Alle unter Gesellschaftskritik verschlagworteten Beiträge

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 2

Nun ist Vernon also ganz unten angekommen, als Obdachloser im Norden Paris´. Sein sozialer Abstieg, etwas abgemildert durch seine Freunde und Bekannten, die ihn – mehr oder weniger begeistert – immer wieder für ein paar Tage aufgenommen haben, hat ihn jetzt also auf eine Parkbank verschlagen in der Nähe des Parc Buttes-Chaumont. Und da liegt er nun in den kalten Vorfrühlingstagen, krank und mit hohem Fieber, oft halluziniert er. Und droht selbst hier vertrieben zu werden, weil ein Anderer ihm diesen Platz streitig macht. So also beginnt der zweite Teil der Geschichte Vernon Subutex´, der sich somit nahtlos an die Erzählung des ersten Bandes anschließt. Doch ganz schnell wird deutlich, dass dieser zweite Band in einem ganz anderen Ton erzählt ist als der erste. Hier finden sich nicht mehr die oft kurzen und knappen Sätze, die beim Lesen so eine unheimliche Geschwindigkeit entwickeln, die gespickt sind mit schnodderigen Wendungen, mit abfälligen und beleidigenden, mit Begriffen der Gewalt, des sozialen Abstiegs und des politischen Extremismus, mit Ausdrücken aus dem Drogenmilieu, der Musikszene und dem Börsenparkett und …

Shumona Sinha: Staatenlos

Ewas über zwei Jahre ist es her, dass Shumona Sinha mit ihrem Roman „Erschlagt die Armen!“ zum großen Teil begeistert aufgenommen wurde von den Leserinnen und Lesern. Die fulminante Wut-Rede der indischstämmigen Protagonistin, die sich als Dolmetscherin in Asylverfahren aufgerieben fühlt zwischen den Gesetzen der EU, dem Formularwesen der Behörden, den offensichtlich gelogenen Verfolgungsgeschichten der Asylbewerber, die sie von den Schleppern zusammen mit der Transportleistung erworben haben, und ihre offensichtliche Ablehnung, sich den französischen Gepflogenheiten anzupassen, hatte Biss und Witz und zeigte die Komplexität der modernen Völkerwanderungen, die Verlierer auf allen Seiten erschafft. Shumona Sinhas hat also die Messlatte für ihren neuen Roman „Staatenlos“ durchaus hoch gelegt. Und der Roman lässt sich nun wiederum in dem Teil der Gesellschaft verorten, in der die Menschen leben, die zwischen den Kulturen, dieses Mal der indischen und der französischen, wandern und auf der Suche sind. Aber nicht nur das. Staatenlos,  „Apatride“, wie der Roman im Original heißt, sind die drei Frauen, aus deren Leben hier vor allem erzählt wird, auf den ersten Blick gar nicht. Marie ist als …

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau

Es gibt Geschichten, die die Menschen seit Jahrtausenden faszinieren. Die immer wieder gleich und gleichzeitig immer wieder neu erzählt werden. Weil sie um einen festen Kern herum flexible Ränder besitzen, die jeder Erzähler problemlos an die Erfahrungswelt seines Publikums anpassen kann. Solch eine Geschichte ist die Erzählung von Ödipus, der, wie es das Orakel vor seiner Geburt geweissagt hat, erst seinen Vater erschlägt und dann seine Mutter heiratet. Diese tragische Geschichte um die Ermordung des Vaters und den Inzest mit der Mutter bietet ein so spannendes, herausforderndes und tragisches Erzählgerüst, dass Schriftsteller sich dieser Geschichte in allen Zeiten gerne bemächtigt haben – und Teile davon sogar in die Science-Fiction-Welten der Blockbuster gelangten. Und nun erzählt auch Orhan Pamuk eine neue, eine aktuelle Variation des Ödipus-Mythos. Aber nicht nur das. Denn Pamuk stellt dem griechischen Mythos sein persisches Pendant zur Seite. In dem Heldenepos „Schāhnāme“, dem Werk des persischen Dichters Abū ʾl-Qāsim Firdausī, nämlich gibt es die Sage von Rostam und seinem Sohn Sohrab. Weil Rostam seine Frau Tahmine nach der Hochzeitsnacht verlässt, lernt er seinen …