Flucht und Entwurzelung, Lesen, Romane
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Abbas Khider: Brief in die Auberginenrepublik

Khider_AuberginenrepublikÜber Nacht aus einem Land zu fliehen, um die eigene Haut zu retten vor Willkür, Verhaftung und Folter, und in einem anderen Land bei Null anzufangen, das ist das eine. Das andere aber ist, dass Menschen zurückbleiben, Eltern, Geschwister, Freunde, die Freundin, und es keinen Weg gibt, mit ihnen in Kontakt zu kommen, nicht einmal um zu melden, dass man gut angekommen sei in der Sicherheit des benachbarten Landes, ohne dass die dienstbaren geister des Staates mithören und mitlesen und so die Zurückgebliebenen auch noch in Gefahr zu bringen. Vielleicht ist das heute leichter, aber 1999, in der Zeit, aus der uns Abbas Khider die Geschichte eines Briefes erzählt, galt das Schicken eines Briefes über die normalen Wege als sehr gefährlich.

So steht Salim seit zwei Jahren immer wieder ratlos vor der Post von Bengasi, in Libyen. Er ist zusammen mit anderen Studenten wegen Lesens „verbotener Bücher“ (S. 12) verhaftet worden. In der Folterkammer, die die Gefangenen als die „Schweiz“ bezeichnen, weil auf dem Elektroschockgerät der Aufkleber „Made in Switzerland“ prangt, hat er nichts verraten, keine Namen genannt. So meinte er vor allem Samia zu schützen, seine Freundin. Und während er im Gefängnis in einem Loch von einem Quadratmeter in absoluter Stille die Tage verbrachte, schaffte es sein Onkel, die Verhörpolizisten zu bestechen, so dass Salim entlassen wurde, bevor seine Akte bis in die Sicherheitszentrale gelangte. Salim musste nun die kurze Zeit bis zur Ankunft der Akte an ihrem Bestimmungsort nutzen, um zu fliehen. Über Syrien, wo er auch nicht bleiben konnte, weil ihm niemand die Geschichte mit dem Onkel glaubte, gelangte er dann nach Libyen. Alles wegen der subversiven Kräfte der Literatur!

Zwei Jahre sind mittlerweile vergangen und immer noch denkt sich Salim mehrmals am Tag einen Brief aus an Samia aber er kann ihn nicht losschicken, will er sie nicht gefährden. So weiß Samia nicht, dass er die Flucht geschafft hat, sie weiß nicht, dass er kein Verräter ist, auch wenn er schon nach einer Woche aus der Haft entlassen wurde, sie weiß nicht, dass er über mehrere Stationen nun im libyschen Bengasi gelandet ist und dort auf dem Bau arbeitet, sie weiß nicht, wie oft er an sie denkt, wie ihn nur seine Liebe und seine Erinnerung an sie alles ertragen lässt. Nun hat Salim in einem Café, das ein Iraker führt, von der Möglichkeit gehört, den Brief auf anderen Wegen nach Bagdad schicken zu können, nämlich über Reisebüros, die Kontakte haben zu Taxifahrern, Lkw-Fahrern, die bei ihren Fahrten immer wieder Briefe in den Irak schmuggeln. Salim entschließt sich, endlich seinen Brief an Samia zu schreiben, auch wenn er durchaus skeptisch ist, ob der Brief seine Empfängerin überhaupt erreicht:

Und diesen Brief habe ich für mich und das Nichts verfasst, weil er höchstwahrscheinlich seine Empfängerin nicht erreichen wird. Aber warum mache ich mir dann so viele Gedanken darüber? Ich habe doch, seit ich in Bengasi bin, aufgehört, alles begreifen zu wollen. Das sind unschätzbare Vorteile des Exils. Man erreicht eine Stufe völliger Gleichgültigkeit und nimmt die Dinge, wie man sie vorfindet. (S. 18)

Tatsächlich aber beginnt die Fahrt des Briefes aus Bengasi Richtung Irak erst einmal viel versprechend. Der ägyptische Taxifahrer Haytham Mursi nimmt ihn von seinem Chef aus dem Reisebüro  entgegen und wird ihn mitnehmen nach Kairo, wohin er drei Reisende bringt. Zwei der Reisenden sind auch Ägypter, Gastarbeiter in Libyen, die nur einmal im Jahr nach Hause kommen, der dritte ist Syrer. Er wird an der Grenze nach Ägypten nicht mit den anderen überschreiten können.

Für uns Leser bedeutet diese Reise des Briefes rückwärts in das Land, aus dem Salim fliehen musste, die vielen Menschen kennenzulernen, die daran beteiligt sind, den Brief zu transportieren. Und so lernen wir verschiedene Menschen aus den arabischen Ländern kennen und indem sie Ausschnitte ihres Lebens erzählen, Details ihres Tagesablaufs, ihrer Arbeit, von ihren Familien erzählen, berichten, welche Geschenke sie für Kinder und Enkel mitbringen, welche Schwierigkeiten  es immer wieder zu überwinden gilt, lernen wir vieles über den Alltag dieser ganz normalen Menschen. Das wirkt manchmal durchaus komisch, wenn der irakische Lastwagenfahrer in Amman zum Beispiel im Taxi fährt und ein Gespräch in Gang kommt über die jeweils merkwürdigen politischen Verhältnisse in ihren Ländern. So amüsiert sich der Taxifahrer ganz köstlich darüber, dass die Iraker, die durch das Handelsembargo kaum mehr Auswahl an Lebensmitteln haben, sich nun hauptsächlich von Auberginen ernähren:

„Wir essen nur noch Auberginen. Die Jungen im Irak haben unserem Land den neuen Zusatznamen gegeben ´Auberginenrepublik`. Das ganze Jahr ernähren wir uns von dieser Eierpflanze. Meine Frau versucht ständig etwas Neues aus den Auberginen zu kreieren: Auberginen-Bällchen, Auberginen-Suppe, Auberginen gekocht, gegrillt, gebraten. Sogar aus der Schale der Auberginen produziert sie Chips. Sie nennt die Auberginen entweder ´Königin der Küche` oder ´Herrrin der Bratpfanne´.“ – „Ihr Iraker! Ihr seid ein lustiges Völkchen und könnt über euch selbst lachen. Davon habe ich schon gehört. Es soll bei euch wirklich nicht einfach sein.“ (S. 79)

Manchmal aber ist sind die Geschichten, die hier zum Teil so ganz nebenbei erzählt werden, aber auch sehr bedrückend, wenn nämlich eben dieser Lastwagenfahrer darüber nachdenkt, den Tod seines Sohnes mitverursacht zu haben, weil er ihm immer wieder deutlich gemacht hat, wie wichtig es sei, die Wehrpflicht  auch während des irakisch-iranischen Krieges zu erfüllen, sonst könnte er nicht weiter Medizin studieren – und dann schlug eine Bombe im Lazarett ein und tötete den Sohn.

So gelangt der Brief über einige Stationen nach Bagdad und dort sofort in die Hände der Polizei, die natürlich nicht nur weiß, dass es diese Routen für Briefe der Exiliraker gibt, sondern selbst daran beteiligt ist, diese Routen über die vielen Reisebüros aufzubauen und in Gang zu halten. Schließlich lässt sich damit nicht nur sehr viel Geld verdienen, mit dem Zufriedenheit und Loyalität der Mithelfer gekauft werden kann, sondern die Polizei sitzt dann auch gleich an der Quelle und kann die Briefe sofort bei ihrer Ankunft begutachten und auswerten.

Abbas Khider zeigt uns mit seinem Roman, wie das Leben war in einem arabischen Land vor dem arabischen Frühling – und vielleicht auch heute noch ist. Durch den Wechsel der Ich-Erzählperspektiven erschließt sich dem Leser ein Kaleidoskop verschiedener Leben. So werden Einblicke gewährt in verschiedene Schichten der arabischen Gesellschaften: vom Flüchtling über den Lkw- oder Taxifahrer, die schon wohlsituierten Besitzer von Reisebüros, über den Polizisten in Bagdad bis hin zum Kopf  dieses besonderen Briefbeförderungssystems. Durch diese Erzählhaltung gelingt es dem Autor auch, sehr vielschichjtige Figuren zu erschaffen, sodass der Leser selbst bei den unsympathischsten Zeitgenossen zumindest dessen Motivation erkennen kann. Das ist niocht nur spannend geschrieben,sondern auch interessant und informativ.

Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum der Roman nicht die ganz große Literatur ist. Weil die Handlung so nah ist an der Realität, erscheinen die Erzählstimmen manchmal ein wenig hölzern, mehr so, als ob reale Menschen einem Journalisten ein Interview gegeben hätten – und jeden Gedanken, den sie haben, und jede Begründung ihres Handelns müssen sie ihm haarklein erzählen. So liest der Roman sich an manchen Stellen mehr wie eine Reportage.

Abbas Khider stellt seiner Erzählung ein wunderbares Bild der Welt voran: die Erde nämlich, oval wie ein Ei (oder eine Aubergine?), sei aufgespießt auf dem Horn eines Ochsen, der mit einem Fuß im Paradies stehe, mit dem anderen im Wasser der Schöpfung, dem dritten in der Hölle, dem vierten im Feuer Satans. Wenn er sich bewege, dann rotiere die ovale Erde auf seinem Horn und so komme es, dass immer wieder eine Hälfte der Menschheit dem Paradies zugewandt sei und die andere der Hölle. Und wegen seiner großen Weisheit bewege er sich von Zeit zu Zeit, so dass es zu einer ausgleichenden Gerechtigkeit für die Menschen komme. Aus unerfindlichem Grund aber hätte der Ochse vor einiger Zeit aufgehört, sein Gewicht von dem einen auf den anderen Fuß zu verlagern und so müsse die eine Hälfte der Menschheit schon eine geraume Zeit auf der dunklen Seite des Eies leben. Und wer nun auf dieser dunklen Seite aus seiner Heimat fliehen muss, findet nicht einmal eine Möglichkeit, Kontakt zu halten zu seiner Familie, zu seinen Freunden…

Abbas Khider ist auf Facebook  zu finden und betreibt eine Homepage. Und hier ist ein Bericht zu lesen über eine Lesung des Autors in Lübeck

Abbas Khider (2013): Brief in die Auberginenrepublik, Hamburg, Nautilus Verlag

2 Kommentare

    • Ja,ja, je mehr man in den Blogs herum liest, umso größer werden erst die Verlockungen und dann die Bücherstapel :-). Aber Khiders „Auberginenrepublik“ zu lesen lohnt sich auf jeden Fall. Ich bin gesapnnt, wann der Roman auf Deinem Blog auftaucht!
      Viele Grüße, Claudia

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