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Ian MacEwan: Maschinen wie ich

Charlie Friend sitzt im Wartezimmer seines Arztes, denn ein eingewachsener Zehennagel am Fuß quält ihn. Und während er dort sehr lange warten muss, philosophiert er darüber, wie es denn zu diesem einzigartigen Augenblick gekommen ist:

„Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein. Das gilt für das kleinste wie für das größte. Wie leicht, eine Welt heraufzubeschwören, in der mein Zehennagel nicht eingewachsen war; eine Welt, in der ich, nach dem Erfolg eines meiner kleinen Projekte reich geworden, nördlich der Themse lebte; eine Welt, in der Shakespeare als Kind gestorben war und von niemandem vermisst wurde, eine Welt, in der die Vereinigten Staaten die Entscheidung getroffen hatten, ihre bis zur Perfektion getestete Atombombe über einer japanischen Stadt abzuwerfen; oder einer Welt, in der die Falklandtruppen nicht in den Krieg gezogen oder siegreich heimgekehrt waren, weshalb das Land jetzt nicht trauerte (…).“

Charlie Friends tief greifende Überlegungen beschreiben treffend Ian McEwans poetologisches Prinzip für seinen Roman: McEwan beschwört nämlich eine Welt herauf, die wir genau zu kennen und in der wir uns ohne weitere Schwierigkeiten zurechtzufinden meinen. Und doch lebt Charlie im Großbritannien des Jahres 1982, in dem die britischen Truppen beim Krieg um die Falklandinseln geschlagen werden. Margret Thatcher muss darauf hin zurücktreten, ihr Nachfolger fällt einem Attentat zum Opfer und die die britische Wirtschaft erleidet einen üblen Einbruch. Demonstrationen verschiedener Gruppierungen sind an der Tagesordnung. Trotz der bedrohlichen Nachrichten aus der politischen Welt aber zeigen weder Charlie noch seine Freundin Miranda auffällige Anzeichen von Angst und Besorgnis.

Und McEwan hat deutlich Spaß an dieser Version der Vergangenheit. Er malt sich aus, wie sich ein Album der Beatles anhören könnte, hätten sie sich zu Beginn der 1980er Jahre wieder zusammengefunden. Und er erzählt von ein paar kolossalen Staus – unter anderem im Ruhrgebiet! –, die entstanden sind, als sich Hacker der Rechenzentren für selbstfahrende Autos bemächtigt haben. Es dauert Tage, bis sich die Schlangen auf den Autobahnen entwirrt haben. Die Digitalisierung der Welt scheint doch so ihre Macken zu haben.

 In McEwans Welt ist Alan Turing, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Dechiffrierung verschlüsselter deutscher Funksprüche beteiligt gewesen ist und die Grundlagen der modernen Informations- und Computertechnologie entwickelt hat, nicht, wie in unserer Realität, durch eine aberwitzige Hormontherapie zur „Heilung“ seiner Homosexualität in den Tod getrieben worden. Er ist quicklebendig, lebt mit seinem Partner zusammen und arbeitet und forscht noch immer. Aus seinen Arbeiten ist ein neues und aufregendes Produkt hervorgegangen: Androiden, die dem Menschen bis aufs Haar gleichen, die lernen und sich weiterentwickeln, die moralische Entscheidungen treffen und immer der Wahrheit verpflichtet sind. Perfekte Maschinen also, die besser sind als der Mensch.

Charlie Friend hat sich einen dieser ersten Serie von 25 Androiden gekauft. Für seinen Adam hat er den stolzen Betrag von 82.000 Pfund hingeblättert. Dabei ist Charlie notorisch klamm. Er hat einmal Anthropologie studiert, hat als Steueranwalt gearbeitet und einen veritablen Steuerbetrug hingelegt. Einen schmalen Band über künstliche Intelligenz hat er verfasst, darin auch die Arbeiten seines Idols Alan Turing nachgezeichnet. Nach mal glücklichen, in der Summe aber gescheiterten Investitionen in diverse Finanzprojekte verdient er nun vom Schreibtisch im Arbeitszimmer seiner ziemlich maroden Zweizimmerwohnung durch den Handel mit Aktien gerade soviel Geld, dass er sich mehr schlecht als recht über Wasser hält.

Als er das Haus seiner Mutter verkauft hat, zögert er jedoch nicht und erwirbt Adam. Aus reiner Neugierde, wie er sich selbst eingesteht, weil er immer alle technischen Neuerungen sofort ausprobieren muss. Aber auch, um mit Miranda, seiner Mitmieterin, in die er sich verliebt hat, mit der Programmierung Adams ein gemeinsames Projekt zu haben. Denn schließlich braucht ihr Androide auch einen Charakter, dessen Parameter die Erwerber – angeblich – selbst gestalten können.

Und damit haben sich Charlie und Miranda ein Problem ins Haus geholt. Denn wie lebt man zusammen mit einer KI, die aussieht wie ein Mensch, sich bewegt wie ein Mensch und den Menschen in ein paar Tagen, wenn sie sich erst mit dem Wissen der Bibliothek Internet vollgesogen hat, intellektuell weit überlegen ist? Ist es dann noch in Ordnung, Adam den Abwasch machen zu lassen und das Unkraut zu jäten? Und wie soll Charlie damit umgehen, dass Miranda sich Adam ins Bett holt? So richtig überzeugend findet er ihr Argument, dass sie den Unterschied zwischen Adam und einem Vibrator nicht sehe, jedenfalls nicht. Adam seinerseits behauptet, er habe sich in Miranda verliebt und schreibt ihr Haikus. Ist es denkbar, rätselt Charlie, dass diese neuen Androiden die Mensch–Maschine–Grenze überschritten haben, dass sie eitel sind, stolz, wenn sie mit „Sir“ angeredet werden, dass sie sich gar verlieben können? Oder lernen sie so gut von den Menschen oder aus der Literatur – Adam versucht immer wieder, mit Charlie über die Figuren der Dramen Shakespeares zu diskutieren –, dass sie Gefühle in Algorithmen umsetzen können?

Beim Versuch Charlies, an Adams Ausschaltknopf am Hinterkopf zu gelangen, bricht Adam ihm die Hand. Nicht nur intellektuell, auch körperlich ist der Androide seinem Besitzer weit überlegen. Immerhin: Als Adam Charlies Aktienhandel übernimmt, wächst in kurzer Zeit ein schöner Gewinn an. Vielleicht kann Charlie seinen Traum vom Hauskauf endlich realisieren. Adam aber meint, dass ihm auch Geld zustehe, greift in Charlies Portemonnaie und kauft sich neue Kleidung.

Das Zusammenleben mit Adam wirft für alle Seiten einige problematische, durchaus auch moralische, Fragen auf. Für Charlie und Miranda an erster Stelle, die die Rahmenbedingungen für Adams Existenz vorgeben. Für den Hersteller der Androiden auch, denn der ist sicherlich mehr als überrascht, dass sich alle Exemplare der Reihe nach selbst so programmieren, dass sie sich nach ein paar Wochen schon irreparabel abschalten. Die beiden Eves, die in die für Frauen massiv einschränkende Gesellschaft Riads verkauft wurden, zuerst, aber auch der Adam, der in Kanada lebt, bei einem Holzunternehmer, der immer wieder in Konflikte mit Aktivisten gerät, die sich dem Abholzen des jungen Urwalds entgegenstellen. Ist Selbstmord bei Androiden denkbar?

Der Ich-Erzähler Charlie erzählt die Geschichte um sein Zusammenleben mit Adam chronologisch auf das Finale zu. Auch wenn er das offensichtlich aus einem gehörigen zeitlichen Abstand tut, vielleicht von heute aus, so bleibt er doch ganz eng beim Erleben seines jüngeren Ich, bleibt ganz eng bei seinen damaligen Beobachtungen und Reflexionen. Charlie ist – im Gegensatz zu Adam – mehr naturwissenschaftlich interessiert. Seine Ausführungen über einige Forscher der letzten Jahrhunderte und ihren Forschungsergebnissen mögen dieses Interessensgebiet belegen, mögen den charakterlichen Unterschied zwischen Charlie und Adam besonders herausstellen, sind manchmal aber auch langatmig und für die Geschichte selbst nicht wichtig.

Trotzdem: McEwan erzählt dem Leser eine unterhaltsame, eine manchmal vorhersehbare, oft aber auch unerwartbare Geschichte um den Androiden Adam. Und es wäre kein Roman von McEwan, wenn nicht wiederum ein moralisches Dilemma (*) auftauchen würde. Dabei handelt es sich um ein ganz aktuelles Thema, denn autonom fahrende Autos beispielsweise müssen Entscheidungen treffen, wie sie unter bestimmten Umständen reagieren. Während wir Menschen in diesen gefährlichen Situationen so schnell gar nicht rational entscheiden können, sondern dies „aus dem Bauch“ heraus tun, hat die künstliche Intelligenz durchaus Zeit genug, Alternativen durchzuspielen (**). Es kommt dann auf ihre Programmierung an, wie sie entscheiden. Auch Adam nutzt in der Dilemma-Situation, in der er sich befindet, seine Programmierungen und wirbelt damit ganz ordentlich Charlies und Mirandas Leben und ihre Pläne für die Zukunft durcheinander.

Wer also trifft die bessere, die moralisch integere Entscheidung, Adam oder Charlie? Wer ist gar der bessere Mensch, der Mensch oder die Maschine? Adam jedenfalls kann moralische Entscheidungen unabhängig von Sympathie und Liebe treffen, er kann Hände brechen, um sich zu schützen, er kann Haikus schreiben und behauptet zu lieben. Aber: Er kann weder so verrückt toben, wie es kleine Kinder tun und er kann schon gar nicht „die Welt so heraufbeschwören“, dass daraus ein Roman entsteht. Ein Roman, der in einer merkwürdig veränderten Vergangenheit spielt, aber die Fragen unserer Zukunft stellt und verhandelt.

Ian McEwan (2019). Maschinen wir ich, Zürich, Diogenes Verlag

(*) Zum Trolley-Problem hier entlang.

(**) Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar hat weltweit in den Entwicklungslaboren der KI untersucht, nach welchen Kriterien Programmierungen vorgenommen werden, damit z.B. autonom fahrende Autos oder auch autonome Waffen Entscheidungen treffen können. Den Radiobeitrag könnt ihr hier hören.

Am MIT ist ein Forschungsprojekt entstanden, mit dessen Hilfe untersucht wird, welche Anforderungen die Menschen an die Entscheidunegn der KI haben. Ein Ergebnis, darauf verweist auch Yogeshwar in seinem Radiobeitrag, ist, dass die Menschen unterschiedlicher Kultur auch unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie die KI sich entscheiden soll. Informationen erhaltet ihr hier, mitmachen könnt ihr auch.

2 Kommentare

    • Das macht bei Romanen, die mir auch noch gefallen haben, meistens viel Spaß. Und wenn es dann auch noch Leser gibt…
      Viele Grüße, Claudia

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