5 lesen 20, Flucht und Entwurzelung, Romane
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[5 lesen 20] Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten

Veremej_BerlinAls Kind wünscht Lena sich, Kosmonautin zu werden. Sie lebt ganz im Osten der Sowjetunion, dort, wo ihr Vater als Pilot die Grenze sichert nach Japan. In ärmlichen Verhältnissen leben sie dort, zwei Familien teilen sich eine Küche, sitzen, in verschiedenen Ecken des Raumes, beim Frühstück, beim Abendessen zusammen. Später, als ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz stirbt, stellt sich heraus, dass er ein Verhältnis mit der Nachbarin hatte. Nun ziehen Lena und ihre Mutter zur Großmutter „in den Süden“, in eine Stadt am Kaukasus. Dort leben sie in der Nähe des Fleischkombinates, je nach Windrichtung ziehen Geruchsschleier vorbei. Das Fleischkombinat betreibt auch eine  Bibliothek, in einem Palais untergebracht und geleitet von Vera Antowna Gutova. Vera führt Lena nicht nur an die Weltliteratur heran, sie legt auch immer wieder neu eingetroffenen Bücher für sie zurück und liebt es, ausgiebig mit Lena über die Bücher zu diskutieren. Lena liest Victor Hugo, Tolstoi, Puschkin, Balsac, Stendhal, Gracia Marquez und eines Tages „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. Beeindruckt ist Lena mehr von den Radierungen, weniger von der Geschichte, denn sie weiß den verlorenen Schatten, den Peter dem Teufel für einen immer gefüllten Geldsack überlässt, nicht zu deuten. „Was hat er mit seinem Schatten verloren?“ fragt sie Vera, die diese Frage auch nicht eindeutig zu beantworten weiß:

Nur in den Schundromanen werden alle Geheimnisse gelüftet, sagte Vera streng, die Literatur aber ist dafür da, die wichtigen Fragen zu stellen, sie muss sie aber nicht beantworten. (S. 79)

Als Teenager und angeregt von den französischen Filmen, träumt Lena von Paris, von Baguettes, die sie in einer bunten Tasche nach Hause trägt, einem Trenchcoat und schicken Lederpumps, von so sauberen Straßen, dass man zu Hause nicht gleich die Straßenschuhe ausziehen muss. Nach dem Abitur träumt sie von Leningrad, von der großen Liebe und nächtlichen Küssen an der Newa mit Blick auf die Schiffe und ihre weißen Segel. So verlässt sie zum Studium in Leningrad die Stadt am Kaukasus mit großen Erwartungen und ohne Trauer, dabei wird sie sich später nach Mutter und Großmutter, nach dem Walnussbaum im Hof zurücksehnen.

In Leningrad findet sie tatsächlich ihre Liebe, Schura, und gemeinsam erleben sie die Umbruch- und Aufbruchstimmung der Perestroika-Zeit, träumen später vom Westen, so wie immer schon alle nach Westen wollten, so wollen sie es nun auch wagen und reisen Mitte der 1990er Jahre aus nach Berlin. Dort aber erweist sich die Liebe als nicht haltbar, Schuras windige Geschäftsmodelle, die immer wieder scheitern, kann Lena, die mit ihrem Universitätsabschluss als Englisch-Lehrerin da arbeitet, wo so viele Einwanderinnen aus aller Herren Länder landen, nämlich in der Altenpflege, nicht mehr ertragen.

Als sie vor einem Jahr Geburtstag mit ein paar Freunden ihren Geburtstag gefeiert hat, gratulierte ihr Maria, ihre Kollegin im Altenpflegeheim mit einem Trinkspruch zum 43. Lebensjahr:

Es ist ein wichtiges Jahr, eine wichtige Schnittstelle, an der alle Planetenzyklen beteiligt sind!, sagte Maria sehr laut. Die Erntezeit! Ist die Saat aufgegangen, sind die Träume verwirklicht? Die Eltern werden alt, sie brauchen Hilfe oder sterben – wir werden mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert… (…) Warum traurig? Schau mal genauer hin, wo es dich drückt, und verändere alles, um dir selber besser gerecht zu werden. Die Sterne sagen, dass es ein exzellentes Alter für Korrekturen ist.  (S. 87/88)

Für Lena hört sich das zu esoterisch an, viel zu leicht auch, als ob sich das Leben so einfach ändern ließe. Aber insgeheim zieht sie schon ein erstes Fazit, schaut sich an, was aus ihren Träumen geworden ist. Und angesichts dessen, was sie da sieht, bleibt ihr nur eine große Melancholie:

Damals wollte ich, dass das Leben so schnell wie möglich passiert. (…) Noch gestern hieß es, es liegt alles vor mir, und alles ist möglich, und über Nacht stehen mir keine Wunder und Überraschungen mehr bevor. Ich bin ausgewachsen, fertig gestellt. Ich werde keine Stewardess mehr, keine Professorin, keine Diva. (S. 10)

Was ist geworden aus Lenas Träumen? Zwischen den Fingern zerronnen sind sie ihr alle, keinen Traum hat sie sich erfüllen können. Zwar lebt sie im Westen, da, wo sie immer hin wollte, aber auch das ist nicht der richtige Westen, denn sie wohnt im falschen Stadtteil, im Osten, in der Nähe des Alexanderplatzes, und fühlt sich auch immer wieder hingezogen zu den anderen russischen Auswanderern, kauft in ihren Läden, geht in ihre Bars, lebt die russischen Rituale, wie sie sie aus ihrer Jugend kennt. Ihre große Liebe hat sich als Fata Morgana erwiesen und während ihre eigene Mutter weit weg von ihr lebt und ohne die Hilfe der Tochter auskommen muss, pflegt sie in Berlin die deutschen Alten.

Dies sind Herr Struck, Frau Gruschke und vor allem Ulf Seitz, der ehemalige Journalist bei der Ostberliner Zeitung. Ihn mag fühlt sich von ihm an ihren Vater erinnert, den sie ja kaum kannte. Sie kennt die Lebensgeschichte aller Patienten, besonders gut aber die von Ulf Seitz. Vor vielen Jahren hatte er sie schon einmal aufgeschrieben, als er nach den Wende in die Frühpension entlassen wurde, denn er, der angesichts der vielen Flüchtenden im Sommer 1989 noch das sehr kritische Sonderheft „Go West?“ herausgebracht hat,  ist nicht haltbar gewesen in der neuen Zeit. Nun erzählt er Lena seine Geschichte, wie seine Kindheit gewesen ist vor dem krieg, im krieg, was seine Mutter hat erleiden müssen am Ende des Kriegs, und Lena bewahrt sie auf, ist der letzte Mensch, der sie kennt. Mit Ulf Seitz verbringt Lena nun viel Zeit, sie gehen spazieren, sie kaufen gemeinsam ein, feiern Silvester zusammen, so wie es in Russland gefeiert wird, sie sprechen über Literatur – und sie kommen sich auch körperlich näher.

Nellja Veremejs Roman lotet immer wieder aus, was mit den Träumen passiert, die Menschen haben, wie sie versuchen sie zu verwirklichen und sich zurechtzufinden in den den politischen, den wirtschaftlichen Zeitläuften, wie sie in den großen Träumen scheitern und vielleicht nur die kleinen bewahren können. Ihr Roman ist natürlich auch eine Migrationsgeschichte, eine darüber, wie es ist, sich in der Fremde zurechtzufinden. Aber fremd fühlt sich auch Ulf Seitz in dem neuen Berlin, das ihn nicht braucht. Ihm bleibt immerhin sein kleines, vertrautes Viertel, das lange sein altes Gesicht bewahrt, lebt sein ganzes Leben in ein und derselben Wohnung, außerhalb dieser Umgebung mag er sich nicht aufhalten, verreisen schon gar nicht.

Nellja Veremejs Roman ist auch eine Auseinandersetzung mit Schuld – und mit Lebenslügen. Lena und Ulf, bei verdrängen sie Probleme und Konflikte, beide haben sich in ihren Erinnerungen vieles einfach schön gefärbt. Erst Marina, Lenas Tochter muss ihr aufzeigen, dass das Bild des heroischen Vaters wohl gar nicht der Realität entspricht, und Lenas Mutter wird wohl nie erfahren, dass ihre Tochter in Berlin eben nicht als Russischlehrerin arbeitet.

Und Nellja Veremejs Roman ist ganz eng verflochten mit der Literatur. „Berlin Alexanderplatz“ liegt nicht nur zur Lektüre bereit am Nachttisch von Ulf Seitz, sondern fließt auch gestalterisch mit ein in den Roman, durch die Orte, durch etwas über ein Jahr erzählter Zeit, durch Zitate und Geschichten. Auch ihr Roman ist ein Berlin-Roman, aber, genau wie bei Döblin, über die Stadt der einfachen Menschen, derjenigen, die nicht am großen Wohlstand teilhaben und hippe Partys feiern.

Und  auch „Peter Schlemihls“ Geschichte vom verlorenen Schatten findet immer wieder Eingang in die Handlung, Lena bekommt das Buch mit den Radierungen zum Geburtstag geschenkt, es frischt ihre Erinnerungen auf, und immer wieder ist Peter Schlemihls Geschichte auch ein Spiegel für Lena und Ulf: Was haben sie getauscht für ihren Schatten? Zum Schluss wird berichtet, dass Ulf „schattenlos“ sei, Lena aber hat einen Schatten, einen flüchtigen Schatten zumindest.

Nellja Veremej hat hier einen wunderbar, komplexen Debütroman geschrieben, der es mit seiner durchgehend melancholischen Sprache völlig zu Recht auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft hat. Schade, dass er nicht auch noch für die Shortlist nominiert worden ist.

Nellja Veremej (2013): Berlin liegt im Osten, Salzburg, Jung und Jung

Hier liest Nellja Veremej aus ihrem Buch und auf buzzaldrins findet Ihr eine weitere Rezension.

9 Kommentare

  1. Liebe Claudia,

    chapeau zu dieser großartigen und sehr lesenswerten Auseinandersetzung mit einem Roman, den auch ich sehr gerne gelesen habe. Schade, dass Nellja Veremej die Kritiker nicht so sehr überzeugen konnte, dass ihr Roman auf die Shortlist gekommen ist – sie hätte es verdient gehabt.

    Ich habe vor allen Dingen deine Hinweise auf die enge Verflechtung des Romans mit anderer Literatur als spannend empfunden. Die Anspielungen auf „Berlin Alexanderplatz“ habe ich im Text auch immer wieder erkennen können, deine Bemerkungen zu Peter Schlemihls Geschichte stellten dagegen einen neuen Erkenntnisgewinn dar, für den ich dir sehr danke.

    Liebe Grüße
    Mar

    • Liebe Mara,
      Nellja Veremej hätte wirklich die Shortlist verdient – aber, die Jury hat es ja erklärt, ihr Roman ist schon nicht so sprachästhetisch sooo kunstvoll konstruiert, wie die Jury das wohl gerne gesehen hat. Dafür aber wohl offensichtlich für uns ganz gelungen :-).
      Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich gerne noch genauer untersuchen, welche Literatur Veremej als Referenzrahmen oder Spiegel genutzt hat. Bestimmt finden sich viele konkrete Anspielungen auf „Berlin, Alexanderplatz“, die aber nur erkennen kann, wer auch Döblins Roman kennt. Und es ist ja noch von weiterer Literatur die Rede, so auch von McCullers „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ – was ich auch nicht gelesen habe.
      Die Schattengeschichte Peter Schlemihls hat mich sehr interessiert, weil der Schatten ja für vieles stehen kann: Man wird seinen Schatten nicht los – hier vielleicht: man wird seine (sozialistische) Sozialisation nicht los und findet sich in anderen Verhältnissen nicht zurecht und wird zum Außenseiter, oder auch: Man verliert seinen Schatten, also ein Stück seiner selbst, ein Abbild, das man wirft – hier vielleicht in dem Sinne, dass die Protagonisten ihre Träume und damit ein Stück ihrer (Lebens-)Ziele im Laufe der Zeit verloren oder „verkauft“ haben. Und wenn wir der Bibliothekarin Vera vertrauen, soll das eben auch genau offen bleiben und vielfältig gedeutet werden können.
      Und das mag ich so sehr an dem Roman, dass er zwei Lebensgeschichten zeigt und viele Leerstellen hat, die zu ganz vielfältigen Deutungen Anlass geben – und so die Lektüre noch ganz lange nachwirkt. Und sprachlich ist er natürlich auch toll.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Oh, du hast es geschafft, dass ich doch noch einen Roman der Longlist lesen möchte. Leider habe ich gerade 50 Oberstufenarbeiten um mich herum drapiert. Grummel. LG Anna

    • Liebe Anna,
      „Berlin“ läuft ja nicht weg, der Roman lässt sich ja auch noch später lesen – oder als belohnung für x korrigierte Klausuren :-). Und da es jetzt so schön früh dunkel wird, ist das abendliche Lesen doch wirklich sehr gemütlich (geht mir wenigstens so). Ich finde Veremejs Roman ist einer der besten Titel, die ich von der Longlist gelesen habe. Da passt wirklich alles sehr gut zusammen.
      Bei Deinen vielen Klauuren wünsche ich Dir viel Geduld und viele gute Arbeiten. Ich kämpfe mich gerade durch Marketing-Klausuren und die verwunschenen Wege von E-Commerce und E-Education. Es ist aber ein Ende in Sicht.
      Viele Grüße, Claudia

    • Dann freue ich mich, Dich neugierig gemacht zu haben und hoffe, dass Du bei der Lektüre genauso viel gute Lesezeit hast wie ich.
      Viele Grüße, Claudia

    • Ich könnte mir auch vorstellen, dass der Roman Dein Leseinteresse weckt und Dir gut gefällt. Und so bin ich gespannt, ob er den Weg zu Dir findet und auf Deinem Blog landen wird.
      Viele Grüße, Claudia

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