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Rasha Khayat liest in Düsseldorf

Natürlich ist erst einmal das Wetter ein Thema, denn es ist ja schon ein bisschen verrückt, mitten im August, zur besten Schulferienzeit und bei sommerlichen Temperaturen in die Stadtbibliothek zu einer Lesung zu gehen. So eine Wasserglas-Lesung ist ja eher etwas für einen verregneten und vernebelten Novemberabend, wenn man sich in einem warmen Raum zusammendrängeln kann, um gemeinsam einer Geschichte zu lauschen. Und so freut sich Michael Serres, der Leiter des Literaturbüros NRW, auch ganz besonders über die vielen Zuhörerinnen und Zuhörer, die an diesem „vierten Sommertag“ des Jahres in das Lernstudio der Stadtbibliothek gekommen sind, so viele, dass die Mitarbeiterinnen unentwegt neue Stühle herangeschafft haben.  Und Rasha Khayat freut sich auch über die sommerlichen Temperaturen in Düsseldorf, denn in Hamburg sei sie bei tatsächlich 11 Grad in den Zug gestiegen.

Das Thema der frühabendlichen Lesung ergab sich dann auf augenzwinkernde Art sehr schnell, als Serres nämlich die Delegation des Dumont-Verlages begrüßte, die aus einer – natürlich namenlosen – Stadt in der Nähe extra angereist sei. Köln und Düsseldorf, das sind die seit Ewigkeiten verfeindeten Rheinstädte mit ihren so unterschiedlichen Kulturen, im Karneval beispielsweise und auch bei ihren so unterschiedlichen Biersorten, wie Rasha Khayat ergänzt, dass sich Kölner in Düsseldorf schon fremd fühlen können und Düsseldorfer in Köln. Diese Fremdeln kennen auch Serres und Khayat, geborene Westfalen, die irgendwann in ihrem Leben, zum Studium, zum Arbeiten, ins Rheinland gezogen sind – auch hier also Entwurzelung, Irritation, Entortung.

Das Wort Entortung, so erzählt Rasha Khayat auf ihrem Blog „West-östliche Diva“, habe sie in zähem Streit gegen ihren Lektor und sein Ansinnen, es doch durch ein existierendes Wort zu ersetzen, verteidigt. Es solle ein Gegenbegriff sein zum englischen „Displacement“ und wenn es dereinst im Duden lande, dann möge man bitte an sie denken.

Entortung ist aber auch das Thema ihres gerade überall so positiv angenommenen Romans „Weil wir längst woanders sind“. Das Fremdsein habe sie dort in allen Facetten durchgespielt, denn es könne ja durch ganz unterschiedliche Aspekte ausgelöst werden, die Sprache, die Kleidung, das Essen, die Lautstärke, das Klima, der Umgang miteinander, das Zusammenleben der Familie. Und so liest sie Passagen ihres Romans vor, die genau diese verschiedenen Situationen erzählen: wie Basil und Layla ihren ersten Schnee entdecken, der längst nicht so schmeckt, wie sie erwartet haben; wie sie mit den Großeltern zum Schlittschuhfahren gehen und die Großeltern mehr Freude auf dem Eis haben als die Kinder; wie sie in der neuen Schule angemeldet werden, neue Kleidung tragen, in der Klasse neue Freunde finden müssen – und nichts davon mögen, weil es so anders ist.

Wenn Rasha Khayat liest, dann entstehen vor den Augen der Zuhörer ganz lebendige Szenen: der Schnee schmilzt in der eigenen Hand, der Lärm und die Klänge der fremden Sprache am Flughafen hängen im Raum, der Geruch des im Ganzen gebratenen Hammels, der doch die kulinarische Sensation beim Junggesellenabschied sein soll, sticht in die Nase und verursacht bei den Zuhörern gut sichtbare skeptisch gekräuselte Stirnen und Laute, die Abwehr und Ekel hörbar machen. Und der manchmal auch ironische Ton der Erzählung ist nun auch ganz deutlich zu hören.

RK_2Das Gespräch mit Michael Serres umkreist die wohl üblichen Themen, zu allererst natürlich die Frage nach der Verortung der Geschichte in Rasha Khayats Biographie. Die grinst breit und gibt zur Antwort, dass es doch egal sei, ob eine Geschichte autobiographisch sei; glaubwürdig müsse sie sein, damit der Leser sie gerne lese und ihr folge. Und das Publikum schmunzelt über den Hinweis auf Karl May, dessen Abenteuergeschichten aus fernen Ländern wir doch alle gern gefolgt sind, auch wenn Karl May nie im wilden Westen war und nie im wilden Kurdistan.

Und natürlich kommt das Gespräch auch darauf, wie es denn sein könne, dass Layla ausgerechnet nach Saudi-Arabien ziehe, dem Land gegen das auch Rasha Khayat immer wieder Internetpetitionen unterschreibe. Irritieren wolle sie mit ihrem Roman, so Khayats Antwort, es solle sich kein Leser in ihrem Roman gemütlich einrichten. Dass sie vermeintliche Gewissheiten gerne auf den Kopf stellt, wird auch deutlich, als sie erzählt, wie es überhaupt zu ihrem Blog gekommen sei. Sie reise ja viel in die arabische Welt, habe immer wieder Zeitungen Artikel angeboten über das eine oder andere Thema, zum Beispiel über berufstätige arabische Frauen. Ob die sich denn nicht gegen ihre Ehemänner durchsetzen müssten, um ihrer Arbeit nachgehen zu können, sei sie gefragt worden. Nein, die Männer unterstützten die Berufstätigkeit, zu arbeiten sei „auch“ für Frauen ganz normal. Dann haben die Redaktionen abgewunken, die Geschichten enthielten zu wenig Aufregungspotential. So habe sie sich entschlossen, diese Artikel auf dem eigenen Blog zu veröffentlichen.

Diese Geschichte zeigt das Problem mit diesem Thema ganz deutlich: Wie unvoreingenommen können wir uns über die Medien dem alltäglichen Leben in den arabischen Ländern nähern? Hat das Fernsehen, haben die Zeitungen einen zu undifferenzierten Blick nur auf problematische Situationen, blicken sie zu wenig darauf, wie die Menschen leben? Oder anders: Ist es möglich, nur das private Leben zu sehen, ohne das politische mit zu betrachten? Das sind ja auch genau die Fragestellungen, die den Leser auch in „Weil wir längst woanders sind“ verunsichern und verstören.

Und dann spricht Rasha Khayat noch von der ganz besonderen Beziehung zwischen Geschwistern, davon, dass man doch keinen anderen Menschen so kenne, wie den Bruder oder die Schwester. Und wenn einer sich dann auf einmal und ganz unbemerkt selbstständig mache, sich verändere, dann sei die Erschütterung darüber, dass man sich so gar nicht mehr auskenne mit dem vertrauten Menschen, besonders groß. Dieses Thema schwingt schon in Basils Geschichte mit, vielleicht werde sie sich der Geschwisterbeziehung auch in ihrem nächsten Romanprojekt zuwenden.

Und so endet die Lesung – früh genug, dass die Zuhörer mit vielen Eindrücken und jeder Menge Gesprächsstoff in den lauen Sommerabend entlassen werden, um im nächsten Biergarten noch stundenlang diskutieren zu können.

4 Kommentare

  1. „Entortung“ ist ein interessantes Wort – wer es im Internet sucht, findet ein paar einschlägige Referenzen -, was hat denn dem Lektor daran nicht gefallen? Danke für die Besprechung und den Bericht von der Lesung.

    • Der Lektor meinte, so erzählte Rasha Khayat, es gebe das Wort nicht. Sie solle eines nehmen, das sich im Duden finden lasse. Dabei macht das Wort, so finde ich, und egal, ob es im Duden steht oder nicht, doch die Situation ganz klar deutlich. Und gerade Literatur darf doch auch neue Wörter kreiieren. Genau dafür haben wir sie ja – u.a.- Ich schaffe es ja leider selten in Lesungen, weil ich oft abends meine Zeit in Klassenräumen verbringe, und so habe ich mich gefreut über diesen schönen Lesungstermin. Und die Lesung hat mir den Roman auch noch einmal ein Stück näher gebracht.

      • Danke, Claudia, für die Resonanz. Darauf komme ich gerne noch einmal zurück. Dass es ein Wort nicht gäbe und sich nicht im Duden finden lasse, finde ich für einen Verlagslektor ziemlich erstaunlich.
        Viele Worte gibt es nicht im Duden und auch nicht im Google Translator, wenn ich mit nicht-deutschsprachigen Menschen zu tun habe.
        Mein Argument ist: wer kann, soll, darf, muss und will denn neue Worte finden für neue Situationen oder andere Wahrnehmungen der Wirklichkeit: die Technologie-Konzerne, Kommunikations-Agenturen, oder eben gerade auch Autorinnen, Dichter, Übersetzer*innen, Wortschaffende …
        Die Wortbildung „Entortung“ ist bereits in die wissenschaftliche Sprache zur Exil-Litartur eingezogen – wer kann es also dieser jungen Autorin verdenken?
        Wunderlich …

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