Alle Beiträge, die unter Romane gespeichert wurden

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Es sind im Moment die französischen Autoren, die die aktuellen und spannenden Geschichten erzählen, die realistischen, die lauten und schrillen Geschichten, die in schönster Selbstverständlichkeit Risse und Brüche in der Gesellschaft ausleuchten und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen: Yannick Haenel gehört zu diesem Autoren mit seinem Roman „Die bleichen Füchse“, in dem er seinen erst arbeits- und dann obdachlosen Protagonisten Jean Deichel in die Gesellschaft der Flüchtlinge aus Mali führt, die Gesellschaft der Sans-Papiers, der illegal Eingewanderten, die ein „Manifest der bleichen Füchse“ entwickeln. Oder Shumona Sinha mit „Erschlagt die Armen.“ und einer Protagonistin, die, selbst nach Frankreich eingewandert, bei Asylverfahren ihrer Landsleute dolmetscht und dadurch tiefe Einblicke in die verfahrene Situation des europäischen Asylrechts geben kann und die nun einem Migranten in der Metro eine Flasche Wein über den Kopf geschlagen hat. In diesen Kanon lässt sich auch Virginie Despentes mit ihrem Roman über Vernon Subutex einreihen. Sie verortet ihre Romanhandlung allerdings nicht in den Einwanderungsmilieus und sie gestaltet ihre Geschichte mit einem großen Figurenensemble auch wesentlich vielschichtiger als Haenel und Sinha. …

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Das Image „Europas“ ist denkbar schlecht. Und mitten hinein in dieses Europa führt Robert Menasse mit seinem Roman. In die Brüsseler Büros der Europa-Beamten, in ein Brüssel der Think Tanks und des Lobbyismus, in ein Brüssel, in dem sich eine Baustelle an die andere zu reihen scheint und in dem auch gerade im Hotel Atlas ein Mord verübt worden ist. Also mitten hinein in ein ganz quirliges Brüssel, in dem Europa „gemacht“ und verwaltet wird. Ja, es steht wirklich schlecht um „Europa“. Die Bürger schimpfen nur noch über lästige und kleinliche Vorschriften einer offensichtlich aufgeblasenen Bürokratie. Von Meinungsumfrage zu Meinungsumfrage bewerten die Bürger die Arbeit der Institution schlechter. Beim letzten Mal waren es gerade einmal noch knapp 40 Prozent, die die Arbeit der Kommission positiv bewerten, ein denkbar schlechter Wert für die Arbeit Grace Atkinsons, der gerade neu ins Amt berufene Generaldirektorin der GD KOMM mit den immer kalten Händen. Da kommt ihr bei der spontanen Feier zu ihrem runden Geburtstag, während der Kommissionspräsident eine Rede hält und die Gratulanten, die gleich Torte und Champagner …

Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben

Shockie kämpft für die „Jammu und Kashmir Islamic Force“ und ist auf dem Weg nach Delhi, um dort auf einem Markt eine Bombe zu zünden. Es wird eine der sogenannten kleinen Bomben sein, eine Bombe, mit nur relativ wenigen Toten und Verletzten, über deren Zerstörung nur in den regionalen Medien berichtet werden wird. Eine Bombe aus dem Material, das er jeweils vor Ort kauft, sodass er keine Spuren hinterlässt, die die Polizei zurückverfolgen könnte. Eine kleine Bombe, die nicht mehr bewirkt als einen Nadelstich, aber immerhin einer, der so viel Öffentlichkeit schafft, dass wieder einmal auf die Zustände in Kaschmir hingewiesen werden kann, wo die indische Verwaltung in aller – ungerechten – Härte gegen die muslimische Bevölkerung vorgeht. Und Shockie denkt, während er am Bahnhof von Delhi den Schmutz und Dreck betrachtet und die vielen Menschen, „dass der Verlust einiger kaum tragisch oder gar wichtig wäre.“ Karan Mahajan setzt die Geschichten der Figuren in seinem Roman, der Opfer wie auch der Täter, dieser zynischen Haltung des Attentäters gegenüber. Denn natürlich ist der Tod eines Familienmitglieds …

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass Politiker ohne Bedenken ihre Großmutter verkauften – oder Schlimmeres täten -, wenn sie dadurch in den Besitz der siebten Sprachfunktion kämen. Denn wer diese Sprachfunktion beherrscht, der kann nach Belieben irgendetwas behaupten und seinen Zuhörer mühelos überzeugen. Kritische Anmerkungen, die dann auch noch den Zusatz „postfaktisch“ beinhalten, würde es dann nicht mehr geben. Schon im französischen Präsidentenwahlkampf zur Wahl im Jahr 1981, so erzählt uns Binets Roman, waren die Kandidaten Giscard d´Estaing und Mitterand hinter dem Geheimnis dieser Sprachfunktion her. Es war klar: Wer von den beiden in das bisher unbekannte Geheimnis dieser Wirkmacht der Sprache gelangte, der würde auch als Sieger aus der Wahl hervorgehen. Und Roland Barthes scheint sie, die wichtige siebte Funktion, nach genauestem und wiederholtem Studium der Schriften des Linguisten Roman Jakobson, der immerhin sechs Funktionen en Detail definiert und erläutert hat, gefunden zu haben. Da liegt der Verdacht nahe, dass der Unfall am Zebrastreifen, just nachdem Barthes von einem Mittagessen mit Mitterand kommt, kein Zufall ist. Kaum ist der Unfall geschehen …

Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob

Es braucht nur ein paar Sätze und schon ist er wieder ganz präsent, dieser so typische Klang der Johnson-Sprache. Eine Sprache, die Worte nutzt, denen Johnson auch unübliche Bedeutungen abringt, die immer wieder diesen ungewöhnlichen Satzbau hat, der ganz eigene Rhythmen entwickelt, einen eigenen Sog entfaltet für diejenigen Leser, die sich davon packen lassen. Eine Sprache, die Blicke freigibt auf scheinbar unwichtige Details und dadurch soviel zur Atmosphäre beiträgt und soviel auch über die Charaktere verrät. Und die Werkausgabe Johnsons, die in diesem Frühjahr mit dem ersten Band, den „Mutmassungen über Jakob“ gestartet ist, hat den Anstoß gegeben, Johnson wieder zu lesen und diesen ganz speziellen Kosmos wieder zu entdecken, der seine Werke ausmacht. Es gilt beim Lesen immer wieder zu bedenken: „Mutmassungen über Jakob“, die Geschichte um Jakob Abs, Dispatcher bei der Reichsbahn der DDR, die im Jahr 1956 angesiedelt ist – die Widerstände in Ungarn und ihr Ende durch den Einmarsch sowjetischer Truppen bilden den politischen Rahmen – ist tatsächlich der Debütroman Uwe Johnsons. Und entfaltet schon alles, was auch die späteren Romane …

Paul Auster: 4 3 2 1

Wie wäre unser Leben wohl verlaufen, wenn eine kleine Facette der äußeren Einflussfaktoren anders gewesen wäre? Oder wenn wir uns an irgendeiner Stelle anders entschieden hätten? Wenn die Eltern sich hätten scheiden lassen, oder wenn sie es eben nicht getan hätten; wenn ein Elternteil nicht so früh gestorben wäre, wenn die Familie in eine andere Stadt gezogen wäre, wenn die finanzielle Situation anders gewesen wäre, wenn die Eltern andere Freunde gehabt oder wir in andere Schulen gegangen wären, wenn wir uns anderen Freunden angeschlossen hätten, uns in andere Menschen verliebt, eine andere Sportart oder einen anderen Sportverein gewählt hätten? Wenn die gesellschaftspolitischen Entwicklungen andere gewesen wären? Wären wir dann ganz andere geworden als die, die wir heute sind? Paul Auster ist in seinem Roman „4 3 2 1“ genau diesen Fragen nachgegangen. Er erzählt uns die Geschichte von Archibald Ferguson, aber nicht nur von einem, sondern gleich von vier. Alle sind sie Enkel Isaac Reznikoffs, der genau am 1.1.1900 in New York an Land gegangen ist. Er kam aus Minsk, hat sich mit ein paar …

Colum McCann: Briefe an junge Autoren. Mit praktischen und philosophischen Ratschlägen

In einem seiner Briefe an junge Autoren schreibt Colum McCann über den Schrecken der weißen Seite. Ach ja, denkt die Leserin und Bloggerin, diesen Schrecken kennt sie gut, wenn sie denn einen Text schreiben möchte über die Lektüre dieses oder jenes Romans und schon der erste Satz ganz und gar nicht zustande kommen möchte. Von Schreibblockaden sprechen dann oft die Schriftsteller, und die müssen es ja wissen. Schreibblockade – das hört sich doch ganz plausibel an, so, als ob es da eine nicht beeinflussbare Instanz gebe, die dem Schreibprozess immer wieder dicke Steine in den Weg legt. Das kennt die Bloggerin auch, da kann der Cursor ganz oben auf der Seite noch so lockend blinken, an Tagen mit Schreibblockade bleibt die Seite weiß, da wird es nichts aus dem ersten und nichts mit dem zweiten Satz. Das könnte eine schöne Erklärung sein – nicht aber für McCann. Er schreibt an die jungen Autoren: „Lassen Sie sich vom Schrecken der weißen Seite nicht das Hirn folienverschweißen. Die Ausrede, Sie hätten eine Schreibblockade, ist viel zu einfach. …

Philipp Schönthaler: Vor Anbruch der Morgenröte

Philipp Schönthalers Texte umkreisen immer wieder die Bruchstellen des modernen Lebens. In seinem Erzählungsband „Nach oben ist das Leben offen“ lotet er die Facetten der Selbstoptimierung aus. Das Ziel der stetigen Verbesserung der Leistungsfähigkeit wollen ja nicht nur die Jugendlichen erreichen, die im hoch in den Bergen gelegenen Internat beim Höhentraining an ihrer körperlichen Fitness arbeiten, der gähnenden Langeweile und auch den (Todes-)Opfern dieser Schinderei zum Trotz, sondern es sind ja auch diejenigen Selbstoptimierer, die in anderen Bereichen stetig an sich „arbeiten“. Wenn sie „leistungsfördernde emotionen im unterbewusstsein verankern und wie auf knopfdruck abrufen“ können, um allen Situationen gerecht werden zu können, wenn sie neue berufliche überwältigende Aufgaben zu Herausforderungen umdeuten oder Niederlagen zu „wertvollen ressourcen“, wenn Paare an ihrer Kommunikation „arbeiten“ oder gar an ihrer Beziehung. In seinem neuen Erzählband „Vor Anbruch der Morgenröte“ erzählt Schönthaler von den Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, erzählt davon, wie wir wohnen werden, wie wir arbeiten, wie wir uns entspannen. Es sind Geschichten, die beim ersten Lesen scheinen, als würde der Autor uns ins verrückte Science-Fiction-Welten …

Lukas Bärfuss: Hagard

Ist es möglich, in einer europäischen Großstadt, in einer Stadt in der Schweiz, einfach verloren zu gehen? So verloren gehen wie die Boing 777 der Malaysia Airlines, die ein paar Tage vor der hier erzählten merkwürdigen Geschichte um den Immobilienentwickler Philip auch einfach vom Radar verschwunden war? Ist es möglich, dass sich ein ganz normaler Bürger erst auf ein belanglos erscheinendes Spiel einlässt, dann aber in einen Strudel gerät, der ihn die üblichen Konventionen vergessen lässt, ihm einen Rückweg ins „normale“ Leben unmöglich macht? Lukas Bärfuss erzählt in seinem Roman „Hagard“ genau solch ein Geschichte, er erzählt, wie Philip sich in kaum mehr als 24 Stunden komplett aus seinem Leben katapultiert. Philip ist durchaus erfolgreich, ein Projekt auf Gran Canaria steht gerade vor den letzten Abschlüssen. Er besitzt eine Wohnung, ein Auto, ein Büro, beschäftigt eine Angestellte, Vera, und hat ein Kind, einen Sohn im Kindergartenalter. Er ist Ende 40, raucht, in den letzten Jahren hat er ein paar Kilo zugelegt. Sein Leben ist durchgetaktet, mit seinem Handy ist er in ständigem Kontakt mit Vera, …

#lithund: Der melancholische Hund

Der Begriff des „schwarzen Hundes“ als Metapher für Melancholie und Depression geht wohl zurück auf den Schriftsteller Samuel Johnson, der im 18. Jahrhundert lebte. Winston Churchill nutzte dann den Begriff zwei Jahrhunderte später wieder für seine depressiven Episoden und machte ihn so weithin bekannt. In seiner Folge zog das Bild des schwarzen Hundes dann in die verschiedenen Künste ein. So erklärt Gordon Parker im Vorwort zu Matthew Johnstones Buch über den schwarzen Hund und die Depression, wie der Begriff entstand. Merkwürdig ist dieser eher negative Zusammenhang auf den ersten Blick aber dann doch. Denn seit vermutlich um die 30.000 Jahre leben Mensch und Hund zusammen, schätzen die Menschen doch die Treue des Hundes, seine Gelehrigkeit und Wachsamkeit, seinen Mut und sein Geschick. Bei der Jagd und bei der Sorge um Hof und Vieh arbeiten Menschen und Hunde zusammen. Und mittlerweile sind Hunde als Familienmitglieder im engsten Kreis angekommen. Und da wird ein Hund als Symbol einer so ernsten Erkrankung wie der Depression herangezogen? Ein Blick zurück zu den „alten“ Ägyptern und Griechen zeigt, dass dort …

Jonas Lüscher: Kraft

Immer wieder habe ich hier auf dem Blog gefragt, wo denn die Romane sind, die sich mit den ganz aktuellen gesellschafts- und vor allem auch wirtschaftspolitischen Themen auseinandersetzen und die uns durch ihr Erzählen einen anderen Blick und ein anderes Verständnis auf unsere Welt und unsere Konflikte ermöglichen. Mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ hat Lüscher sich schon dieses Themas angenommen und hat erzählt von den (wirtschaftlichen) Egoismen und Barbareien, die es überhaupt erst ermöglichten, dass eine Finanzkrise ausbricht. Und nun begibt sich Lüscher in seinem neuen Roman ganz hinein in die Kreise und Zirkel, die Teil hatten an den wirtschaftsliberalen Veränderungen, die zufällig – oder aus Klugheit – mit aufgesprungen sind auf den Zug der Veränderung, der in den 1980er Jahren begann, und die davon profitiert haben und nun vor einem Scherbenhaufen stehen. Richard Kraft, philosophischer Deuter und Erklärer des freien Marktes, ist einer von ihnen. Kraft ist angesehener Wissenschaftler, immerhin in der Nachfolge Walter Jens´ der Inhaber der Rhetorik-Professur in Tübingen, und steht finanziell vor einem Desaster. So klug, brillant und scharfsinnig seine …

Imbolo Mbue: Das geträumte Land

„Das geträumte Land“ hätte DER Roman werden können für „Das graue Sofa“, ein Roman, der auf das schönste die beiden Schwerpunktthemen, nämlich die Ökonomisierung aller Facetten unseres Lebens und die Probleme um Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit hätte verbinden können. Denn der Roman erzählt genau von diesen beiden Themen, indem er die Wege von Jende Jonga und seiner Frau Neni, kamerunische Flüchtlinge in New York, mit denen der Bankerfamilie Edwards just zur Zeit der Lehmann-Pleite 2008/2009 verknüpft. Wie Jendes Leben in Limbe ist, welche Chancen in der Gesellschaft er hat, das ist schon bei seiner Geburt festgelegt worden. Er entstammt einer armen Familie, einer Familie ohne „Namen“ und wird nie eine Möglichkeit zum Aufstieg haben. Der Job als Straßenfeger ist gleichzeitig auch das Ende der Karriereleiter. Und bedeutet auch, dass er niemals Neni wird heiraten können, denn Neni entstammt einer Familie, die – zumindest für ein paar Jahre – Geld hatte. Damals nämlich, als ihr Vater im Hafen beim Zoll (!) arbeitete und so viel verdiente, dass die Familie sich ein Haus leisten konnte und seit …

Saphia Azzedine: Bilqiss

Schon das Alte Testament erzählt von der Königin von Saba, die von der Weisheit des Königs Salomon gehört hat und sich bei einem Besuch an seinem Hof davon überzeugen wollte. Auch im Koran finden sich Verweise auf die Königin aus dem südlichen Land, die hier auch den Namen Bilqiss trägt, und hier ist sie es, von deren besonderer Weisheit erzählt wird. Saphia Azzeddines Protagonistin Bilqiss aber ist weder eine Königin noch ist sie weise. Dass ihr Leben so völlig missraten ist, das sei, so Bilqiss´, schon von Anfang an klar gewesen. Ihr Vater entlässt nach ihrer Geburt die im Nachbarzimmer wartende Schar der Nachbarn mit dem tiefen Seufzer „Das ist der Wille Allahs“, denn da ihm eine Tochter geboren ist, gibt es nun nichts mehr zu feiern. Und tatsächlich, für ein Mädchen, eine Frau ist das Leben nicht leicht in diesem Dorf irgendwo auf dem Land. Bilqiss darf zwar zur Schule gehen, arbeitet aber auch auf dem Mohnfeld und mit dreizehn Jahren muss sie Qasim heiraten, einen 46-jährigen dickbäuchigen ehemaligen Fischer, der nun als Chauffeur …

Navid Kermani: Sozusagen Paris

Wie ist das wohl, wenn nach dreißig Jahren unversehens die große Jugendliebe vor einem steht? Ist sofort die alte Vertrautheit wieder da, die Sympathie, sozusagen die Flugzeuge im Bauch? Und wie sieht sie aus, die Jugendliebe, nun, so viele Jahre später? Fühlt man sich immer noch so zu ihr hingezogen wie damals, weil immer noch die kleinen Gesten da sind, die alte Wortmelodie, die man so mochte? Oder erkennt man sie womöglich gar nicht mehr, weil die Zeit sie so verändert hat, dass da eine ganz und gar fremde Person vor einem steht? Läuft in der Fantasie sofort der Film ab, der die Geschichte zeigt, wie das Leben verlaufen wäre, wäre man zusammengeblieben? Und wäre das ein Film mit glücklichem Verlauf oder eher die Dokumentation einer desaströsen Beziehung? Oder wäre die Begegnung eher von Peinlichkeiten begleitet, weil einem alle Tollpatschigkeiten, die in so einer ersten großen Liebe nun einmal passieren, sofort riesengroß vor Augen stehen? Dem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller, der gerade die deutsche Provinz bereist, um seinen Roman über seine große Jugendliebe vorzustellen, sind diese …

#lithund _ Eine Blog-Tour: Der Hund in der Literatur

Veröffentlichte Beiträge: Birgit schreibt über Jack London und seine Hund-Wolf-Romane auf Sätze und Schätze   Worum es geht beim Projekt: Es begann ja ganz harmlos, schon vor ein paar Monaten: Birgit hat auf ihrem Blog Sätze&Schätze ein Buch besprochen, in dem ein Hund namens Mucki eine große Rolle spielt. Der nämlich, eigentlich eine „die“, gehört zum Erbe der kauzigen Tante von Alice Herdan-Zuckmayer und muss übernommen werden, wenn man denn auch in den Besitz der Juwelen und Pelze, die die alte Dame versteckt hat, gelangen möchte. Als die Zuckmayers dann auch noch den Nachlass der Tante lesen und sich herausstellt, dass sie glühende Anhängerin der Nazis war, ist klar: „Der Hund is a Nazi“. Trotz allem, trotz Scheußlichkeit und falscher Anhängerschaft und unfassbarer Verwöhntheit, nimmt die Familie den Hund mit auf die Flucht, er bekommt, wann immer es geht, Kalbsleber und Honigwasser und Chanel No. 5 und stirbt schließlich in hohem Alter. Dann ist er wohl schon länger kein Nazi mehr, schließlich hatte er in seinen letzten Lebensjahren ja nur noch Umgang mit linken Schriftstellern, …

2016 – Mein Leserückblick

Angeregt von den Bloggern, die dieser Tage ihre Lektüren 2016 Revue passieren lassen und daraus Listen erstellen von Büchern, die sie nicht überzeugen konnten oder solchen, die gerade bestens in Erinnerung bleiben, habe ich auch noch einmal zurückgeblickt auf mein Lesejahr 2016. Und bin erschrocken. Denn ich kann gerade einmal drei Bücher nennen, die sich mir besonders eingeprägt haben, an deren Lektüre ich mich gerne erinnere, weil sie nicht nur inhaltlich besonders waren, sondern mich auch sprachlich und konzeptionell überzeugen konnten, sodass es sich wirklich lohnt,sie hier noch einmal zu erwähnen. Dass eines davon eine Biografie mit zahlreichen soziologischen Aspekten ist, dass hier also schon die Brücke geschlagen ist aus der Romanwelt in die Welt der nicht fiktionalen Texte, ist dabei schon vielsagend. Ich habe ja schon im Zusammenhang mit der Longlist des Deutschen Buchpreises darüber geschrieben, dass sich die aktuelle Literatur ziemlich wenig auseinandersetzt mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen, die wir allgegenwärtig betrachten können. Und auch die Frühjahrsprogramme der Verlage haben wiederum sehr wenig Titel im Angebot, die sich mit dieser Aktualität …

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan lässt in ihrem Roman „Nach einer wahren Geschichte“ die Ich-Erzählerin Delphine erzählen, was ihr Ungeheuerliches nach der Veröffentlichung ihres autobiografisch grundierten Buches über den Suizid ihrer Mutter passiert ist. Und spielt so mit dem Leser auf gleich mehreren Ebenen Katz-und-Maus rund um die Frage, was denn Literatur sei, wie sich Literatur gestalten lasse und ob in unserer unübersichtlichen Zeit nicht eigentlich die Literatur, also das Ausgedachte und Erfundene, hinter der ungleich höher einzuschätzenden Bedeutung des autobiografischen, also des wahren Schreibens zurücktreten müsse. Damit umkreist auch Delphine de Vigans Schreiben einen Aspekt der Literatur, mit dem sich gerade mehrere Autoren auseinandersetzen, nämlich dem Verhältnis von eher autobiografischer und eher fiktionaler Literatur. Da sind – auf der einen Seite – die Schriftsteller zu nennen, die Bücher schreiben, die sich vermeintlich aus der Biografie der Schriftsteller speisen und ihren Texten somit eine ganz besondere Authentizität verleihen, z.B. Knausgard und Espedal, Melle und Bakker. Zu dieser Kategorie von Texten gehört sicherlich auch de Vigans Buch „Das Lächeln meiner Mutter“. Hier thematisiert sie den unerwarteten Tod ihrer …

Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht

Nach Melles „Welt im Rücken“ nun also Gerbrand Bakkers „Jasper und sein Knecht“. Ein zufälliges Hintereinanderlesen, eine Lesereihenfolge, die entstanden ist, weil Bakkers neues Buch nach seinen Romanen „Oben ist es still“ und „Der Umweg“ auf dem Lesestapel ganz oben lag. Und so ergab es sich, dass nach Melles autobiografischem Schreiben über seine manische Depression wieder ein autobiografisches Buch in den Fokus rückt, ein Tagebuch gar, das somit auch formal ganz nah an der Lebenswelt des Autors ist. Auch Bakker also spielt mit den Formen der autobiografischen Literatur, auch für ihn gelten die Anmerkungen Hamens aus dessen Artikel „Gefährliche Leibschaften“ über die im Anschluss an die Melle-Besprechung ausführlich diskutiert wurde. Von Dezember 2014 bis Dezember 2015 zeichnet Bakker sein Leben auf, beginnt mit der Erinnerung an den Geburtstag des Großvaters, erzählt, wie er lebt in seinem Haus in der Eifel, erzählt von den Nachbarn dort, dem Hund Jasper, seinem Garten und seinen Aufenthalten in Amsterdam. Bakker blickt auf seine Vergangenheit, seine Familie und das Trauma des ertrunkenen kleinen Bruders, auf das Eislaufen, seine beruflichen Wege …

Thomas Melle: Die Welt in meinem Rücken

Vor ein paar Wochen erst hat Samuel Hamen in seinem auf tell-review erschienenen Artikel „Gefährliche Leibschaften“ über das aktuell so vielfältige Phänomen des autobiographischen Schreibens nachgedacht. Angesichts der zunehmenden Unübersichtlichkeit der medialen Berichterstattung, in der selbst der Kundigste auch einmal bewussten Fakes auf den Leim gehe, suchten, so die These Hamens, die Leser Sicherheit im Authentischen. Sie ließen sich ganz besonders begeistern und anrühren durch Texte, bei denen „das Schreiben durch den Körper“ verbürgt sei, von Autoren, die „ihre Lebensbeutelungen unverhohlen als biografische Narrative verwerten“, die „behaupten, ihr Leben 1:1 in Literatur zu transportieren.“  Diese Autoren tragen, so deutet es Hamens, selbst zu ihrer Legendenbildung bei und werfen dafür alles in die „Waagschale: ihr Familienglück, ihr Renommee, ihr Schreibtalent und ihren schriftstellerischen Körper.“ Genau in diese Kategorie passt auch Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“. Hier beschreibt Melle die Ursachen, Wirkungen und Verheerungen seiner manischen Depression, auch Bipolarität genannt. Nicht in Form eines Romans, sondern in der des autobiographischen Schreibens erzählt Melle von den Jahren 1999, 2006 und 2010, in denen die Krankheit ihn …

Hans Platzgumer: Am Rand

Gerold Ebner ist früh am Morgen aufgestanden, hat die Wohnung aufgeräumt, sich bereit gemacht für den Aufstieg auf den Berg. Dort sitzt er nun in der beginnenden Morgendämmerung, dick bekleidet, denn es ist Oktober, und beschreibt die 100 Blätter, die er mitgebracht hat, mit seiner Lebensgeschichte. Er sitzt am Rand des Gipfels und blickt – auch aus der Distanz, die sich durch den Blick von oben ergibt – auf sein Leben. Er will aufschreiben, wie es gekommen ist, dass er nun hier oben sitzt. Am Abend, wenn er die 100 Blätter mit seiner Lebensgeschichte (seiner Lebensbeichte?) gefüllt hat, will er den einen Schritt tun vom Rand in den Abgrund. [Zum Weiterlesen hier entlang.]

Lutz Seiler: Die römische Saison

Das Leben als Schriftsteller kann ja durchaus ganz besondere Momente bieten – denkt man so als Laie. Und ist ein wenig neidisch, wenn ein Schriftsteller berichtet von seinem Jahr, das er mit der ganzen Familie in der Villa Massimo in Rom verbringen durfte, als Stipendiat der Deutschen Akademie Rom. Ach, seufzt man, wie schön wäre das, auch einmal ein Jahr in Rom verbringen zu können, das römische Leben mal nicht als Tourist für ein paar Tage oder Wochen ausprobieren, sondern gleich ein ganzes Jahr Zeit zu haben, es bei den Römern zu beobachten und selbst zu erproben; zu schauen, was es tatsächlich auf sich hat mit dem „Dolce far niente“, aus dem preußischen Hamsterrad aussteigen und sich dem Müßiggang hingeben zu können; zu jeder (Jahres-)Zeit durch die alten Gassen zu schlendern, auch dann, wenn keine Touristenmengen sich hindurchschieben; mitten in der Nacht oder früh am Morgen Geldmünzen in den Trevi-Brunnen zu werfen und auf der spanischen Treppe in die Sonne zu blinzeln, Bars und Cafés abseits der üblichen Routen entdecken, und beim Flanieren durch die …

Von der Suche nach dem Sinn des Lebens – Eine Polemik zum Deutschen Buchpreis 2016

Wenn wir in ein paar Jahren, in fünf vielleicht oder in zehn, zurückblicken auf die Romane, die für die Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 nominiert wurden, werden sie uns dann erzählen, wie es sich angefühlt hat, unser Leben im Jahr 2016? Werden wir uns erinnern, was uns umgetrieben hat, welche Themen im öffentlichen Diskurs eine bedeutende Rolle spielten oder beim Treffen mit Freunden die Gemüter erhitzten, was uns erfreute, was uns besorgte? – Nein, lässt sich da wohl jetzt schon antworten, werden wird nicht. Hier geht es zum Weiterlesen.

Ernst-Wilhelm Händler: München. Gesellschaftsroman

Als Gesellschaftsroman bezeichnet Ernst-Wilhelm Händler seinen Roman im Untertitel und erzeugt damit ganz konkrete Erwartungen bei seinen Lesern: Eine Großstadt mit ihren verschiedenen Bewohnern und ihren gesellschaftlichen Verwerfungen gerate hier unter das Brennglas des Autors, so meint der Leser, wie in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, wie in John Lancasters „Kapital“. Nach Berlin und London nun also München, so der Romantitel. Damit hat Händler schon einmal eine falsche Spur ausgelegt, denn in seinem Roman werden weder gesellschaftliche Unterschiede ausgelotet noch komplexe Handlungsstränge verschiedener Figuren kunstvoll ineinander verwoben. In München spielt der Roman und zeigt viel Lokalkolorit, aber er spielt nur in einer Gesellschaft, der besseren nämlich. Alle Figuren sind auf sehr viel Geld recht weich gebettet, gehen in den angesagten Münchner Shops großzügig einkaufen und zeigen mit den angesagten Modemarken, wer sie sind. Sie verkehren auf Partys von RTL-Größen, an den Kulturplätzen der Stadt oder auch beim Charity-Dinner auf Schloss Herrenchiemsee, wenn dort Prinz Franz seinen achtzigsten Geburtstag in angemessener Kulisse begeht. [Zum Weiterlesen hier entlang]

Abbas Khider: Die Orangen des Präsidenten

Wer sich angesichts der einen oder anderen aktuell beunruhigenden Nachricht noch einmal vergewissern möchte, was es heißt, in einer Diktatur zu leben, der kann auf den Spuren des Abiturienten und Taubenzüchters Mahdi schnell herausfinden, dass das Leben in einem solchen Land höchst unsicher und unvorhersehbar ist – und sehr gefährlich. Mahdi lebt im Irak Saddam Husseins. Durch den Iran-Irak-Krieg verliert er seinen Vater, die Mutter, Analphabetin, verkauft den Renault und das Grundstück, großzügige Gaben des Staates zum Ausgleich des Verlustes, kauft eine Wohnung und betreibt fortan einen Gemüseladen, um für sich und Mahdi sorgen zu können. Ein paar Jahre später stirbt die Mutter an Krebs, Mahdi zieht zu seinem Onkel nach Nasrija. Und nach seinen Abiturprüfungen landet er quasi direkt in den Katakomben des Hussein-Regimes, denn bei einer Spritzfahrt mit seinem Freund Ali wird er festgenommen, Ali hatte wohl die falschen politischen Freunde und Mahdi war zur falschen Zeit mit Ali zusammen. Und wie es politischen Häftlingen in einem absolut rechtsfreien Raum ergeht, davon erzählt Mahdi in seinem Roman. Zu Beginn der Vernehmungen glaubt Mahdi …

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind

Saudi-Arabien ist nicht gerade ein Land, in das es Mitteleuropäer, zumal Frauen, in Scharen zieht: Ein absolutistischer König herrscht, die islamische Religion wird besonders konservativ und streng ausgelegt. Die Folgen sind die Verletzung von Menschenrechten, eingeschränkte Meinungsfreiheit und archaische Strafen wie Steinigung und Auspeitschung, von der Todesstrafe ganz zu schweigen. Für Frauen wird die Situation noch einmal schwieriger, denn sie müssen sich nicht nur in der Öffentlichkeit verschleiern und dürfen nicht Autofahren, dürfen nicht mit nicht-verwandten Männern zusammentreffen, was (universitäre) Bildung, was Arbeit, ja sogar die Krankenversorgung erschwert, sie haben vor allem nur eingeschränkte Rechte, weil sie immer einen männlichen Vormund haben, der über sie bestimmen kann, erst den Vater, dann den Ehemann. Fürwahr kein Traumland. Dorthin, nach Jeddah, fliegt Basil. Seine Schwester Layla hat ihn zu ihrer Hochzeit eingeladen. Und Basil nimmt die Einladung an, einmal natürlich, weil ihn seine Schwester darum gebeten hat, aber auch, weil er verstehen möchte, was sie zu diesem Schritt treibt. Basil und Layla, Layla und Basil, das ist die Geschichte gewesen von zwei Geschwistern, fast Zwillingen gleich, die …

Vincenzo Latronico: Die Verschwörung der Tauben

In die Welt des großen Geldverdienens taucht Vincenzo Latrinicos Roman von der „Verschwörung der Tauben“ ein und führt uns vor allem das Personal vor, das für diesen ebenso großen Betrug verantwortlich ist. Das große Geld verdienen – das ist der Traum der Mitspieler, die diesen Roman bevölkern. Gar nicht mal, um sich dann mit edlen Gütern zu umgeben oder dem schönen Nichtstun zu frönen, sondern vielmehr um endlich die Anerkennung des Vaters zu bekommen, wenn der große Deal klappt, oder, noch besser: um im Wettbewerb mit den anderen Spielern als der Sieger hervorzugehen, der das ganz große Rad gedreht hat – und vielleicht auch aus Rache. Verschiedene Wege gibt es, um an das große Geld zu kommen: Eine akademische Karriere kann Reputation und viele gute Kontakte erschaffen, die für kleinere und größere Geschäfte „nebenher“ genutzt werden können, sodass zum staatlich gesicherten Einkommen ein kleines oder auch größeres Zubrot verdient werden kann; es können Häuser gebaut oder restauriert werden, beständige Werte immerhin, die eine Wertschöpfung darstellen; es können Häuser luxussaniert werden und Stadtviertel aufgewertet – gentrifiziert …

Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch

Da sitzt eine Mutter auf dem Boden vor dem Bett ihres Sohnes, seinen Kopf in ihren Schoß gebettet. Sie hat unruhig geschlafen, hat wohl schon geahnt, dass er in dieser Nacht sterben wird. So ist sie früh aufgestanden, noch im Dunkeln, um nach ihm zu schauen und hat ihn leblos vor seinem Bett gefunden. Er ist nicht einfach eingeschlafen, friedlich, wie man so sagt, sondern hat sich vor das Bett gesetzt, in der Hoffnung wohl, dass ihm dort sitzend das Atmen leichter falle. Die Mutter hat sich neben ihn gesetzt und wartet auf den Sonnenaufgang, erst dann will sie den Arzt rufen. Es ist sicherlich immer eine ungeheuerliche Situation, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt. Auch in diesem Fall ist das so, auch wenn der Sohn erwachsen ist und die Mutter ihn seit einem Jahr pflegt. Aber aus einem ganz anderen Grund, als man erwartet. Denn nun, nach seinem Tod, kann die Mutter ihm endlich das alles erzählen, was sie ihm immer verschwiegen hat, kann endlich ihr Leben erzählen, wie sie es ihm nie …

Warum ich lese

Auf seinem Blog novelero hat Sandro darüber geschrieben, warum er liest. Viele Blogger sind seiner Idee gefolgt und haben auch darüber nachgedacht, wie und warum sie zum Lesen gekommen sind und was es immer wieder ist, dass sie zum nächsten Roman treibt. Das wiederum hat auch mich angeregt, über mein Lesen nachzudenken. Warum ich lese – das ist doch auf den ersten Blick so ein sinnloser Satz wie: warum ich esse, oder: warum ich atme. Ich lese, weil es für mich wichtig ist, so wichtig wie essen, schlafen und atmen. So einfach ist das doch. Auf den ersten Blick und als spontane Antwort. Aber dann beginnen doch die Fragen: Warum ist denn Lesen für mich so wichtig wie das Atmen und Essen, wenn es doch für viele andere Menschen offensichtlich ganz anders ist. Letztens erst hat eine Kollegin gefragt, wie ich das denn schaffe, so viel zu lesen. Sie hätte so viel Zeit gar nicht. Es ist wohl doch nicht so, dass Lesen ganz selbstverständlich ist, es ist wohl doch so, dass es für viele …

Tom McCarthy: Satin Island

Ein Anthropologe untersucht das Wesen der menschlichen Existenz, besonders gerne in Gegenden, die möglichst abgelegen, am besten gar abgeschnitten vom Rest der Welt, sind. Meistens reist er in diese Gebiete, lebt mit den Menschen dort wochen- und monatelang zusammen und kommt durch die Methodik der „teilnehmenden Beobachtung“ und unter Wahrung seiner eigenen Distanz zu den beobachteten Menschen zu seinen Erkenntnissen. Er untersucht alles an der Art der Menschen zu leben und bezieht dabei auch die unterschiedlichen kulturellen Kontexte mit ein, die verschiedenen wirtschaftlichen Bedingungen und die differenzierten religiösen oder weltanschaulichen Werte und Normen. So kann er herausfinden und erklären, warum uns die Menschen so „fremd“ sind. Tom McCarthy macht in seinem Roman einen Anthropologen zum Protagonisten. Der aber soll nun nicht die ungewöhnlichen Riten von Menschen an unzugänglichen oder vergessenen Stellen der Welt durch Beobachtung, Systematisierung, Analyse und Interpretation untersuchen, sondern hat den Auftrag bekommen, den Großen Bericht zu schreiben über uns und unsere Art zu leben. Gleich im ersten Kapitel des Romans können wir lernen, wie ein Anthropologe unsere Welt sieht: wie sich reales …

Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit

Hannah steht vor einem Scherbenhaufen. So oft sie sich auch als Journalistin bewirbt, sie bekommt keinen Job. Und die Partnerschaft zu Jakob, die Partnerschaft, die sie einst als sicheren Hafen, als Bollwerk gegen die Anfeindungen des Lebens, gesehen hat, hat sich auch in Luft aufgelöst. Nun ist Hannah 30 Jahre und ist an diesem runden Geburtstag alleine in Berlin, ohne Anrufe, ohne Emails, ohne Freunde, ohne große Geburtstagsparty. In dem kleinen Einzimmer-Appartement der Freundin Miriam, die gerade für einen Fernsehsender in Moskau arbeitet, wohnt sie, das wenige Geld, das sie hat, muss sie sorgfältig verwalten. Und dabei haben ihre Eltern ihr vor ein paar Jahren noch gesagt, dass sie es dich gut habe. Dass sie doch zu einer Generation gehöre, die alle Freiheiten habe, „der alle Wege offenstünden. Man könne alles werden, alles sein, hieß es, alles sei möglich, das sei die totale Freiheit.“ Friederike Gösweiner fackelt nicht lange, erzählt gar nicht erst um den heißen Brei. Nach den ersten beiden Kapiteln liegen die beiden Konfliktfelder fein säuberlich ausgebreitet vor dem Leser. „Dann hat es …

Anna Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter

Man nehme: das bedrückende und traurige Leben einer jungen spanischen Akademikerin, die wegen der Euro- und Wirtschaftskrise keine Arbeit findet und bei ihren Eltern wieder in ihr altes Kinderzimmer einziehen muss; schaurige und fantastische Motive, die aus der Romantik entlehnt sind, einer Epoche, die gegen die Rationalität von Aufklärung und Industrialisierung erzählen wollte; einen Schriftsteller, der sich dem Literaturbetrieb und der Öffentlichkeit konsequent entzieht und dadurch erst einen richtigen Hype um seine Person auslöst; und eine gut Prise Nazi-Vergangenheit. Ana María, auch Anita genannt, ist die Protagonistin und Ich-Erzählerin, eine temperamentvolle Spanierin, die ihren Gefühlen meistens freien Lauf lässt. Und was sie empfindet und denkt an diesem denkwürdigen Samstagmorgen, das klingt wie der viel versprechende Anfang eines rasanten Romans zur Wirtschaftskrise. Eigentlich wollten die Eltern zusammen mit Ana María über das Wochenende in das Ferienhaus in den Bergen der Sierra Guadarrama fahren. Dann aber machen die Eltern noch einen Spaziergang im Jardin Botánico und als sie nach Hause kommen, fühlen sie sich kränklich und legen sich hin. Ana María ist langweilig, sie fragt ihre Freundinnen …

Warum ich Juli Zehs Roman „Unterleuten“ nicht zu Ende lesen werde

Es ist ja so: Landauf, landab formiert sich der Chor der Lobenden. Auf den unzähligen Blogs wird das Loblied gesunden, das papierene Feuilleton stimmt ein. Alle Rezensenten sind überwältigt von „Unterleuten“, haben ihren Spaß gehabt mit den zahlreichen kauzigen Dorfbewohnern, haben sich prima unterhalten bei ihren inneren und äußeren Konflikten – bis es zum Äußersten kam – und haben im kleinen Dorf die Probleme des großen Ganzen entdeckt. Nur, ich kann nicht einstimmen in diesen Chor, überhaupt und ganz und gar nicht, werde nun also nun einen ordentlichen Missklang beisteuern. Schon durch die ersten Unterleutener Seiten habe ich mich gequält, denn diese Figuren sind von der ersten Seite an so voller innerer Konflikte, dass ganz klar ist, dass sie sich entweder über kurz oder lang selbst ins Messer stürzen oder irgendjemanden anderen meucheln müssen. Trotz dieses deutlichen Weges in den Konflikt habe ich dann, so der Deal mit mir, bis Seite 100, ja darüber hinaus sogar bis Seite 150 gelesen. Nun bin ich mitten in der Bürgerversammlung, werde mehr oder weniger geschickt immer wieder vertröstet, …

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Als Laleh nach so vielen Jahren endlich wieder durch die Haustür Madar Bosorgs, ihrer Oma, in Teheran geht, vergisst sie ganz zu schauen, ob die Tür immer noch so blau ist, wie in ihrer Kindheitserinnerung: Nämlich nicht nur einfach blau, sondern in diesem ganz besonderen Blau, in diesem Blau mit Sonnenschein. Aber sie vergisst vor lauter Aufregung auf die Farbe zu achten, denn erst als sie durch die Tür in Madar Bosorgs Haus geht, fühlt es sich für sie an, als sei sie wirklich im Iran angekommen. Es ist 1999 und Laleh ist zum ersten Mal seit der Flucht der Eltern vor über zehn Jahren mit ihrer Mutter Nahid und der Schwester Tara zu Besuch bei ihrer Familie. Der Debütroman Shida Bazyars erzählt die Geschichte Behsads und Nahids, die als Kommunisten aus dem Iran des Ayatollah Khomeini fliehen müssen. Die vor einer angeblichen Urlaubsreise noch einmal durch die blaue Tür gehen, mit der Familie zusammen essen und sich nicht verabschieden können, weil niemand von der geplanten Flucht wissen darf. Sie flüchten nach Deutschland, wo sie …

Abbas Khider: Ohrfeige

Abbas Khiders Roman hätte der Roman des Frühjahrs zur aktuellen Flüchtlingsthematik werden können; er hätte der Roman werden können, der den Lesern literarisch zeigt, wie das Leben im Wartestand zwischen den Bewilligungen der Behörden, den Umzügen zwischen den Flüchtlingsheimen und der ewigen Untätigkeit und Langeweile ist; er hätte der Roman werden können, der zeigt, wie auch Behörden Menschen demütigen können, alleine, weil sie ihnen ausgeliefert sind. All diese Aspekte sind enthalten in Khiders Roman. Khiders Roman ist nicht im Jetzt angesiedelt, sondern in den Jahren 2000 bis 2003. Im Irak herrscht Saddam Hussein, aber Karim Mensy flieht nicht, weil er politisch aktiv war, sondern aus einem sehr persönlichen Grund. Ihm sind zur Jugendzeit weibliche Brüste gewachsen, die er nun durch Kleidung zu verbergen sucht. Sein Leben hat sich seitdem sehr verändert, Schwimmbäder und Fußballplätze sind tabu, die Sommer verbringt er wegen der luftigen Kleidung lieber zu Hause und beginnt Comics zu zeichnen. Aber nach dem Abitur steht der Wehrdienst an. Nicht auszudenken, was ihm dann geschieht: „Im Fernsehen sah ich oft, wie die Soldaten mit …

Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin

Von Not und Elend, vom Unverstanden-Sein und von großer Einsamkeit, von der Normalität der häuslichen Gewalt, vom Innenleben einer bürgerlichen, aufstiegsorientierten Familie der Nachkriegszeit also, erzählt Birgit Vanderbeke in ihrem jüngsten Roman „Wir freuen uns, dass du geboren bist“, singt die Mutter, „Und hast Gebuhurtstag heut“. Weil der Vater nicht mitsingt, sich lieber eine Zigarette ansteckt, wiederholt die Mutter die Strophe mehrmals. Und das Mädchen, die Ich-Erzählerin, die heute sieben Jahre alt wird, weiß doch, während sie dasteht und zuhört, dass nichts an dem Lied stimmt, dass jedes Wort gelogen ist. Die Eltern. Sie sind wohl eher nicht froh, dass das Kind geboren wurde, denn dieses Kind ist der lebende Beweis dafür, dass sie im falschen Leben angekommen sind. Die Mutter ist schon einmal verlobt gewesen, mit dem Gutsbesitzersohn des Ortes, doch der ist im Krieg gefallen. Nach dem Krieg waren die Männer rar und die Mutter, die nun schon fast dreißig war, drohte eine unverheiratete Frau zu werden; im Dorf redete man schon über sie. Dann lernte sie den Vater kennen, einen siebzehnjährigen Schüler. …

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

Der Titel des Romans von Michael Köhlmeier erinnert an das Märchen Hans Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Wie im Märchen das Mädchen, so befindet sich auch das wohl sechsjährige Mädchen in Köhlmeiers Roman in einer desolaten Situation: obdachlos, ohne Eltern oder andere Familienmitglieder kämpft sie um das tagtägliche Überleben im frostigen Winter einer mitteleuropäischen Großstadt. Nahrung ist wichtig, ebenso ein warmer Platz zum Ausruhen und Schlafen, manchmal in einem beheizten Eingang, zur Not auch in einer Mülltonne. So überlebt sie, anders als das Mädchen im Märchen, auch eine kalte Winternacht. Nach den „Herren am Strand“, nach Chaplin und Churchill, die sich ihrer Hilfe in den dunklen Momenten der Depression versichern, entführt Köhlmeier seine Leser in diesem Roman in die Welt der Kinder, die gestrandet sind in einer winterlichen Großstadt. Er erzählt die Geschichte aus der Sichtweise der Kinder, meistens aus der des sechsjährigen Mädchens, das sich keines Namens erinnern kann, und sich dann, als sie von den beiden Jungen gefragt wird, Yiza nennt. Die Erzählung bleibt ganz nah bei den Kindern und …

Katharina Winkler: Blauschmuck

Günter Grass sah die große Leistung der Literatur darin, dass sie nicht wegschaue, nicht vergesse, sondern das Schweigen breche. Genau das ist auch die große Leistung Katharina Winklers und ihres Debütromans „Blauschmuck“, dem sie die Anmerkung „Nach einer wahren Begebenheit“ voranstellt. Hier erzählt Winkler die Geschichte von Filiz, die in einem kurdischen Dorf aufwächst, heiratet, später mit ihren Kindern nach Österreich ausreist. Und sie erzählt vor allem von dem Ehe-Martyrium Filiz´, das erst nach Jahren endet, weil die Nachbarn in der neuen Heimat dafür sorgen, dass sie in ein Krankenhaus kommt und dann in einem Frauenhaus leben kann, als Yunus, der Ehemann, sie nicht nur, wie sonst üblich, geschlagen und vergewaltigt, sondern regelrecht zusammengeknüppelt hat. Katharina Winkler findet eine ganz besondere Sprache und eine besondere Erzählhaltung für die Geschichte von Filiz, die die Leser gar nicht ertragen könnten, wäre sie nicht genau so erzählt, wie sie erzählt wird. Winkler lässt Filiz erzählen, als Ich-Erzählerin, die es geschafft hat, sich von sich selbst zu distanzieren, die ihre Umgebung nur beobachtet, die eigenen Handlungen beschreibt und das, …

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

Es gibt Stoffe in der Literatur, die durch die Zeiten immer wieder neu erzählt werden. Sie haben einen narrativen Kern, der quasi zeitlos ist, sie haben narrative Ränder, die immer in andere Zeiten und Räume transformiert werden können. Camus´ Roman „Der Fremde“ scheint solch ein Stoff zu sein. Die Urgeschichte lebt fort, findet seit siebzig Jahren begeisterte Leser, die Figuren und ihre Ideen finden Eingang in andere literarische Werke, werden zu Zitaten, zu Referenzen. Der Stoff selbst, die Handlung, die Motive, die Art des Erzählens inspiriert auch immer wieder Schriftsteller. So bleibt der sinnlose Tod des namenlosen Arabers natürlich nicht ohne Antwort in Algerien. Und nun hat auch Kamel Daoud, ein algerischer Journalist, sich mit dem Stoff in seinem Debütroman auseinandergesetzt. Nichts weniger als eine Gegendarstellung ist dabei herausgekommen, eine Sicht der Dinge aus der Perspektive des jüngeren Bruders des Ermordeten, der nun, als alter Mann, endlich erzählen möchte, wie die Tat für ihn war. Jeden Abend sitzt Haroun in der Bar und trinkt seinen Wein. Er wartet seit Jahren schon auf den Zuhörer, der …

Albert Camus: Der Fremde

Er ist dem Leser wirklich fremd, Meursault, der Protagonist und Ich-Erzähler des 1942 erschienen Romans von Albert Camus, gerade dem Leser, der zuvor mit Verena Lueken und Henning Mankell angesichts einer Krebsdiagnose über die Dinge des Lebens nachgedacht habt und darüber, „was es heißt, ein Mensch zu sein2. Und da kommt nun dieser Meursault, dem offensichtlich alles egal ist, der sich nicht nur für nichts interessiert und begeistert, sondern dem nichts wichtig zu sein scheint, ja, der wohl offensichtlich nicht einmal eine Moral hat und sich so von seinem Nachbarn Raymond einspannen lässt, um einen dubiosen Brief zu schreiben und sogar falsch für ihn auszusagen. Nur, damit Raymond sich bei einer Frau rächen oder sie erniedrigen kann. Meursault fühlt sich wohl auch fremd in seiner Umgebung, fühlt sich nirgendwo richtig zugehörig, hat einen distanzierten, aber sehr detailliert beobachtenden Blick auf seine Welt. Seine Mutter ist gestorben – damit beginnt der Roman –, aber Meursault scheint keine Trauer zu empfinden. Minutiös beschreibt er, wie er seinen Chef um Urlaub bittet, wie üblich in Célestes Restaurant isst …

Verena Lueken: Alles zählt

Die Erzählerin hat sich eine Auszeit genommen. Sie will in New York, in der Wohnung von Freunden, die vor der Hitze des Sommers aus der Stadt geflohen sind, darüber nachdenken, wie es in ihrem Leben weiter gehen könnte. Vor allem, ob sie weiter schreiben möchte und wenn ja, was für Texte das sein sollen. Sie hat das Gefühl, nun etwas Neues ausprobieren zu müssen, sie ist offen für Inspirationen und neugierig und möchte diesen Suchprozess in New York erleben, in der Stadt, in der sie immer mal wieder gelebt hat. Dazu streift sie durch die Straßen, sie beobachtet die Menschen, wie sie vor den Bars und Cafés sitzen, entdeckt ein Kino, ein winzig kleines Zimmerkino, das ausgerechnet von dem Dokumentarfilmer betrieben wird, der in den 1960er und 70er Jahren einen legendären Film über die Rolling Stones gedreht hat, ein inzwischen hochbetagter Mann. Sie liest Salter, den amerikanischen Autor, den sie noch nicht gelesen hat, dessen neuester Roman aber gerade erschienen ist, „All that is“, und der sie so begeistert, dass sie seine anderen Romane auch …

Mercedes Lauenstein: nachts

Wer nachts durch die dunklen Straßen geht, der stellt sich wohl schon die Frage, was die Menschen tun in den Wohnungen, in denen die Lampen leuchten. Und fragt vielleicht weiter, was das für Menschen sind, wie alt sie sind, wie sie wohnen, warum sie wach sind. Das erleuchtete Fenster jedenfalls, das einen knappen Blick gewährt in ein anderes Leben, regt die Fantasie an und macht neugierig. Mercedes Lauensteins schickt ihre namenlose Ich-Erzählerin los, um die Geheimnisse hinter den nachts erleuchteten Fenstern zu erkunden. Die Erzählerin, selbst schlaflos, wandert durch die Straßen der Stadt, sucht nach Mitternacht nach Lichtern in den Zimmern und hofft, dass, je später es wird, wenigstens eines der Fenster in jeder Straße erleuchtet bleibt – dass also wenigstens einer außer ihr selbst noch wach ist. Und eines Nachts, es regnet stark, da fasst sie den Entschluss, bei einer solchen Wohnung zu klingeln. Während sie die Treppen hinaufsteigt, überlegt sie sich eine Erklärung für ihren nächtlichen Besuch, erfindet sich eine Art Forschungsprojekt, durch das sie – so erklärt sie – erkunden möchte, welche …

Johannes Anyuru: Ein Sturm wehte vom Paradiese her

Johannes Anyuru erzählt in seinem in Schweden mehrfach ausgezeichneten Roman eine Geschichte über Flucht und Entwurzelung. Er erzählt von einem Mann, der in die Mühlsteine der afrikanischen Politik und Kriege gerät, der seinen Traum, Pilot zu werden, nicht verwirklichen kann, statt dessen jahrelang auf der Flucht ist. Der, als er schließlich in Schweden ankommt, auch dort keine Heimat findet. Anyurus bedrückende Geschichte des Mannes aus Uganda, der nach dem Putsch Idi Amins nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann, weil er einer anderen, der falschen, Volksgruppe angehört, lässt sich lesen als Beispiel der Lebensnöte, die die Menschen – auch jetzt – zur Flucht zwingen, weil sie im eigenen Land eben keine Heimat haben, weil sie drangsaliert und verfolgt werden. Anyuru erzählt in seinem Roman aber auch die Geschichte des eigenen Vaters, eines ugandischen Kampfpiloten, der sich am Ende einer Odyssee durch die Verhörzimmer und Flüchtlingslager Tansanias, den erzwungenen Aufenthalt im Guerilla-Lager eines ugandischen Oppositionellen und der Flucht nach Kenia durch die Heirat mit einer Schwedin nach Europa retten kann, hier aber immer fremd bleibt. „P“ …

Friedrich Ani: Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck

Gerade, in der Vorweihnachtszeit, können wir sie wieder betrachten, die Bilderflut der fröhlich unter einem Weihnachtsbaum viele Geschenke auspackenden Familien, die Bilderflut der Familien, die gemeinsam um einen reich gedeckten Tisch sitzen (auch noch aufgeladen mit christlicher Symbolik), gut gekleidet, gemeinsam glücklich: Das hohe religiöse Fest findet in den Niederungen der Werbung wenigstens als Familienfest statt, die hier übermittelten Bilder zeigen Familie von ihrer guten Seite, vermitteln zumindest eine Sehnsucht, wie Familie sein könnte. Diese schönen Bilder bricht Friedrich Ani in seinem jüngsten Roman. Er zeigt, wie es auch zugehen kann hinter der Fassade der bürgerlichen Familie, ohne Liebe, ganz ohne gegenseitige Achtung. Und das ist mindestens so düster, wie es das Buchcover schon verspricht. Ausgerechnet am 14. Februar, dem Valentinstag, dem Tag der Verliebten und der Liebe, geschieht etwas Ungeheuerliches für Ludwig Winther: eine Spaziergängerin findet seine 17-jährige Tochter erhängt im Park. Er ist in Salzburg, bei einem Training für Verkäufer und reist sofort zurück. Aber sein Leben ist völlig aus den Fugen geraten, er glaubt nicht daran, dass sich Esther das Leben genommen …

V.M. Straka: S. – Das Schiff des Theseus

Christoph Waltz erklärt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) Figurenensemble und Konflikt der Bond-Filme als konsequente Weiterentwicklungen des Volkstheaters des 19. Jahrhunderts. Im süddeutschen Raum, so Waltz, sei der Held eben nicht James Bond, sondern unter dem Namen Kasperl bekannt. Er habe mit der Großmutter, die die moralische Autorität darstelle, mit dem Polizisten, der für den Staat stehe und mit seinem Freund Seppl aber ähnliche Figuren um sich, wie heute James Bond, und auch Kasperl kämpfe selbstverständlich gegen das Böse, hier in Gestalt des Räubers, des Krokodils und des Todes. Diese archetypischen Figuren und Erzählstrukturen funktionieren offensichtlich nicht nur in den Bond-Filmen, sondern in allerlei anderen Abenteuer- und Heldengeschichten auch. Und sie lassen sich auf jeden Fall zurückverfolgen bis in die griechischen Mythen. So erzählt zum Beispiel die Geschichte von Theseus auch von seinem legendären Kampf im Labyrinth von Kreta gegen den Minotaurus, einer Gestalt halb Mensch, halb Stier, einem bösartigen, unbesiegbaren Gegner jedenfalls, dem die Athener alle neun Jahre sieben junge Männer und Frauen opfern müssen. Ariadne, die Tochter des …

„Erschlagt die Armen“ – Warum Gespräche über Literatur so wertvoll und wichtig sind

Kai und ich haben uns vor ein paar Wochen auf dem Blog verabredet, Shimona Sinhas Roman gemeinsam zu lesen, darüber jeweils eine Besprechung zu veröffentlichen und über ein Interview miteinander ins Gespräch zu kommen (hier lest Ihr Kais Besprechung). Schon bei unseren Besprechungen ist deutlich geworden, dass wir ganz unterschiedlich auf den Roman geschaut haben, dass Kais Beurteilung deutlich kritischer ist. Trotzdem hat sein Blickwinkel mir noch einmal eine weitere Ebene der Rezeption erschlossen, nämlich gerade durch seinen viel genaueren Blick auf die Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft. Nun folgt also unser Interview, das wir auf beiden Blogs veröffentlichen – und Eure Kommentare sind uns herzlich willkommen, damit wir weiter intensiv über Literatur sprechen können. Interview mit Kai Claudia: Lieber Kai, Du hast ja nun auch Shumona Sinhas Roman „Erschlagt die Armen“ gelesen. Mich hat der Roman unheimlich fasziniert, sodass ich ihn gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Doch trotz der nur wenig über 100 Seiten, hat die Lektüre schon seine Zeit gebraucht. Wie ist es Dir beim Lesen ergangen? Kai: …

Dörte Hansen: Altes Land

Ihren Heimatroman siedelt Dörte Hansen im Alten Land an, dem Landstrich, der in der Nähe Hamburgs liegt, in dem sich die Menschen aber ihre dörflichen Strukturen und Traditionen bewahrt haben. Die großen, alten und zumeist gut gepflegten Häuser, die die Großstädter auf der Suche nach einer Alternative zum Stadtleben zum Träumen, und manchmal auch zum Kaufen bringen, die akkurat gepflegten Vorgärten mit den sauber abgestochenen Rasenkanten, das alles erweckt den wunderbaren Eindruck von ländlicher Idylle. Die es aber natürlich auch hier nicht gibt. Hansen spielt mit den Konventionen des Heimat- bzw. Dorfromans, durchbricht gängige literarische Vorstellungen, um an ihnen zu zeigen, dass auch das traditionelle Dorfleben alles andere als in Ordnung ist. Die ersten Eindringlinge in die dörfliche Gleichförmigkeit, die Flüchtlinge aus dem Osten, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs hier strandeten, verändern noch nichts an den Strukturen, sie werden verscheucht oder leben das Leben eines Außenseiters. Doch die Traditionen, das „alte“ Denken, erweist sich nicht nur als nicht mehr zeitgemäß, es zerstört mehr und mehr die Individuen, die mit ihm leben, ihm verhaftet sind. …

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beim Sprachunterricht der afrikanischen Flüchtlinge, die es in ein Berliner Altersheim verschlagen hat, hängen die Verben an der Wand: gehen, ging, gegangen. Jenny Erpenbeck hat in ihrem Roman ein ganz aktuelles Thema aufgegriffen, hat quasi den Roman zur Flüchtlingsthematik dieses Spätsommers geschrieben. Dabei spürt sie in ihrem Roman einem Flüchtlingsdrama nach, das sich vor zwei Jahren ereignet hat, als Afrikaner, die über das Mittelmeer nach Italien gelangt sind, die Abgabe ihres Asylantrags in Deutschland, entgegen den Regeln von Dublin II, erzwingen wollten und dazu monatelang in Berlin auf dem Oranienplatz gelebt haben, um so auf ihre Situation aufmerksam zu machen. „We become visible“, haben sie auf Schilder geschrieben. Sie selbst wollten sichtbar werden, sie wollten ihr Problem sichtbar machen, den Kampf nämlich gegen den europäischen Paragrafendschungel, der doch alles zu tun scheint, um sie dem öffentlichen Sichtfeld zu entziehen. Die Geschichte des Streiks vom Oranienplatz nimmt Jenny Erpenbeck zum Ausgangspunkt ihres Romans. Vor den zeitlichen Verläufen der realen Geschichte um die streikenden Afrikaner, ihr Abkommen mit dem Berliner Senat, das sich ein paar Wochen später …

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen

Shumona Sina hat ihren Roman in Frankreich schon 2011veröffentlicht. Sie stammt aus Indien, hat dort bereits Gedichtbände auf bengalisch veröffentlicht und lebt seit 2001 in Frankreich. Dort hat sie auch den Job gehabt, den sie nun ihrer Protagonistin auf den Leib schreibt: Sie ist Dolmetscherin bei der Einwanderungsbehörde, kennt das Innere eines Amtes, weiß um das Prozedere bei den Anhörungen von Asylbewerbern und bei den medizinischen Untersuchungen, sie hat den manchmal zermürbenden Arbeitsalltag zwischen Verwaltungsvorschrift, Formularwesen und Lüge selbst erlebt. Als ihr Roman „Erschlagt die Armen“ veröffentlich war, hat sie die Kündigung bekommen, ihr Text sei den Behörden vor der Veröffentlichung nicht zu Genehmigung vorgelegt worden, hieß es. Sie scheint also mit ihrem schmalen Roman, der den Titel eines Gedichts Charles Baudelaires trägt, der Administration und weiteren staatlichen Stellen ordentlich auf die Füße getreten zu haben. Und tatsächlich: Schon alleine der Erzählton der namenlosen Ich-Erzählerin ist von einer ganz anderen Energie, einer Wut geradezu, die beispielsweise in Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ ganz und gar nicht zu finden ist. Schon im ersten Satz denkt …

Ulrich Peltzer: Das bessere Leben

Der Beruf des Salesman, so berichtet Terézia Mora in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen, eigne sich so gut für Romanfiguren, weil er etwas erzähle „über die Zeit, in der wir jeweils leben“. In Peltzers Roman treten gleich drei Salesmen auf und erzählen uns etwas über unsere Zeit, keine ganz kleinen Angestellten, sondern international agierende Händler, die große Volumina umsetzen und es insofern auch selbst geschafft haben zu einem „besseren Leben“. Sie alle sind um die 50, entstammen verschiedenen Gesellschaftssystemen, haben ganz unterschiedliche Jugendträume gehabt, unterschiedliche Werdegänge und Erlebnisse; und sind doch heute alle da, wo es sich um die größeren Aufträge dreht. Was sind das für Menschen, was bewegt und motiviert sie, welche Träume haben sie (noch), welche Ziele haben sie, welche Werte, welche Verantwortlichkeiten? Ulrich Peltzer hat einen faszinierenden zeitgenössischen Roman geschrieben, ja es scheint tatsächlich möglich zu sein, einen Roman zu schreiben mit zeitdiagnostischem Blick, der zudem nicht ganz ohne Anspruch ist an den Leser – und das gleich aus mehrfacher Sicht: Peltzer entfaltet vor den Augen des Lesers ein Wimmelbild von Figuren und ihren …

Karl Wolfgang Flender: Greenwash, Inc.

Thomas Hessel mag Blasen. Schon als Kind liebte er es, wenn er mit seinem Bruder in der Badewanne saß, die Schaumblasen mit dem Finger zu zerdrücken. Und seine Liebe zu den Blasen ist ihm geblieben. Nun, als Erwachsener spielt er für sein Leben gerne und in jeder sich nur bietenden Situation auf seinem Smartphone Bubble-Shooter, angetrieben von der Jagd nach dem nächsten High-Score, denn dann zeigt sich auch das putzige Eichhörnchen. Und um Glück arbeitet Hessel in einer Branche, in der Champagner-Trinken zum guten Ton gehört. Wenn Hessel beispielsweise eine Gruppe Journalisten in einem Reisebus vom Flughafen eines südamerikanischen Landes, vorbei an Wellblechhütten, ausgelaugten Böden und vielen anderen Zeichen der bitteren Armut, ins Hotel begleitet, dann bietet man den Journalisten doch wirklich gerne ein Glas Champagner an. Das hebt die Laune der müden Reisenden und zeigt die Wertschätzung der Agentur gegenüber ihren Gästen. Denn Hessel arbeitet in einer PR-Agentur, einer mit ganz besonderer Ausrichtung. Zu Mars & Jung kommen die Kunden, die gerade eine schlechte Presse haben, weil sie erwischt worden sind bei Kinderarbeit und …