Jahr: 2015

Buchsaitens-Blogparade 2015

Und wieder ist es Zeit für Katrins  nun schon traditionelle Jahresend-Blogparade, in der sie uns nunmehr zum siebten Mal ein paar Fragen aufgibt, die helfen, das eigene Lesejahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Ich mogel mal gleich ein bisschen, denn mich jeweils nur auf ein Buch festzulegen, so wie es Katrins Fragen nahelegen, das ist mir viel zu wenig. Und außerdem möchte ich noch ein paar Fragen hinzufügen, die ich auf Annas Buchpost gefunden habe, so wie ich das ja schon ein paar Jahre einfach mal so mache. 1. Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat? Hier gibt es schon gleich mal mehrere Bücher, von denen ich mir zwar nicht unbedingt „wenig versprochen habe“, denn dann hätte ich sie nicht gelesen, die mich aber besonders beeindruckt haben, weil ich nicht erwartet habe, wie intensiv das Leseerlebnis werden wird. Das sind zwei Romane von ausländischen Autoren, von denen ich vorher nichts gelesen habe, deren Namen ich vorher nicht einmal kannte, und …

Johannes Anyuru: Ein Sturm wehte vom Paradiese her

Johannes Anyuru erzählt in seinem in Schweden mehrfach ausgezeichneten Roman eine Geschichte über Flucht und Entwurzelung. Er erzählt von einem Mann, der in die Mühlsteine der afrikanischen Politik und Kriege gerät, der seinen Traum, Pilot zu werden, nicht verwirklichen kann, statt dessen jahrelang auf der Flucht ist. Der, als er schließlich in Schweden ankommt, auch dort keine Heimat findet. Anyurus bedrückende Geschichte des Mannes aus Uganda, der nach dem Putsch Idi Amins nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann, weil er einer anderen, der falschen, Volksgruppe angehört, lässt sich lesen als Beispiel der Lebensnöte, die die Menschen – auch jetzt – zur Flucht zwingen, weil sie im eigenen Land eben keine Heimat haben, weil sie drangsaliert und verfolgt werden. Anyuru erzählt in seinem Roman aber auch die Geschichte des eigenen Vaters, eines ugandischen Kampfpiloten, der sich am Ende einer Odyssee durch die Verhörzimmer und Flüchtlingslager Tansanias, den erzwungenen Aufenthalt im Guerilla-Lager eines ugandischen Oppositionellen und der Flucht nach Kenia durch die Heirat mit einer Schwedin nach Europa retten kann, hier aber immer fremd bleibt. „P“ …

Friedrich Ani: Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck

Gerade, in der Vorweihnachtszeit, können wir sie wieder betrachten, die Bilderflut der fröhlich unter einem Weihnachtsbaum viele Geschenke auspackenden Familien, die Bilderflut der Familien, die gemeinsam um einen reich gedeckten Tisch sitzen (auch noch aufgeladen mit christlicher Symbolik), gut gekleidet, gemeinsam glücklich: Das hohe religiöse Fest findet in den Niederungen der Werbung wenigstens als Familienfest statt, die hier übermittelten Bilder zeigen Familie von ihrer guten Seite, vermitteln zumindest eine Sehnsucht, wie Familie sein könnte. Diese schönen Bilder bricht Friedrich Ani in seinem jüngsten Roman. Er zeigt, wie es auch zugehen kann hinter der Fassade der bürgerlichen Familie, ohne Liebe, ganz ohne gegenseitige Achtung. Und das ist mindestens so düster, wie es das Buchcover schon verspricht. Ausgerechnet am 14. Februar, dem Valentinstag, dem Tag der Verliebten und der Liebe, geschieht etwas Ungeheuerliches für Ludwig Winther: eine Spaziergängerin findet seine 17-jährige Tochter erhängt im Park. Er ist in Salzburg, bei einem Training für Verkäufer und reist sofort zurück. Aber sein Leben ist völlig aus den Fugen geraten, er glaubt nicht daran, dass sich Esther das Leben genommen …

V.M. Straka: S. – Das Schiff des Theseus

Christoph Waltz erklärt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) Figurenensemble und Konflikt der Bond-Filme als konsequente Weiterentwicklungen des Volkstheaters des 19. Jahrhunderts. Im süddeutschen Raum, so Waltz, sei der Held eben nicht James Bond, sondern unter dem Namen Kasperl bekannt. Er habe mit der Großmutter, die die moralische Autorität darstelle, mit dem Polizisten, der für den Staat stehe und mit seinem Freund Seppl aber ähnliche Figuren um sich, wie heute James Bond, und auch Kasperl kämpfe selbstverständlich gegen das Böse, hier in Gestalt des Räubers, des Krokodils und des Todes. Diese archetypischen Figuren und Erzählstrukturen funktionieren offensichtlich nicht nur in den Bond-Filmen, sondern in allerlei anderen Abenteuer- und Heldengeschichten auch. Und sie lassen sich auf jeden Fall zurückverfolgen bis in die griechischen Mythen. So erzählt zum Beispiel die Geschichte von Theseus auch von seinem legendären Kampf im Labyrinth von Kreta gegen den Minotaurus, einer Gestalt halb Mensch, halb Stier, einem bösartigen, unbesiegbaren Gegner jedenfalls, dem die Athener alle neun Jahre sieben junge Männer und Frauen opfern müssen. Ariadne, die Tochter des …

„Erschlagt die Armen“ – Warum Gespräche über Literatur so wertvoll und wichtig sind

Kai und ich haben uns vor ein paar Wochen auf dem Blog verabredet, Shimona Sinhas Roman gemeinsam zu lesen, darüber jeweils eine Besprechung zu veröffentlichen und über ein Interview miteinander ins Gespräch zu kommen (hier lest Ihr Kais Besprechung). Schon bei unseren Besprechungen ist deutlich geworden, dass wir ganz unterschiedlich auf den Roman geschaut haben, dass Kais Beurteilung deutlich kritischer ist. Trotzdem hat sein Blickwinkel mir noch einmal eine weitere Ebene der Rezeption erschlossen, nämlich gerade durch seinen viel genaueren Blick auf die Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft. Nun folgt also unser Interview, das wir auf beiden Blogs veröffentlichen – und Eure Kommentare sind uns herzlich willkommen, damit wir weiter intensiv über Literatur sprechen können. Interview mit Kai Claudia: Lieber Kai, Du hast ja nun auch Shumona Sinhas Roman „Erschlagt die Armen“ gelesen. Mich hat der Roman unheimlich fasziniert, sodass ich ihn gar nicht mehr aus der Hand legen wollte. Doch trotz der nur wenig über 100 Seiten, hat die Lektüre schon seine Zeit gebraucht. Wie ist es Dir beim Lesen ergangen? Kai: …

Christian Kortmann: Mein Chef der Hund

Eine Gastrezension von FelixderHund Das ist ein Buch nach meinem Geschmack. Endlich einmal stolpert der Hund in der Literatur nicht als metaphorisch-symbolisch-allegorisches Bild für diverse verstörende Wesenszustände des Menschen durch die Geschichten, sondern wird gezeigt, wie er wirklich ist: Energisch, empathisch, kraftvoll, verspielt – und als ausgezeichneter Chef und Menschenführer. Die Geschichte ist die: Der namenlose Ich-Erzähler hat seinen Job hingeschmissen, weil ihm sein Chef mit seinen herunterputzenden dummen Bemerkungen so auf die Nerven gegangen ist, dass er es einfach nicht mehr ertragen hat. Da bekommt er von einem Bekannten den Tipp, sich doch bei Papenburger zu bewerben, die hätten jetzt einen Hund als Chef: „Quereinsteiger. Haben ewig lang gesucht. Mit Headhunter und so weiter. Und sein Profil hat wohl am besten gepasst.“ Also schickt der Ich-Erzähler seine Bewerbung an die Papenburger Personalabteilung, schreibt als Hobby von seiner Vorliebe für ausgedehnte Spaziergänge – und bekommt prompt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Und bei diesem Gespräch werden schon die Führungskompetenzen des Chefs klar: Statt den Bewerber stundenlang warten zu lassen, damit auch der Letzte merkt, wie beschäftigt …

Dörte Hansen: Altes Land

Ihren Heimatroman siedelt Dörte Hansen im Alten Land an, dem Landstrich, der in der Nähe Hamburgs liegt, in dem sich die Menschen aber ihre dörflichen Strukturen und Traditionen bewahrt haben. Die großen, alten und zumeist gut gepflegten Häuser, die die Großstädter auf der Suche nach einer Alternative zum Stadtleben zum Träumen, und manchmal auch zum Kaufen bringen, die akkurat gepflegten Vorgärten mit den sauber abgestochenen Rasenkanten, das alles erweckt den wunderbaren Eindruck von ländlicher Idylle. Die es aber natürlich auch hier nicht gibt. Hansen spielt mit den Konventionen des Heimat- bzw. Dorfromans, durchbricht gängige literarische Vorstellungen, um an ihnen zu zeigen, dass auch das traditionelle Dorfleben alles andere als in Ordnung ist. Die ersten Eindringlinge in die dörfliche Gleichförmigkeit, die Flüchtlinge aus dem Osten, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs hier strandeten, verändern noch nichts an den Strukturen, sie werden verscheucht oder leben das Leben eines Außenseiters. Doch die Traditionen, das „alte“ Denken, erweist sich nicht nur als nicht mehr zeitgemäß, es zerstört mehr und mehr die Individuen, die mit ihm leben, ihm verhaftet sind. …

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beim Sprachunterricht der afrikanischen Flüchtlinge, die es in ein Berliner Altersheim verschlagen hat, hängen die Verben an der Wand: gehen, ging, gegangen. Jenny Erpenbeck hat in ihrem Roman ein ganz aktuelles Thema aufgegriffen, hat quasi den Roman zur Flüchtlingsthematik dieses Spätsommers geschrieben. Dabei spürt sie in ihrem Roman einem Flüchtlingsdrama nach, das sich vor zwei Jahren ereignet hat, als Afrikaner, die über das Mittelmeer nach Italien gelangt sind, die Abgabe ihres Asylantrags in Deutschland, entgegen den Regeln von Dublin II, erzwingen wollten und dazu monatelang in Berlin auf dem Oranienplatz gelebt haben, um so auf ihre Situation aufmerksam zu machen. „We become visible“, haben sie auf Schilder geschrieben. Sie selbst wollten sichtbar werden, sie wollten ihr Problem sichtbar machen, den Kampf nämlich gegen den europäischen Paragrafendschungel, der doch alles zu tun scheint, um sie dem öffentlichen Sichtfeld zu entziehen. Die Geschichte des Streiks vom Oranienplatz nimmt Jenny Erpenbeck zum Ausgangspunkt ihres Romans. Vor den zeitlichen Verläufen der realen Geschichte um die streikenden Afrikaner, ihr Abkommen mit dem Berliner Senat, das sich ein paar Wochen später …

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen

Shumona Sina hat ihren Roman in Frankreich schon 2011veröffentlicht. Sie stammt aus Indien, hat dort bereits Gedichtbände auf bengalisch veröffentlicht und lebt seit 2001 in Frankreich. Dort hat sie auch den Job gehabt, den sie nun ihrer Protagonistin auf den Leib schreibt: Sie ist Dolmetscherin bei der Einwanderungsbehörde, kennt das Innere eines Amtes, weiß um das Prozedere bei den Anhörungen von Asylbewerbern und bei den medizinischen Untersuchungen, sie hat den manchmal zermürbenden Arbeitsalltag zwischen Verwaltungsvorschrift, Formularwesen und Lüge selbst erlebt. Als ihr Roman „Erschlagt die Armen“ veröffentlich war, hat sie die Kündigung bekommen, ihr Text sei den Behörden vor der Veröffentlichung nicht zu Genehmigung vorgelegt worden, hieß es. Sie scheint also mit ihrem schmalen Roman, der den Titel eines Gedichts Charles Baudelaires trägt, der Administration und weiteren staatlichen Stellen ordentlich auf die Füße getreten zu haben. Und tatsächlich: Schon alleine der Erzählton der namenlosen Ich-Erzählerin ist von einer ganz anderen Energie, einer Wut geradezu, die beispielsweise in Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ ganz und gar nicht zu finden ist. Schon im ersten Satz denkt …

Zu Besuch bei Heinrich Böll, Gabriel Garcia Marquez und Günther Wallraff – #bookupDe beim Verlag Kiepenheuer & Witsch

Am vergangenen Freitag warfen 20 elektronisch affine Leser beim bookupDE ihre Blicke hinter die dicken Mauern des Deichmannhauses gegenüber des Kölner Hauptbahnhofs, in dem seit 2008 der Verlag Kiepenheuer & Witsch residiert. Zu verdanken haben wir diese Einblicke in das Büroleben des Verlags wohl der Hartnäckigkeit Stefanie Leos, die nicht nur die Aktion des bookupDE ins Leben gerufen hat, sondern auch bei Ulrike Meier, die für die Onlinekommunikation verantwortlich ist, so vorstellig wurde, dass die gar nicht mehr ablehnen konnte. Erzählt Ulrike Meier zur Begrüßung jedenfalls schmunzelnd. Auffällig ist an diesem Abend zwischen Hauptbahnhof und Dom ist dann doch das besondere Kölner Temperament – oder die große Begeisterung für die Bücher. Alle Verlagsmenschen, die uns erzählten über das Zustandekommen des bookups, über die Geschichte des Verlags, über die Besonderheiten der Handbibliothek, die Geschichten erzählten über das Zustandekommen dieses oder jenes Buches, über die Tücken beim Übersetzen und Drucken eines Buches, sie alle untermalen ihren Beitrag mit großer Geste. So auch Verleger Helge Malchow, der uns, begleitet von Krach und Gegröle, der vom Bahnhofsvorplatz in die …

Ulrich Peltzer: Das bessere Leben

Der Beruf des Salesman, so berichtet Terézia Mora in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen, eigne sich so gut für Romanfiguren, weil er etwas erzähle „über die Zeit, in der wir jeweils leben“. In Peltzers Roman treten gleich drei Salesmen auf und erzählen uns etwas über unsere Zeit, keine ganz kleinen Angestellten, sondern international agierende Händler, die große Volumina umsetzen und es insofern auch selbst geschafft haben zu einem „besseren Leben“. Sie alle sind um die 50, entstammen verschiedenen Gesellschaftssystemen, haben ganz unterschiedliche Jugendträume gehabt, unterschiedliche Werdegänge und Erlebnisse; und sind doch heute alle da, wo es sich um die größeren Aufträge dreht. Was sind das für Menschen, was bewegt und motiviert sie, welche Träume haben sie (noch), welche Ziele haben sie, welche Werte, welche Verantwortlichkeiten? Ulrich Peltzer hat einen faszinierenden zeitgenössischen Roman geschrieben, ja es scheint tatsächlich möglich zu sein, einen Roman zu schreiben mit zeitdiagnostischem Blick, der zudem nicht ganz ohne Anspruch ist an den Leser – und das gleich aus mehrfacher Sicht: Peltzer entfaltet vor den Augen des Lesers ein Wimmelbild von Figuren und ihren …

Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar

Samias Geschichte ist unglaublich – und dramatisch. Ein Leben, wie es sich kein Autor ausdenkt, der sich nicht den Vorwurf einhandeln möchte, völlig abwegige Geschichten zu schreiben. Ein Leben im Scheinwerferlicht einer Olympiade, das dann doch auf der Flucht über das Mittelmeer nach Europa endet. Samia Yusuf Omar ist Sportlerin gewesen in einem Land, in dem Sport nicht weit entwickelt ist, in dem Sport von Frauen sowieso angefeindet wird. Sie stammt aus Somalia, ist die Tochter einer Obstverkäuferin, die selbst Sportlerin war, der Vater ist tot, wahrscheinlich ein Opfer der Bürgerkriege im Land, das seit den 1990er Jahren keine stabile Regierung mehr hat, sondern aufgeteilt ist zwischen unterschiedlichen Machtinteressen, radikale Islamisten bilden eine davon. Samia aber liebt den Sport und besonders die Leichtathletik. Sie trainierte die Sprintdisziplinen, den 100- und den 200-Meter Lauf. Bei der Olympiade 2008 in Peking marschierte sie mit der kleinen Delegation Somalias stolz ins Stadion, in ihrem 200-Meter-Vorlauf schied sie, zwar mit persönlicher Bestzeit, als letzte Läuferin aus; Veronica Campell-Brown ist alleine im gleichen Vorlauf wie Samia Omar über 10 Sekunden …

Leseschwerpunkt II: Flucht und Entwurzelung

In diesem Sommer schauen wir erstaunt auf die vielen Flüchtlinge, die sich aus den Krisenregionen im Nahen Osten und aus den unsicheren Ländern Afrikas nach Europa aufgemacht haben, auf einen beschwerlichen Weg, bei dem die Menschen nicht nur ihr ganzes altes Leben hinter sich lassen, sondern auch auf einen Weg, der tödlich enden kann. Angesichts der vielen Flüchtlinge, die da auf einmal ankommen, schauen wir auf ratlose Politiker, auf Politiker „vor Ort“, die schnelle Entscheidungen treffen und schnelle Lösungen finden (müssen), aber auch auf solche, sowohl in Deutschland als auch im Ausland, deren Sprache wieder einmal auf Ausgrenzung und Herabwürdigung setzt. Vor allem aber sind da die vielen, vielen hilfsbereiten Bürger, die die Flüchtlinge in Empfang nehmen, die sich ehrenamtlich engagieren, die spenden. Flucht und Flüchtlingswellen kennt die Geschichte viele. Immer wieder haben sich Menschen auf den Weg in eine bessere Zukunft gemacht, wenn sie politisch oder religiös verfolgt wurden, wenn sie keine Hoffnung hatten, ihr Leben selbstständig bestreiten zu können. Diese Wanderbewegungen haben sich auch in der Literatur niedergeschlagen. Auch jüngere Romane beschäftigen sich …

Wolfgang Bauer: Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa. Eine Reportage

Gerade die vergangene Woche hat uns wieder Beispiele der menschenverachtenden Taten der Schleuserbanden sehr deutlich vor Augen geführt: In Österreich wurde ein Kühltransporter gefunden, in dem über 70 Menschen erstickt sind, auf dem Meer vor Libyen sind wiederum zwei Schiffe mit Flüchtlingen an Bord gekentert. Wer Di Nicolas und Musumecis Bericht, wer Wolfgang Bauers Reportage gelesen hat, wundert sich fast schon mehr darüber, dass solche Funde, dass solche Unglücke auf dem Meer nicht noch viel häufiger passieren. Haben Di Nicola/Musumeci in ihren Recherchen „Bekenntnisse eines Menschenhändlers“ die Arbeitsweisen der Schleuser- und Schmugglernetzwerke, die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika nach Europa bringen, beschrieben, so zeigt uns Wolfgang Bauer in seiner beeindruckenden Reportage die andere Seite der Flucht, nämlich die traumatischen Erlebnisse der Flüchtlinge. Er hat versucht, zusammen mit dem tschechischen Fotografen Stanislav Krupar, mit syrischen Flüchtlingen im April 2014 aus Ägypten über das Meer nach Italien zu gelangen. Täglich kommen zigtausend Flüchtlinge auf diesem Weg an den Küsten Italiens und Griechenlands an. Welche Erlebnisse sie bis dahin schon hinter sich gebracht haben, können wir …

Andrea Di Nicola, Giampaolo Musumeci: Bekenntnisse eines Menschenhändlers. Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen

Eines der Themen, über das Zeitungen, Fernsehnachrichten und Internetseiten jeden Tag berichten, ist das der vielen Flüchtlinge, die in diesem Jahr ihre Einreise nach Europa versuchen. Von 600.000, die in diesem Jahr nach Deutschland kommen, ist die Rede, vielleicht werden es auch 750.000 [1] oder 800.000. Auf welchen Wegen diese Menschen nach Europa gelangen, welchen Risiken sie sich aussetzen und welchen Händen sie ihr Leben anvertrauen, das haben die beiden italienischen Autoren Andrea Di Nicola, der als Kriminologe mit dem Schwerpunktthema „organisierte Kriminalität“ an der Universität Trient lehrt, und Giampaolo Musumeci, Fotograf und Dokumentarfilmer, in diesem Buch dargestellt. Sie haben an den üblichen Routen mit den vielen Schleusern gesprochen und gewähren so einen tiefen Einblick in „die größte kriminelle Reiseagentur der Welt“. Für ihr Buch haben sie 2013 und 2014 recherchiert, also noch bevor die ganz großen „Reisebewegungen“ eingesetzt haben, die wir in diesem Jahr beobachten können. Der Titel, dies sei zu Beginn festgehalten, ist recht auffallend, vielleicht gar reißerisch – und dies ist auch kein Übersetzungsfehler, sondern er entspricht durchaus dem italienischen Original – …

Karl Wolfgang Flender: Greenwash, Inc.

Thomas Hessel mag Blasen. Schon als Kind liebte er es, wenn er mit seinem Bruder in der Badewanne saß, die Schaumblasen mit dem Finger zu zerdrücken. Und seine Liebe zu den Blasen ist ihm geblieben. Nun, als Erwachsener spielt er für sein Leben gerne und in jeder sich nur bietenden Situation auf seinem Smartphone Bubble-Shooter, angetrieben von der Jagd nach dem nächsten High-Score, denn dann zeigt sich auch das putzige Eichhörnchen. Und um Glück arbeitet Hessel in einer Branche, in der Champagner-Trinken zum guten Ton gehört. Wenn Hessel beispielsweise eine Gruppe Journalisten in einem Reisebus vom Flughafen eines südamerikanischen Landes, vorbei an Wellblechhütten, ausgelaugten Böden und vielen anderen Zeichen der bitteren Armut, ins Hotel begleitet, dann bietet man den Journalisten doch wirklich gerne ein Glas Champagner an. Das hebt die Laune der müden Reisenden und zeigt die Wertschätzung der Agentur gegenüber ihren Gästen. Denn Hessel arbeitet in einer PR-Agentur, einer mit ganz besonderer Ausrichtung. Zu Mars & Jung kommen die Kunden, die gerade eine schlechte Presse haben, weil sie erwischt worden sind bei Kinderarbeit und …

Terézia Mora: Nicht sterben

„Nicht sterben“ – ein merkwürdiger Titel für eine Poetikvorlesung. Und doch ganz programmatisch für das Erzählen. Terézia Mora beginnt ihre Frankfurter Poetikvorlesung, die sie im Wintersemester 2013/2014, also unmittelbar nach der Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis, gehalten hat, mit dem Bericht darüber, wie langwierig, wie mühsam, wie „unerträglich“ ihr Schreibprozess manchmal ist – sie wird darauf mehrfach zurückkommen -. In so einer Phase bei der Vorbereitung der Vorlesungen überredet ihre Tochter sie, gemeinsam in einen Film zu gehen. Es ist ein Animationsfilm, der eine Schar von Urmenschen zeigt, die in einer Höhle leben. Die Höhle ist Wohnort und Schutzraum zugleich, denn draußen wüten scharfzähnige Bestien. „In der Höhle erzählt der Vater Geschichten, die er mit Höhlenzeichnungen illustriert. Seine Geschichten handeln ausnahmslos davon, dass man die Höhle nur im äußersten Notfall (zur Nahrungsbeschaffung) verlassen darf, und auch das nur kurz und unter bestimmten Umständen, niemals nachts usw., sonst würde man augenblicklich sterben.“ (S. 5) Seine Geschichten handeln also vom „Nicht sterben“, andere Geschichten kennt die Familie nicht. Aber dann muss die Höhle doch verlassen werden und …

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Etan Griens Leben verändert sich in dem sprichwörtlichen einen Moment. Gerade noch braust er mit seinem Jeep in der Nacht zu den lauten Klängen der Musik Janis Joplins durch die Wüste bei Beer Sheva, die letzten Spuren des Noradrenalins nach einer langen Schicht im Krankenhaus geben ihm noch einmal genug Energie für dieses Abenteuer. Und das alles bei dem Schein des schönsten Mondes, den er je gesehen hat. „Und sie kreischte tatsächlich, voll aufgedreht, und auch der Motor kreischte und kurz darauf stimmte Etan selbst mit ein – kreischte begeistert auf der rasanten Abfahrt, kreischte übermütig beim Schwung bergauf, kreischte aufgelöst in der Kurve am Hügel. Und dann fuhr er stumm (Janis Joplin sang weiter, unglaublich, die Stimmbänder dieser Frau), fiel jedoch gelegentlich, wenn sie ihm gar zu einsam klang, in den Refrain mit ein. (…) Im Rückspiegel schielte er nach dem Mond, der mächtig und majestätisch schien.“ (S. 30) Und schon ist es passiert – schon hat er einen Menschen überfahren, mitten in der Nacht, mitten in der Wüste. Etan hält den Wagen an, …

Nur mal eben feucht durchfeudeln…

…wollte ich auf dem Blog. Das graue aus den Ecken wischen, ein bisschen für Durchblick sorgen, auf keinen Fall wollte ich umziehen, wie so viele andere mutige und neugierige Blogger. Um Gottes willen, was da alles passieren kann! Beim Einpacken geht das ein oder andere zu Bruch, beim Transport geht so manches verloren und beim Auspacken findet man sich nicht mehr zurecht, und läuft sich tagelang bei der Suche die Füße platt. Nein, nein, in die Blogger-Villa mit selbstgehosteter Seite und neuen Theme wollte ich auf keinen Fall umziehen. Es kam, wie es kommen muss. Immerhin habe ich mir noch den Umzug auf die eigene Seite versagt, aber neue Regale und Schränke, neue Vorhänge und neue geordnete Bilder brauchte es schon auf dem Blog und es sind auch ein paar Zimmer dazugekommen. Und schon fing die Arbeit an, denn so ein neues Theme, das ein viel mehr kann als das alte, muss ja erst einmal erschlossen und durchdrungen werden.  Und bevor alles geordnet wieder da steht, wo es hin soll, bricht erst einmal das totale …

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles.

Ich weiß: Indem ich diesen Artikel veröffentliche und gleich an mehreren Stellen bei Facebook auf ihn hinweise, indem ich im Zuge des Lesens von Hofstetters „Sie wissen alles“ nach weiteren Informationen zur Autorin und ihrem Unternehmen  gesucht habe, indem ich den „Wehrt Euch“-Artikel von Enzenzberger in der FAZ gelesen habe, ich bei brasch und buch seine Besprechung des Buches von Hofstetter gelesen und auf Kaffeehaussitzer Uwes Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ kommentiert  und ebenfalls auf meine aktuelle Buchlektüre hingewiesen habe, habe ich meinen digitalen Fußabdruck wieder einmal deutlich vergrößert. Ich habe den Daten, die Google, Microsoft, Facebook und andere bisher über mich gesammelt haben, weitere hinzugefügt, Informationen darüber, wofür ich mich – und wie lange – interessiere, mit wem ich – und wie oft – in Kontakt stehe. Und diese Daten werden nicht nur gespeichert, sondern mit den vielen anderen, die über mich schon vorliegen, in Beziehung gebracht. Und dienen alle dazu, mich besser kennenzulernen, vielleicht sogar, so wird gemutmaßt, besser, als ich mich selbst zu kennen meine. Yvonne Hofstetter ist Juristin und …

Rainald Goetz: Johann Holtrop

Aus Anlass der Vergabe des Büchner-Preises an Rainald Goetz sei hier noch einmal an seinen Roman „Johann Holtrop“ erinnert (ursprünglich veröffentlicht im August 2014): Dieser Tage berichten die Zeitungen über die neue, wohl wissenschaftlich belastbare Erkenntnis, dass Psychologen erst gar nicht mehr lange Fragebögen entwickeln müssen, wenn sie herausfinden wollen, ob ihr Gegenüber eine narzisstische Persönlichkeit hat. Die Frage „Ich bin ein Narzisst. Wie sehr stimmen Sie dieser Aussage zu?“ reiche völlig aus, um das herauszufinden, denn die Betroffenen geben offen zu und seien geradezu stolz darauf, sich selbst ganz großartig zu finden und zu meinen, viele Dinge besser zu können als andere, während ihnen Selbstkritik völlig fremd sei, ebenso wie Mitgefühl. Wenn dieses Erkenntnis stimmt, dann ist Johann Holtrop Narzisst. Er ist prominenter Manager eines Medienunternehmens, der Vorstandsvorsitzende der Assperg AG, erfolgreich zur Jahrtausendwende, zur aufregenden und aufgeregten Zeit der New Economy, die zum Ende der 1990er Jahre viele Fantasien befördert und die ersten „Investoren“ steinreich gemacht hat. Holtrop verkauft in der Boomphase einen Unternehmensteil und spült damit eine richtig große Summe Geld ins …

Madeleine Thien: Flüchtige Seelen

Vom Überleben der Terrorherrschaft in Kambodscha erzählt Madeleine Tiens Roman, vom Umgang mit der Schuld, die einzige Überlegende einer Familie zu sein, von den schrecklichen Bildern aus der Kindheit, die immer noch da sind und immer wieder kommen, aber auch von dem Willen, die Erinnerung an die Menschen, die alle getötet wurden, aufrecht zu erhalten. Madeleine Thien erzählt in ihrem Roman die Geschichte Janies, die als Elfjährige mit ihrem jüngeren Bruder aus Kambodscha auf abenteuerlichen Wegen fliehen konnte, die heute, 2006, in Montreal lebt und als Gehirnforscherin arbeitet, die einen kleinen Sohn hat und trotz aller scheinbaren Normalität doch immer wieder von den Schrecken der Vergangenheit heimgesucht wird. Als die Roten Khmer 1975 unter der Führung von Pol Pot die Macht in Kambodscha übernahmen, etablierten sie ein Terrorregime gegen die eigene Bevölkerung, einen Autogenozid. Innerhalb weniger Tage wurde die Bevölkerung aus den Städten vertrieben und auf wochenlange Märsche durch das Land geschickt, bis die Gruppen, schließlich irgendwo auf dem Land bleiben konnten, um dort zu arbeiten. Nachbarschaften wurden durch die Zwangsumsiedelung auseinandergerissen, auch Familien ganz …

Robert Kisch: Möbelhaus. Ein Tatsachenroman

Fast könnte man meinen, dass Robert Kisch dort weiter schreibt, wo Kristine Bilkaus Roman „Die Glücklichen“ endet. Wie in Bilkaus Roman nämlich Georg, so ist auch hier ein Journalist, nämlich Robert Kisch, arbeitslos, gleich zweimal hintereinander hat ihn die Krise der Zeitungen getroffen, gleich zweimal hintereinander ist er gekündigt worden – und nun findet er keinen neuen Job mehr. Selbst die Versuche, es als freier Journalist zu schaffen, klappen nicht. So wie Georg hat auch Robert einen Sohn, fühlt auch er sich als Familienvater verpflichtet, für das Familieneinkommen zu sorgen. Nur Robert ist schon einen Schritt weiter als Georg, einen Schritt weiter auch nach unten auf der sozialen Leiter, denn er hat sich entschlossen, irgendeinen Job weit außerhalb des Journalismus anzunehmen, Hauptsache ein sicheres monatliches Einkommen, und so hat er begonnen, in einem großen Möbelhaus als Verkäufer zu arbeiten. Der morgendliche Gang „ins Gefängnis“, wie die Mitarbeiter den sonnenlichtlosen Bau nennen, die Morgenbesprechung, bei der die Abteilungsleiter ihre Verkäufer „auf Kurs bringen“, dies ist natürlich nicht bezahlte Arbeitszeit, die inhaltsleeren, dummen Phrasen, die die Verkäufer …

Jutta Reichelt: Wiederholte Verdächtigungen

„Wir sind nicht dafür geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende Einzelwesen, sondern Glieder einer Kette.“ Das schreibt Konsul Buddenbrook seiner Tochter Toni, als die bei den Hochzeitsplänen nicht ihrem Vater und seiner Idee einer Familientradition folgen möchte, sondern ihrem eigenen Herzen. Diese Art der Familientradition, die durch die Eltern und aus dynastischen Gründen arrangierte Ehe, hat ja zum Glück heute nicht mehr so eine große Bedeutung. Trotzdem aber gilt nach wie vor, dass wir alle Glieder einer Kette sind, nämlich insofern, als dass wir die Erfahrungen und Erlebnisse, die Geschichten und Anekdoten, die Konflikte und Auseinandersetzungen, ja, auch die Traumata unserer Eltern und vielleicht auch unserer Großeltern mit uns herumtragen – und manchmal wissen wir das nicht einmal. Jutta Reichelt hat solch eine traumatische Geschichte zur Urszene ihres Romans gemacht und schaut, wie solch ein Trauma durch die Generationen weiter lebt. Da ist Christoph, mittlerweile dreißig Jahre alt, Akademiker mit Aussicht auf eine Promotion, leidenschaftlicher Fan von Werder …

Martin Suter: Montecristo

Vielleicht erinnert sich noch einer der Leser an Helmut Dietls „Kir Royal“ und an die Geschichte des Generaldirektors Haffenloher (gespielt von Mario Adorf), der nun nicht unbedingt mit der mafiös-brutalen, sondern mit der rheinländisch-freundschaftlichen Art versucht, den Klatschreporter Schimmerlos davon zu überzeugen, doch endlich eine Story über ihn zu veröffentlichen: Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Ich schick dir jeden Tag Cash in einem Koffer. Das schickst du zurück. Einmal, zweimal, vielleicht ein drittes Mal. Aber ich schick dir jeden Tag mehr. Irgendwann kommt der Punkt, da bist so mürbe und so fertig und die Versuchung ist so groß und da nimmst es. Und dann hab ich dich, dann gehörst du mir. Dann bist du mein Knecht. Ich bin dir einfach über. Gegen meine Kohle hast du doch keine Chance. Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir. So ähnlich scheint es auch Jonas Brand zu gehen, nur dauert es sehr lange, bis er merkt, dass er mitten drin …

Zu Besuch bei Maulwurf, Tüpfel-Hyäne und Co – #bookupDE beim Peter Hammer Verlag

Der wohl bekannteste Maulwurf Deutschlands hat seine – verlegerisches – Heimat in Wuppertal, genauer gesagt: „auf´m Rott“. Dies ist ein berühmt-berüchtigtes Fahrschulparadies, denn enge Einbahnstraßen und zum Teil steile Straßen, die das Anfahren an jeder kreuzenden Straße zur Herausforderung werden lassen, erfreuen das Herz vieler Fahrlehrer – und Fahrprüfer. Das Viertel auf dem Berg ist dabei so zugebaut, dass es wohl für richtige Maulwürfe nur wenig kreativen Gestaltungsraum in den nur kleinen Grünflächen gibt. Aber, am Ende einer Sackgasse, da hat sich der Peter Hammer Verlag niedergelassen, wo sich der Maulwurf, der sich fragt, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, dann doch sehr wohl fühlt. Und dort fand am letzten Dienstag ein #bookup statt, zu dem sich einige Bloggerinnen – nebst Anhang – zusammenfanden, um einen gemeinsamen Nachmittag im „realen Leben“ zu verbringen. Der kleine unabhängige Verlag residiert in einer Souterrain-Wohnung, die aber, ganz typisch für manche Viertel Wuppertals, obwohl halb im Keller, doch so hoch auf dem Hügel liegt, dass sie wiederum wunderbare Weitblicke auf den gegenüberliegenden Hügel ermöglicht. Vor der Tür begrüßt …

Emma Chichester Clark: Plumdog

Ein Gastbeitrag von Felix der Hund Ich bin wieder einmal gebeten worden, eine Buchbesprechung zu schreiben, wieder einmal, so vermute ich, wegen meiner besonderen Expertise als Hund. Außerdem finde ich – mit Blick auf die letzten Blogbeiträge – wird es wirklich endlich einmal Zeit für leichtere, farbenfrohere und lebenswichtigere Themen, als die, die zuletzt hier beschrieben und kommentiert wurden. Was haben Bildungspläne, das Wirken von Kaufen und Verkaufen und mafiöse Unternehmensentscheider schon mit unserem wirklichen Leben zu tun? Nichts! Im Bett schlafen, schwimmen gehen, kuscheln und toben mit anderen Hunden dagegen: Alles! Gefunden haben wir das Buch, das ich Euch heute vorstellen und ganz besonders ans Herz legen möchte, auf dem Blog von Herrn Hund, dem ich, alleine schon der Namensgleichheit wegen, natürlich folge. Und der Fund macht wiederum deutlich, wie umfassend bildend Blog-Lesen im günstigsten Fall doch sein kann. Dieses Mal ist es das Tagebuch von Plum, das ich lesen und anschauen sollte, sogar das „Tagebuch eines Hundes von Welt“. Naja, da bin ich genau der Richtige, denn bei allen Angelegenheiten eines Hundes von …

Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift

Wer sich für das Thema „Bildung“ interessiert, sei es aus professionellen Gründen, als Betroffener oder einfach nur Interessierter, der findet in Liessmanns Schrift eine fundiert ausgeführte Gegenposition zu den regelmäßig in die Bestseller-Charts weit vorn notierten sogenannten Reformpädagogen oder den durch die mediale Aufmerksamkeit lautstark verbreiteten kritischen Schüler-, Eltern- oder Politikermeinungen. Liessmanns Überlegungen scheinen konservativ zu sein, obwohl der Konservatismus nicht seine politische Heimat ist. Er zeigt in seiner viele verschiedene Facetten von Bildung betrachtenden Argumentation auf, dass Bildung Mühe macht, dass Bildung mehr ist als Faktensammlung, weit mehr ist als die Heilsversprechen der neuen Kompetenzen – oder diverser Reformpädagogiken. Und er traut sich etwas, denn er führt, dem Zeitgeist völlig widersprechend, Humboldt an, stellt seine Idee eines drei Stadien berücksichtigenden Unterrichtskonzeptes (Elementarunterricht, Schulunterricht und Universitätsunterricht) vor und fragt, was Schule in diesem Sinne zu leisten habe. Kulturtechniken seien das, sprachliche Fähigkeiten und eben grundständiges Wissen. Und er verweist darauf, auch eine vermeintlich ganz alte und überholte Sichtweise, dass dem Lehrer eine ganz wichtige Rolle zukomme – die Studie des Australiers Hattie, der sich als …

Lese-Schwerpunkt I: Das ökonomische Denken – und wie es in alle Lebensbereiche eindringt

Mein besonderer Leseblick fällt, berufsbedingt wahrscheinlich, immer wieder auf die Bücher, die sich mit aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft und den Einzelnen beschäftigen. Vor fünfzehn Jahren schon hat Uwe Jean Heuser in seinem Buch „Das Unbehagen im Kapitalismus“ darüber geschrieben, wie sich das „Prinzip Markt“ stetig ausbreitet, vordringt in immer mehr Bereiche unserer Gesellschaft. Was sich zum einen gut und vernünftig anhört, dass wir nämlich in immer mehr Bereichen selbstständige und eigenverantwortliche Entscheidungen treffen können, immer unter der Prämisse, ein „gutes Ergebnis“ zu erzielen, kann auch zur Last, zur Überforderung werden. Wir können einfach nicht immer Unternehmer in eigener Sache sein, immer nach dem Kalkül entscheiden, die beste Lösung – wie auch immer die definiert ist – auszuwählen. Schneller als gedacht haben sich tatsächlich diese Wettbewerbs- und Marktprinzipien in Bereichen eingenistet, die in „grauen Zeiten“ einmal explizit von Marktmechanismen ausgenommen wurden, nämlich genau in die Bereiche, die uns als gesellschaftliche Grundversorgungen so wichtig erscheinen, wenn wir ein gut funktionierendes Gemeinwohl aufrechterhalten wollen. Schneller als gedacht gibt es Wettbewerbs- und Marktmechanismen an …

Louis Begley: Zeig dich, Mörder

Es ist ja nicht so, als hätte es nicht genügend Warnungen gegeben. Thomas Brasch hat auf seinem Blog einen veritablen Verriss geschrieben und zielte mit in seine Kritik nicht nur auf den Autor, sondern auch auf Lektoren und Verlage. Und die nach der sehr enttäuschenden Lektüre konsultierte Rezensionsübersicht auf Perlentaucher  wusste auch nichts Besseres zu berichten: Dieser Roman bzw. Krimi ist kein mörderisches Lesevergnügen. Dabei sind die Fragen, um die die Handlung kreist, durchaus interessant und spannend – und politisch hochbrisant, nicht nur für die USA. Auch in Deutschland stellen sich diese Fragen, man muss nur die Berichterstattungen rund um die Machenschaften und Seilschaften im Zusammenhang mit einem fragwürdigen Gewehr beobachten – und es sind ja nun wirklich keine Verschwörungstheoretiker, die das brisante Material ans Tageslicht bringen: Welche Bedeutung also hat Gerechtigkeit in einer Demokratie? Und welche Bedeutung hat der Rechtsstaat in den USA (und in anderen demokratischen Ländern) im 21. Jahrhundert überhaupt noch? Können – und wollen – Anwälte noch ihrem Ehrenkodex nachgehen oder sind sie längst überzeugte oder irgendwie willfährig gemachte Handlanger der …

Lilian Loke: Gold in den Straßen

Mitten hinein in die Welt des Kaufens und Verkaufens führt Lilian Lokes Debütroman, in die Welt der Luxusimmobilien, der ausgesucht guten Kleidung, der Schuhe aus besonderem Leder, der teuren und schnellen Autos, des exklusiven Essens und der Benefiz-Galas. Und mitten drin ist Thomas Meyer, mit Allerweltsnamen und Allerweltsherkunft, aber dem besonderen Talent nicht nur Luxusimmobilien zu verkaufen, sondern ganze Lebensträume. An guten Tagen kann er seinen Kunden durch eine ganz ausgeklügelte Inszenierung des Objektes, durch dezente Hinweise auf die die verbauten feinsten Materialien, durch seine besonders gestalteten Besichtigungsrouten, und vor allem durch die dem jeweiligen Kunden völlig adäquate Ansprache, ein bisschen devot, immer zuvorkommend, an den richtigen Stellen bestimmt, die teuersten Immobilien zu leicht überteuerten Preisen verkaufen. Er geht hohes Risiko – und ist sehr erfolgreich. Thomas Meyer spielt in der falschen Liga und daran lässt Loke von Beginn an keinen Zweifel. Beim Joggen am Morgen geht er in Gedanken noch einmal die die Besichtigungsroute durch, mit der er den Kunden vom Haus überzeugen möchte. Bis gestern noch ist er so sicher gewesen, dass sein …

Matthias Politycki: 42,195

Was würde bloß der Bote Pheidippides denken, der, vom dem die Legende berichtet, er sei die 40 km von Marathon nach Athen gelaufen, um dort von der siegreichen Schlacht der Athener gegen die Perser zu berichten, um dann vor Erschöpfung tot zusammenzubrechen, wenn er wüsste, was heute mit seinem Lauf alles getrieben wird: es gibt den Marathon als Städtelauf, in den sechs großen Metropolen der Welt (Major Six) dazu natürlich in jeder anderen Stadt, die auf sich hält, es gibt ihn in Grönland, am Nordpol und in der Wüste, am Kilimandscharo, auf der Chinesischen Mauer oder dem Rennsteig und natürlich nicht zu vergessen auch den Marathon im Médoc – Verkostung der regionalen Spezialitäten und Weine während des Laufes inklusive. Die Forschung ist sich zwar sicher, dass Pheidippides erst 600 Jahre später von Plutarch in die Geschichte eingeschmuggelt worden ist, denn für das attische Heer sind die Läufer, die auch mal schnell weit längere Strecken als die läppischen 40 km überbrückten, in vorelektronischen Zeiten die (kriegswichtigen) Informationsüberbringer gewesen, schön ist die Legende vom Marathonlauf aber auf …

Liebster Award

Von Norman und seinem Blog Notizhefte flatterte vor einigen Tagen eine Nominierung zum „Liebster Award“ auf mein graues Sofa. Vielen Dank dafür! Er stellt mir dazu vier Fragen, die ich hier gerne beantworte – und denen ich einfach mal noch eine Antwort auf eine ungestellte Frage (nämlich die fünfte, die ich mir aus Normans Frageliste angeeignet habe) hinzufüge. Ich möchte nun den Award wiederum weiterreichen an Anna von Buchpost und Petra von Elementares Lesen. Euch stelle ich auch meine vier Fragen (1. – 4.), füge aber noch eine fünfte Frage hinzu: 5. Stellt Ihr Euch manchmal – oder auch öfter – Eure Lese- und Rezensionsliste nach ganz bestimmten Themen, Autoren, Zeiten usw. zusammen?   Und diese Fragen hat Norman mir gestellt: 1. Was war der konkrete Auslöser, mit dem Bloggen anzufangen? Ich habe schon seit einigen Jahren Lust gehabt, an einem Rezensionsblog zu schreiben. So wollte ich meine Leseerlebnisse erhalten – und nur für mich selbst Rezensionen zu schreiben, dazu bin ich längst nicht diszipliniert genug und es fehlt dann der fiktive Leser, ohne den …

Byung-Chul Han: Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken

Wir leben in freien und selbstbestimmten Zeiten. Im Unterschied zu unseren Eltern und Großeltern können wir frei entscheiden, welches Lebensmodell wir wählen, ohne dass daran jemand Anstoß nimmt. Wir können recht selbstbestimmt über Schulbildung, Ausbildung, Hochschule und Weiterbildung entscheiden, können ins Ausland ziehen, für eine gewisse Zeit oder auch für immer, wenn uns der Sinn danach steht. Bei der Arbeit werden wir wahr- und ernstgenommen, mindestens einmal im Jahr können wir den Grad unserer Mitarbeiterzufriedenheit, Probleme und Projektideen in einem Personalgespräch äußern, in vielen Unternehmen kümmert sich eine Personalabteilung um unsere Weiterentwicklung. In der Freizeit können wir nach Herzenslust trainieren und unsere Trainingsverbesserungen per Smartwatch oder Herzfrequenzgurt genau nachverfolgen, analysieren und daraus weitere Schlüsse für unser Trainingsprogramm ziehen. Unsere Kinder lernen schon in der Schule selbstorganisiert zu lernen, sie formulieren ihre Wochen- und Monatslernziele selbstständig, entscheiden, mit welchen Sozialformen und Methoden sie ein lebenswirkliches Problem lösen wollen und reflektieren im Anschluss ihren Lern- und Arbeitsprozess – selbstständig natürlich. Und wenn wir Streit mit dem Nachbarn haben, mit Kollegen oder dem Ehepartner, dann lösen wir das …

Ulrike Almut Sandig: Buch gegen das Verschwinden

Wer vom Verschwinden erzählt, der nutzt schon ein mächtiges Werkzeug, um geradezu zu verhindern, dass etwas verschwindet. Denn wer darüber eine Geschichte erzählt, der hat ja schon ein Gegenüber gefunden, der beim Zuhören – oder Lesen – das Erzählte in viele lebendige und bunte Bilder überträgt, an die er sich erinnert, die er vielleicht seinerseits weitererzählt. So heißt Ulrike Almut Sandigs Buch auch ganz programmatisch „Buch gegen das Verschwinden“, denn die sechs Erzählungen, die sie hier versammelt hat und die alle um ganz verschiedene Aspekte des Verschwindens kreisen, werden ja so geradezu dem Verschwinden entrissen. Ulrike Almut Sandigs Art des Erzählens merkt man deutlich an, dass sie auch Lyrikerin ist und ihre Worte ganz genau zu setzen weiß. Wie ein Maler mit wenigen Strichen, so kann sie mit wenigen Worten Umgebungen, Landschaften, Charaktere und Lebensgeschichten vor uns entstehen lassen und Atmosphären schildern, die uns Leser fesseln. Und ihre Geschichten? Auch die wissen zu fesseln, obwohl – oder gerade weil – sie aus Leben zu stammen scheinen, die auch unsere Leben sein könnten. Ihre Geschichten kommen, …

Barbara Honigmann: Chronik meiner Straße

Vor ein paar Jahren hat Jenny Erpenbeck in ihrem Roman „Heimsuchung“ ein Haus zum Helden ihres Romans gemacht. Indem sie davon erzählt, wer in welchen Zeiten in diesem Haus lebte, welchen Tätigkeiten die Menschen jeweils nachgingen, welche Konflikte sie austrugen, wann sie ein- und auszogen und aus welchen Gründen, welche Besitzerwechsel es gab, hat die Autorin am Beispiel dieses Hauses und ihrer Bewohner nicht nur auf höchst interessante Art deren individuelle Geschichten erzählt, sondern – fast nebenbei – auch die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Barbara Honigmann hat nun ein ähnliches Erzählexperiment gewagt. Sie macht die Straße, in der sie in Straßburg seit dreißig Jahren wohnt, zur Heldin ihres Erzählens. Und indem sie diese dreißig Jahre zurückschaut, bekommen wir einen Eindruck der Veränderungen in dieser Straße, sehen am Beispiel ihrer Bewohner ein Stück gesellschaftlicher Entwicklung, noch dazu in einer Straße, die von ihren Bewohnern als „Straße des Anfangs“ bezeichnet wird. Als Barbara Honigmann mit ihrer Familie 1984 aus der DDR ausgewandert ist, ist sie gleich soweit nach Westen gereist, dass sie in Straßburg angekommen ist. …

Gila Lustiger: Die Schuld der Anderen

Als Gila Lustigers Roman im Januar 2015 erschien, hatte es gerade die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt in Paris gegeben und der Blick nach Frankreich auf der Suche nach Gründen für diese unglaublichen Taten trieb die Öffentlichkeit um. Möglicherweise hat der genau in jenen Tagen erschienene Roman von Michel Houellebecq alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen, zeichnet er doch ein geradezu bizarres Bild nicht nur der politischen, sondern vor allem auch der religiösen Entwicklungen in Frankreich bis in die 2020er Jahre. Das wäre schade, denn der Roman Gila Lustigers Roman setzt sich, wenn auch im Gewand eines Krimis, mindestens genauso mit den Problemen der französischen Gesellschaft, in der die Autorin seit Jahren lebt, auseinander. Sie schaut in ihrem Roman aber nicht in eine so oder so mögliche Zukunft, sondern sucht die Gründe für den Status quo in der Vergangenheit und blickt so zurück in die 1980er Jahre, die für sie wohl den Beginn einer neuen Ära markieren. Mit dem Sieg des sozialistischen Präsidenten Mitterrand begann eine Verstaatlichung wichtiger Unternehmen – …

Ian McEwan: Kindeswohl

Mitten hinein in die Räume der bürgerlichen Gesellschaft, mitten ins Herz des aufgeklärten Rechtsstaates führt Ian McEwans neuer Roman „Kindeswohl“. Und geht dabei der Frage nach, wie Freiheit und Selbstbestimmung in der modernen Gesellschaft gelebt werden können, vor allem, welche Dilemmata an der Grenze zwischen Freiheit und Selbstbestimmung auf der einen und Moral und Religion auf der anderen Seite entstehen können. Damit wendet sich McEwan einem sehr aktuellen Thema zu und setzt sich über seine Figuren, ihre Haltungen, Werte und Wünsche aus verschiedenen Perspektiven mit den Grenzen von Freiheit und Selbstbestimmung auseinander. Fioana Maye ist Richterin am High Court in London. Dort erlebt sie den sich stetig verändernden gesellschaftlichen Diskurs anhand der Fälle, die sie entscheiden muss. Viele dieser Konflikte würde sie gar nicht kennenlernen, wären nicht Kinder involviert. Denn Erwachsene dürfen sich, so ist es Grundlage unserer Gesellschaft im Allgemeinen frei entscheiden. Wenn es sich aber um Kinder handelt, deren Möglichkeiten einer freien Persönlichkeitsentwicklung, somit auch einer Wahl zwischen den unterschiedlichsten Lebensentwürfen, eingeschränkt werden, und oftmals begründen sich diese Einschränkungen aus religiösen Motiven, dann …

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt

Ihren Erzählungen stellt Karen Köhler ein Zitat von Frieda Kahlo voran, das, viel besser als es der verspielt wirkende Titel und der ebenso gestaltete Buchumschlag vermuten lassen, das Leitmotiv aller versammelten Geschichten verdeutlicht: I tried to drown my sorrows, but the bastards learned how to swim. Dabei haben Karen Köhlers Figuren, in dem Moment, in dem sie sie uns zeigt, nicht nur mit Sorgen zu kämpfen, sondern sind geradezu in existenzielle Nöte geraten, ausgelöst durch Tod oder Krankheit oder weil sie verlassen worden sind. Dieses Thema variiert die Autorin, zeigt uns verschiedene traumatisierende Situationen, die ihren Figuren, mit einer Ausnahme sind sie alle um die dreißig Jahre alt, allesamt den Boden unter den Füßen wegzieht, Situationen, die Hilflosigkeit erzeugen, Ohnmacht. In der ersten Erzählung „Il Comandante“ steckt die Protagonistin mitten in einer Krebsbehandlung, kein Haar hat sie mehr am Körper, einen künstlichen Darmausgang mitten auf dem Bauch und die Diagnose zeigt, dass der Krebs bereits gestreut hat, weitere Behandlungen stehen an, Ausgang ungewiss. Ihr Freund hat sie seit ein paar Tagen nicht mehr besucht, das …

Yannick Haenel (2014): Die bleichen Füchse

Als „der fesselndste Roman dieses Herbstes“ wurde Yannick Haenels Geschichte um „Die bleichen Füchse“ in Frankreich im Erscheinungsjahr 2013 angekündigt. Fesselnd ist er tatsächlich, wegen seiner Handlung und auch wegen seiner literarische Gestaltung, seiner Bezüge zur Literatur und Geschichte und der immer wiederkehrenden Motive. Er ist aber, um das Spiel mit den Superlativen fortzuführen: provozierend, verstörend und radikal. Und politisch aktuell, auch wenn er die Unruhen in Paris und anderen Städten aus dem Jahr 2005 aufgreift und weiter erzählt, damit aber eine gesellschaftliche Realität beschreibt, die sich bis heute nicht geändert haben mag, die vielleicht auch Auslöser für den Terror im Januar gewesen ist. Die Geschichte beginnt damit, dass Jean Deichel an einem Sonntag im April, es ist der Tag der Präsidentschaftswahl, aus seinem möblierten Zimmer ausziehen muss. Mit der Miete ist er schon seit einigen Monaten säumig. Er ist arbeitslos, und weil er die Formulare nicht ordnungsgemäß ausfüllt, wird immer mehr seiner Arbeitslosenunterstützung gestrichen. Er hat die letzten Wochen vor allem in seinem Zimmer verbracht und kann genau beschreiben, wie die Sonne ins Fenster …

Aus Isagers Highlandwool wird Starmores „Alba“

Schon lange gefallen mir die besonderen Farben der Isager Highland-Wolle und ich habe immer wieder hin- und herüberlegt, welche ich auswählen soll für eine Jacke nach dem Muster von Alice Starmores „Alba“. Da ich mich nicht wirklich entscheiden konnte, habe ich gleich mal 8 Farben ausgewählt. Beim Stricken werde ich schon sehen, ob sie zusammenpassen oder nicht. So nebeneinander gelegt sehen sie schon viel versprechend aus. Mit der Highland-Wolle habe ich ja schon eine Jacke gestrickt, die rote Autumn Rose. Damals kam die Wolle aus Schottland und hatte noch einen ein bisschen harten Charakter, ein bisschen halt wie Shetlandwolle. Aber auch die Wolle kratzt kein bisschen, ich trage die Jacke sehr gerne. Mittlerweile kommt die Highland aber aus Peru. Es gibt sie in anderen Farben als früher und sie strickt sich auch ein bssichen anders. Die einzelnen Fäden sind nicht ganz so eng verzwirnt, sodass es schon einmal passiert, nicht die ganze Masche, sondern nur einen Teil zu erwischen. Daran musste ich mich bisschen gewöhnen. Dann allerdings fällt schon beim Stricken auf, dass die Wolle …

Vanessa F. Fogel: Hertzmann´s Coffee

Weite Bögen spannt Vanessa F. Fogel in ihrem Roman: geografische – von Berlin über Caracas bis nach New York -, zeitliche – von den 1930er Jahren bis heute – und thematische – vom Überleben nach dem Holocaust, von Generationenkonflikten bis zu Geschwisterrivalitäten. Die Familie ist dabei die wichtige Konstante, die Familie, die das (Über-)Leben nach den Traumatisierungen garantiert, die Ort der Konflikte ist und letztendlich erzwingt, den Konflikten ins Auge zu blicken, die Familie also, die kleine Einheit, an deren Leben sich über die Generationen auch die Zeitläufte ablesen lassen. Alles beginnt auf der Geburtstagsfeier Doras, am 1. April. Geburtstagsfeiern sind in der Familie Hertzmann im New York der 2000er Jahre immer auch Gesellschafterversammlungen, weil ja die Familienmitglieder auch Teilhaber des Unternehmens Hertzmann´s Coffee sind. Und in diesem Jahr wartet Yankele, der fünfundachtzigjährige Patron, der das operative Geschäft schon vor Jahren an seine Kinder Jasmin und Leonard abgegeben hat, mit einem wahren Paukenschlag auf. Er entbinde, so verkündet er, Jasmin und Leonard von der Geschäftsführertätigkeit und betraue Eliot mit dieser Aufgabe. Der Aufschrei der beiden …

Julia Trompeter: Die Mittlerin

Julia Trompeter studierte u.a. Germanistik und Philosophie, sie führt Sprechduette auf, weiß also um die Kunst der knappen (Gedicht-)Form und der Melodie der Worte, und hat nun ihren ersten Roman geschrieben. Im Roman erzählt eine Ich-Erzählerin, studierte Philosophin und leidenschaftliche Gedichtschreiberin davon, wie sie damit kämpft, einen Roman zu schreiben. Die Autorin also lockt den Leser charmant lächelnd in ein sehr doppelbödiges Spiel, voller literarischer und philosophischer Anspielungen, mit Gesellschaftsbeobachtungen, mit Liebesszenen natürlich, genauso wie es sich gehört in einem Roman, mit schonungsloser Selbstreflektion und der Entwicklung der Heldin – und sie lockt den Leser immer wieder auch in die Auseinandersetzung damit, was ein Roman alles darf, was er alles kann. Das Ausgangsszenario ist schnell beschrieben: Die Ich-Erzählerin sitzt im Verlag der „Verlagsfrau“ gegenüber, hat ihr wohl etwas erzählt von der Geschichte, die sie gerne schreiben möchte über eine Literaturagentin, die sie immer die Mittlerin nennt, und nun macht die „Verlagsfrau“ der Erzählerin auf ruppige und entschiedene Art deutlich, was den Roman auszuzeichnen habe: Einen Plot brauche sie, „komme was wolle“, eine Vorgeschichte, in der …

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka)

Die Rezensenten im Feuilleton und die Besprechungen auf den Blogs haben – zumeist – eines gemeinsam: Sie übertreffen sich fast gegenseitig beim euphorischen Lob über Haratischwilis Roman. Dabei sehen sie Positives auf allen Ebenen, die einen Roman ausmachen: die spannende Handlung, die über 100 Jahre reicht und uns dabei die Fährnisse nahebringt, die die Mitglieder der Familie Jaschi während des 20. Jahrhunderts in Georgien – und damit in einem kommunistischen, vom Geheimdienst eisern unterjochten Land – erleiden; die eindringliche, bunte und mitreißende Sprache, umso überzeugender, als dass Haratischwili keine Muttersprachlerin ist; die chronologisch-linear erzählten Geschichten der sechs Generationen bzw. der sieben Leben, zum Teil sich zeitlich verschränkend und immer im Kontext der geschichtlichen Ereignisse, die manchmal mehr, manchmal weniger direkten Einfluss auf die handelnden Personen haben. Nino Haratischwili entfaltet tatsächlich ein weites Panorama: Sie entführt uns nicht nur in ganz verschiedene geografische Bereiche, nach Tbilissi in Georgien, nach Petrograd/Leningrad, nach Moskau, Prag, London, Berlin und Wien, sondern sie schickt uns auch ins 20. Jahrhundert zurück, gleich Jahrhundertwende, als in Georgien Anastasia, genannt Stasia, geboren wird, …

Heike Geißler: Saisonarbeit

Es gibt wenig Literatur darüber, wie es so abläuft in unseren Produktionshallen, Büros und Eventagenturen. Romane, die sich mit der Welt der Arbeit und ihrer Auswirkungen auf die Menschen beschäftigen, Romane, die sich damit auseinandersetzen, wie weit das Primat der Wirtschaft in alle gesellschaftlichen Bereiche eingedrungen ist, sind kaum zu finden. Auch in den neuesten Verlagskatalogen drängeln sich Entwicklungsromane und die üblichen Geschichten zu Liebe, Lust und Leidenschaft und ihren dramatischen Seiten, flankiert von den Geschichten, die uns in die Vergangenheit entführen. Kaum ein deutscher Roman setzt sich dagegen mit ganz aktuellen gesellschaftlichen Verwerfungen auseinander. So muss der interessierte Leser also zu Fachpublikationen greifen oder ist froh, wenn es wenigstens mal einen Essay, eine Reportage zum Thema gibt. Und einen Essay hat nun Heike Geißler geschrieben über ihre Zeit als Weihnachtssaisonkraft im Leipziger Lager von Amazon – und gleich noch eine Auseinandersetzung über die wirklich alle Energie aussaugende prekäre Arbeit. Auch wer schon einmal an einer Kasse im Supermarkt, an einer Maschine in der Produktion oder an der nach Prinzipien der Arbeitsteilung bis in kleinste …

Joshua Ferris: Mein fremdes Leben

Nur auf den ersten Blick hat es Paul O´Rourke, Zahnarzt in Manhattan, mit einem Diebstahl seiner Identität im Internet zu tun, wie es Titel, Cover, Klappentext und Verlagsinformationen erwarten lassen. Wer nun eine spannende Geschichte über das Katz- und Mausspiel im Internet, wer gar kriminologische Recherchen und Verfolgungen erwartet, wer sich ein bisschen erschrecken möchte über die gespenstischen Möglichkeiten des Datenmissbrauchs im Internet, wer gar eine kritische Auseinandersetzung mit den Wirkungen sozialer Medien auf die reale Persönlichkeit, und das in Verbindung mit dem Doppelgängermotiv, erwartet: der wird enttäuscht. Sicher gibt es da einen jemand, der nicht nur eine Website der Praxis ins Netz gestellt hat, sondern im Laufe der folgenden Tage und Wochen auch in immer mehr sozialen Netzwerken unter dem gekaperten Namen sehr präsent ist. Aber da ist eben kein Möchtegern-Doppelgänger am Werk, der sich für den realen Zahnarzt ausgeben will, um sich in seinem realen Leben breitzumachen – gute Vermögensverhältnisse inklusive, leider keine Frau, keine Kinder. Vielmehr ist der erste und direkte Ansprechpartner der Aktionen Paul selbst, denn er wird aus dem virtuellen …

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Die „Katze Erinnerung“ so sinniert Gesine Cresspahl sei „unabhängig, unbestechlich, ungehorsam. Und doch ein wohltuender Gesell, wenn sie sich zeigt, selbst wenn sie sich unerreichbar hält.“ (Uwe Johnson: Jahrestage, 2. Februar 1968) In Uwe Johnsons „Jahrestage“ erinnert Gesine ihre Familiengeschichte, spricht sie auf Band, um sie für die Tochter Marie zu erhalten für den Fall, dass ihr etwas passiert. Sie rekonstruiert die Vergangenheit bis in die Jugendtage ihrer Eltern und versucht so für Marie die Wurzeln sichtbar zu machen, die ihr sonst in New York, weit weg von der mecklenburgischen Heimat der Mutter und der Großeltern, verloren gingen. Auch Katja Petrowskaja begibt sich auf Spurensuche, denn ihre Familiengeschichten sind verloren gegangen im Laufe des stürmischen 20. Jahrhunderts mit seinen Kriegen und wechselnden Herrschaftssystemen, mit Wanderungen, Vertreibungen, mit der Vernichtung durch den Holocaust. Sie ist in Kiew aufgewachsen glücklich, fröhlich und geliebt, in einer Familie mit Eltern, Geschwistern, Großmüttern, Onkeln, Tanten und Cousinen. Es gab Familienfeste an langen Tafeln, „laut“ und „überbordend“, und doch hört sie durch das muntere Lärmen mehr und mehr einen „Missklang“, fühlt …