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Sam Savage: Firmin. Ein Rattenleben

Firmin_2Angeregt durch die Gestaltung des Buchcovers, des in der Innenseite des Klappendeckel abgebildeten Bildes des Autors sowie dem guten Ratschlag von Dennis Scheck („Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Sam Savages ´Firmin`“) gehörte dieser Roman über Firmin, die lesende Ratte– zugegebenermaßen schon vor etlichen Monaten – unbedingt auf meine Leseliste.

Und es geht gleich mit den wichtigen Fragen des Lebens und Lesens los: Warum fängt man eigentlich mit dem Lesen an, wenn doch alle anderen Geschwister lieber balgen und streiten? Wie kommt es, dass man sich zum Lesen, zur Literatur so hingezogen fühlt, dass man geradezu süchtig danach ist? Entgeht einem das Leben, wenn man liest? Oder: Lebt man gerade intensiver durch das Lesen? Macht Literatur anders? Oder: Ist sowieso anders, wer gerne liest? Und: Kann Literatur helfen, das Leben zu bewältigen, weil Probleme und Schwierigkeiten, ja das Leben selbst, in einem neuen Licht erscheinen, wenn man liest?

Firmin, um den es hier geht, ist tatsächlich anders. Er ist einer von dreizehn Rattengeschwistern und beschreibt die Unterschiede so:

Sie waren Monster. Blind und nackt, besonders nackt (…). Nur ich wurde mit vollständig geöffneten Augen geboren und mit einem schlichten Haarkleid aus grauem Pelz. Abgesehen davon war ich schwächlich. Und glauben Sie mir: Schwächlich ist schrecklich, vor allem, wenn man klein ist.

Und weil Firmin so schwach ist, hat er beim Essen das Nachsehen, denn beim Streit um die zwölf Zitzen der Mutter geht er regelmäßig leer aus. So verfällt er in seiner Not auf die Idee, die Papierschnipsel aufzuessen, mit der seine Mutter das Nest ausgekleidet hat. Davon wird ihm zwar regelmäßig übel, doch ist er schon nach kurzer Zeit geradezu süchtig nach dem Papierbrei. Ein Konflikt ergibt sich dann, als er merkt, dass er lesen kann, was auf den Papierschnipseln geschrieben steht. So entdeckt er die Literatur. Er lebt nämlich im Keller des Antiquariats von Norman Shine und seine Mutter hat zum Bau des Nestes kein geringeres Buch geplündert als „Finnegangs Wake“ von James Joyce, oder „das große Buch“ wie Firmin es nennt. Und Firmin ist Zeit seines Lebens untröstlich, dass durch den Nestbau und seinen anfänglichen Papierhunger Löcher im Buch entstanden sind, so dass er nie in den Genuss kommt, den Roman komplett lesen zu können. So also kommt Firmin, der schwächlichste unter den Geschwistern, zu seiner großen Liebe, der Literatur.

Wenn literarische Bildung einen Nutzen hat, dann den, die Ahnung drohenden Unheils zu vermitteln. Nichts schmälert den Lebensmut so effektiv wie eine lebhafte Fantasie. Las ich das Tagebuch der Anne, so verwandelte ich mich in Anne Frank. Die anderen, die konnten einen Schrecken kriegen, mochten sich in Winkeln verkriechen, von Angst in Schweiß ausbrechen – sobald die Gefahr vorüber war, ging alles wieder weiter wie zuvor, als sei nichts geschehen. Sie lebten fröhlich vor sich hin, bis sie erschlagen oder vergiftet wurden oder ein stählerner Fallbügel ihnen das Genick brach. Ich hingegen habe sie alle überlebt und bin zum Ausgleich tausend Tode gestorben. (S. 53/54)

Und über seine Entwicklung als Leser hält Firmin fest:

Mein Verstand wurde schärfer als meine Zähne. Bald schaffte ich einen vierhundertseitigen Roman in einer Stunde, Spinoza an einem einzigen Tag. So manches Mal schaute ich mich um und zitterte vor Freude. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Nicht nur einmal vermutete ich einen geheimen Plan dahinter: Sollte ich, ungeachtet meines absonderlichen Aussehens, zu etwas Großem berufen sein? Zu einem Schicksal, meine ich, wie es die Figuren in Geschichten haben, wo alle Ereignisse eines Lebens, mag es darin auch noch so brodeln und wirbeln, in all dem Brodeln und Wirbeln am Ende ein sinnvolles Muster erkennen lassen? In Geschichten hat ein Leben immer eine Richtung und ein Ziel. (S. 56)

Als Leser können wir Firmin auf diesem Weg zu seinem Lebensziel oder besser: bei seinem Rattenleben, begleiten. Wir erleben ihn zum Beispiel bei seinen urkomischen und verzweifelten Versuchen, Kontakt zu Menschen aufzunehmen. Er weiß, und spricht ganz offen darüber, dass er keine Möglichkeit hat, sich dem Menschen verständlich zu machen: ihm fehlen Stimmbänder, um zu sprechen und so kann er nur mehr oder weniger laut fiepen. In der Taubstummensprache hat er sich nur drei Wörter beibringen können („Auf Wiedersehen Reißverschluss“), denn weder mit den Vorder- noch mit den Hinterpfoten kann er die Fingerzeichen der Gebärdensprache nachahmen. Und eine Schreibmaschine, das schriftliche Kommunikationsmittel des Jahres 1961, kann er, weil er zu klein und zu schwach ist, nicht bedienen. Wir erleben ihn komisch, melancholisch, mutig, und verzagt. Ganz fabelhaft sind Firmins Größenphantasien, wenn er sich wahlweise als wichtiger Romancier fühlt, als Stepptänzer wie Fred Astaire sieht und als Liebhaber Ginger Rogers.

Und so kann es kommen, dass wir uns als Leser ganz nebenbei ein bisschen in die ungewöhnliche, völlig verkannte Ratte Firmin verlieben, mit ihr lachen und vor allem auch mit ihr bangen, denn von Anfang an liegt eine dunkle Gefahr von Tod und Zerstörung auf der Geschichte.

Sam Savage, ein, dem Bild des Fotos auf dem Klappendeckel nach zu urteilen, nicht mehr ganz junger Mensch, hat mit „Firmin“ seinen ersten Roman geschrieben. Seiner neben dem Bild spärlich beschriebenen Biographie nach könnte er fast Jerry Magoon ähneln, dem Schriftsteller apokalyptischer Science-Fiction Romane, der Firmin im Park rettet, mit nach Hause nimmt und darauf besteht, dass Firmin nicht „zahm“ sei, sondern „zivilisiert“. Indem Sam Savage die Geschichte der lesenden und belesenen Ratte Firmin erzählt, die ihrer bedrohlichen und bedrohten Umwelt die Liebe zur Literatur und die Magie der Träume entgegenstellt, und damit ein ganz anderes Leben führt als der Trott des üblichen (Ratten-)Lebens vorsieht, zeigt Savage auch dem Leser die großen Möglichkeiten des Lesens auf. Und er zeigt, dass Firmin ein anderes, aber geschützteres Leben geführt hat, als seine Geschwister, die er wohl alle überlebt, ein nachdenklicheres und tieferes Leben also, vor allem aber ein selbstbestimmtes, sinnliches – und letztendlich auch ein versöhntes.

Sam Savage (2008): Firmin. Ein Rattenleben, Berlin.

5 Kommentare

  1. Liebe Claudia,

    bei diesem Buch liegt meine Lektüre leider schon einige Jahre zurück. Ich saß gerade einige Minuten lang vor meinem Bildschirm und kramte und kramte in meinen Erinnerungen – leider ohne Erfolg. Ich erinnere mich nur noch daran, dass die Aufmachung mir damals unheimlich gut gefallen hatte – die Geschichten scheint dagegen nicht wirklich in Erinnerung geblieben zu sein. Vielleicht wäre das ja ein Grund, das Buch noch mal zu lesen. 😉

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,

      ich habe „Firmin“ zusammen mit drei Mitstreitern in unserem „Literarischen Qaurtett“ gelesen und wird sind alle ziemlich begeistert gewesen über das schräge Rattenleben. Ausgibeig haben wir auch das Foto des Autors betrachtet und viele Spekulationen dazu angestellt.
      Mir ist Firmin wieder eingefallen, als wir uns letztens über das Lesetempo pro Tag unterhalten haben. Immerhin schlägt Firmin E. Heidenreich um Längen :-). Ob man das Buch aber tatsächlich mehrmals lesen muss, würde ich nicht unbedingt behaupten.
      Liebe Grüße, Claudia

    • Liebe Anna,

      wahrscheinlich ist Dein Buchstapel auch ohne „Firmin“ schon recht hoch, aber es ist ja bald Ostern und das Wetter ist schlecht :-). Aber Firmin ist wirklich eine außergewöhnliche Ratte. Und er liebt die angelsächsische Litratur. Damit kann er Dich ja vielleicht auch von sich überzeugen…
      Liebe Grüße, Claudia

  2. Pingback: Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben (2008) | buchpost

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