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Friedrich Ani: Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck

Gerade, in der Vorweihnachtszeit, können wir sie wieder betrachten, die Bilderflut der fröhlich unter einem Weihnachtsbaum viele Geschenke auspackenden Familien, die Bilderflut der Familien, die gemeinsam um einen reich gedeckten Tisch sitzen (auch noch aufgeladen mit christlicher Symbolik), gut gekleidet, gemeinsam glücklich: Das hohe religiöse Fest findet in den Niederungen der Werbung wenigstens als Familienfest statt, die hier übermittelten Bilder zeigen Familie von ihrer guten Seite, vermitteln zumindest eine Sehnsucht, wie Familie sein könnte. Diese schönen Bilder bricht Friedrich Ani in seinem jüngsten Roman. Er zeigt, wie es auch zugehen kann hinter der Fassade der bürgerlichen Familie, ohne Liebe, ganz ohne gegenseitige Achtung. Und das ist mindestens so düster, wie es das Buchcover schon verspricht.

Ausgerechnet am 14. Februar, dem Valentinstag, dem Tag der Verliebten und der Liebe, geschieht etwas Ungeheuerliches für Ludwig Winther: eine Spaziergängerin findet seine 17-jährige Tochter erhängt im Park. Er ist in Salzburg, bei einem Training für Verkäufer und reist sofort zurück. Aber sein Leben ist völlig aus den Fugen geraten, er glaubt nicht daran, dass sich Esther das Leben genommen hat, sie sei nicht schwermütig gewesen, wie andere es plötzlich behaupten. Ein Jahr später, an ihrem Geburtstag, erhängt sich auch seine Frau, im eigenen Garten am Obstbaum. Sie hinterlässt einen kurze Nachricht: „Ich gehe. Ich will dich nicht mehr sehen.“

Winther rutscht ab, verliert seinen Job als Verkäufer bei einem Herrenausstatter, beginnt später als Fahrer, muss das Haus verkaufen und lebt in einer kleinen Dachwohnung. Den vierzehnten Februar reißt er seitdem, seit zwanzig Jahren nunmehr, jedes Jahr aus dem Kalender.

Was ist wirklich passiert an jenem Abend? Ist Esther doch ermordet worden, wie der Vater seitdem ganz fest glaubt? Vom Nachbarn womöglich, wie er argwöhnt. Der hatte es doch mit den jungen Mädchen, schleppte eine nach der anderen ab. Vermutlich hat er durch den Mord verhindern wollen, dass Esther ausplaudert, was er treibt. Hat der Mörder also nicht nur Esthers Leben zerstört, sondern auch das seiner Frau, sein eigenes auch? Winther sucht den Polizisten auf, der schon vor zwanzig Jahren am Rande mit dem Fall betraut war, den nun seit zwei Monaten pensionierten Jakob Franck. Und Franck kann sich ganz besonders gut an diesen Fall erinnern, denn er hat Doris Winther, der Mutter Esthers, die Todesnachricht überbracht.

„Ich habe eine schlimme Nachricht für Sie, darf ich reinkommen?“
„Kommen Sie. Was für eine Nachricht?“ (…)
„Wollen wir ins Wohnzimmer gehen und uns hinsetzen?“
„Das können wir machen, ich hab grad einen Kuchen gebacken, zum Essen ist er noch zu heiß.“
„Gehen Sie vornan?“
„Was für eine Nachricht?“
„Wollen wir nicht erst ins Wohnzimmer gehen?“
„Ich möchte lieber hier die Nachricht erfahren.“
„Hier im Flur?“
„Ja.“
Dann sagte er ihr, was passiert war; sie schwankte, machte einen Schritt auf ihn zu und streckte ihm die Armen entgegen.
Er hielt sie immer noch fest.
So etwas hatte er nie zuvor getan. (…) Um zwanzig Uhr dreißig an jenem vierzehnten Dezember hatte Franck die Wohnung der Familie Winther betreten, und um halb vier am nächsten Morgen hielt er Doris Winther immer noch in den Armen.“ (S. 46-47)

Einen denkwürdigen Fall breitet Friedrich Ani aus, mit einem denkwürdigen Ermittler. Jakob Franck, geschieden und alleine lebend, der seit seiner Pensionierung beim Online Poker eine neue Passion entdeckt hat und der sich immer noch regelmäßig mit seiner ehemaligen Frau zum Videoabend trifft, verfügt über ein paar ganz besondere Fähigkeiten. Nicht nur, dass er zu seiner aktiven Zeit die Aufgabe übernommen hat, den Angehörigen die Todesbotschaft zu überbringen, eine Aufgabe, die ihm zuzukommen scheint, während ihr alle anderen Kollegen geflissentlich aus dem Weg gehen. Er hat auch eine ganz besondere Art, mit den Menschen umzugehen, sie zum Sprechen zu bringen, gerade auch über Dinge, die sie bisher gerne verschwiegen haben. Dann wirkt er so, als würde sich ein Psychotherapeut eines Todesfalles annehmen, einer, der die Begabung hat, auch die ganz tief vergrabenen Gedanken seiner Gesprächspartner ans Tageslicht zu bringen.

Aber damit nicht genug: Zu Hause, an seinem Wohnzimmertisch, versammeln sich immer wieder „seine“ Toten, eine Schar von Menschen, deren Tod er nie erklären konnte. Er bereitet ihnen Tee und stellt Kekse auf den Tisch, setzt sich zu ihnen und hört ihnen zu in ihrer Unzufriedenheit, dass auch er nicht in Erfahrung gebracht hat, was ihnen widerfahren ist, wer Schuld hat an ihrem Tod. Und eine ganz besondere Ermittlungsmethode hat er entwickelt, mit deren Hilfe er bei sehr verwickelten Fällen noch einmal versucht, ganz neue Perspektiven zu gewinnen: die Gedankenfühligkeit. Dann legt Franck sich auf den Boden seines Arbeitszimmers, schaut an die weiße Decke und geht die Informationen, die er aus dem Aktenstudium, und der eigenen Ermittlungsarbeit gewonnen hat, noch einmal durch, doch nun bezieht er auch seine eigenen Gefühle mit ein, versucht so, einen neuen, einen anderen Blick auf die Geschehnisse zu bekommen.

Nun scheint es geradezu eine schriftstellerische Notwendigkeit zu sein, die Polizisten und Detektive, die letzten Ermittler ungeklärter Mordfälle und Selbsttötungen, mit möglichst ungewöhnlichen Charakterzügen auszustatten. Dass sie einsame Wölfe sind, mehr oder weniger herausgefallen aus den sozialen Bezügen, alleine schon wegen ihrer Besessenheit, quasi als letzte Instanz den Stimmen der Toten Gehör zu verschaffen, ist schon lange selbstverständlich, wirkt aber mehr und mehr unnötig.

Trotzdem: Friedrich Ani schickt seinen neuen Ermittler Franck dahin, wo die Menschen, wenn es nicht gut läuft, ihren ganz persönlichen Alptraum erleben können: nämlich in ihren Familien. Diese Mischung aus Sprachlosigkeit und Lieblosigkeit, dieses, wenn auch manchmal gut gemeinte, Verstrickt-Sein in Vorstellungen von Familie, die den Familienmitgliedern aber die Luft zum Atmen nimmt, ihre Individualität, ihre Wünsche und Hoffnungen beschneidet, kann hochexplosiv werden. Und da ist oft niemand, der dem anderen ein freundliches Wort mit auf den Weg gibt, einfach mal sagt: „Wie schön, dass Du da bist.“

So lotet Ani mit seiner Geschichte vom „namelosen Tag“ nicht nur das Schicksal Ludwig Winthers aus, sondern zeigt auch die tiefe Trauer, die eine Frau gepackt hat, weil ihre Schwester sich im Meer ertränkt hat. Und er zeigt uns einen kleinen Jungen, der immer wieder Zeuge des Streits zwischen seinen Eltern wird, des aggressiven Vaters und der Mutter, die von allen Leiseliese genannt wird und sich die Übergriffe ihres Mannes lange gefallen lässt. Bis sie sich wehrt.

Alle diese Menschen tragen schwer an ihren Familien. Und haben in Jakob Franck einen Gesprächspartner, der ihnen, zum ersten Mal in ihrem Leben vielleicht, zuhört und sie so stützt. Und er kann tatsächlich auch für Gerechtigkeit sorgen, nicht in Winthers Fall, sondern in einem ganz anderen, der vielleicht sogar der Hauptfall in diesem Roman ist.

„Ist alles vorbei.“ Patricks Stimme klang gleichgültig. „Was wollen Sie noch? Wozu die Mühe? Sie können nichts mehr ändern, die Toten sind tot und begraben und kommen nicht wieder.“
„Das ist nicht wahr“, sagte Franck. „Die Toten kommen wieder, wann immer sie wollen, sie setzen sich zu uns an den Tisch und reden mit uns; wir können nicht weglaufen, wir können nur zuhören, Stunde um Stunde, die ganze Nacht; dann verschwinden sie und wir wissen, sie werden wiederkommen, immer und immer wieder. Wie oft kommt Ihre Mutter zu Ihnen, Patrick, und spricht mit Ihnen und erzählt Ihnen die Geschichte ihres Todes, wieder und wieder.“ (S. 286)

Anis Geschichte von den Abgründen der Familie ist sicherlich kein Krimi, das macht auch die Etikettierung des Verlags deutlich. Aber er arbeitet mit den Mitteln des Krimis, wenn er Franck auf den Weg schickt, die Geschichte Esthers zu rekonstruieren. Und er arbeitet auch erzähltechnisch mit den Mitteln des Krimis, wenn eben allen Figuren die Möglichkeit verschafft, ihre Gedanken zu erzählen. Das mag vielleicht nicht hoch literarisch sein, schafft aber so die Chance, die Differenziertheit des Themas aufzuzeigen, wenn sich Verliebtheit und Liebe aus der Familie verabschiedet haben. Und es sind die ehrlichen, die zutiefst verständnisvollen Sätze Jakob Francks, die immer wieder überzeugen.

Friedrich Ani (2015): Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck, Berlin, Suhrkamp Verlag

10 Kommentare

  1. Liebe Claudia, das hört sich richtig spannend (und nach der perfekten Weihnachtslektüre) an, selbst für nicht so Krimi-Begeisterte wie mich. Aber, wie du schreibst: Es ist ja auch eigentlich gar kein Krimi. Danke für den Tipp und liebe Grüße!

    • Liebe Maren,
      weihnachtliche Gefühle treten bei Ani sicherlich nicht auf, dafür schreibt er aber jede Menge tolle Sätze zu der Einsamkeit und Verlassenheit seiner traurigen Figuren. Da schreibt einer mit sehr viel Mitgefühl auch für die gescheiterten Typen seines Romans. Und ich denke, auch für Nicht-Krimifäns eine „spannende“ Lektüre.
      Viele liebe Grüße, Claudia

  2. Hallo Claudia,
    puuh, keine neue Gefahr für meine Wunschliste! Hab’s auch gelesen, war aber nicht so angetan. Irgendwie wirkten die Zutaten für mich diesmal eher künstlich. Wenn ich ehrlich bin, hat mich der Fall, hat mich der Ermittler kalt gelassen. Mir gefielen die Süden-Bücher doch besser, obwohl mir da gegen Ende auch die „Einsame-Wolf-Attitüde“ etwas arg viel wurde. Noch eine gute Woche, Anna

    • Liebe Anna,
      ich habe ja anderernorts 😉 schon Kommentierendes hinterlassen. Wahrscheinlich wird mich der nächste Franck auch nicht mehr so ganz doll reizen.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Ein Roman, der mich sehr beeindruckt hat. Ich glaube, dass durch das eher unspektakuläre Ergebnis der Ermittlung (manchen Leser wird es womöglich enttäuschen), steht gerade die Psychologie der Personen im Vordergrund.

    • Liebe Constanze,
      ich erinnere mich noch gut an Deine Besprechung des Buches. Ganz, ganz, ganz ganz, ganz so begeistert bin ich nicht, aber ich bin auch nicht so der Krimi-Leser und der Roman ist seiner Machart nach schon sehr krimi-like. Die Aufarbeitung des Themas und die verschiedenen Facetten finde ich aber sehr gut. Spektalurä muss es ja auch gar nicht sein, denn hier kommt es ja wirklich darauf an, die Abgründe in Familien zu betrachten. Und das ist schon gut beschrieben.
      Viele Grüße, Claudia

    • Hallo Bernd,
      das Wort „Gedankenfühligkeit“ hat ja wirklich das gewisse Extra. Ani beschreibt damit ja die besondere Ermittlungsmethode Francks. Es ist natürlich schon außergewöhnlich, dass Franck sich dazu auf den Boden seines Arbeitszimmers legen muss und an die weiße Decke starrt. Aber ich nehme einmal an, dass alle/viele Polizisten/Deketive, ach überhaupt ganz viele andere Professionen auch, in ihrer Arbeit eigene Gefühle mit einbringen und – im besten Fall – sich bewusst sind, dass es ihre Gefühle sind und sich dann entscheiden, ob die nun hilfreich oder eher problematisch sind. Mir geht es jedenfalls ständig so – auch ohne an eine weiße Decke zu starren. Und nun hat dieser Vorgang auch einen wundervollen Namen :-).
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,

        dankesehr für Deine Antwort. Sich hinzulegen, alle Viere von sich zu strecken, kann entspannen. Vielleicht ist es die weiße Decke, die Raum bietet, Zurückliegendes in Voraussicht zu verwandeln – eine nachvollziehbare Ermittlungsmethode. Als freie Assoziation dazu zwei Verse aus dem Song der King’s Singers „You are the new day“:

        “ … When I lay me down at night
        Knowing we must pay
        Thoughts occur that this night might
        Stay yesterday

        Thoughts that we as humans small
        Could slow worlds and end it all
        Lie around me where they fall
        Before the new day …“

        Mit kleiner Abschweifung von der Buchbesprechung …
        schöne Grüße
        Bernd

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