Monat: Februar 2021

Annie Ernaux: Die Scham

Ein Ereignis aus der Kindheit ist es, dass die Ich-Erzählerin in diesem schmalen Buch immer wieder umkreist. Es hat sich am 15. Juni 1952 ereignet und es hat sie zutiefst erschüttert. Es ist das Ereignis, von dem sie sagt, dass es ihr Leben in ein „vorher“ und „nachher“ gliedert, das Ereignis, das ihre Kindheit beendet und ihren Prozess des Loslösens vom Elternhaus einleitet. An diesem Tag gab es einen Streit zwischen ihren Eltern, das ganze Mittagessen lang. Und ihr Vater, der den Nörgeleien seiner Frau sonst meistens nichts entgegensetzte, wurde so wütend, dass er erst zitterte und keuchte, dann die Mutter packte, in die Vorratskammer schleifte und schrie. Als die Erzählerin, von der Mutter gerufen, hinzukam, hielt er mit der einen Hand die Mutter an Hals oder Schulter fest, mit der anderen hielt er das Beil. So beginnt die Erzählerin ihren Text mit dem Satz: „An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“ Es sei hier das erste Mal, so berichtet die Erzählerin, dass sie dieses Kindheitsereignis notiere. Es habe ihr …

Khaled Khalifa: Keine Messer in den Küchen dieser Stadt

Khaled Khalifas 2013 erschienener Roman führt mitten hinein in das Leben in Syrien seit den 1960er Jahren. Damit spielt die Geschichte in der Zeit, in der die Baath-Partei nach der Macht gegriffen und Hafiz al-Assad durch einen Putsch an die Spitze der Partei und damit auch der Regierung gelangt ist. Dass diese Jahre bleiern auf den Leben der Familienmitglieder des Erzählers liegen, davon erzählt er uns. Die Mutter des Erzählers ist gestorben, an einem glühend heißen Junitag des Jahres 2004. Sein Onkel Nisâr hatte ihn angerufen, als er von der Arbeit – er übersetzt für eine Textilfabrik – auf dem Weg nach Hause war. Er solle die Schwester Saussan suchen und ihr Bescheid geben. Spät in der Nacht kommt Saussan zur Wohnung, in der die Mutter zwischen Eisblöcken und unter Decken liegt. Onkel Abdalmunim ist da mit seinem Sohn, und Nariman, die Freundin der Mutter. Zwei Generationen einer Familie treffen hier aufeinander, mit all ihren Animositäten und ihren Konflikten. Die trotz allem für eine respektvolle, für eine würdige Trauerfeier sorgen. Der Roman setzt ein, als …

Samatha Schweblin: Hundert Augen

Samantha Schweblin schickt uns in ihrem neuen Roman mitten hinein in ein faszinierendes Gedankenspiel. Kentukis heißen ihre smarten Spielzeuge. Das sind kleine, nicht einmal besonders ansprechend gestaltete Plüschtierchen, Krähen, Kaninchen, Maulwürfe, Drachen, die sich auf drei Rollen durch die Wohnung bewegen. In ihren Augen sitzen Kameras, wie bei einer Drohne, über ein Mensch, an seinem Bildschirm sitzend, den Kentuki steuert. Wer bei diesem Spiel mitmachen möchte, muss sich entscheiden: Sie oder er kann die Rolle des „Herrn“ übernehmen und kauft sich solch ein Plüschtier. Oder kauft die Software und einen Code und schlüpft in die Rolle des „Wesens“. Dann können sie oder er am Leben einer Familie irgendwo auf der Welt teilnehmen, bei einem Single einziehen, Begleiter und Spielkamerad*in eines Kindes werden oder in einem Seniorenheim mit den älteren Damen und Herrn in Kontakt treten. Jeder Code ermöglicht den Zugang zu nur einem Kentuki. Diese exklusive Beziehung wird durch den Computer festgelegt, kann also nicht vorab bestimmt werden. Und wenn diese Beziehung beendet wird, dann ist der Kentuki nichts mehr als ein schlecht gemachtes Plüschtier …

Der Januar-Rückblick: Vom Lesen, Hören und Entdecken

Der Januar hat sich ja schon einmal als sehr guter Lesemonat entpuppt. Und rechts und links vom Bücher-Lesen habe ich in verschiedenen Medien weitere interessante Dinge gefunden: Entdeckt: Den Blog MINDSHELF. Michaela Hanel bringt auf ihrem Blog Romane und ihre eigene psychologische Expertise zusammen. Da liest sie Isabel Bogdans „Laufen“ und führt Forschungen an, die die positiven Wirkungen von Sport und Gehirn aufzeigen. Oder erklärt am Beispiel von Angelika Klüssendorfs Roman „Jahre später“ was es aus psychologischer Sicht mit einer „toxischen Beziehung“ auf sich hat.   Gehört Das philosophische Radio Beim Fahrradtraining höre ich gerne Podcasts. Im Januar habe ich beim ewig gleichen Treten auf dem Hometrainer Lisa Herzog im Philosophischen Radio gehört. Jürgen Wiebecke, der Moderator, und die Philosophin haben sich einzelne Aussagen Adam Smiths genauer angeschaut und dabei Interessantes zutage befördert. Nachhören könnt ihr das hier. Gelesen: Die Blogger-Jury des Preises für das beste Debüt hat sich entschieden. Aus einer Shortlist von 5 Titeln heraus ist Deniz Ohdes Roman „Streulicht“ als bestes Debüt hervorgegangen. Herzliche Glückwünsche! Eigene Lektüren: Die Lektüren im Januar haben …