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Dave Eggers: Der Circle

Mit der Lektüre von Dave Eggers Roman „Der Circle“ bin ich tatsächlich spät dran. 2014 ist der Roman schon in Deutschland erschienen, da bin ich irgendwie noch an ihm vorbeigekommen. Nun aber konnte ich mich nicht mehr entziehen, denn mein Literaturkreis hat sich für den „Circle“ entschieden. Ich bin schon gespannt, ob er meine Mitlesenden überzeugt hat. Mich jedenfalls nicht. Und das, obwohl er, wenn die gegenwärtige Facebook-Debatte berücksichtigt wird, so aktuell ist wie vor 5 Jahren.

Dave Eggers siedelt seinen Roman dort an, wo spannende Themen durchaus zu erwarten sind, nämlich mitten in der schönen, neuen Arbeitswelt eines Tech-Konzerns in Kalifornien. Dort ergattert Mae Holland durch Unterstützung ihrer Studienkollegin Annie einen Job und fühlt sich nach ihren Erfahrungen beim langweiligen Strom- und Gasversorger ihrer Heimatstadt wie im siebten Himmel, als sie an ihrem ersten Arbeitstag über den Unternehmens-Campus schlendert. Überall junge Leute, die in ungezwungener Atmosphäre auf dem park-ähnlichen Gelände arbeiten und gemeinsam Spaß haben, alles ist sauber und ordentlich und in den Pflastersteinen sind die wundervollsten Inspirationsbotschaften verewigt: „ Träumt“, „Bringt euch ein“, „Sucht Gemeinschaft“, „Seid innovativ“, „Seid fantasievoll“ – und – ja tatsächlich auch: „Atmet“. Und es wird ja noch besser: Es gibt einen Pool, den Sportbereich, die Cafeteria, es gibt Filmvorführungen um zwölf Uhr, um eins eine Selbstmassage-Demonstration, um drei Uhr einen Kurs zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur. Abends kommen Kongressabgeordnete vorbei, um sich vorzustellen, es gibt Live-Bands, die auf dem Campus auftreten, Kollegen veranstalten Themen-Partys und manchmal gastiert auch ein Zirkus. Natürlich gibt es ein Gesundheitszentrum, eine Notfallklinik, Bowlingbahnen und einen Supermarkt – und wer mal länger arbeitet oder feiert, wer tagsüber mal einen Rückzugsort für ein Mittagsschläfchen braucht, der kann sich im Wohnheim kostenlos ein Zimmer mieten, neue Kleidung zum Umziehen steht selbstverständlich auch zur Verfügung. Wer will bei einem solchen Angebot schon beim notorisch klammen und kein bisschen coolen städtischen Stromversorger arbeiten?

Mae ist natürlich völlig beeindruckt von diesem Angebot ihres hippen Arbeitgebers. Dass der sich, sie sitzt kaum am Schreibtisch, schon mal ein paar Papiere unterschreiben lässt, ja wirklich: echtes Papier mit einer echten Unterschrift, ohne dass Mae weiß, was sie unterschreibt, dass der ihr ein Tablet und ein superschickes neues Handy zur Verfügung stellt und dabei mal eben alle Daten ihres alten Handys auf das Tablet überträgt – „und es gibt außerdem ein Back-up in der Cloud und auf unseren Servern“ -, das alles verursacht dem Leser, der sich seit einem Jahr und in allen Lebenslagen mit der Datenschutzgrundverordnung befreundet hat, wesentlich mehr Schaudern als Mae.

Und auch ihre Arbeit vergrätzt Mae kein bisschen. Der „Customer Experience“ ist sie zugeteilt, der Abteilung, in der die Anfragen der Werbekunden landen. Ihr Job ist bestens vorbereitet, denn es gibt Antworten für die zwanzig häufigsten Wünsche und Fragen. Maes Aufgabe ist es, diese Vorgaben so umzuformulieren, dass jeder Kunde den Eindruck hat, dass er eine ganz und gar persönliche Antwort bekommen hat, eine ganz und gar menschliche Antwort. Schließlich arbeiten beim Circle ja Menschen, keine Roboter. Und Mae wird auch umgehend belohnt. Denn der Kunde bekommt, kaum hat er seine Antwort von Mae, einen Feedbackbogen, um Maes Arbeit zu beurteilen. Der erste Kunde gibt ihr gleich 100 Punkte – von 100 möglichen – und am Ende der Woche hat sie einen Durchschnittswert von 97. Glückwünsche von hunderten von Kollegen über das firmeninterne Netzwerk wirken besser als jedes Stück Schokolade. Diese ständige Punkte-Belohnung bei jeder ihrer Tätigkeiten vernebeln ihr, immerhin eine studierte Wirtschaftspsychologin, so scheint es, völlig das Hirn.

So startet Mae auf ihre „Heldenreise“, die sie geradewegs auf die dunkle Seite der Macht und in das Innere des Circle führt. Und währenddessen erhält der Leser eine Lektion in dem, was heute als Framing bezeichnet wird. Wenn Mae vergisst, sich bei der Werksärztin vorzustellen, dann schaut die ihr tief in die Augen und fragt, ob es denn tatsächlich nötig sei, die Arbeit so wichtig zu nehmen, dass Mae sich nicht einmal mehr Zeit für ihre Gesundheit nehmen könne. Die 14-tägigen Check-ups mit Blutbild, Ernährungsberatung und Überwachung des körperlichen Zustands seien Wellness-Komponenten, die das Unternehmen extra für die Mitarbeiter zur Verfügung stelle. Schon hat Mae ein Armband um, das sämtliche Körperfunktionen weiterleitet. Und in dem Smoothie, den sie dann trinkt, befindet sich auch der Sensor, der sich mit dem Handgelenksmonitor verbindet und die Daten misst. So erklärt es die Ärztin, nachdem Mae getrunken hat. Und natürlich werden sämtliche Daten in der Cloud gesammelt. Prophylaxe sei immer noch billiger als Krankheiten zu behandeln.

Wenn Mae ein Wochenende zu ihren Eltern fährt, wenn sie zum Kajak-Fahren geht und nicht in regelmäßigen Abständen in den sozialen Medien des Unternehmens postet und kommentiert, dann muss sie bei einem Gespräch mit ihrem Chef erklären, ob sie sich nicht wohl fühle im Unternehmen, ob sie sich nicht angenommen und akzeptiert fühle. Anders sei doch nicht zu erklären, dass sie die Circler so wenig an ihrem Leben teilhaben lasse. Ob sie sich nicht vorstellen könne, dass ihre Kolleginnen und Kollegen interessiert daran seien, was sie beim Paddeln durch die Bucht erlebe, warum sie keine Bilder des Seehundes poste, von dem sie erzählt habe, warum sie sich nicht mit anderen Kajakfahrern treffe und gemeinsam mit ihnen Touren unternehme. Sie sei doch für die anderen so wertvoll.

„Transparenz bringt Seelenfrieden.“ Und „Alles, was passiert, muss bekannt sein.“ So lauten die weiteren Leitsätze des Circle. Und in diesem Kontext werden auch die neuen Produkte des Unternehmens betrachtet: SeeChange zum Beispiel, winzig kleine Kameras, die nur einen Spott-Preis kosten und allerbeste Bilder liefern. Die hängen Circle-Anhänger gerade überall in der Welt auf. Alles wird nun überwacht, in jeder Ecke hängt nun eine Kamera, nichts entgeht den Beobachtungsaugen. Und mit einer Gesichtserkennung ist es für jeden möglich, diejenigen zu benennen, die sich vermeintlich oder tatsächlich unkorrekt oder gar illegal verhalten haben. Der Selbstjustiz, dem eifrigen Mob sind Tür und Tor geöffnet.

Oder ChildTrack, ein winziges Implantat, das schon ins Knochenmark Neugeborener eingesetzt werden kann, damit die Eltern immer wissen, wo ihr Kind ist, damit vor allem Kindesentführung gar nicht mehr möglich ist. Entfernen können die Kinder die Implantate später, wenn sie selbst über ihren Körper entscheiden können nicht mehr. Aber viele Unglücke durch verlorengegangene Kinder können verhindert werden. Und auch diese daten werden natürlich in der Cloud gesammelt.

Die Technologien, die hier in kürzester Zeit entstehen, sind erschreckend. Erschreckend ist auch, wie schnell sie die Gemeinschaft der Circler – innerhalb und außerhalb des Unternehmens – durchdringen und zum gesellschaftlichen Standard werden. Ohne dass es eine kritische Öffentlichkeit gibt und die Politiker, die sich dem Unternehmen noch entgegenstellen, sind so schnell mundtot, wie es in jeder guten Diktatur auch der Fall wäre. Das macht, parallel zu Maes kontinuierlicher Gehirnwäsche, den Spannungsbogen – oder besser: die Eskalation des Erschreckens – aus.

Zu einem wirklich spannenden Roman, zu einem Roman mit gut gestalteten Charakteren, zu einem Roman, der seine Thematik oder seinen Konflikt in verschiedenen Ebenen beleuchtet und reflektiert, reicht das aber eben nicht. Das mag daran liegen, dass es hier keinen wirklichen Gegenpart gibt zu den kruden Ideen des Circle und seinen nur vermeintlich gutmeinenden Leitsätzen, hinter denen gerade eine besonders perfide Art steht, Geld und Macht zu erlangen. Mae ist eben nicht die Gegenspielerin, aus ihrem Konflikt ergeben sich eben keine Reibungsflächen, die der Thematik Tiefe geben könnten – und richtige Spannung.

Auch Maes Charakter ist zu glatt, ihre Motivation, sich so schnell so sehr auf den Circle einzulassen, wird nicht klar. Reichen etwa ihre Rating-„Erfolge“ für eine dermaßen stupide und anspruchslose Arbeit, für die keine studierte Wirtschaftspsychologin nötig ist, um sie zu einem überzeugten Sektenmitglied zu machen? Die nicht einmal mehr merkt, wenn ihr Körper rebelliert von all dem Stress mit sieben Bildschirmen, die gleichmäßig und gleichzeitig mit völlig belanglosen Informationen gefüttert werden müssen, von der ganzen Überwachung und dem daraus folgenden Anpassungsdruck, von all ihrem sinnlosen Tun? Die nicht einmal die Probleme, die ihr selbst durch die Transparenz widerfahren einen Anlass geben, einmal nur nachzudenken und Konsequenzen auszuloten? Auch hier also ist keine Tiefe zu finden. Und über literarische Besonderheiten gibt es auch nichts zu berichten.

Nein, mich konnte der „Circle“ nicht überzeugen. Die Technik des Framings in so vielen, oft völlig durchsichtigen Varianten darzustellen, dem großen Vereinnahmer „Circle“ so gar keinen Widerstand entgegenzusetzen und allein auf die Wirkung von Schrecken und Grauen zu setzen – das ist einfach zu wenig.

Dave Eggers (2014): Der Circle, übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Köln, Verlag Kiepenheuer und Witsch

14 Kommentare

  1. Danke für’s Besprechen. Ich hab’s nicht gelesen. Der Bayerische Rundfunk sendete seinerzeit das Hörspiel oder Hörbuch in mehreren Folgen.
    Könnte es sein, dass das Buch weniger auf Konflikt, Konfrontation oder erwarteten Widerstand abhebt, sondern das Hineingeraten meint, sei es als umworbene MItarbeiterin oder Kundschaft?

    • Über deine Anmerkung habe ich lange gegrübelt. Ja klar, ein großer Teil des Romans beschäftigt sich ja genau damit, wie Mae immer tiefer heineingerät in den Circle. Man kann es geradezu sehen an der Anzahl der Bildschirme auf ihrem Schreibtisch, die sich von Woche zu Woche erhöht, weil sie immer mehr Aufgaben bekommt, weil sie immer mehr (belanglose) Textschnipsel produzieren soll. Sie verzichtet aufs Kajak-Fahren, besucht ihre Eltern kaum noch und zieht ins Circle-Wohnheim mit allen seinen Annehmlichkeiten. Aber: der Roman ist eben auch kein „Entwicklungsroman“, der vor allem davon erzählt, vielleicht sogar noch psychologisch ausgefeilt, wie da jemand in diese Circle-Maschinerie hineingerät. Ich kann jedenfalls nicht nachvollziehen, warum das bei Mae so ist, warum bei Annie und den anderen Kolleginnen und Kollegen. Ich finde das Untertauchen dieser Figuren auf dem Circle-Campus irgendwann sogar nicht meht nachvollziehbar – es sei denn, es liegen schwere Störungen vor (ich will aber jetzt nicht alle und alles pathologisieren).
      Mir scheint das mehr so ein Roman zu sein, der auf das grandiose und spannende Finale zusteuert, also eher ein Spannungsroman ist, der dabei ein kritisches Thema transportiert. Und der auch schon für eine Verfilmung geschrieben ist.
      Nun bin ich auf jeden Fall gespannt, was meine Lesekreiskollegen zum Roman sagen. Am Freitag werde ich es erfahren.

      • Danke, Claudia,
        in langes Grübeln bringen wollte ich Dich nicht mit der Rückfrage. So bin ich gespannt, wie Eure Lese-Runde das Buch diskutiert. Und ebenso neugierig, wie Du Ian McEwans Buch beschreiben wirst.
        Herzliche Grüße, Bernd

      • Anregungen zum Grübeln sind doch nie verkehrt! McEwan hat diese Anregungen schon in seinen Roman hineingeschrieben. Deshalb wird es bei der Besprechung seines Romans auch nichts zu meckern geben.
        Viele Grüße, Claudia

      • Ja, auch ein „richtiger“ McEwan-Roman, der sich mit den Konsequenzen eines (menschlichen) Fehlers auseinandersetzt.

  2. Ich finde es ganz wunderbar, wenn auch mal die älteren Bücher in den Fokus rücken. Schließlich gibt es ja Backlists. Ich wollte Eggers immer mal lesen, aber diesen Roman vermutlich nicht. Viele Grüße

    • Ja, stimmt, das ist ein Backlist-Titel. Habe ich gar nicht dran gedacht, weil ich gerade mit meinen weiteren Lektüren so „im Thema“ bin und sich eine schöne Reihe ergibt. Ian McEwans Roman „Maschinen wie wir“ hat zwar überhaupt nicht diesen dystopischen Überwachungskontext, dreht sich aber auch um Probleme der Digitalisierung, hier der Künstlichen Intelligenz, und macht das im Genre des Romans viel, viel besser. Deswegen habe ich die beiden Romane immer im mehr im Zusammenhang gesehen, als dass ich die Erscheinungsjahre im Blick hatte.
      Aber auch wenn du uns ja immer wieder an die vielen guten Romane der Backlists erinnerst, diesen Titel brauchst du, glaube ich, wirklich nicht zu lesen. McEwan schon eher :-).
      Viele Grüße, Claudia

  3. Ich habe es abgebrochen, kam nicht rein, fand es langweilig. War erstaunt über die zum Teil euphorischen Besprechungen. Und bin nun beruhigt, dass es mir offenbar nicht alleine so ging mit dem Teil.

    • Ich habe ja auch immer ein schlechtes Gewissen gehabt, mich (damals) diesem Roman mit dem so aktuellen Thema und den – ja, ich habe das auch so gelesen – begeistert-euphorischen Besprechungen verweigert zu haben. Jetzt konnte ich ja nicht entkommen, die Lesekreis-Kollegen müssen schon so viel von meinen Vorschläegen lesen ;). Und dachte auch, dass es ja wirklich Zeit ist, sich der Digitalisierung auch mal im Roman zu stellen. Beim Vergleich mit McEwans „Maschinen wir wir“, den ich direkt im Anschluss gelesen habe, werden die (literarischen) Probleme des Romans aber noch viel deutlicher. Der „Circle“ ist auf Erregung, Spannung und Verfilmung hin geschrieben, er hat keine Tiefe. Ja: Er regt nicht zum Nachdenken an (- um mal meine Lieblingsplattitüde zu nutzen, wenn es um die Wirkung von Texten geht).
      Liebe Grüße, Claudia

  4. Ich stimme Dir zu, literarisch hat der Roman wenig zu bieten, aber ich fand ihn leidlich unterhaltsam, und inhaltlich bringt er – ohne freilich in die Tiefe zu gehen – doch ein Thema der Stunde auf den Punkt. Kann man lesen, muss man aber nicht.

    • Das stimmt. Und ich merke nun, dass es in dem Roman solche „Alarmwörter“ gibt, die mich, wenn ich sie von Unternehmen lese, ganz hellhörig machen: „Transparenz“ gehört dazu und „Wir wollen diese Welt besser machen“. Es schaudert und gruselt mich dann. Nachwirkungen hat die Lektüre also wohl schon.

      • Ich war zum Beispiel alarmiert, als ich im Büro plötzlich drei Bildschirme auf dem Schreibtisch hatte, wo früher einer genügte. Und als ich heute im Radio (sehr altmodisch) von der neuen Kryptowährung hörte, die Facebook einführen will, fühlte ich mich ebenfalls an den Circle erinnert. Irgendwie war das Buch also doch wahrnehmungsverändernd – wie gesagt, bei allen unbestreitbaren Schwächen, die es hat.
        Viele Grüße,
        Andreas

      • Lieber Andreas,
        ich hoffe aber, dass du nicht auf einem der drei Bildschirme deine Kommentare und dein Ranking in soizialen Netzwerken managen musst :-). Von der Facebook-Währung habe ich auch in dieser Woche gehört. Und habe mich auch gleich an den Circle erinnert. Erschreckend ist das ja schon.
        Ja, die Romanhandlung ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Sonst würde er ja auch nicht so viele Leser begeistern. Und du hast auch recht: Es gibt schon Schlüsselbegriffe (Transaperenz!) und Entwicklungen, bei denen ich auch sofort an den Crcle denke. Aber die literarische Gestaltung (große rollende Augen…)!
        Viele Grüße, Claudia

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