Alle unter Lebensentwurf verschlagworteten Beiträge

Ernst-Wilhelm Händler: München. Gesellschaftsroman

Als Gesellschaftsroman bezeichnet Ernst-Wilhelm Händler seinen Roman im Untertitel und erzeugt damit ganz konkrete Erwartungen bei seinen Lesern: Eine Großstadt mit ihren verschiedenen Bewohnern und ihren gesellschaftlichen Verwerfungen gerate hier unter das Brennglas des Autors, so meint der Leser, wie in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, wie in John Lancasters „Kapital“. Nach Berlin und London nun also München, so der Romantitel. Damit hat Händler schon einmal eine falsche Spur ausgelegt, denn in seinem Roman werden weder gesellschaftliche Unterschiede ausgelotet noch komplexe Handlungsstränge verschiedener Figuren kunstvoll ineinander verwoben. In München spielt der Roman und zeigt viel Lokalkolorit, aber er spielt nur in einer Gesellschaft, der besseren nämlich. Alle Figuren sind auf sehr viel Geld recht weich gebettet, gehen in den angesagten Münchner Shops großzügig einkaufen und zeigen mit den angesagten Modemarken, wer sie sind. Sie verkehren auf Partys von RTL-Größen, an den Kulturplätzen der Stadt oder auch beim Charity-Dinner auf Schloss Herrenchiemsee, wenn dort Prinz Franz seinen achtzigsten Geburtstag in angemessener Kulisse begeht. [Zum Weiterlesen hier entlang]

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind

Saudi-Arabien ist nicht gerade ein Land, in das es Mitteleuropäer, zumal Frauen, in Scharen zieht: Ein absolutistischer König herrscht, die islamische Religion wird besonders konservativ und streng ausgelegt. Die Folgen sind die Verletzung von Menschenrechten, eingeschränkte Meinungsfreiheit und archaische Strafen wie Steinigung und Auspeitschung, von der Todesstrafe ganz zu schweigen. Für Frauen wird die Situation noch einmal schwieriger, denn sie müssen sich nicht nur in der Öffentlichkeit verschleiern und dürfen nicht Autofahren, dürfen nicht mit nicht-verwandten Männern zusammentreffen, was (universitäre) Bildung, was Arbeit, ja sogar die Krankenversorgung erschwert, sie haben vor allem nur eingeschränkte Rechte, weil sie immer einen männlichen Vormund haben, der über sie bestimmen kann, erst den Vater, dann den Ehemann. Fürwahr kein Traumland. Dorthin, nach Jeddah, fliegt Basil. Seine Schwester Layla hat ihn zu ihrer Hochzeit eingeladen. Und Basil nimmt die Einladung an, einmal natürlich, weil ihn seine Schwester darum gebeten hat, aber auch, weil er verstehen möchte, was sie zu diesem Schritt treibt. Basil und Layla, Layla und Basil, das ist die Geschichte gewesen von zwei Geschwistern, fast Zwillingen gleich, die …

Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch

Da sitzt eine Mutter auf dem Boden vor dem Bett ihres Sohnes, seinen Kopf in ihren Schoß gebettet. Sie hat unruhig geschlafen, hat wohl schon geahnt, dass er in dieser Nacht sterben wird. So ist sie früh aufgestanden, noch im Dunkeln, um nach ihm zu schauen und hat ihn leblos vor seinem Bett gefunden. Er ist nicht einfach eingeschlafen, friedlich, wie man so sagt, sondern hat sich vor das Bett gesetzt, in der Hoffnung wohl, dass ihm dort sitzend das Atmen leichter falle. Die Mutter hat sich neben ihn gesetzt und wartet auf den Sonnenaufgang, erst dann will sie den Arzt rufen. Es ist sicherlich immer eine ungeheuerliche Situation, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt. Auch in diesem Fall ist das so, auch wenn der Sohn erwachsen ist und die Mutter ihn seit einem Jahr pflegt. Aber aus einem ganz anderen Grund, als man erwartet. Denn nun, nach seinem Tod, kann die Mutter ihm endlich das alles erzählen, was sie ihm immer verschwiegen hat, kann endlich ihr Leben erzählen, wie sie es ihm nie …

Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit

Hannah steht vor einem Scherbenhaufen. So oft sie sich auch als Journalistin bewirbt, sie bekommt keinen Job. Und die Partnerschaft zu Jakob, die Partnerschaft, die sie einst als sicheren Hafen, als Bollwerk gegen die Anfeindungen des Lebens, gesehen hat, hat sich auch in Luft aufgelöst. Nun ist Hannah 30 Jahre und ist an diesem runden Geburtstag alleine in Berlin, ohne Anrufe, ohne Emails, ohne Freunde, ohne große Geburtstagsparty. In dem kleinen Einzimmer-Appartement der Freundin Miriam, die gerade für einen Fernsehsender in Moskau arbeitet, wohnt sie, das wenige Geld, das sie hat, muss sie sorgfältig verwalten. Und dabei haben ihre Eltern ihr vor ein paar Jahren noch gesagt, dass sie es dich gut habe. Dass sie doch zu einer Generation gehöre, die alle Freiheiten habe, „der alle Wege offenstünden. Man könne alles werden, alles sein, hieß es, alles sei möglich, das sei die totale Freiheit.“ Friederike Gösweiner fackelt nicht lange, erzählt gar nicht erst um den heißen Brei. Nach den ersten beiden Kapiteln liegen die beiden Konfliktfelder fein säuberlich ausgebreitet vor dem Leser. „Dann hat es …

Yannick Haenel (2014): Die bleichen Füchse

Als „der fesselndste Roman dieses Herbstes“ wurde Yannick Haenels Geschichte um „Die bleichen Füchse“ in Frankreich im Erscheinungsjahr 2013 angekündigt. Fesselnd ist er tatsächlich, wegen seiner Handlung und auch wegen seiner literarische Gestaltung, seiner Bezüge zur Literatur und Geschichte und der immer wiederkehrenden Motive. Er ist aber, um das Spiel mit den Superlativen fortzuführen: provozierend, verstörend und radikal. Und politisch aktuell, auch wenn er die Unruhen in Paris und anderen Städten aus dem Jahr 2005 aufgreift und weiter erzählt, damit aber eine gesellschaftliche Realität beschreibt, die sich bis heute nicht geändert haben mag, die vielleicht auch Auslöser für den Terror im Januar gewesen ist. Die Geschichte beginnt damit, dass Jean Deichel an einem Sonntag im April, es ist der Tag der Präsidentschaftswahl, aus seinem möblierten Zimmer ausziehen muss. Mit der Miete ist er schon seit einigen Monaten säumig. Er ist arbeitslos, und weil er die Formulare nicht ordnungsgemäß ausfüllt, wird immer mehr seiner Arbeitslosenunterstützung gestrichen. Er hat die letzten Wochen vor allem in seinem Zimmer verbracht und kann genau beschreiben, wie die Sonne ins Fenster …

LLL 2014 – Lukas Bärfuss: Koala

Der Bruder hat seinen Suizid genau geplant. Erst hat er seinen letzten Willen formuliert, seinen Besitz unter Freunden und Familie verteilt, bestimmt, wie er beerdigt werden möchte. Sechs Wochen später dann hat er sich in eine Badewanne gelegt und eine Überdosis Heroin gespritzt. Die Wohnung hat er vorher aufgeräumt, die Wohnungstür unverschlossen gelassen, damit sie nicht unnötig aufgebrochen werden muss, die geliehenen Gegenstände mit Zetteln versehen, sodass sie schnell zurückgegeben werden können. In die Wanne hat er sich gelegt, weil er keinen Schmutz hinterlassen will. Der Ich-Erzähler reist, als er die Nachricht vom Tod des Bruders erhält, zurück in seine Heimatstadt, die er vor vielen Jahren verlassen hat. Abends sitzt er mit Freunden des Bruders zusammen, alle sind überrascht, denn vor ein paar Tagen noch haben sie zusammen gesessen, so erzählen die Freunde, zusammen gewürfelt. Bestimmt habe er sich da von ihnen verabschiedet „im Geheimen, er für sich alleine, ohne sich zu offenbaren“. Und dann, später am Abend, als sie sich gefasst haben, beharren die Freunde darauf, dass ein Erstaunen über die Tat nicht richtig …

Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom

Ein Gastbeitrag von Tina aus Stuttgart Ich-Erzähler Artur ist Historiker. Er verdient aber in einem Copyshop, als freiberuflicher Sketchschreiber und Nachhilfelehrer seinen Lebensunterhalt. Schnell wird dem Leser klar, dass Artur bisher ein recht monotones Leben hatte und in seiner Ehe mit Lehrerin Rita, die kurz vor der nächsten Karrierestufe steht, nicht den Ton angibt. Mit einem Mal ändert sich alles: Eine gewisse Alice („Aließ“) taucht im Copyshop auf und hinterlässt Artur eine Nachricht. Er hat nun die Wahl, dieser mysteriösen Unbekannten zu folgen oder eben nicht. Das war die letzte Handlung in meinem alten Leben, von dem ich heute weiß, dass es kein Leben war, und in das ich doch, wenn das möglich wäre, ohne zu murren zurückkehren würde. Seine Entscheidung trifft er schnell. Er folgt ihr. Nach und nach wird dadurch sein Leben auf den Kopf gestellt. Im Laufe der Geschichte hadert Artur immer wieder mit sich, denn impulsive Entscheidungen widersprechen seinem eigentlichen Wesen. Der „alte“ Artur wollte sein Glück nie herausfordern. Um das Schlimmste zu umgehen hat er beispielsweise eine Reihe Versicherungen abgeschlossen, …

Leonardo Padura: Ketzer

Wer einen Schmöker sucht für verregnete – oder gerade auch sonnige – Ferientage, einen üppigen Roman, der den Leser über die Kontinente und durch die Jahrhunderte entführt – in das Havanna von heute und das der 1930er bis 1950er Jahre, nach Amsterdam und bis nach Osteuropa zur Mitte des 17. Jahrhunderts, in Rembrandts Atelier, die Behausungen der Einwanderer und auf die alte Prachtstraße Calle G in Havanna – dem sei Paduras „Ketzer“ empfohlen. Der kubanische Schriftsteller, der sich auch mit kritischen Reportagen über die Missstände in seinem Land einen Namen erworben hat, schickt wieder seinen Ermittler Mario Conde ins Rennen, den ehemaligen Polizisten und jetzigen Jäger bibliophiler Schätze. Doch dieses Mal geht es nicht um einen Mord, sondern um die Suche nach einem Bild Rembrandts, das seit 1939 verschollen ist, nun aber bei einer Auktion in London plötzlich wieder auftaucht. Und nebenbei – oder doch: vor allem – geht es um die Frage, wie viel Freiheit verschiedene Gesellschaften ihren Mitgliedern zugestehen, um individuelle Entfaltungsmöglichkeiten wahrnehmen zu können- und welchen hohen Preis diese Freiheit haben kann. …

Marlene Streeruwitz: Nachkommen.

Was soll Literatur leisten in Zeiten der wirtschaftlichen Krise? Hat sie eine besondere Aufgabe in einer bedrängenden Situation, die Finanzkrise genannt wird, tatsächlich aber Familien bis zur Mittelschicht in ausweglose Armut stürzt, so als ob ein Krieg herrscht, Reich gegen Arm? Nelia Fehn, die zwanzigjährige Protagonistin dieses Romans, hat die Auswirkungen der Krise in Griechenland besichtigt, sie hat in einer Athener Familie gesehen, wie schnell der wirtschaftliche Abstieg gehen kann, durchaus unter tätiger Mitwirkung von nationaler und internationaler Politik und der Verwaltung: Die Ohnmacht, wie die eigenen Politiker einen morden. Das Schleichende an den Morden. Langsam und stetig. Die himmelschreienden Ungerechtigkeiten. Die Polizei, die den Eliten alles ermöglichte und den Bürgern die Füße zerschlug. (…) Es war eine ungeheure Schnelligkeit in diesem zähen Niedergang. Jede Stufe hinunter. Da blieb gar keine Zeit. Nicht einmal Zeit für wirklich lautes Schreien. Ein kurzer Ausruf und schon der nächste Schmerz. Das ist also mein Leben, musste man da rufen und schon den nächsten Verlust verbuchen und um Luft ringen. (S. 92) Über ihre Reise nach Griechenland hat Nelia …

Heinrich Steinfest: Der Allesforscher

Wale scheinen gerade in der Literatur groß in Mode zu sein. Einmal schwimmt einer titelgebend durch London, einmal strandet einer nach einem Unwetter auf einem Dorfplatz in Island. Auch Heinrich Steinfest setzt in seinem Roman „Der Allesforscher“ auf den Wal. Bei ihm erscheint der Wal in modernen Versionen, trotzdem aber mit deutlichen Bezügen zur biblischen Jonas-Geschichte. Um einen Auftrag scheint es auch hier zu gehen, um ein Überleben – ein Wiedergeborenwerden ?- in stürmischer See und um die Frage nach Schicksal und Zufall. Steinfests Geschichte fängt damit an, dass sein Protagonist Sixten Braun ein Organ eines gestrandeten Wals, der beim Transport durch die Innenstadt von Tainan, einer Stadt im Süden Taiwans, explodiert, so unglücklich an den Kopf bekommt, dass er mit einem Schädel-Hirn-Trauma in einem Krankenhaus landet. Sein Zwei-Tages-Koma wird dort von der deutschen Gehirnspezialistin Dr. Lana Senft fachkundig betreut – und natürlich verliebt sich Sixten beim Erwachen postwendend in sie. Vielleicht passiert dies, so erklärt er es sich, weil sich durch das explosionsartig durch die Luft gesauste und vor seinem Schädel gelandete Walorgan doch …

Zsófia Bán: Als nur die Tiere lebten

„Als nur die Tiere lebten“ ist für die dreijährige Anna der Ausdruck dafür, dass etwas aus einer Welt stammt, in der es noch keine Menschen gab, dass etwas also „sehr lange“ her ist – und dabei ist das Gestern durchaus mit eingeschlossen. Und tatsächlich erzählt Zsófia Bán fünfzehn Geschichten aus verschiedenen Zeiten, von verschiedenen Orten, von verschiedene Menschen und nimmt so den Leser mit in eine Zeit, als nur die Tiere lebten. Da freut sich Maja zum Beispiel schon seit langem auf das Rolling-Stones-Konzert am 18. August 1990 in Prag. Deutlich sichtbar hängen zwei Karten an der Pinnwand, die endlich, endlich den Jugendtraum in Erfüllung gehen lassen, dass es einmal, in einer anderen Welt, auf einem anderen Planeten, einem anderen Sonnensystem ein Stones-Konzert geben wird, das sie besuchen können, und dann werden sie gerettet sein, dann werden sie davongekommen sein. Wie wenn die Titanic mit dem Eisberg kollidiert, und, o Wunder, nicht die Titanic, sondern der Eisberg untergeht. (S. 46) Die andere Welt ist nun da, dafür braucht Maja gar nicht den Planten zu verlassen …

John von Düffel: Wassererzählungen

Von verschiedenem Wasser erzählt uns John von Düffel in diesen Erzählungen, von Ostsee und Nordsee, von einem natürlichen Schwimmteich, einem Swimmingpool, einem Teich im Garten, einem See in Norddeutschland. Von unterschiedlichen Landschaften erzählt er und von Menschen in entscheidenden Situationen ihres Lebens. John von Düffel ist ein passionierter, ein unermüdlicher Schwimmer. Dabei kann ihn beobachten, wer die Dokumentation zur Entstehung seines Houwelandt-Romans sieht: Immer wieder zieht von Düffel seine Bahnen, im Schwimmbad, im See. Und so bezeichnet er sich selbst als einen „Paradiesvogel“ unter den Schriftstellern, zumindest zu Beginn seiner Karriere sei das so gewesen. Ein asketischer Schriftsteller, dem der eigene Sport wichtig sei, das Langstreckenschwimmen noch dazu, das passe nicht zur gängigen Vorstellung über das Lebens eines Künstlers, der, so werde doch immer noch unterstellt, seine Schaffenskraft, seine Intuition und Kreativität vor allem auf den Genuss von Rauchwaren und Rotwein zurückführe, nicht auf den möglichst täglichen Gang ins meistens zu kalte Wasser [2]. Dass aber auch das zu kalte Wasser eine Inspirationsquelle sein kann, das zeigt von Düffel uns deutlich mit seinen „Wassererzählungen“. In …

Rafael Chirbes: Am Ufer

Als Wirtschaftskrimi kündigt der Verlag Rafael Chirbes Roman an, als Buch zur spanischen Finanzkrise empfiehlt ihn El Pais. Beide Zuschreibungen stimmen – und sind doch zu oberflächlich. Wesentlich vielschichtiger hat der Autor seinen Roman konzipiert und hat eben nicht nur die Auswirkungen der zerplatzten Immobilienblase auf die verschiedenen Milieus einer Kleinstadt in der Nähe von Valencia beschrieben. Chirbes hat uns vor allem Esteban erschaffen, einen knorrigen, und zynischen Handwerker, für den sein siebzigjähriges Leben mehr Enttäuschungen als positive Wendungen bereit gehalten hat. Esteban weiß seine Umgebung – und durchaus auch sich selbst – auch mit Ironie zu betrachten und beurteilen und er gewährt uns durch seine Erinnerungen auch tiefe Einblicke in die spanische Gesellschaft seit dem Ende der Zweiten Republik und der Machtübernahme durch Franco 1936. Es ist der 14. Dezember 2010 an dem Esteban sich auf den Weg macht in die Sümpfe. Zuvor hat er seinen über neunzigjährigen dementen Vater geduscht, ihm neue Windeln angelegt und ihn angezogen, ihm ein Frühstück bereitet und ihn dann in den tiefen Sessel vor den Fernseher gesetzt, aus …

Zadie Smith: London NW

Im letzten Winter hat John Lanchester uns in seinem Roman „Kapital“ nach London gebracht, in die Pepys Road. Er hat uns erzählt von den Menschen, die nun dort leben in den mehrstöckigen Backsteinhäusern, erbaut zum Ende des 19. Jahrhunderts von den leitenden Angestellten in Steuerberaterbüros oder Anwaltskanzleien: dem jungen afrikanischen Fußballspieler zum Beispiel, der mit seinem Vater  in der Pepys Road wohnt; dem Banker, der nur darüber nachdenkt, wie hoch seine Jahresprämie sein muss, damit er sein Leben weiter finanzieren kann und wie hoch es idealerweise sein könnte; der alten Dame, die in der Pepys Road ihr gesamtes Leben verbracht hat und die nun dort stirbt; der pakistanischen Familie, die an der Ecke einen Kiosk betriebt; dem polnischen Handwerker, der in den Häusern Reparaturen durchführt; dem ungarischen Kindermädchen. Auch Zadie Smith entführt uns nach London, aber nach Kilburn, im Nordwesten der Hauptstadt gelegen, nicht gerade ein Viertel, in dem die Reichen wohnen, eher eines, in dem sich Arbeiter, „kleine“ Angestellte, viele Einwanderer vor allem ansiedeln. Aber Smith´ Romanpersonal ist überschaubarer als das John Lanchesters Geschichte …

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

An dem Wochenende, als Wolfgang Herrndorfs Buch veröffentlicht wurde, musste man im Zeitschriftenladen eines Vorortbahnhofs, der üblicherweise über ein recht schmales Buchsortiment nicht allerhöchsten Niveaus verfügt, geradezu über Herrndorfs Tagebuch klettern, denn es lag dort gleich in mehreren großen Stapeln bereit. Offensichtlich erwartete man auch im Vorort einen reißenden Absatz. Und in den Feuilletons überschlugen sich die Rezensenten vor Begeisterung. In der ZEIT verstieg sich die Kritikerin gar zu diesen schier unglaublichen Aussagen: Arbeit und Struktur trifft Deutschland zur Adventszeit. Nicht nur zur kalendarischen, sondern zu einer gefühlt schon viel zu lange andauernden emotionalen Festzeit, in einem Zustand kollektiver Weihnachtsmarktverfettung, in dem das Land es sich gemütlich gemacht hat, ohne sich dabei selbst ganz geheuer zu sein. Wie ein Weckruf schrillt die Ich-Geschichte durch die „Deutschland geht es gut“-Melodie, diese ewig frohe Lähmungsbotschaft der Kanzlerin. Gibt es hierzulande vielleicht doch mehr Menschen, als man denkt, die das Einbetoniertsein im Positiven als Stillstandshorror empfinden? Schade. So viel Hype, soviel merkwürdige Begeisterung, so viel Spiel mit Voyeurismus und Sensation, die Instrumentalisierung des Autors gar zum Erwecker einer …

Auður Ava Ólafsdóttir: Ein Schmetterling im November

Vierzig Tage lang drehen sich gleich mehrere Tiefausläufer über Island und vierzig Tage regnet es so viel, dass es zu Erdrutschen und Überschwemmungen in einem Ausmaß kommt, an das sich kaum ein Isländer erinnern kann. Durch die Überschwemmungen wird sogar ein Wal mitten im Dorf, direkt vor die Sparkasse, gespült. Dabei ist es mit 10 Grad so warm wie zur selben Zeit in Lissabon, ungewöhnlich, denn immerhin ist es November. Aber nicht nur die Natur ist aus dem Lot geraten, auch das Leben der Erzählerin gerät gerät ordentlich durcheinander. Es ist der denkwürdige Tag Anfang November, an dem der Regen beginnt und das Eis taut und die Ereignisse sich förmlich überschlagen: Beim Ausliefern ihrer Lektoratsarbeiten an ihre Kunden überfährt die Erzählerin eine Gans und beschließt, die günstige Gelegenheit zu nutzen und ihren Ehemann am Abend mit einem vorgezogenen Weihnachtsessen zu überraschen. Vorher aber will sie das Verhältnis zu ihrem Liebhaber beenden, der ihr aber zuvorkommt, da er es nicht ertragen kann, dass sie sich nicht von ihrem Mann trennen möchte. Und dann ruft auch noch …

Claire Beyer: Refugium

Ein Fuchs kündigt das Unglück an, ein einäugiger Hund ist behilflich, es aufzuklären. Zwischen beiden Ereignissen liegt ein Jahr, ein Jahr der Ungewissheit, ein Jahr zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Schuldgefühlen und Wut, ein Jahr in der Schwebe, in der nichts abgeschlossen werden kann, in dem es keine Trauer gibt. An dem Morgen, an dem Claudia den Anruf aus Lappland bekommt, ist der Fuchs nicht gekommen, der gewöhnlich nachts den Mülleimer untersucht und dabei den Deckel verschiebt. Robert, der in den Wintermonaten in Lappland auf den zugefrorenen Seen die neuen Autos testet, werde vermisst, sagt die Kollegin am Telefon, spät am Abend sei er losgefahren mit einem der Testautos zu einer nicht geplanten Fahrt und er sei nicht wieder zurückgekehrt. Ob sie etwas von ihrem Mann gehört habe. Schnell wird klar, dass den Kollegen nicht nur das unerklärliche Verschwinden Roberts Sorgen bereitet, sondern auch der Umstand, dass er mit einem der neuen Autos, einem Erlkönig, losgefahren ist, das nun ebenso verschwunden ist. Leider, sagte ihr Gesprächspartner, könne er ihr nicht weiterhelfen. Er sei nur darüber …

Angelika Overath: Alle Farben des Schnees. Senter Tagebuch

Der kleine Ort Sent im Unterengadin scheint für Angelika Overath und ihren Mann seit vielen Jahren eine besondere Anziehungskraft zu haben. Nachdem sie viele Urlaube in Griechenland verbracht haben, beginnt die Bergwelt sie zu faszinieren, beim Skifahren zuerst, dann auch in den Sommerurlauben. Irgendwann kommt die Idee auf, hier eine Ferienwohnung zu kaufen, wenn erst genug Geld vorhanden ist. Und dann sehen sie, ein paar Jahre später, einen kleinen Zettel in einem Schaufenster, auf dem ein Bauernhaus in Sent angeboten wird, schon mit Plänen, wie hier zwei Wohnungen entstehen könnten. Sie verabreden einen Termin, sich das Haus vor Ort anzuschauen und wissen, „dass diese fremden Räume etwas mit uns zu tun hatten“. Und dabei ist der erste Eindruck nicht der beste: „Das Haus war häßlich. Rauher, auberginenfarbener Putz, blaue, abbröckelnde Fensterläden. Wie ein Balkon hing ein selbstgebauter Hasenstall auf mittlerer Höhe.“(S. 17) Ein paar Jahre verbringt die Familie ihre Ferien in Sent, in ihrem umgebauten Haus, und schon kommt der nächste Gedanke: Wie wäre es, hier zu leben, das ganze Jahr über und nicht nur …

Marion Poschmann: Hundenovelle

Es ist wohl sehr vorschnell gewesen, vor der Lektüre von Marion Poschmanns „Hundenovelle“ die Erzählatmosphäre in Nellja Veremejs Roman „Berlin liegt im Osten“ als melancholisch zu beschreiben. Wie, bitteschön, soll dann die Stimmung in der „Hundenovelle“ beschrieben werden? Als „zutiefst melancholisch“? Oder als „depressiv“? Jedenfalls drängt sich so schnell kein weiterer Text auf, der auf so eine brillante Art eine so bedrückte, schwermütige und hoffnungslose Stimmung heraufbeschwört, der sich der Leser kaum entziehen kann. Die bedrückende Stimmung ergreift den Leser gleich auf den ersten Seiten: Die namenlose Ich-Erzählerin sitzt mitten in der Hitze des Sommers, es sind gerade die Hundstage, in einer Industriebrache und schaut sich genau an, wie schnell die Werke der Menschen, wenn sie denn verlassen und nicht mehr gepflegt werden, verwahrlosen, wie schnell die Natur sich das von den Menschen Geschaffene wieder zurückholt: es bröckelt und zerfällt, einfache Pflanzen wachsen in den Betonspalten und durch den Asphalt, am Rand des Platzes haben sich schon erste Büsche breitgemacht. Stadtbrache, vages Terrain. Nichtort, wo jederzeit alles möglich war und nie etwas geschah. Ruderalflora siedelte …

Ulrike Kolb: Die Schlaflosen

Es gibt doch wirklich nichts Herrlicheres, als sich abends ins Bett zu legen, sich wohlig unter der Decke auszustrecken, die Augen zu schließen und, in Morpheus Armen liegend, in die Traumwelt hinüberzugleiten – ganz egal, was der Tag so gebracht hat. Dann wird der Schlaf zu einem wunderbaren Gefühl des Gleitens und Schwebens, zu einer Fahrt „in das tiefe, wunderbare Dunkel, das man Schlaf nennt“ (S. 153). Aber gerade mit dem Schlafen haben die Menschen, die an diesem späten Nachmittag ins Hotel Gut Sezkow anreisen, so ihre Schwierigkeiten. Seit Jahren können sie nicht mehr schlafen, höchstens zwei bis drei Stunden in der Nacht dämmern sie hinweg, dann wachen sie wieder auf und nichts hilft, um wieder einschlafen zu können: sie nehmen Tabletten, trinken warme Milch, schieben das Kopfkissen zurecht, (vgl. S. 177) nur um doch wieder eine „qualvolle Nacht [zu verbringen], ohne Ablenkung, ohne die Hilfe eines zerstreuenden Fernsehprogramms, nur seinen privaten Dämonen ausgeliefert, deren Toben sich in der Wüste einsamer Nächte seines Kopfes bemächtigt und ihm Angst macht, reine Angst“ (S. 145). Und viele …

Jagoda Mariniċ: Restaurant Dalmatia

Als Mia zu einem Auslandssemester nach Kanada kommt, geht alles plötzlich ganz leicht. Aus Mija Markoviċ wird Mia Markovich, aus dem Anglistik-Studium wird ein Studium der Kunst, niemand fragt sie, woher sie denn komme, aber jeder fragt, was sie als nächstes vorhabe, welche Pläne sie verwirklichen möchte. Alles ist so, wie Mia es sich immer erträumt hat, hier scheint auch für sie das pursuit of happiness Realität zu werden. Da ist Jane, bei der Mia wohnt, und die sich mehr um Mia kümmert, als ihre Mutter es je getan hat. Da sind die neuen Freunde, da ist Raphael, den sie beim Studium kennenlernt und der Dokumentarfilmer wird. Aus dem Auslandssemester wird ein Leben in Toronto. Mia bricht alle Brücken nach Europa ab, nichts soll sie mehr an ihr altes, unglückliches Leben erinnern. Und dann gewinnt sie auch noch den Grange-Prize, einen renomierten Preis für Fotografie, und ihr stehen noch viel mehr Türen offen als vorher schon. Mia aber fällt in ein tiefes Loch, verkriecht sich zu Hause, hat keine Ideen mehr, keine Interessen. Raphael drängt …

[5 lesen 20] Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten

Als Kind wünscht Lena sich, Kosmonautin zu werden. Sie lebt ganz im Osten der Sowjetunion, dort, wo ihr Vater als Pilot die Grenze sichert nach Japan. In ärmlichen Verhältnissen leben sie dort, zwei Familien teilen sich eine Küche, sitzen, in verschiedenen Ecken des Raumes, beim Frühstück, beim Abendessen zusammen. Später, als ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz stirbt, stellt sich heraus, dass er ein Verhältnis mit der Nachbarin hatte. Nun ziehen Lena und ihre Mutter zur Großmutter „in den Süden“, in eine Stadt am Kaukasus. Dort leben sie in der Nähe des Fleischkombinates, je nach Windrichtung ziehen Geruchsschleier vorbei. Das Fleischkombinat betreibt auch eine  Bibliothek, in einem Palais untergebracht und geleitet von Vera Antowna Gutova. Vera führt Lena nicht nur an die Weltliteratur heran, sie legt auch immer wieder neu eingetroffenen Bücher für sie zurück und liebt es, ausgiebig mit Lena über die Bücher zu diskutieren. Lena liest Victor Hugo, Tolstoi, Puschkin, Balsac, Stendhal, Gracia Marquez und eines Tages „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. Beeindruckt ist Lena mehr von den Radierungen, weniger von der Geschichte, denn sie …

[5 lesen 20] Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como

Liebe, natürlich. Musik. Und Freundschaft. Tom Holler sitzt im Wohnzimmer mit Leonardo Hermanns, Ehemann von Anne, die wiederum Toms Klavierschülerin ist – und seine Geliebte. Sie trinken Whisky und plaudern, weil Anne beim Einkaufen offensichtlich die Zeit vergessen hat und nur ihr Ehemann, Physiker und als Manager sonst viel unterwegs, ausnahmsweise zu Hause ist. Beim Plaudern hat Hermanns Tom die Frage nach den wichtigen Dingen des Lebens gestellt. Nun schaut er nachdenklich den Klavierlehrer seine Frau an und bescheinigt ihm auf seinee Antwort hin, wohl doch noch sehr jung zu sein und er solle es genießen, es bliebe nicht immer so. Hermanns liegt mit seiner Einschätzung richtig, aber das ahnt jetzt noch niemand. Liebe, Musik und Freundschaft sind die Themen, die Monika Zeiner in ihrem Roman um Tom, Marc und betty auslotet. Und Berlin und Italien spielen auch eine große Rolle, das Berlin und das Lebensgefühl auf aufstrebenden Künstler in den frühen 1990er Jahre, und Italien, weil außer einem alle wichtigen Geschichten dieses Romans mit Italien zu tun haben, sei es die italienische Woche in …

[5 lesen 20] Thomas Stangl: Regeln des Tanzes

Walter Steiner, pensionierter Wissenschaftler, wandert ziellos durch die Straßen Wiens. Er wandert durch Stadtteile, in denen er einmal gewohnt hat, in denen er sich gut auskennt, in denen sich über die Jahre nichts verändert hat, durch Straßen mit sanierten Altbauten, in denen nun Firmen mit modernen Namen ihren Sitz haben, durch Gassen, die er noch nie betreten hat: Nichts passte mehr zum anderen, die Häuser nicht zu den Straßen, die Straßen nicht zu den Menschen, die Menschen nicht zu den Erinnerungen, die Häuser waren keine Häuser, die Straßen keine Straßen, (sie passten nicht zu sich selbst), die Menschen keine – nun das heißt nur, er passte nicht hierher, sonst passte alles. (S. 11) Und dann, in einem Loch in der Hausmauer eines neu gebauten Hauses, findet Steiner zwei Filmdosen, in denen sich auch tatsächlich Filme befinden; alte Filme mit Bildern, die entwickelt werden und auf Papier abgezogen werden müssen. Wie mit einem Geheimfund läuft Steiner nun durch die Stadt, zu Hause versteckt er seinen Schatz in der Schublade seines Schreibtisches, seine Frau Pre soll nichts …

Robert & Edward Skidelsky: Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens

„Damals, als es mir beschissen ging, gab es Liebe und Freunde, wo kamen sie hin?“ fragt Charles Aznavour in seinem Chanson von 1977. Hier wird besungen, wie es war, in der alten Zeit, als er zwar kein Geld hatte, aber viele Freunde, mit denen er nächtelang „über Gott und die Welt“ diskutierte. Aber da war auch der Ehrgeiz, etwas erreichen zu wollen, „es zu schaffen“ und so opferte er alles, auch Liebe und Freunde, um „Macht und Geld“ zu bekommen. Als Aznavour dieses Chanson für seine CD „Duo“ zusammen mit Herbert Grönemeyer 2008 aufgenommen hat, hat der beschriebene Konflikt nichts von seiner Brisanz verloren: Finanzieller Erfolg geht oft auf Kosten der Zeit, die für Freundschaften zur Verfügung steht – finanzieller Erfolg wird oft erreicht auf Kosten des „guten Lebens“. Mit der Frage, was denn ein gutes Leben sei in einer Gesellschaft, in der doch alles vorhanden ist, beschäftigen sich Robert Skidelsky, Wirtschaftswissenschaftler und Keynes-Experte, und sein Sohn Edward, der Philosophieprofessor ist, in ihrem gemeinsamen Buch. Sie wollen, so schreiben sie zu Beginn, mit ihrem Buch …

Sascha Reh: Gibraltar

Bernhard Milbrandt hat die Bank ausgeraubt und ist nun auf dem Weg nach Gibraltar. Dort, bei einer Offshorebank, will er ein Konto eröffnen, um an das Geld zu gelangen, dass er gerade bei seinen Deals zur Seite geschafft hat. Er ist kein Bankräuber alten Stils, der mit Strumpfmaske über dem Kopf und Pistole in der Hand in der Schalterhalle einer Bank Angst und Schrecken verbreitet, sodass der Kassierer ihm das Bargeld in die mitgebrachten Taschen packt. Bernhard Milbrandt hat seine eigene Bank abgezockt, die Bank, bei der er seit Ende seines Studiums als Händler arbeitet und bei der er sich im Laufe der Jahre wegen seiner guten Erfolge und hohen Erträge eine Ver-trauensstellung erarbeitet hat – obwohl sein aggressiver und risikoreicher Spekulationsstil so gar nicht zum Firmenleitbild passt. Vor eineinhalb Jahren konnte er Johann Alberts, den Komplementär der Bank, überreden, ihn Eigenhandel betreiben zu lassen, also mit dem Eigenkapital der Bank Geschäfte zu tätigen. Diese Geschäfte sind höchst riskant, denn seit der Bankenkrise 2008 sind die Vorschriften für die Höhe des Eigenkapitals heraufgesetzt worden. Milbrandt …

Philipp Schönthaler: Nach oben ist das Leben offen

„Arbeit als Hochleistungssport“ überschreibt die Süddeutsche Zeitung vor einigen Tagen einen Artikel, der von den „World Skills“ berichtet, einem Wettbewerb, der in diesem Jahr in Leipzig stattgefunden hat und bei dem die Teilnehmer, Berufsanfänger aus 46 nicht-akademischen Berufen, gegeneinander antraten. Unter den Augen der Öffentlichkeit mussten sie in einer knapp bemessenen Zeit das Design für eine Jacke entwickeln und diese nähen, ein Auto lackieren, Fliesen legen, einen Gartenweg oder eine Wandfläche nach einer Vorlage gestalten. Und damit der Pinsel ruhig in der Hand liegt, hat sich die Maler-Meisterschülerin mit autogenem Training und mit Yoga gut vorbereitet. Die Menschen, die in diesem Artikel beschrieben werden, könnten Figuren sein aus Philipp Schön-thalers Erzählungen. Allen gemein ist ihr Streben nach Höchstleistungen, sowohl im Beruf als auch in Freizeitaktivitäten, die aber längst so professionell ausgeführt werden, dass sie zum Beruf ge-worden sind. Da ist zum Beispiel Termann, Apnoetaucher, dessen Ziel es ist, 200 Meter tief zu tauchen ohne Sauerstoff, nur mit seiner eigenen Luft. Diese Art des Tiefseetauchens ist nicht ganz ungefährlich, denn die eingeatmete Luft muss auch dazu …

Gabriele Goettle: Der Augenblick. Reisen durch den unbekannten Alltag

Gabriele Goettle hat diesem Band mit 26 Reportagen, die zwischen 2007 und 2009 entstanden und bereits in der TAZ erschienen sind, den Untertitel „Reisen durch den unbekannten Alltag“ gegeben. Tatsächlich erzählen die in diesen Reportagen porträtierten Frauen von ihrem Alltag und konzentrieren sich bei ihrem Reden und Erzählen vor allem auf ihre Berufe oder ihr sozialpolitisches Engagement, sodass ganz ungewöhnliche, eben unbekannte Bereiche des Alltags beleuchtet werden. Es sind Texte entstanden, in denen außergewöhnliches Expertentum deutlich wird und das vor allem auch in seiner hier zusammengetragenen Vielfalt ungewöhnlich, interessant und spannend ist. Die Kioskfrau berichtet über ihre jahrzehntelange Arbeit und beschreibt dabei, fast nebenbei, nicht nur ihr Arbeitsethos, sondern auch die soziale Entwicklung in ihrem Umfeld. Die Körperhistorikerin schildert die Ergebnisse ihrer Forschungen und ihre Erkenntnis, dass sich Körper- und Krankheitswahrnehmungen im Laufe der Jahre und Jahrhunderte geändert haben, von einer ganz unmittelbaren, fast bildlich-naiven Beschreibung von Krankheitssymptomen hin zu unserem eher mathematisch-statistisch geprägten Blick auf Krankheiten, der Risiken fast vorhersehbar macht. Die Gründerin des Krisentelefons „Pflege in Not“ berichtet von den schon irrwitzigen Zuständen …

Meike Winnemuth: Das große Los

Was tun, wenn man eine größere sechs- oder gar siebenstellige Summe im Lotto gewinnen würde: Erst einmal die notwendigsten materiellen Wünsche erfüllen – das Traumauto, das Traumhaus, das Pferd, das Boot – oder mit dem Geld etwas ganz anderes anstellen, nämlich endlich das Studium beginnen, das man immer schon mal anfangen wollte, eine lange Reise machen, die man sich immer schon mal erträumt hat, eine Auszeit nehmen vom Beruf oder gar einen Neuanfang starten in einer anderen Stadt, einem anderen Land, einem neuen Beruf oder, oder, oder. Beim Überlegen wird schnell klar, dass hier um die fast schon philosophische Frage geht, was man so völlig anderes anstellen könnte mit dem eigenen Leben – aber vielleicht ist ja auch alles genau so gut, wie es gerade ist (so ergeht es ja Jocelyne in Delacourts Roman „Alle meine Wünsche“). Meike Winnemuth hat das große Los erwischt, 500.000 € hat sie gewonnen bei „Wer wird Millionär?“. Sie hat sich zu der Rateshow beworben, weil sie als freie Journalistin ein finanzielles Polster haben wollte, um nicht jeden Auftrag unbedingt …

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Kweku Sai ist 16, als er seiner Mutter mitteilt, dass er mit den Missionaren nach Pennsylvania gehen wird. Er steht vor ihr, barfuß, in der Hütte aus Lehm, die sein Vater gebaut hat, mit dem in der Mitte fünf Meter hohen Dach aus Schilf. Sein Vater hat die Familie verlassen, aus Scham wahrscheinlich, weil er ins Gefängnis musste und dann öffentlich ausgepeitscht wurde, denn er hat einen betrunkenen englischen Soldaten geschlagen, der seine Frau belästigt hat. Nun will auch Kweku weg und natürlich will die Mutter ihn zurückhalten, sagt, dass er hier gebraucht werde, bei der Familie, doch Kweku will nicht bleiben in Ghana, in dem Dorf am Meer, in dem er Fischer werden kann, vielleicht Tischler oder Bediensteter einer reichen Familie, dann mit Uniform oder Anzug, aber immer barfuß. Er will weg, will lernen, will so leben wie die Engländer mit ihrem großen Haus am Strand. Und weil es Streit gibt, wirft Kweku der Mutter vor, sie wolle ihn nicht weglassen, weil sie eifersüchtig sei, eifersüchtig, weil sie mit sieben Jahren die Schule verlassen …

Erwin Koch: Von dieser Liebe darf keiner wissen. Wahre Geschichten

Gute Reportagen zu lesen, ist ein wahrer Genuss. Zu einer Zeit entstanden, als es weder Kameras noch Facebook gab, um uns auch noch die letzten Ecken der Erde auszuleuchten, kam dem Journalisten die Aufgabe zu, besondere Ereignisse aus den Metropolen und Winkeln der Welt so zu berichten, dass die Leser den Eindruck gewinnen konnten, unmittelbar vor Ort bei dem Ereignis dabei gewesen zu sein. Neben dem eigenen Augenschein und der Recherche von Hintergrundinformationen hat der Reporter also die Aufgabe, möglichst anschaulich und unmittelbar zu schreiben, mit der Sprache so zu malen oder zu filmen, dass der Leser bei der Lektüre sinnliche Eindrücke entwickeln kann, dass eigene Bilder entstehen, ein „Kino im Kopf“. So bewegt sich die Reportage auf der Grenze zwischen dem (objektiven) Tatsachenbericht, denn Tatsachen sind jeweils die Grundlage der Geschichten, und dem (subjektiven) Erleben. Als Experte vor Ort wählt der Reporter nicht nur aus den Geschehnissen aus, was ihm interessant, merk- und denkwürdig oder auch fremd erscheint, sondern arbeitet durch die Art seiner Textgliederung, seines Spannungsaufbaus und der Wahl seiner Sprache eher wie …

Teju Cole: Open City

Nach Abschluss der Schule in Nigeria bewirbt Julius sich an amerikanischen Colleges. Sein gespartes Geld reicht gerade für die Bewerbungsgebühren, um das Flugticket nach New York zu bezahlen, muss er sich Geld von seinem Onkel leihen. Nun, fünfzehn Jahre später, ist Julius im letzten Jahr seiner Facharztausbildung zum Psychiater. Seine Freundin hat ihn gerade verlassen und so beginnt er abends nach der Arbeit im Krankenhaus damit, immer länger werdende Spaziergänge zu unternehmen, immer neue Straßen und Parks zu entdecken und zu genau zu beobachten, was sich ihm gerade zeigt. Er beschreibt und bestaunt die Architektur einer U-Bahn-Station, berichtet von seinen Museumsbesuchen, beobachtet die Menschen, die ihm begegnen, erzählt davon, was sie tun und wie sie leben: Als ich wieder zur Mitte des beinahe menschenleeren Hauptganges zurücklief, eilte gerade ein einzelner Mann zu den U-Bahn-Aufzügen und ließ seine Aktentasche fallen. Mit lautem Klappern fiel sie zu Boden. Er sank auf die Knie und sammelte den Inhalt auf. Sein übergroßer, mausgrauer Trenchcoat stülpte sich über ihn wie ein viktorianisches Kleid. (…) An einem Falafelstand an der Ecke …

Anna Weidenholzer: Der Winter tut den Fischen gut

Seit 25 Jahren wohnt Maria Beerenberger in ihrer kleinen Wohnung, die sie mit wenigen Schritten durchschreiten kann. Aus der Wohnung kann Maria in den Hof blicken und auf die Straße, um den Himmel zu sehen, muss sie sich am Fenster bücken und nach oben schauen, vorbei an der immer höher wachsenden Fichte im Hof, die ihr noch zusätzlich das Licht nimmt.  Seit ihr Mann gestorben ist, lebt sie hier alleine. Aber eine erfüllte, glückliche Ehe ist das auch nicht gewesen, das Zusammenleben mit Walter, dem Elvis-Imitator, der sie auch schon einmal schlägt, wenn sie ihn zu lange bittet, auf sein Gewicht, auf seine Gesundheit zu achten. Walter ist eine traurige Gestalt: Schon sein Elternhaus steht auf der Schattenseite des Tals, dort, wo im Winter die Sonne nicht hinkommt. Er ist ein Muttersöhnchen, der Maria daran misst, ob sie den Weihnachtsbaum so schmückt, wie er es von Zuhause kennt und den Braten so zubereitet, wie seine Mutter es immer macht. Zu seinen Elvis-Nummern hat Maria eine feste Meinung: Als King betritt er die Bühne und er …