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Auður Ava Ólafsdóttir: Ein Schmetterling im November

Olafsdottir_1Vierzig Tage lang drehen sich gleich mehrere Tiefausläufer über Island und vierzig Tage regnet es so viel, dass es zu Erdrutschen und Überschwemmungen in einem Ausmaß kommt, an das sich kaum ein Isländer erinnern kann. Durch die Überschwemmungen wird sogar ein Wal mitten im Dorf, direkt vor die Sparkasse, gespült. Dabei ist es mit 10 Grad so warm wie zur selben Zeit in Lissabon, ungewöhnlich, denn immerhin ist es November.

Aber nicht nur die Natur ist aus dem Lot geraten, auch das Leben der Erzählerin gerät gerät ordentlich durcheinander. Es ist der denkwürdige Tag Anfang November, an dem der Regen beginnt und das Eis taut und die Ereignisse sich förmlich überschlagen: Beim Ausliefern ihrer Lektoratsarbeiten an ihre Kunden überfährt die Erzählerin eine Gans und beschließt, die günstige Gelegenheit zu nutzen und ihren Ehemann am Abend mit einem vorgezogenen Weihnachtsessen zu überraschen. Vorher aber will sie das Verhältnis zu ihrem Liebhaber beenden, der ihr aber zuvorkommt, da er es nicht ertragen kann, dass sie sich nicht von ihrem Mann trennen möchte. Und dann ruft auch noch ihre Freundin Auður an und bittet sie, statt ihrer zur Wahrsagerin zu gehen. Die Wahrsagerin schaut in ihre Karten und berichtet ihr kurz Dinge aus ihrer Vergangenheit – die stimmen – und dann die Ereignisse der Zukunft, die reichlich merkwürdig erscheinen:

Alles, was ich hier sehe, sehe ich gleich drei Mal“, sagt sie, „drei Männer in deinem Leben auf drei Abschnitten von je 100 Kilometern, drei tote Tiere, drei kleinere Unfälle oder Zusammenstöße, die allerdings nicht unbedingt dich selbst betreffen, Tiere werden verstümmelt, Männer und Frauen überleben. Aber eines ist klar: Drei Tiere werden sterben, bevor du den Mann deines Lebens triffst. (…) Da wird noch das ein oder andere geschehen, es wird viel Nässe geben, Kurzsichtigkeit, Gier, Eingesperrtsein, mehr Nässe. (…) Wenn wir das jetzt einmal zusammenfassen“, sagt sie wie ein geschickter Redner, „dann haben wir hier eine Reise, einen Lotteriegewinn, Reichtum und Liebe, auch wenn es dabei wohl nicht mit rechten Dingen zugehen wird.  (S. 25 – 26)

Als die Erzählerin nach Hause kommt, natürlich hat sie vergessen, die Zutaten zu ihrem Gänsebraten zu kaufen, ist ihr Mann schon da. „So kann es nicht weitergehen“, beginnt er das Gespräch, „mit dir zusammenzuleben ist, als ob man ständig in einem nebeligen Moor umherirrt. Man tastet sich voran, ohne zu wissen, was als nächstes kommt“. Zum Ende des ausschweifenden Gespräches kommt er endlich zum Punkt und erklärt, dass er sich scheiden lassen werde, er sei seiner Kollegin Nina Lind bei der letzten Weihnachtsfeier näher gekommen, in ein paar Wochen bekämen sie ihr Kind. Während ihr Mann spricht, entdeckt die Erzählerin einen Schmetterling in ihrer Küche – auch ungewöhnlich für November.

Sie ist eine merkwürdige Person, die Ich-Erzählerin, aber eine sehr sympathische. Dreiunddreißig Jahre ist sie alt, seit über vier Jahren verheiratet, ein Kind wollte sie nie, sie findet, sie sei nicht zur Mutter geboren, schließlich müsse man ein Kind ständig suchen und so wird man gestört, wenn man gerade einen Blick in ein Synonymwörterbuch werfen möchte. Sie hat sich schon immer für Sprachen interessiert, schon zu Schulzeiten beherrschte sie mehr Sprachen, als am Gymnasium gelehrt wurden, und für das Rasenmäher beim Nachbarn wollte sie keine Süßigkeiten, sondern zwei Stunden Deutschunterricht. Nun arbeitet sie sehr erfolgreich als Lektorin und Übersetzerin. Aber mit den unverfrorenen Forderungen und Vorstellungen der Männer in ihrem Leben kommt sie gar nicht zurecht:

Und wenn Männer mit gegenüber wohlmeinend auftreten, sich männlich, sensibel und überzeugend zeigen, fällt es mir schwer, ihnen etwas entgegenzusetzen. (…) Auch wenn ich vielleicht zu viele Sprachen beherrsche, ist es mir schon immer schwergefallen, die richtigen Worte zu finden, von Angesicht zu Angesicht, als Frau gegenüber einem Mann. (S. 72-73)

So zieht ihr Mann aus, nimmt Bett und Gesundheitsmatrazen mit, die Schlafsäcke vom Sommerurlaub, die noch nicht gelüftet und per Reißverschluss zu einem einzigen verbunden sind, das Wohnzimmersofa und den dazugehörenden Tisch, die Hälfte der Bücher, aber auch einige Bücher, die ihr gehören, an denen sie hängt, beispielsweise, weil sie sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hat. Und immer wenn er kommt, um etwas abzuholen, überredet er sie, mit ihm zu schlafen, und sie lässt es jedes Mal geschehen und sinniert darüber, wie sie nun zur Geliebten ihres Ex-Mannes wird. Als ihr Mann die Wohnung verkaufen möchte, verschenkt sie den Rest ihrer Habe und zieht mit ein paar Kartons in ihre Arbeitsappartment. Und sie beschließt, ihre Reise zu machen, einmal auf der Staatsstraße, einem Ring, um ganz Island herumzufahren, zuerst nach Osten zu den Ostfjorden, dahin, wo sie als Kind ihre Ferien bei der Großmutter verbracht hat. Sie fährt nicht alleine, denn ihre Freundin Auður, schwanger mit Zwillingen, wird den Rest der Schwangerschaft im Krankenhaus verbringen müssen, und bittet sie, den vierjährigen Tumi mitzunehmen, ihren Sohn, der gehörlos ist und schlecht sieht. Die Erzählerin füllt mit ihm einen Lottozettel ausfüllt – und  sie gewinnen.

Auf der verregneten Fahrt durch die graue Lavalandschaft treten durchaus die meisten der Vorhersagen der Wahrsagerin ein, meistens aber ganz anders als gedacht. Einige bleiben auch offen und verweisen so in die Zukunft. In den vierzig Tagen, die die Erzählerin den Leser mitnimmt, verändert sie sich tatsächlich Schritt für Schritt, einmal möchte man sie geradezu beglückwünschen zu ihrer endlich einmal konsequenten Haltung. Und natürlich trägt auch Tumi, der kleine Junge, der schon lesen und schreiben kann, außerdem sticken und stricken lernt und Fahrrad fahren, gehörig dazu bei, dass sie sich verändert – so wie Auður es vorausgesagt hat.

Obwohl mit Ausnahme des ungewöhnlichen Wetters nichts Aufregendes passiert, fesselt der Roman immer wieder mit überraschenden, oft kuriosen Wendungen. Die Erzählerin beobachtet ihre Umgebung mit genauem Blick auch für die ungewöhnlichen, die kleinen Details und sie erzählt ohne jemals zu bewerten. Ganz leichtfüßig macht sie das, mal nachdenklich, mal ironisch, mal das kleine Glück beschreibend oder das Gefühl von Freiheit. Und fast nebenbei nähert sie sich bei ihrem Aufbrauch und ihrer Reise doch mehr und mehr ihrer traumatischen, tief verschütteten Geschichte.

Manche Dinge, die zunächst merkwürdig, geheimnisvoll, gar unwirklich erscheinen, entpuppen sich als ganz normale Alltagsphänomene und die Menschen, denen die Erzählerin und Tumi auf ihrer Reise begegnen, sind gleichzeitig hart, manchmal brutal, aber auch sehr freundlich und fürsorglich; sie denken modern, tolerant und sozial und äußern dann Vorbehalte, die dazu in völligem Widerspruch stehen. Viele sehr junge Mütter gibt es, eine sehr offene Sexualität  und ausgesprochen viele siebzehnjährige Teenager, deren Hautunreinheiten gerade abzuklingen beginnen und die ihr dunkles Haar mit Gel zu bändigen versuchen.

Auður Ava Ólafsdóttirs Art des Erzählens aus dem Alltag heraus erinnert sehr an die Erzählhaltung Jón Kalman Stefánssons in seinem Roman „Sommerlicht, und dann kommt die Nacht“. Auch hier werden vermeintlich leichtfüßig und beschwingt die (Alltags-)Geschichten der Menschen eines Dorfes erzählt – und dann bleibt dem Leser doch das Lachen im Hals stecken. Das ist eine sehr angenhme, eine unaufgeregte Art des Erzählens, in der die Protagonisten nicht – des Plots wegen – in eine große Katastrophe geschickt werden, der dann weitere folgen, sondern die mit nichts mehr und nichts weniger als dem Wahnsinn des „ganz normalen“ Lebens konfrontiert werden und sich dabei zurechtfinden müssen. Diese Art dieses Erzählens ist mündlichen Berichten nachempfunden, es ist, als würde man abends um einen Tisch sitzen und erzählen, was man über die Nachbarn erfahren hat oder glaubt, erfahren zu haben.

Biblische vierzig Tage dauert der Regen auf Island. Als sich die Erzählerin am 23.12., zur Wintersonnwende, aufmacht, in die Stadt zurückzukehren, klart es zum ersten Mal auf und die Sonne fällt waagerecht in die Fensterscheiben ihres Ferienhauses. Inn ihren Strahlen sonmnt sich der Schmetterling. Und so hat Auður Ava Ólafsdóttir gleich mehrere Leitmotive gewählt, die auf einen Neuanfang für die Erzählerin verweisen. Und da sind ja auch noch die ausstehenden Weissagungen der Wahrsagerin..

Auður Ava Ólafsdóttir (2013): Ein Schmetterling im November, Berlin, Insel-Verlag

Wolfgang Schiffer hat mit seinem Blogbeitrag meine Neugier auf das Buch entfacht.

22 Kommentare

  1. Das scheint eine wunderbare Geschichte zu sein – schon das Bild von dem Wal vor der Sparkasse lockt mich an. Kommt er denn wieder ins Wasser?
    Aber auch im weiteren Verlauf Deiner schönen Besprechung sind so viele Bilder, die sagen: Das Buch sollte gelesen werden…

    • Liebe Birgit,
      es ist ein wirklich schöner, ruhig-unaufgeregter, aber sehr genau beobachtender Roman.Ich kenne mich nicht so richtig aus in den isländischen Literatur, aber die Erzählhaltung ist schon ähnlich wie in Stéfanssons Roman, vielleicht ist diese Art des Schreibens sogar typisch isländisch. Mit dem Wal (noch ein biblisches Bild?) geht es leider nicht gut aus :(. Wenn Du Zeit für die Geschichte findest, werde ich mich über Deine Meinung zur Geschichte und über Deine Enträtselung der Bilder sehr freuen.
      Viele Grüße, Claudia

      • Von isländischen Autoren kenne ich bislang leider nur etwas von Haldor Laxness und Gunnar Gunnarsson…das Ruhige, Unaufgeregte kommt da auch zum Tragen. Aber da weiß Wolfgang Schiffer von den Wortspielen ja sicher am Besten Bescheid. Ich hoffe, dass ich zu der Geschichte komme, mich hat Deine Besprechung sehr angesprochen…Danke und Grüße Birgit

  2. Das Buch stand – hauptsächlich wegen seines wunderbaren Covers – eigentlich auf meiner Wunschliste der Herbsttitel, irgendwie habe ich es dann aber doch, bei all den anderen Neuerscheinungen, aus den Augen verloren. Schön, dass du es mir nun in Erinnerung rufst. 🙂

    • Liebe Mara,
      wahrscheinlich ist Deine Leseliste auch schon meterlang, trotzdem kann ich Dir den „Schmetterling“ nur wirlich empfehlen. Genau die richtige Lektüre nach einem Hundespaziergang bei diesem schmuddeligen Wetter und bei einer schönen heißen Tasse Tee im Schwingsessel :-).
      Viele Grüße, Claudia

  3. Liebe Claudia,
    auch, wenn ich es immer wieder zu vermeiden suche, aber das Buch muss natürlich auf meine überquellende Leseliste, damit ich es wenigstens nicht vergesse.
    Ich musste beim Lesen Deines Posts dauernd lachen – auch wenn es zuweilen traurig sein mag in dem Buch, aber irgendwie offensichtlich immer wieder sehr schön absurd, das Ganze, scheint mir
    Mit einem Grinsen im Gesicht grüßt der Kai

    • Lieber Kai,
      das ist ja super, wenn ich es geschafft haben sollte, den Erzählton des Buches in meinen Beitrag hineinzuschmuggeln. Denn genauso erging es mir beim Lesen des Romans: abstrus, verquer, merkwürdig-fantastisch – und dann wieder ernst, manchmal auch traurig. Und dabei ist es „nur“ eine Alltagsgeschichte, die hier erzählt wird, „nur“ eine Frau, die mal in ihrem Leben etwas zurechtrücken und sich eines vergangenen Traumas bewusst werden muss. Da gibt es keinen abgedrehten Plot, keine unglaublichen Wenden, sondern „einfach“ (soetwas wäre ja manchen anderen Romanen auch zu wünschen) eine ruhige, schöne, Erzählung. Und man/Mann darf sich nicht vom Cover abschrecken lassen; ich fand es geht ein bisschen in die Richtung „Frauenliteratur“ (wozu die Hinweiese von Kochrezepten auf dem Klappentext vielleicht auch noch beitragen).
      Viele Grüße, Claudia

  4. Ach Claudia, warum kannst du nicht mal mehr Bücher verreißen und in Grund und Boden stampfen oder stinklangweilige Sachen vorstellen oder Bücher, die ich schon kenne? Menno, das klingt, als müsste es ganz nach oben auf die Liste. Grins und seufz. LG Anna

    • Liebe Anna,
      das war ja nur eine winzigkleine Rache für Deinen Meyerhoff (ganz, ganz breites Grinsen!). Der „Schmetterlinge“ ist doch auch gar nicht so dick ( 300 Seiten) und kann eine gute Belohnung für stunden- und tagelanges Korrigieren sein. Und am Ende des Buches gibt es noch köstlich anmutende Rezepte für „sauer eingelegten Walspeck“ und „Käferkekse“, aber auch „Apfelkuchen mit prallroten Äpfeln und Sahne“.
      Viele Grüße, Claudia

  5. Liebe Claudia,

    jetzt bin ich auch bei dir fündig geworden. 😉 Was für eine wundersame und wunderbare Geschichte, in die ich steigen möchte. Ich mag die Isländer ja sehr, nicht nur die Sängerin Björk, und bin daher immer erfreut, wenn ich auf neue Inspirationsquellen stoße. Vielen Dank dafür und für das große Vergnügen, das mir deine Rezension bereitet hat!

    Viele Grüße,

    Klappentexterin

    • Liebe Klappentexterin,
      hab vielen Dank für Deine lobenden Worte, die mich sehr erfreuen. Vielleicht kann der „Schmetterling“ dich ja wirklich mitnehmen auf eine novemberliche Reise rund um Island, um all den merkwürdigen und schrulligen und manchmal auch liebenswerten (außer einer Figur, die hat nun gar nichts Liebenswertes) Figuren zu begegnen, allen voran der Ich-Erzählerin und passionierten Sprecherin mehrerer Sprachen sowie Tumi, dem zwar gehandicapten, aber doch ziemlich gewieften Sohn der Freundin. Ich glaube, die Lektüre könnte Dir viel Vergnügen bereiten :-).
      Viele Grüße, Claudia

  6. Ach, das klingt ja ganz reizend! Danke, dass du mit deiner wunderbaren Rezension meine Aufmerksamkeit auf dieses Buch gelenkt hast, das mir hier zum ersten Mal begegnet. Ich mag solche wunderlichen, verträumten Geschichte – wie Birgit hat auch mich der Wal vor der Sparkasse eingefangen, oder auch der Schmetterling, der vor den Augen der Protagonistin auftaucht, während ihr Mann von Scheidung redet. Schöne Bilder, sie laden dazu ein, in sie einzutauchen!

    • Liebe Caterina,
      vielen Dank für Deine schönen Worte! Ich bin ja auch durch eifrige Blogleserei auf dieses tolle Buch gestoßen. Und wer weiß, vielleicht landet ja bald der „Schmetterling“ auch auf Deinem Nachttisch!
      Viele Grüße, Claudia

  7. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #04 – Januar 2014 | Bücherphilosophin.

  8. Eine verführerische Rezension – sie macht unbedingt Lust, das Buch zu lesen! Ich bin heute das erste Mal auf diesen Blog gestoßen und der Überblick zeigt, dass viele der Bücher verlockend sind. Sicherlich werde ich künftig immer wieder mal hereinschauen!

    Viele Grüße, Anne

    • Liebe Anne,
      herzlich willkommen auf dem grauen Sofa! Und fühle Dich ganz herzlich eingeladen, in Ruhe herumzustöbern und vielleicht auch das eine oder andere Buch für Dich zu entdecken. Ich werde auch noch weiter Ausschau bei den isländischen Romanen Ausschau halten, denn die beiden Romane, die ich bisher gelesen habe, sind schon irgendwie toll in ihrer Art des Erzählens. Vielleicht lässt sich da ja noch mehr Tolles finden. Und wenn Du Dich für den „Schmetterling“ entscheiden solltest, dann wünsche ich Dir ganz viel Spaß beim Lesen.
      Viele Grüße, Claudia

  9. Pingback: Die Sonntagsleser #KW 4 | Sätze&Schätze

  10. Pingback: Die Sonntagsleserin KW #04 – 2014 | buchpost

  11. Ich habe den Roman im Herbst in einer Buchhandlung entdeckt und seitdem steht er bei mir im Regal. In unserem Buchclub sind wir zurzeit bei Island angekommen und lesen „Die Eismalerin“ von Kristin Marja Baldursdóttir und es klingt fast so, als sollte ich den Schmetterling direkt danach anschließen 🙂

    • Dann werde ich mal meinen Blick auf „Die Eismalerin“ werfen! Und gespannt warten, ob der „Schmetterling“ sich auch bei Dir bzw. Deinem Buchclub niederlässt.
      Viele Grüße, Claudia

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