Lesen, Novelle
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Ulrich Tukur: Die Spieluhr

Tukur_1In seiner Novelle entführt Ulrich Tukur den Leser Schicht für Schicht in ein immer unübersichtlicher werdendes Dickicht, in dem die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion immer schwerer fällt. Indem Tukur seiner Novelle den Untertitel „nach einer wahren Begebenheit“ zufügt und ihr gleichzeitig ein Zitat des – fiktiven – Majors Friedrich von Rotha voranstellt, spannt er geschickt den Bogen zwischen Wahrheit und Imagination:

Die Wirklichkeit ist der Schatten der Kunst. Es geht also nicht um die Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern um die Beschwörung des Mysteriösen, die Anrufung der verborgenen Seele der Menschen und der Dinge. (S. 7)

In Tukurs Novelle werden Ereignisse aus verschiedenen Zeiten erzählt. Aber: jedes dieser Ereignisse entwickelt sich mehr oder weniger schnell zu einer rätselhaften, unerklärlichen, geheimnisvollen, ja, mehr und mehr auch schauerlich-gruseligen Begebenheit. Ausgangspunkt dieser Entwicklungen ist immer wieder die Kunst, es sind Filmaufnahmen, die Bilder Séraphines, Musik eines Spinetts, die kunstvoll bestickten Vorhänge in einem Schloss, eine Tänzerin auf einer Spieluhr, die sich zur Musik bewegt. Was ist schließlich „wahr“, wenn Kunst entsteht, wie „realistisch“ fängt der Künstler die Wirklichkeit ein, was sieht er hinter den Dingen, die er künstlerisch gestaltet? Und wie ist dann wieder der Vorgang des Sehens, Hörens, Erlesens beim Rezipienten? Welche „Wahrheit“ sieht und hört er, welche Imaginationen tauchen in ihm auf, welche „inneren Welten“ fügt er dem Kunstwerk hinzu?

Eines der wahren Ereignisse der Novelle hat sich jedenfalls 1912 zugetragen. Der deutsche Kunstsammler Wilhelm Uhde, der in Paris lebt, „um in der französischen Republik die Freiheit und Geistesweite zu finden, die er in seinem wilhelminischen Vaterlande so sehr vermißte“, reist im Sommer nach Senlis, einem kleinen Ort in der Picardie, wohin es schon die Impressionisten verschlagen hat, der Natur und des Lichtes wegen.

Er, der die Männer den Frauen vorzog (in jenen Jahren nichts weniger als ein Verbrechen) , war entflammt für die moderne Kunst seiner Zeit, für all diejenigen, die die neuen, überraschenden Wege gingen, die Naiven, denen er den hübschen Namen „Maler des Heiligen Herzens gab; er kaufte Bilder, eröffnete eine Galerie, entdeckte, sammelte, förderte und setzte durch, was in den wichtigen, offiziellen Kreisen oft verlacht und gerne niedergemacht wurde. (S. 16)

Bei seiner Zimmerwirtin entdeckt er nun zufällig ein kleines Bild, kaum größer als ein Blatt Papier, auf dem ein paar Blumen zu sehen sind. Das Bild zeige kein großes Talent, keine technische Versiertheit, es ist überhaupt eher eine kindliche Darstellung, aber es rührt und elektrisiert Uhde:

Das kleine Bild zeigte, was es nicht zeigte.

Und genau das schien ihm das Wesen jeden wahren Kunstwerkes, daß sich nicht alles, der Tiefe entbehrend, an der Oberfläche zusammendrängte, daß die innere Welt, die diesen Augenblick hervorgebracht hatte, im Unsichtbaren vorhanden blieb, ja ihren weitaus größeren Teil ausmachte. (S. 14)

Er erkundigt sich bei seiner Vermieterin, von wem das Bild stamme, und erfährt, dass Séraphine es gemalt habe, die Putzfrau der Zimmerwirtin, die aus dem bäuerlichen Umland, wo sie schon eine Außenseiterin war und verspottet wurde, nach Senlis gekommen ist. Ein Engel sei ihr erschienen, so berichtet die Novelle und habe ihr befohlen zu malen und das tue sie nun auch mit großer religiöser Hingabe. Wenn sie in ihrer Kammer malt, durchaus mit Farben, die heute als toxisch gelten, spricht sie mit Gott und betet und dann stiegt die Heilige Jungfrau aus ihrem Bild über dem Bett hinab und zeigt ihr, wie sie die Natur auf das Bild bannen könne. Uhde unterstützt Séraphines Malerei, er bringt ihre Bilder nach Paris, macht sie bekannt, verkauft sie, bis der erste Weltkrieg die Beziehung zwischen den beiden vorerst beendet.

Ein zweites wahres Ereignis, das für diese Novelle eine Rolle spielt, ist im Jahr 2008 zu verorten. Der Franzose Martin Provost  dreht einen Film über Séraphines Leben und das Entstehen ihrer Kunst und Ulrich Tukur spielt die Rolle Wilhelm Uhdes. Und ein Schauspieler ist es nun auch, der uns die Geschichte rund um die Dreharbeiten zu dem Film über Séraphine in der hier vorliegenden Novelle erzählt.

Während nämlich bereits Szenen des Films gedreht werden, ist das Filmteam auch auf der Suche nach einer geeigneten Kulisse für Séraphines Kammer. Im gesamten Umfeld wird aber nichts Passendes gefunden und die Zeit rennt mehr und mehr davon. Und dann berichtet eines Montagsmorgens der Assistent, der eigentlich am Freitag Filmkopien nach Paris bringen sollte, dort aber nie angekommen ist und über das ganze Wochenende verschollen war, dass er an diesem Wochenende die Kammer Séraphines gefunden habe. Sie befinde sich im Schloss Montrague, ganz in der Nähe.

Was ist wahr, was ist Imagination? Der Assistent Jean-Luc hat den Blick eines Regisseurs, der weiß, wie eine Kameraperspektive sein muss, um ein Gesicht, um eine Landschaft ins Bild zu setzen sind, untermalt von Musik. Dieser filmische Blick leitet Jean-Lucs Erzählung von seinen Erlebnissen in diesem Schloss. Er erzählt sein Erlebnis mit dem Schlossherrn, als würde eine Kamera in das Auge des Marquis zoomen und dort taucht plötzlich ein weiteres Auge auf. Beim Zurückblenden der Kamera wird nun zunächst das Gesicht einer wunderschönen Frau sichtbar. Sie trägt Rokoko-Kleidung und sitzt an einem Spinett. Beim weiteren Öffnen der Perspektive erkennt Jean-Luc, dass hinter ich ein Schlosspark liegt und erkennt, dass er auf ein Bild schaut. Im Auge des Marquis sieht er dann auch eine zweite Szene, er sieht, wie Menschen in abgerissener Kleidung einen Saal stürmen, wie die hohen Türen auffliegen und zu Bruch gehen, er sieht, wie der Kristalllüster zerbrochen wird, wie Fenster beschädigt und Möbel umgeworfen werden, Porzellan zu Bruch geht. Der Marquis erklärt ihm, was er gesehen hat – als die Kameraperspektive wieder aus dem Inneren des Auges des Marquis zurückgeblendet hat.

Und Jean-Luc erzählt noch weitere Merkwürdigkeiten, die ihm im Schloss passiert sind: Er berichtet von Instrumenten und Musik, die eher in andere Jahrhunderte gehören, von Ahnenporträts, die im Schein der Kerzen, Elektrizität gibt es im ganzen Schloss nicht, zwinkern und sich bewegen, von der Warnung des Hausherrn, das Zimmer bloß die Nacht über nicht zu verlassen, egal, was passiere, vom Schlossherrn, der sich auch schnell in einen Irrenarzt verwandeln kann. Die Filmcrew scheint nicht so sehr über die Erzählung, sondern mehr über Jean-Lucs erschütterten und verwirrten Zustand besorgt und so machen sie sich am Abend nach Drehschluss auf die Suche nach dem merkwürdig-schauerlichen Schloss, das aber nicht mehr auffindbar ist. Und Jean-Luc verschwindet, nun völlig verzweifelt, in den Wald. Er wird noch einmal den Schauspieler besuchen, wird ihm noch mehr Details erzählen, wird dann verschwinden und sich in einem Baum erhängen. Und der Schauspieler wird nach dem Ende der Dreharbeiten noch einmal nach Jean-Lucs Schloss suchen, wird im Ort abbiegen und der schmalen Straße folgen.

Ulrich Tukur erzählt hier eine fantastisch-mysteriöse Geschichte so spannend und so glaubhaft, dass der Leser gebannt der Handlung folgt. Dabei steht beim ersten Lesen tatsächlich die spannende Handlung im Vordergrund und das Ende wirkt dann ernüchternd, enttäuschend. Aber beim Reflektieren der Geschichte wird immer deutlicher, wie kunstvoll Tukur hier wahre und belegbare Erlebnisse mit solchen verwebt, die mysteriös, unglaubwürdig, fantastisch sind, wie er immer wieder mit der Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion spielt, wie er diese Grenze für den Leser, der ihm völlig gut-gläubig folgt, immer weiter verschiebt. Und so kommt es dazu, dass der Leser die Menschen und Dinge um sich herum plötzlich mit völlig neuen Augen betrachtet  und „deren verborgene Seele“ zu ergründen versucht.

Ulrich Tukur (2013): Die Spieluhr. Eine Novelle nach einer wahren Begebenheit, Berlin, Ullstein-Verlag

Ein Interview mit Ulrich Tukur könnt ihr hier lesen. Und eine weitere Rezension zur „Spieluhr“ hat Mara heute auf ihrem Blog veröffentlicht.

9 Kommentare

    • Es hat auch Spaß gemacht, die Novelle zu lesen. Und mit 150 großzügig bedruckten Seiten lässt sie sich auch gut mal zwischen die vielen anderen Bücher schieben, die noch unbedingt gelesen werden müssen :-)!
      Viele Grüße, Claudia

  1. Liebe Claudia,

    oh ja, wie magisch, dass wir am selben Tag eine Besprechung zum gleichen Buch einstellen – und wie ausgesprochen passend bei diesem Roman. Mir hat die Verschränkung von Imagination und Wirklichkeit auch ausgezeichnet gefallen. Es ist ein schmales Büchlein, angefangen zu lesen habe ich am letzten Tag des alten Jahres, aufgehört am ersten des neuen und es war eine wirklich schöne Lektüre.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      ich habe die „Spieluhr“ auch sehr, sehr zügig gelesen. Es ist ein Buch gewesen, dass mich sehr über die Spannung gepackt hat – obwohl ich im Grunde gar nicht so ein Fan bin von schauerlichen oder abenteuerlichen Geschichten. Tukur schreibt so spannend, wie ich es schon lange nicht mehr gelesen habe. Und das wirklich Schöne ist: Es geht ja eben nicht nur um Spannung und Gruseln, sondern vor allem um das Verhältnis von Imaginiation und Wirklichkeit, so wie es die Kunst immer auslotet. — Aber das wir beide ein Buch so zimelich zeitgleich lesen und besprechen, finde ich ja immer noch ein bissche unheimlich :-).
      Viele Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia,
    lustig, welche Duplizität der Ereignisse. Habe nun beide Besprechungen, Deine und Maras, gelesen. Eindeutig ein Muss für mich in der nächsten Zeit. Danke für die Besprechung und liebe Grüsse, Kai

    • Lieber Kai,
      und dann gibt es ja gerade ganz frisch noch die Besprechung von flattersatz zur „Spieluhr“. Als ob wir uns abgesprochen hätten, über die Feiertage die Novelle zu lesen. Schon merkwürdig.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Ich weiß gar nicht, wie oft ich dieses Buch im Laden bereits in der Hand hatte und mich nicht zum Kauf durchringen konnte . Daher fand ich Deine Rezi sehr hilfreich und werde beim nächsten Mal zuschlagen – wieder ein Buch mehr im SUB – seufz… Aber es lässt sich ja scheinbar recht zügig und gut lesen, ist nicht zu dick, von daher glaube ich , dass es nicht allzu lange im SUB verbleiben wird. LG

    • Ich freue mich immer sehr, wenn ich andere Leser anstiften kann, ihren SUB zu erhöhen :-). (Das passiert mir beim Blog-Lesen ja auch andauernd…) Wenn Dir also beim nächsten Ausflug in den Buchladen „Die Spieluhr“ in die Hände fällt, dann wünsche ich Dir ganz viel Lesespaß und hoffe, dass Du nicht enttäuscht wirst.
      Viele Grüße, Claudia

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