Monat: Juli 2020

Enno Stahl: Sanierungsgebiete

Lynn ist ratlos. Bald ist ihr Architekturstudium zu Ende, es fehlen nur noch die Diplomarbeit und ein mehrmonatiges Praktikum. Aber sie weiß nicht, worüber sie schreiben soll, weiß auch nicht, wie sie an eine Praktikumsstelle kommen soll, nun, da es alle Studenten absolvieren müssen. Warum sie nicht über ihre Straße schreibe, fragt Frank, ihr Kommilitone. Da sei so viel saniert worden seit der Wende, das wäre doch bestimmt ein gutes Thema. Lynn wohnt in der Rykestraße und diese Straße am Prenzlauer Berg ist ausgewiesenes Sanierungsgebiet. Hier, so hat der Senat von Berlin festgelegt, sollen bauliche Maßnahmen an den zu DDR-Zeiten lange nicht modernisierten Gebäuden unterstützt werden. Und ebenso soll die Infrastruktur verbessert werden, durch Spielplätze und Grünflächen beispielsweise und verkehrsberuhigte Zonen. Lynn nimmt die Idee auf, entwirft ein Konzept und schlägt das Thema ihrem Professor vor. Der akzeptiert es, auch wenn Lynn hier mehr soziologische als bautechnische Forschungsfragen aufwirft. Denn ihr Interesse liegt ja vor allem bei der Frage, wie die Sanierungen auf die dort wohnenden Menschen wirken. Dabei steht Lynn, die Tochter einer Anwältin …

Niklas Maak: Technophoria

Die zumeist positiv geführte Diskussion um die fortschreitende Digitalisierung, gerade noch befeuert durch ihre Lösungsansätze während der Corona-Pandemie, erinnert auch an die Technikbegeisterung vergangener Perioden. Die Lösung fast all unserer Probleme scheint durch die Digitalisierung möglich; Smarte Cities beispielsweise sollen durch eine komplette Vernetzung nicht weniger als die Umwelt- und Klimaprobleme lösen und die Sicherheit der Bürger gewährleisten, das smarte Home das Leben für seine Bewohner bei optimaler Ressourcennutzung bequem gestalten und Gadgets zur Messung verschiedener Körperwerte dazu beitragen, fit und gesund zu bleiben. Niklas Maak lässt in seinem Roman nun nicht die Titanic untergehen, um in den Abgesang auf die Idee der omnipotenten Segnungen der digitalen Technik einzustimmen. Aber er zeigt uns doch die eine oder andere Tücke der Vernetzung auf – mit für einige seiner Figuren desaströsen Ausgängen. Doch diese Probleme bleiben auf der individuellen Ebene, während das technologische Großprojekt, dessen Entwicklung und Entstehung den roten Faden des Romans bildet, umgesetzt wird, wie die Leser schon zu Beginn des Romans erfahren. Mit Blick auf die vernetzte Stadt, um die es immer wieder geht, …

Jutta Reichelt: Wie ich Schriftstellerin wurde

„Mein Leben war nicht, wie es war.“ Aus diesem einen Satz, der plötzlich aufgetaucht und da war, dieser Aussage, die, so schreibt Jutta Reichelt, ja nicht einmal plausibel sei, entwickelt sich die Geschichte des Protagonisten Christoph. Denn Christophs Leben ist nicht so geordnet und perfekt, wie es scheint und wie er selbst meint, dass es sei. Er muss erst erkunden, was ihn da, so mitten im Leben, aus der Bahn wirft. Welche Geschichten aus der Vergangenheit ihm noch anhängen und gerade jetzt ans Licht drängen. Und so entwickelt sich aus diesem einen Satz die Geschichte des Romans „Wiederholte Verdächtigungen“. Als dieser Satz als Samenkorn für eine ganze Geschichte auftauchte, da war Jutta Reichelt längst eine Schriftstellerin. Dass der Weg dahin ein langer und steiniger war, davon erzählt sie in diesem schmalen Band. Das Schreiben als Profession ist lange nicht ihr Ziel gewesen. Als Kind habe sie keine Phantasie gehabt, auch keine vollgeschrieben Tagebücher als ersten Hinweis auf die spätere Schriftstellerei. Jura habe sie erst studiert, später Soziologie. Doch beides waren wohl nicht „ihre“ Themen, vielleicht …