Identität, Lesen, Romane
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Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Geschichten von 1000 Frauen habe sie erzählen wollen. So sei zumindest der – zugegebenermaßen – groß angelegte Plan gewesen. Um die Lücke zu füllen, die existiere, weil es so gut wie keine Erzählungen von schwarzen Frauen in der Literatur gebe. Und diese Lücke sei schmerzlich denn für Frauen wie sie selbst biete die Literatur fast keine Identifikationsräume: Die Storys der weißen Frauen in Großbritannien entsprechen nicht der Erfahrungswelt der Woman of Colour. Genauso wenig aber bieten die Geschichten der schwarzen Frauen aus Ländern, in denen sie keine Minderheiten sind, eine Möglichkeit, Erlebnissen, Erfahrungen oder Konflikten in eher weißen Kulturräumen nachzuspüren. So erklärt Bernardine Evaristo ihre Motivation für den Roman bei einer Video-Lesung.

Immerhin von zwölf Frau erzählt Evaristo dann in ihrem Roman. Sie sind zwischen 20 Jahren und 93, sie sind Bäuerinnen, Kontrolleurinnen in den Londoner Bussen, selbstständig mit einer Reinigungsfirma, Lehrerinnen und Bankerinnen. Sie alle haben sich einen Platz in der britischen Gesellschaft erkämpft, als Migrantinnen, die nach Großbritannien gekommen sind, um hier „ihr Glück“ zu machen, oder als Töchter der zweiten Generation. Sie sind verheiratet, verwitwet, geschieden oder leben alleine, sie lieben homosexuell oder heterosexuell, sind transgender. Aber sie alle eint, dass sie selbstbestimmt leben, sie alle haben sich voller Energie und Kraft einen Platz im Leben erkämpft, sie alle haben sich in schweren Zeiten oder durch böse Rückschläge nicht unterkriegen zu lassen. Und alle haben irgendwann in ihrem Leben auch dem Rassismus getrotzt.

Evaristo spendiert allen ihren Figuren eine eigene Stimme, einen eigenen Platz im Buch. Die Frauen erzählen von ihrem Leben, von der Situation, in der sie sich gerade befinden. Sie blicken auch zurück auf besondere Ereignisse, die sie zu dem haben werden lassen, der sie nun sind. Aber sie erzählen auch biografisch, erzählen von den nicht nur räumlich engen Elternhäusern, von Bildungswegen und Berufen, von Freundschaften, von Ehepartner*innen, von Kindern. So bekommen die Charaktere Tiefe, lebendige Figuren entstehen vor dem Auge der Leserin.

Da ist zum Beispiel LaTisha, die Shirley Kings Schülerin gewesen ist, aber eher eine, die Mrs King nicht gut in Erinnerung behalten hat. LaTisha hat die Schule dann auch noch abgebrochen. Sie war früh schwanger und ist zu Hause rausgeflogen, weil ihre Mutter mit der Schande des unehelichen Enkels nicht leben wollte. Noch zwei Kinder hat LaTisha bekommen, weil sie immer wieder an die falschen Männer geraten ist – oder den falschen Männern vertraut. Nun arbeitet sie im Lebensmittelladen, ernährt ihre Kinder alleine. Sie hat Verantwortung übernommen, zu Hause und bei der Arbeit. Kleine Karriereschritte hat sie gemacht, ist nun Bereichsleiterin für Obst und Gemüse – und ist darüber ehrgeizig geworden. Die schnodderige Sprache, die hat sie immer noch.

Carole dagegen, ihre beste Freundin zu Schulzeiten, hat einen anderen Weg für sich gefunden. Nach einem einschneidenden Erlebnis, von dem sie noch nie jemandem etwas erzählt hat, hat sie beschlossen, dass ihr so etwas nie wieder passieren wird. Sie hat Mrs Kings Hilfe gesucht, hat um Rat gebeten, was sie tun könne, um an eine der renommierten Hochschulen zu gelangen. Und hat es geschafft, in Oxford, Mathematik studieren zu können. Kreuzunglücklich war sie im ersten Semester, wollte nach den Weihnachtsferien nicht wieder dahin zurück, wo sie als schwarze Studentin so auffiel, wo ihr die weißen Kommilitoninnen auch schon mal „voll Ghetto“ hinterher zischelten. Ihre Mutter, Bummi, die aus wirtschaftlicher Not von Nigeria nach London gegangen ist, hat ihre Argumente und Kränkungen nicht gelten lassen:

„du musst die Menschen finden, die deine Freunde sein wollen, selbst wenn es alles Weiße sind

es gibt auf dieser Welt für jeden jemanden

du gehst also gefälligst zurück und fichst die Kämpfe aus, die dir nach deinem britischen Geburtsrecht zustehen, Carole, wie eine wahre Nigerianerin“

Und wieder passt Carole sich an. Sie sucht sich die Studierenden, die freundlich sind und nähert sich zum ersten Mal in ihrem Leben anderen Menschen. Sie gewinnt Freundinnen, auch einen Freund. Sie lauscht ihrer Sprache und lernt sie, sie schaut, wie und was sie essen, sie schminkt sich anders und verzichtet auf die aufgeklebten Fingernägel, die im Alltag doch nur stören. Sie ist erfolgreich im Studium, wird Bankerin in der City, hat einen Mann aus der weißen englischen Oberschicht. Carole erzählt nie von dem Preis, den sie für diese Verwandlung möglicherweise zahlen musste. 

Aber Bummi, so stolz auf den Erfolg der Tochter, findet die damit einhergehenden Veränderungen schrecklich, das blasierte Sprechen durch die Nase, als „säße dort ein Schnupfen gefangen“, die Missbilligung ihrer Wohnungseinrichtung, die Kleidung, vor allem die Hochzeit mit einem weißen Engländer. Einen Nigerianer hätte sie heiraten sollen, sich wieder auf die eigene Kultur besinnen:

„was denkst du dir dabei, mir so viel wahala zu machen, eh? so wollen wir gar nicht anfangen! du spukst mir nicht auf deinen Papa und sein Leben! du spukst mir nicht auf dein Volk! willst du so viel Schande auf diese Familie bringen, abi? nein, nein, nein, so wirst du mich nicht beschämen! ich kenn dich gar nicht mehr, kein bisschen, pikin, kein bisschen“

Mehr noch als die Rassismus-Erfahrungen geht es Bernardine Evaristo um den Generationenkonflikt. Der spielt bei vielen der Frauen eine wichtige Rolle. Jede Generation steht vor neuen Herausforderungen, muss sich neue Wege frei kämpfen, um eigene Entscheidungen treffen zu können, und steht dann doch wieder vor den Töchtern, denen das bisher Erreichte eben nicht ausreicht. Und so nähern die Töchter und Enkelinnen sich mehr und mehr dem Leben der britischen Gesellschaft an. So wie später Hattie, die Dreiundneunzigjährige, sinniert, dass sie innerhalb von drei Generationen weiß geworden sind.   

Bernardine Evaristo hat für ihren Roman einen eigenen Stil entwickelt, den sie als Fusion-Fiction bezeichnet. Beim Aufschlagen der Seiten schon lässt er sich erkennen, denn in den Kapiteln gibt es keine Punkte zum Satzabschluss. Das scheint schwierig zu lesen, trägt aber letztendlich viel mehr dazu bei, die Lebendigkeit und Energie der Figuren zu erfahren, so, als würden wir ihnen in Sesseln gegenübersitzen und ihren Erzählungen lauschen. Auch ihr Schmerz und ihre Trauer werden so viel fühlbarer, wenn sie sie uns – im Layout durch harte Zeilenumbrüche – quasi entgegenschreien. So denkt Penelope, als sie erfährt, ein adoptiertes Kind zu sein:

„sie war eine Waise

ein Bastard

ungewollt

abgelehnt“

Zusammengehalten werden die Geschichten der zwölf Figuren, die sich in unterschiedlichen Konstellationen untereinander kennen, durch eine Rahmenerzählung. Die bildet die am Abend bevorstehende Uraufführung von Amma Bonsus Stück „Die letzte Amazone von Dahomey“ am National Theatre. Amma lernen wir gleich als erste Figur des Romans kennen. Sie ist sechzig und seit kurzem Dramaturgin am National Theatre in London. In den 80er und 90er Jahren war sie vor allem rebellisch, war öffentlichkeitswirksam laut, um die Stellung der schwarzen Schauspielerinnen und Schauspieler zu verbessern, die Stellung der lesbischen Schauspielerinnen. Zusammen mit Dominique hat sie ein Schauspielerinnen-Ensemble gegründet, um eigene Stücke spielen zu können, die eigenen Themen auf die Bühne zu bringen. Und nun ist sie mitten in der Kulturgesellschaft Londons angekommen, inszeniert ein eigenes Stück am Theater.

Und zur Premierenfeier – am Ende des Romans – werden sie alle kommen: Ammas Tochter Yazz mit ihren Studienfreundinnen, ihre beste Freundin Shirley King, mit der sie sich als Teenager an der Grammar School zusammengetan hat, die beiden einzigen dunkelhäutigen Mädchen unter den vielen anderen weißen. Shirley, die Generationen von Schülerinnen und Schüler als Mrs King kennen und fürchten, wird Carole auf der Premierenfeier treffen. Megan/Morgan wird da sein, die sich als Aktivistin in den sozialen Medien einen Namen gemacht hat und seit Jahren genderfrei lebt. Dominque, mit der Amma gar nicht gerechnet hat, weil sie vor Jahren schon nach Amerika gegangen ist und mittlerweile an der Westküste lebt, wird sie überraschen. Und natürlich wird Roland da sein, der Vater ihrer Tochter, ein schwuler Intellektueller, der durch die Talkshows tingelt, Bücher schreibt, eine Professur hat, der gelernt hat, sein „kulturelles Kapital“ zu nutzen. Und wie die einen über die anderen reden, während der Premierensekt in Strömen fließt, und wie die Kritiker um den schnellsten Beitrag im Internet konkurrieren, das ist schon ganz großes Erzählkino. So wie Humor, Ironie und Pointen sowieso zu Evaristos erzählerischem Handwerkszeug gehören.

In ihrem Stück „Die letzte Amazone von Dahomey“ nimmt Amma sich der Geschichte der beninischen Kriegerinnen an, die den König als Leibgarde schützten. Die per Video auf die Zuschauer des Theaters in Massen zuströmenden schwarzen Kriegerinnen, denen man nachsagt, eine Enthauptung besonders schnell ausführen zu können, stellt Evaristo also in ihrem Roman die heutigen Kriegerinnen gegenüber, die sich mit dem Alltag im London zu Beginn des 21. Jahrhunderts abmühen. Jede von ihnen eine große Kämpferin. Jede von ihnen auf der Höhe ihrer Zeit.

Geschichten von 12 schwarzen Frauen also erzählt Evaristo, Geschichten, die Mut machen, weil sie am Ende doch „gut ausgehen“. Die Orientierung geben und Vorbild sind für andere schwarze Frauen, die in der Literatur danach suchen. Ja! Aber es sind doch auch Geschichten, die alle Leserinnen und Leser, egal welcher Hautfarbe, berühren, weil ihre Schicksale alle Leserinnen und Leser berühren, weil wir uns auf die eine oder andere Weise selbst erkennen können: Wie schwer es ist, mit der falschen (Unterschichten-)Sprache an die Uni zu kommen, wie schwer es ist, zu verarbeiten, dass einen die eigene Mutter nach der Geburt weggegeben hat, wie schwer, sich gegen die Enge der Vorstellungen und Werte der Eltern zu stellen. Und der Idee, dass es hier gar um Identitätspolitik gehen könne, erteilt Courtney in der Erzählung von Yazz, die ja so woke ist, mal gleich eine richtig schöne Abfuhr:

„Courtney entgegnete, wenn man bedenke, dass Yazz die Tochter eines Professors und einer sehr bekannten Theaterregisseurin sei, sei sie ja nun nicht gerade unterprivilegiert, während sie Courtney aus einer richtig armen Gegend stamme, wo es ganz normal sei, mit sechszehn in der Fabrik anzufangen und mit siebzehn das erste Kind zu kriegen und es allein großzuziehen, der Hof ihres Vaters gehöre faktisch der Bank“

Courtney fordert statt Identitätspolitik und einer „Olympiade der Privilegien“ einen neuen Diskurs über Ungleichheit.

Bernardine Evaristo (2021): Mädchen, Frau etc., Stuttgart, Tropen Verlag

3 Kommentare

  1. Ich habe das Buch noch im Regal zu stehen, Claudia.
    Dein Bericht darüber hat es mir näher gebracht und ich denke, ich werde es als nächstes herausnehmen.
    Liebe Grüße von Susanne

      • Ich werde wohl heute mit dem Buch beginnen, liebe Claudia, ich habe eine arbeitsreiche Woche hinter mir, Seminarfolien für meine Workshops mussten überarbeitet werden. Ich war erstaunt, wieviel ich ändern musste, ich hatte den Kurs „Veröffentlichen und Verkaufen im Internet“ Mitte Januar das letzte mal gehalten und die Hälfte der Links haben sich geändert. Das ist meines Erachtens der Pandemie und unserer neuen Art zu arbeiten geschuldet. Interessant.
        Ich werde vom Buch berichten, einen schönen Sonntag von Susanne

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