Flucht und Entwurzelung, Lesen, Sach- und Fachbuch
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Ben Rawlence: Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt

Wer Luftbilder (z.B. hier oder hier) der Flüchtlingslager von Dadaab im Nordosten Kenias betrachtet, der sieht Zeltstädte oder Hüttensiedlungen soweit das Auge reicht, mit Straßen durchzogen, an manchen Stellen sind Plätze oder größere Gebäude. Wie viele Menschen mögen in diesen Flüchtlingslagern wohnen, unter welchen Bedingungen und wie lange, fragt man sich sofort. Und kann sich leicht ausmalen, was es für die Menschen bedeutet, in solch einem künstlich angelegten Gebilde zu leben, ohne wirkliche Privatsphäre zu den Nachbarn, in einer Nachbarschaft, die nicht gewachsen ist, sondern hier willkürlich entstanden, und mit den Konflikten, die sich allein daraus ergeben. Und dann bringt ja auch noch jeder Flüchtling seine Geschichte mit, ist traumatisiert vom langen Bürgerkrieg, hat alles aufgegeben, weil der Hunger zu groß geworden ist, ist geflohen von den al-Shabaab-Milizen, die ganze Landstriche unter ihre Herrschaft gebracht und ihre Willkürherrschaft etabliert haben.

Tatsächlich beherbergt Dadaab je nach politischer oder meteorologischer Situation zwischen 300.000 und 500.000 Menschen. Das Lager ist 1992 gegründet worden, als in Somalia der Bürgerkrieg ausbrach und die ersten 90.000 Flüchtlinge über die Grenze nach Kenia kamen. Nur für kurze Zeit sollten die Menschen hierbleiben, ein Provisorium sollte das Lager sein. Nun ist das Lager bereits 25 Jahre alt, eine erste Generation Menschen lebt hier, seit sie als Kinder hergekommen sind, manche sind hier geboren und kennen gar kein anderes Leben. Und immer wieder kommen neue Flüchtlinge, weil es keinen Frieden gibt in Somalia und weil es immer wieder Hungersnöte gibt, wenn eine oder gleich zwei Regenzeiten ausbleiben.

So sind im Laufe der Zeit zum ersten Lager neue dazugekommen; heute sind es vier, die um die ursprüngliche kleine kenianische Dadaab gebaut wurden. Entstanden sind so neue Stadtteile, mit allem, was eine Stadt ausmacht: mit Krankenhäusern und Schulen, einer Wasserversorgung und einem Mülltransport, mit Kinos und Märkten, auf denen es alles zu kaufen gibt, was das Herz begehrt, mit Plätzen, an denen die großen europäischen Fußballspiele geschaut werden können und sogar mit eigenen Fußballligen. Und mit Korruption und Unterdrückung, mit der Macht des Stärkeren, mit Hunger, Krankheiten und vielen Konflikten. Nicht zuletzt mit der kenianischen Regierung, der, obwohl viele Politiker hier fleißig mitverdienen, das Lager ein Dorn im Auge ist.

Ben Rawlence, ein britischer Journalist, der zehn Jahre als Menschenrechtsbeobachter gearbeitet hat, hat die Flüchtlingslager von Dadaab immer wieder besucht. Über mehrere Jahre hinweg hat er Kontakt gehabt zu den Flüchtlingen, hat sich ihre Lebensgeschichten angehört, an ihrem Leben im Lager teilgehabt und mit ihnen über ihre Vergangenheit, ihr Leben im Lager, ihre Hoffnungen und Träume gesprochen. Neun dieser Geschichten erzählt er nun in seinem Buch über die „Stadt der Verlorenen“. Und gibt dabei auch tiefe Einblicke hinter die Kulissen des Lagers, in dem sich, sozusagen losgelöst von den rechtlichen und ökonomischen Strukturen der (kenianischen) Umgebung, eine ganz eigene Art des Lebens gebildet hat.

Da ist zum Beispiel Guled aus Mogadischu, dessen Eltern bereits verstorben sind, als er ein Teenie war und der mit seiner Schwester im Haus der Eltern allein lebte. Um Mogadischu kämpften die afrikanische Friedenstruppe Amison, die eine viel zu schwache aus Äthiopien installierte Regierung schützen sollte, gegen die immer weiter erstarkende Al-Shabaab-Miliz. Als die Kämpfe zu nah an das Haus der Geschwister kamen, flohen sie in die Vororte, schliefen unter den Sträuchern und gingen von dort in die Schule. Guled bekam einen Job als Fahrer eines Kleinbusses, denn die Männer waren alle im Krieg und er immerhin schon so groß, dass er an die Pedale gelangte. So ging er morgens zur Schule und abends transportierte er Menschen. Al-Shabaab aber suchte immer wieder neue Milizionäre. Ihre Kämpfer geingen in die Schulen und nahmen alle Jungen mit; die älteren schickten sie an die Front, die jüngeren wurden Sittenwächter und kontrollierten die Bevölkerung, ob auch die strengen islamischen Gesetze eingehalten werden. Nach ein paar Wochen bekam Guled zum ersten Mal für ein paar Stunden Ausgang und nutzte die Zeit sofort zur Flucht. Mit dem Bus und in der „Verkleidung“ des Helfers des Busfahrers gelangte er ohne weitere Kontrollen nach Dadaab.

Mit Guleds Ankunft in Dadaab, mit seiner Anmeldung, seiner ersten Essensration, mit der Suche nach einer Unterkunft, für die er Teile seiner Essenration abgeben muss, mit dem Sparen für ein Telefonat mit seiner Familie in Mogadischu, für das er weitere Teile seiner Essensration verkaufen muss, wird dem Leser schnell klar, wie die Wirtschaft im Lager funktioniert. Da jeder Bewohner, egal wie alt er ist und welche physiologischen Bedürfnisse er hat, die gleiche Ration bekommt, nämlich drei kg Mehl, zwei kg Reis, ein Kilo Bohnen, ein halber Liter Speiseöl und 240 g Salz (für 14 Tage), da die Bewohner – eigentlich – nicht arbeiten dürfen, ist dieses Essen die Währung, mit der hier bezahlt wird: Wer einen besonderen Wunsch hat, muss Lebensmittel verkaufen. Bei großen Familien, die viele kleine Kinder haben, lässt sich hier einiges verdienen. Und da die Kontrolle derjenigen Lagerinsassen, die auch tatsächlich im Lager wohnen, lange Zeit nicht exakt war, können Familien auch Lebensmittel abholen für Angehörige, die schon wieder weggezogen sind.

Geld kann aber auch verdienen, wer für größere Familien die Lebensmittel in die manchmal weit entfernten Hütten trägt oder auf dem Markt eine Arbeit als Träger findet. Davon lebt Nisho, der schwere Säcke vom LKW in den Markt trägt und natürlich mit Argusaugen schaut auf die vielen neuen Flüchtlinge, die im Lager ankommen und so hungrig sind, dass sie eine Arbeit für jeden Lohn annehmen. Wenn Rawlence Nishos Geschichte erzählt, erfährt der Leser auch, dass die Markthändler zur Mittelschicht des Lagers zählen, das manche von ihnen tatsächlich Dollar-Millionäre sind. Sie beziehen Waren aus Kenia und aus Somalia. Dafür schmieren sie Al-Shabaab oder die kenianische Polizei und kommen so an alle Waren, die sie haben möchten. Zu Händlern werden die Flüchtlinge, die Geld mitbringen ins Lager und die einem der einflussreichen somalischen Clans angehören: die sozialen Risse der somalischen Gesellschaft finden sich im Lager wieder. Und Menschen wie Nisho, der zu keinem einflussreichen Clan gehört, muss richtig ackern, wenn er sich zu seinen Lebensmitteln ein Zubrot verdienen möchte.

Ben Rawlence schildert das Lagerleben am Beispiel seiner neun „Protagonisten“ und zeichnet so die sehr komplexen Lagerstrukturen auf. Wir sehen die zerrütteten Familien, die auseinanderbrechen, weil es kein Geld gibt, keine Möglichkeiten, selbstständig und selbstbestimmt zu leben, weil es an allem fehlt. Wir sehen die ethnischen Konflikte, die durch das enge Zusammenleben, manchmal auch die „Liebesgeschichten“, entstehen. Wir lernen den Heiratsmarkt kennen und die unterschiedlichen Preise, die die Männer bezahlen müssen, wir lernen, wie viel eine junge Frau wert ist, deren Familie schon im Lager etabliert ist, wie viel eine Frau kostet, die gerade erst angekommen ist. Anders als über diesen unwürdigen Heiratsmarkt können die jungen Frauen und Männer im Lager ihre Sexualität nicht leben. Wir sehen die Korruption, die im Lager herrscht, die Korruption, die außerhalb des Lagers herrscht, die vielen Möglichkeiten, sich an der Armut und der desolaten Situation der Flüchtlinge zu bereichern. Die Korruption lässt sich bis in die höchsten kenianischen Politikerkreise erkennen.

Ben Rawlence hat eine lange Reportage über Dadaab geschrieben, über eine Zeit von 2011 bis 2014. IN diesem Zeitraum verfolgt er die Leben der neun Flüchtlinge und kann so auch Entwicklungen in ihrem Leben nachzeichnen. Und diese Entwicklungen ergeben sich meistens nicht daraus, dass sich einer von ihnen ein Ziel gesetzt hat, das er erreicht. Die wenigsten Lagerbewohner können ihr Leben selbst gestalten. Vielmehr ergeben sich die Entwicklungen mehr durch die bedrohlichere Situation, die sich über dem Lager zusammenbraut: die vielen neuen Flüchtlinge, die wegen der Hungerkatastrophe und der zunehmenden Macht al-Shabaabs vor allem im Süden Somalias 2011 und 2012 ins Lager kommen, will die kenianische Regierung nicht. Sie vermutet, dass mit den Flüchtlingen Islamisten ins Land kommen (wie gut wir diese Argumente kennen).

Kenia beginnt, gegen den Widerstand der USA, einen Krieg gegen Somalia bzw. gegen die al-Shabaab-Milizen, der, statt wie versprochen ein paar Tage, Monate dauert. Tatsächlich begehen die Islamisten nun in Kenias Städten Terroranschläge, was die Situation aller Somali im Land verschlechtert. Als al Shabaab dann auch noch anfängt, im Lager Attentate zu begehen, die auch gegen die internationalen Hilfswerke gerichtet sind, als sie beginnen, westliche Entwicklungshelfer zu kidnappen, um Lösegelder zu erpressen, ziehen sich auch die Helfer aus den Lagern zurück und überlassen alle organisatorischen und verwaltenden Arbeiten den Flüchtlingen. Als dann der Syrienkonflikt ausbricht, verschwindet die somalische Flüchtlingssituation ganz aus der medialen Öffentlichkeit, die Hilfsgelder gehen in die neuen Lager, um die Syrer zu versorgen, in Dadaab wird die Essensration gedrosselt und an der medizinischen Versorgung gespart.

Rawlence Reportage, die an vielen Stellen Hintergrundinformationen liefert, ist spannend geschrieben wie ein Roman. Und zeigt doch eine unfassbare Realität.  Rawlence versucht einen offenen, unvoreingenommenen Blick auf die Situation. Er klagt zwar selten an, dann aber nachdrücklich, wenn er über die Korruption spricht auf der einen Seite und das Wegschauen der westlichen Länder auf der anderen. Denn solange keine islamistischen Terroristen aus den Lagern kommen, gibt es keine Notwendigkeit, etwas zu tun. Aber er schafft ein Bewusstsein dafür, dass dort Menschen leben, die nicht mehr vor- und kaum noch zurückkönnen. Denen fast nur der Weg nach Europa bleibt, wenn sie sich dann nicht doch mit al-Shabaab und ihrem fundamentalistischen Islam arrangieren wollen. Seiner Meinung nach könnte die Situation für die Menschen in Dadaab deutlich verbessert werden, wenn sie arbeiten dürften, wenn sie ihre Stadt selbst voranbringen könnten, wenn sie nicht in illegale Pack- und Handelstätigkeiten gedrängt würden, sondern als Händler, Handwerker, als Lehrer und Pfleger arbeiten könnten.

Das Lesen der langen Reportage lohnt auf jeden Fall: 2016, so hat das UNHCR im Juni gemeldet, seinen 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht, so viele, wie Frankreich Einwohner hat. Das sind 6 Millionen Flüchtlinge mehr als 2015. Dabei kommt die Hälfte aller Flüchtlinge aus drei Ländern: Syrien, Afghanistan und Somalia. Viele von ihnen leben in Lagern wie Dadaab, in denen das Leben ganz ähnlich sein wird.

Ben Rawlence (2016): Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt, München, Nagel & Kimche

Dadaab spielt auch eine Rolle in Michaela Maria Müllers „Geschichte von Ayan und Samir. Eine Rezension könnt Ihr hier lesen.

5 Kommentare

    • Liebe Maren,
      ss ist aber auch ein sehr beeindruckendes Buch gewesen! Und vielen Dank für Deine lobenden Worte.
      Viele Grüße, Claudia

    • Da kann ich mich nur anschließen. Und doch auch fassungslos zurückbleiben: Warum solche Reportagen, die die Missstände aufdecken, nicht wirklich etwas ändern können. Warum der Westen wegschaut, wie du schreibst. Das ist ein Elend in dieser Welt, man fasst es nicht.

      • Zum einen sicherlich auch, weil es zu viele dieser Probleme gibt. Es scheint ja ein Phänomen gerade unserer Tage zu sein, dass wir kein Problem länger anschauen und Zeit für Lösungen haben, denn schon gibt es das nächste . Und Afrika ist für den „Westen“ ja auch – zum zweiten – weit genug entfernt. Das wird erst wieder ein Thema, wenn die Flüchtlinge aus Dadaab dann plötzlich in Europa ankommen, wie Rawlence es andeutet, wie Michalea Maria Müller es erzählt. Und es ist zum dritten auch kein leicht zu lösendes Problem, denn viele der afrikanischen Staaten mit ihren mächtigen und korrupten Clans scheinen politisch sehr instabil zu sein, eine Flanke islamistischer Terroristen sorgt von Mali aus bis nach Somalia in einem breiten Keil, und vom den Jemen und Saudi-Arabienbis nach Afghanistan zusätzlich für Instabilität. Erschreckend auch, wie viele Menschen weltweit in solchen Lagern wie dem in Dadaab sitzen, voller Hoffnungslosigkeit, weil sie in ihre Heimat niht zurückkehren können und Jahr für Jahr festsitzen, womöglich noch ihre Kinder aufwachsen sehen und sehen, dass die auch keine Chance haben. Es stimmt, was Du schreibst: Es ist ein Elend, man fasst es nicht!

  1. Danke für die Rezension, Claudia, ich behalte sie im Hinterkopf, jedoch, du weisst, ich habe es noch nicht geschafft, dein letztes Buch zu lesen. Immerhin – das erste Kapitel habe ich gelesen, es ist solange her, dass ich wieder von vorne beginnen muss.
    Viele Grüße sendet dir aus dem sonnigen Berlin, Susanne

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