Jahr: 2017

#lithund: Der melancholische Hund

Der Begriff des „schwarzen Hundes“ als Metapher für Melancholie und Depression geht wohl zurück auf den Schriftsteller Samuel Johnson, der im 18. Jahrhundert lebte. Winston Churchill nutzte dann den Begriff zwei Jahrhunderte später wieder für seine depressiven Episoden und machte ihn so weithin bekannt. In seiner Folge zog das Bild des schwarzen Hundes dann in die verschiedenen Künste ein. So erklärt Gordon Parker im Vorwort zu Matthew Johnstones Buch über den schwarzen Hund und die Depression, wie der Begriff entstand. Merkwürdig ist dieser eher negative Zusammenhang auf den ersten Blick aber dann doch. Denn seit vermutlich um die 30.000 Jahre leben Mensch und Hund zusammen, schätzen die Menschen doch die Treue des Hundes, seine Gelehrigkeit und Wachsamkeit, seinen Mut und sein Geschick. Bei der Jagd und bei der Sorge um Hof und Vieh arbeiten Menschen und Hunde zusammen. Und mittlerweile sind Hunde als Familienmitglieder im engsten Kreis angekommen. Und da wird ein Hund als Symbol einer so ernsten Erkrankung wie der Depression herangezogen? Ein Blick zurück zu den „alten“ Ägyptern und Griechen zeigt, dass dort …

Jonas Lüscher: Kraft

Immer wieder habe ich hier auf dem Blog gefragt, wo denn die Romane sind, die sich mit den ganz aktuellen gesellschafts- und vor allem auch wirtschaftspolitischen Themen auseinandersetzen und die uns durch ihr Erzählen einen anderen Blick und ein anderes Verständnis auf unsere Welt und unsere Konflikte ermöglichen. Mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ hat Lüscher sich schon dieses Themas angenommen und hat erzählt von den (wirtschaftlichen) Egoismen und Barbareien, die es überhaupt erst ermöglichten, dass eine Finanzkrise ausbricht. Und nun begibt sich Lüscher in seinem neuen Roman ganz hinein in die Kreise und Zirkel, die Teil hatten an den wirtschaftsliberalen Veränderungen, die zufällig – oder aus Klugheit – mit aufgesprungen sind auf den Zug der Veränderung, der in den 1980er Jahren begann, und die davon profitiert haben und nun vor einem Scherbenhaufen stehen. Richard Kraft, philosophischer Deuter und Erklärer des freien Marktes, ist einer von ihnen. Kraft ist angesehener Wissenschaftler, immerhin in der Nachfolge Walter Jens´ der Inhaber der Rhetorik-Professur in Tübingen, und steht finanziell vor einem Desaster. So klug, brillant und scharfsinnig seine …

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo

Als Niroz Malek 1946 in Aleppo geboren wurde, um genau zu sein am 17. April, feierte Syrien genau an diesem Tag seine Unabhängigkeit von Frankreich, der vom Völkerbund in Syrien und Libanon seit dem Ersten Weltkrieg eingesetzten Mandatsmacht. „Sohn des Friedens“ wurde Malek also wegen seines ganz besonderen Geburtstages genannt und er habe, so schreibt er in seinem Nachwort, lange daran geglaubt, dass es nie wieder Weltkriege geben werde. Die Demonstrationen, die in Syrien 2012 sechs Monate lang friedlich stattfanden, bei denen breite Schichten der Bevölkerung und vor allem die jungen Menschen solche Dinge einforderten wie „Freiheit“ und „Würde“, die „Reformierung der staatlichen Institutionen“ und das „Ende der Korruption“ gingen dann aber, statt in eine Kommunikation mit allen beteiligten zu kommen, doch in einen „internationalen, zerstörerischen, barbarischen, schmutzigen Krieg“ über. So schmutzig und barbarisch, dass immer wieder – und gerade in diesen Tagen  – von Giftgastoten die Rede ist. Und so wird Malek, was er nie vermutet hätte, er wird zu einem „Sohn des Kriegs“ und erlebt in Aleppo den Krieg aus nächster Nähe. Viele …

Imbolo Mbue: Das geträumte Land

„Das geträumte Land“ hätte DER Roman werden können für „Das graue Sofa“, ein Roman, der auf das schönste die beiden Schwerpunktthemen, nämlich die Ökonomisierung aller Facetten unseres Lebens und die Probleme um Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit hätte verbinden können. Denn der Roman erzählt genau von diesen beiden Themen, indem er die Wege von Jende Jonga und seiner Frau Neni, kamerunische Flüchtlinge in New York, mit denen der Bankerfamilie Edwards just zur Zeit der Lehmann-Pleite 2008/2009 verknüpft. Wie Jendes Leben in Limbe ist, welche Chancen in der Gesellschaft er hat, das ist schon bei seiner Geburt festgelegt worden. Er entstammt einer armen Familie, einer Familie ohne „Namen“ und wird nie eine Möglichkeit zum Aufstieg haben. Der Job als Straßenfeger ist gleichzeitig auch das Ende der Karriereleiter. Und bedeutet auch, dass er niemals Neni wird heiraten können, denn Neni entstammt einer Familie, die – zumindest für ein paar Jahre – Geld hatte. Damals nämlich, als ihr Vater im Hafen beim Zoll (!) arbeitete und so viel verdiente, dass die Familie sich ein Haus leisten konnte und seit …

#lithund – Michael Ondaatje, Serge Bloch: Jasper braucht einen Job

Man muss den Tatsachen schon ins Auge schauen: Seit der Wolf als Hund bei Menschen wohnt, seit er sich nicht mehr als Einzelgänger oder im Rudel aus Wald und Flur selbst versorgt, sondern sich vom Menschen versorgen lässt, seitdem ist sein Leben bequem – aber auch teuer. Und es sind ja nicht nur die köstlichen Speisen, die in den unterschiedlichsten Läden extra für den Hundegeschmack angeboten werden, die so ins Geld gehen, es sind auch die anderen Kosten, die so ein Leben in schönster Bequemlichkeit mit sich bringt: Es müssen Steuern bezahlt und Versicherungen beglichen werden, der Arzt wünscht eine regelmäßige Konsultation und natürlich Extra-Geld, wenn eine Pfote geröntgt oder Zahnstein entfernt werden soll, und der Friseur rückt zwar auch den wildesten Fell-Verfilzungen mit seiner Schere unerschrocken zu Leibe, will aber dafür auch Bares sehen. Wenn dann auch noch ein Extra-Gassigeher bestellt wird, dann läppern sich schnell mal 900 Dollar zusammen. Das erkennt auch Mr. Cletus, Englischlehrer und deshalb schlecht im Rechnen. Wenn er die Beträge überschlägt, die die Familie für Jasper, den Familienhund, berappen …

Saphia Azzedine: Bilqiss

Schon das Alte Testament erzählt von der Königin von Saba, die von der Weisheit des Königs Salomon gehört hat und sich bei einem Besuch an seinem Hof davon überzeugen wollte. Auch im Koran finden sich Verweise auf die Königin aus dem südlichen Land, die hier auch den Namen Bilqiss trägt, und hier ist sie es, von deren besonderer Weisheit erzählt wird. Saphia Azzeddines Protagonistin Bilqiss aber ist weder eine Königin noch ist sie weise. Dass ihr Leben so völlig missraten ist, das sei, so Bilqiss´, schon von Anfang an klar gewesen. Ihr Vater entlässt nach ihrer Geburt die im Nachbarzimmer wartende Schar der Nachbarn mit dem tiefen Seufzer „Das ist der Wille Allahs“, denn da ihm eine Tochter geboren ist, gibt es nun nichts mehr zu feiern. Und tatsächlich, für ein Mädchen, eine Frau ist das Leben nicht leicht in diesem Dorf irgendwo auf dem Land. Bilqiss darf zwar zur Schule gehen, arbeitet aber auch auf dem Mohnfeld und mit dreizehn Jahren muss sie Qasim heiraten, einen 46-jährigen dickbäuchigen ehemaligen Fischer, der nun als Chauffeur …

#lithund: Wölfe. Ein Portrait von Petra Ahne

Für unser Projekt, dem literarischen Hund auf die Spur zu kommen, liegt es nahe, auch den literarischen Wolf zu betrachten. Hund und Wolf, das sind nahe Verwandte, und Hybride, also erste Kreuzungen zwischen Hund und Wolf, sollen gerade wieder sehr angesagt sein. Bei verwilderten Hunden können Verhaltensvergleiche zum Haushund auf der einen, zum Wolf auf der anderen Seite gezogen werden. Und in der Literatur sind sie alle auch wieder zu finden. Petra Ahne geht in ihrem Band der Naturkunden, in dem sie sich den Wölfen zuwendet, natürlich nicht in erster Linie, aber in einigen Kapiteln dann doch, dem Hund und dem Wolf in der Literatur nach. Und setzt sich als erstes mit dem Märchen vom Rotkäppchen auseinander. Das Märchen, so zeigt sie auf, erfährt im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte in seinem Verlauf – und damit auch in seiner Wirkung – eine deutliche Veränderung und die verweise, so Ahne, auch auf die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit den Wölfen. Wir kennen die Geschichte, aufgeschrieben von den Brüdern Grimm, ja so: Das Rotkäppchen kommt, trotz der Warnungen …

Navid Kermani: Sozusagen Paris

Wie ist das wohl, wenn nach dreißig Jahren unversehens die große Jugendliebe vor einem steht? Ist sofort die alte Vertrautheit wieder da, die Sympathie, sozusagen die Flugzeuge im Bauch? Und wie sieht sie aus, die Jugendliebe, nun, so viele Jahre später? Fühlt man sich immer noch so zu ihr hingezogen wie damals, weil immer noch die kleinen Gesten da sind, die alte Wortmelodie, die man so mochte? Oder erkennt man sie womöglich gar nicht mehr, weil die Zeit sie so verändert hat, dass da eine ganz und gar fremde Person vor einem steht? Läuft in der Fantasie sofort der Film ab, der die Geschichte zeigt, wie das Leben verlaufen wäre, wäre man zusammengeblieben? Und wäre das ein Film mit glücklichem Verlauf oder eher die Dokumentation einer desaströsen Beziehung? Oder wäre die Begegnung eher von Peinlichkeiten begleitet, weil einem alle Tollpatschigkeiten, die in so einer ersten großen Liebe nun einmal passieren, sofort riesengroß vor Augen stehen? Dem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller, der gerade die deutsche Provinz bereist, um seinen Roman über seine große Jugendliebe vorzustellen, sind diese …

#lithund _ Eine Blog-Tour: Der Hund in der Literatur

Veröffentlichte Beiträge: Birgit schreibt über Jack London und seine Hund-Wolf-Romane auf Sätze und Schätze   Worum es geht beim Projekt: Es begann ja ganz harmlos, schon vor ein paar Monaten: Birgit hat auf ihrem Blog Sätze&Schätze ein Buch besprochen, in dem ein Hund namens Mucki eine große Rolle spielt. Der nämlich, eigentlich eine „die“, gehört zum Erbe der kauzigen Tante von Alice Herdan-Zuckmayer und muss übernommen werden, wenn man denn auch in den Besitz der Juwelen und Pelze, die die alte Dame versteckt hat, gelangen möchte. Als die Zuckmayers dann auch noch den Nachlass der Tante lesen und sich herausstellt, dass sie glühende Anhängerin der Nazis war, ist klar: „Der Hund is a Nazi“. Trotz allem, trotz Scheußlichkeit und falscher Anhängerschaft und unfassbarer Verwöhntheit, nimmt die Familie den Hund mit auf die Flucht, er bekommt, wann immer es geht, Kalbsleber und Honigwasser und Chanel No. 5 und stirbt schließlich in hohem Alter. Dann ist er wohl schon länger kein Nazi mehr, schließlich hatte er in seinen letzten Lebensjahren ja nur noch Umgang mit linken Schriftstellern, …