Alle unter Freiheit verschlagworteten Beiträge

Abbas Khider: Die Orangen des Präsidenten

Wer sich angesichts der einen oder anderen aktuell beunruhigenden Nachricht noch einmal vergewissern möchte, was es heißt, in einer Diktatur zu leben, der kann auf den Spuren des Abiturienten und Taubenzüchters Mahdi schnell herausfinden, dass das Leben in einem solchen Land höchst unsicher und unvorhersehbar ist – und sehr gefährlich. Mahdi lebt im Irak Saddam Husseins. Durch den Iran-Irak-Krieg verliert er seinen Vater, die Mutter, Analphabetin, verkauft den Renault und das Grundstück, großzügige Gaben des Staates zum Ausgleich des Verlustes, kauft eine Wohnung und betreibt fortan einen Gemüseladen, um für sich und Mahdi sorgen zu können. Ein paar Jahre später stirbt die Mutter an Krebs, Mahdi zieht zu seinem Onkel nach Nasrija. Und nach seinen Abiturprüfungen landet er quasi direkt in den Katakomben des Hussein-Regimes, denn bei einer Spritzfahrt mit seinem Freund Ali wird er festgenommen, Ali hatte wohl die falschen politischen Freunde und Mahdi war zur falschen Zeit mit Ali zusammen. Und wie es politischen Häftlingen in einem absolut rechtsfreien Raum ergeht, davon erzählt Mahdi in seinem Roman. Zu Beginn der Vernehmungen glaubt Mahdi …

Byung-Chul Han: Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken

Wir leben in freien und selbstbestimmten Zeiten. Im Unterschied zu unseren Eltern und Großeltern können wir frei entscheiden, welches Lebensmodell wir wählen, ohne dass daran jemand Anstoß nimmt. Wir können recht selbstbestimmt über Schulbildung, Ausbildung, Hochschule und Weiterbildung entscheiden, können ins Ausland ziehen, für eine gewisse Zeit oder auch für immer, wenn uns der Sinn danach steht. Bei der Arbeit werden wir wahr- und ernstgenommen, mindestens einmal im Jahr können wir den Grad unserer Mitarbeiterzufriedenheit, Probleme und Projektideen in einem Personalgespräch äußern, in vielen Unternehmen kümmert sich eine Personalabteilung um unsere Weiterentwicklung. In der Freizeit können wir nach Herzenslust trainieren und unsere Trainingsverbesserungen per Smartwatch oder Herzfrequenzgurt genau nachverfolgen, analysieren und daraus weitere Schlüsse für unser Trainingsprogramm ziehen. Unsere Kinder lernen schon in der Schule selbstorganisiert zu lernen, sie formulieren ihre Wochen- und Monatslernziele selbstständig, entscheiden, mit welchen Sozialformen und Methoden sie ein lebenswirkliches Problem lösen wollen und reflektieren im Anschluss ihren Lern- und Arbeitsprozess – selbstständig natürlich. Und wenn wir Streit mit dem Nachbarn haben, mit Kollegen oder dem Ehepartner, dann lösen wir das …

Ian McEwan: Kindeswohl

Mitten hinein in die Räume der bürgerlichen Gesellschaft, mitten ins Herz des aufgeklärten Rechtsstaates führt Ian McEwans neuer Roman „Kindeswohl“. Und geht dabei der Frage nach, wie Freiheit und Selbstbestimmung in der modernen Gesellschaft gelebt werden können, vor allem, welche Dilemmata an der Grenze zwischen Freiheit und Selbstbestimmung auf der einen und Moral und Religion auf der anderen Seite entstehen können. Damit wendet sich McEwan einem sehr aktuellen Thema zu und setzt sich über seine Figuren, ihre Haltungen, Werte und Wünsche aus verschiedenen Perspektiven mit den Grenzen von Freiheit und Selbstbestimmung auseinander. Fioana Maye ist Richterin am High Court in London. Dort erlebt sie den sich stetig verändernden gesellschaftlichen Diskurs anhand der Fälle, die sie entscheiden muss. Viele dieser Konflikte würde sie gar nicht kennenlernen, wären nicht Kinder involviert. Denn Erwachsene dürfen sich, so ist es Grundlage unserer Gesellschaft im Allgemeinen frei entscheiden. Wenn es sich aber um Kinder handelt, deren Möglichkeiten einer freien Persönlichkeitsentwicklung, somit auch einer Wahl zwischen den unterschiedlichsten Lebensentwürfen, eingeschränkt werden, und oftmals begründen sich diese Einschränkungen aus religiösen Motiven, dann …

Leonardo Padura: Ketzer

Wer einen Schmöker sucht für verregnete – oder gerade auch sonnige – Ferientage, einen üppigen Roman, der den Leser über die Kontinente und durch die Jahrhunderte entführt – in das Havanna von heute und das der 1930er bis 1950er Jahre, nach Amsterdam und bis nach Osteuropa zur Mitte des 17. Jahrhunderts, in Rembrandts Atelier, die Behausungen der Einwanderer und auf die alte Prachtstraße Calle G in Havanna – dem sei Paduras „Ketzer“ empfohlen. Der kubanische Schriftsteller, der sich auch mit kritischen Reportagen über die Missstände in seinem Land einen Namen erworben hat, schickt wieder seinen Ermittler Mario Conde ins Rennen, den ehemaligen Polizisten und jetzigen Jäger bibliophiler Schätze. Doch dieses Mal geht es nicht um einen Mord, sondern um die Suche nach einem Bild Rembrandts, das seit 1939 verschollen ist, nun aber bei einer Auktion in London plötzlich wieder auftaucht. Und nebenbei – oder doch: vor allem – geht es um die Frage, wie viel Freiheit verschiedene Gesellschaften ihren Mitgliedern zugestehen, um individuelle Entfaltungsmöglichkeiten wahrnehmen zu können- und welchen hohen Preis diese Freiheit haben kann. …

Marlene Streeruwitz: Nachkommen.

Was soll Literatur leisten in Zeiten der wirtschaftlichen Krise? Hat sie eine besondere Aufgabe in einer bedrängenden Situation, die Finanzkrise genannt wird, tatsächlich aber Familien bis zur Mittelschicht in ausweglose Armut stürzt, so als ob ein Krieg herrscht, Reich gegen Arm? Nelia Fehn, die zwanzigjährige Protagonistin dieses Romans, hat die Auswirkungen der Krise in Griechenland besichtigt, sie hat in einer Athener Familie gesehen, wie schnell der wirtschaftliche Abstieg gehen kann, durchaus unter tätiger Mitwirkung von nationaler und internationaler Politik und der Verwaltung: Die Ohnmacht, wie die eigenen Politiker einen morden. Das Schleichende an den Morden. Langsam und stetig. Die himmelschreienden Ungerechtigkeiten. Die Polizei, die den Eliten alles ermöglichte und den Bürgern die Füße zerschlug. (…) Es war eine ungeheure Schnelligkeit in diesem zähen Niedergang. Jede Stufe hinunter. Da blieb gar keine Zeit. Nicht einmal Zeit für wirklich lautes Schreien. Ein kurzer Ausruf und schon der nächste Schmerz. Das ist also mein Leben, musste man da rufen und schon den nächsten Verlust verbuchen und um Luft ringen. (S. 92) Über ihre Reise nach Griechenland hat Nelia …

Abbas Khider: Brief in die Auberginenrepublik

Über Nacht aus einem Land zu fliehen, um die eigene Haut zu retten vor Willkür, Verhaftung und Folter, und in einem anderen Land bei Null anzufangen, das ist das eine. Das andere aber ist, dass Menschen zurückbleiben, Eltern, Geschwister, Freunde, die Freundin, und es keinen Weg gibt, mit ihnen in Kontakt zu kommen, nicht einmal um zu melden, dass man gut angekommen sei in der Sicherheit des benachbarten Landes, ohne dass die dienstbaren geister des Staates mithören und mitlesen und so die Zurückgebliebenen auch noch in Gefahr zu bringen. Vielleicht ist das heute leichter, aber 1999, in der Zeit, aus der uns Abbas Khider die Geschichte eines Briefes erzählt, galt das Schicken eines Briefes über die normalen Wege als sehr gefährlich. So steht Salim seit zwei Jahren immer wieder ratlos vor der Post von Bengasi, in Libyen. Er ist zusammen mit anderen Studenten wegen Lesens „verbotener Bücher“ (S. 12) verhaftet worden. In der Folterkammer, die die Gefangenen als die „Schweiz“ bezeichnen, weil auf dem Elektroschockgerät der Aufkleber „Made in Switzerland“ prangt, hat er nichts verraten, …

[5 lesen 20] Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como

Liebe, natürlich. Musik. Und Freundschaft. Tom Holler sitzt im Wohnzimmer mit Leonardo Hermanns, Ehemann von Anne, die wiederum Toms Klavierschülerin ist – und seine Geliebte. Sie trinken Whisky und plaudern, weil Anne beim Einkaufen offensichtlich die Zeit vergessen hat und nur ihr Ehemann, Physiker und als Manager sonst viel unterwegs, ausnahmsweise zu Hause ist. Beim Plaudern hat Hermanns Tom die Frage nach den wichtigen Dingen des Lebens gestellt. Nun schaut er nachdenklich den Klavierlehrer seine Frau an und bescheinigt ihm auf seinee Antwort hin, wohl doch noch sehr jung zu sein und er solle es genießen, es bliebe nicht immer so. Hermanns liegt mit seiner Einschätzung richtig, aber das ahnt jetzt noch niemand. Liebe, Musik und Freundschaft sind die Themen, die Monika Zeiner in ihrem Roman um Tom, Marc und betty auslotet. Und Berlin und Italien spielen auch eine große Rolle, das Berlin und das Lebensgefühl auf aufstrebenden Künstler in den frühen 1990er Jahre, und Italien, weil außer einem alle wichtigen Geschichten dieses Romans mit Italien zu tun haben, sei es die italienische Woche in …

Philipp Schönthaler: Nach oben ist das Leben offen

„Arbeit als Hochleistungssport“ überschreibt die Süddeutsche Zeitung vor einigen Tagen einen Artikel, der von den „World Skills“ berichtet, einem Wettbewerb, der in diesem Jahr in Leipzig stattgefunden hat und bei dem die Teilnehmer, Berufsanfänger aus 46 nicht-akademischen Berufen, gegeneinander antraten. Unter den Augen der Öffentlichkeit mussten sie in einer knapp bemessenen Zeit das Design für eine Jacke entwickeln und diese nähen, ein Auto lackieren, Fliesen legen, einen Gartenweg oder eine Wandfläche nach einer Vorlage gestalten. Und damit der Pinsel ruhig in der Hand liegt, hat sich die Maler-Meisterschülerin mit autogenem Training und mit Yoga gut vorbereitet. Die Menschen, die in diesem Artikel beschrieben werden, könnten Figuren sein aus Philipp Schön-thalers Erzählungen. Allen gemein ist ihr Streben nach Höchstleistungen, sowohl im Beruf als auch in Freizeitaktivitäten, die aber längst so professionell ausgeführt werden, dass sie zum Beruf ge-worden sind. Da ist zum Beispiel Termann, Apnoetaucher, dessen Ziel es ist, 200 Meter tief zu tauchen ohne Sauerstoff, nur mit seiner eigenen Luft. Diese Art des Tiefseetauchens ist nicht ganz ungefährlich, denn die eingeatmete Luft muss auch dazu …

Gerbrand Bakker: Der Umweg

Es gibt diese Fragen, die bei den Antworten ganz grundsätzliche Entscheidungen einfordern und auf die wahrscheinlich keiner eine ehrliche Antwort finden kann, solange er nicht selbst in der ganz konkreten Situation ist. Agnes, die Heldin in Bakkers Roman, hat ihre ganz persönliche Antwort gefunden auf die Frage, die ihr gestellt worden ist: „Was würdest Du tun, wenn Du nur noch einige wenige Monate zu leben hast.“ Und die Frage kann sicherlich nicht beantwortet werden, wenn nicht auch das Leben bis hierher bilanziert wird, die Beziehungen zu Familien und Freunden geklärt werden, die Zufriedenheit mit dem Beruf – und im schlechtesten Fall auf einmal feststeht, dass man das falsche Leben gelebt hat. Agnes und ihr Mann haben sich in ärztliche Behandlung begeben, um ein Kind zu bekommen. Im Rahmen der notwendigen Untersuchungen ist bei Agnes eine bösartige Krankheit, den Symptomen nach Krebs, auch wenn dies im Roman nie explizit benannt wird, diagnostiziert worden. Agnes spricht mit niemandem darüber, mit ihrem Mann nicht und nicht mit ihren Eltern. Auch über ihre Kündigung als Literaturdozentin an der Uni …

Anna Weidenholzer: Der Winter tut den Fischen gut

Seit 25 Jahren wohnt Maria Beerenberger in ihrer kleinen Wohnung, die sie mit wenigen Schritten durchschreiten kann. Aus der Wohnung kann Maria in den Hof blicken und auf die Straße, um den Himmel zu sehen, muss sie sich am Fenster bücken und nach oben schauen, vorbei an der immer höher wachsenden Fichte im Hof, die ihr noch zusätzlich das Licht nimmt.  Seit ihr Mann gestorben ist, lebt sie hier alleine. Aber eine erfüllte, glückliche Ehe ist das auch nicht gewesen, das Zusammenleben mit Walter, dem Elvis-Imitator, der sie auch schon einmal schlägt, wenn sie ihn zu lange bittet, auf sein Gewicht, auf seine Gesundheit zu achten. Walter ist eine traurige Gestalt: Schon sein Elternhaus steht auf der Schattenseite des Tals, dort, wo im Winter die Sonne nicht hinkommt. Er ist ein Muttersöhnchen, der Maria daran misst, ob sie den Weihnachtsbaum so schmückt, wie er es von Zuhause kennt und den Braten so zubereitet, wie seine Mutter es immer macht. Zu seinen Elvis-Nummern hat Maria eine feste Meinung: Als King betritt er die Bühne und er …

Sam Savage: Firmin. Ein Rattenleben

Angeregt durch die Gestaltung des Buchcovers, des in der Innenseite des Klappendeckel abgebildeten Bildes des Autors sowie dem guten Ratschlag von Dennis Scheck („Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie Sam Savages ´Firmin`“) gehörte dieser Roman über Firmin, die lesende Ratte– zugegebenermaßen schon vor etlichen Monaten – unbedingt auf meine Leseliste. Und es geht gleich mit den wichtigen Fragen des Lebens und Lesens los: Warum fängt man eigentlich mit dem Lesen an, wenn doch alle anderen Geschwister lieber balgen und streiten? Wie kommt es, dass man sich zum Lesen, zur Literatur so hingezogen fühlt, dass man geradezu süchtig danach ist? Entgeht einem das Leben, wenn man liest? Oder: Lebt man gerade intensiver durch das Lesen? Macht Literatur anders? Oder: Ist sowieso anders, wer gerne liest? Und: Kann Literatur helfen, das Leben zu bewältigen, weil Probleme und Schwierigkeiten, ja das Leben selbst, in einem neuen Licht erscheinen, wenn man liest? Firmin, um den es hier geht, ist tatsächlich anders. Er ist einer von dreizehn Rattengeschwistern und beschreibt die Unterschiede so: Sie …

Hansjörg Schertenleib: Wald aus Glas

Eine furchtbare Kraft ist in uns, die Freiheit. Dieses Zitat Cesare Paveses stellt Schertenleib seinem Roman voran. Und Freiheit und Selbstbestimmung sind auch die großen Themen des Romans, denn Schertenlaub zeigt uns gleich zwei Protagonistinnen, die 72-jährige Roberta und die 16-jährige Ayfer, die zu Beginn des Romans ihre Selbstständigkeit verloren haben und sie mühsam versuchen zurückzugewinnen, und dies, das erfährt der Leser gleich auf den ersten Seiten, nicht mit einem guten Ende. Die 72-jährige Roberta ist in ein Altersheim zwangseingewiesen, denn sie hat sich geweigert, ihre Wohnung zu verlassen. Das Haus aber soll abgerissen werden, es steht schon ein Investor parat. Das Altersheim kommt ihr vor wie ein Panoptikum: der Zimmernachbar Humbel kennt nur das Thema der Fortpflanzung von Tieren, mit dem er bei Tisch alle Sitznachbarn belästigt. Frau Gautschi spielt, wann immer sie in den Speisesaal kommt, Stewardess, begrüßt alle Anwesenden recht herzlich, nennt die aktuelle Lokalzeit und bedankt sich für den Mitflug. Und wenn Roberta nicht abends zum organisierten Kartenspeilen kommt, muss sie sich dafür rechtfertigen. Das ist nichts für Roberta, die ihr …