Alle unter Digitalisierung verschlagworteten Beiträge

Philipp Schönthaler: Vor Anbruch der Morgenröte

Philipp Schönthalers Texte umkreisen immer wieder die Bruchstellen des modernen Lebens. In seinem Erzählungsband „Nach oben ist das Leben offen“ lotet er die Facetten der Selbstoptimierung aus. Das Ziel der stetigen Verbesserung der Leistungsfähigkeit wollen ja nicht nur die Jugendlichen erreichen, die im hoch in den Bergen gelegenen Internat beim Höhentraining an ihrer körperlichen Fitness arbeiten, der gähnenden Langeweile und auch den (Todes-)Opfern dieser Schinderei zum Trotz, sondern es sind ja auch diejenigen Selbstoptimierer, die in anderen Bereichen stetig an sich „arbeiten“. Wenn sie „leistungsfördernde emotionen im unterbewusstsein verankern und wie auf knopfdruck abrufen“ können, um allen Situationen gerecht werden zu können, wenn sie neue berufliche überwältigende Aufgaben zu Herausforderungen umdeuten oder Niederlagen zu „wertvollen ressourcen“, wenn Paare an ihrer Kommunikation „arbeiten“ oder gar an ihrer Beziehung. In seinem neuen Erzählband „Vor Anbruch der Morgenröte“ erzählt Schönthaler von den Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, erzählt davon, wie wir wohnen werden, wie wir arbeiten, wie wir uns entspannen. Es sind Geschichten, die beim ersten Lesen scheinen, als würde der Autor uns ins verrückte Science-Fiction-Welten …

Jonas Lüscher: Kraft

Immer wieder habe ich hier auf dem Blog gefragt, wo denn die Romane sind, die sich mit den ganz aktuellen gesellschafts- und vor allem auch wirtschaftspolitischen Themen auseinandersetzen und die uns durch ihr Erzählen einen anderen Blick und ein anderes Verständnis auf unsere Welt und unsere Konflikte ermöglichen. Mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ hat Lüscher sich schon dieses Themas angenommen und hat erzählt von den (wirtschaftlichen) Egoismen und Barbareien, die es überhaupt erst ermöglichten, dass eine Finanzkrise ausbricht. Und nun begibt sich Lüscher in seinem neuen Roman ganz hinein in die Kreise und Zirkel, die Teil hatten an den wirtschaftsliberalen Veränderungen, die zufällig – oder aus Klugheit – mit aufgesprungen sind auf den Zug der Veränderung, der in den 1980er Jahren begann, und die davon profitiert haben und nun vor einem Scherbenhaufen stehen. Richard Kraft, philosophischer Deuter und Erklärer des freien Marktes, ist einer von ihnen. Kraft ist angesehener Wissenschaftler, immerhin in der Nachfolge Walter Jens´ der Inhaber der Rhetorik-Professur in Tübingen, und steht finanziell vor einem Desaster. So klug, brillant und scharfsinnig seine …