Alle Beiträge, die unter Novelle gespeichert wurden

#lithund: Der melancholische Hund

Der Begriff des „schwarzen Hundes“ als Metapher für Melancholie und Depression geht wohl zurück auf den Schriftsteller Samuel Johnson, der im 18. Jahrhundert lebte. Winston Churchill nutzte dann den Begriff zwei Jahrhunderte später wieder für seine depressiven Episoden und machte ihn so weithin bekannt. In seiner Folge zog das Bild des schwarzen Hundes dann in die verschiedenen Künste ein. So erklärt Gordon Parker im Vorwort zu Matthew Johnstones Buch über den schwarzen Hund und die Depression, wie der Begriff entstand. Merkwürdig ist dieser eher negative Zusammenhang auf den ersten Blick aber dann doch. Denn seit vermutlich um die 30.000 Jahre leben Mensch und Hund zusammen, schätzen die Menschen doch die Treue des Hundes, seine Gelehrigkeit und Wachsamkeit, seinen Mut und sein Geschick. Bei der Jagd und bei der Sorge um Hof und Vieh arbeiten Menschen und Hunde zusammen. Und mittlerweile sind Hunde als Familienmitglieder im engsten Kreis angekommen. Und da wird ein Hund als Symbol einer so ernsten Erkrankung wie der Depression herangezogen? Ein Blick zurück zu den „alten“ Ägyptern und Griechen zeigt, dass dort …

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

Widerfahrnis – das ist das, was jemand erfährt oder erlebt, das, was jemandem zustößt, was ihm begegnet, was über ihn hereinbricht. Julius Reither stößt so einiges zu in diesen paar Tagen im April und er lässt auch zu, was ihm widerfährt, lässt sich mitreißen und erlebt Dinge, mit denen er eigentlich schon abgeschlossen hatte. Ganz spontan und ohne großen Plan reist er in den Süden, reist vom späten Winter in Bayern mit Schnee und Eis in den frühen Sommer Italiens, mit Sonne und Wärme, dem besonderen Licht des Südens und den Blick auf das Meer. Je mehr dabei die Sonne scheint und er die Wärme und das Licht genießt, umso mehr scheinen auch seine eingefrorenen Gefühle aufzutauen. Und neben dem Gefühlsabenteuer gibt es auch noch das ein oder andere Abenteuer zu bestehen bei diesem Road-Trip, denn immerhin geht die Reise ja genau dorthin, wo die Flüchtlinge landen, die aus Afrika über das Mittelmeer kommen. Zum Weiterlesen hier entlang.

Ulrich Tukur: Die Spieluhr

In seiner Novelle entführt Ulrich Tukur den Leser Schicht für Schicht in ein immer unübersichtlicher werdendes Dickicht, in dem die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion immer schwerer fällt. Indem Tukur seiner Novelle den Untertitel „nach einer wahren Begebenheit“ zufügt und ihr gleichzeitig ein Zitat des – fiktiven – Majors Friedrich von Rotha voranstellt, spannt er geschickt den Bogen zwischen Wahrheit und Imagination: Die Wirklichkeit ist der Schatten der Kunst. Es geht also nicht um die Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern um die Beschwörung des Mysteriösen, die Anrufung der verborgenen Seele der Menschen und der Dinge. (S. 7) In Tukurs Novelle werden Ereignisse aus verschiedenen Zeiten erzählt. Aber: jedes dieser Ereignisse entwickelt sich mehr oder weniger schnell zu einer rätselhaften, unerklärlichen, geheimnisvollen, ja, mehr und mehr auch schauerlich-gruseligen Begebenheit. Ausgangspunkt dieser Entwicklungen ist immer wieder die Kunst, es sind Filmaufnahmen, die Bilder Séraphines, Musik eines Spinetts, die kunstvoll bestickten Vorhänge in einem Schloss, eine Tänzerin auf einer Spieluhr, die sich zur Musik bewegt. Was ist schließlich „wahr“, wenn Kunst entsteht, wie „realistisch“ fängt der Künstler die Wirklichkeit …

Marion Poschmann: Hundenovelle

Es ist wohl sehr vorschnell gewesen, vor der Lektüre von Marion Poschmanns „Hundenovelle“ die Erzählatmosphäre in Nellja Veremejs Roman „Berlin liegt im Osten“ als melancholisch zu beschreiben. Wie, bitteschön, soll dann die Stimmung in der „Hundenovelle“ beschrieben werden? Als „zutiefst melancholisch“? Oder als „depressiv“? Jedenfalls drängt sich so schnell kein weiterer Text auf, der auf so eine brillante Art eine so bedrückte, schwermütige und hoffnungslose Stimmung heraufbeschwört, der sich der Leser kaum entziehen kann. Die bedrückende Stimmung ergreift den Leser gleich auf den ersten Seiten: Die namenlose Ich-Erzählerin sitzt mitten in der Hitze des Sommers, es sind gerade die Hundstage, in einer Industriebrache und schaut sich genau an, wie schnell die Werke der Menschen, wenn sie denn verlassen und nicht mehr gepflegt werden, verwahrlosen, wie schnell die Natur sich das von den Menschen Geschaffene wieder zurückholt: es bröckelt und zerfällt, einfache Pflanzen wachsen in den Betonspalten und durch den Asphalt, am Rand des Platzes haben sich schon erste Büsche breitgemacht. Stadtbrache, vages Terrain. Nichtort, wo jederzeit alles möglich war und nie etwas geschah. Ruderalflora siedelte …

Joachim Zelter: Einen Blick werfen. Literaturnovelle

Ein Albtraum: Den Schriftsteller erreicht eine Mail, in der sich ein gewisser Selim Hacopian vorstellt und berichtet, er habe ein Buch geschrieben. Nun bittet er den Herrn Schriefststeller, ihm doch etwas schiecken zu dürfen. Der Schriftsteller lehnt ab, sofort, er schickt eine Mail zurück, er will nichts lesen, hat selbst genug zu tun, den Schreibtisch voller Arbeit, voller eigener Texte, da will er sich nicht auch noch von fremden Texten die Zeit stehlen lassen. Erst nach seiner Antwort entdeckt er die komische Schreibweise einiger Wörter und ahnt, welcher Arbeit er gerade noch entkommen ist. Und dann entdeckt er aber auch, dass Selim Hacopian es nicht bei der Bitte belassen hat, etwas schiecken zu dürfen, sondern gleich einen Anhang beigefügt hat, egal, ob der Schriftsteller überhaupt etwas lesen möchte oder nicht. Der Anhang entpuppt sich als Lebenslauf, als ein ziemlich spektakulärer sogar: Sehen Sie, es ist doch nur ein Lebenslauf. Geboren in Namangan, Usbekistan, Übersiedlung der Familie nach Pakistan, von dort ausgewandert nach Ägypten. Religion Koptisch. Davor andere Konfessionen. Offiziersanwärter. Eine erste Chinareise. Eine zweite Chinareise. …

Michael Köhlmeier: Idylle mit ertrinkendem Hund

Der Lektor hat für den Schriftsteller eine ambivalente Funktion: Er hilft bei der Erstellung des Romans, unterstützt, liest kritisch, gibt Anregungen, motiviert und begleitet so den gesamten Schaffensprozess. Er ist aber auch derjenige, der alle Schnitzer sieht, jede inhaltliche und sprachliche Schwäche erkennt und aufdeckt, den Schriftsteller immer wieder mit seinen Unzulänglichkeiten konfrontiert und trotzdem natürlich eine jederzeit konstruktive Zusammenarbeit erwartet. So ambivalent sieht auch Michael Köhlmeier, der Ich-Erzähler, der keinen Hehl daraus macht, auch der Autor zu sein, seinen Lektor, Dr. Johannes Beer. Dr. Beer ist in der Branche ein anerkannter Experte, ein Lektor, um den ihn andere Schriftsteller durchaus beneiden. Aber es ist auch nicht immer die reine Freude, mit ihm, dem Genauen, dem Anspruchsvollen, zusammenzuarbeiten. Und so erzählt Köhlmeier seiner Frau Monika, dass der Lektor den Autor die Passage, die sprachlich nicht so gelungen scheint, vorlesen lasse – wenn der Autor uneinsichtig sei, durchaus mehrmals: Wenn ich meiner Stimme zuhörte, die bei dieser Prozedur nichts anderes war als ein Messgerät zum Aufspüren meiner eigenen Unzulänglichkeit, dann kam es vor, dass ich mich …

[5 lesen 20] Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

Preising erzählt eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht, von Palmen, Kamelen und Zelten in einer Oase. Aber Preising erzählt keine erotischen Märchen, um einen Herrscher gnädig zu stimmen, sondern die bemerkenswerte Geschichte seines Urlaubs im „Thousand and One Night Resort“. Dies ist ein Luxushotel in der Wüste, in das ihn sein tunesischer Geschäftspartner, der nicht nur Platinen für das Schweizer Unternehmen Preisings lötet, sondern auch noch einige Hotels zu seinem wohl weitverzweigten Unternehmen zählt, eingeladen hat. Im „Thousand and One Night“ residiert auch eine Hochzeitsgesellschaft aus London. Es sind junge Bankangestellte, die in die tunesische Wüste gereist sind, um eine möglichst romantische, möglichst orientalische, möglichst exotische Hochzeit zu feiern, wollen dabei aber auf keinen Luxus verzichten. So amüsieren sich sechzig bis siebzig Finanzjongleure am Pool: Junge Leute in ihren späten Zwanzigern und frühen Dreißigern. Laut und selbstsicher. Schlank und durchtrainiert. (…) Wer sich ins Wasser wagte, trug eine jener Badehosen, wie man sie von Fotos kannte, die den jungen JFK am Strand von Martha´s Vineyard zeigten, oder knappe Bikinis, die die flachen Bäuche gut zur Geltung …