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Joachim Zelter: Im Feld. Roman einer Obsession

Joachim Zelter ist Rennradfahrer. Beim Videodreh anlässlich der Literatour Nord steht das Fahrrad erst im Hintergrund, später sieht man ihn darauf fahren. Er kennt sich aus mit dem Rennrad, ist vermutlich einer derjenigen, die auf den Landstraßen unterwegs sind, Kilometer um Kilometer und die Hügel und Berge gerne im Sattel erklimmen. Die sich, allen Anstrengungen zum Trotz, voller Motivation immer daran machen, Kilometer zu fressen, die sich an freien Tagen mit Gleichgesinnten treffen und die Strecken gemeinsam bewältigen – „im Feld“ fällt es leichter. Und so ist er für die Geschichte, die in seinem jüngsten Roman erzählt wird, offensichtlich ein Experte. Frank, der Protagonist, nimmt uns Leser mit zu seinem Radrenntreff an Christi Himmelfahrt. Als Teilnehmer der Trainingsfahrt, die wirklich eine Art Himmelfahrt wird, als einer, der, wann immer er dazu in der Lage ist, genau beobachtet, was um ihn herum passiert, gewährt er uns Einblicke in all das, was sich im Feld ereignet. Und auch in sein eigenes Leben, das er bei dieser Fahrt immer wieder reflektiert.

Susan und Frank sind aus Göttingen nach Freiburg gezogen, weil Frank endlich richtige Berge fahren und nicht mehr nur die Rampen der Parkhäuser bewältigen will. Die Landschaft des Breisgaus mit den fordernden Anstiegen ist offenbar der einzige Grund für den Umzug, denn weder Arbeit noch Freunde oder Familie haben die beiden nach Freiburg gelockt. Noch sind nicht alle Kisten ausgepackt, aber die Einladung des hiesigen Fahrradklubs zum Radrenntreff an Christi Himmelfahrt – auch für Nicht-Mitglieder – kommt für Frank wie gerufen. Er holt also eines seiner Räder aus dem Keller und fährt zum Treffpunkt am Heidegger-Denkmal. Dort haben sich schon Teilnehmer versammelt, weitere kommen hinzu. Der Vereinsvorsitzende begrüßt die Fahrer, stellt ein paar Regeln auf und gibt Ratschläge und schnell werden drei Leistungsgruppen gebildet. Frank fährt in der mittleren Gruppe mit, der mit dem 27er Schnitt. Die Gruppenführer stellen die Touren vor:

„Wörter wie Warmfahren, kleinere Anstiege und: je nachdem. Je nach Lust und Laune und Verfassung der Gruppe. Und schon hörte man von allen Seiten das Einrasten der Radschuhe in die Klickpedale. Klack, klack, klack. Und es bildeten sich – all die Räder nun kreuz und quer fahrend – die drei Gruppen.“

Langsam setzt der Zug sich in Bewegung, Heidegger, so scheint es Frank, winkt ihnen nach. Gemächlich fahren sie durch die Straßen Freiburgs, Frank ganz hinten, wie ein Zuschauer. Es gibt erste Kontakte, einzelne Fahrer lassen sich zurückfallen, um Frank, sein Rad, sein Trikot vom Göttinger Fahrradtreff, zu begutachten. Auf Franks Computer werden 30 Stundenkilometer angezeigt, eine gemächliche Fahrt durch die Vororte.

Und erstes Geraune über Landauer dringt zu Frank vor. Landauer, das ist der wahre Gruppenführer, Karl, der da im Moment vorneweg radelt, nur sein Assistent. Landauer werde später zur Gruppe kommen, werde sie dann „persönlich übernehmen“. Er sei ein viel beschäftigter Mensch und betreue an so einem Feiertag mehrere Gruppen. Morgens sei er schon mit einer unterwegs gewesen, da spare er sich das gemächliche Einrollen auf den ersten 20 Kilometern. Landauer, das sei ein Hochgeschwindigkeitsfahrer, der fahre einen 35er Schnitt und es sei eine Leichtigkeit für ihn, sie einzuholen. Und ein Langstreckenfahrer ist er, so wird erzählt, denn Landauer fahre gerne Rennen, vor allem die mit den langen Strecken, „die über Tausende von Kilometern gehen und über Zehntausende von Höhenmetern“.

Dann ist Landauer da, in einem alten weißen Trikot aus den 70er Jahren fährt er zur Gruppe auf, er schwitzt nicht einmal. Und scheint zunächst die Visite abzunehmen, indem er an allen Mitfahrern vorbeifährt, hier grüßt, dort aufmuntert. Da werden die vorderen Fahrer hibbelig, denn sie haben die schnelle Gruppe nur wenige Hundert Meter voraus entdeckt – die Gruppe, die früher gestartet und mit einer höheren Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs ist.

Schon beginnt der erste Parforceritt. Das Feld strafft sich, wird schneller, erst 32 Kilometer pro Stunde, dann 35, 37, 40. Zu zweit fahren sie nebeneinander her, beginnen das Windschattenfahren, sodass die beiden vorderen Fahrer immer nur ein paar Sekunden im Wind stehen, sich dann zurückfallen lassen und hinten wieder einreihen. Wie ein Zug nehmen sie weiter Tempo auf, fahren 43, fahren 45 Stundenkilometer.

„Und plötzlich bin ich völlig nackt. Ohne irgendjemanden vor mir. An der Spitze des Feldes. Im Wind! Ein Schlag ins Gesicht. Eine unsichtbare Wand, gegen die man fährt. Als würde jemand in die Räder greifen und mit aller Macht bremsen. Und ich versuche das irgendwie auszugleichen. Unter dem wütenden Rufen Landauers. Mehr in die Pedale gehen. Mehr. Mehr! Gegen die Bremswand irgendwie aufzubegehren. Ein Zerren am Lenker. An der Grenze zur Besinnungslosigkeit. Bis der Fahrer neben mir das Zeichen gibt. Genug. Sich zurückfallen lassen. Was einem Kollaps gleicht!“

Als das schnelle Peloton die Aufholjagd bemerkt, zieht es seinerseits das Tempo an. So rasen zwei Teams durch die Landschaft, führen einen unerbittlichen Konkurrenzkampf – bis die mittlere Gruppe die schnelle eingeholt hat. Bei Tempo 35 fahren die Teams nebeneinander her, man plaudert, Trinkflaschen werden gehoben, als proste man sich zu. Und dann wird zum Abschied gewunken, Landauer biegt mit seiner Truppe rechts ab, die schnelle Gruppe fährt geradeaus weiter.

 Es ist während dieser Tempoverschärfung, also noch zu Beginn der Trainingsfahrt, dass Frank zum ersten Mal darüber nachdenkt, wie wohltuend es wäre aufzuhören. „Und zum ersten Mal der Gedanke: einfach eine Pedalumdrehung auszulassen. Oder aus dem Peloton unbemerkt auszuscheren. Sich aufrechten Sitzes zurückfallen zu lassen mit dem Satz: ohne mich. Ich entschwinde. Ich lass das Rad ausrollen, lege mich in die Wiese und schaue in den Himmel.“

Er will aber nicht der Erste sein, der aufgibt. Er wartet darauf, dass ein anderer Fahrer langsamer wird und abreißen lässt. Aber keiner lässt sich auch nur eine Schwäche anmerken. Es ist durchaus möglich, dass, genau wie Frank, auch andere Fahrer sich die Frage stellen: „Warum?“, aber kein Fahrer, auch nicht aus dem anderen Team will sich eine Blöße geben.

Die kleine Tempoverschärfung, der Kampf um den Schnelligkeitssieg, ist ja bei Weitem nicht das Ende der Fahrt. Denn nun kommt erst einmal der höchste Berg der Vogesen. Frank quält sich über die steilen Rampen, durch die Serpentinen, rechnet für jeden Höhenmeter die Länge der Strecke nach. Aber er hört nicht auf. Er hört aber auch nicht auf, als ihm klar wird, dass Landauer nicht zurück nach Freiburg fährt, sondern die Strecke so wählt, dass die Gruppe wirklich jeden Berg überquert, der in der Nähe liegt.

Am Ende der Ausfahrt, abends um 21 Uhr am Heidegger-Denkmal, hat Frank 345 Kilometer auf dem Tacho und 4367 Höhenmeter. Von 30 Fahrern sind nur noch 8 völlig erschöpft angekommen. Genauso erschöpft wie der Leser, der die Tour ja aus Franks Sicht mitgefahren ist. Der uns in langen Sätzen berichtet, in langen Sätzen seinen beruflichen Abstieg reflektiert, wann immer es ein wenig ruhiger zugeht. Der in kurzen, prägnanten, manchmal unvollständigen Sätzen, die sich fast so schnell drehen wie die Räder seines Fahrrads, von der Schinderei erzählt, die er erlebt und die anderen Fahrer auch.

Wie kann es sein, dass jemand sich so derartig quält, plagt und schuftet? Selbst für einen ambitionierten Freizeit-Sportler scheint dieses Pensum weder sinnvoll noch gesund. Und doch machen alle solange mit, bis sie – sprichwörtlich – vom Rad fallen. Den ständig meckernden inneren Schweinehund zu überwinden und die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit auszutesten, gehört zum sportlichen Training sicherlich dazu. Aber wo ist das Limit? Wann ist es besser, aufzuhören, auszusteigen, abzubrechen, sich die Ruhe anzutun, sich auszuruhen?

Und ist es nur im Sport so, dass wir ständig auf dem schmalen Grat des gerade eben noch Machbaren balancieren? Ist es nicht überall in unserer Gesellschaft so, dass wir in höchstem Tempo unterwegs sind und vor keiner „Herausforderung“ zurückschrecken? Dass wir, wenn wir einmal den Spurt angezogen oder das Problem oder gar die „Challenge“ bewältigt haben voller Stolz auf unser Werk schauen: Wir haben ja die eigene Willensschwäche überwunden und dem müden, abgespannten und erschöpften Körper gezeigt, wer der Herr im Haus ist.

Zelter hat also keineswegs nur die Geschichte einer verrückten Trainingsfahrt erzählt. Er erzählt uns mit dieser mühseligen Trainingsfahrt eine treffende Parabel über unsere Gesellschaft, erzählt mit seiner Geschichte über die Trainingsfahrt auch darüber, wie wir arbeiten, uns trainieren und selbstoptimieren und selbst unsere Freizeit noch so gestalten, dass wir sie ständig in perfekter Inszenierung veröffentlichen können. Er erzählt nicht nur von Frank und seinen Herausforderungen sondern auch von den Anforderungen, die uns von außen auferlegt werden, aber auch von denen, die wir uns gerne selbst aufbürden. Das macht sehr nachdenklich.

Am 26.3.2019 wird Joachim Zelter den Preis der Literatour Nord in Hannover entgegennehmen. Nicht zuletzt auch für den Roman „Im Feld“.

Joachim Zelter (2018): Im Feld. Roman einer Obsession, Tübingen, Klöpfer & Meyer

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