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Samatha Schweblin: Hundert Augen

Samantha Schweblin schickt uns in ihrem neuen Roman mitten hinein in ein faszinierendes Gedankenspiel. Kentukis heißen ihre smarten Spielzeuge. Das sind kleine, nicht einmal besonders ansprechend gestaltete Plüschtierchen, Krähen, Kaninchen, Maulwürfe, Drachen, die sich auf drei Rollen durch die Wohnung bewegen. In ihren Augen sitzen Kameras, wie bei einer Drohne, über ein Mensch, an seinem Bildschirm sitzend, den Kentuki steuert.

Wer bei diesem Spiel mitmachen möchte, muss sich entscheiden: Sie oder er kann die Rolle des „Herrn“ übernehmen und kauft sich solch ein Plüschtier. Oder kauft die Software und einen Code und schlüpft in die Rolle des „Wesens“. Dann können sie oder er am Leben einer Familie irgendwo auf der Welt teilnehmen, bei einem Single einziehen, Begleiter und Spielkamerad*in eines Kindes werden oder in einem Seniorenheim mit den älteren Damen und Herrn in Kontakt treten. Jeder Code ermöglicht den Zugang zu nur einem Kentuki. Diese exklusive Beziehung wird durch den Computer festgelegt, kann also nicht vorab bestimmt werden. Und wenn diese Beziehung beendet wird, dann ist der Kentuki nichts mehr als ein schlecht gemachtes Plüschtier auf drei Rollen. Zwar kann das Wesen sich bewegen und durch die Kameraaugen seine Umgebung beobachten, es kann die Augen öffnen und schließen und ein paar Grunzlaute von sich geben, aber sprechen kann es nicht.

Das also ist die Ausgangssituation von Schweblins Gedankenspiel. Kentukis sind Produkte, von denen man sich schlecht vorstellen kann, dass sie „marktfähig“ sind. Denn wer würde schon freiwillig solch einem Überwachungsgerät die Türen der eigenen Wohnung öffnen? Wer würde sich stundenweise von diesem Spielzeug beobachten lassen? Nicht wissend, wer auf der anderen Seite der Leitung den Kentuki steuert, und wer mit welchen Informationen etwas anfangen und gegen den „Herrn“ unternehmen könnte. Andererseits: Wie viele Menschen lassen die Öffentlichkeit über ihre Social-Media-Kanäle auch an den intimsten Momenten ihres Lebens teilhaben, wie viele folgen solchen Accounts, auf denen das Innerste nach Außen gekehrt wird? Was hat es mit dieser vermeintlichen Nähe, die über die Technik entsteht, auf sich?

So geht es Schweblin in ihrem Roman auch nicht so sehr um Big-Data-Probleme. Sondern viel mehr darum, warum sich Menschen auf dieses Spiel einlassen und wie sich die Beziehungen, die in diesem Falle ganz zufällig entstehen, entwickeln. So ist es das Konzept ihres Romans, verschiedene Figuren zu begleiten, Figuren, die sich entschieden haben, „Herr“ zu sein oder „Wesen“, Männer, Frauen und Kinder, die sich an dieser besonderen Situation erfreuen, mit Wohnorten auf allen Kontinenten. Einigen Figuren begegnen wir immer wieder, ihre Erlebnisse mit den Kentukis oder als Kentukis ziehen sich durch den Roman. Andere wiederum sehen wir nur in einer knappen Episode.

Emilia ist eine der Figuren, von der wir häufiger lesen. Sie ist Rentnerin und lebt in Peru. Ihr Sohn ist mit 19 Jahren nach Hongkong gezogen, weil ein Unternehmen ihn „mit einem obszönen Gehalt verführt“ hat. Immer wieder schickt er seiner Mutter den neuesten technischen Schnickschnack, den sie meistens einmal ausprobiert und dann verkauft, um etwas besser über die Runden zu kommen. Nun hat sie diesen Code bekommen und eine Anleitung, was sie damit anstellen soll. Missmutig macht sie sich an die Arbeit, gibt den Code ein, lädt ein Programm auf ihren Rechner – und schaut plötzlich in eine fremde Wohnung und in das Gesicht einer jungen Frau. Die ersten Kontaktversuche zwischen Emilia und der Frau sind schwierig. Aber Emilia entdeckt auf ihrem Bildschirm Steuertasten und verschiedene Optionen wie „schlafen“ und „aufwecken“. Und so probieren die beiden Frauen sich in ihrer ersten Kommunikation. Emilia findet mehr und mehr Interesse an diesem Spiel. Dann hält die junge Frau eine Schachtel vor die Kamera. Auf der ist ein rosa-schwarzes Plüschtier abgebildet:

„Du bist ein süßes kleines Kaninchen“, sagt die junge Frau. „Magst du Kaninchen?“

Alina ist ihrem Freund Sven zu einem Aufenthaltsstipendium in eine Künstlerresidenz in der Nähe von Oaxaca gefolgt. Mehr aus Langeweile hat sie im Elektronikgeschäft in der Stadt eine Krähe gekauft, ein „ziemlich hässliches Kuscheltier“. Während sie es zu Hause in Betrieb nimmt und wartet, bis es sich angemeldet hat, überlegt sie, wer wohl lieber „Herr“, wer lieber „Wesen“ sein möchte. Und reflektiert darüber, welche Funktion solch ein Wesen für den Herrn hat. Den eines Haustiers?

Enzo lebt in Umbertide und will keinen Kentuki. Solch ein Gerät im Haus zu haben, behagt ihm überhaupt nicht. Aber er lebt in Scheidung und muss alles richtig machen, damit er sich das Sorgerecht für seinen Sohn weiter mit seiner Ex-Frau teilen kann. Und die will, zusammen mit der Psychologin, die den Sohn Luca betreut, unbedingt, dass ein Kentuki in Enzos Haus einzieht. Also kauft Enzo eines der Plüschtiere. Und ist dann derjenige, der mehr und mehr Gefallen findet an der Gesellschaft seines Maulwurfs. Er geht sehr höflich mit dem Spielzeug um, ist sich immer bewusst, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt. Sogar Sightseeing ermöglicht er seinem Kentuki, wenn er ihn auf die Hutablage seines Wagens stellt und mit ihm durch die Stadt fährt. Nur Luca will den Maulwurf nicht in seiner Nähe haben, setzt sogar alles daran, ihn so zu verstecken, dass sein Vater ihn nicht findet, damit dem Spielzeug der Strom ausgeht.

Wir begegnen Schweblins Figuren meistens zu Beginn ihrer Beziehungen zu den Kentukis. Dabei erzählt sie überzeugend davon, wie die zunächst durchaus kritischen, ablehnenden oder auch reflektierenden Haltungen der Figuren zu diesen seltsamen Plüschtieren sich mehr und mehr verändern. Hier entsteht ein Interesse an dem Kennenlernen einer unbekannten Person in einem unbekannten Land, dort entsteht eine Beziehung zu einem fremden Menschen, der mehr und mehr die Position eines Gesprächspartners einnimmt. Und Marvin, ein Schüler, erlebt geradezu ein Abenteuer im norwegischen Schaufenster eines Elektroladens, aus dem er versucht zu entkommen, weil er doch einmal einen Abdruck seiner Spielzeugfigur – hoffentlich ein Drache! – im Schnee hinterlassen möchte.

In den Episoden, die hin und her springen, quer über die Kontinente und von Herr zu Wesen, spielt Schweblin gekonnt mit den verschiedenen Facetten der Faszination an diesem Spielzeug. Sie erzählt von der Kreativität der Menschen, die immer wieder neue Wege finden, miteinander in eine Kommunikation treten zu können. Sie erzählt davon, wie sich die Menschen an ihre Kentukis gewöhnen. Wie normal es wird, dass sie da sind, ihnen folgen oder auch ihre eigenen Wege in der Wohnung gehen. Wie Haustiere. Und von einem weltweiten Hype um diese smarten Spielzeuge, die in Schafenstern stehen, auf kassentresen und in Bars mit am Tisch sitzen und Karten spielen. Und Grigor in Sarajewo ist einer der ersten, der aus dem Spiel ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt. In jeder der Geschichte gibt es aber auch einen Kipppunkt, eine Handlung von Herrn oder Wesen, die das Beziehungskonstrukt verändert. Und dann wird es oft unappetitlich.

So wie direkt in der ersten Episode. Drei Teenager sitzen zusammen und überbieten sich geradezu in Gehässigkeit. Sie zeigen dem Plüschtier, hier ist es ein Panda Fotos von Klassenkameradinnen und lästern ordentlich. Sie zeigen dem Kentuki Filme von der Schultoilette. Und entblößen der Reihe nach ihren Busen. Das ist ein durchaus reißerischer Einstieg: Sex sells. Aber dieser Einstieg gibt auch einen Vorgeschmack darauf, was sich in den anderen Episoden wenn auch langsamer entwickelt.

Es ist also das Problem mit Distanz und Nähe, das Schweblin hier verhandelt. Wie viel Nähe, wie viel Einblick in die privatesten Momente lassen wir zu? Was macht das Wesen, das ja eben kein Plüschtier oder Haustier ist, sondern das von einem (erwachsenen) Menschen gesteuert wird, mit dem, was es sieht? Dabei hat dieser Mensch ja ebenso eigene Interessen, die nicht immer bester Natur sind, so wie einen Schutz durch die Anonymität, mit der sie oder er hier agieren kann.

Auch wenn die Entwicklung in der einen oder anderen Geschichte nicht ganz nachvollziehbar ist, so entwickeln die meisten doch einen Lesesog und Spannung. Und sie sparen nicht mir Gesellschaftskritik, wenn man die verschiedenen Protagonisten betrachtet, ihre Einsamkeit und ihre Hoffnungen, die sie ausgerechnet an das schäbige Plüschtier hängen und die sich daraus entwickelnden verhängnisvollen Vorfälle. So bietet Schweblins Gedankenspiel fesselnde Geschichten und erschreckende Einblicke in das digitale Leben.

Samatha Schweblin (2021): Hundert Augen, Berlin, Suhrkamp Verlag

2 Kommentare

    • Ja! Zum Glück gibt es den Datenschutz. Aber so manche „Influencer“, die sich selbst in den Sozialen Medien zu Markte tragen, sind gar nicht so ganz weit von Schweblins Welt entfernt.

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