Flucht und Entwurzelung, Lesen, Romane
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Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind

Saudi-Arabien ist nicht gerade ein Land, in das es Mitteleuropäer, zumal Frauen, in Scharen zieht: Ein absolutistischer König herrscht, die islamische Religion wird besonders konservativ und streng ausgelegt. Die Folgen sind die Verletzung von Menschenrechten, eingeschränkte Meinungsfreiheit und archaische Strafen wie Steinigung und Auspeitschung, von der Todesstrafe ganz zu schweigen. Für Frauen wird die Situation noch einmal schwieriger, denn sie müssen sich nicht nur in der Öffentlichkeit verschleiern und dürfen nicht Autofahren, dürfen nicht mit nicht-verwandten Männern zusammentreffen, was (universitäre) Bildung, was Arbeit, ja sogar die Krankenversorgung erschwert, sie haben vor allem nur eingeschränkte Rechte, weil sie immer einen männlichen Vormund haben, der über sie bestimmen kann, erst den Vater, dann den Ehemann. Fürwahr kein Traumland.

Dorthin, nach Jeddah, fliegt Basil. Seine Schwester Layla hat ihn zu ihrer Hochzeit eingeladen. Und Basil nimmt die Einladung an, einmal natürlich, weil ihn seine Schwester darum gebeten hat, aber auch, weil er verstehen möchte, was sie zu diesem Schritt treibt. Basil und Layla, Layla und Basil, das ist die Geschichte gewesen von zwei Geschwistern, fast Zwillingen gleich, die bisher alle Hürden des Lebens, alle Herausforderungen gemeinsam gestemmt haben. Und nun ist Layla in Saudi-Arabien, bei der Familie ihres Vaters Tarek und wird dort heiraten. Für Basil ist sie dann unerreichbar, so fürchtet er.

Layla und Basil sind sogenannte Bindestrichkinder, sie sind saudi-arabisch – deutsch, mit dem Vater Tarek, der während seiner Zeit in einem Krankenhaus im Ruhrgebiet die Krankenschwester Barbara kennen gelernt hat. Sie haben geheiratet, haben mit den Kindern in Saudi-Arabien gelebt, bis Tarek noch seinen Facharzt an einem deutschen Krankenhaus machen wollte. Die üblichen Sommerferien bei den deutschen Großeltern wurden für die Kinder auf einmal ungewöhnlich lang, der Kauf von Winterjacken zeigte ihnen, dass etwas anders ist als sonst. Und dann wurden sie in einer deutschen Grundschule angemeldet. Ohne dass die Eltern es ihnen erklärt hätten, ist die Familie nach Deutschland gezogen.

Alles haben sie hier gemeinsam entdeckt, den ersten Schnee, das Schlittenfahren mit dem Großvater, die langen langweiligen Regennachmittage. Alles haben sie gemeinsam durchgestanden, den plötzlichen Tod des Vaters, ihren eigenen Verlust, die Trauer der Mutter und ihre Wut darüber, nun auch noch den Vorurteilen der deutschen Nachbarn ausgeliefert zu sein, die, „Nicht ohne meine Tochter“ war gerade erschienen, hier ganz offensichtlich eine Mutter sahen, die mit ihren Kindern von Saudi-Arabien nach Hause geflohen war. Das wäre gar nicht gegangen, sagt Barbara immer wieder, denn in Saudi-Arabien hat der Ehemann den Pass seiner Frau.

Und dann in Hamburg, während Basils Studium, haben die beiden zusammen mit Alex in einer Wohngemeinschaft gelebt, Layla und Alex waren verliebt. Dann ist Layla gegangen, ohne ein Wort zu sagen; es gab Konflikte mit Alex, die Buchhändler-Ausbildung hat sie hingeschmissen, weil sie nicht übernommen werden sollte, sie ist nicht zur Prüfung gegangen, hat sich nicht bei Alex, nicht bei Basil gemeldet. Und bittet nun Basil zur Hochzeit nach Jeddah zu kommen.

Für Basil ist dies auch eine Reise in seine eigene Vergangenheit. Alles ist ihm fremd – und doch merkwürdig vertraut: die Kleidung, die Rituale des Freitagsgebets, die große Familie, die sich im Wohnzimmer von Onkel und Tante treffen, und voller Freude sind, weil sie ihn nach so langer Zeit endlich wiedersehen, das Essen, die Getränke. Und Layla? Sie wirkt auf Basil so zufrieden, so glücklich, so angekommen.

Rasha Khayat lotet in ihrem Roman aus, was Fremd-Sein ist, was Vertraut-Sein. Basil und Layla, Geschwister, Zwillinge fast, die lange so vertraut waren, die lange alles gemeinsam gemacht haben, wandeln sich als Erwachsene und beziehen auf einmal mit Blick auf die Frage nach der Heimat ganz gegensätzliche Positionen. Aus der sich spiegelnden Einheit werden zwei gegensätzliche Pole. Das verunsichert Basil zutiefst. Und so macht er sich auf die Reise und beobachtet alles mit dem wohl festen Vorsatz, ganz offen zu sein, kein Urteil zu fällen, um so nachvollziehen zu können, wie es zu Laylas Entscheidung gekommen ist. Diese Perspektive erlaubt es auch dem Leser, ohne Vor-Urteil Einblicke in Laylas neues Leben zu bekommen.

„Meine Tante Basma redet über mich hinweg auf Omar ein, der an meiner anderen Seite sitzt, und ich schaue Layla zu, wie sie und Onkel Khaled mit dem kleinen Mädchen spielen. Ihr Gesicht wirkt weicher. Ihre Züge weiblicher. Selbst unter der weiten, weißen Bluse kann ich sehen, dass sie ein paar Kilo zugenommen hat. Ihre Nägel sind akkurat gefeilt und hellrosa lackiert, sie trägt den goldenen Verlobungsring. Es ist, als hätte sie ihr Erbe auch körperlich angenommen. Ihre Gesten ähneln denen meiner Cousinen und Tanten, sie lacht laut und von innen heraus. Und selbst nach all den Jahren ohne die Sprache kann ich hören, dass ihr Arabisch nahezu akzentfrei ist. Fast mühelos wirkt sie hier, wie eine stärkere, mutigere Version ihrer selbst.“ (S. 43/44)

Indem Rasha Khayat diese fast neutral berichtende Erzählstimme auf die Reise schickt, schafft sie für die Leser ganz lebendige Einblicke in das Familienleben der saudi-arabischen Großfamilie – das sehr erinnert an die Familienszenen, die Shida Bazyar in „Nachts ist es leise in Teheran“ berichtet. Indem die Autorin ihren Protagonisten aber auch zur Verwandtschaft nach Mekka schickt, bei der Frauen und Männer sich auch bei Familientreffen durchaus in unterschiedlichen Räumen aufhalten, in ein Hotelresort, in dem es einigermaßen freizügig zugeht, nicht zuletzt auch zu Laylas Hochzeit, die auch, nach einer kurzen gemeinsamen Zeremonie, in eine Männerfeier und eine Frauenfeier zerfällt, zeigt sie unterschiedliche Facetten des saudi-arabischen Familienlebens.

Basil erzählt dies alles in einer sehr nüchternen Sprache, in einem oft parataktischen Satzbau, ohne eine so poetische Sprache, wie Shida Bazyar ihre Geschichte erzählt. Trotzdem ist diese Sprache so anschaulich, dass die beschriebenen Szenen ganz lebendig vor dem Auge des Lesers entstehen. Und gewährleistet den offenen Blick auf die fremde Gesellschaft. Trotz des Versuchs der Neutralität: Die Trennung von Männern und Frauen, die höchstens in der Familie zusammenkommen können, die vielen Gespräche im Wohnzimmer, die ein ernsthaftes Gespräch verhindern, der Junggesellenabschied in der Wüste, der vor allem Männlichkeitsrituale enthält, der Ausflug in das freizügige Hotel, in dem doch die Sittenpolizei anwesend ist, das alles befremdet den Leser.

Einmal kann Basil mit Layla sprechen, sie über ihre Entscheidung befragen. Und sie erzählt über das Fremd-Sein in Deutschland, darüber, immer wieder durch ihr Aussehen als Fremde wahrgenommen zu werden, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen für ihr anderes Aussehen. Sie erzählt über die Zeit nach dem 11.9.2001, in der alle arabisch aussehenden Menschen unter Generalverdacht gestellt wurden. Hier, in der Heimat ihres Vaters, bei der Familie müsse sie nicht immer erklären, welches Land das bessere sei. Deshalb wolle sie hier leben, auch, wenn sie den Mann, den sie heiratet, nicht liebt und es ihr reicht, dass ihre Vorstellungen übereinstimmen.

Laylas Position ist die, dass Heimat und sich-zu-Hause fühlen von wesentlich mehr abhängt als dem politischen System eines Landes, dass es auch damit zu tun hat, dass die Umwelt den einzelnen nicht immerzu als fremd wahrnimmt und von ihm eine ganz besondere Anpassungsleistung erwartet, dass Heimat auch damit zusammenhängt, wie Familie zusammenlebt. Basil reist trotzdem in dem Bewusstsein ab, eine Schwester verloren zu haben. Und er kennt durch den Cousin Omar Familiengeschichten, die zeigen, wie rigide auch diese Familie sein kann, wenn jemand aus der Reihe tanzt.

Die politische Verfasstheit Saudi-Arabiens wird, mit Ausnahme der Frage nach Laylas beruflichen Möglichkeiten, nicht thematisiert. Das kann dem Roman vorgeworfen werden. Auch wenn der Leser Laylas Entscheidung nicht ganz verstehen kann, so hat Rasha Khayat doch in eindrucksvollen Bildern davon erzählt, was dazu gehört, um sich vertraut zu fühlen, was dazugehört, um sich fremd zu fühlen.

Rasha Khayet (2016): Weil wir längst woanders sind, Köln, DuMont Buchverlag

8 Kommentare

  1. … Bindestrichkinder, dieses Wort, um eine Bikulturalität zu beschreiben, dass stößt mir auf, steht das so in dem Roman? Lieber Gruß, Tania

    • Liebe Tania,
      ob dieser Begriff aus dem Roman ist oder ich ihn an anderer Stelle gelesen habe, das weiß ich nun nicht mehr ganz genau. Ich habe ihn aber verwendet, weil ich mir da nichts Schlimmes bei gedacht habe. Was ist es denn, was Dich gegen den Begriff aufbringt?
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia, entschuldige – deine nette Antwort ist mir wohl in den Urlaubsvorbereitungen untergegangen, hier meine Antwort, die in der obigen Frage aber schon enthalten ist: Ich finde den Begriff Bindestrichkinder als Wort, um Bikulturalität zu be- oder umschreiben, unpassend, pejorativ. Viele Grüße, Tania

  2. Eine zum Nachdenken anregende Besprechung, viele Fragen, zB ob die Tochter mit ihrer „Heimkehr“ im Wesentlichen den toten Vater ehren will. Loyal zum väterl Erbe stehen, das mütterliche Erbe ablegen. Dies wird wohl eine Episode bleiben. Danach kommt das Unglück, der erneute Aufstand …Die Selbstfindung ist ein schwieriger Prozess.

    • Liebe Gerda,
      ich habe den Roman nicht so verstanden, dass Layla nur nach Saudi-Arabien zurückgekehrt ist, um ihren toten Vaters zu ehren. Es scheint ihr vielmehr um die andere Lebensform innerhalb der Familie zu gehen, darum, dass sie in der Familie nicht immer wieder erklären muss, welches Land besser sei – so wie die Deutschen sie das immer fragen. Es geht ihr wohl auch eher darum, nicht als „fremd“ aufzufallen, wie sie dies durch ihr Äußeres in Deutschland immer wieder erlebt. Diese Facetten von „fremd“ und „heimisch“ kann ich gut verstehen. Basil, der ja gleiche Wurzeln hat wie Layla, ist in diesem Kontext dann immer wieder der Gegenpart. Aber auch bei mir regen sich die Bedenken, ob diese Entscheidung langfristig gut geht. Omar, Basils Cousin, hat ja auch über die dunklen Seiten der Familie erzählt, es ist auch dort nicht immer alles nur einfach und freundlich und zugewandt. Und indem Basil nur eine Stimme hat, um zu erzählen, indem wir nie Layla selbst hören und ihre Beweggründe von ihr erläutert bekommen, bleiben wir wohl alle eher auf Basils skeptischer Seite. – Du hast ganz Recht: die Selbstfindung ist ein schwieriger Prozess, vor allem, wenn man sich immer für eine Seite entscheiden muss.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Pingback: Blogbummel Juli 2017 – Teil 1 – buchpost

  4. Was für eine tolle Zusammenfassung – „Laylas Position ist die, dass Heimat und sich-zu-Hause fühlen von wesentlich mehr abhängt als dem politischen System eines Landes, dass es auch damit zu tun hat, dass die Umwelt den einzelnen nicht immerzu als fremd wahrnimmt und von ihm eine ganz besondere Anpassungsleistung erwartet, dass Heimat auch damit zusammenhängt, wie Familie zusammenlebt.“
    Ich vermute auch, dass die Geborgenheit, das fraglose Angenommensein in der Familie die eine Seite ist, die irgendwann wie ein Pendel wieder in die andere Richtung ausschlagen kann (nicht muss), in die Richtung der Suche nach dem „Man-selbst-Sein“, Ruhe, Individualität, Aufbegehren. Beides zusammen wäre schön …. Sommerliche Grüße, Anna

    • Liebe Anna,
      ja, beides zusammen wäre sicherlich gut. – Du hast in Deiner Besprechung ja auch darauf hingeweisen, dass wir Laylas Position nicht richtig kennenlernen, weil Basil der Erzähler ist. Und auch wenn er sich wirklich um Neutralität bemüht, bleiben uns Lesern ja die Erfahrungen Laylas in Deutschland fremd. Da außerdem der politische Aspekte in dem Roman völlig ausgeblendet wird, die problematischen rechtlichen Aspekte in Saudi-Arabien, vor allem auch mit Blick auf die Stellung von Frauen, nicht thematisiert werden, steht, so finde ich, die Frage nach dem Gefühl von Heimat eben so stark im Vordergrund, noch einmal auch deutlich gemacht an den beiden Haltungen dazu von Basil auf der einen und Layla auf der anderen Seite. Und dabei finde ich richtig gut an Rasha Khayats Erzählweise, dass sie viele Leerstellen lässt, indem sie z.B. Konflikte, die es in der Familie ja auch gibt, ich denke hier an Omars Erfahrungen, nur andeutet, aber nicht weiter reflektiert oder kommentiert. So bleibt auch Laylas Entscheidung ein bisschen in der Schwebe. Und es kann sein, dass, wie Du im Kommentar schreibst, das Pendel dann auch noch einmal umschlägt. – Im Moment finde ich die Romane der Autoren, die mehrere Kulturen kennen, ja insgesamt ganz besonders spannend. Abbas Khiders „Orangen des Präsidenten“ habe ich gerade gelesen. Auch sehr beeindruckend.
      Auch Dir sommerlich erholsame Grüße, Claudia

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