Alle unter Flucht verschlagworteten Beiträge

Ben Rawlence: Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt

Wer Luftbilder (z.B. hier oder hier) der Flüchtlingslager von Dadaab im Nordosten Kenias betrachtet, der sieht Zeltstädte oder Hüttensiedlungen soweit das Auge reicht, mit Straßen durchzogen, an manchen Stellen sind Plätze oder größere Gebäude. Wie viele Menschen mögen in diesen Flüchtlingslagern wohnen, unter welchen Bedingungen und wie lange, fragt man sich sofort. Und kann sich leicht ausmalen, was es für die Menschen bedeutet, in solch einem künstlich angelegten Gebilde zu leben, ohne wirkliche Privatsphäre zu den Nachbarn, in einer Nachbarschaft, die nicht gewachsen ist, sondern hier willkürlich entstanden, und mit den Konflikten, die sich allein daraus ergeben. Und dann bringt ja auch noch jeder Flüchtling seine Geschichte mit, ist traumatisiert vom langen Bürgerkrieg, hat alles aufgegeben, weil der Hunger zu groß geworden ist, ist geflohen von den al-Shabaab-Milizen, die ganze Landstriche unter ihre Herrschaft gebracht und ihre Willkürherrschaft etabliert haben. Tatsächlich beherbergt Dadaab je nach politischer oder meteorologischer Situation zwischen 300.000 und 500.000 Menschen. Das Lager ist 1992 gegründet worden, als in Somalia der Bürgerkrieg ausbrach und die ersten 90.000 Flüchtlinge über die Grenze nach …

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Als Laleh nach so vielen Jahren endlich wieder durch die Haustür Madar Bosorgs, ihrer Oma, in Teheran geht, vergisst sie ganz zu schauen, ob die Tür immer noch so blau ist, wie in ihrer Kindheitserinnerung: Nämlich nicht nur einfach blau, sondern in diesem ganz besonderen Blau, in diesem Blau mit Sonnenschein. Aber sie vergisst vor lauter Aufregung auf die Farbe zu achten, denn erst als sie durch die Tür in Madar Bosorgs Haus geht, fühlt es sich für sie an, als sei sie wirklich im Iran angekommen. Es ist 1999 und Laleh ist zum ersten Mal seit der Flucht der Eltern vor über zehn Jahren mit ihrer Mutter Nahid und der Schwester Tara zu Besuch bei ihrer Familie. Der Debütroman Shida Bazyars erzählt die Geschichte Behsads und Nahids, die als Kommunisten aus dem Iran des Ayatollah Khomeini fliehen müssen. Die vor einer angeblichen Urlaubsreise noch einmal durch die blaue Tür gehen, mit der Familie zusammen essen und sich nicht verabschieden können, weil niemand von der geplanten Flucht wissen darf. Sie flüchten nach Deutschland, wo sie …

Johannes Anyuru: Ein Sturm wehte vom Paradiese her

Johannes Anyuru erzählt in seinem in Schweden mehrfach ausgezeichneten Roman eine Geschichte über Flucht und Entwurzelung. Er erzählt von einem Mann, der in die Mühlsteine der afrikanischen Politik und Kriege gerät, der seinen Traum, Pilot zu werden, nicht verwirklichen kann, statt dessen jahrelang auf der Flucht ist. Der, als er schließlich in Schweden ankommt, auch dort keine Heimat findet. Anyurus bedrückende Geschichte des Mannes aus Uganda, der nach dem Putsch Idi Amins nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann, weil er einer anderen, der falschen, Volksgruppe angehört, lässt sich lesen als Beispiel der Lebensnöte, die die Menschen – auch jetzt – zur Flucht zwingen, weil sie im eigenen Land eben keine Heimat haben, weil sie drangsaliert und verfolgt werden. Anyuru erzählt in seinem Roman aber auch die Geschichte des eigenen Vaters, eines ugandischen Kampfpiloten, der sich am Ende einer Odyssee durch die Verhörzimmer und Flüchtlingslager Tansanias, den erzwungenen Aufenthalt im Guerilla-Lager eines ugandischen Oppositionellen und der Flucht nach Kenia durch die Heirat mit einer Schwedin nach Europa retten kann, hier aber immer fremd bleibt. „P“ …

Wolfgang Bauer: Über das Meer. Mit Syrern auf der Flucht nach Europa. Eine Reportage

Gerade die vergangene Woche hat uns wieder Beispiele der menschenverachtenden Taten der Schleuserbanden sehr deutlich vor Augen geführt: In Österreich wurde ein Kühltransporter gefunden, in dem über 70 Menschen erstickt sind, auf dem Meer vor Libyen sind wiederum zwei Schiffe mit Flüchtlingen an Bord gekentert. Wer Di Nicolas und Musumecis Bericht, wer Wolfgang Bauers Reportage gelesen hat, wundert sich fast schon mehr darüber, dass solche Funde, dass solche Unglücke auf dem Meer nicht noch viel häufiger passieren. Haben Di Nicola/Musumeci in ihren Recherchen „Bekenntnisse eines Menschenhändlers“ die Arbeitsweisen der Schleuser- und Schmugglernetzwerke, die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika nach Europa bringen, beschrieben, so zeigt uns Wolfgang Bauer in seiner beeindruckenden Reportage die andere Seite der Flucht, nämlich die traumatischen Erlebnisse der Flüchtlinge. Er hat versucht, zusammen mit dem tschechischen Fotografen Stanislav Krupar, mit syrischen Flüchtlingen im April 2014 aus Ägypten über das Meer nach Italien zu gelangen. Täglich kommen zigtausend Flüchtlinge auf diesem Weg an den Küsten Italiens und Griechenlands an. Welche Erlebnisse sie bis dahin schon hinter sich gebracht haben, können wir …

Madeleine Thien: Flüchtige Seelen

Vom Überleben der Terrorherrschaft in Kambodscha erzählt Madeleine Tiens Roman, vom Umgang mit der Schuld, die einzige Überlegende einer Familie zu sein, von den schrecklichen Bildern aus der Kindheit, die immer noch da sind und immer wieder kommen, aber auch von dem Willen, die Erinnerung an die Menschen, die alle getötet wurden, aufrecht zu erhalten. Madeleine Thien erzählt in ihrem Roman die Geschichte Janies, die als Elfjährige mit ihrem jüngeren Bruder aus Kambodscha auf abenteuerlichen Wegen fliehen konnte, die heute, 2006, in Montreal lebt und als Gehirnforscherin arbeitet, die einen kleinen Sohn hat und trotz aller scheinbaren Normalität doch immer wieder von den Schrecken der Vergangenheit heimgesucht wird. Als die Roten Khmer 1975 unter der Führung von Pol Pot die Macht in Kambodscha übernahmen, etablierten sie ein Terrorregime gegen die eigene Bevölkerung, einen Autogenozid. Innerhalb weniger Tage wurde die Bevölkerung aus den Städten vertrieben und auf wochenlange Märsche durch das Land geschickt, bis die Gruppen, schließlich irgendwo auf dem Land bleiben konnten, um dort zu arbeiten. Nachbarschaften wurden durch die Zwangsumsiedelung auseinandergerissen, auch Familien ganz …