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Navid Kermani: Sozusagen Paris

Wie ist das wohl, wenn nach dreißig Jahren unversehens die große Jugendliebe vor einem steht? Ist sofort die alte Vertrautheit wieder da, die Sympathie, sozusagen die Flugzeuge im Bauch? Und wie sieht sie aus, die Jugendliebe, nun, so viele Jahre später? Fühlt man sich immer noch so zu ihr hingezogen wie damals, weil immer noch die kleinen Gesten da sind, die alte Wortmelodie, die man so mochte? Oder erkennt man sie womöglich gar nicht mehr, weil die Zeit sie so verändert hat, dass da eine ganz und gar fremde Person vor einem steht? Läuft in der Fantasie sofort der Film ab, der die Geschichte zeigt, wie das Leben verlaufen wäre, wäre man zusammengeblieben? Und wäre das ein Film mit glücklichem Verlauf oder eher die Dokumentation einer desaströsen Beziehung? Oder wäre die Begegnung eher von Peinlichkeiten begleitet, weil einem alle Tollpatschigkeiten, die in so einer ersten großen Liebe nun einmal passieren, sofort riesengroß vor Augen stehen?

Dem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller, der gerade die deutsche Provinz bereist, um seinen Roman über seine große Jugendliebe vorzustellen, sind diese – durchaus bangen – Fragen nicht fremd. Denn es könnte ja sein, dass die in seinem Roman beschriebene Jugendliebe plötzlich bei einer dieser Lesungen vor ihm steht. Vielleicht ist sie ärgerlich, weil sie nun zu einer Romanfigur geworden ist, weil seine Erinnerungen doch völlig falsch seien, er sie vielleicht auch nicht immer im besten Licht beschrieben hat. Trotzdem, er hat sich ja ganz bewusst für diesen Roman entschieden, die möglichen Probleme in Kauf nehmend, und erklärt den Roman nun so, dass er sie die ganze Zeit nicht vergessen habe, und, statt ihr nur einen Brief zu schreiben, nun eben den ganzen Roman geschrieben habe, schon mit der Hoffnung, dass sie sich bei ihm melde.

Navid Kermani hat einen Fortsetzungsroman geschrieben zum Buch über die Jugendliebe, die „Große Liebe“. Und beleuchtet nun, was passiert, wenn sein Protagonist auf die Jugendliebe trifft, wenn da auf einmal zwei Menschen Zeit miteinander verbringen, die in vielen Jahren ihre eigenen Geschichten erfahren, ihre ganz eigenen Erlebnisse hatten, wenn also die Fantasie über den anderen und seine Geschichte und die Realität in Übereinstimmung gebracht werden müssen.

Und da steht tatsächlich eines Abends die große Liebe vor dem Erzähler, dem Romanschriftsteller, der gerade aus seinem Buch gelesen hat, und möchte eine Unterschrift. Es entspinnt sich ein kurzes Gespräch am Büchertisch, eine Verabredung für den Abend, Anlass genug für den Erzähler, sich nicht nur den Abend, sondern gleich auch die Nacht in den schönsten Farben auszumalen. Denn es ist ja so, denkt er und ist durchaus großspurig, später aber auch sehr selbstironisch, dabei,

„dass ich etwas hergebe, wenn ich als weitgereister Schriftsteller, dessen Bücher von den überregionalen Zeitungen besprochen und sogar im Fernsehen hochgehalten werden, in einem kleinen Städtchen lese. Es ist nicht die Prominenz allein – jede Wetteransagerin eines Regionalsenders ist bekannter und wird von den Menschen mehr bewundert als ein Mitglied des literarischen Betriebs. Es ist mehr die romantische Vorstellung des Dichters, die wir, wenn überhaupt bei irgendwem, dann bei dem ohnehin nicht zahlreichen, überwiegend weiblichen, älteren Lesepublikum eines Provinzstädtchens evozieren und mit dem Dichter zugleich das Klischee des Antibürgers und Weltenbummlers, manchmal sogar des weitblickenden Denkers und tiefen Melancholikers, wenn die Damen zu lange auf das Plakat gestarrt haben, auf denen wir immer so ernst gucken. (…) Gerade auf Frauen, die vielleicht einmal von einem anderen Leben geträumt haben, wirkt das anziehend, bilde ich mir ein – also auch auf Jutta?“

Erst als sie zusammen beim Abendessen im Restaurant sind, zu dem der Kulturdezernent des Ortes geladen hat, bemerkt der Erzähler, dass nicht er im Mittelpunkt des Interesses steht, ja, dass seine Bekannte sich gar nicht vorstellen muss, sie wohl überhaupt jedem am Tisch wohlbekannt ist – und begreift erst spät, dass Jutta die Bürgermeisterin des Ortes ist.

Auch im Verlauf der langen Nacht, Jutta lädt ihn nach dem Abendessen und einem Spaziergang um den Ortskern kurzerhand noch auf einen Wein nach Hause ein, muss der Erzähler viele seiner Ideen, Projektionen und Spekulationen über Jutta und ihr Leben, über Jutta und ihre Ehe, über Jutta und ihr Glück, über Bord werfen. Jutta erzählt ihre Lebensgeschichte, erzählt von ihrem Studium der Medizin, ihrem Aufenthalt in Südamerika, wo sie ihren Mann, der in einem Urwaldkrankenhaus arbeitete, kennengelernt hat, vom ersten Sex und vom schnellen Heiraten, von den Kindern und der Rückkehr nach Deutschland, der gemeinsamen Praxis in der Kleinstadt, von Juttas politischem Engagement in der Stadt, das ihr schließlich auch das Bürgermeisteramt einbrachte.

Vor allem aber kreisen ihre Erzählungen und Reflexionen, wohl auch angefeuert von den Fragen des Besuchers, um ihre Ehe, vom rauschhaften Beginn, den Überforderungen, als das erste Kind kam und sie Beruf und Familie zusammenbringen wollte, vom ewigen Streiten und Versöhnen, von den gegenseitigen Vorwürfen bei den unterschiedlichen Ansichten über die Kindererziehung bis zum Erkalten ihrer Gefühle. Da wird die Spülmaschine zum Symbol für die alltäglichen Kränkungen, wenn ihr Mann zum Beispiel jedes Mal, wenn Jutta Geschirr und Besteck eingeräumt hat, alles wieder ausräumt und anders arrangiert, denn dann passe ja viel mehr in die Maschine, sei das Spülen viel energieeffizienter. Und während sie so erzählt, fantasiert der Erzähler doch immer wieder Geschichten, was noch alles passieren könnte in dieser Nacht, während der Ehemann Juttas in einem anderen Zimmer sitzt und wohl Abrechnungen macht, während jeden Moment eines der drei Kinder ins Wohnzimmer platzen könnte.

Der Erzähler folgt dem Verlauf der Nacht, so wie er ihn erinnert. Und obwohl die Nacht längst in der Vergangenheit liegt, erzählt er sie im Präsens, so, als würde alles gerade passieren. Dabei zeichnet er auch nach, was sich zusätzlich im Bewusstsein des Erzählers abspielt, während er dasitzt, sich im Wohnzimmer umschaut, mit den Blicken immer wieder die Buchregale entlangstreift und mit Jutta spricht. So gehen ihm literarische Assoziationen durch den Kopf, er stellt Beziehungen her zwischen Juttas Liebesgeschichte und Liebesgeschichten, die in der Literatur, besonders der französischen, schon erzählt sind.

Manchmal gerät sogar der Lektor mit in den Blick, der, das weiß der Autor schon, während er diesen oder jenen Satz schreibt, an dieser oder jenen Formulierung herummäkelt, der sogar ganz offensichtliche Fehler im Handlungsverlauf und in der Logik der Erzählung erkennt. Und auch Herr Schütte wird bedacht, der kluge Rezensent, dem er geradezu dankt für die Einsichten und Erkenntnisse, die er durch dessen Besprechungen erhalten könne, wobei er durchaus vermutet, dass Herr Schütte gar nichts verdiene bei seinen Online-Besprechungen, er schreibe wohl vor allem aus Liebe zur Literatur.

Der Schriftsteller also erzählt die verschiedenen Wahrnehmungen, Eingebungen, Assoziationen im Gespräch mit Jutta, aber auch die, die ihn beim späteren Nach-Schreiben der Ereignisse der Nacht ereilen. Er zeigt so, wie vielschichtig unsere Wahrnehmung ist, die sich ja, wir kennen das alle, nicht nur auf ein einziges Ereignis konzentriert, sondern immer wieder auch abschweift, in gewisser Weise ihr Eigenleben führt.

Trotzdem: die Passagen, in denen sich Jutta und der Erzähler ergehen in den Deutungen der französischen Literatur, die Passagen, in denen der Erzähler seine Assoziationen mit und Reflexionen über den bürgerlichen Eheroman und seine Hinweise auf Juttas Liebes- und Ehegeschichte schildert: sie sind sehr ermüdend. Denn der Vergleich einer dem sozialdemokratisch-grünen Biotop entspringenden alternden Ehe mit den Protagonistinnen der französischen Romane des 19. Jahrhunderts ist zu sehr in die Breite getreten. Dass der Erzähler über diese komparativen Auswüchse auch schon einmal entschlummert, scheint der Erzähler zu ahnen, denn immer wieder rüttelt er den Leser leicht an der Schulter:

 „Ich fürchte, dem Leser kommen die ständigen Bezüge zur Literatur eher bemüht vor, ich fürchte es bereits, als ich auf Juttas Sofa den Roman grob skizziere, den ich schreiben werde. (…) Vielleicht sollte ich dem Reflex widerstehen, beides ineinander zu verschränken, die Bücher meinetwegen im Kopf haben, aber sie nicht ständig zitieren. Wenn ich den Roman schreibe, wird mir klar sein, dass der Leser einen solchen Zufall für ausgedacht hält. Aber dann werde ich fragen, ob dein Leben nicht ebenfalls aus Fügungen besteht, die sich kein Romanschreiber erlauben würde, weil sie zu konstruiert wirken (…).“

Auch das Spiel mit der Biografie des Erzählers, die ganz nah ist an derjenigen des Autors, ein Motiv hier sind beispielsweise die Bezüge zu anderen Büchern Kermanis, zur „großen Liebe“ und dem Neil-Young-Buch, sind Ausdruck der besonderen Machart des Romans. Dies ist eine Erzählweise, die gerade hoch im Kurs zu stehen scheint bei den Romanciers, die, wenn sie nicht gleich ganz nah an ihrer Biografie entlangschreiben, ihre große Freude daran zu haben scheinen, den Leser immer wieder herauszufordern mit der Frage, was hier wahr sei und was Fiktion, so, wie es auch schon ein Motiv in Delphine de Vigans Roman war:

„Aber wer sagt denn auch, daß ich es bin, der im Roman ich sagt – in dem, den ich geschrieben habe und den ich schreiben werde.“

Kermanis Roman ist ein durchaus komplexes Erzählexperiment, dessen Zutaten besser sind als das Gesamtergebnis. Und auch wenn das Thema ein wenig anders ausgerichtet wird, wenn es nicht so sehr um das Wiedertreffen der Jugendliebe geht, wenn nicht so sehr der Lebenszyklus einer langen Liebe in der beengenden Welt der Ehe im Vordergrund steht, sondern mehr ganz grundsätzlich die Liebe zur Literatur und zu ihrer immer aktuellen Aussage, das Konzept des Romans ist nicht so recht rund und überzeugend.

Navid Kermani (2016): Sozusagen Paris, München, Carl Hanser Verlag

6 Kommentare

  1. die Zitate aus dem Roman zeigen mir ein weiteres Mal, dass dieser Autor ein eleganter selbstbezogener Langweiler ist. Ein „Sozusagen“:
    Ein Buch mehr, das ich nicht zu lesen brauche, danke für die Warnung.

    • Liebe Gerda,
      der Erzähler ist schon auch ordentlich selbstironisch, da gibt es schon auch eine Menge zum Schmunzeln. Aber insgesamt ist er schon auch eine merkwürdige, recht blutleere Figur. Da gibt es für Dich sicherlich interessantere Lektüren…
      Viele Grüße, Claudia

  2. Ich habe das Buch auch gerade gelesen. Die Leseprobe hatte mich neugierig gemacht, es hätte eine interessante Geschichte werden können. Ich musste mich aber auch durch viele Seiten regelrecht quälen und habe das Buch nur in der Hoffnung bis zum Ende gelesen, es könnte vielleicht doch noch irgendetwas Spannendes passieren. Es stehen ein paar kluge Gedanken zu langjährigen Beziehungen drin und vielleicht lese ich bald mal wieder Balzac, aber insgesamt konnte es mich leider auch nicht überzeugen. Liebe Grüße von Claudia

  3. Hallo Claudia, danke für deine Besprechung. Es klingt, als ob die Gedanken und Assoziationen im Buch wesentlich wichtiger sind als eine wie auch immer geartete Handlung. Freue mich, dass ich nicht den „Muss ich haben“-Reflex spüre. 🙂 LG und einen guten Start in die Woche, Anna

    • Ja, da gibt es bestimmt andere Bücher, die den „Muss ich haben“-Reflex auslösen können/sollen/müssen. Und im Regal steht ja bestimmt auch noch das eine oder andere… :-).
      Auch Dir einen guten Start, Claudia

      • Öhhm, da steht tatsächlich das ein oder andere, und bald habe ich den ersten Monat ohne Neuerwerbungen „geschafft“. 🙂

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