –geografisch nahtlos an die vorherige an. Meike Winnemuth besuchte als letzte Stadt ihrer Jahresreise Havanna. Dort konnte sie nur ganz schlecht Fuß fassen, unter anderem, weil sie Kuba als ein einziges Museum empfand, nämlich „ein karibisches Disneyland der Fifties.“ Als selbstkritische Touristin beschreibt sie Kuba so: Hinterher reist jeder Besucher mit dem dreisten Wunsch ab, dass es möglichst hübsch heruntergekommen bleiben möge, es fotografiert sich einfach besser – scheiß auf die Einwohner, die lieber in heilen Häusern wohnen würden und einen Job hätten, statt auf den Stufen der Verwahrlosung zu hocken und sich von Leuten wie mir beim prima authentischen Zigarrenrauchen knipsen zu lassen. (…) Und trotzdem, trotz aller kleinen Öffnungen, durch die die vorsichtige Frischluft in Fidels hermetisches Reich bläst. Über allem hängt der Geruch des Untergangs. [1] Genau in diese marode, zum Teil wirklich lebensfeindliche Umgebung entführt uns Leonardo Padura in seinem wunderbaren Roman um den ehemaligen Polizisten Mario Conde. Padura selbst ist Journalist gewesen, ein bekannter Verfasser von Reportagen, …

Sam Savage: Firmin. Ein Rattenleben

Angeregt durch die Gestaltung des Buchcovers, des in der Innenseite des Klappendeckel abgebildeten Bildes des Autors sowie dem guten Ratschlag von Dennis Scheck („Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Sam Savages ´Firmin`“) gehörte dieser Roman über Firmin, die lesende Ratte– zugegebenermaßen schon vor etlichen Monaten – unbedingt auf meine Leseliste. Und es geht gleich mit den wichtigen Fragen des Lebens und Lesens los: Warum fängt man eigentlich mit dem Lesen an, wenn doch alle anderen Geschwister lieber balgen und streiten? Wie kommt es, dass man sich zum Lesen, zur Literatur so hingezogen fühlt, dass man geradezu süchtig danach ist? Entgeht einem das Leben, wenn man liest? Oder: Lebt man gerade intensiver durch das Lesen? Macht Literatur anders? Oder: Ist sowieso anders, wer gerne liest? Und: Kann Literatur helfen, das Leben zu bewältigen, weil Probleme und Schwierigkeiten, ja das Leben selbst, in einem neuen Licht erscheinen, wenn man liest? Firmin, um den es hier geht, ist tatsächlich anders. Er ist einer von dreizehn Rattengeschwistern und beschreibt die Unterschiede so: Sie …

Alan Bennett: Die souveräne Leserin

Die Queen liest – Ein Buch über die subversive Kraft des Lesens Beim Staatsbesuch in Kanada ist die Queen „übellaunig“. Ihre emotionale Befindlichkeit zeigt sie ganz auf ihre Art: „Im hohen Norden warteten die wenigen Eisbären, die sich auftrieben ließen, lange auf Ihre Majestät, und als die sich nicht blicken ließ, machten sie sich auf einer vielversprechenden Scholle davon. Zahllose Holzstämme verkeilten sich im Fluss, Gletscher kalbten ins eisige Meer, alles vom königlichen Gast unbeachtet, denn die blieb in ihrer Kabine.“ Was ist passiert, dass die Queen, die ihre Aufgaben immer pflichtbewusst wahrnimmt, immer pünktlich und adrett erscheint, nun nicht einmal mehr zu den Niagara-Fällen fahren möchte? Die Queen hat entdeckt, wie wunderbar das Lesen ist. Gemeinsam mit ihrem persönlichen Leseberater Norman, der vor diesem Sprung in die Höhen des königlichen Beraterstabs Küchenjunge war, hat sie eine Lesekiste für den Staatsbesuch in Kanada gepackt. Die ist aber niemals angekommen, und nun sitzt sie ohne Lektüre und geistige Nahrung in der Natur Kanadas. Von ihrem Leseeifer ist der Hof nämlich wenig begeistert. So warnt ihr Privatsekretär, …