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Claire Beyer: Refugium

Beyer_1Ein Fuchs kündigt das Unglück an, ein einäugiger Hund ist behilflich, es aufzuklären. Zwischen beiden Ereignissen liegt ein Jahr, ein Jahr der Ungewissheit, ein Jahr zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Schuldgefühlen und Wut, ein Jahr in der Schwebe, in der nichts abgeschlossen werden kann, in dem es keine Trauer gibt.

An dem Morgen, an dem Claudia den Anruf aus Lappland bekommt, ist der Fuchs nicht gekommen, der gewöhnlich nachts den Mülleimer untersucht und dabei den Deckel verschiebt. Robert, der in den Wintermonaten in Lappland auf den zugefrorenen Seen die neuen Autos testet, werde vermisst, sagt die Kollegin am Telefon, spät am Abend sei er losgefahren mit einem der Testautos zu einer nicht geplanten Fahrt und er sei nicht wieder zurückgekehrt. Ob sie etwas von ihrem Mann gehört habe. Schnell wird klar, dass den Kollegen nicht nur das unerklärliche Verschwinden Roberts Sorgen bereitet, sondern auch der Umstand, dass er mit einem der neuen Autos, einem Erlkönig, losgefahren ist, das nun ebenso verschwunden ist.

Leider, sagte ihr Gesprächspartner, könne er ihr nicht weiterhelfen. Er sei nur darüber informiert worden, dass Ingenieur Feldwehr gestern und heute nicht im Büro erschienen war. Das wäre fast in einem Desaster geendet, da die Versuchsreihen der Wintererprobung ohne die von ihm erhobenen Daten nicht hätten fortgesetzt werden können! Im Moment habe sich das Problem erledigt. Ein Kollege habe den Laptop mit den Daten in der Wohnung ihres Mannes gefunden. (S. 17)

Bei den Testautos geht es um handfeste wirtschaftliche Interessen, denn es werden die technischen Entwicklungen des Jahres nun in der Realität erprobt. Natürlich soll die Konkurrenz „aus Korea, aus Italien, Spanien, Bayern und (!) Deutschland“,  die ja ebenso vor Ort ist, um ihre Tests durchzuführen, keine Einblicke bekommen – und schon gar nicht Fotografen, die den Autos auflauern und Bilder machen, um sie an Zeitungen zu verkaufen. Und nun sei auch noch die Leiche eines dieser Fotografen gefunden worden und es stelle sich die Frage, ob nicht Robert etwas damit zu tun habe. Claudia möge doch umgehend nach Lappland kommen, man möchte dringend mit ihr sprechen.

Die geschäftsmäßig harsche Art ihrer Telefonpartner in Schweden stößt Claudia vor den Kopf, für sie geht es um ihren Mann – und die latent vorhandene Unterstellung, er habe etwas mit dem Mord zu tun, bringt auch das Bild, das sie von ihm hat, ins Wanken. Und natürlich beginnt sie nachzudenken über ihre Ehe und fragt sich, was von der Liebe nach den vielen Jahren noch vorhanden ist. Als Bibliothekarin hat sie gearbeitet und ist, noch bevor sie ihre Liebe für das Zeichnen in eine Ausbildung umsetzen konnte, in das Haus ihrer Schwiegereltern gezogen  und hat zwei Söhne erzogen. Im Haus hat sich seit dem Tod der Schwiegereltern nichts geändert: Robert wollte alles so erhalten, wie seine Eltern es eingerichtet hatten. Selbst ihr Bild hängt an gleicher Stelle an der Wand und „vorwurfsvoll“ schauen die beiden auf Claudia herab. Aber auch Claudia hat sich etwas vorzuwerfen:

Wie Robert in Schweden lebte, entzog sich ihrer Kenntnis, sie war nie dort gewesen. Gemeinsam hatten sie es auf die Flugangst und den mühsamen Landweg geschoben. Aber es war mehr als eine Ausrede, sie beide wussten es. Claudia kannte nur Fotos der kleinen Wohnung, die Robert während des Winters bezogen hatte. Ob er sie in all den Jahren hintergangen hatte?  Nicht wieder der Gedanke! Wie oft hatte sie sich in den vielen Jahren seiner Auslandstätigkeit mit ihrer Eifersucht herumgeplagt. Und so lange, bis aus der Angst Gleichgültigkeit geworden war. Und jetzt? (S. 19)

Claudia fliegt nun also nach Nordschweden – ihrer Flugangst zum Trotz – und stellt sich den Befragungen der Kollegen und der Polizei. Sie wohnt bei Birgitta, einer Nordschwedin, die schon weit herumgekommen ist in der Welt, nun aber wieder in ihrem Elternhaus wohnt, dem gelben Haus, in dem immer ein Kamin für Wärme sorgt und viele Kerzen für eine angenehme Atmosphäre, und ab und zu im Winter Zimmer vermietet. Hier fühlt Claudia sich gut aufgenommen, in Birgittas Gegenwart fühlt sie sich wohl, hier findet sie ihr „Refugium“.

Und nun begleitet der Leser Claudia auf ihrer Reise in den Norden, aber auch auf ihrer Reise zu sich selbst während diesen einen Jahres, in dem alles in der Schwebe ist. Es könnte eine interessante Reise, es könnte eine interessante Suche sein – noch dazu vor dem Hintergrund der Landschaft Nordschwedens im Winter mit langer Dunkelheit  und einer schwachen Sonne, mit Eis und Schnee. Einige wenige Passagen gibt es, die Landschaft und Wetter beschreiben. Licht in verschiedenen Formen, die Farbe Weiß, Fensterscheiben, die weite Blicke ermöglichen, sind hier immer wiederkehrende und sehr passende Symbole:

Der Sturm hatte sich gänzlich gelegt, und der Himmel hatte fast aufgeklart. Claudia griff nach ihrem Glas und stellte sich ans Fenster. Zum ersten Mal nahm sie das Nordlicht bewusst wahr. Wie aus einem riesigen Schlund kommend, hüllten die Lichtbögen den Himmel in violette, grüne und weiße Bahnen. Der dunkle Hintergrund war die perfekte Bühne dafür. (S. 83)

Trotzdem bleibt die Lektüre unbefriedigend:  manche Handlungsstränge sind unsinnig und unmotiviert – warum sollen Claudia und Birgitta unbedingt mitfahren nach Bodǿ in Norwegen, wenn sie dort doch nur ein paar Stunden bleiben und, auch wegen der Kälte, lediglich ein Schiff der Hurtigrutten besichtigen bevor sie wieder stundenlang zurückfahren? Warum reist Claudia zur Nobelpreisverleihung nach Stockholm, wenn sie ihren Sohn Torben dort doch nur ein paar Stunden sieht, ansonsten, weil sie zur Preisverleihung nicht mitgehen kann, aber alleine durch die Stadt läuft? Einige der Figuren sind überaus klischeehaft gezeichnet, so der ältere Sohn Magnus, der in Frankfurt in der Finanzbranche massiven Schiffbruch erlitten hat – darüber erfährt man nichts – und nun in eine Alkoholsucht abgleitet, die ihn so aggressiv macht, dass er gleich das ganze Mobiliar seiner Eltern bzw. seiner Großeltern im Garten verbrennt. Oder Birgitta, die nach vier Ehen wieder zurückgekehrt ist nach Nordschweden, ihr Interesse für die Herstellung von Silberschmuck entdeckt, den sie auf Märkten verkaufen kann und nun in der Sauna (!) Claudia zarte Avancen macht.

Und es fällt auch schwer, der Protagonistin Claudia wirklich näher zu kommen. Durch ihre Erzählweise wirkt sie äußerst betulich und bieder, schier endlos drehen und winden sich ihre Gedanken, wirkliche Gefühle bleiben hinter einer scheinbaren Fassade von Rationalität versteckt:

Dennoch rückten die Stadt [Stockholm] und das prachtvolle Ambiente der einzelnen Gebäude in den den Hintergrund, je mehr sie an ihr geheimes Vorhaben dachte, sich mit dem heutigen Tag von Robert zu verabschieden. (…) alles, was sie in den vergangenen Monaten betrachtet hatte, verlor unter seinem Schatten an Farbe und Zauber. Es gab keine andere Möglichkeit mehr, und das warf sie ihm [Robert] im Stillen vor. Er hatte ihr die Freiheit genommen und nicht einmal die Chance gelassen, um ihn trauern zu können. Schon allein deshalb würde sie die Gelegenheit nutzen und sich aus diesem Gefängnis zu befreien versuchen. (224)

Auch wenn der Roman zum Ende doch noch mit einer überraschenden Wendung aufwartet und so die Zeit der Schwebe endlich vorbei ist, so bleibt er hinter seinem viel versprechenden Anfang weit zurück.

Claire Beyer (2013): Refugium, Frankfurt am Main, Frankfurter Verlagsanstalt

Eine weitere Besprechung findet sich hier , ebenso ein Interview mit der Autorin.

 

4 Kommentare

    • Ja, irgendwie ist es nicht mein Buch gewesen. Vielleicht fremdel ich einfach sehr mit einer so behäbigen Protagonistin wie Claudia – obwohl vom Namen her ja alles gut passen müsste :-).
      Viele Grüße, Claudia

  1. Liebe Claudia,

    es tut mir leid, dass der Roman dich eher enttäuscht zurücklässt. Mich hat die schwedische Atmosphäre, dieser fast spürbar kalte Winter, irgendwie genau an der richtigen Stelle gepackt und die Lektüre konnte mich dadurch begeistern. Ungereimtheiten haben dadurch auch gar nicht so stark gewogen.

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      manchmal ist das wohl so, dass es einen so gar nicht packt. Dabei finde ich die Ausgangskonstellation so spannend und die Atmosphäre im winterlichen Nordschweden ist ja geradzu metaphorisch für die innere Situation der Protagonistin. Ich habe lange gegrübelt, warum Deine und meine Lektüre so unterschiedlich ausgefallen sind, aber ich habe für mich auch nach vielem Grübeln und Passagen-noch-einmal-lesen keinen positiveren Zugang gefunden.
      Viele Grüße, Claudia

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