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Paul Auster: 4 3 2 1

Wie wäre unser Leben wohl verlaufen, wenn eine kleine Facette der äußeren Einflussfaktoren anders gewesen wäre? Oder wenn wir uns an irgendeiner Stelle anders entschieden hätten? Wenn die Eltern sich hätten scheiden lassen, oder wenn sie es eben nicht getan hätten; wenn ein Elternteil nicht so früh gestorben wäre, wenn die Familie in eine andere Stadt gezogen wäre, wenn die finanzielle Situation anders gewesen wäre, wenn die Eltern andere Freunde gehabt oder wir in andere Schulen gegangen wären, wenn wir uns anderen Freunden angeschlossen hätten, uns in andere Menschen verliebt, eine andere Sportart oder einen anderen Sportverein gewählt hätten? Wenn die gesellschaftspolitischen Entwicklungen andere gewesen wären? Wären wir dann ganz andere geworden als die, die wir heute sind?

Paul Auster ist in seinem Roman „4 3 2 1“ genau diesen Fragen nachgegangen. Er erzählt uns die Geschichte von Archibald Ferguson, aber nicht nur von einem, sondern gleich von vier. Alle sind sie Enkel Isaac Reznikoffs, der genau am 1.1.1900 in New York an Land gegangen ist. Er kam aus Minsk, hat sich mit ein paar Rubel in der Tasche durch halb Europa durchgeschlagen und ist von Hamburg aus an Bord der Kaiserin von China in die USA gereist. Und weil ein Mitreisender ihm den guten Tipp gegeben hat, sich bloß einen anderen Namen zu wählen, Rockefeller wäre doch ganz passabel, Reznikoff diesen Ratschlag aber im Angesicht des Einwanderungsbeamten vergessen hat und stattdessen stammelt „Ich hob fargessen!“, notiert der Beamte den Namen Ichabod Ferguson in seinen Unterlagen. Und mit diesem Namen startet Reznikoff in sein amerikanisches Leben, diesen Namen vererbt er seinen drei Söhnen und eben auch dem Enkel Archibald.

Ichabod Ferguson schlägt sich mit verschiedenen Jobs durch die bitterarmen Jahre nach der Einwanderung. Er heiratet, bekommt drei Söhne und eine Tochter und wird schließlich am 7.3.1923 während eines Überfalls auf das Lederwarendepot in Chicago, wo er als Nachtwächter arbeitete, erschossen. Die Tochter stirbt unter dubiosen Umständen, Mutter und Söhne kämpfen weiter mit der finanziell höchst prekären Situation. Der jüngste Sohn, Stanley, eröffnet eine winzige Radioreperaturwerkstatt und baut diese immer weiter aus. Mit 30 lernt er Rose Arnold kennen, die bei einem Portraitfotografen arbeitet, und sie ist es, die ihn dazu bringt, seinem Junggesellentum abzuschwören. Rose stimmt in eine Heirat ein, auch wenn sie Stanley gar nicht liebt. Und so wird im März 1947 Archibald geboren.

Soweit die Ausgangskonstellation, die Basis für ein nun weites Experimentierfeld. Denn nun lesen wir die gleich vier Entwicklungsgeschichten Fergusons, die alle mit denselben Eltern und Großeltern und deren Geschichten und Biografien leben, deren Lebenswirklichkeit sich aber zunächst in kleinen Dingen unterscheidet, aus denen sich dann größere Unterschiede, andere Zufälle, andere Entscheidungen ergeben. Einflussreichster Ausgangspunkt, neben anderen, der veränderten familiären Situationen ist der geschäftliche Erfolg – oder Misserfolg – des väterlichen Geschäftes: Einmal entwickelt es sich in der 1950er Jahren, in denen alle Familien sich mit vielen Elektrogeräten ausstatten, ganz prächtig und kann zu einer Elektrofachmarktkette ausgebaut werden, einmal muss der Vater es schließen und die Familie verarmt langsam und stetig, ein anderes Mal verstricken die Brüder den Vater in ihre kriminellen Geschäfte und er stirbt, als er sein Geschäft vor einem Brandanschlag schützen möchte, den die Brüder sich ausgedacht haben. Und aus diesen Vorfällen entstehen weitere Verzweigungen, ganz andere Lebenswege in anderen Städten, in anderen Familien, mit Stiefvätern und Stiefgeschwistern und deren Einflüssen, mit anderen Schulen, anderen Freunden, anderen Sportvereinen.

Der Erzähler spielt hier mit einer Idee, die ein Archie hat, als er als kleiner Junge nach einem Sturz vom Baum für Wochen mit seinem Gipsbein das Bett hüten muss und sich so seine Gedanken macht über das missliche Ereignis und die Frage, ob es zu vermieden gewesen wäre, ob es gar jemanden gibt, den die Schuld trifft. Statt bei der Tatsache zu bleiben, dass er nach einem Ast gegriffen hat, der einfach zu weit entfernt gewesen ist, erprobt er verschiedene Möglichkeiten, die auch hätten eintreten können. Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn seine Eltern sich für ein anderes Haus in einer anderen Stadt entschieden hätten? Dann hätte er nicht Chuckie Brower, seinen Freund, kennengelernt und der hätte ihn nicht am Morgen fragen können, ob sie draußen spielen wollen. Wenn die Familie in ein anderes Haus gezogen wäre, dann hätte er auch nicht auf diesen Baum klettern können, weil im Garten eines anderen Hauses auch ein anderer Baum gewachsen wäre.

„Was für ein interessanter Gedanke, dachte Ferguson: sich vorzustellen, wie für ihn selbst alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Derselbe Junge in einem anderen Haus mit einem anderen Baum. Derselbe Junge mit anderen Eltern. Derselbe Junge mit denselben Eltern, die aber nicht dieselben Dinge täten wir jetzt. Was, wenn zum Beispiel sein Vater immer noch Großwildjäger wäre und sie alle in Afrika leben würden? Was, wenn seine Mutter eine berühmte Filmschauspielerin wäre und sie alle in Hollywood leben würden. Was, wenn er einen Bruder oder eine Schwester hätte?“

Genau die Frage, wie Archie Ferguson sich entwickeln würde, wenn seine Eltern sich anders verhielten, lotet der Erzähler in den vier Erzählsträngen aus, indem er seine Protagonisten mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen konfrontiert, unterschiedlichen Schlüsselmomenten, unterschiedlichen Herausforderungen. Diese vier Geschichten werden jeweils im Detail erzählt, der Erzähler schaut immer wieder in besonderen Lebenssituationen bei den vier Fergusons vorbei, schaut genau darauf, was Archie macht, was er denkt, was er fühlt. Und ist auch immer dabei, wenn es um den Tod geht, einen sinnlosen zufälligen Tod meistens, so wenn der eine Archie als Teenager im Sommerlager vom Blitz erschlagen wird, weil er im Überschwang der Gefühle einfach hinaus musste in das Sommergewitter.

Auch wenn Auster dem Leser gleich vier Entwicklungsromane präsentiert, auch wenn diese Entwicklungsromane derselben Zeit, derselben Familie entstammen, wenn sie über 1200 Seiten einnehmen, so wird der Leser doch von der ersten Seite an bis zur letzten hineingezogen in diese vier Leben. Das liegt an der überzeugend realistischen Figurenkonstellation, an den genau erzählten und beschriebenen Situationen, auch an der Romankonzeption, die den Leser mit den vier Geschichten, die ja nicht chronologisch hintereinander, sondern gegeneinandergesetzt erzählt werden, durchaus fordern und die sich erst ganz am Ende aufklärt. Das liegt an vier Fergusons, die sich ihren jeweils eigenen Charakter bewahren, ihre Liebe zur Literatur und zum Film, ihre Sportbegeisterung, ihren Wunsch nach eigenem Schreiben, auch wenn dies einmal journalistisches Schreiben ist, ein anderes Mal literarisches Schreiben oder auch das Übersetzen von französischer Lyrik. Sie sind melancholisch und nachdenklich, entdecken die verschiedenen Spielarten der Sexualität, haben ihren Stolz und ihre Überzeugungen.

Es liegt auch an der sprachlichen Gestaltung, mit der Auster überzeugen und begeistern kann. Er schafft es, Szenen aus Filmen – fast wie im Rausch – zu erzählen, so genau und detailliert, dass der Leser sie unvermittelt vor Augen hat. Er erzählt von einem Basketballspiel und wie der Spielverlauf die Zuschauer so aufpeitscht, dass die jüdische Mannschaft fluchtartig die Halle der farbigen Heimmannschaft und ihrer Anhänger verlassen muss – und die Leser meinen, selbst die Tritte und Rempler beim Hinauslaufen zu spüren.

Die gesellschaftlichen Diskussionen und Umbrüche der 1950er und 1960er Jahre, die Rassenunruhen, die Demonstrationen der Studenten, die Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg, die Wahl John F. Kennedys und die politischen Attentate, auch die politischen Krisen in Europa, das alles sind Ereignisse, die auch Ferguson miterlebt, zum Teil auch journalistisch begleitet. Dass er eine Haltung hat, dass er den liberalen Werten verpflichtet ist, das lebt er auch. Nicht unbedingt als Teilnehmer der Demonstrationen, aber dann, wenn einer seiner Freunde (der vielleicht vor ein paar Jahren noch einer der Rempler und Treter gewesen ist) diskriminiert und bedroht wird. Welche Widerstände es gegen diese Werte gibt, auch um universitären Bereich, muss er auch erleben und erleiden. Und so schafft Auster, auch wenn das sicherlich nicht seine vorrangige Intention gewesen ist, gerade mit dieser Rückbindung seiner Erzählungen an den gesellschaftspolitischen Kontext der Zeit einen Blick auf die Diskussionen und Kämpfe, auf das gesellschaftliche Ringen um liberale Werte, um hart erkämpfte Werte also, die heute so respektlos von einigen politischen Akteuren mit Füßen getreten werden.

Eines überrascht jedoch: Obwohl die vier Protagonisten durchaus eine Beziehung zu Frankreich haben, dort Urlaub machen und Paris besuchen, einer von ihnen sogar ein ganzes Jahr dort lebt, seinen Roman fertigstellt und sich mit einer mütterlichen Mentorin durch eine große Literaturliste liest, bleiben die philosophischen Denker und Autoren Frankreichs – mit einer Ausnahme – unerwähnt. Kein Wort von den Diskussionen in den Cafés (das mag ein Klischee sein für die 1960er Jahre), kein Wort über die Debatten in den Zeitungen, kein Wort über die Studentenproteste. Die Ideen des Existentialismus – sie scheinen im Roman ausgespart, obwohl doch gerade der politische Kampf um eine gerechtere Welt, also soziale Gerechtigkeit und Aspekte der Gleichberechtigung, seine Wurzeln auch im Existentialismus haben. Auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick jedoch beschäftigt sich der Roman aber genau mit den Aspekten des Existentialismus: mit der Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens, mit der Freiheit zur eigenen Entscheidung, auch der Entscheidung, Disziplin, Mut und Durchhaltevermögen aufzubringen, um ein Autor zu werden. Mit der Aufgabe, eine politische Haltung zu entwickeln und die auch zu leben – selbst wenn es zum eigenen Nachteil ist. Und allem voran natürlich mit der Suche nach der eigenen Identität und wie sie sich entwickelt unter verschiedenen äußeren Bedingungen. Dieser Suche ist Auster in seinem großen Roman auf der Spur und er zeigt uns vier Fergusons, die in in vielem recht unterschiedlich sind, und sich im Kern ihres Charakters doch sehr ähneln.

Sollte es also noch einen Leser geben, der „4 3 2 1“ noch nicht gelesen hat, dem sei der Roman zur Spät-Sommerlektüre bei guten wie bei schlechtem Wetter sehr empfohlen.

Paul Auster (2017): 4 3 2 1, aus dem Engluschen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

12 Kommentare

    • Liebe Sabine,
      mir ist es auch so gegangen: erst steht man ja vor dem „dicken Schinken“ und fragt sich, ob man den wohl schafft – und dann mag man nicht mehr aufhören und findet den Roman einfach nur gut. Ich finde auch, dass „4 3 2 1“ eines der besten Bücher des ersten Halbjahres war, wahrscheinlich sogar des ganzen Jahres: so komplex, so voller Figuren und Geschichten, so detaillreich, so mitten aus dem Leben. Von solchen Lektüren wünschen wir uns doch ein paar mehr!
      Liebe Grüße, Claudia

      • Das stimmt! Und ich habe auch das Gefühl, dass Herr Auster mit diesem Buch in meiner persönlichen Jahresbestenliste landen wird 🙂

    • Das stimmt! Und es stimmt, obwohl ich mit solchen Superlativen sehr zurückhaltend bin.
      Viele Grüße, Claudia

      • Ich habe 20 Jahre lang nichts mehr von Auster gelesen, fand früher „Die New York-Trilogie“ und „Leviathan“ sensationell gut, aber mit „4321“ hat er mich noch mehr überzeugt. Hätte das Buch sehr gerne gleich nochmal gelesen, lässt mein Job hier aber nicht so ganz zu.

      • Ich glaube auch, dass man den Roman mit Gewinn ein zweites Mal lesen kann und noch jede Menge neue Dinge, Anspielungen, Verweise usw. entdeckt. – Ich habe mehr die jüngeren Romane von Paul Auster gelesen, mich hat aber keiner so richtig überzeugt, sodass ich „sensationell“ sagen könnte, aber „4321“ gebürt dieses Ettikett auf jeden Fall. Dann sind wir nun also schon mindestens drei, die diesen Paul Auster auf unserer Jahresbestenliste stehen haben.

  1. Danke für den Hinweis, Claudia.
    Ich habe gerade Transatlantik von Colum Mccann zu Ende gehört und habe es als gute Urlaubslektüre empfunden. Es ist nicht zu seicht aber es ist auch nicht schwer, es hat Spannung und Romantik und von der Sprache fand ich es o.k. (unauffällig).
    Ich habe es gerne gehört und nicht aufgehört. Es war natürlich wie immer die ungekürzte Version. Ich glaube knapp 12 Stunden.
    Den Paul Auster gibt es erst in der englischen Version als Hörbuch. Selbst wenn ich es mit 3/4 Geschwindigkeit höre ist mein Englisch nicht gut genug, die feinen Nuancen zu verstehen. Im Moment habe ich neben den Fachbüchern keine Zeit zum Lesen, kann aber beim Zeichnen, Putzen und Kochen Hörbücher hören 🙂
    Liebe Grüße und einen schönen Sommertag von Susanne

    • Das hört sich ja gut an (bzw. deine Anmerkungen zu „Transatlantik“ lesen sich ja viel versprechend): Ich werde den Roman uf meine Leseliste setzen, vielleivcht „entdecke“ ich ja noch einen McCann Roman für mich. – Dass Hörbücher eine gute Alternative sind für Zeiten, wenn man etwas mit den Händen macht, kann ich mir gut vorstellen. Und würde mich freuen, wenn das auch bei mir klappen könnte (das wäre ja eine gute Möglichkeit beim Stricken). Aber ich bin ein ganz schlechter Zuhörer und kann mich kaum für längere Zeit aufs Zuhören konzentrieren. Ich würde wahrscheinlich über 12 Stunden – und wenn es noch so viele Unterbrechungen gäbe – nicht einer Geschichte folgen können. Und wenn ich mir dann den Auster als Hörbuch vorstelle… Der würde mir schon auf Deutsch viel zu lang :-). – Aber der Auster läuft ja nicht weg. Irgendwann gibt es den vielleicht auch als deutsches Hörbuch und es kann dich dann beim Zeichnen begleiten.
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,
        die Spieldauer für den englischen Auster beträgt 37 (!) Stunden. Eine Menge Zeit! Ich höre gerade auf englisch The Awakening von Kate Chopon, es ist nur knapp 5 Stunden lang und ich habe den Player auf 0.75 Geschwindigkeit gestellt, sonst verstehe ich das Englische gar nicht. Es ist schon ganz schön heftig und ich kann es nicht hintereinander hören, es ist anstrengend. Aber es schult das Gehör – ob ich dabei mein Englisch verbessere, das weiss ich nicht.
        Einen schönen Tag wünscht dir Susanne

  2. Ich knabbere noch an meiner Rezi dazu – aber ich habe das Buch auch geliebt und nicht direkt am Stück gelesen sondern, in Strängen ,) LG, Bri

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