Alle unter Liebe verschlagworteten Beiträge

Navid Kermani: Sozusagen Paris

Wie ist das wohl, wenn nach dreißig Jahren unversehens die große Jugendliebe vor einem steht? Ist sofort die alte Vertrautheit wieder da, die Sympathie, sozusagen die Flugzeuge im Bauch? Und wie sieht sie aus, die Jugendliebe, nun, so viele Jahre später? Fühlt man sich immer noch so zu ihr hingezogen wie damals, weil immer noch die kleinen Gesten da sind, die alte Wortmelodie, die man so mochte? Oder erkennt man sie womöglich gar nicht mehr, weil die Zeit sie so verändert hat, dass da eine ganz und gar fremde Person vor einem steht? Läuft in der Fantasie sofort der Film ab, der die Geschichte zeigt, wie das Leben verlaufen wäre, wäre man zusammengeblieben? Und wäre das ein Film mit glücklichem Verlauf oder eher die Dokumentation einer desaströsen Beziehung? Oder wäre die Begegnung eher von Peinlichkeiten begleitet, weil einem alle Tollpatschigkeiten, die in so einer ersten großen Liebe nun einmal passieren, sofort riesengroß vor Augen stehen? Dem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller, der gerade die deutsche Provinz bereist, um seinen Roman über seine große Jugendliebe vorzustellen, sind diese …

Hans Platzgumer: Am Rand

Gerold Ebner ist früh am Morgen aufgestanden, hat die Wohnung aufgeräumt, sich bereit gemacht für den Aufstieg auf den Berg. Dort sitzt er nun in der beginnenden Morgendämmerung, dick bekleidet, denn es ist Oktober, und beschreibt die 100 Blätter, die er mitgebracht hat, mit seiner Lebensgeschichte. Er sitzt am Rand des Gipfels und blickt – auch aus der Distanz, die sich durch den Blick von oben ergibt – auf sein Leben. Er will aufschreiben, wie es gekommen ist, dass er nun hier oben sitzt. Am Abend, wenn er die 100 Blätter mit seiner Lebensgeschichte (seiner Lebensbeichte?) gefüllt hat, will er den einen Schritt tun vom Rand in den Abgrund. [Zum Weiterlesen hier entlang.]

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

Widerfahrnis – das ist das, was jemand erfährt oder erlebt, das, was jemandem zustößt, was ihm begegnet, was über ihn hereinbricht. Julius Reither stößt so einiges zu in diesen paar Tagen im April und er lässt auch zu, was ihm widerfährt, lässt sich mitreißen und erlebt Dinge, mit denen er eigentlich schon abgeschlossen hatte. Ganz spontan und ohne großen Plan reist er in den Süden, reist vom späten Winter in Bayern mit Schnee und Eis in den frühen Sommer Italiens, mit Sonne und Wärme, dem besonderen Licht des Südens und den Blick auf das Meer. Je mehr dabei die Sonne scheint und er die Wärme und das Licht genießt, umso mehr scheinen auch seine eingefrorenen Gefühle aufzutauen. Und neben dem Gefühlsabenteuer gibt es auch noch das ein oder andere Abenteuer zu bestehen bei diesem Road-Trip, denn immerhin geht die Reise ja genau dorthin, wo die Flüchtlinge landen, die aus Afrika über das Mittelmeer kommen. Zum Weiterlesen hier entlang.

Zsófia Bán: Als nur die Tiere lebten

„Als nur die Tiere lebten“ ist für die dreijährige Anna der Ausdruck dafür, dass etwas aus einer Welt stammt, in der es noch keine Menschen gab, dass etwas also „sehr lange“ her ist – und dabei ist das Gestern durchaus mit eingeschlossen. Und tatsächlich erzählt Zsófia Bán fünfzehn Geschichten aus verschiedenen Zeiten, von verschiedenen Orten, von verschiedene Menschen und nimmt so den Leser mit in eine Zeit, als nur die Tiere lebten. Da freut sich Maja zum Beispiel schon seit langem auf das Rolling-Stones-Konzert am 18. August 1990 in Prag. Deutlich sichtbar hängen zwei Karten an der Pinnwand, die endlich, endlich den Jugendtraum in Erfüllung gehen lassen, dass es einmal, in einer anderen Welt, auf einem anderen Planeten, einem anderen Sonnensystem ein Stones-Konzert geben wird, das sie besuchen können, und dann werden sie gerettet sein, dann werden sie davongekommen sein. Wie wenn die Titanic mit dem Eisberg kollidiert, und, o Wunder, nicht die Titanic, sondern der Eisberg untergeht. (S. 46) Die andere Welt ist nun da, dafür braucht Maja gar nicht den Planten zu verlassen …

Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat

Ishmael ist Kriminalkommissar in Madison in Wisconsin. Wenn er gefragt wird, warum er Polizist geworden ist, dann erklärt er es damit, dass er ein Rebell sei. Er habe rebelliert gegen den Konformitätszwang, dem sich die Schwarzen unterwerfen, die sich in der amerikanischen Mittelklasse etablieren wollen. Nein, so ein angepasstes, langweiliges Leben, ein Leben als Professor-Roboter mit jährlich gleichen Vorlesungen an einer Universität, das wollte er nicht. Und tatsächlich, als Polizist fühlt er sich mehr als er selbst, als er es sonst hätte sein können. Dabei hat seine Frau ihn genau wegen dieses Berufs verlassen. Nicht, weil er gefährlich ist oder Ishmael ständig Überstunden gemacht hat, sondern weil sie ihn als Verräter sieht, als Verräter gegen seine eigene Rasse, denn Ishmael ermittelte durchaus auch gegen schwarze Kriminelle. Mukoma wa Ngugi skizziert zügig die Gemengelage, in der der Ich-Erzähler Ishmael einen Mord aufklären muss. Es ist die Suche nach der Identität, die Ishmael persönlich umtreibt, es ist seine Suche nach einem Mörder und sein Versprechen, Gerechtigkeit herzustellen. Thema ist aber auch der Rassismus, der im Roman in …

Kim Thúy: Der Geschmack der Sehnsucht

Heimat bezeichnet, dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend, zu allererst einen Ort, der mit seiner räumlichen Umgebung als Haus, Dorf oder Stadt, Landschaft, als Region oder gar Land, den Menschen eine Orientierung gibt, einen Halt, auch ein Stück Identität. Aber es ist nicht der Raum alleine, der Sicherheit und Geborgenheit gibt, es ist die Familie und es sind die Menschen, die uns umgeben, es sind die gemeinsamen Rituale und Gewohnheiten, die Sprache mit ihren auch lokalen Besonderheiten, es sind die Geschichten, die erzählt werden, es ist das Sonnenlicht, der Wind, die Temperatur des Regens, es sind die Gerüche, die Geräusche, es ist der Geschmack des Essens, mithin die Gefühle, die wir auch mit Heimat assoziieren. Manchmal führt schon der Umzug in einen anderen Stadtteil, in die nächste Gemeinde dazu, dass wir uns nicht mehr aufgehoben, nicht mehr heimisch, fühlen, manchmal kommt uns sogar im eigenen Haus die Sicherheit, die Orientierung und der Halt abhanden – wir fühlen uns fremd in den eigenen vier Wänden. Von Heimatverlust, von Entwurzelung, von Exil erzählt Kim Thúy auch in ihrem zweiten …

Abbas Khider: Brief in die Auberginenrepublik

Über Nacht aus einem Land zu fliehen, um die eigene Haut zu retten vor Willkür, Verhaftung und Folter, und in einem anderen Land bei Null anzufangen, das ist das eine. Das andere aber ist, dass Menschen zurückbleiben, Eltern, Geschwister, Freunde, die Freundin, und es keinen Weg gibt, mit ihnen in Kontakt zu kommen, nicht einmal um zu melden, dass man gut angekommen sei in der Sicherheit des benachbarten Landes, ohne dass die dienstbaren geister des Staates mithören und mitlesen und so die Zurückgebliebenen auch noch in Gefahr zu bringen. Vielleicht ist das heute leichter, aber 1999, in der Zeit, aus der uns Abbas Khider die Geschichte eines Briefes erzählt, galt das Schicken eines Briefes über die normalen Wege als sehr gefährlich. So steht Salim seit zwei Jahren immer wieder ratlos vor der Post von Bengasi, in Libyen. Er ist zusammen mit anderen Studenten wegen Lesens „verbotener Bücher“ (S. 12) verhaftet worden. In der Folterkammer, die die Gefangenen als die „Schweiz“ bezeichnen, weil auf dem Elektroschockgerät der Aufkleber „Made in Switzerland“ prangt, hat er nichts verraten, …

[5 lesen 20] Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums

Urs Widmer, in diesem Frühsommer 75 Jahre alt geworden, hat eine Autobiografie mit dem merkwürdigen Titel „Die Reise ans Ende des Universums“ geschrieben. Er beginnt seine Lebenserzählung ganz am Anfang, bei seiner Zeugung, die wohl im Sommerurlaub im Lötschental stattgefunden hat. Seine Eltern  verbrachten die ersten Sommerurlaube dort, in diesem Jahr zusammen mit einem befreundeten Ehepaar, das just an diesem Nachmittag zu einer Bergtour aufbrach, an der Widmers Vater sowieso nie teilnahm, seine Mutter an diesem Nachmittag auch nicht. Und er endet seine Erinnerungen 30 Jahre später auf dem Campingplatz in Barcelona, auf dem er mit seiner Frau May ein Zelt aufgebaut hat. Dort hat er ihr seine erste Geschichte zum Lesen gegeben, die zwar schon seit längerer Zeit fertig ist, die er aber bisher noch niemandem zum Lesen gegeben hat, und wartet nun mit bangem Herzen auf ihr Urteil. Diese beiden Geschichten, der Anfangs- und der Endpunkt, geben bereits eine deutliche Auskunft darüber, welcher Prinzipien sich Widmer in seiner Autobiografie bedient: er erinnert, erstens, den Zeitraum seiner ersten dreißig Jahren, er erzählt, zweitens, Episoden …

[5 lesen 20] Monika Zeiner: Die Ordnung der Sterne über Como

Liebe, natürlich. Musik. Und Freundschaft. Tom Holler sitzt im Wohnzimmer mit Leonardo Hermanns, Ehemann von Anne, die wiederum Toms Klavierschülerin ist – und seine Geliebte. Sie trinken Whisky und plaudern, weil Anne beim Einkaufen offensichtlich die Zeit vergessen hat und nur ihr Ehemann, Physiker und als Manager sonst viel unterwegs, ausnahmsweise zu Hause ist. Beim Plaudern hat Hermanns Tom die Frage nach den wichtigen Dingen des Lebens gestellt. Nun schaut er nachdenklich den Klavierlehrer seine Frau an und bescheinigt ihm auf seinee Antwort hin, wohl doch noch sehr jung zu sein und er solle es genießen, es bliebe nicht immer so. Hermanns liegt mit seiner Einschätzung richtig, aber das ahnt jetzt noch niemand. Liebe, Musik und Freundschaft sind die Themen, die Monika Zeiner in ihrem Roman um Tom, Marc und betty auslotet. Und Berlin und Italien spielen auch eine große Rolle, das Berlin und das Lebensgefühl auf aufstrebenden Künstler in den frühen 1990er Jahre, und Italien, weil außer einem alle wichtigen Geschichten dieses Romans mit Italien zu tun haben, sei es die italienische Woche in …

Die bebilderte Besprechung – Vea Kaiser: Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam

Gerade ist Sommerferienzeit und einige Urlauber machen sich auf den Weg in den Süden, aber nicht ans Meer, nein, ins Gebirge. Sie alle reisen dorthin, um in Tälern und an Bergflanken durch Wälder und an Bächen zu spazieren, um in den klaren, von Gletschern gespeisten Seen zu schwimmen, um auf Almwiesen mit ängstlich pochenden Herzen dem Rindvieh auszuweichen oder um über felsige Gipfelgrate zu kraxeln. Und manch einer der Reisenden, gestresst von der Hektik und Fülle der Großstadt, wird sich wohl beim Blick auf die vielen Gipfel fragen, wie es sich wohl anfühlt, hier, in dieser Landschaft und in einem kleinen ruhigen Dorf das ganze Jahr zu leben. Und auf diese Frage liefert Vea Kaisers Roman „Blasmusikpop“ eine Antwort. Johannes A. Irrwein und sein Großvater Johannes Gerlitzen nämlich leben in so einem Dorf in den Bergen, in St. Peter am Anger. Das Dorf liegt sehr einsam, denn es hat nur einen Zugang von Lenk im Angertal aus, ansonsten ist es von unüberwindbaren gletscherbedeckten Gipfeln mit 4000 Meter Höhe umgeben. Die Dorfbewohner sind seit Jahrhunderten nicht …

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern

Was für ein Zufall: Da schließt sich die eine Lektüre – ganz ungeplant –geografisch nahtlos an die vorherige an. Meike Winnemuth besuchte als letzte Stadt ihrer Jahresreise Havanna. Dort konnte sie nur ganz schlecht Fuß fassen, unter anderem, weil sie Kuba als ein einziges Museum empfand, nämlich „ein karibisches Disneyland der Fifties.“ Als selbstkritische Touristin beschreibt sie Kuba so: Hinterher reist jeder Besucher mit dem dreisten Wunsch ab, dass es möglichst hübsch heruntergekommen bleiben möge, es fotografiert sich einfach besser – scheiß auf die Einwohner, die lieber in heilen Häusern wohnen würden und einen Job hätten, statt auf den Stufen der Verwahrlosung zu hocken und sich von Leuten wie mir beim prima authentischen Zigarrenrauchen knipsen zu lassen. (…) Und trotzdem, trotz aller kleinen Öffnungen, durch die die vorsichtige Frischluft in Fidels hermetisches Reich bläst. Über allem hängt der Geruch des Untergangs. [1] Genau in diese marode, zum Teil wirklich lebensfeindliche Umgebung entführt uns Leonardo Padura in seinem wunderbaren Roman um den ehemaligen Polizisten Mario Conde. Padura selbst ist Journalist gewesen, ein bekannter Verfasser von Reportagen, …

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Kweku Sai ist 16, als er seiner Mutter mitteilt, dass er mit den Missionaren nach Pennsylvania gehen wird. Er steht vor ihr, barfuß, in der Hütte aus Lehm, die sein Vater gebaut hat, mit dem in der Mitte fünf Meter hohen Dach aus Schilf. Sein Vater hat die Familie verlassen, aus Scham wahrscheinlich, weil er ins Gefängnis musste und dann öffentlich ausgepeitscht wurde, denn er hat einen betrunkenen englischen Soldaten geschlagen, der seine Frau belästigt hat. Nun will auch Kweku weg und natürlich will die Mutter ihn zurückhalten, sagt, dass er hier gebraucht werde, bei der Familie, doch Kweku will nicht bleiben in Ghana, in dem Dorf am Meer, in dem er Fischer werden kann, vielleicht Tischler oder Bediensteter einer reichen Familie, dann mit Uniform oder Anzug, aber immer barfuß. Er will weg, will lernen, will so leben wie die Engländer mit ihrem großen Haus am Strand. Und weil es Streit gibt, wirft Kweku der Mutter vor, sie wolle ihn nicht weglassen, weil sie eifersüchtig sei, eifersüchtig, weil sie mit sieben Jahren die Schule verlassen …

Eva Menasse: Quasikristalle

Xane verbringt die letzten Tage der Sommerferien bei ihrer Freundin Judith. Die beiden 14-jährigen liegen Musik hörend und träumend im Garten, tratschen über Lehrer und Mitschülerinnen, essen abends zusammen mit Judiths Vater, probieren ihre ersten Drogen. Xane möchte gerne die Schule wechseln, statt Altgriechisch will sie lieber Französisch lernen. Ihre Eltern haben nichts gegen einen Schulwechsel, die Freundin ist auch schnell überredet und um Judiths Eltern zu überzeugen, organisiert Xane einen Anruf ihrer Mutter. Die dritte Freundin, Claudia, werden sie in der alten Schule zurücklassen, sie ist sowieso eher das fünfte Rad am Wagen, denn Claudia ist die merkwürdige Freundin mit den Vollkornkeksen und der selbst getöpferten Teekanne, die Blumen aus Seidenpapier bastelt und den Sommer bei ihren Großeltern auf dem Land verbringt. Das alles gibt Judith und Xane viele Anlässe zum Lästern, in der Schule aber verteidigen sie Claudia gegen jede dumme Bemerkung, als wäre sie gegen sie selbst gerichtet. Claudia stirbt noch vor Beginn der Schule plötzlich und so gerät der erste Schultag nicht nur zum Beginn einer neuen Zeit für Judith und …

Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres

Sieben Wochen nach dem Tod ihres Mannes beginnt Connie Palmen mit ihrem „Logbuch“, sie will in dem Jahr nach dem Tod Hans van Mierlos „Notizen über Liebe und Tod“ machen: Ich tue es, weil ich weiß, dass man dies vergisst, diesen Horror der ersten Monate, des ersten Jahres, man vergisst es, wie man Zahnschmerzen vergisst – oder Wehenschmerzen, wie man erzählt. Man weiß noch, dass es schlimm war, schrecklich, der schlimmste Schmerz, den man je hatte, aber fühlen kann man es nicht mehr. Vergessen dient einem Zweck: Niemand würde je wieder ein Kind bekommen oder einen anderen lieben wollen, wenn er noch genau wüsste, wie weh es getan hat, das Liebste zu bekommen, und weh es getan hat, es eines Tages verlieren zu müssen. (S.14) Viele Menschen neigen dazu, den Gedanken an den Tod, unseren eigenen und den unserer Angehörigen und Freunde, zu vergessen oder zu verdrängen, weil er zu entsetzlich scheint. „Der Tod“, so der Philosoph Wilhelm Schmid (1), „ist das Ende der Zeit für den, der stirbt, und, zumindest für einen Augenblick, der …

Grégoire Delacourt: Alle meine Wünsche

Beim Stöbern im Besten Buchladen hat das Umschlagbildes mein Interesse geweckt: Faden, Nadel, Knopf und Stoff. Und als ich dann auf dem Klappentext gelesen habe, dass die Protagonistin einen Weblog über Sticken, Nähen und Stricken betreibt, bin ich neugierig geworden  – auch wenn ich beim Hinweis auf den hohen Lottogewinn erst einmal einen recht kitschigen Inhalt befürchtet habe. Jocelyne Guerbette ist die Besitzerin eines Kurzwarenladens in Arras. Sie lebt dort mit ihrem Mann, die beiden Kinder gehen schon ihre eigenen Wege. Seit ein paar Monaten betreibt sie unter dem Namen „Zehngoldfinger“ einen Blog, der so schnell so viele Leserinnen anspricht, das es schon fast unheimlich ist: Ich schreibe darin jeden Morgen über die Freuden des Strickens, des Stickens, des Nähens. Ich stelle Stoffe und Wolle vor, Bänder mit Pailletten, aus Samt, Satin und Organdy; Baumwoll- und Elstikspitze, Tattenschwanzschnur, gewachste Schnürsenkel, geflochtene Kunstseidenkordel, Anorakkordel. Und schon kommt eine Journalstin und möchte sie interviewen für einen Beitrag in der Zeitung: Sie haben schon tausendzweihundert Besucher am Tag, ruft die Journalstin, tausendzweihundert, allein hier in der Gegend. (…) …