Alle Beiträge, die unter Identität gespeichert wurden

Caroline Fourest: Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss Linker Identitärer. Eine Kritik

Noch nie ist es so einfach gewesen, den eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten nach zu leben und die eigenen Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen, wie in unserer modernen Welt. Noch nie so einfach also, eigene Vorstellungen vom Leben umzusetzen, die sich auch im Laufe der Zeit ändern dürfen, wenn wir offen bleiben für Veränderungen. Das gipfelt sogar in der – wenn auch fragwürdigen – Floskel davon, dass wir uns völlig neu erfinden können. Das ist die eine Seite der Identität, die Seite, die jeder selbst formen und gestalten können. Schwieriger ist es mit der Identität als politischem Begriff. Wenn Aspekte wie Herkunft, Geschlecht, Religion und Ethnie genutzt werden, um auf mehr oder weniger Möglichkeiten der gesellschaftlichen und politischen Teilhabe hinzuweisen, wenn sie genutzt werden, um über Chancengerechtigkeit, über Diskriminierungen und patriarchale Strukturen zu debattieren. Das ist gut und sinnvoll, weil nur durch einen Diskurs, durch Zuhören und Empathie, durch Hineinversetzen und gemeinsames Suchen nach Lösungswegen gesellschaftliche Entwicklungen angestoßen werden können. Wenn diese Begriffe aber so genutzt werden, dass eine Gesellschaft wiederum zerfällt in die einen, die …

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Als die Angst sie so richtig gepackt hat, als sie schon längst nicht mehr schlafen kann in der Nacht und am Tag nur wenige Stunden, als die Angst sie vollkommen überwältigt, sodass sie Angst hat vor dem ständigen Grübeln, dem Einschlafen, vor allen möglichen Situationen, auch vor den Gesichtern der Menschen in der U-Bahn, da stürzt die Ich-Erzählerin völlig ab. Später erinnert sie sich, wie sie auf dem Tisch einer Bar stand, tanzend und trinkend, wie sie auf der Toilette Speed nahm, hat vage Erinnerungen an die Heimfahrt im Taxi mit einem unbekannten Mann, vage Erinnerungen an Sex in einem abgewrackten Gebäude. hingeschmiert „Ich weiß nicht, wie lange ich aus war, vielleicht 20 Stunden, aus den Augenwinkeln sehe ich nervös flackernde Schatten. Mein Herz rast seit Stunden, ich gucke Serien, esse Chips und Kakaopulver mit dem Löffel; nach draußen zu gehen, um an der Tankstelle etwas zu essen zu kaufen, ist keine Option, Essen bestellen auch nicht, niemand darf mich sehen.“ Sie liest im Internet Abschiedsbriefe von Menschen, die sich selbst getötet haben, probiert aus, …

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

In Philip Roth´ Roman „Der menschliche Makel“ ist es Professor Coleman Silk, der sich, als Schwarzer mit sehr heller Haut auf dem Bewerbungsbogen der Navy als „weiß“ bezeichnet. Niemand stutzt, niemand stellt seine Zugehörigkeit in Frage. So lebt er das Leben eines weißen Professors an einer Universität, wird gar Dekan, hat eine große Familie. Nun, 71-jährig und bereits emeritiert, lässt er sein akademisches Leben mit einigen Lehrveranstaltungen langsam ausklingen. Und spricht dort, weil zwei Studentinnen häufig fehlen, von ihnen als „dunkle Gestalten“. Es sind die 2000er Jahre, in denen solche Bemerkungen schnell den öffentlichen Furor anheizen und zu unangenehmen Problemen führen können, zumal wenn die, über die gesprochen wird, tatsächlich People of Color sind. Ausgerechnet Coleman Silk strauchelt also über diese Bemerkung. Seine Kolleg*innen in der Fakultät lassen ihn fallen, seine Frau stirbt bei den Aufregungen. Trotz der offensichtlich ungerechten Verurteilung durch sein Umfeld offenbart Coleman Silk seine wahre Identität nicht. Wir Leser*innen ahnen, welche Hürde Silk einst genommen hat, wir ahnen, welche Kraftanstrengung es gewesen sein muss, in der weißen Gemeinschaft zu leben, ständig …