Alle Beiträge, die unter Sach- und Fachbuch gespeichert wurden

#lithund: Wölfe. Ein Portrait von Petra Ahne

Für unser Projekt, dem literarischen Hund auf die Spur zu kommen, liegt es nahe, auch den literarischen Wolf zu betrachten. Hund und Wolf, das sind nahe Verwandte, und Hybride, also erste Kreuzungen zwischen Hund und Wolf, sollen gerade wieder sehr angesagt sein. Bei verwilderten Hunden können Verhaltensvergleiche zum Haushund auf der einen, zum Wolf auf der anderen Seite gezogen werden. Und in der Literatur sind sie alle auch wieder zu finden. Petra Ahne geht in ihrem Band der Naturkunden, in dem sie sich den Wölfen zuwendet, natürlich nicht in erster Linie, aber in einigen Kapiteln dann doch, dem Hund und dem Wolf in der Literatur nach. Und setzt sich als erstes mit dem Märchen vom Rotkäppchen auseinander. Das Märchen, so zeigt sie auf, erfährt im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte in seinem Verlauf – und damit auch in seiner Wirkung – eine deutliche Veränderung und die verweise, so Ahne, auch auf die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit den Wölfen. Wir kennen die Geschichte, aufgeschrieben von den Brüdern Grimm, ja so: Das Rotkäppchen kommt, trotz der Warnungen …

Ben Rawlence: Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt

Wer Luftbilder (z.B. hier oder hier) der Flüchtlingslager von Dadaab im Nordosten Kenias betrachtet, der sieht Zeltstädte oder Hüttensiedlungen soweit das Auge reicht, mit Straßen durchzogen, an manchen Stellen sind Plätze oder größere Gebäude. Wie viele Menschen mögen in diesen Flüchtlingslagern wohnen, unter welchen Bedingungen und wie lange, fragt man sich sofort. Und kann sich leicht ausmalen, was es für die Menschen bedeutet, in solch einem künstlich angelegten Gebilde zu leben, ohne wirkliche Privatsphäre zu den Nachbarn, in einer Nachbarschaft, die nicht gewachsen ist, sondern hier willkürlich entstanden, und mit den Konflikten, die sich allein daraus ergeben. Und dann bringt ja auch noch jeder Flüchtling seine Geschichte mit, ist traumatisiert vom langen Bürgerkrieg, hat alles aufgegeben, weil der Hunger zu groß geworden ist, ist geflohen von den al-Shabaab-Milizen, die ganze Landstriche unter ihre Herrschaft gebracht und ihre Willkürherrschaft etabliert haben. Tatsächlich beherbergt Dadaab je nach politischer oder meteorologischer Situation zwischen 300.000 und 500.000 Menschen. Das Lager ist 1992 gegründet worden, als in Somalia der Bürgerkrieg ausbrach und die ersten 90.000 Flüchtlinge über die Grenze nach …

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst

Sie wird gerade wieder kräftig bespielt, die Klaviatur der Angst. Mit jeder neuen Gewalttat werden nahezu reflexhaft und manchmal so schnell, dass noch gar keine gesicherten Informationen vorliegen, Beschuldigungen in verschiedene Richtungen laut, es werden Ausgrenzungen und Abgrenzungen vorgenommen, es wird konsequent vereinfacht und es werden einfachste Lösungen feilgeboten: die Angst vor „den Anderen“ wird ganz gezielt geschürt, es entsteht eine mehr und mehr aufgeheizte, hysterische Atmosphäre, die vor allem eines ist, nämlich politisches Kalkül. Heinz Bude, der an der Universität Kassel Soziologie lehrt, hat sich in diesem 2014 erschienen Band nicht nur mit dieser „Angst vor den Anderen“– und auch der „Angst der Anderen“ – auseinandergesetzt, sondern geht weiteren soziologischen Facetten der zahlreichen Ängste nach, die die Menschen unserer Gesellschaft umtreiben, je nachdem, in welcher Situation und in welcher gesellschaftlichen Schicht sie sich befinden. Bude belässt es nicht bei dieser Darstellung, sondern setzt sich auch mit den Folgen der Ängste für die Politik auseinander und skizziert Lösungsansätze, die gerade auch mit Blick auf die lauten populistischen Äußerungen unserer Tage interessant sind. Angst, so stellt …

Sabine Donauer: Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt

Vor einhundert Jahren machte Max Weber eine interessante Beobachtung bei den Arbeitern in der Produktion: Bei jeder Erhöhung des Stücklohns nämlich gingen sie einfach früher nach Hause. Das kann niemand verstehen, der sich heute mit der Arbeitswelt beschäftigt. Wie soll denn ein Arbeiter in seinem Leben vorankommen, wie eine bessere Wohnung finden, Konsumgüter jeder Art zur Erleichterung des Lebens und zur Unterhaltung erwerben, vielleicht sogar einen Urlaub machen, wenn er die Möglichkeit zu einem höheren Einkommen zu gelangen ausschlägt? Wie soll ein Unternehmen, wie soll eine Volkswirtschaft vorankommen, wie soll Wirtschaftswachstum erzielt werden, wenn die Arbeiter nicht einmal über den Faktor Lohn zu mehr Arbeit, zu mehr Output motiviert werden können? Mit solchen Arbeitern jedenfalls, die sich bewusst für Freizeit entscheiden statt für ein höheres Einkommen, ist kein Kapitalismus zu machen. So notierte dann auch Max Weber in seiner „Protestantischen Ethik“, dass es eines „Erziehungsprogrammes“ bedürfe, damit die Arbeiter „die rechte Gesinnung“ und ein „Verantwortlichkeitsgefühl“ entwickelten für eine Produktion in einem wachstumsorientierten Umfeld. Wer heute einen Blick in die Stellenanzeigen wirft, der reibt sich auch …

Henning Mankell: Treibsand

Henning Mankells Titel „Treibsand“ reiht sich ein in die Bücher von Schriftstellern, die sich mit dem Umgang und mit dem Kampf gegen schwere Krankheiten beschäftigen: Erinnert sei an Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“, an Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, an David Wagners „Leben“, an Verena Luekens „Alles zählt“. Jeder der Autoren setzt sich mit dieser völlig existenziellen Bedrohung anders auseinander, nutzt dazu unterschiedliche Gattungen, schreibt mehr oder weniger literarisch, mehr oder weniger biografisch. Ganz unterschiedliche Texte entstehen auf diese Weise, manche nehmen die Krankheit und den Krankenhausbetrieb mehr in den Blick, manche die Schwierigkeiten des Alltagslebens, manche zeigen den großen Halt, den sie aus unserer Kultur gewinnen können. Eines aber ist ihnen allen gemeinsam: Sie geben uns – Gesunden? – Einblicke in die ganz andere Welt, nämlich die der Kranken (dies ist ein Bild aus Luekens Roman „Alles zählt“), aber sie zeigen auch, dass sie nicht nur Kranke, Beschädigte, sind, sondern natürlich immer noch die Menschen mit ihren ganz spezifischen Fähigkeiten und Interessen, die sie auch vor ihrer Erkrankung gewesen sind. So behalten sie ihre …

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles.

Ich weiß: Indem ich diesen Artikel veröffentliche und gleich an mehreren Stellen bei Facebook auf ihn hinweise, indem ich im Zuge des Lesens von Hofstetters „Sie wissen alles“ nach weiteren Informationen zur Autorin und ihrem Unternehmen  gesucht habe, indem ich den „Wehrt Euch“-Artikel von Enzenzberger in der FAZ gelesen habe, ich bei brasch und buch seine Besprechung des Buches von Hofstetter gelesen und auf Kaffeehaussitzer Uwes Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ kommentiert  und ebenfalls auf meine aktuelle Buchlektüre hingewiesen habe, habe ich meinen digitalen Fußabdruck wieder einmal deutlich vergrößert. Ich habe den Daten, die Google, Microsoft, Facebook und andere bisher über mich gesammelt haben, weitere hinzugefügt, Informationen darüber, wofür ich mich – und wie lange – interessiere, mit wem ich – und wie oft – in Kontakt stehe. Und diese Daten werden nicht nur gespeichert, sondern mit den vielen anderen, die über mich schon vorliegen, in Beziehung gebracht. Und dienen alle dazu, mich besser kennenzulernen, vielleicht sogar, so wird gemutmaßt, besser, als ich mich selbst zu kennen meine. Yvonne Hofstetter ist Juristin und …

Rainald Goetz: Johann Holtrop

Aus Anlass der Vergabe des Büchner-Preises an Rainald Goetz sei hier noch einmal an seinen Roman „Johann Holtrop“ erinnert (ursprünglich veröffentlicht im August 2014): Dieser Tage berichten die Zeitungen über die neue, wohl wissenschaftlich belastbare Erkenntnis, dass Psychologen erst gar nicht mehr lange Fragebögen entwickeln müssen, wenn sie herausfinden wollen, ob ihr Gegenüber eine narzisstische Persönlichkeit hat. Die Frage „Ich bin ein Narzisst. Wie sehr stimmen Sie dieser Aussage zu?“ reiche völlig aus, um das herauszufinden, denn die Betroffenen geben offen zu und seien geradezu stolz darauf, sich selbst ganz großartig zu finden und zu meinen, viele Dinge besser zu können als andere, während ihnen Selbstkritik völlig fremd sei, ebenso wie Mitgefühl. Wenn dieses Erkenntnis stimmt, dann ist Johann Holtrop Narzisst. Er ist prominenter Manager eines Medienunternehmens, der Vorstandsvorsitzende der Assperg AG, erfolgreich zur Jahrtausendwende, zur aufregenden und aufgeregten Zeit der New Economy, die zum Ende der 1990er Jahre viele Fantasien befördert und die ersten „Investoren“ steinreich gemacht hat. Holtrop verkauft in der Boomphase einen Unternehmensteil und spült damit eine richtig große Summe Geld ins …

Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift

Wer sich für das Thema „Bildung“ interessiert, sei es aus professionellen Gründen, als Betroffener oder einfach nur Interessierter, der findet in Liessmanns Schrift eine fundiert ausgeführte Gegenposition zu den regelmäßig in die Bestseller-Charts weit vorn notierten sogenannten Reformpädagogen oder den durch die mediale Aufmerksamkeit lautstark verbreiteten kritischen Schüler-, Eltern- oder Politikermeinungen. Liessmanns Überlegungen scheinen konservativ zu sein, obwohl der Konservatismus nicht seine politische Heimat ist. Er zeigt in seiner viele verschiedene Facetten von Bildung betrachtenden Argumentation auf, dass Bildung Mühe macht, dass Bildung mehr ist als Faktensammlung, weit mehr ist als die Heilsversprechen der neuen Kompetenzen – oder diverser Reformpädagogiken. Und er traut sich etwas, denn er führt, dem Zeitgeist völlig widersprechend, Humboldt an, stellt seine Idee eines drei Stadien berücksichtigenden Unterrichtskonzeptes (Elementarunterricht, Schulunterricht und Universitätsunterricht) vor und fragt, was Schule in diesem Sinne zu leisten habe. Kulturtechniken seien das, sprachliche Fähigkeiten und eben grundständiges Wissen. Und er verweist darauf, auch eine vermeintlich ganz alte und überholte Sichtweise, dass dem Lehrer eine ganz wichtige Rolle zukomme – die Studie des Australiers Hattie, der sich als …

Matthias Politycki: 42,195

Was würde bloß der Bote Pheidippides denken, der, vom dem die Legende berichtet, er sei die 40 km von Marathon nach Athen gelaufen, um dort von der siegreichen Schlacht der Athener gegen die Perser zu berichten, um dann vor Erschöpfung tot zusammenzubrechen, wenn er wüsste, was heute mit seinem Lauf alles getrieben wird: es gibt den Marathon als Städtelauf, in den sechs großen Metropolen der Welt (Major Six) dazu natürlich in jeder anderen Stadt, die auf sich hält, es gibt ihn in Grönland, am Nordpol und in der Wüste, am Kilimandscharo, auf der Chinesischen Mauer oder dem Rennsteig und natürlich nicht zu vergessen auch den Marathon im Médoc – Verkostung der regionalen Spezialitäten und Weine während des Laufes inklusive. Die Forschung ist sich zwar sicher, dass Pheidippides erst 600 Jahre später von Plutarch in die Geschichte eingeschmuggelt worden ist, denn für das attische Heer sind die Läufer, die auch mal schnell weit längere Strecken als die läppischen 40 km überbrückten, in vorelektronischen Zeiten die (kriegswichtigen) Informationsüberbringer gewesen, schön ist die Legende vom Marathonlauf aber auf …

Aus Isagers Highlandwool wird Starmores „Alba“

Schon lange gefallen mir die besonderen Farben der Isager Highland-Wolle und ich habe immer wieder hin- und herüberlegt, welche ich auswählen soll für eine Jacke nach dem Muster von Alice Starmores „Alba“. Da ich mich nicht wirklich entscheiden konnte, habe ich gleich mal 8 Farben ausgewählt. Beim Stricken werde ich schon sehen, ob sie zusammenpassen oder nicht. So nebeneinander gelegt sehen sie schon viel versprechend aus. Mit der Highland-Wolle habe ich ja schon eine Jacke gestrickt, die rote Autumn Rose. Damals kam die Wolle aus Schottland und hatte noch einen ein bisschen harten Charakter, ein bisschen halt wie Shetlandwolle. Aber auch die Wolle kratzt kein bisschen, ich trage die Jacke sehr gerne. Mittlerweile kommt die Highland aber aus Peru. Es gibt sie in anderen Farben als früher und sie strickt sich auch ein bssichen anders. Die einzelnen Fäden sind nicht ganz so eng verzwirnt, sodass es schon einmal passiert, nicht die ganze Masche, sondern nur einen Teil zu erwischen. Daran musste ich mich bisschen gewöhnen. Dann allerdings fällt schon beim Stricken auf, dass die Wolle …

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung

Dass mit einer Buchhandlung auch scheitern kann, wer eine junge, moderne Idee umsetzt, haben wir in dieser Woche aus dem Börsenblatt des Buchhandels erfahren können. Die Berliner Buchhandlung ocelot, den Bildern nach gestaltet wie ein Wohnzimmer, das zum Verweilen, zum Schmökern und Kaffeetrinken einlädt, hat Insolvenz angemeldet. Auch das akribisch entwickelte Gesamtkonzept mit Bausteinen wie Ladengestaltung, einer Öffentlichkeitsarbeit weit über die Berliner Grenzen hinaus, verschiedenen Veranstaltungen und selbstständigem Internetauftritt hat die bodenständigen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen nicht aushebeln können: Die Kosten sind letztendlich höher als die Erlöse, das Kapital wird langsam aber sicher verbrannt, die Liquidität schwindet. Ob damit gleich dem kompletten Geschäftsmodell des stationären Buchandels das Totenglöckchen geläutet werden muss, scheint äußerst fragwürdig, denn es sollte doch zunächst am konkreten Beispiel eine genaue Analyse der finanziellen Schieflage und ihrer Gründe erfolgen, bevor hier munter von einem auf die anderen geschlossen wird, gerade so, als ob alle Buchhändler mit völlig gleichen Rahmenbedingungen zu tun haben und absolut gleiche Entscheidungen treffen. Petra Hartlieb jedenfalls beschreibt in ihrem Buch einen völlig anderen Weg, eine Buchhandlung zu führen. Sie ist …

Meinungen des Buchhandels zum Buchpreis (3): Daniela Dobernigg

In meiner kleinen Reihe mit Beiträgen aus dem Buchhandel hat mir heute Daniela Dobernigg von der Buchhandlung cohen + dobernigg in Hamburg Rede und Antwort zur Longlist 2014 und zum Deutschen Buchpreis gestanden:   Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 ist seit ein paar Tagen bekannt. Sind Sie überrascht von Titeln auf der Liste, vermissen Sie den ein oder anderen Titel oder sind Sie insgesamt zufrieden? Ehrlich gesagt ist es wie jedes Jahr: Viele Bücher habe ich noch nicht gelesen, da kann man keine Meinung haben. Ich finde den Buchpreis aus persönlicher Sicht nicht sehr spannend, und erstelle lieber meine eigenen, sehr variablen Listen. Für unsere Buchhandlung ist der Buchpreis auch nicht wahnsinnig relevant. Die Longlist hatte auch in den letzten Jahren kaum Auswirkungen. Selbst bei der Shortlist reagieren die Kunden kaum. Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: 1. Wir machen keine Sonderpräsentation, Werbung usw. 2. Die Bücher, die in den letzten Jahren gewonnen haben, waren für viele durchschnittliche Leser nicht besonders attraktiv. Wir hadern immer wieder mit dem Deutschen Buchpreis, nicht weil wir …

LongListLesen 2014

  Kaum ist die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 veröffentlicht, schon gibt es Diskussionen off- und online (zum Beispiel hier und hier und hier.  Genau bei diesen Diskussionen wollen wir dieses Jahr mit unserem Bloggerprojekt LongListLesen 2014 einhaken. Wir, das sind in diesem Fall Mara von buzzaldrin , die dieses Projekt gemeinsam mit der Bücherliebhaberin vom glasperlenspiel13 und mit mir in Angriff nimmt. Im letzten Jahr gab es bereits eine Bloggeraktion: 5 lesen 20 . Bei dieser haben 5 Blogger die 20 Bücher der Longlist des Deutschen Buchpreises gelesen und vorgestellt. 2014 möchten wir, dass die nominierten Bücher von möglichst vielen Literaturbegeisterten gelesen werden. Dadurch erhoffen wir uns noch mehr Austausch und Stoff zum Diskutieren. Was wir uns genau überlegt haben, erfahrt ihr, wenn ihr in den nächsten Tagen unsere Blogs im Auge behaltet. Dort berichten wir, was jeder von uns sich unter LongListLesen 2014 genau vorstellt und wie ihr eins der 20 Bücher gewinnen könnt. Viele Aktionen erwarten Euch! LongListLesen 2014 ist zwar eine Kooperation des Deutschen Buchpreises mit den drei oben genannten Blogs, …

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsproduktes

Jedes Jahr im Herbst veröffentlichen die Fünf Weisen das Herbstgutachten. Die Fünf Weisen stammen keineswegs aus dem Morgenland, sondern sind renommierte Wirtschaftsprofessoren, die mit ihrem Gutachten die wirtschaftliche Entwicklung des kommenden Jahres „berechnen“. Eine der wichtigen Kennzahlen, die sie veröffentlichen, ist die Schätzung des Bruttoinlandsproduktes, die andere nicht minder wichtige Kennzahl die der Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft. Auf beide Kennzahlen wird mit großem Politik- und Medien-Interesse geschaut, die Verkündung der Zahlen ist die Vorhersage, wie es „uns“ im nächsten Jahr gehen wird. Groß also der Jubel, wenn sie üppig ausfällt, groß der Katzenkammer, wenn es nur einen Zuwachs von unter einem Prozent zu verzeichnen gibt, Weltuntergangsstimmung gar, wenn die Wirtschaft zu schrumpfen droht. Was hat es mit dem BIP und der Wachstumsrate aber auf sich, dass Regierungen und Medien so auf diese Zahlen schielen? Und welche Aussage haben diese Zahlen wirklich? Zeigen sie tatsächlich an, wie „gut“ es uns geht, ist das BIP wirklich ein Indikator dafür, wie es um unseren Wohlstand bestellt ist? Und woher stammt die Idee zu einem Bruttoinlandsprodukt? Diesen Fragen geht …

Die Sonntagsleserin: KW # 11 2014

Die Bücherphilosophin hat die Idee gehabt, mittlerweile berichten immer mehr Blogger in ihren allwöchentlich-sonntäglichen Rückschauen über die besonderen Blogleseerlebnisse der vergangenen Woche. Bei der Bücherphilosophin findet ihr auch eine Liste der anderen Sonntagsleser, bei denen es immer vieles zu entdecken gibt. In dieser Woche haben mich wieder besonders Berichte über Veranstaltungen, Interviews und natürlich die Leipziger Buchmesse neugierig gemacht: Caterina bloggt immer noch mit höchst lesenswerten Artikeln vom Literarfestival lesen.höeren aus Mannheim. Zum einen berichtet sie uns über die Lesung Roger Willemsens, in der er sein neues Buch „Das hohe Haus“ vorstellt, so lebendig und anschaulich, dass man sofort Lust auf dieses Buch bekommt – auch wenn „Lust“ wohl angesichts dessen, was Willemsen da über die von uns gewählten Vertreter berichtet, nicht das richtige Wort zu sein scheint. Und dann erzählt Caterina noch von der Mannheimer Abschlussveranstaltung, bei der vier „professionelle“ Leser mit ganz viel Engagement – und manchmal auch Lust zur Debatte – acht Lieblingsbücher vorstellen. Masuko berichtet über die Lesung mit dem kanadischen Autor Ryad Assani-Razaki, dessen Roman „Iman“ sie schon zu Beginn …

Boris Cyrulnik: Rette dich, das Leben ruft!

Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass Boris Cyrulnik kein Arzt geworden wäre, kein bekannter Psychiater, kein Resilienzforscher, wenn er nicht diese besonderen Erlebnisse in seiner Kindheit gehabt hätte, die auf viele andere sicherlich eher niederdrückend, lähmend, ängstigend gewirkt hätten. Offensichtlich konnte Boris Cyrulnik auf Ressourcen zurückgreifen, so dass er trotz seiner Erlebnisse nicht verzweifeln ist, sondern seinen Weg gefunden hat, so dass er beim Blick auf seine Geschichte nicht wie Lots Frau zur Salzsäule erstarrt ist. Solche in Krisen stärkenden Faktoren zu erforschen, hat sich die Resilienzforschung zur Aufgabe gemacht. Seit der 1950er Jahren wird erforscht, welche Kräfte Menschen helfen können, Krisensituationen zu  überstehen und welche Lehren daraus gezogen werden können, um traumatisierten Menschen zu helfen. Und in seiner Biografie erkennt Boris Cyrulnik zahlreiche Faktoren, die ihm geholfen, ihn gestärkt haben. Geboren ist Boris Cyrulnik 1938 in Bordeaux als Sohn von jüdischen Einwanderern aus der Ukraine. Wie viele andere Juden auch bewundern sie die französische Kultur, verbinden mit ihr die Umsetzung der Menschenrechte, die Chance auf ein gutes Leben. Über den latenten Antisemitismus in …

John Lanchester: Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückbezahlt. Die bizarre Geschichte der Finanzen

Wer etwas wissen möchte über die Hintergründe von Bankenkrise, Finanzkrise und Eurokrise oder wer etwas erfahren möchte über die Begriffe Eigenkapitalisierung von Banken, Derivate, Swaps, Subprime-Hypotheken, das AAA der Ratingagenturen und die Immobilienblase, der kann dies alles nicht nur als äußerst kenntnisreich und spannend beschriebene Geschichte der letzten Jahre, sondern vor allem auch auf geradezu unterhaltsame Art und Weise in John Lanchesters Essay mit dem etwas sperrigen Titel „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückbezahlt“ nachlesen. Im Spätsommer des Jahres 2007 begann John Lanchester, sich mit der Finanzindustrie, ihren Produkten, ihrem Geschäftsgebaren und ihrer Entwicklung zu beschäftigen. Es war die Zeit, in der Kunden ihre Bank Northern Rock stürmten, um möglichst alle Guthaben abzuräumen. Damit brachten sie die Bank in so massive Bedrängnis, dass das Institut wenige Monate später Schutz unter dem weiten Mantel des Staates suchen musste. Lanchester recherchiert seitdem das Ge-schehen um Börsen, Wertpapier- und Immobilienhandel und hat somit die Finanzkrise von Beginn an beobachtet. Verarbeitet hat er seine Erkenntnisse nicht nur in Artikeln für den New Yorker und die …

Meine Empfehlung – Juli Zeh, David Finck: Kleines Konversationslexikon für Haushunde

Ein Gastbeitrag von Felix, dem Hund Ich bin der Einladung zu diesem Gastbeitrag auf einem Literaturblog gerne nachgekommen, wohl wissend, dass die Herausgeberin des Buches, das ich den Lesern, gerade den Haushunden und ihren Besitzern unter Euch, gerne ans Herz legen möchte, Euch wohl eher als Schriftstellerin, manchen auch als Juristin, bekannt ist. Nun ist es ja so, dass Juli Zeh gerne mit Hunden zusammenlebt und aus dieser Koexistenz hat sich ein Projekt ergeben. Denn Othello, der Hund, der mit ihr gemeinsam an deutschen Universitäten Juravorlesungen besucht und den Veranstaltungen am Deutschen Literaturinstitut gelauscht hat, weiß um die Bedeutung der Sprache. Vor allem aber weiß er, dass es für Hund einfach gut ist, die menschliche Sprache mit ihren Hürden und Klippen, ihrer unlogischen und ihrer verschwätzten Vielfalt bestens zu kennen, um sich in der Welt der Menschen zurecht zu finden. Aber, so macht Othello schon in seinen einleitenden Anmerkungen deutlich: Es ist für Hund besser, nicht zu erkennen zu geben, dass er die Sprache aus dem Effeff beherrscht, denn nur das Leben derjenigen, die schweigen, …

Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens

Mitte Februar gab es in den deutschen Feuilletons ein interessantes Phänomen zu beobachten: Quer zur üblichen politischen Haltung der Zeitungen wurde Frank Schirrmachers neues Buch „Ego“ überraschenderweise dort bejubelt, wo konservative Äußerungen sonst eher kritisch beurteilt werden, während sich in eher konservativen Publikationen die negativen Stimmen zur Wort meldeten [1]. So schreibt dann auch Augstein in seiner Kolumne auf spiegel online: Vor allem aber ist die Tatsache, dass dieses Buch aus der Feder des konservativen Journalisten Schirrmacher stammt, ein weithin sichtbares politisches Signal: Die Kapitalismuskritik ist inzwischen im Herzen des Kapitalismus angekommen. [2] Schirrmacher also, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die ihre deutliche Ausrichtung auf wirtschaftliche Themen ja duurchaus als Alleinstellungsmerkmal sieht, geht in seinem Buch den Spuren nach, die, seiner Meinung nach, zu dem von ihm diagnostizierten Egoismus in unserer Gegenwart geführt haben. Er macht das Modell des „Homo oeconomicus“ aus, das, zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast vergessen, in den 1950er Jahren reanimiert wurde und zusammen mit der neu entwickelten Spieltheorie John von Neumanns und John Nashs (wir kennen ihn aus dem Spielfilm …

Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres

Sieben Wochen nach dem Tod ihres Mannes beginnt Connie Palmen mit ihrem „Logbuch“, sie will in dem Jahr nach dem Tod Hans van Mierlos „Notizen über Liebe und Tod“ machen: Ich tue es, weil ich weiß, dass man dies vergisst, diesen Horror der ersten Monate, des ersten Jahres, man vergisst es, wie man Zahnschmerzen vergisst – oder Wehenschmerzen, wie man erzählt. Man weiß noch, dass es schlimm war, schrecklich, der schlimmste Schmerz, den man je hatte, aber fühlen kann man es nicht mehr. Vergessen dient einem Zweck: Niemand würde je wieder ein Kind bekommen oder einen anderen lieben wollen, wenn er noch genau wüsste, wie weh es getan hat, das Liebste zu bekommen, und weh es getan hat, es eines Tages verlieren zu müssen. (S.14) Viele Menschen neigen dazu, den Gedanken an den Tod, unseren eigenen und den unserer Angehörigen und Freunde, zu vergessen oder zu verdrängen, weil er zu entsetzlich scheint. „Der Tod“, so der Philosoph Wilhelm Schmid (1), „ist das Ende der Zeit für den, der stirbt, und, zumindest für einen Augenblick, der …