Flucht und Entwurzelung, Lesen, Romane
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Abbas Khider: Die Orangen des Präsidenten

Wer sich angesichts der einen oder anderen aktuell beunruhigenden Nachricht noch einmal vergewissern möchte, was es heißt, in einer Diktatur zu leben, der kann auf den Spuren des Abiturienten und Taubenzüchters Mahdi schnell herausfinden, dass das Leben in einem solchen Land höchst unsicher und unvorhersehbar ist – und sehr gefährlich.

Mahdi lebt im Irak Saddam Husseins. Durch den Iran-Irak-Krieg verliert er seinen Vater, die Mutter, Analphabetin, verkauft den Renault und das Grundstück, großzügige Gaben des Staates zum Ausgleich des Verlustes, kauft eine Wohnung und betreibt fortan einen Gemüseladen, um für sich und Mahdi sorgen zu können. Ein paar Jahre später stirbt die Mutter an Krebs, Mahdi zieht zu seinem Onkel nach Nasrija. Und nach seinen Abiturprüfungen landet er quasi direkt in den Katakomben des Hussein-Regimes, denn bei einer Spritzfahrt mit seinem Freund Ali wird er festgenommen, Ali hatte wohl die falschen politischen Freunde und Mahdi war zur falschen Zeit mit Ali zusammen. Und wie es politischen Häftlingen in einem absolut rechtsfreien Raum ergeht, davon erzählt Mahdi in seinem Roman.

Zu Beginn der Vernehmungen glaubt Mahdi noch, dass das alles ein Missverständnis sein müsse, die Fragen nach einer Organisation, ihren Führern und Zielen. Dann beginnen die ersten körperlichen Übergriffe zur Einschüchterung, die ersten Schläge, schon wird er an einer Vorrichtung an der Decke aufgehängt und gezielt auf die Fußsohlen geschlagen. Was soll Mahdi sagen, er weiß ja nichts, aber seine Peiniger ziehen ihr Programm in allen Einzelheiten durch. Er wird in eine Zelle gebracht, die dunkel ist und voller Wanzen und viel zu klein, als dass er im Sitzen die Füße hätte ausstrecken können. Aber auch bei weiteren „Befragungen“ gibt es nichts, was er gestehen könnte. Selbst als sie Ali und Mahdi gegenüberstellen, selbst als Ali, der noch schlimmer malträtiert wurde als Mahdi, beteuert, dass sein Freund von nichts wisse, lassen sie Mahdi nicht gehen. Aber immerhin töten sie ihn auch nicht.

„Der Grauhaarige bestätigte mir meine Unschuld, er müsse mich aber trotzdem im Gefängnis lassen, bis die „Akte der Angelegenheit der Organisation“ geschlossen sei. „Es geht um Sicherheitsmaßnahmen“, tat er sich wichtig. Meine Untersuchungshaft dauerte nur einige Tage. Ich hatte Glück gehabt, sagten meine Zellengenossen. Einige von ihnen hatten bleibende Schäden zurückbehalten, wegen des langen Aufhängens. Täglich wartete ich darauf, dass endlich jemand käme und „verschwinde!“ zu mir sagte. Aber keiner kam.“

Mahdis Geschichte zu lesen und die seiner Mithäftlinge in einem Keller eines alten osmanischen Gebäudes, das ist manchmal nicht leicht zu ertragen. Bis in kleine Einzelheiten decken sich Mahdis Erlebnisse mit denen der Gefangenen des Naziregimes, mit denen der Sträflinge in den Gulags der Sowjetunion, mit denen der Häftlinge in den Zellen der südamerikanischen Diktaturen. Und Johannes Anyuru erzählt von ganz ähnlichen Abläufen in den Gefängnissen Tansanias, in denen sein Vater einsaß („Ein Sturm wehte vom Paradiese her“). Es ist das immer gleiche Muster wie die politischen Gefangenen geschlagen und gefoltert werden, wie sie vor allem auch immer wieder gedemütigt und vom ersten Moment an ihrer Würde beraubt werden. Manchmal auch, indem Mithäftlinge verschiedener Spielarten der Religion mit bösartigen und entehrenden Inszenierungen aufeinandergehetzt werden.

Und doch legen wir Mahdis Geschichte nicht zur Seite, sondern lesen weiter. Das liegt vor allem an der Konzeption des Romans. Jedem Kapitel, dass die voranschreitende Zeit im Gefängnis schildert, stellt Khider ein Kapitel zur Seite, das die Kindheit und Jugend Mahdis beschreibt. Dem Grauen des Gefängnis-Alltags, den vielen niederschmetternden Geschichten der anderen Häftlinge und den ständigen Übergriffen der Wachmannschaft wird eine lebendige Jugend Mahdis entgegengestellt, die zwar auch nicht völlig ungetrübt ist, in der es aber Menschen gibt, auf die Mahdi sich immer verlassen kann und in der es auch immer wieder diese kleinen wunderbaren Erlebnisse gibt, die helfen, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen.

Da ist besonders die Mutter, die sich mit einer ganz besonderen Pfiffigkeit durchs Leben schlägt. Den Laden nennt sie gleich einmal „Märtyrergemüsegeschäft“, und in Zeiten, in denen sie wenig Geld hat, verhandelt sie mit den Händlern auf dem Markt, bis denen schwindelig wird. Auch die Idee, nicht in den Bunker, sondern in die Moschee zu gehen, als zu Beginn des Iran-Irak-Kriegs die iranische Luftwaffe Babylon bombardiert, stammt von der Mutter. Nicht in irgendeine Moschee natürlich, sondern in eine schiitische. Schließlich, so die Erklärung der Mutter, seien die Iraner ja Schiiten, da würden sie niemals eine solche Moschee zerstören. Auch gab es dort nicht den furchtbaren Gestank, der den Aufenthalt im Bunker verleidetet:

„Die Leute, die hier Zuflucht suchten, hatten meines Erachtens noch eine ganz andere Angst. Nicht nur vor den Bomben, sondern auch die vor Gott. Keiner hätte es gewagt, in einem Gotteshaus zu furzen. „Das wäre ja Gotteslästerung“, bemerkte meine Mutter. Die Moschee duftete eher angenehm, nach bestem Weihrauch und wohlriechenden Parfüms.“

Als die Mutter dann stirbt und Mehdi zum Onkel zieht, baut der ihm auf dem Dach des Hauses gleich ein eigenes Zimmer und nimmt Mehdi wie einen eigenen Sohn in die Familie auf, seine Kinder sehen in Mahdi ihren älteren Bruder. Und so lernt Mahdi auch Sami kennen, einen alten Freund seines Vaters, der ein Café betreibt und auf dem Dach seines Hauses Tauben züchtet. Von Sami lernt Mehdi die Liebe zu den Tauben, sitzt stundenlang auf dem Dach und beobachtet, wie sie über die Stadt fliegen, wie sie immer wieder zurückkommen. Und er lernt von Sami, eifert ihm nach, ein Taubenzüchter zu werden.

Es ist auch Khiders Sprache, die uns Mahdis Geschichte weiterlesen lässt. Auch die noch so grässlichen Szenen im Gefängnis erzählt er in einer ganz unaufgeregten, ganz ruhigen Art. Mahdi bleibt fast konstant dabei, nur zu beschreiben, was er sieht, was um ihn herum geschieht, was er erlebt. Wie eine Kamera zeigt er so Ausschnitte und Szenen seines Lebens, ohne sie zu kommentieren, ohne sie zu reflektieren. So vermittelt er dem Leser eine besondere Unmittelbarkeit, die aber nicht durch emotionale Bewertungen zusätzlich aufgeladen wird. Und die Erzählungen aus der Jugend erzählt er mit einer feinen Ironie, mit einem besonderen Humor.

Das Lachen ist ja überhaupt vielleicht die einzige Waffe, die die Drangsalierten haben, um sich gegen die Unmenschlichkeit zu wehren. Einer der Wärter, der die Gefangenen quält, erinnert Mahdi an Charlie Chaplin, weil er ihm so klein erscheint „und einen lustigen Zweifingerschnurbart“ trägt. In einer Pause, in der der Wärter Atem schöpfen muss, linst Mahdi durch seine den Kopf schützenden Hände in dessen Gesicht – und muss unwillkürlich zu lachen anfangen, weil er an den echten Charlie Chaplin denken muss. Er muss so lachen, dass die Wärter ihn fassungslos anstarren. Als sie ihn auffordern, endlich mit dem Lachen aufzuhören, er aber nicht kann, als sie ihn in die Nieren treten und er keinen Schmerz empfindet, als er lachen und lachen muss, da verlassen die Wärter Mehdis Zelle ohne ihn weiter zu schlagen, in dem Glauben, er müsse wohl verrückt geworden sein.

Es ist nicht nur das Lachen, dass dafür sorgt, dass die Inhaftierten sich alle zumindest ein bisschen Würde erhalten können. Es ist auch ihr Umgang miteinander, ihr Interesse an den anderen, ihr Fragen nach ihren Geschichten, ihr Mitleid, wenn einer besonders malträtiert wird, ihre Trauer, wenn einer stirbt. Auch diese Haltung lässt uns die Gefängnis-Kapitel weiterlesen. Auch zu lesen, wie sich die Häftlinge diese zutiefst menschliche Haltung im Umgang miteinander erhalten, ist ein guter Grund dafür, Abbas Khiders Roman zu Ende zu lesen.

Jahrhundertelang haben Menschen dafür gestritten, gekämpft und sind dafür gestorben, dass es solche Zustände in den Verließen der Mächtigen nicht mehr gibt, dass jedem Angeklagten ein fairer Prozess zusteht, dass kein Mensch der Willkür des Herrschers ausgeliefert ist, dass jeder Mensch, auch und sogar ein Verbrecher, eine Würde besitzt. Wenn wir Abbas Khiders Roman lesen, wenn wir Johannes Anyurus Roman lesen, wenn wir die aktuellen Geschichten lesen, auch aus Syrien und aus den afrikanischen Bürgerkriegsländern, dann wissen wir, dass das Ringen um die Anerkennung und Einhaltung der Menschenrechte noch lange nicht vorbei ist. Dass es wichtig ist, gegen den Zynismus der Potentaten zu kämpfen.

Und die Orangen des Präsidenten? Die gibt es als großzügiges Geschenk für die politischen Häftlinge aus Anlass des Geburtstages des Präsidenten – statt einer Amnestie.

Abbas Khider (2013): Die Orangen des Präsidenten, München, btb Verlag     

6 Kommentare

  1. Hallo Claudia,
    in ganz anderem Zusammenhang las ich gerade von den Quälereien im Konzentrationslager Weimar-Buchenwald. Eine Lektüre, die kaum auszuhalten ist. Immer wieder unfassbar, wie kreativ und begeistert Menschen ihren Sadismus ausleben. Deine Besprechung klingt interessant, auch die Struktur des Buches, aber aus den genannten Gründen werde ich das Buch trotzdem nicht auf meine Stapel packen… LG, Anna

    • Liebe Anna,
      ich kann gut verstehen, dass Du nun erst einmal genug hast vom Lesen dieser sadistischen Methoden. Dabei ist wahrscheinlich die Darstellung der Vorgänge in den KZ noch wesentlich schlechter zu ertragen, weil es ja realistische Darstellungen sind, während der Roman, auch wenn er auf realen Begebenheiten beruht, was bei Khider zu vermuten ist, diese Realität ja immer noch verarbeitet und dadurch in der Wirkung abmildern kann. Ich habe aber schon beim Lesen der ersten Seite (hier wird die Charlie-Chaplin-Szene erzählt) wirkluch überlegt, ob ich das Thema weiter lesen möchte. Und bin über meine Entscheidung dann sehr froh gewesen, weil der Roman sehr gut die Balance hält und eben auch zeigt, die die Inhaftierten untereinander ihre Würde wahren. – Dir wünsche ich jetzt aber erst einmal fröhlichere Lektüren!
      Viele Grüße, Claudia

    • Gerne! Und wenn Du zu lesen beginnst, dann lasse Dich bitte nicht von den ersten Seiten schockieren.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Hat dies auf Samate rebloggt und kommentierte:
    Ich habe Angst. Wenn ich mir derzeit die Nachrichten anschaue, die Berichte aus der Türkei, dann bin ich voller Sorge. Ich weiß nicht, wie es ist, in einem Land zu leben, in dem Menschen denunziert werden und ihren Alltag, ihre Würde, ihr Leben verlieren können, mein Vater erzählt mir zuweilen davon und ich kann es mir kaum vorstellen. Wir denken immer, das war „früher“, denken, dass es so weit weg ist. Aber ich habe Angst, dass es vor der Türe steht, das Unrecht. Darum finde ich grad solche Bücher so überaus wichtig.

    Gestern habe ich mir in der Mediathek „Auf das Leben“ mit Hannelore Elsner angesehen. Was für ein großartiger Film! Und wie bedrückend die Szenen aus der Nazizeit, wie schrecklich zu sehen, wie sadistisch Menschen sein können.
    Ich habe wirklich Angst, denn hat es 1933 in unserem Land nicht auch so angefangen, wie es jetzt in der Türkei weiter geht?

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