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Michael Asderis: Das Tor zur Glückseligkeit

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Für den Monat Juli suchte die diesjährige #indiebookchallenge nach Büchern, die das „Glück“ im Titel tragen. Michael Asderis´ Titel wartet nicht nur mit dem „Glück“ auf, sondern gar mit der „Glückseligkeit“. Das „Tor zur Glückseligkeit“, so erklärt der Untertitel, erzählt von einer Instanbuler Familie und von „Migration, Heimat und Vertreibung“. Es erzählt von den wechselvollen Erlebnissen der Familie von Michael Andiris, seit die Ururgroßväter Mitte des 19. Jahrhunderts nach Istanbul gezogen sind. Bis ins Jahr 1964 reicht die Erzählung, denn in dem Jahr zogen seine Eltern mit ihm nach Frankfurt, ausgewandert, besser: vertrieben, aus der Stadt, in der seine Großeltern, seine Eltern und er selbst auch geboren sind.

„Meine Geburtsstadt hat viele Namen. Wir, die Romyi, nennen sie schlicht Polis, die Stadt. Die Frage welche, stellt sich für uns nicht. Für uns gibt es keine, nur diese;

auf Griechisch heißt sie Konstantinoupolis, das heißt: Stadt des Konstantin;

auf Russisch, Zarigrad, die Kaiserstadt;

auf Türkisch, Istanbul,

auf Osmanisch wurde sie oft Der-i-Saadet genannt: Tor zur Glückseligkeit.“

Die vielen Namen der Stadt geben schon Auskunft über ihre bewegte, 2600 Jahre andauernde Geschichte und verweisen darauf, dass sie Hauptstadt verschiedener Reiche gewesen ist, Lebensmittelpunkt für Menschen unterschiedlicher Ethnien, unterschiedlicher Sprachen und verschiedener Religionen. Sie war eine der Zentren des Römischen Reiches, dessen Kaiser Constantinus sie zur Hauptstadt ausbauen ließ. Auf ihn geht auch der Name Konstantinopolis zurück. Sie war Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, das sich um 395 n. Chr. durch die Teilung des Römischen Reiches im östlichen Mittelmeerraum gebildet hat. „Ostrom“ wurde Byzanz auch genannt, seine Einwohner entsprechend „Romyos“, Römer. Dieser Begriff galt über die Jahrhunderte für alle Bewohner, die griechisch-orthodox waren, also für Bulgaren, Rumänen, Griechen oder Albaner. Später dann, seit es den türkischen Nationalstaat zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab, wurden mit Romyi allein die griechischstämmigen Einwohner bezeichnet.

Der osmanische Name für die Stadt – Der-i-Saadet: Tor zur Glückseligkeit – macht geradezu auf poetische Art deutlich, welche Hoffnungen Konstantinopel/Istanbul bei vielen Menschen hervorgerufen hat. Als die wichtige und große Stadt im Bereich des östlichen Mittelmeers, als Stadt des Handels, der Baukunst und des Handwerks ist Istanbul immer ein Magnet für Zuwanderer gewesen. So erklärt auch Asderis, dass es kaum alteingesessene Familien in Istanbul gebe, dass im Türkischen gar ein Ausdruck für diejenigen existiere, deren Vorfahren seit mindestens sieben Generationen in Istanbul leben: Das nämlich seien die „Istanbuler aus sieben Bäuchen“.

Dieser Anziehungskraft Istanbuls erlagen auch die Ururgroßväter Andiris´. Der eine, Antonio Poldrugo, lebte in Triest unter habsburgisch-ungarischer Verwaltung. Als sich 1848 italienische Unabhängigkeitsbewegungen entwickelten, die Österreich-Ungarn aus Norditalien vertrieben wollten, schloss sich ihnen auch Poldrugo an. Nachdem diese Aufstände jedoch niedergeschlagen waren, entließ und inhaftierte das Habsburger Reich auch in der Triester Verwaltung diejenigen, die sich auf die Seite der Aufständischen geschlagen hatten. Um einer Haft zu entgehen, floh Poldrugo, so wie viele andere Gleichgesinnte auch. Dabei war Istanbul ein gutes Ziel, denn dort hatten sich schon vor Jahrhunderten genuesische und venezianische Familien niedergelassen, in jüngerer Zeit auch solche aus Triest. Es gab italienischsprachige karitative Vereine, die Neuankömmlingen mit Rat und Tat zur Seite standen. Und auch die Sprache schien kein Problem zu sein, denn in den von Europäern bewohnten Stadtvierteln, in Galata und in Pera, brauchten die Einwohner nicht osmanisch sprechen zu können, sondern kamen mit Griechisch und den verschiedenen italienischen Dialekten gut zurecht.

Auch Perikles Asderis machte sich ein paar Jahre später auf nach Istanbul. Er stammte aus der bitterarmen Gegend Epirus, in der Nähe zur albanischen Grenze, einem Gebiet also, das um 1870 nicht zu Griechenland, sondern zum Osmanischen Reich gehörte. Für ihn übten die Geschichten von Griechen, die es in Konstantinopel und Smyrna zu Wohlstand gebracht hatten, eine hohe Anziehungskraft aus. Über den Pfarrer wird er möglicherweise davon gehört haben, dass seine Landsmänner in Konstantinopel Vereine gegründet hatten, die den Zugewanderten halfen. Zwar kontrollierte das griechisch-orthodoxe Patriarchat die neu Ankommenden, die jeweils zwei Bürgen benötigten, um nach Istanbul ziehen zu können. Mit der Hilfe der Pfarrer vor Ort stellte das aber keine große Hürde dar. Und so fand auch Perikles sich dank der griechischen Vereine, die das gesamte gesellschaftliche Leben organisierten, schnell in der neuen Umgebung von Istanbul zurecht. Hier lernte er Eurydike, seine Frau kennen, fand Wohnung und Arbeit.

Ausgehend von Antonio und Theresa Poldrugo und Perikles und Eurydike Andiris zeichnet Michael Andiris die Geschichte seiner Familie in Istanbul nach. Dazu nutzt er die Erzählungen, die er aus der Familie kennt, sowie Dokumente, die in Familienbesitz sind oder die er in Archiven eingesehen hat. Gerade im Leben seiner Ururgroßeltern gibt es natürlich viele Leerstellen, die er kaum füllen kann. Immerhin kann er Institutionen aufzeigen, eben die Vereine, die sich um die Einwanderer kümmerten, und die damals geltenden gesetzlichen Regelungen. Da gab es zum einen für die europäischen Einwanderer, also die Poldrugos, eine rechtliche Stellung, die, bei Beibehaltung der europäischen Staatsangehörigkeit, quasi einem diplomatischen Schutz gleich kam. Und für die Bevölkerung des Osmanischen Reichs, also die Asderis, galt das System der Millet.

Zu einem Millet gehörten die Menschen einer Religion. Hier herrschte eine gewisse Autonomie, indem der religiöse Führer Vorgaben machen und Rechtskonflikte lösen konnte. So lebten die Menschen zusammen in Istanbul aber trotzdem nach Religionen geteilt in ihren Stadtvierteln, in denen sie ihre Sprachen sprechen, ihr kulturelles Leben leben konnten und ihrer Arbeit nachgingen. Auf diese Art scheint ein friedliches Zusammenleben der Menschen der verschiedenen Religionen, Ethnien und Sprachen gut funktioniert zu haben. Zu Problemen kam es aber dann, wenn es Berührungspunkte, womöglich noch konfliktäre, zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen gab. Denn dann galt das islamische Recht, dann wurden die islamischen Gerichte eingeschaltet, an denen Aussagen von Nicht-Muslimen gegenüber Muslimen nichts galten. Eine wirklich rechtliche Gleichstellung der Bürger gab es also nicht.

Während Asderis die Familiengeschichte weiter erzählt, stellt er auch immer wieder den historischen Kontext dar. Er erklärt immer wieder die sich ändernden rechtlichen Rahmenbedingungen der verschiedenen Religionsgruppen und bettet vor allem die Situation in Istanbul auch in die Entwicklungen zu einem türkischen Nationalstaat und in die Weltpolitik ein. So erklärt sich dann auch die Kategorisierung des Buches als „Erzählenden Sachbuchs“, einer Form, mit der die persönlich-private, also subjektiv, erfahrenen Erlebniswelt immer wieder mit einer objektiven Geschichtsschreibung verknüpft wird.   

Die Situation der Nicht-Muslime verschlechtert sich in Istanbul während der Zeit des 1. Weltkrieges deutlich. Bestrebungen, einen türkischen Nationalstaat zu gründen die Unterstützung der Armenier durch die Kriegsgegner England und Frankreich, die Auseinandersetzung mit Griechenland um Territorien, das alles erschwerte das Leben der Minderheiten in Istanbul. Und dann kam es am sogenannten „roten Sonntag“, dem 25. April 1915, zu den gut vorbereiteten Deportationen der armenischen Intellektuellen aus Istanbul. Dies war der Auftakt für die Vertreibung der Armenier, über die möglichst keiner der Istanbuler Journalisten, Professoren und Schriftsteller nach Europa berichten sollte.

In den 1920er Jahren, als die Minderheiten als Ursache für den Krieg zwischen Griechenland und der Türkei ausgemacht worden waren, als sich die Idee von Nationalstaaten mit einheitlicher Bevölkerung in Griechenland und in der Türkei durchsetzte, nahm auch die Ausgrenzung der Romyi zu:

„Armenier und Romyi, als Instrument der Einführung von Korruption und Illoyalität in unserem Land werden wir nicht übrig lassen.“ (So wird der spätere Staatspräsident der Türkei zitiert.)

Immerhin: Im Vertrag von Lausanne von 1923 wurden Armenier und Romyi als Minderheiten anerkannt und es wurden ihnen die gleichen Rechte zuerkannt, wie sie auch für die türkische Bevölkerung galten. Das hatte vor allem auch damit zu tun, dass es das wirtschaftliche Interesse der europäischen Verhandlungsmächte war, allen voran Großbritannien und Frankreich, die verbliebenen Romyi in der Türkei zu halten, denn die waren mit ihren Sprachkenntnissen und ihrer kaufmännischen Bildung vor allem die Handelspartner.

Ab der Generation der Großeltern, erst recht bei seinen Eltern, kann der Autor natürlich auf detailliertere Berichte und Schilderungen bestimmter Ereignisse zurückgreifen. Auch hier flankiert er seine zum Teil sehr detaillierten Erzählungen immer wieder mit Zusammenfassungen der politischen Ereignisse, der innenpolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen genauso wie der außenpolitischen. Gerade dieser zweifache Blick auf die wichtigen Ereignisse, dieser Blick aus verschiedenen Perspektiven auf das, was seine Familie über die Jahrzehnte erlebt hat, macht die Lektüre besonders. Denn hier wird deutlich, dass das Tor zur Glückseligkeit vor allem aus politischem Kalkül, immer dann nämlich, wenn die Romyi beispielsweise zur Verhandlungsmasse bei Auseinandersetzungen mit den europäischen Ländern wurden, häufig auch zum Tor zu großer Verunsicherung, zu großem Unglück werden kann. 1964 dann wandern auch Asderis Eltern aus. Der Vater, ein Stoffhändler, steht neben Tausenden anderen Romyi auf der in der Zeitung veröffentlichten Liste der Auszuweisenden.

Bis zu diesem Ereignis hat die Familie in den letzten Jahren vieles erlebt: Es gab Schilder an den Geschäften mit der Aufschrift: „Kauft nicht bei Griechen“, es gab Steuernachzahlungen für die Romyi, zum Teil so hoch, dass sie in den wirtschaftlichen Totalschaden führten, es gab die rassistische Hetze in den Tageszeitungen haben. Und am Abend des 6.9.1955 mussten sie, auch hier wieder nach einer politischen Auseinandersetzung mit Griechenland, einen Angriff des Mobs auf ihr Stadtviertel erleben, bei dem gezielt die Geschäfte von Griechen geplündert, ihre Wohnungen ausgeraubt und Menschen bedroht wurden. Asderis beschreibt dieses Ereignis aus der Sicht der Eltern, führt Dokumente an, die die Planungen der Regierung verdeutlichen, schreibt aber nie, was in anderen Quellen zu lesen steht, dass es sich um ein Pogrom handelte.

Asderis hat ein interessantes, ein vielschichtiges Buch geschrieben über die Geschichte seiner Familie in Istanbul. Ich habe nicht viel gewusst über Byzanz, über das Osmanische Reich, über die Gründung der Türkei und die vielen Ethnien, die in Istanbul lebten. Am Beispiel der lebendigen Erlebnisse seiner Familie, die für die Erfahrungen und Erlebnisse der vielen anderen Romyi in Istanbul steht, lässt sich die Geschichte von Migration, Heimat und Vertreibung sehr gut lesen. Die Stammbäume der Familien seines Vaters und seiner Mutter, die dem Buch zugefügt sind, helfen dabei immer wieder, sich in den Familien und Zeiten zurechtzufinden. Dass dabei auch der Blick frei wird auf die Auswirkungen des Nationalismus, auf die abwegige Idee, Staaten zu entwickeln, die aus einer homogenen Bevölkerung bestehen, ist ein weiteres Verdienst des Buches.

Michael Asderis (2018): Das Tor zur Glückseligkeit. Migration, Heimat, Vertreibung – die Geschichte einer Istanbuler Familie, Berlin, binooki

Ian MacEwan: Maschinen wie ich

Charlie Friend sitzt im Wartezimmer seines Arztes, denn ein eingewachsener Zehennagel am Fuß quält ihn. Und während er dort sehr lange warten muss, philosophiert er darüber, wie es denn zu diesem einzigartigen Augenblick gekommen ist:

„Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein. Das gilt für das kleinste wie für das größte. Wie leicht, eine Welt heraufzubeschwören, in der mein Zehennagel nicht eingewachsen war; eine Welt, in der ich, nach dem Erfolg eines meiner kleinen Projekte reich geworden, nördlich der Themse lebte; eine Welt, in der Shakespeare als Kind gestorben war und von niemandem vermisst wurde, eine Welt, in der die Vereinigten Staaten die Entscheidung getroffen hatten, ihre bis zur Perfektion getestete Atombombe über einer japanischen Stadt abzuwerfen; oder einer Welt, in der die Falklandtruppen nicht in den Krieg gezogen oder siegreich heimgekehrt waren, weshalb das Land jetzt nicht trauerte (…).“

Charlie Friends tief greifende Überlegungen beschreiben treffend Ian McEwans poetologisches Prinzip für seinen Roman: McEwan beschwört nämlich eine Welt herauf, die wir genau zu kennen und in der wir uns ohne weitere Schwierigkeiten zurechtzufinden meinen. Und doch lebt Charlie im Großbritannien des Jahres 1982, in dem die britischen Truppen beim Krieg um die Falklandinseln geschlagen werden. Margret Thatcher muss darauf hin zurücktreten, ihr Nachfolger fällt einem Attentat zum Opfer und die die britische Wirtschaft erleidet einen üblen Einbruch. Demonstrationen verschiedener Gruppierungen sind an der Tagesordnung. Trotz der bedrohlichen Nachrichten aus der politischen Welt aber zeigen weder Charlie noch seine Freundin Miranda auffällige Anzeichen von Angst und Besorgnis.

Und McEwan hat deutlich Spaß an dieser Version der Vergangenheit. Er malt sich aus, wie sich ein Album der Beatles anhören könnte, hätten sie sich zu Beginn der 1980er Jahre wieder zusammengefunden. Und er erzählt von ein paar kolossalen Staus – unter anderem im Ruhrgebiet! –, die entstanden sind, als sich Hacker der Rechenzentren für selbstfahrende Autos bemächtigt haben. Es dauert Tage, bis sich die Schlangen auf den Autobahnen entwirrt haben. Die Digitalisierung der Welt scheint doch so ihre Macken zu haben.

 In McEwans Welt ist Alan Turing, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Dechiffrierung verschlüsselter deutscher Funksprüche beteiligt gewesen ist und die Grundlagen der modernen Informations- und Computertechnologie entwickelt hat, nicht, wie in unserer Realität, durch eine aberwitzige Hormontherapie zur „Heilung“ seiner Homosexualität in den Tod getrieben worden. Er ist quicklebendig, lebt mit seinem Partner zusammen und arbeitet und forscht noch immer. Aus seinen Arbeiten ist ein neues und aufregendes Produkt hervorgegangen: Androiden, die dem Menschen bis aufs Haar gleichen, die lernen und sich weiterentwickeln, die moralische Entscheidungen treffen und immer der Wahrheit verpflichtet sind. Perfekte Maschinen also, die besser sind als der Mensch.

Charlie Friend hat sich einen dieser ersten Serie von 25 Androiden gekauft. Für seinen Adam hat er den stolzen Betrag von 82.000 Pfund hingeblättert. Dabei ist Charlie notorisch klamm. Er hat einmal Anthropologie studiert, hat als Steueranwalt gearbeitet und einen veritablen Steuerbetrug hingelegt. Einen schmalen Band über künstliche Intelligenz hat er verfasst, darin auch die Arbeiten seines Idols Alan Turing nachgezeichnet. Nach mal glücklichen, in der Summe aber gescheiterten Investitionen in diverse Finanzprojekte verdient er nun vom Schreibtisch im Arbeitszimmer seiner ziemlich maroden Zweizimmerwohnung durch den Handel mit Aktien gerade soviel Geld, dass er sich mehr schlecht als recht über Wasser hält.

Als er das Haus seiner Mutter verkauft hat, zögert er jedoch nicht und erwirbt Adam. Aus reiner Neugierde, wie er sich selbst eingesteht, weil er immer alle technischen Neuerungen sofort ausprobieren muss. Aber auch, um mit Miranda, seiner Mitmieterin, in die er sich verliebt hat, mit der Programmierung Adams ein gemeinsames Projekt zu haben. Denn schließlich braucht ihr Androide auch einen Charakter, dessen Parameter die Erwerber – angeblich – selbst gestalten können.

Und damit haben sich Charlie und Miranda ein Problem ins Haus geholt. Denn wie lebt man zusammen mit einer KI, die aussieht wie ein Mensch, sich bewegt wie ein Mensch und den Menschen in ein paar Tagen, wenn sie sich erst mit dem Wissen der Bibliothek Internet vollgesogen hat, intellektuell weit überlegen ist? Ist es dann noch in Ordnung, Adam den Abwasch machen zu lassen und das Unkraut zu jäten? Und wie soll Charlie damit umgehen, dass Miranda sich Adam ins Bett holt? So richtig überzeugend findet er ihr Argument, dass sie den Unterschied zwischen Adam und einem Vibrator nicht sehe, jedenfalls nicht. Adam seinerseits behauptet, er habe sich in Miranda verliebt und schreibt ihr Haikus. Ist es denkbar, rätselt Charlie, dass diese neuen Androiden die Mensch–Maschine–Grenze überschritten haben, dass sie eitel sind, stolz, wenn sie mit „Sir“ angeredet werden, dass sie sich gar verlieben können? Oder lernen sie so gut von den Menschen oder aus der Literatur – Adam versucht immer wieder, mit Charlie über die Figuren der Dramen Shakespeares zu diskutieren –, dass sie Gefühle in Algorithmen umsetzen können?

Beim Versuch Charlies, an Adams Ausschaltknopf am Hinterkopf zu gelangen, bricht Adam ihm die Hand. Nicht nur intellektuell, auch körperlich ist der Androide seinem Besitzer weit überlegen. Immerhin: Als Adam Charlies Aktienhandel übernimmt, wächst in kurzer Zeit ein schöner Gewinn an. Vielleicht kann Charlie seinen Traum vom Hauskauf endlich realisieren. Adam aber meint, dass ihm auch Geld zustehe, greift in Charlies Portemonnaie und kauft sich neue Kleidung.

Das Zusammenleben mit Adam wirft für alle Seiten einige problematische, durchaus auch moralische, Fragen auf. Für Charlie und Miranda an erster Stelle, die die Rahmenbedingungen für Adams Existenz vorgeben. Für den Hersteller der Androiden auch, denn der ist sicherlich mehr als überrascht, dass sich alle Exemplare der Reihe nach selbst so programmieren, dass sie sich nach ein paar Wochen schon irreparabel abschalten. Die beiden Eves, die in die für Frauen massiv einschränkende Gesellschaft Riads verkauft wurden, zuerst, aber auch der Adam, der in Kanada lebt, bei einem Holzunternehmer, der immer wieder in Konflikte mit Aktivisten gerät, die sich dem Abholzen des jungen Urwalds entgegenstellen. Ist Selbstmord bei Androiden denkbar?

Der Ich-Erzähler Charlie erzählt die Geschichte um sein Zusammenleben mit Adam chronologisch auf das Finale zu. Auch wenn er das offensichtlich aus einem gehörigen zeitlichen Abstand tut, vielleicht von heute aus, so bleibt er doch ganz eng beim Erleben seines jüngeren Ich, bleibt ganz eng bei seinen damaligen Beobachtungen und Reflexionen. Charlie ist – im Gegensatz zu Adam – mehr naturwissenschaftlich interessiert. Seine Ausführungen über einige Forscher der letzten Jahrhunderte und ihren Forschungsergebnissen mögen dieses Interessensgebiet belegen, mögen den charakterlichen Unterschied zwischen Charlie und Adam besonders herausstellen, sind manchmal aber auch langatmig und für die Geschichte selbst nicht wichtig.

Trotzdem: McEwan erzählt dem Leser eine unterhaltsame, eine manchmal vorhersehbare, oft aber auch unerwartbare Geschichte um den Androiden Adam. Und es wäre kein Roman von McEwan, wenn nicht wiederum ein moralisches Dilemma (*) auftauchen würde. Dabei handelt es sich um ein ganz aktuelles Thema, denn autonom fahrende Autos beispielsweise müssen Entscheidungen treffen, wie sie unter bestimmten Umständen reagieren. Während wir Menschen in diesen gefährlichen Situationen so schnell gar nicht rational entscheiden können, sondern dies „aus dem Bauch“ heraus tun, hat die künstliche Intelligenz durchaus Zeit genug, Alternativen durchzuspielen (**). Es kommt dann auf ihre Programmierung an, wie sie entscheiden. Auch Adam nutzt in der Dilemma-Situation, in der er sich befindet, seine Programmierungen und wirbelt damit ganz ordentlich Charlies und Mirandas Leben und ihre Pläne für die Zukunft durcheinander.

Wer also trifft die bessere, die moralisch integere Entscheidung, Adam oder Charlie? Wer ist gar der bessere Mensch, der Mensch oder die Maschine? Adam jedenfalls kann moralische Entscheidungen unabhängig von Sympathie und Liebe treffen, er kann Hände brechen, um sich zu schützen, er kann Haikus schreiben und behauptet zu lieben. Aber: Er kann weder so verrückt toben, wie es kleine Kinder tun und er kann schon gar nicht „die Welt so heraufbeschwören“, dass daraus ein Roman entsteht. Ein Roman, der in einer merkwürdig veränderten Vergangenheit spielt, aber die Fragen unserer Zukunft stellt und verhandelt.

Ian McEwan (2019). Maschinen wir ich, Zürich, Diogenes Verlag

(*) Zum Trolley-Problem hier entlang.

(**) Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar hat weltweit in den Entwicklungslaboren der KI untersucht, nach welchen Kriterien Programmierungen vorgenommen werden, damit z.B. autonom fahrende Autos oder auch autonome Waffen Entscheidungen treffen können. Den Radiobeitrag könnt ihr hier hören.

Am MIT ist ein Forschungsprojekt entstanden, mit dessen Hilfe untersucht wird, welche Anforderungen die Menschen an die Entscheidunegn der KI haben. Ein Ergebnis, darauf verweist auch Yogeshwar in seinem Radiobeitrag, ist, dass die Menschen unterschiedlicher Kultur auch unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie die KI sich entscheiden soll. Informationen erhaltet ihr hier, mitmachen könnt ihr auch.

Dave Eggers: Der Circle (#backlistlesen 2)

Mit der Lektüre von Dave Eggers Roman „Der Circle“ bin ich tatsächlich spät dran. 2014 ist der Roman schon in Deutschland erschienen, da bin ich irgendwie noch an ihm vorbeigekommen. Nun aber konnte ich mich nicht mehr entziehen, denn mein Literaturkreis hat sich für den „Circle“ entschieden. Ich bin schon gespannt, ob er meine Mitlesenden überzeugt hat. Mich jedenfalls nicht. Und das, obwohl er, wenn die gegenwärtige Facebook-Debatte berücksichtigt wird, so aktuell ist wie vor 5 Jahren.

Dave Eggers siedelt seinen Roman dort an, wo spannende Themen durchaus zu erwarten sind, nämlich mitten in der schönen, neuen Arbeitswelt eines Tech-Konzerns in Kalifornien. Dort ergattert Mae Holland durch Unterstützung ihrer Studienkollegin Annie einen Job und fühlt sich nach ihren Erfahrungen beim langweiligen Strom- und Gasversorger ihrer Heimatstadt wie im siebten Himmel, als sie an ihrem ersten Arbeitstag über den Unternehmens-Campus schlendert. Überall junge Leute, die in ungezwungener Atmosphäre auf dem park-ähnlichen Gelände arbeiten und gemeinsam Spaß haben, alles ist sauber und ordentlich und in den Pflastersteinen sind die wundervollsten Inspirationsbotschaften verewigt: „ Träumt“, „Bringt euch ein“, „Sucht Gemeinschaft“, „Seid innovativ“, „Seid fantasievoll“ – und – ja tatsächlich auch: „Atmet“. Und es wird ja noch besser: Es gibt einen Pool, den Sportbereich, die Cafeteria, es gibt Filmvorführungen um zwölf Uhr, um eins eine Selbstmassage-Demonstration, um drei Uhr einen Kurs zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur. Abends kommen Kongressabgeordnete vorbei, um sich vorzustellen, es gibt Live-Bands, die auf dem Campus auftreten, Kollegen veranstalten Themen-Partys und manchmal gastiert auch ein Zirkus. Natürlich gibt es ein Gesundheitszentrum, eine Notfallklinik, Bowlingbahnen und einen Supermarkt – und wer mal länger arbeitet oder feiert, wer tagsüber mal einen Rückzugsort für ein Mittagsschläfchen braucht, der kann sich im Wohnheim kostenlos ein Zimmer mieten, neue Kleidung zum Umziehen steht selbstverständlich auch zur Verfügung. Wer will bei einem solchen Angebot schon beim notorisch klammen und kein bisschen coolen städtischen Stromversorger arbeiten?

Mae ist natürlich völlig beeindruckt von diesem Angebot ihres hippen Arbeitgebers. Dass der sich, sie sitzt kaum am Schreibtisch, schon mal ein paar Papiere unterschreiben lässt, ja wirklich: echtes Papier mit einer echten Unterschrift, ohne dass Mae weiß, was sie unterschreibt, dass der ihr ein Tablet und ein superschickes neues Handy zur Verfügung stellt und dabei mal eben alle Daten ihres alten Handys auf das Tablet überträgt – „und es gibt außerdem ein Back-up in der Cloud und auf unseren Servern“ -, das alles verursacht dem Leser, der sich seit einem Jahr und in allen Lebenslagen mit der Datenschutzgrundverordnung befreundet hat, wesentlich mehr Schaudern als Mae.

Und auch ihre Arbeit vergrätzt Mae kein bisschen. Der „Customer Experience“ ist sie zugeteilt, der Abteilung, in der die Anfragen der Werbekunden landen. Ihr Job ist bestens vorbereitet, denn es gibt Antworten für die zwanzig häufigsten Wünsche und Fragen. Maes Aufgabe ist es, diese Vorgaben so umzuformulieren, dass jeder Kunde den Eindruck hat, dass er eine ganz und gar persönliche Antwort bekommen hat, eine ganz und gar menschliche Antwort. Schließlich arbeiten beim Circle ja Menschen, keine Roboter. Und Mae wird auch umgehend belohnt. Denn der Kunde bekommt, kaum hat er seine Antwort von Mae, einen Feedbackbogen, um Maes Arbeit zu beurteilen. Der erste Kunde gibt ihr gleich 100 Punkte – von 100 möglichen – und am Ende der Woche hat sie einen Durchschnittswert von 97. Glückwünsche von hunderten von Kollegen über das firmeninterne Netzwerk wirken besser als jedes Stück Schokolade. Diese ständige Punkte-Belohnung bei jeder ihrer Tätigkeiten vernebeln ihr, immerhin eine studierte Wirtschaftspsychologin, so scheint es, völlig das Hirn.

So startet Mae auf ihre „Heldenreise“, die sie geradewegs auf die dunkle Seite der Macht und in das Innere des Circle führt. Und währenddessen erhält der Leser eine Lektion in dem, was heute als Framing bezeichnet wird. Wenn Mae vergisst, sich bei der Werksärztin vorzustellen, dann schaut die ihr tief in die Augen und fragt, ob es denn tatsächlich nötig sei, die Arbeit so wichtig zu nehmen, dass Mae sich nicht einmal mehr Zeit für ihre Gesundheit nehmen könne. Die 14-tägigen Check-ups mit Blutbild, Ernährungsberatung und Überwachung des körperlichen Zustands seien Wellness-Komponenten, die das Unternehmen extra für die Mitarbeiter zur Verfügung stelle. Schon hat Mae ein Armband um, das sämtliche Körperfunktionen weiterleitet. Und in dem Smoothie, den sie dann trinkt, befindet sich auch der Sensor, der sich mit dem Handgelenksmonitor verbindet und die Daten misst. So erklärt es die Ärztin, nachdem Mae getrunken hat. Und natürlich werden sämtliche Daten in der Cloud gesammelt. Prophylaxe sei immer noch billiger als Krankheiten zu behandeln.

Wenn Mae ein Wochenende zu ihren Eltern fährt, wenn sie zum Kajak-Fahren geht und nicht in regelmäßigen Abständen in den sozialen Medien des Unternehmens postet und kommentiert, dann muss sie bei einem Gespräch mit ihrem Chef erklären, ob sie sich nicht wohl fühle im Unternehmen, ob sie sich nicht angenommen und akzeptiert fühle. Anders sei doch nicht zu erklären, dass sie die Circler so wenig an ihrem Leben teilhaben lasse. Ob sie sich nicht vorstellen könne, dass ihre Kolleginnen und Kollegen interessiert daran seien, was sie beim Paddeln durch die Bucht erlebe, warum sie keine Bilder des Seehundes poste, von dem sie erzählt habe, warum sie sich nicht mit anderen Kajakfahrern treffe und gemeinsam mit ihnen Touren unternehme. Sie sei doch für die anderen so wertvoll.

„Transparenz bringt Seelenfrieden.“ Und „Alles, was passiert, muss bekannt sein.“ So lauten die weiteren Leitsätze des Circle. Und in diesem Kontext werden auch die neuen Produkte des Unternehmens betrachtet: SeeChange zum Beispiel, winzig kleine Kameras, die nur einen Spott-Preis kosten und allerbeste Bilder liefern. Die hängen Circle-Anhänger gerade überall in der Welt auf. Alles wird nun überwacht, in jeder Ecke hängt nun eine Kamera, nichts entgeht den Beobachtungsaugen. Und mit einer Gesichtserkennung ist es für jeden möglich, diejenigen zu benennen, die sich vermeintlich oder tatsächlich unkorrekt oder gar illegal verhalten haben. Der Selbstjustiz, dem eifrigen Mob sind Tür und Tor geöffnet.

Oder ChildTrack, ein winziges Implantat, das schon ins Knochenmark Neugeborener eingesetzt werden kann, damit die Eltern immer wissen, wo ihr Kind ist, damit vor allem Kindesentführung gar nicht mehr möglich ist. Entfernen können die Kinder die Implantate später, wenn sie selbst über ihren Körper entscheiden können nicht mehr. Aber viele Unglücke durch verlorengegangene Kinder können verhindert werden. Und auch diese daten werden natürlich in der Cloud gesammelt.

Die Technologien, die hier in kürzester Zeit entstehen, sind erschreckend. Erschreckend ist auch, wie schnell sie die Gemeinschaft der Circler – innerhalb und außerhalb des Unternehmens – durchdringen und zum gesellschaftlichen Standard werden. Ohne dass es eine kritische Öffentlichkeit gibt und die Politiker, die sich dem Unternehmen noch entgegenstellen, sind so schnell mundtot, wie es in jeder guten Diktatur auch der Fall wäre. Das macht, parallel zu Maes kontinuierlicher Gehirnwäsche, den Spannungsbogen – oder besser: die Eskalation des Erschreckens – aus.

Zu einem wirklich spannenden Roman, zu einem Roman mit gut gestalteten Charakteren, zu einem Roman, der seine Thematik oder seinen Konflikt in verschiedenen Ebenen beleuchtet und reflektiert, reicht das aber eben nicht. Das mag daran liegen, dass es hier keinen wirklichen Gegenpart gibt zu den kruden Ideen des Circle und seinen nur vermeintlich gutmeinenden Leitsätzen, hinter denen gerade eine besonders perfide Art steht, Geld und Macht zu erlangen. Mae ist eben nicht die Gegenspielerin, aus ihrem Konflikt ergeben sich eben keine Reibungsflächen, die der Thematik Tiefe geben könnten – und richtige Spannung.

Auch Maes Charakter ist zu glatt, ihre Motivation, sich so schnell so sehr auf den Circle einzulassen, wird nicht klar. Reichen etwa ihre Rating-„Erfolge“ für eine dermaßen stupide und anspruchslose Arbeit, für die keine studierte Wirtschaftspsychologin nötig ist, um sie zu einem überzeugten Sektenmitglied zu machen? Die nicht einmal mehr merkt, wenn ihr Körper rebelliert von all dem Stress mit sieben Bildschirmen, die gleichmäßig und gleichzeitig mit völlig belanglosen Informationen gefüttert werden müssen, von der ganzen Überwachung und dem daraus folgenden Anpassungsdruck, von all ihrem sinnlosen Tun? Die nicht einmal die Probleme, die ihr selbst durch die Transparenz widerfahren einen Anlass geben, einmal nur nachzudenken und Konsequenzen auszuloten? Auch hier also ist keine Tiefe zu finden. Und über literarische Besonderheiten gibt es auch nichts zu berichten.

Nein, mich konnte der „Circle“ nicht überzeugen. Die Technik des Framings in so vielen, oft völlig durchsichtigen Varianten darzustellen, dem großen Vereinnahmer „Circle“ so gar keinen Widerstand entgegenzusetzen und allein auf die Wirkung von Schrecken und Grauen zu setzen – das ist einfach zu wenig.

Dave Eggers (2014): Der Circle, übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Köln, Verlag Kiepenheuer und Witsch

Francesca Melandri: Eva schläft (#backlistlesen 1)

Dieser Roman, so stellt die Autorin ihrem Buch voran, sei der erste Band einer Väter-Trilogie. „Alle, außer mir“, der im letzten Jahr erschienene Roman, der auch dieser Trilogie angehört, hat große Aufmerksamkeit erfahren, sodass die Autorin nun auch in Deutschland bekannt ist. So hat nun der Wagenbach-Verlag auch den älteren Titel „Eva schläft“ in sein Programm aufgenommen, den Roman, der eine andere Facette italienischer Geschichte erzählt, nämlich die Geschichte Südtirols, die den Rahmen gibt für die Suche nach dem verlorenen Vater, die – wie auch in „Alle, außer mir“ ebenfalls eine Suche ist nach dem Vaterland.

Gerade ist Eva aus New York nach Hause zurückgekehrt, ins Pustertal nach Südtirol, als sie der Anruf von Vito erreicht. Vito bittet sie, zu ihm zu kommen, ganz in den Süden Italiens, denn er möchte sie vor seinem Tod noch einmal sehen und sprechen. Und so macht Eva sich an einem Osterwochenende auf die Zugreise quer durch Italien. Dabei ist Vito nicht ihr leiblicher Vater. Vito ist einer der Carabinieri, die das Innenministerium zu Zeiten des bewaffneten Widerstands von Teilen der Südtiroler Bevölkerung gegen den italienischen Staat in den 1960er Jahren aus dem Süden der Republik in die Alpenprovinz beordert hat, um dort für Ruhe zu sorgen. Während Eva den italienischen Stiefel von Nord nach Süd durchquert, während sie dabei ihren Erinnerungen nachhängt und ihren (Lebens-)Reflexionen, gibt ein paralleler, historisch-chronologisch verlaufender Erzählstrang die Geschichte von Evas Familie wieder, angefangen bei ihrem Großvater Herrmann und fortgeführt bei Gerda, ihrer Mutter.

Herrmann verliert seine Eltern in einer Nacht des Jahres 1919 an die spanische Grippe. Da ist er 11 Jahre alt. Der erstgeborene Sohn Hans erbt den Hof, der so steil am Hang liegt, dass man bei starken Regenfällen die Erde aus dem Tal mit Tragekörben wieder nach oben holen muss. Herrmann muss sich nun als Tagelöhner verdingen bei den reicheren Bauern, die eine Hand brauchen können, die mit anfasst. So in ein hartes und einsames Leben entlassen, lässt er sich Jahre später schnell auf den Faschismus ein, erst den italienischen. Das verschafft ihm zumindest einmal eine Stelle als Lkw-Fahrer. Als er dann zum ersten Mal SA-Leute sieht, Goldfasane werden sie genannt, da verfällt er dem deutschen Faschismus und schließt sich ihnen an. Es ist die Zeit der „Option“, die Hitler und Mussolini den deutschsprachigen Südtirolern gewähren, die 1919 durch eine Laune der Nachkriegsverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich abgetrennt und Italien zugeschlagen wurden: Dass die Deutschen nämlich, wenn sie denn ihre Südtiroler Höfe aufgeben und ins Reich ziehen, dort einen vergleichbar großen Hof mit derselben Anzahl von Vieh bekommen werden, vielleicht in der Ukraine, einem Gebiet, das nun ja germanisiert werden muss. Herrmann entscheidet sich für Deutschland – und er traktiert seine ehemaligen Schulkameraden und Nachbarn, die die Option „Bleiben“ wählen, auf das Übelste.

Es ist eine überaus gelungene Erzählstrategie, die Geschichte Herrmanns und die Geschichte Südtirols so zu spiegeln, dass die persönliche Geschichte durch die politische erklärt wird und die politische durch die persönliche. So sind beide, das Land und die Figur, zum gleichen Zeitpunkt vater(land)los, zurückgewiesen, fremd und zu Bittstellern degradiert im vermeintlich eigenen Land, in dem auf einmal die eigene Herkunft und die eigene Sprache wertlos sind, weil Staat und Ämter auf eine schnelle Italianisierung drängen. Da sind Unverständnis, Groll und Wut, die sich irgendwann entladen werden.

Als Herrmann 1945 aus Deutschland zurückkehrt, wird seine Tochter Gerda geboren. Um den sozialen Frieden zu sichern, sprechen Dableiber und Zurückgekommene nicht mehr über ihre Entscheidungen. Aber die Rückkehrerfamilien haben es schwer, wieder Tritt zu fassen. Wohnungen finden sie nur da, wo die anderen nicht wohnen möchten, an den feuchten und – vor allem im Winter – sonnenarmen Hängen des Tals. „Schanghai“ werden diese Teile des Dorfes genannt – so trägt der Wohnort schnell zur Stigmatisierung der Familie und der Kinder bei. Überhaupt ist die Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren hart. Die Kinder müssen vor allem „funktionieren“ im Alltag, liebevolle Zuwendung von den Eltern lernen sie nicht kennen. So wächst auch Gerda zwar mit ihrem Vater zusammen, aber doch ohne seinen Zuspruch auf. Als dann in den 1960er Jahren die Anwerber der Meraner Hotels durch die Täler gehen, da stimmt Herrmann ohne Bedenken zu, dass Gerda als Hilfskraft in einer Hotelküche selbst für ihr Auskommen sorgt. Dass diese jungen Frauen „Matratzen“ genannt werden, das stört ihn nicht. Zum Glück hat Gerda keinen übergriffigen Küchenchef, der anderen Köche und Hilfsarbeiter kann sie sich locker erwehren. Dem Sohn des mittlerweile durch den Tourismus zu viel Geld gekommenen Klassenkameraden ihres Vaters, von dem sie glaubt, dass er sie liebt, dem erwehrt sie sich allerdings nicht. Zur Geburt ihrer Tochter landet Gerda bei den Nonnen.

So wird auch ihre Tochter Eva ohne Vater auswachsen. Den großen Teil des Jahres gar ohne Mutter, denn die arbeitet und lebt zehn Monate des Jahres im Hotel in Meran. Kinder sind da nicht vorgesehen. Eine Familie aus ihrem Dorf nimmt sich Evas an. Und Gerda kann nun auch ein bisschen ihr Leben genießen, wenn sie mit den italienischen Polizisten zum Tanzen ausgeht. Die Polizisten sind in großer Zahl in Südtirol stationiert, denn der Widerstand gegen die italienische Regierung wird zunehmend gewalttätig. Immer wieder gibt es Bombenattentate, gegen die Infrastruktur, gegen Denkmäler – und mehr und mehr auch gegen die Polizisten. Gerda lernt Vito beim Tanzen kennen, einen Mann, der es ernst meint, der sie mit ihrer Tochter akzeptiert, der Evas ältere Rechte beim Einschlafen bei der Mutter anerkennt, sie erst in ihr Bettchen trägt, wenn „Eva schläft“. Eva und Vito würden gerne heiraten – aber für eine richtige Beziehung zwischen einer Südtirolerin und einem italienischen Polizisten ist es für Gerda und Vitos Umgebung viel zu früh. Auch Eva wird ohne Vater aufwachsen.

  Melandris Geschichte um Gerda und Eva, um Gerdas Vater und ihren Bruder Peter, der den Weg in den Untergrund, den Weg zu den Attentätern wählt, ist lebendig und lebhaft erzählt. Vor Gerdas Durchhaltewillen, vor ihrer Disziplin, ihrer Neugier und Stärke muss der Leser wohl den Hut ziehen. Und nicht nur das: Gerda wird als so schön geschildert, dass die Männer ihr immer wieder reihenweise verfallen. Dann wird die Geschichte allerdings so kitschig, dass die Leserin meint, in einer rührseligen Schmonzette gelandet zu sein. Das ist schade, denn wenn der Roman auch nicht mit ganz besonderen literarischen Finessen aufwartet, so ist die Verknüpfung von Gerdas und Evas Geschichte mit den Auseinandersetzungen in Südtirol doch eine Lehrstunde in italienischer Geschichte. So, wie Melandri ja auch in „Alle, außer mir“ am Beispiel der Familie Profeti den Kolonialismus und Rassismus der Faschisten in Afrika erzählt.

Eine Stärke des Romans wiederum liegt in der Vielschichtigkeit der Perspektiven auf die konfliktreiche politische Situation. Da ist Herrmann, der sich nach 1919 als deutschsprachiger Südtiroler mehr und mehr als Fremder in der Heimat fühlt und sich schnell vom Faschismus einwickeln lässt. Seine Schulkameraden aber, die immerhin die Höfe der Eltern geerbt und insofern ein Auskommen haben, akzeptieren die Situation. Oder nutzen die touristische Entwicklung des Tales gar zu eigenen Geschäftsideen. Da ist Herrmanns Sohn Peter, der wegen des Makels seiner Herkunft in den 1950er und 1960er Jahren keine Arbeit findet in den Bozner Fabriken. Die stellen vor allem Italiener ein, bekommen dafür eine mehrjährige Steuerfreiheit und tragen so dazu bei, die Bevölkerungsanteile zu ändern. Peter wendet sich dem bewaffneten Widerstand zu, mit dem Ziel für die vermeintliche Familie der deutschsprachigen Südtiroler zu kämpfen. Die deutsche Familie aber denkt aber gar nicht so familiär, denn Gerdas Chefin beutet ohne mit der Wimper zu zucken ihre deutschsprachigen Mitarbeiter in Hotelküche und Service aus, so gut sie es kann.

Eine zusätzliche Perspektive gewinnt Melandri durch den weiteren Erzählstrang, der sich der politischen Arbeit Silvius Magnanos widmet. Der ist Südtiroler Landeshauptmanns und spricht sich in den 1960er Jahren gegen die Gewalt durch Anschläge aus. Im Gegenzug verhandelt er lange Jahre und mit unendlich viel Geduld für die weitreichende Autonomierechte Südtirols in Rom. Als die endlich Zuspruch in seiner Partei finden, das ist 1969, hört auch der bewaffnete Widerstand auf. Es dauert dann aber noch bis zu Beginn der 1990er Jahre, bis diese Autonomierechte auch rechtlich bindend werden.

Eva, die im 21. Jahrhundert als Eventmanagerin ihr Auskommen gefunden hat und als Kosmopolitin ganz selbstverständlich über die Kontinente reist und die – 2010 ja tatsächlich – unsichtbaren Grenzen der europäischen Länder überquert, kommt immer wieder nach Hause ins Pustertal zurück. Sie ist die moderne Europäerin, die sich in ihrem deutschsprachigen Tal ebenso zurechtfindet wie in Rom oder in New York. Und sie besucht auch Vito, den Süditaliener, der beinahe ihr Stiefvater geworden wäre.

Francesca Melandri (2010/2018): Eva schläft, aus dem Italienischen von Bruno Genzler, Berlin, Verlag Klaus Wagenbach

Elizabeth Strout: Alles ist möglich

„Alles ist möglich“, meint die Beratungslehrerin Patty und verspricht der fünfzehnjährigen Schülerin Lila Lane, ihr einen Platz am College zu beschaffen und das Geld für ein Studium, wenn Lila das möchte. Lilas Noten seien so gut, da könne sie ein Studium beginnen. Lila fängt an zu weinen. Weil sie immer weinen muss, wenn jemand nett ist zu ihr. Und das kommt in ihrer Familie nicht oft vor.

Schon vor ein paar Tagen hat Lila in Pattys Büro gesessen. Das Gespräch ist jedoch völlig anders verlaufen, denn Lila war arrogant und respektlos. Sie hat sich über Pattys ernsthaftes Lob lustig gemacht, hat Pattys Fragen nach ihren Berufswünschen nicht beantwortet, sondern Patty stattdessen gefragt, ob die Bilder der Kinder, die auf der Kommode stehen, ihre eigenen seien. Und das obwohl sie doch ganz genau weiß, dass Patty keine eigenen Kinder hat. Und erklärt hat Lila:

„Weil Sie und Ihr Mann nie zusammen in der Liste waren, stimmt´s?“ Das Mädchen stieß ein Lachen aus; ihre Zähne waren schlecht. „Das heißt es nämlich über Sie, wussten Sie das? Fatty Patty und ihr Mann waren nie zusammen in der Kiste, und überhaupt hat sie´s noch nie mit einem gemacht. Sie sind immer noch Jungfrau heißt es.“ „Raus hier, du mieses Stück Abschaum“, ist Pattys Reaktion.

In Elizabeth Strouts Roman wird gelästert und gedroht, es wird gelogen und betrogen, es gibt sexuellen Missbrauch in verschiedener Gestalt, die Gewalt durch die Macht der Eltern, die Gewalt der Armut, die von einer wenig Anteil nehmenden Nachbarschaft zu Stigmatisierung und Ausgrenzung führt. Strout erzählt also in vielen Facetten von den Dingen, die Menschen anderen Menschen antun können. Das könnte eine sehr deprimierende und niederschmetternde Lektüre sein. Aber das ist das Lesen ihres Romans ganz und gar nicht: Das Gegenteil ist der Fall.

Und das liegt nicht nur daran, dass sie den vielen üblen Erfahrungen, die ihre Figuren machen, auch das Streben nach Glück und Liebe entgegensetzt, die Suche nach einem besseren Leben. Und ein besseres Leben kann sich schon einstellen, wenn man ein gutes Buch liest, wenn man verzeihen kann, wenn man eine Situation annehmen kann, wie sie ist. Oder wenn man es eben nicht hat mit dem Verzeihen, wenn es für die eigene Seele besser ist, den Konflikt beim Namen zu nennen.

Patty ruft nach dem denkbar schlecht gelaufenen Gespräch mit Lila, der sie doch mit ihrem Studien-Angebot einen Weg aus der Armut weisen wollte, ihre Schwester Linda an. Ein bisschen Beistand hat sie sich wohl gewünscht, ein bisschen Verständnis für ihren Ausspruch vom Abschaum, für den sie sich jetzt schon schämt. Die Unterstützung kommt sofort, macht es Patty aber auch nicht leichter:

„Erinnerst du dich denn nicht? Sie waren Gesocks, Patty. Gott, mir fällt gerade wieder ein, dass sie diese – was waren das? Irgendwelche Verwandten von ihnen eben. Der Junge hieß jedenfalls Abel. Grundgütiger, war das ein Früchtchen. Er ist immer in den Müllcontainer hinter Chatwin´s Café gestiegen und hat da die Abfälle nach Essensresten durchgewühlt. Ich meine, so hungrig kann doch kein Mensch sein. Warum macht jemand so was? Aber er hat sich ja nicht einmal geschämt, das weiß ich noch. Mir ist immer ganz schlecht geworden bei dem Anblick. Offen gesagt wird mir jetzt noch schlecht.“

So abfällig und unreflektiert spricht also Linda. Von der Patty aber bei ihrem Telefongespräch den Eindruck hat, dass sie nicht zuhöre, sich gar nicht für ihren Streit mit Lila interessiert. Patty hat oft den Eindruck, dass Menschen einander nicht zuhören, weil sie oft nur mit sich selbst und ihren eigenen Problemen beschäftigt sind und sich nicht auf ihr Gegenüber einlassen. In einem späteren Kapitel erfahren wir dann, dass Patty Recht hat mit ihrem Eindruck, denn Linda steckt gerade in einem großen Gewissenskonflikt. Sie weiß nämlich genau darüber Bescheid, dass ihr Mann das Gästezimmer des Hauses mit Kameras ausgestattet hat, um am Laptop seine Kundinnen ungestört zu beobachten. Und auch Linda schaute dabei früher ganz gerne zu. Linda weiß auch, dass er den weiblichen Gästen gerne mal nachstellt. Gerade hat er eine der Frauen in ihrem Zimmer überrascht, sodass sie, nur noch in Unterwäsche bekleidet, auf die Straße geflohen ist. Nun liegt bei der Polizei eine Anzeige gegen ihren Mann vor. Auf Linda und ihre Aussage kommt es jetzt an. Linda aber, die doch so trefflich über Armut urteilen kann, wird ihren Mann nicht belasten.

Wie in einem Episodenfilm erzählt Strout ihren Roman in neun Erzählungen, in denen jeweils eine andere Protagonistin, ein anderer Protagonist im Vordergrund stehen. So gibt es auch keinen richtigen Plot, kein spannendes Finale, auf das der Roman zusteuert. Stattdessen zeigen die Geschichten nicht mehr und nicht weniger als Freud´ und Leid des normalen Lebens. Strout erzählt mitten aus dem Alltags-Leben ihrer Protagonisten und doch ist das kein bisschen langweilig, kein bisschen schleppend oder betulich. Denn Strout schaut genau hin, entwickelt ihre Figuren in den Situationen bis ins kleinste Detail und zeigt die Fülle an Erlebnissen in den Leben ihrer Figuren, ohne dass dies konstruiert wirkt. Und Strout verrät keine ihrer Figuren, denn selbst die Figuren, die die eine oder andere charakterliche Tugend vermissen lassen, sind so gezeichnet, dass wir für diesen Mangel Verständnis entwickeln können.

So lernen wir diese Menschen aus der amerikanischen Provinz mit all ihrem oft erschreckend engen und ausgrenzenden Denken und ihren Vorurteilen gut kennen. Und wir sehen Elizabeth Strout uns geradezu zuzwinkern, wenn sie zwar eine ihrer Erzählungen über die Exklusion von Homosexualität im bäuerlichen Milieu ansiedelt, dann aber erzählt von der lesbischen Pastorin, die neu in ihr Amt eingeführt wird.

Zusammengehalten wird der Roman dadurch, dass die Figuren, mit einer Ausnahme, alle aus der Kleinstadt Amgash stammen, die der ehemalige Hausmeister der Schule Tommy Guptill als „heruntergewirtschaftet“ bezeichnet und die inmitten von Mais- und Sojabohnenfeldern rund eine Autostunde von Chicago entfernt liegt. Die meisten Figuren leben in gesicherten finanziellen Verhältnissen, aber sie tragen eben die diversen Traumata ihrer Kindheit oder die grausamen Erinnerungen an die Erlebnisse im Krieg in Europa oder Vietnam mit sich. Durch die episodische Konstruktion und dadurch, dass die Figuren sich untereinander kennen, erfahren wir im Laufe des Romans dann immer wieder, wie die eine oder andere Geschichte sich weiterentwickelt hat.

Ein weiterer roter Faden ergibt sich durch Lucy Barton und ihr neu erschienenes Buch. Das liegt in den Buchhandlungen im Ort natürlich gut sichtbar auf einem Extra-Tisch. Ein bisschen Stolz auf die ehemalige Nachbarin – auch wenn sie und ihre Familie früher einen willkommenen Anlass für Klatsch und Tratsch boten –, die nun eine berühmte New Yorker Schriftstellerin ist, spielt sicher eine Rolle. Und so kommt Lucy Barton und ihr Buch in den Gesprächen der verschiedenen Figuren auch immer mal wieder vor.

Patty, die gerne in den Buchhandlungen stöbert, findet am Nachmittag ihres Streitgesprächs mit Lila dieses Buch und kauft es. Es stellt sich als eine Biografie heraus, in der Lucy auch über ihre Kindheitserlebnisse erzählt. Und Patty hat die Lektüre zutiefst beeindruckt:

„In ihrem Buch sprach Lucy Barton von den Wegen, die die Menschen sich suchten, um auf andere herabblicken zu können, und Patty hatte das Gefühl, dass das stimmte. […] Lucy Bartons Buch hatte sie verstanden. Das war es – das Buch hatte sie verstanden. Diese Süße wie von einem gelbfarbenen Bonbon füllte ihr immer noch den Mund. Lucy Barton wusste, was Scham hieß, o Gott, wie gut wusste sie das. Und sie hatte diese Scham hinter sich gelassen. „Puh!“, sagte Patty, als sie den Motor abstellte. Und sie blieb noch eine Weile im Auto sitzen, bevor sie schließlich ausstieg und hineinging.“

Auch Patty überwindet ihre Scham und ihren Groll. Und sucht noch einmal das Gespräch mit Lila. Sie erklärt und entschuldigt ihren bösen Ausspruch über den „Abschaum“. Und bietet Lila erneut an, ihr bei der Studienplatz- und Geldsuche zu helfen.

Es sind diese Szenen in den Erzählungen, in denen uns auch Elizabeth Stouts Roman vorkommt, wie ein süßes gelbfarbenes Bonbon, das langsam auf der Zunge zergeht.

Elizabeth Strout (2018): Alles ist möglich, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, München, Luchterhand Literaturverlag

Aufmerksam geworden bin ich auf Strouts Roman durch Petras Besprechung auf ihrem Blog literaturreich.

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer

Wie brüchig eine Existenz sein kann, das erfährt Sonja Bräuning mit über sechzig. Fast geflohen ist sie vom Bodensee nach Wales, ans Ende der Welt, könnte man meinen, dorthin, wo der Blick aufs meistens wild tosende Meer Weite und Grenzenlosigkeit und Ewigkeit verspricht – und die größtmögliche Freiheit, weil sie sich hier Tag für Tag für oder gegen das Leben entscheiden kann.

Zu einem Zeitpunkt, zu dem Menschen ihres Alters darüber nachdenken, wie sie die Zeit ohne Arbeitsverpflichtung verbringen wollen, steht Sonja da mit einem in die Jahre gekommenen Hotel, das dringend renoviert werden müsste, und so hohen Schulden, dass die Banken im Ort, deren Vertreter jahrelang bei ihr ein- und ausgegangen sind, ihr kein weiteres Geld mehr leihen. Selbst Arno, ihr Schwager, der in besseren Zeiten mit seinem Bruder und dessen Michelin-Stern geprahlt hat, gewährt ihr keinen Kredit mehr. Er drängt sie aus dem Haus, das früher einmal die Gaststätte seiner Eltern gewesen ist, eines der „bodenständigen“ Häuser, in denen die Sauce zum Braten aus der Tüte kam.

Bruno und sie haben Restaurant und Hotel in ganz andere Bereiche geführt. Dafür hat Bruno einen Michelin-Stern bekommen. Jahrelang haben die nobelsten Fahrzeuge aus Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern auf ihrem Parkplatz geparkt, haben die Gäste den exquisiten, jeden Tag frisch aus Paris eintreffenden Fisch gegessen und die im Weinkeller eingelagerten edlen Tropfen getrunken. Und Bundeskanzler Kohl hat seinen Staatsgast Chirac nicht zum Essen von Saumagen in die Pfalz geführt, sondern ist bei ihnen eingekehrt. Bruno hat gekocht, um die Gäste mochte er sich nicht kümmern. Von Tisch zu Tisch zu gehen, das war nicht sein Ding. Das hat Sonja übernommen, hat sich mit den Gästen unterhalten, hat sich um ihr Wohlergehen gekümmert, hat überhaupt alle Aufgaben übernommen, die nicht zum Hoheitsgebiet des Chefkochs gehörten.
Und nun liegt das alles, liegen dreißig Jahre Arbeit in Scherben vor ihr. Als Brunos Stern abhandengekommen war – und er war nicht schnell, nicht geistesgegenwärtig genug, um ihn selbst zurückzugeben, wie andere in seiner Situation es tun – , und die Kosten für das gute Essen und die guten Getränke schon gar nicht mehr über die Stern-angemessenen-Preise zurückfließen konnten, als sich zur persönlichen Schmach auch die kaum noch aufzufangenden finanziellen Probleme gesellten, da zog Bruno sich mehr und mehr in den Weinkeller zurück. Und nun ist Bruno gestorben, vielleicht wegen des Alkohols, vielleicht war es auch Selbstmord.

Die Versuche Sonjas, in anderen Hotels unterzukommen, scheitern, vor allem wegen ihres Alters und weil ihre Kenntnisse im modernen Hotelmanagement nicht auf den aktuellen Stand sind. Auch der Schwager macht Druck und so ergreift Sonja den Strohhalm, den ihr der englische Stammgast, Mr Pettibone, angeboten hat: sie will das Hotel seines Onkels an der walisischen Küste führen, in Abydyr. Dort lebt Sonja nun schon seit drei Jahren. Viele Tage stehen alle Zimmer leer, an manchen Tagen kommen ein paar Fernwanderer vorbei, manchmal ein paar Urlauber. In die Hotelkneipe sitzen des Abends immer ein paar Menschen aus dem Ort, um ihr Bier zu trinken. Mit dem ehemaligen Glamour ihres Hauses und ihrer Gäste am Bodensee hat dies hier wahrlich nichts zu tun: „Gegen freie Logis und ein besseres Trinkgeld verwaltet sie den schieren Stillstand.“

Karl-Heinz Otts Roman ist auf den ersten Blick die Geschichte des Niedergangs des hochdekorierten Restaurants der Bräunings am Bodensee. Das – aus vielen möglichen Gründen – die Auszeichnung verliert und das Ehepaar in einen langsamen, aber stetigen Abstiegsstrudel gerät. Eine Geschichte darüber, wie nah Erfolg und Misserfolg nebeneinanderliegen, welche verheerenden Konsequenzen diese von außen erst zugewiesene und dann entzogene Auszeichnung auch und vor allen Dingen auf das Innere der Menschen hat.

Auf den zweiten Blick aber ist dieser Roman aber auch eine Meditation über Verluste. Sonjas ganzes Leben ist davon geprägt: Erst hat sie ihre Eltern verloren, die es zurück in die USA zog, wo der Vater herstammte, und die das Baby lieber der Großmutter abgaben. Dann wurde die Großmutter vergesslich, Sonja musste ins von Nonnen geführte Internat ins Voralpenland ziehen. Zur Beerdigung der Großmutter durfte sie nicht fahren. Dann vermittelten die Nonnen ihr eine Ausbildung im Hotel in St. Moritz. Schon bei der Hinfahrt fühlte sie sich von den Bergen und Felsen eingesperrt, bekam Atemnot von der Enge der Täler. Aber sie lernte Bruno dort kennen, dem sie sich sofort nah fühlte, wegen seiner Zurückhaltung, seiner Scheu. Und so kam sie in den Lindenhof, wieder in eine Gegend mit Blick auf die Berge, wohin sie doch nie mehr wollte. Mit einer Schwiegermutter, die nicht begeistert war von der Wahl des Sohnes und sie als Aschenputtel bezeichnete. Und dann, in der Zeit des langsamen Abstiegs, als Bruno immer öfter seine Abende alleine im Keller verbrachte, verlor sie auch ihn – oder hatte ihn vielleicht auch schon früher verloren, in den immerwährenden Anstrengungen, um aus der Dorfkneipe ein angesehenes Haus zu machen.

„Sicherlich hatte sie ihn sogar geliebt, ohne zu wissen, wo wahre Liebe beginnt und bloßes Mögen endet. Jedenfalls hatten sie sich sofort gut vertragen, wie auch später noch, mal mehr, mal weniger, wie es die Tage eben mit sich brachten. Sie war froh, jemanden um sich zu haben, mit dem man sich vertraut fühlte und den man bestens zu kennen meinte, auch wenn er wenig redete. Seine Treue besaß etwas so Selbstverständliches, dass man gar nicht von Treue reden musste. Man gehörte zusammen durch die Arbeit und überhaupt, auch in Zeiten, die ihn von ihr wegrückten.“

Es ist ein melancholischer Erzählton, der Sonjas Gedanken, Erinnerungen und Reflexionen ausbreitet. Der deutlich macht, dass sie ihre Situation nun, mit dem zeitlichen und räumlichen Abstand, sehr genau zu analysieren weiß, der aber auch ihre innere Leere zeigt, zeigt, dass sie sich selbst verloren, dass sie lange Jahre schon mehr funktioniert als gelebt hat, sich nun nur noch als „man“ betrachtet. Als Kontrapunkt dazu dienen die Beschreibungen der rauen und tosenden See in Wales. Und wirklich ist Sonja vor allem nach Wales gezogen, weil sie so eine Sehnsucht hatte nach dem Meer. Beim ersten sintflutartigen Regen zieht sie ein Regencape über ihr Nachthemd,

„schlüpfte in ihre Sandalen, stiegt die drei Stockwerke hinab zum Ausgang, kämpfte sich über die Straße, krallte sich am Küstengeländer fest und ließ die Brecher auf sich einstürzen. Die Brandung schlug ihr ins Gesicht, ihre Augen brannten, sie konnte nichts mehr sehen. Sie wusste nicht, was stärker war, ihr Wille zu überleben oder ihr Wille aufzugeben.“

Den Verlusten stellt Sonja Lebensentwürfe entgegen, in denen Menschen sich ihre Freiheit zurückerobert haben. Einer ihrer hochbetagten Gäste hat sich eine Woche aus seinem Altersheim hinausgestohlen, ein Kollege aus dem Hotelgewerbe führt nun sein eigenes Haus, in dem er seine Philosophie umsetzte, jedem Gast ehrlich zu sagen, was er vom ihm hält. Und jeden Morgen macht Sonja ihren Spaziergang auf den Klippen am Meer, jeden Morgen betrachtet sie die Wellen, den Horizont, den Himmel und die Möwen und jeden Morgen genießt sie den Luxus der Freiheit, entscheiden zu können, ob sie den Tag leben möchte oder nicht.

In seinem knappen Roman leuchtet Karl-Heinz Ott grandios die Biografie einer Frau aus, die im Alter und erst nach sehr schmerzlichen Erlebnissen zu ihrer Autonomie zurückfindet. So eine Geschichte könnte schnell im kitschigen Selbstfindungsjargon enden. Dem entgeht Ott aber durch seine allen Verlusten zum Trotz starke Frauenfigur, die ebenso leicht und fein erzählend sowie klar beobachtend und reflektierend ihrer Lebensgeschichte auf den Grund geht. Und dabei einige Mechanismen zu Tage fördert, die auch die Leser nachdenklich stimmt.

Karl-Heinz Ott (2018): Und jeden Morgen das Meer, München, Carl Hanser Verlag

A.L. Kennedy: Süßer Ernst

Über Meg und Jon sind schon einige Lebensstürme hinweggefegt. Und haben mit Kratzern, Verletzungen und tiefen Wunden ihre Spuren hinterlassen. Meg Williams, Mitte Vierzig, ist als Wirtschaftsprüferin in eine Insolvenz geraten. Nun lebt sie, seit ziemlich genau einem Jahr trockene Alkoholikerin, im ererbten Haus ihrer Eltern, das die besten Tage schon lange hinter sich hat, und kümmert sich im Tierheim halbtags um die Rechnungen. Sie ist traurig, hält sich die Menschen in ihrer Umgebung auf Abstand und beurteilt alles mit spitzer Zunge. Jon, Ende Fünfzig, ist geschieden und in ein Einzimmerapartment in einem heruntergekommenen Stadtteil gezogen, auch wenn er sich eine andere Umgebung durchaus leisten könnte. Er arbeitet als Vize-Direktor in der PR-Abteilung eines Ministeriums und lässt die Skandale der Politiker sowie die nicht weniger skandalträchtigen politischen Entwicklungen durch eine elegante Wortwahl immer wieder in einen positiveren Rahmen stellen. Die Erfahrungen seines Lebens haben ihn wütend gemacht – und zynisch. Die Nähe zu anderen Menschen meidet er.


A.L. Kennedy hat für die Rollen der Protagonisten ihres Romans zwei Figuren ausgewählt, die nicht gerade als strahlende Helden erscheinen. Damit sind sie uns Lesern ja nicht unähnlich: mehr oder weniger gezeichnet vom Leben, aber mit dem Willen, es doch noch besser hinzukriegen. Und so begleiten wir Meg und Jon an diesem Tag, es ist Freitag, der 14.4.2015, der ein besonderer Tag für sie werden soll. Denn sie haben sich für den Nachmittag zum Essen verabredet. Und beide sind sie ungeheuer aufgeregt wegen dieser Verabredung, sind gleichermaßen nervös wie voller Freude, so wie es eben ist, wenn man sich verliebt hat – den Erfahrungen des Lebens zum Trotz.

Dass das überhaupt passiert ist, ist schon eine großartige Geschichte. Jon nämlich bietet über Zeitungsannoncen Frauen an, ihnen Liebesbriefe zu schreiben. Zehn Briefe werden es sein. Und wenn sie mögen, können sie zurückschreiben. Meg ist eine von Jons „Kundinnen“, die auf ihre Briefe Antworten verfasst. Und über diese Korrespondenz, allein über den völlig altmodischen Austausch von handgeschriebenen Worten, ist das Verlieben passiert. Das würde nicht weiter führen, denn Jon hat sich für diese ausgefallene Autorenschaft nicht nur ein Pseudonym zugelegt, sondern auch ein Postfach aus dem er wöchentlich die lagernden Liebesbriefe abholt. Im Café gegenüber beobachtet Meg den Eingang zur Postfiliale, wägt ab, welcher der Männer „ihr“ Mr August sein könnte – erkennt ihn und spricht ihn an. Sie trinken einen Kaffee zusammen, reden erste Sätze, aber Jon, völlig überrumpelt, hält das Treffen kaum aus, flieht fast. Aber sie halten Kontakt, schreiben Handynachrichten, telefonieren – und verabreden sich wieder: am Bahnhof London Bridge, am Freitagnachmittag.

An diesem Morgen wandert Meg um 6:42 Uhr, weil sie nicht mehr schlafen kann, in Gummistiefeln und einem Mantel über dem Pyjama durch den Park oben auf dem Telegraph Hill in der Nähe ihres Hauses. Mit dem zunehmenden Licht der aufgehenden Sonne hat sie die Gebäude in der Umgebung angeschaut, viktorianische Gebäude, nebeneinander aufgereiht, mit Lücken, die durch die V-1- und V-2-Raketen entstanden sind und in denen neue, geschmacklose, wie sie findet, Gebäude gebaut wurden. Meg vermutet, dass sich heute niemand mehr für die Schäden interessiert, auch wenn irgendwo eine Gedenktafel daran erinnern soll. Sie allerdings, so denkt sie, interessiert sich genau auf diese Schäden, „für Schäden und Lücken. Konnte beides lehrreich sein.“ Als die Sonne höher steigt, kann sie auch die Londoner Skyline an der Themse betrachten mit ihren auffälligen architektonischen Orientierungspunkten: der „komplizierte Metallzylinder“ in der Nähe von Vauxhall, die Turbinen, die „unsicher über Elephant & Castle aufragen“, der „riesige Glaszapfen bei der London Bridge“. Dort wird sie heute Nachmittag sein, dort wird sie Jon wieder treffen, „am Bahnhof London Bridge“, hat er gesagt.

Während Meg durch den Park wandert, gießt Jon die Blumen seiner Ex-Frau in seinem Ex-Haus. Und entdeckt dabei einen kleinen Vogel, der sich in den Maschen eines Netzes verfangen hat. Er befreit ihn, unter den wachsamen Augen der Vogelmutter. Doch dann passiert das Missgeschick: Vogelkot landet auf seiner Anzughose. So kann er auf keinen Fall ins Ministerium. So kann er nicht zur Arbeit gehen, nach Hause fahren scheidet ebenfalls aus, er ist jetzt schon spät dran. Vom Berufsverkehr ganz zu schweigen.

Und dann kommt zu allem Unglück der Anruf von Samson, dem Sonderberater aus einem anderen Ministerium, der Jons Hilfe einfordert. Einer der Abgeordneten hat mal wieder über die Stränge geschlagen und einer farbigen Aktivistin aus der eigenen Partei „I like Big Butts“ zugerufen. Das ist der Abgeordnete, der letztens auf einer Reise nach Leipzig schon einen markigen Spruch über die Deutschen auf Lager hatte. Dieses Mal ist er gefilmt worden. Und das im Wahlkampf. Jon denkt aber im Traum nicht daran, Samson zu helfen und freut sich diebisch, als der fluchend auflegt. Das Hosenproblem wird er lösen, wenn er sich mit dem Taxi erst zu einem Laden und dann zum Ministerium bringen lässt.

Kennedy versteht es auf exzellente Weise, uns Leser am Leben ihrer Protagonisten teilhaben zu lassen. Parallel erleben wir die Geschichten von Jon und Meg im Verlauf des Tages. Die distanzierte Sie- bzw. Er-Perspektive wechselt dabei ständig mit dem nicht aufhörenden Gedankenfluss Jons und Megs. Die Erzählperspektiven verzahnen sich so miteinander, dass auch für den Leser eine Atemlosigkeit entsteht, die sehr genau das gehetzte Leben dieser beiden Protagonisten bei ihren Wegen von Termin zu Termin, von Ort zu Ort mitempfinden lässt.

Es sind jeweils Alltagsszenen, von denen Kennedy erzählt: Megs Untersuchung beim Arzt, Jons kurzfristig einberaumter Termin bei Samsons Minister, Megs Arbeit im Tierheim, Jons Treffen mit einem Journalisten, Megs Besuch bei den anonymen Alkoholikern und so weiter, bis sie sich schließlich mitten in der Nacht doch endlich treffen. Und alle diese alltäglichen Szenen, alle normalen Tagesroutinen sind dann doch wieder Anlässe für Erinnerungen an die eigenen Lebensgeschichten, Anlässe für genaue gesellschaftliche Analysen, bieten vor allem ein ums andere Mal den Anlass, im privaten Erleben das Politische zu entdecken. Dabei durchleben wir, wie auf einer Achterbahnfahrt, alle Gefühlslagen der Protagonisten mit: Das euphorische Verliebtsein, die kritisch kreisenden Gedanken, ob das Treffen zustande kommt, manchmal die abgrundtiefe Traurigkeit, die zehrende Einsamkeit. Und immer wieder Gegenwartswertungen, bei denen beide sich ebenso scharfsichtig wie spitzzüngig erweisen, sodass der Leser wieder und wieder in lautes Lachen ausbricht, das ihm aber oft schnell im Hals stecken bleibt.

„Mir wird schlecht, wenn ich den Eaton Square überquere – tu ich seit Jahren – und das neue Bürgersteigmobiliar sehe, diese Männer, die wie Butler gekleidet sind und vor den Häusern herumstehen müssen. Als gäbe es nicht genug Möglichkeiten, das viele geld, so viel, zu viel Geld auszugeben, das den Haueigentümern drinnen zur Verfügung steht, oder vielleicht auch nicht drinnen, sondern woanders, aber potenziell drinnen; darum muss das Personal sichtbar gemacht werden, und zwar als unterbeschäftigt: ganze Menschen stehen auf Abruf bereit, wenn jemand aus dem Taxie steigt, oder eine Tür geschlossen vorgefunden wird und daher geöffnet werden muss.“

Zwischen den Kapiteln sind kleine Erzählungen, Miniaturen, eingeschoben. Wie durch ein Blitzlicht erleuchtet scheinen Situationen des öffentlichen Lebens auf, aus der U-Bahn, von der Rolltreppe, einem Platz, dem Park. Wildfremde Menschen begegnen sich, passen aufeinander auf, helfen sich, sind freundlich zueinander. Hier bekommt das laute, feindselige und oft ungehobelte Leben in einer modernen Großstadt plötzlich eine zusätzliche Facette der Ruhe und der Fürsorge. Meg hat diese Situationen beobachtet und notiert, weil sie doch den heilenden Auftrag hat, gute Momente zu sammeln, statt ständig mit den gleichen Gedanken über die Dinge nachzudenken, die sie wütend machen. Es sind aber auch die Szenen, die den Erlebnissen von Meg und Jon, ihren Erinnerungen, ihren Sorgen und Verletzungen etwas Positives entgegenstellen.

„Süßer Ernst“ hat A. L. Kennedy ihren großartigen, an Ideen überquellenden und in einer wirkungsvollen Sprache erzählten Roman genannt. „Süß“ – aber nie kitschig – ist die zarte, moderne Liebesgeschichte, die sich anbahnt und für so viel Gefühlsaufruhr sorgt. Aber „ernst“ ist das Leben eben auch, mit dem Kampf gegen den Alkoholismus, die Erinnerungen an Missbrauch und vielleicht eine schwere Erkrankung. „Ernst“ sind ebenfalls die Missstände im politischen System Großbritanniens. Es ist nicht konkret der Brexit, der hier verhandelt wird, sondern Machtmissbrauch, wie er auch in anderen Ländern vorkommen kann oder vorkommt. Und den Jon nicht mehr hinnimmt. Wir werden nicht wissen, zu welchem Konsequenzen Jons Handeln in diesem Fall führt. Immerhin: Am Samstagmorgen sitzen Meg und Jon im Telegraph Park und beobachten gemeinsam den Sonnenaufgang.

A. L. Kennedy (2018): Süßer Ernst, aus dem Englischen von Ingo Herzke und Susanne Höbel, München, Carl Hanser Verlag

Joachim Zelter: Im Feld. Roman einer Obsession

Joachim Zelter ist Rennradfahrer. Beim Videodreh anlässlich der Literatour Nord steht das Fahrrad erst im Hintergrund, später sieht man ihn darauf fahren. Er kennt sich aus mit dem Rennrad, ist vermutlich einer derjenigen, die auf den Landstraßen unterwegs sind, Kilometer um Kilometer und die Hügel und Berge gerne im Sattel erklimmen. Die sich, allen Anstrengungen zum Trotz, voller Motivation immer daran machen, Kilometer zu fressen, die sich an freien Tagen mit Gleichgesinnten treffen und die Strecken gemeinsam bewältigen – „im Feld“ fällt es leichter. Und so ist er für die Geschichte, die in seinem jüngsten Roman erzählt wird, offensichtlich ein Experte. Frank, der Protagonist, nimmt uns Leser mit zu seinem Radrenntreff an Christi Himmelfahrt. Als Teilnehmer der Trainingsfahrt, die wirklich eine Art Himmelfahrt wird, als einer, der, wann immer er dazu in der Lage ist, genau beobachtet, was um ihn herum passiert, gewährt er uns Einblicke in all das, was sich im Feld ereignet. Und auch in sein eigenes Leben, das er bei dieser Fahrt immer wieder reflektiert.

Susan und Frank sind aus Göttingen nach Freiburg gezogen, weil Frank endlich richtige Berge fahren und nicht mehr nur die Rampen der Parkhäuser bewältigen will. Die Landschaft des Breisgaus mit den fordernden Anstiegen ist offenbar der einzige Grund für den Umzug, denn weder Arbeit noch Freunde oder Familie haben die beiden nach Freiburg gelockt. Noch sind nicht alle Kisten ausgepackt, aber die Einladung des hiesigen Fahrradklubs zum Radrenntreff an Christi Himmelfahrt – auch für Nicht-Mitglieder – kommt für Frank wie gerufen. Er holt also eines seiner Räder aus dem Keller und fährt zum Treffpunkt am Heidegger-Denkmal. Dort haben sich schon Teilnehmer versammelt, weitere kommen hinzu. Der Vereinsvorsitzende begrüßt die Fahrer, stellt ein paar Regeln auf und gibt Ratschläge und schnell werden drei Leistungsgruppen gebildet. Frank fährt in der mittleren Gruppe mit, der mit dem 27er Schnitt. Die Gruppenführer stellen die Touren vor:

„Wörter wie Warmfahren, kleinere Anstiege und: je nachdem. Je nach Lust und Laune und Verfassung der Gruppe. Und schon hörte man von allen Seiten das Einrasten der Radschuhe in die Klickpedale. Klack, klack, klack. Und es bildeten sich – all die Räder nun kreuz und quer fahrend – die drei Gruppen.“

Langsam setzt der Zug sich in Bewegung, Heidegger, so scheint es Frank, winkt ihnen nach. Gemächlich fahren sie durch die Straßen Freiburgs, Frank ganz hinten, wie ein Zuschauer. Es gibt erste Kontakte, einzelne Fahrer lassen sich zurückfallen, um Frank, sein Rad, sein Trikot vom Göttinger Fahrradtreff, zu begutachten. Auf Franks Computer werden 30 Stundenkilometer angezeigt, eine gemächliche Fahrt durch die Vororte.

Und erstes Geraune über Landauer dringt zu Frank vor. Landauer, das ist der wahre Gruppenführer, Karl, der da im Moment vorneweg radelt, nur sein Assistent. Landauer werde später zur Gruppe kommen, werde sie dann „persönlich übernehmen“. Er sei ein viel beschäftigter Mensch und betreue an so einem Feiertag mehrere Gruppen. Morgens sei er schon mit einer unterwegs gewesen, da spare er sich das gemächliche Einrollen auf den ersten 20 Kilometern. Landauer, das sei ein Hochgeschwindigkeitsfahrer, der fahre einen 35er Schnitt und es sei eine Leichtigkeit für ihn, sie einzuholen. Und ein Langstreckenfahrer ist er, so wird erzählt, denn Landauer fahre gerne Rennen, vor allem die mit den langen Strecken, „die über Tausende von Kilometern gehen und über Zehntausende von Höhenmetern“.

Dann ist Landauer da, in einem alten weißen Trikot aus den 70er Jahren fährt er zur Gruppe auf, er schwitzt nicht einmal. Und scheint zunächst die Visite abzunehmen, indem er an allen Mitfahrern vorbeifährt, hier grüßt, dort aufmuntert. Da werden die vorderen Fahrer hibbelig, denn sie haben die schnelle Gruppe nur wenige Hundert Meter voraus entdeckt – die Gruppe, die früher gestartet und mit einer höheren Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs ist.

Schon beginnt der erste Parforceritt. Das Feld strafft sich, wird schneller, erst 32 Kilometer pro Stunde, dann 35, 37, 40. Zu zweit fahren sie nebeneinander her, beginnen das Windschattenfahren, sodass die beiden vorderen Fahrer immer nur ein paar Sekunden im Wind stehen, sich dann zurückfallen lassen und hinten wieder einreihen. Wie ein Zug nehmen sie weiter Tempo auf, fahren 43, fahren 45 Stundenkilometer.

„Und plötzlich bin ich völlig nackt. Ohne irgendjemanden vor mir. An der Spitze des Feldes. Im Wind! Ein Schlag ins Gesicht. Eine unsichtbare Wand, gegen die man fährt. Als würde jemand in die Räder greifen und mit aller Macht bremsen. Und ich versuche das irgendwie auszugleichen. Unter dem wütenden Rufen Landauers. Mehr in die Pedale gehen. Mehr. Mehr! Gegen die Bremswand irgendwie aufzubegehren. Ein Zerren am Lenker. An der Grenze zur Besinnungslosigkeit. Bis der Fahrer neben mir das Zeichen gibt. Genug. Sich zurückfallen lassen. Was einem Kollaps gleicht!“

Als das schnelle Peloton die Aufholjagd bemerkt, zieht es seinerseits das Tempo an. So rasen zwei Teams durch die Landschaft, führen einen unerbittlichen Konkurrenzkampf – bis die mittlere Gruppe die schnelle eingeholt hat. Bei Tempo 35 fahren die Teams nebeneinander her, man plaudert, Trinkflaschen werden gehoben, als proste man sich zu. Und dann wird zum Abschied gewunken, Landauer biegt mit seiner Truppe rechts ab, die schnelle Gruppe fährt geradeaus weiter.

 Es ist während dieser Tempoverschärfung, also noch zu Beginn der Trainingsfahrt, dass Frank zum ersten Mal darüber nachdenkt, wie wohltuend es wäre aufzuhören. „Und zum ersten Mal der Gedanke: einfach eine Pedalumdrehung auszulassen. Oder aus dem Peloton unbemerkt auszuscheren. Sich aufrechten Sitzes zurückfallen zu lassen mit dem Satz: ohne mich. Ich entschwinde. Ich lass das Rad ausrollen, lege mich in die Wiese und schaue in den Himmel.“

Er will aber nicht der Erste sein, der aufgibt. Er wartet darauf, dass ein anderer Fahrer langsamer wird und abreißen lässt. Aber keiner lässt sich auch nur eine Schwäche anmerken. Es ist durchaus möglich, dass, genau wie Frank, auch andere Fahrer sich die Frage stellen: „Warum?“, aber kein Fahrer, auch nicht aus dem anderen Team will sich eine Blöße geben.

Die kleine Tempoverschärfung, der Kampf um den Schnelligkeitssieg, ist ja bei Weitem nicht das Ende der Fahrt. Denn nun kommt erst einmal der höchste Berg der Vogesen. Frank quält sich über die steilen Rampen, durch die Serpentinen, rechnet für jeden Höhenmeter die Länge der Strecke nach. Aber er hört nicht auf. Er hört aber auch nicht auf, als ihm klar wird, dass Landauer nicht zurück nach Freiburg fährt, sondern die Strecke so wählt, dass die Gruppe wirklich jeden Berg überquert, der in der Nähe liegt.

Am Ende der Ausfahrt, abends um 21 Uhr am Heidegger-Denkmal, hat Frank 345 Kilometer auf dem Tacho und 4367 Höhenmeter. Von 30 Fahrern sind nur noch 8 völlig erschöpft angekommen. Genauso erschöpft wie der Leser, der die Tour ja aus Franks Sicht mitgefahren ist. Der uns in langen Sätzen berichtet, in langen Sätzen seinen beruflichen Abstieg reflektiert, wann immer es ein wenig ruhiger zugeht. Der in kurzen, prägnanten, manchmal unvollständigen Sätzen, die sich fast so schnell drehen wie die Räder seines Fahrrads, von der Schinderei erzählt, die er erlebt und die anderen Fahrer auch.

Wie kann es sein, dass jemand sich so derartig quält, plagt und schuftet? Selbst für einen ambitionierten Freizeit-Sportler scheint dieses Pensum weder sinnvoll noch gesund. Und doch machen alle solange mit, bis sie – sprichwörtlich – vom Rad fallen. Den ständig meckernden inneren Schweinehund zu überwinden und die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit auszutesten, gehört zum sportlichen Training sicherlich dazu. Aber wo ist das Limit? Wann ist es besser, aufzuhören, auszusteigen, abzubrechen, sich die Ruhe anzutun, sich auszuruhen?

Und ist es nur im Sport so, dass wir ständig auf dem schmalen Grat des gerade eben noch Machbaren balancieren? Ist es nicht überall in unserer Gesellschaft so, dass wir in höchstem Tempo unterwegs sind und vor keiner „Herausforderung“ zurückschrecken? Dass wir, wenn wir einmal den Spurt angezogen oder das Problem oder gar die „Challenge“ bewältigt haben voller Stolz auf unser Werk schauen: Wir haben ja die eigene Willensschwäche überwunden und dem müden, abgespannten und erschöpften Körper gezeigt, wer der Herr im Haus ist.

Zelter hat also keineswegs nur die Geschichte einer verrückten Trainingsfahrt erzählt. Er erzählt uns mit dieser mühseligen Trainingsfahrt eine treffende Parabel über unsere Gesellschaft, erzählt mit seiner Geschichte über die Trainingsfahrt auch darüber, wie wir arbeiten, uns trainieren und selbstoptimieren und selbst unsere Freizeit noch so gestalten, dass wir sie ständig in perfekter Inszenierung veröffentlichen können. Er erzählt nicht nur von Frank und seinen Herausforderungen sondern auch von den Anforderungen, die uns von außen auferlegt werden, aber auch von denen, die wir uns gerne selbst aufbürden. Das macht sehr nachdenklich.

Am 26.3.2019 wird Joachim Zelter den Preis der Literatour Nord in Hannover entgegennehmen. Nicht zuletzt auch für den Roman „Im Feld“.

Joachim Zelter (2018): Im Feld. Roman einer Obsession, Tübingen, Klöpfer & Meyer

Richard Russo: Immergleiche Wege

Vier Erzählungen sind versammelt in diesem Band, vier Erzählungen von Protagonisten in den mittleren Jahren, die darüber nachdenken, wie es zu den Schrammen, Kratzern und Wunden gekommen ist, die sie im Laufe des Lebens erhalten haben, manchmal durchaus mit eigenem Zutun. Es sind alles keine wirklichen Helden, die Russo uns vorstellt, keine Figuren, die sich in schwierigsten Situationen bewähren müssen und daran wachsen und reifen. Es sind eher die sprichwörtlich ganz normalen Menschen, die in ihrem ganz normalen Leben gezeigt werden, in Leben, die so verlaufen sind, wie auch die Leben der Leser verlaufen können. Alles ganz normal also – und doch zeigt sich in jedem der Geschichten nach und nach ein persönliches Drama.

Die Professorin Janet Moore sitzt in ihrem Büro auf dem Campus und ihr gegenüber der Student James Cox, der einen Essay mit überzeugender Argumentation abgegeben hat – der aber, daran erinnert Janet sich, vor ein paar Jahren schon einmal eingereicht worden ist. Die alte Arbeit hat sie gesucht, vier Stunden hat es sie gekostet, sich durch die archivierten Texte in die Vergangenheit zu arbeiten, bis sie fand, wonach sie suchte. Und während sie nun hier sitzt und den Studenten mit ihren Recherchen konfrontiert, ärgert sie sich gleichzeitig, dass sie immer eine wasserdichte Überführung haben will. Ihr Professorenkollege Tony Hope aber macht sich nie die Mühe des Suchens. Sie weiß, dass er in solchen Fällen zockt, wenn er ein wissendes Gesicht aufsetzt und den Stundenten einfach zwei Fragen stellt: „Ist das Ihre Arbeit?“ Und „Wären Sie in der Lage, den Essay unter meiner Aufsicht zu reproduzieren?“

Während Janet hier sitzt, braut sich ein Unwetter zusammen und Janet denkt an Zeilen aus dem Kindergedicht vom „Reitersmann“, dass ihr Mann Robbie jeden Abend dem behinderten Sohn Marcus vorliest:

„Wenn weder Mond noch Stern vom Himmel lacht,
es draußen stürmt und braust,
jagt Mal ums Mal aus finstrer Nacht
Ein Reitersmann vorbei am Haus.“

Das Gewitter, die Strophen des Gedichtes, der Student, der eine Arbeit plagiiert hat – für Janet ist das alles der Stimulus, der eine alte Erinnerung zum Vorschein bringt. Die Erinnerung an ein Gespräch vor ungefähr zehn Jahren, das für sie zu einem Schlüsselereignis geworden ist. Damals saß sie als Doktorandin bei ihrem Professor Bellamy und er hat ihren Text beurteilt mit dem Satz:

„Es ist einfach nicht wirklich Ihre [Arbeit].“

Dabei meinte er gar nicht, dass sie abgeschrieben hätte, er meinte vielmehr, dass er sie nicht selbst erkennen könne in ihrem Text: „Es ist, als existierten Sie nicht…“ Er forderte sie auf, mehr Leidenschaft in ihre Analysen fließen zu lassen, mehr ihre persönliche Verbindung mit den Romanen erkennbar zu machen, mehr das in akademischen Kreisen so verpönte „Ich“ herauszustellen. Und bemerkte abschließend:

„Oh, erfolgreich werden Sie schon sein“, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Nur eben nicht gut.“

Es ist das Bemerkenswerte, das Beeindruckende an Russos Erzählungen, dass er aus einer Alltagssituation heraus eine Geschichte entwickelt, in der die Protagonistin gleich auf mehreren Ebenen gegenwärtig ist, indem sie handelt, sich erinnert, reflektiert. So entstehen ungeheuer dichte Erzählsituationen mit vielschichtigen Charakteren und ihren Leben im Hier und Jetzt. Aber auch mit ihren Gedanken an die Erlebnisse, die sie lieber im Keller ihrer Erinnerungen aufbewahren. Und in diese persönlichen Lebensgeschichten hinein werden Themen der Gesellschaft verwoben – in Janet Moores Erzählung das Plagiieren der Studenten und die im akademischen Kontext immer noch grassierenden bemerkenswert geistlosen Sprüche über Frauen.

Der pensionierte Professor Nate, der Protagonist der zweiten und längsten Erzählung „Stimme“, ist mit einer Reisegruppe zur Biennale nach Venedig gereist. Zur Gruppe gehört auch sein Bruder Julian, mit dem er seit Jahren ständig überkreuz liegt:

„Merkwürdig, dachte Nate. Kaum eine Minute war nach ihrem ersten Wiedersehen vergangen, und schon hätte er seinen Bruder erwürgen können.“

Julian bezeichnet ihn ein ums andere Mal als vertrottelt oder Verspult und sieht sich selbst als cleveren und erfolgreichen Geschäftsmann. Leider ist Julian im Moment so klamm, dass er Nate um Unterstützung beim Bezahlen des Hotels bitten müsste, was er aber nicht über sich bringt, deshalb abreist und Nate wortlos seine Rechnung überlässt. Nate belastet aber nicht nur dieser alte Zank mit dem Bruder, nicht nur die Schrullen und Marotten seiner Mitreisenden, die Unübersichtlichkeit der venezianischen Gassen, in denen er sich verirrt, sondern auch und vor allen Dingen die unsägliche Geschichte mit seiner Studentin Opal Mauntz, die vor einem Jahr passiert ist. Der ist er zu nahe gekommen, aber nicht aus einer übergriffigen sexuellen Laune heraus, sondern mehr aus einer väterlichen Sorge, als sie mit den von einem Sturz herrührenden Verletzungen im Gesicht in seinem Jane-Austen-Kurs stand.

Als Opal Mauntz in sein Seminar kam, hatte ihm der universitäre Gesundheitsdienst Opals Diagnose „Autismus“ übermittelt und genaue Anweisung gegeben, dass niemand sie anspreche oder gar berühre. Tatsächlich ergriff sie im Seminar nie das Wort, nahm keinen Kontakt zu ihm oder ihren Kommilitonen auf und saß immer weit abgerückt von den anderen. Aber sie schrieb die bei weitem besten Texte. Weitaus besser als die „verschwommene Prosa“ ihrer Studienkollegen, in deren Arbeiten die „Argumente irgendwo herumlungerten, wo sie der Leser mühsam suchen musste, als läge Koherenz ebenso in seiner Verantwortung wie in der des Autors.“

Er hatte Opal Mauntz` violett angeschwollenes Gesicht berührt, „so leicht er es vermochte“. Und während er die Geste ausführt, weiß er, dass er den schlimmsten Fehler in seiner Professorentätigkeit begeht und meint auch zu wissen, dass diese Karriere „ebenfalls ein Fehler war“.

Es ist mithin nicht nur die Frage der Protagonisten in allen Erzählungen immer gleich – die Frage also, ob sie das richtige Leben gewählt haben – sondern auch die Struktur aller Erzählungen folgt dem immergleichen Weg. Russo hat für alle vier Geschichten einen analytischen Aufbau gewählt, und enthüllt in der Jetztzeit das Ereignis der Vorgeschichte, das seine Protagonisten zweifeln lässt über ihrem Lebensweg. Und dass obwohl sie doch alle dem Leben ein wenig mehr abgeluchst haben, als sie meinen, dass es ihnen zustehe.

So wie Ray, der durch die Finanzkrise der späten 2000er Jahre gebeutelte Makler, der selbst auf die windigen Formulierungen eines Exposés hineingefallen ist. Eine Doppelgarage wurde dort angepriesen, die sich aber bei Inaugenscheinnahme als so klein erwies, dass höchstens zwei Coupés hinein passten. Nun hat Ray endlich wieder einmal Kunden, die sich für eines seiner Häuser interessieren, eines mit „Winteraussicht“, denn im Winter kann man durch die blattlosen Bäume hindurch das Meer sehen. Und während er hier alles tut, um den Kauf abzuwickeln, erinnert er sich an den ständigen Streit seines Vaters mit dessen Bruder – und an die Krebsdiagnose, die er bekommen hat. Die Krankheit selber fürchte er ja gar nicht so sehr, vermutlich ist sie auch gut heilbar. Aber: Er hat keine Krankenversicherung, die Einnahmen der letzten Zeit waren gering und seine Frau hat mit ihrer Galerie ebenfalls eine finanzielle Schieflage.

Es sind amerikanische Geschichten, die Richard Russo uns erzählt. Von den Genderdiskussionen an den Universitäten, der Immobilienkrise, den fehlenden Krankenversicherungen, den Verhältnissen in Hollywood. Das ist einerseits sehr unterhaltsam zu lesen, zumal Russo seinen Erzählungen nicht nur die nachdenkliche Schwere einschreibt, sondern immer auch die komischen Momente, die bizarren Dialoge und kuriosen Figuren, miterzählt. Und andererseits ist das Drama seiner Figuren, sind ihre existenziellen Fragen, die sich in der Erzählreihung durchaus steigern, auch unsere Fragen an das Leben. Und sind wir nicht alle, wie der alternde Drehbuchautor Ryan, auf der Suche nach dem Glück, wollen wir nicht alle gerne bekommen, was wir begehren? Auch, wenn das Streben nach Glück in unserer Verfassung nicht niedergeschrieben ist.

Richard Russo (2018): immergleiche Wege, aus dem Englischen von Monika Köpfer, Köln, DuMont Buchverlag

David Fuchs: Bevor wir verschwinden

Als Praxisschock bezeichnet man die Erschütterungen des Berufsanfangs. Wenn endlich das ganze Gelernte in der Praxis angewendet werden soll, stattdessen aber Kenntnisse gefordert sind, die auf keinem schulischen oder universitären Lehrplan standen. Weil es auf einmal Berufsrollen und Hierarchien zu beachten gibt, weil Leistungen ständig gefordert, überprüft und bewertet werden, weil Disziplin über acht Stunden notwendig ist und der Arbeitsalltag in hohem Maße fremdbestimmt ist. Wenn vom Praxisschock schon in den technischen und wirtschaftlichen Bereichen berichtet wird, wie ist es erst, wenn Medizinstudenten mit dem Krankenhausalltag konfrontiert werden? Wenn sie gar auf eine Station gelangen, auf der weniger das Gesundwerden Ziel der Behandlung ist, sondern den Weg bis zum unvermeidlichen Tod zu gut wie möglich zu gestalten? Und wenn dann noch einer der Patienten der Ex-Freund ist, gerade Mitte Zwanzig und viel zu jung zum Sterben?

Auf diese Station, der Onkologie, hat es Benjamin, Ben, verschlagen, Medizinstudent kurz vor den universitären Abschlussprüfungen. Im Keller der Klinik arbeitet er an Versuchen, Schweine zu defibrillieren, nachdem sie narkotisiert sind und bei ihnen Kammerflimmern ausgelöst worden ist. Die Daten, die dabei entstehen, werden in Bens Dissertation einfließen. Und dort hat er die Krankenschwester Edna, genannt Ed, kennengelernt, die auf der Onkologie arbeitet. So ist Ben an sein letztes Pflichtpraktikum gekommen. Dabei interessiert ihn die Krebstherapie gar nicht:

„Es war mir immer egal, wie sich die Chemotherapien von achtzig verschiedenen Lymphomarten voneinander unterscheiden. Falls überhaupt.“

Am ersten Morgen auf der Station lernt Ben die Patienten kennen: den toten Kobicek, der seit drei Monaten nicht sterben will, Frau Follert mit dem Zungengrundkarzinom und dem Loch in der Wange. Von Ed bekommt er gleich den Auftrag, Blut abzunehmen. Ein Name steht auf dem Blutröhrchen, Ambros Wegener, und ein Geburtsdatum. Ben starrt auf den Namen und weiß sofort: Diesen Ambros kennt er, es ist sein Ex-Freund aus Schultagen. Zum letzten Mal gesehen haben sie sich vor fünf Jahren, in dem Wald beim Erdbeerfeld, wo man selber pflücken kann und nicht bezahlen muss für die Erdbeeren, die man dabei isst. Und nun trifft Ben Ambros wieder, ausgerechnet hier, auf der Krebsstation, und mit einer ganz schlechten Diagnose: einem Melanom auf dem linken Schulterblatt und Metastasen in Leber, Lunge, den Hirnhäuten.

„Stimmt was mit den Röhrchen nicht?, fragt Ed. Nein, sage ich, ich kenne nur den Patienten. Woher kennst du den Wegener? fragt sie und ich sage, aus der Schule. Im Ernst, sagt sie, ist ja lustig.“

Es ist dieser vermeintlich lapidare Umgang mit dem Unerträglichen, den Ed hier zeigt, der beim Lesen so eine eigentümliche Wirkung entfaltet. Da ist der übliche Ablauf eines an Effizienz und manchmal auch bizarren Vorschriften orientierten Krankenhausalltags, da sind die Routinen und die Behandlungen. Und auf der anderen Seite sind es die schwerkranken, oft sterbenden Menschen, die dem ausgesetzt sind. Da hat die Krankenschwester Ed, genau wie der Stationsarzt Dr. Pomp, einen erstaunlich abgeklärten, einen distanzierten, manchmal gar einen harschen Ton. Und trotzdem sind alle darum bemüht, die Momente zu pflegen, an denen sie alle den Kranken etwas Gutes tun können: Die Schwestern frieren an den Urinprobenröhrchen Eis mit Zitronen-, Himbeer- und Colageschmack ein und wenn die Patienten wünschen, dann auch Bier, Prosecco oder Milch. Herr Otto wird im Krankenhaus aufgenommen, weil seine Frau ein paar Tage für sich braucht: soziale Indikation. Und den tote Kobicek, der so gar nicht sterben kann, den holt Dr. Pomp schnell von der Intensivstation zurück, auf den ihn ein übermotivierter Assistenzarzt verlegt hat – damit er auf der Onkologie seine Ruhe hat.

Ben erzählt von den Arbeiten auf der Station und von seiner Freizeit in einem ähnlich gleichmütigen Ton wie Ed und Dr. Pomp sprechen. Und in einer radikal verknappten Form. So kommt seine Geschichte mit nur wenigen weiteren Personen aus – fast wirkt es, als arbeiteten auf der Station nur Dr. Pomp und Ed -, und es entsteht der Eindruck, dass sie alle isoliert und einsam sind. Bens Eltern sind in den Urlaub geflogen, von Freunden spricht Ben nie. Und auch Ambros bekommt keinen Besuch, weder Freunde noch Geschwister sitzen an seinem Bett, und seine Mutter, so heißt es einmal, sei irgendwohin nach Deutschland gezogen. Da sind wenig soziale Kontakte, die helfen könnten.

Auch Bens Sprache ist völlig verknappt. In dürren, knappen Sätzen, in denen das „Ich“ nur in Handlungen benannt, nie aber mit den Gefühlen gezeigt wird, führt er uns unmittelbar durch die Tage seines Praktikums, die immer mehr auch zu den Tagen einer Wiederannäherung und einer Sterbebegleitung von Ambros werden. Und Anlass sind, sich zu erinnern, wie sie sich während einer Schulfahrt nach Rom nahegekommen sind und wie sie sich wieder verloren haben. Es ist eine Besonderheit und auch eine Stärke des Textes, dass wir alles das, was sich hinter den Handlungen und Erinnerungen in Bens Inneren verbirgt, nur ahnen können.
Ambros lädt Ben ein, mit seinem Auto zu fahren, Fridolin nennt er es, und in seiner Wohnung zu wohnen. Dort entdeckt Ben Polaroid-Bilder, auf denen Gegenstände zu sehen sind. Darauf angesprochen erklärt Ambros, dass er ein Foto-Projekt begonnen und die Gegenstände, die er weggegeben, verkauft oder weggeschmissen hat, fotografiert habe. Nun, im Krankenhaus, hat er sein Projekt erweitert, indem er die Menschen fotografiert, bevor sie sterben. Auch den toten Kobicek im Bett neben ihm fotografiert er.

Ben will es wissen, als sie einen Stapel der Polaroids durchschauen: „Was ist mit den Leuten auf den Fotos, frage ich, sind die alle tot?“

„Ja, sagt er, sind alle tot. Mehr oder weniger gleich nach dem Foto. Der hier, er zeigt mir das Foto von dem gelben Mann, hat noch drei Tage gelebt. Die hier, sagt er und zeigt mir die jungen Frau mit den großen Augen, noch drei Wochen. Bei dem anderen weiß ich es nicht sicher, der ist nach Hause gegangen. Aber ich habe schon versucht, sagt er, dem Verschwinden möglichst nahe zu kommen. (…) Ambros sage ich, warum überhaupt Menschen fotografieren? Weil es ihnen sagt er, weniger weh tut, wenn es ein Foto gibt. Das Verschwinden tut dann weniger weh.“

So ist es eben doch nicht, das werden Ambros und Ben schmerzlich erfahren. Den Schock, den das Sterben Ambros´ bei Ben auslöst und ihn zu ungewöhnlichen Handlungen führt, wird er wohl so schnell nicht los. Und auch den Leser und die Leserin beschäftigt die Erzählung von der Onkologie noch länger. Nicht nur wegen der Geschichten vom Sterben, sondern, weil sich in dieser Erzählung aus dem Krankenhaus auch immer wieder sehr menschliche und sehr tröstliche Momente zeigen.

David Fuchs (2018): Bevor wir verschwinden, Innsbruck -Wien, Haymon Verlag

FO: Aus Isager Highland und Isager Alpaka wird Nala

Ich habe schon lange kein fertiges Strick-Objekt mehr vorgestellt. Und tatsächlich hat es auch lange gedauert, bis meine Nala-Jacke endlich fertig war. Immer wieder habe ich sie zur Seite gelegt, im letzten Jahr fast nur Schals gestrickt, weil die sich so einfach „herunternadeln“. Dabei haben mir bei diesem Design verschiedene Dinge so gut gefallen, dass ich es nachstricken wollte: die offene Form der Jacke und die schönen dicken Zöpfe an Körper und Ärmeln. Beim Stricken sind mir dann noch weitere besondere Details aufgefallen, die sich vor allem auch daraus ergeben, dass die Jacke in einem Zug von oben nach unten gestrickt wird, wodurch sich besonders schöne Lösungen für die Übergänge zu den Ärmeln ergeben haben.

Durch das Top-Down-Stricken ergibt sich eine schöne betonte Schulterpasse und der Schalkragen wird auch direkt mitgestrickt, sodass es später keiner weiteren Maschenaufnahme aus der Strickstück bedarf. Die Zunahmen für die Ärmel ergeben einen zwar deutlichen Übergang, der wird aber viel schöner, als wenn die Ärmel angenäht werden. Muss ich ja wirklich zugeben, obwohl ich ja den von oben gestrickten Teilen solange nicht traue und mich immer wieder frage, ob das Stück denn wohl passen wird, bis es dann (fast) fertig ist und ich es anprobieren kann. Das ganze Hin- und Hergestricke im oberen Bereich kommt mir immer wieder sehr mekrwürdig vor, ich bin eben mit dem separaten Stricken von Vorder- und Rückenteil, Ärmeln und Kragen und Blenden sozialisiert. Dafür aber braucht man nichts zusammennähen und es gilt, nur 6 Fäden zu vernähen. Ein echter Vorteil, denn wenn man mit dem Stricken fertig ist, ist man auch wirklich fertig.

Und dann auch noch die englisch/amerikanischen Anleitungen, in denen doch tatsächlich fast jede Reihe beschrieben wird, statt, wie in deutschen Anleitungen üblich, die knappen Zusammenfassungen: und nun 15 Mal abnehmen/zunehmen… So kommt die Nala-Anleitung auf 10 Seiten. Aber trotzdem: sie ist sehr gut beschrieben, ich musste kein einziges Mal etwas auftrennen, hat alles super geklappt. Und das Jäckchen passt auch wunderbar. Die Anleitung würde ich auf jeden Fall noch einmal stricken.

Gestrickt habe ich mit doppeltem Faden aus Isager Highlandwool Wine und Isager Alpaca 1 Farbe 60. Das ergibt eine super weiche Textur, die aber – ich habe da wegen des Alpaca-Garns schon Sorgen gehabt – überhaupt nicht krazt, kitzelt oder sonstwie auf der Haut stört. Gestrickt habe ich mit Nadeln Nr. 3,5, ich stricke ja gerne eher fest. Und nun bin ich richtig froh, dass ich mich dem fast fertigen Teil doch noch angenommen und es zu Ende gebracht habe. Eine echte Lieblingsjacke.

Modell:

Nala von Regina Moessmer: hier oder hier.

Wolle: Highland Wool Wine von Isager, Alpaca 1, Farbe 60 von Isager (weil ich schon so lange an dem Objekt stricke, weiß ich nicht mehr, wie viele Knäuel ich von den Garnen gebraucht habe).

 

 

Verena Mermer: Autobus Ultima Speranza

Es ist ein paar Tage vor Weihnachten am Busbahnhof in Wien. Die Fahrer bereiten die Busse für die nächsten langen Fahrten vor oder machen eine Pause, erste Fahrgäste für die nächsten Touren treffen ein. Hier, am Busbahnhof, kommen die zusammen, die sich auf eine Reise begeben. Aber die, die hier eintreffen, fahren nicht in den Urlaub oder starten zu einer Besichtigungstour. Die, die hier losfahren, pendeln zwischen ihrer Arbeit und ihren Familien. Die meisten der Passagiere des Busses mit dem pinken Logo der Gesellschaft Speranza fahren über die Weihnachtstage nach Cluj in Rumänien. Sie besuchen dort ihre Familien, die sie das Jahr über kaum sehen, weil sie in Österreich, in Deutschland, in Großbritannien arbeiten. Nur wenige Mitreisende fahren zurück nach Cluj, weil sie ihre Familien schon besucht haben und sie mit Kommilitonen oder Freunden feiern werden.

Verena Mermer erzählt in ihrem Roman von dieser einen Fahrt von Wien nach Cluj im Autobus der Linie Speranza. Wir lernen Fahrer und Passagiere kennen, manche kurz nur, manche länger und genauer. Und dabei bekommen wir Einblicke in die verschiedenen Lebensgeschichten der Reisenden, in ihre unterschiedlichen Gefühlslagen und Träume. Und werden oft Zeuge der ganz besonderen Form der Einsamkeit, die sich ergibt, wenn die Menschen fern von zu Hause arbeiten müssen, weil es zu Hause keine Arbeit gibt. Weil nach der Wende die Fabriken, die es früher gab, geschlossen haben, die Kolchosen aufgelöst wurden und die finanzielle Situation der Menschen so erbärmlich ist, dass sie weggehen müssen von zu Hause, um in der Fremde eine Möglichkeit zu finden, sich das Leben leisten zu können.

Ioan, der ältere Fahrer steht neben dem Bus und raucht eine Zigarette raucht. Er hängt seinen Gedanken nach und erinnert sich, wie er vor über 30 Jahren durch den Eisernen Vorhang aus Rumänien geflohen ist, weil er wissen wollte, wie es sich lebte im westlichen Ausland. Jetzt fährt er zwei- bis viermal in der Woche über diese Grenze, die er damals unter Lebensgefahr überwand und die heute kaum mehr erkennbar ist. Adrian, der zweite Fahrer, kehrt währenddessen den Boden des Busses, hebt Papier auf, wischt Krümel von den Sitzen und stellt die Lehnen wieder steil. Er überprüft den Fahrplan und ärgert sich. Es wird Verwechslungen geben, denn 10 Minuten vor ihnen wird ein weiterer Bus nach Cluj losfahren, von Abfahrtsplatz 13. Er gehört zu der ungarischen Busgesellschaft, deren Fahrpreise oft nur die Hälfte von dem betragen, was üblicherweise auf den Langstrecken verlangt wird. Dafür bleiben die Busse dann auch mal liegen oder fahren bereits mit defekten Scheiben los. Gleich, so ahnt Adrian, werden die Fahrgäste ihnen mehrere falsche Tickets vorweisen, Tickets für den weißen Bus. Er hat noch eine dreiviertel Stunde Zeit und zieht sich in die Schlafkoje zurück.

Und dann steigen sie alle ein in den Bus und suchen sich einen Platz:

Petru, der in Großbritannien als Lkw-Fahrer arbeitet und zu seiner Familie nach Bukarest reist, 4 Mal Umsteigen inbegriffen. Andrej, der Erntehelfer, den die Eltern aus der Schar der Kinder ausgewählt haben, um Geld im Ausland zu verdienen, monatlich etwas nach Hause zu schicken, einen Rest könne er behalten. Wenn er doch nur eine Ausbildung erhalten hätte, dann würde er jetzt vielleicht auch hier sitzen, aber mit von einem Friseur geschnittenen Haaren, mit einem Duft, der seine Jugend und Männlichkeit unterstützte und mit Markenkleidung.

Tudor, der einen Job in einem Schlachthof in Westfalen gefunden hat. Früher hat er in einer Geflügelfabrik gearbeitet, hat den Job aber gekündigt, als seine Frau Mihaela eines Tages angerufen hat und ihm erzählte, dass es Anca, der kleinen Tochter so schlecht gehe und welche Diagnose der Arzt gestellt habe. Er fuhr sofort nach Hause.

„War anwesend und konnte trotzdem nicht wirklich da sein. Der Gedanke, seiner Frau keine Hilfe zu sein zwischen den Krankenhausbesuchen, der Geldsammlung für die Behandlung und dem Warten, was passieren würde. Die Distanz als erste Ahnung der späten Gewissheit. Dass es unmöglich ist, sein Weggehen und all die damit zusammenhängenden Versäumnisse auf irgendeine Art wiedergutzumachen.“

Tudor darf bei seinem Job nicht zimperlich sein, auch nicht, wenn die Rinder vor Angst und Panik mit den Vorderbeinen um sich schlagen. Zwölf Stunden arbeitet er, tötet die Tiere, lässt sie ausbluten, zerlegt sie, als Hilfsarbeiter in der Fabrik. Den Gedanken, dass er die Arbeit nicht mehr aushält, verdrängt er. Dass er sich mit drei anderen Arbeitern ein Zimmer teilt, macht die Sache sicher nicht besser. Aber er weiß, dass es sonst nichts zu arbeiten gibt für ihn, denn die Kolchosen sind längst aufgelöst worden und sein Traum, Kosmonaut zu werden, war ein Kindheitstraum.

Es sitzen eine Menge weiterer Menschen im Bus: Elena, die schon lange in Wien lebt und sich so eine kleine Rente erarbeitet hat, die ihr das Bleiben ermöglicht und Lucia, die sich viel zu spät für die Reise ins Ausland entschieden hat und nun als sechzigjährige klapperige 80- und 90-jährige als 24-Stunden-Pflegerin betreut. Den Job haben auch Alexandru und Oana. Da sitzt Silviu, der in Ingolstadt als ausgebildeter Mechaniker bei Audi arbeitet und Cornel, der etwas mit Computern zu tun hat und Markenkleidung trägt. Florin, der früher einmal als Bergarbeiter gearbeitet hat und nun im Gewächshaus Tomaten erntet und Daiana, mit dem abgeschlossenen Masterstudium in Psychologie, fährt mit, die sich beim Putzen von Privatwohnungen das Geld zusammenspart, um zu Hause in eine Praxis einsteigen zu können. Da sind auch Matei, seine Frau Codruţa und Susana, ihre Tochter, die gleich argwöhnisch beäugt werden und in deren Nähe sich keiner freiwillig setzt, denn jeder sieht, dass sie Roma sind.

Lisa kommt aus Linz. Sie hat dort ihre Eltern besucht und fährt jetzt wieder nach Cluj, wo sie lebt und Deutsch unterrichtet. Ihrer Familie hat sie von Paul erzählt und dass sie wegen ihm die Feiertage in Cluj verbringen möchte. Dabei ist das eine Lüge gewesen, denn Paul wird sie nicht mehr treffen. Aber immerhin ist sie so ihrer Familie entkommen und dem Weihnachtsfest mit Geschenken und Truthahn, Wein, Kaffee und Christstollen. Lisa ist es, die über die Busfahrt und die Fahrgäste nachdenkt und dabei die Konzeption des Romans auf den Kopf stellt:

„Jede Reisegesellschaft ist eine Konstellation, die nur eine Nacht lang besteht – ein absehbares Ende macht vieles erträglich. Was zählt ist das Abreisen und das Ankommen, das Davor und das Danach.“

In Mermers Roman ist es genau anders: die Zeit des Fahrens zählt, denn sie ist die Zeit, etwas über die vielen Menschen, die zufällig hier versammelt sind und kaum miteinander in Kontakt treten, zu erfahren. In dieser Zeit, in der sie zur Untätigkeit gezwungen sind, in der es eben nur die Gedanken, Erinnerungen und Reflexionen gibt, erfahren wir Leser etwas über sie. Auch wenn es manchmal nur Blitzlichter sind, die uns die einzelnen Menschen einen kurzen Augenblick erhellen, so erahnen wird doch, welche unterschiedlichen Schicksale sich in solch einem Bus versammeln, welche verschiedenen Lebenswege hier verborgen sind, welche vielschichtigen Gründe es für die Arbeitsmigration gibt. Und welche Bürde diese Menschen tragen, die sich eben von ihren Familien, ihren Männern und Frauen, ja, sogar von den Kindern, durch ihre physische Entfernung gleichermaßen psychisch entfernen und entfremden.

Dabei springt die Erzählerin mal zu dem einen Passagier mal zu der anderen Reisenden, sodass die vielen Namen und Geschichten, die vielen Meinungen und Erinnerungen verwirrend wirken auf den Leser. Auch den Charakteren der Reisenden kommen Leserin und Leser so nicht richtig nahe. Dafür ist, wären wir Leser mit im Bus, die Zeit der Busfahrt wohl auch zu kurz. Trotzdem entfalten sich durch die vielen individuellen Geschichten unterschiedliche und eindrucksvolle Lebenswege, unterschiedliche – und doch zeitlose – Motive zur Arbeitsmigration.

Doch stimmt Lisas Satz auch, weil Mermer nur während der Fahrt bei ihren Figuren bleibt, weil sie nicht erzählt, was vorher passiert und wohin sie sich nach ihrer Ankunft wenden werden. Und so gehen sie dann am Ende ihrer Reise in unterschiedliche Richtungen davon, die gemeinsame Fahrt hat kein Band zwischen ihnen gespannt. Und so ist es eine handlungsarme Geschichte – alleine der Bus bewegt sich durch die winterliche Landschaft –, die Mermer erzählt, weil die Figuren in dieser Zeit wie in einer Zwischenwelt leben, sie sind nicht mehr hier und noch nicht da.

Mermer verknüpft ihre Erzählungen immer wieder mit verschiedenen Medien, mit Liedzeilen aus Popsongs, Seiten im Internet, die die Reisenden sich während der Fahrt anschauen, mit Filmen, die über das Bordkino laufen. Und schafft so oft eine zusätzliche Tiefe ihrer Erzählungen. Zum Ende der Reise haben die Fahrer die ET-DVD eingelegt. Die Passagiere erkennen vielleicht in der rührseligen Geschichte des Außerirdischen, der doch nichts mehr will, als wieder nach Hause zu kommen, da er in der ungewohnten Umgebung auf der Erde krank und matt wird, eine Parallele zu ihrer eigenen Lebensgeschichte. Dabei geraten jedoch die Nacherzählungen der Filmhandlung zu lang, die Figuren der Reisegesellschaft rücken in den Hintergrund und das Erzählkonzept des Romans zerfranst.

Während also der Bus Speranza, der in beide Richtungen, in die er fährt, für seine Passagiere so etwas symbolisiert, wie die letzte Hoffnung, so gewinnt der Leser einen neu justierten Blick auf die Menschen, die in unseren Gesellschaften die unangenehmen Arbeiten zu unwürdigen Konditionen übernehmen. Und das ist doch im besten Sinne eine der Aufgaben der Literatur.

Verena Mermer (2018): Autobus Ultima Speranza, Salzburg – Wien, Residenz Verlag

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

Anke Stellings Roman führt uns mitten hinein in den modern-alternativen und trotzdem konservativen Großstadtkiez, in dem die sozialen Unterschiede von früher nur auf den ersten Blick aufgelöst sind. Da ist Resi, Schriftstellerin und Journalistin, mit ihrem Mann Sven, einem Künstler und den Kindern Bea (14), Jack (11), Kieran (8) und Lynn (5). Resi stammt aus einer Familie, die einmal als bildungsnah, als guter Mittelstand bezeichnet wurde. Sie verfügt über eine gute Schulbildung und ein Studium. Sven natürlich auch, er hat es im Gymnasium sogar zu den Alten Sprachen geschafft. Doch bei der Berufswahl sind sie irgendwie falsch abgebogen, haben sich gleich beide für Jobs entschieden, die zwar selbstbestimmt und kreativ sind, keineswegs aber eine soziale Sicherheit, geschweige denn einen finanziellen Aufstieg garantieren. Anders als die Freunde aus Schulzeiten, die als Architekten und Ärzte längst ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Und dann auch noch vier Kinder, die zusätzlich zum Armutsrisiko beitragen.

Trotz der langen Ausbildungen, trotz einer anspruchsvollen Arbeit können Resi und Sven sich die Mietwohnung innerhalb des Berliner U-Bahn-Ringes kaum mehr leisten, den Musikunterricht der Kinder finanziert das für sozial schwache Familien aufgelegte Teilhabepaket und wenn die anderen Kinder in den Ferien in Urlaub fahren, dann müssen Resi und Sven ihre Kinder in der heimischen Wohnung bei Laune halten. Wenn ein Auftrag für Resi hereinkommt, dann läuft alles gut für die nächsten Wochen, vielleicht Monate, wenn keiner kommt, dann sieht es mau aus. Als prekär kann die finanzielle Situation der Familie durchaus beschrieben werden.

Und nun zieht es Resi komplett den Boden unter den Füßen weg. Denn Frank hat seine Wohnung gekündigt. Die Wohnung in der Berliner Innenstadt, die er bewohnte, bevor er mit seiner Frau Vera in das Haus der Bauprojektgruppe eingezogen ist, der Gruppe, die der Freundeskreis um Resi und Sven gegründet hat, um auf einem begehrten Grundstück in der Innenstadt ihren Traum vom Wohnen zu realisieren. Auch Resi und Sven sollten mit ins Haus ziehen. Ingmar, der Arzt, wollte ihnen Geld leihen, damit sie damit der Bank Eigenkapital nachweisen konnten als Grundlage für die Finanzierung. Über das verlockende Angebot haben Resi und Sven lange nachgedacht. Es dann aber ausgeschlagen. Frank hat immerhin vorgeschlagen, dass sie dann doch wenigstens seine Mietwohnung übernehmen sollten, mit der billigen Miete aus dem schon lange bestehenden Mietvertrag. Und die hat er nun gekündigt. Weil er und die Freunde aus der Baugruppe ordentlich sauer sind auf Resi.

Früher, in der Schule waren sich die Freunde einig darüber, dass die sozialen Grenzen abgebaut werden müssten, „dass Geld nicht glücklich macht, Besitz belastet, Reiche nicht in den Himmel kommen“. Dass gerade die Reichen mit ihren Privilegien dafür verantwortlich seien, dass es der sogenannten Dritten Welt so schlecht gehe, dass alle daran teilhaben wollten, „Leid und Ungleichheit zu mindern“.

„Schön ist es, sich in solchen Kreisen zu bewegen.

Bis man feststellt, dass irgendwas faul ist.“

Faul ist für Resi die Sache, seit die Clique beschlossen hat, das Bauprojekt umzusetzen. Früher wollten sie zusammenwohnen, wie in einer Kommune und so, wie sie zusammengelebt haben nach dem Abitur, als fünf Freunde aus Stuttgart zum Studium nach Berlin gezogen sind in das Haus von Christians Vater, in dem sie gemeinsam eine Etage bewohnten. Nun aber entsteht ein Haus, dem man den gediegenen Wohlstand ansieht: die Fassade im Vanilleton, die Wohnungen mit den modernen Küchen, den besonderen Bodenfliesen, den maßgefertigten Einbauschränken, den begehbaren Kleiderschränken, dem Gemeinschaftsgarten mit Schilf am Mülltonnenplatz und nur zartblättrigen Pflanzen wie Birken, Flieder, Bambus und Wein.

Vielleicht aber ist die Stimmung in der Clique schon viel länger faul. Vielleicht schon, seit sie und Sven die Kinder bekommen haben, als Erste in der Gruppe. Immer haben die Freunde sie gefragt: „Wie schafft ihr das?“. Zuerst hat Resi Bewunderung herausgehört, auch Achtung vor der vielen Arbeit und dem unvermeidlichen Chaos mit den vier Kindern. Im Laufe der Zeit hört sie aber auch Abwehr – und vor allem Schuldzuweisung. Wenn sie nämlich klagt über die hohen Ausgaben von Kitaausflug und Klassenfahrt in einem Monat, dann hört sie immer häufiger: „Weiß man doch.“ Was ja nichts anderes heißt, übersetzt sich Resi, dass „man weiß, dass Kinder Geld kosten und man sich nichts zulegt, was man sich nicht leisten kann.“ Schon gar nicht vier Kinder. „Selber schuld, Katapult“, haben die Freunde immer gesagt, als sie noch jünger waren. Ja, „es ist größenwahnsinnig, ohne Großeltern und Großraumwagen und Großverdienst eine Großfamilie zu gründen. Es ist unbedacht. Es ist asozial.“

Aber vielleicht ist auch damals schon etwas faul gewesen, als sie noch jung waren, Schüler am Gymnasium. Linke Ideen waren ihnen allen selbstverständlich, auch den Freunden aus den reichen Elternhäusern der Fabrikanten und Immobilienbesitzer. Und Geld von den Eltern wollten sie alle nicht, das war ihr moralisches Credo. Aber als die Freunde sich überlegt haben, ein Wochenende ins Berner Oberland zu fahren, wo Christians Eltern ein Ferienhaus haben, da ist Resi zu Hause geblieben, denn sie konnte nicht Ski fahren. Und keinen der Freunde hat es irgendwie gekümmert.

Nun, nach Franks Kündigung, schreibt Resi für Bea, die älteste Tochter, die ungerechte Geschichte auf. An ihrem alten Laptop in ihrem kleinen Schreibkämmerchen, in dem in anderen Wohnungen die Waschmaschine steht. Resi denkt darüber nach, wie die sozialen Verhältnisse bei ihren Eltern gewesen sind, wie bei ihr und ihren Freunden, wie bei ihren Kindern, bei denen gleichzeitig Gruppenzwang und Individualisierungsdruck die Heruaforderungen sind. Und ist so wütend darüber, in drei Monaten auf der Straße zu stehen. Denn wer wird in Berlin schon eine bezahlbare Wohnung für eine Familie mit vier Kindern haben?! Schon gar nicht im Innenstadtbereich. Sie werden in die Platte müssen, fürchtet Resi, nach Marzahn.

Umgangssprachliche Weisheiten leiten die Erzählungen und Reflexionen, fassen zusammen, und erklären. So, als hätte schon ewig festgestanden, dass auch dieses Freundschaftsprojekt scheitern muss:

„Nichts währt ewig.“

„Kinder kosten Geld.“

„Der Mensch ist des Menschen Wolf.“

„Man muss seine Schäfchen ins Trockene bringen.“

Und auch: „Beim Geld hört die Freundschaft auf.“

Anke Stellings Geschichte um Resi und ihre Familie bebildert diese Redensarten. Dafür hat die Autorin eine starke Erzählfigur geschaffen, eine höchst lebendige, eine ziemlich erzürnte, eine, die hemmungslos überspitzt, und gnadenlos die Mechanismen ihres sozialen Umfeldes seziert. Eine, die mit ihrem Klassenbewusstsein nicht nur ihr Umfeld nervt, sondern manchmal auch den Leser, eine, die so auf den Punkt formuliert, dass auch der Leser in schallendes Lachen ausbricht. Und eine Protagonistin, die ihre Geschichten und Deutungen nicht nur im heimischen Kämmerchen für die Tochter aufschreibt, sondern eine, die immer wieder Texte über die Lebensweisen und Werte in ihrem Kiez veröffentlicht, in der Zeitung, in einem Roman. Das zieht natürlich den Zorn der Freunde auf sich, die sich bloßgestellt fühlen und verraten. Die dann als Reaktion die Freundschaft kündigen und die Wohnung, die sie gar für verrückt erklären. Das ist rasant zu lesen, fordert manchmal Widerspruch heraus und gibt jede Menge Fragen auf. Stellings Roman liest sich so, als würden sie die Thesen Oliver Nachtweys aus seinem Band „Abstiegsgesellschaft“ in einen Roman übersetzen.

Zum Ende wendet sich fast alles noch zum Guten. Die Freunde sind zwar verloren, dafür wird der Umzug in die Randgebiete Berlins – und es muss ja auch nicht gerade Marzahn sein – gar nicht so schlimm. Resi bekommt einen Preis für ihren Roman und Sven, dem die Freundesclique wohl schon länger quer liegt, kommentiert die Kündigung ganz lässig:

„Man kann gar nicht weit genug wegkommen von diesen Arschgeigen.“

Anke Stellings Roman ist für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert , er wird im Februar auch auf der SWR-Bestenliste geführt.

Anke Stelling (2018): Schäfchen im Trockenen, Berlin, Verbrecher Verlag

Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne

Die gesamtwirtschaftlichen Daten sahen zum Jahresende so gut aus, dass sich Angela Merkels Einschätzung „Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut“ (hier und hier, beide Links von 2018) wiederum zu bewahrheiten schien. Da verwundert ein Essay mit dem doch ganz anders konnotierten Titel „Abstiegsgesellschaft“ sehr. An der Universität Basel beschäftigt sich Oliver Nachtwey mit der Auswertung von gesamtwirtschaftlichen Daten, um damit der sozialen Verfasstheit unserer Gesellschaft und den Veränderungen im Ablauf der vergangenen Jahrzehnte auf die Spur zu kommen. Als Professor für Sozialstrukturanalyse erforscht er die Sozialstruktur von Gesellschaften, erforscht ihre sozialen Milieus und die dabei gelebten Lebensstile der verschiedenen Milieus. Und auch wenn seine Thesen aus dem Band „Abstiegsgesellschaft“ von 2016 stammen, so wird, wenn man die neueren Daten noch einmal genauer recherchiert, schnell deutlich, dass seine Thesen auch für 2018 keineswegs überholt sind. Und manches, was er im Text dargelegt hat, z.B. die Entwicklungen am rechten Rand des Parteienspektrums, haben sich im Laufe der fast drei Jahre nach Erscheinen des Essays noch deutlicher herausgebildet.

Vor ein paar Monaten schon hat Katharina Herrmann über Oliver Nachtweys Auseinandersetzung mit der „Abstiegsgesellschaft“ geschrieben. Ihre Vorstellung des Buches hat mich neugierig gemacht. Dass Nachtwey seine Motivation für den genaueren Blick auf die Daten und Fakten auch damit begründet, dass sowohl die Angst vor dem sozialen Abstieg oder der Abstieg selbst auch mehr und mehr Eingang in die Literatur finde, hat mein Interesse noch mehr geweckt. So verweist Nachtwey u.a. auf Robert Kischs „Möbelhaus“ (2015), in dem ein Journalist von seinem Weg aus der Redaktionsstube in den Möbelverkauf erzählt. Von Heike Geißlers Arbeit im Lager von Amazon, von der sie in ihrem Band „Saisonarbeit“ (2014) berichtet. Und von Thomas Melles Roman „3000 Euro“ (2014), von Georg M. Oswalds „Alles was zählt“ (2000) und von Silke Scheuermanns „Die Häuser der anderen“ (2012).

Nachtwey weiß selbst darum, dass die These von der „Abstiegsgesellschaft“ den Leser erst einmal irritiert. Denn unsere Gesellschaft lebe ja gerade vom Ideal des Aufstiegs. Für die soziale Moderne, also die Zeit zwischen den 1950er Jahren und dem Beginn der 1970er Jahre, lasse sich dieses Phänomen auch nachweisen: Der Sozialstaat sorgte für eine zuverlässige Milderung der Lebensrisiken durch Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter, genauso aber auch dafür, dass die Arbeitsfähigkeit erhalten wurde. Ein unbefristeter und sozialversicherungspflichtiger Arbeitsvertrag mit einer 40-Stunden-Woche sei eine Selbstverständlichkeit gewesen, selbst für ungelernte Arbeitnehmer. In dieser Zeit der Produktivitätssteigerung seien für alle Arbeitnehmer die Löhne kontinuierlich gestiegen, sodass sich insgesamt der Lebensstandard verbessert habe. Der gesetzliche Anspruch auf Urlaub (seit 1963!) und die Einführung der Fünftagewoche habe allen Arbeitnehmern eine selbstbestimmte Freizeit und so manche Fernreise ermöglicht. Und die Bildungsexpansion, die eine bessere Bildung auch für die Kinder bildungsferner Schichten ermöglicht habe, sei für Aufstiege in höhere soziale Schichten genutzt worden. Insgesamt, so konstatiert Nachtwey, sei in diesen Jahren gesamtgesellschaftlich ein sogenannter Fahrstuhleffekt, ein Begriff, den der Soziologe Ulrich Beck in seinem Buch „Risikogesellschaft“ 1986 geprägt hat, zu beobachten gewesen:

„In der Wachstumsgesellschaft standen – so die Metapher – alle Schichten, von Arbeitnehmern bis zu Vermögensbesitzern, zusammen im Fahrstuhl und fuhren gemeinsam nach oben. Die Ungleichheiten zwischen den Schichten bzw. sozialen Klassen wurden dadurch zwar nicht beseitigt, sie spielten aber insofern keine große Rolle mehr, als es allen besser ging.“

Als dann die Zeit der wirtschaftlichen Stagnation begann, änderten sich auch die (sozial-)politischen Vorstellungen und machten mehr und mehr dem Platz, was heute als Neoliberalismus bezeichnet wird. Nachtwey erklärt hier einige Entwicklungen, durch die verschiedene Institutionen versucht haben, bei niedrigen Wachstumsraten der Wirtschaft trotzdem die Renditen für das Kapital zu sichern. Stichpunkte hier sind die Deregulierung der Finanzmärkte durch die Regierung, die Erschließung öffentlicher Märkte, hier nennt der Autor vor allem die Gesundheitsbranche, durch Kapitalgesellschaften, die Politik des billigen Geldes durch die Zentralbanken und damit einhergehend immer wieder platzende Finanzblasen, z.B. im Immobilienmarkt.

Als Folge dieses Postwachstumskapitalimus, so zieht der Autor das Fazit, ergeben sich größere gesellschaftliche Spannungen. Diese Zeit bezeichnet Nachtwey als „regressive Moderne“:

„Das Adjektiv regressiv bezieht sich auf den Umstand, dass Gegenwartsgesellschaften hinter das in der sozialen Moderne erreichte Niveau der Integration zurückfallen. Modernisierung impliziert, dass wir nicht Zeugen eines eindeutigen Rückschrittes hinter das in den vermeintlich besseren Zeiten Erreichte werden.“

So macht Nachtwey deutlich, dass in einigen Bereichen durchaus weiterhin emanzipatorische Fortschritte erzielt werden. Diese Fortschritte tragen häufig aber auch Rückschritte in sich. Als eines von mehreren gesamtgesellschaftlichen Beispielen, die er betrachtet, sei hier auf die Bildung verweisen. So erklärt der Autor, dass sich der Zugang zur Bildung vereinfacht habe. Tatsächlich erreichen Kinder sozial schwächerer Schichten heute leichter eine Fachhochschulreife oder eine Allgemeine Hochschulreife, beginnen ein Studium und erlangen akademische Abschlüsse. Durch diesen leichteren Zugang aber und die steigenden Absolventenzahlen entwerten sich die Abschlüsse gleichzeitig, sodass die Konkurrenz und Verdrängung steigen. Friederike Gösweiner erzählt in ihrem Roman „Traurige Freiheit“ genau davon: Mit allen akademischen Abschlüssen in der Tasche ist sie auf der Suche nach einem Job als Journalistin. Und tingelt doch nur von einem Volontariat zum nächsten. Wenn ihre Zeit vorbei ist, wird sie mit großem Bahnhof verabschiedet, doch weiß sie genau, dass die nächsten willfährigen Volontäre längst warten, dass sie ihren Schreibtisch freiräumt.

Eine weitere Veränderung sieht der Autor u.a. im Bereich der Arbeit selbst. Hier erhalte der einzelne Arbeitnehmer immer mehr Freiheiten und Möglichkeiten, eigene Entscheidungen zu treffen. Er werde so immer mehr zum „Unternehmer seiner selbst“. Das aber sei letztendlich ein faustischer Pakt, denn im Gegenzug dazu werde die “Arbeit entgrenzt und subjektiviert, der Markt buchstäblich in die Unternehmen hinein verschoben“, um so eine höhere Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter zu erreichen. Diese Entwicklung werde in solchen Bereichen zusätzlich anstrengend, in denen „emotionale“ Arbeit geleistet wird, in denen also die Empathie der Mitarbeiter eine wesentliche Rolle im Arbeitsprozess spielt, so wie in allen Berufen, die sich (sozial) um Menschen kümmern. Welche Wirkungen Angst davor, die eigene Leistungsfähigkeit nicht auf den Punkt bringen zu können, haben kann, davon erzählt Kristine Bilkau in „Die Glücklichen“. Da ist es Isabell, die Cellistin, die nach der Geburt ihres Sohnes, als sie ins Orchester zurückkehrt, kaum mehr ihr Solo fehlerfrei spielen kann. Natürlich bekommt sie irgendwann die Kündigung. Später wird das gesamte Orchester entlassen, die Musik vom Band reicht für die Musical-Vorstellungen auch.

Nachtwey zeigt hier weitere Entwicklungen auf, die seine These von der regressiven Moderne belegen. Und verweist auf den „Rolltreppeneffekt“, der sich zum einen durch individuelle Abstiege oder Abstürze zeige. Der Rollentreppeneffekt zeige sich aber zum anderen gerade bei der genauen Analyse gesamtwirtschaftlicher Daten, weil nämlich die Nettoeinkommen seit Jahren eher fallen. Auch sei zu beobachten, dass die Abstände zwischen den besseren Einkommen und den schwächeren sich wieder stärker auseinanderentwickeln. Nachtwey erklärt hier ausführlich, wie fehlende Möglichkeiten des Aufstiegs bzw. sogar soziale Abstiege gerade Teile der Mittelschicht treffen und hier für Verunsicherung sorgen, wie es gerade auch jüngere Akademiker treffen kann, sich von einem befristeten Job zum nächsten zu hangeln und wie dies auch mit der Berufswahl zu tun hat.

Oliver Nachtweys Essay zeigt eine differenzierte Analyse der Gegenwart. Er argumentiert auf der Basis von Zahlen, die seinem Text auch zugefügt sind, aber nicht in einem solchen Maß, dass der Leser vor lauter Daten, Tabellen und komplizierten statistischen Berechnungen den Überblick verliert. Auch wenn der Autor, man erkennt es an seiner „Neoliberalismuskritik“, einen kritischen und auf Probleme aufmerksam machenden Blick hat, wenn er also aus einer „linken“ Position heraus argumentiert, so verliert er sich nicht in einer Negativitätssuada, die der gegenwärtigen Situation ja auch nicht gerecht werden würde, sondern zeigt gerade durch den genauen Blick auf, wo Fortschritte zu verorten sind, wo Rückschritte. Auch die Möglichkeiten, die Menschen bisher genutzt haben, sich zu empören und aufzubegehren, stellt er vor. Dass er keine Lösungswege skizziert, hat auch etwas zu tun mit der Anlage des Textes, der eine Diagnose sein soll.

Für diejenigen also, die einen genauen Blick bekommen wollen auf die manchmal auch entgegengesetzten Veränderungen in unserer Gesellschaft, für diejenigen, die nach Erklärungen suchen für ihre divergierenden Eindrücke und auch für diejenigen, die diesen Entwicklungen immer wieder in den Geschichten der aktuellen Romane begegnen, ist die Lektüre ein Gewinn.

Oliver Nachtwey (2016): Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegheren in der regressiven Moderne, Berlin, edition suhrkamp

Juli Zeh: Neujahr

In erstaunlich vielen jüngst veröffentlichten Romanen spielt Angst eine zentrale Rolle: In Kathrin Gerlofs Roman „Nenn mich November“ hat Marthes Angst vor der finanziellen Zukunft dazu geführt, dass sie einen ihrer Arme nicht mehr als zu sich gehörend empfindet. In Andreas Lehmanns Roman „Über Tage“ trägt Joscha Farnbach auch als Erwachsener noch schwer am Trauma des Unfalltodes seiner Eltern. Und auch in Juli Zehs „Neujahr“ kämpft Henning mit immer wiederkehrenden Panikattacken. Im Unterschied zu Joscha Farnbach aber hat er keine Idee, woher die Angst kommt.

Es fing mit den Attacken vor ungefähr zwei Jahren an, kurz nachdem das zweite Kind, die Tochter Bibbi, geboren wurde. Zuerst kamen sie nur nachts, mittlerweile aber auch am Tag. Zuerst hat er seine Frau Theresa nachts geweckt und sie hat versucht, ihm zu helfen. Hat vorgelesen, seine Hand gehalten, einen Tee gemacht, die Wärmflasche gebracht, den Fernseher eingeschaltet und sie haben es auch mit Sex versucht. Aber nichts von alledem konnte Henning beruhigen. Und seit Henning weiß, dass Theresa ihm gar nicht helfen kann, ist es noch schlimmer.

„Seitdem verbirgt Henning die Attacken. Nachts tigert er durchs Haus und bemüht sich, niemanden zu wecken. Seit es auch tagsüber passiert, hat er gelernt, sich äußerlich normal zu verhalten. Sein Herz rast und stolpert, er schwitzt, alle Muskeln verspannen sich. Aber er tut so, als wäre nichts, redet, isst, spielt mit den Kindern, telefoniert. Manchmal geht er ins Bad und guckt in den Spiegel. Unfassbar, dass man ES nicht sieht. Während das Herz einen irrsinnigen Tanz mit tödlichen Pausen tanzt, sieht sein Gesicht aus wie immer. Vielleicht sind die Augen ein bisschen rot. Natürlich merkt Theresa, was mit ihm los ist. Aber sie sagt nichts dazu. ES ist Hennings Privatsache geworden.“

Auch nun, im Weihnachtsurlaub mit der Familie auf Lanzarote, bleibt er nicht verschont von seiner Angst. Dabei hatte Henning sich diese Reise gewünscht, denn er wollte einfach mal weg von zu Hause in eine andere Umgebung. Aber statt den Urlaub mit den beiden kleinen Kindern zu genießen, schauen er und Theresa aus ihrem Reihenhaus sehnsüchtig nach den schönen Urlaubsvillen, die sie sich nicht leisten können, und Theresa beschwert sich über den kalten Wind, da können die Kinder nicht draußen spielen. Überhaupt ist es schwer, mit den Kindern den Urlaub zu genießen, es scheint so als, wäre „das Leben noch anstrengender als sonst“.

Am gestrigen Silvesterabend haben sie Sitzplätze in einem Hotel gebucht für ein 4-Gang-Menü in der ersten Schicht von 18 bis 20:30 Uhr. Henning hat das als als „demütigend“ empfunden, aber zum Tagesablauf mit zwei kleinen Kindern passt die Zeit gut. Eigentlich ist auch alles gut gelaufen an diesem Abend, zum Schluss ist Henning sogar noch mit mit beiden Kindern auf die Tanzfläche gegangen. Dort aber hat er Theresa entdeckt, tanzend mit einem Franzosen, an dessen Tisch sie im Laufe des Abends öfter mal gestanden und geredet hat. Da ist es dann auch nicht verwunderlich, dass ihn in dieser Nacht wieder eine Panikattacke heimsucht. So schlimm dieses Mal, dass er doch Theresa weckt. Und Theresa, sagt nur, bevor sie sich herumdreht und weiter schläft:

„Ich habe die Schnauze voll von diesem Theater. Glaubst du, es dreht sich alles nur um dich.“ Und weiter: „Deine Neurosen belasten die ganze Familie. Reiß dich endlich zusammen.“

Am Neujahrsmorgen setzt er sich dann endlich aufs Fahrrad mit dem Ziel, den nächsten Berg zu erklimmen. Für den Urlaub hat er sich vorgenommen, endlich wieder öfter Fahrrad zu fahren, als er es zuletzt zu Hause geschafft hat. Er hat extra ein Mountainbike gemietet, dessen Miete eigentlich viel zu teuer ist für das Familienbudget. Nach der verkorksten Nacht und ohne Frühstück, ohne Proviant und Wasser, macht er sich mit seinem Mountainbike über asphaltierte Straßen auf den Weg. Und hängt auf dem Rad, während er zunächst flach durch die Ebene auf den Berg zu gleitet, seinen Gedanken nach.

Und so erfahren wir Leser etwas über sein Leben: Er arbeitet als Lektor in einem Sachbuchverlag, Theresa ist Steuerberaterin. Seit die Kinder da sind, haben sie beide Teilzeitjobs, teilen sich die Hausarbeit, vor allem die Betreuung der Kinder, denn genau das ist ihnen besonders wichtig. Bei dem Konzept verdient Theresa aber mehr als Henning – Wirtschaftsjob schlägt eben Job in Kultur und Wissenschaft. Jedenfalls weiß Henning, „dass er ihr dafür etwas schuldet. Um den gerechten Ausgleich wiederherzustellen, müsste er etwas Zusätzliches für Theresa beziehungsweise für die Familie tun.“

Einmal mehr erweist sich hier, so wie in der Szene bei der nächtlichen Panikattacke, dass es eine merkwürdige Ehe ist, die die beiden da führen, dass Hennings Einschätzung, dass sie als Paar „ziemlich gut funktionieren“, eine sehr zutreffende, eine fast schon zu wohlwollende Beschreibung, eine wenig romantische ist. Und auch wenn seine Gedanken immer wieder darum kreisen, wie sie als Paar miteinander umgehen, welche Beziehung die Kinder zu ihm haben und zu Theresa, und wie wichtig es ihm ist, dass es den Kindern mehr als gut geht, so ist Hennings Konflikt, so ist der Ursprung seiner Panikattacken, keineswegs in seiner wenn auch anstrengenden Rolle als teilzeitbeschäftigter Familienvater und finanziell abgehängter Ehemann zu sehen.

Vielmehr lotet „Neujahr“ aus, wie wir diejenigen geworden sind, die wir sind. Vor Jahren nämlich hat Henning als Lektor einen Autor betreut, der sich mit dieser Frage auseinandergesetzt hat. Der Autor hat in seinem Buch die These vertreten, dass Kinder von ihrer Umwelt, vor allem von den Eltern, in bestimmte Rollen – und er meinte hier die geschlechtsspezifischen Rollen – gedrängt werden. Sein Buch mit dem schönen Titel „Das gemachte Ich“ war so erfolgreich, dass es „bis heute seine Stelle finanziert“. Seit Henning selbst Kinder hat, sieht er die Thesen und Argumente des Autors jedoch höchst kritisch. Er meint: „Kinder sind, was sie sind“, sie verhalten sich so, wie sie es für richtig halten, egal, welche Rollenbilder ihnen ihre Eltern anbieten.

Henning wird, am Ende seiner Fahrradtour in Femés und dann, als er bei einem Haus oberhalb des Ortes, zu dem es ihn unerklärlicherweise hinzieht, angekommen ist, seine Erinnerung an ein Erlebnis aus seiner frühen Kindheit wiederfinden. Damit findet er endlich die Ursache seiner Angst, ausgelöst durch ein völlig verantwortungsloses und egoistisches Verhalten seiner Eltern. Und es bietet sich direkt an, den Faden weiter zu spinnen und in diesem Erlebnis auch die Ursache dafür zu erkennen, dass Henning Theresa und ihrer ätzenden Art so wenig entgegensetzt.

Dass Schriftsteller sich in jüngster Zeit in ihren Romanen mit der Angst auseinandersetzen, dass sie Formen der Angst so anschaulich beschreiben, dass sie die Geschichten dahinter erzählen, die verschiedenen Gründe für die Angst aufdecken – von der Angst, die sich aus der ausweglosen Situation der Privatinsolvenz ergibt, bis zur Angst, die durch die Missachtung von Kindern durch die eigenen Eltern ausgelöst wird -, das ist wichtig, zum Nachfühlen, zum Verständnis bekommen, ja, um das Thema in die Gesellschaft zu tragen und für die Akzeptanz derjenigen werben, die davon betroffen sind und nicht nur mit der Angst, sondern auch mit ihrer Scham umgehen müssen.

Juli Zeh erzählt nah am Leben mit einer klaren und präzisen Sprache. Ihre Figuren meinen wir aus dem Freundeskreis zu kennen, manches haben wir vielleicht sogar selbst so erlebt. Hennings genaue Reflexionen, die er beim Fahrradfahren entwickelt, jedenfalls verweisen doch auf die Überforderungen so vielen junger Eltern, die doch mindestens richtig, wenn nicht perfekt machen wollen. Auch den scharfen Ton, der sich in der letzten Zeit schon einmal bei Theresa und Henning einschleicht, können wir ja gut erklären, es ist ja nicht einfach mit den zwei kleinen, manchmal eben auch quengeligen Kindern, dem halben Job und dem reduzierten Geld, dem großen Wunsch, den Kindern eine gute Kindheit zu bereiten und einen guten Start ins Leben und der gleichzeitigen Sehnsucht nach mehr Luxus. Als sich zeigt, welches Drama Henning in seiner eigenen Kindheit erlebt hat, welche Lieblosigkeit die Beziehung seiner Mutter zu ihren Kindern kennzeichnet, da kann man schon verstehen, dass Henning von ständigen Angstattacken heimgesucht wird. Das ist dann keine Angst vor einer (finanziellen) Zukunft, das sind die Auswirkungen von einem einschneidenden Erlebnis und seinem Verdrängen.

Und trotzdem: Es ist alles so glatt in diesem Roman. Die Sprache so wenig poetisch, der Spannungsbogen so vorhersehbar, die Motive und Bilder und Geschehnisse so deutlich geformt, oft als Spiegel zwischen zwei Zeitebenen, dass ihre Funktion zum Fortschritt der dramatischen Handlung so klar erkennbar ist. Wie eben die schwarzen Steine, die Hennings Mutter bemalt hat, seit er ein Kind war. Die als ein Beweis dafür fungieren, dass er mit seiner Familie schon einmal in dem Haus oberhalb von Femés gewesen ist. Genau so ist der überhastete Aufbruch am Morgen konstruiert, ausgelöst durch den Silvesterabend und die desaströse Nacht, der dazu führt, dass Henning völlig entkräftet und dehydriert der Besitzerin des Hauses vor die Füße sackt. Das wird einem Radfahrer  nicht passieren, denn der weiß um den üblen „Hungerast“ oder auch „den Mann mit dem Hammer“. Hier ist der körperliche Zusammenbruch aber nötig, damit die Besitzerin ihn ins Haus einlädt und wieder aufpäppelt. Und ihm dort, beim Gang durch das Haus, endlich alles wieder einfällt. Und so liest der Roman sich glatt und funktional und läuft auf eine Aufklärung zu wie ein Krimi – und ist doch das schmerzhafte Wiederentdecken eines alten Traumas.

Juli Zeh (2018): Neujahr, München, Luchterhand Verlag  

Céline Minard (2014): Mit heiler Haut (#backlist 1)

Im letzten Jahr hat Céline Minard mit „Das große Spiel“, einer philosophischen Abenteuergeschichten im hohen Gebirge, einen ganz außergewöhnlichen Roman geschrieben. Der machte auf jeden Fall neugierig auf die anderen Bücher Minards. Schon das Cover des 2014 erschienen Romans macht deutlich: „Mit heiler Haut“ ist ein Western. Kann das denn gut gehen, kann das „gute Literatur“ sein? Immerhin ist der Western eher bekannt für seine immer gleichen Klischees, den Postkutschen und Banken, die gerne mal überfallen werden, dem Saloon und dem Gefängnis, den Planwagen und Eisenbahnen, den Siedlern und Indianern, den Glücks- und Goldsuchern, den Ganoven und den Cowboys und ihren immer gleichen Konflikten, die manchmal mit der Hilfe des Sheriffs und der Gesetze gelöst, manchmal aber durch den schnellsten Schützen entschieden werden.

Und tatsächlich: Minard bedient sich all dieser Klischees – und erzählt sie doch alle wieder neu. „Unablässig rollte der Planwagen voran.“ So beginnt der Roman mit der Geschichte von den Brüdern Brad und Jeffrey, die zusammen mit Brads Sohn Josh und ihrer Mutter im Planwagen gen Westen reisen, weil vor allem Brad davon träumt, sich dort eine Farm aufzubauen, am liebsten in der Nähe einer friedlichen Stadt mit ein oder zwei Saloons, wo er auch mal ein Glas trinken gehen kann. In den Monaten ihrer Reise aber haben sie einige Beschwernisse: „Hinten lag die Großmutter und schrie mit aller Kraft gegen die Erde und die Stöße an, gegen die Luft in ihren Lungen.“ Diese Großmutter, die vor siebzig Jahren ihr Dorf in Schottland verlassen hat und nun, hochbetagt, monatelang in diesem unkomfortablen Planwagen „ins letzte Exil“ fährt, ist wütend. Wahrscheinlich völlig zu Recht, wenn die Söhne das Weite suchen mussten, um dem aufgebrachten Nachbarn zu entkommen, dem zwölf Silbertaler entwendet wurden. Erst auf dem Wagen sitzend, nun nur mehr liegend, schreit die Großmutter ihre Mutter nun während langer Passagen der Fahrt um die Erlaubnis an, „endlich das Reich betreten“ zu dürfen. Erst als sich die Indianerin Über-die-Ebene-fließendes-Wasser, eine bei den verschiedenen Indianerstämmen hoch angesehene Heilerin, ihrer annimmt, kann sie endlich in Frieden sterben.

Nicht nur Brad, Jeffrey und Josh reisen durch diese Gegend. Auch Zebulon durchwandert die Prärie, zu Fuß, weil er vor zwei Wochen beschlossen hat, seine Pferde in Owensboro stehen zu lassen und nur noch nachts weiterzugehen. So liegt er auch mal unter einem Salbeibusch beim Mittagsschläfchen, während Männer eine Herde Pferde nahe an ihm vorbei treiben. Zebulon träumt davon, endlich einen Ort zu finden, an dem es etwas zu trinken gibt, ein richtiges Bett mit richtigen Laken, Decken und Kissen – und ein Bad.

Bird Boisverd ist auf seinem Pferd ebenfalls in der Nähe angekommen. Er hat im letzten Winter im Norden zusammen mit Richmond, einem Trapper, „der die feinsten Kniffe seines Berufs kannte“ Fallen gestellt und den Winter über Leder gegerbt. Und dann ist Richmond im Frühjahr, Bird hatte alles schon für die Reise zusammengepackt, einfach des Nachts alleine abgehauen, zum nächsten Markt, wo er die gesamte Arbeit des Winters verkauft hat. Bird ist ihm nachgereist, ist aber zu spät zum Markt gekommen. Seinem Leitspruch folgend, einen Ort immer reicher zu verlassen, als er ihn betreten hat, schärft er ein Messer ohne Griff, das er irgendwo gefunden hat, solange, bis es ein Haar in der Luft spalten kann. Dann sucht er weiter, findet Richmond „und war dann auf eine Art und Weise mit ihm umgesprungen, dass der andere sich nicht mehr daran erinnern konnte.“ Bird hat dann den Norden verlassen, denn der ist keine gute Gegend mehr gewesen für diejenigen, die Selbstjustiz üben.

Auch Elie Coulter, der Goldsucher, ist auf dem Weg. Er ist zu Fuß unterwegs, leider, denn diese Art der Fortbewegung findet er nur „attraktiv, wenn sie von Frauen auf den Brettern einer Bühne oder beim Einkaufen unter den Arkaden einer Stadt praktiziert werden.“ So nutzt er die Gelegenheit, als er Bird Boisverds Pferd alleine am Rand eines Waldes stehen sieht, um es zu stehlen. Und freut sich, dass er nicht nur ein Pferd hat, sondern auch die komplette Ausrüstung eines Trappers sowie Lebensmittelvorräte. Nach der Flucht kocht er damit erst einmal ein schönes Chili. Aber das isst ihm Zebulon weg – Elie hat gerade am Flussufer Haare und Gesicht gewaschen und das Essen nicht bewacht – und beim anschließenden Würfeln verliert Elie alles -entgegen seinem einzigen Grundsatz: „Man darf beim Spielen alles verlieren bis auf sein Pferd“.

Minards Prinzip wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Ihren Roman bevölkern die üblichen Figurentypen, die einen Western ausmachen, die aber in ihrem Roman ganz eigene Denk- und Betrachtungsweisen haben, denen individuelle Vorlieben oder Gewissheiten zu eigen sind, die den Leser immer wieder irritieren, verwundern, zum Lachen bringen. Manche dieser Besonderheiten sind in der Handlung angelegt, der Mittagsschlaf des Romanhelden unter einem Salbeistrauch zum Beispiel, vieles in der Art der Figuren, die Welt zu betrachten und zu träumen, oder auch in der Sprache, in der erzählt wird. Die Autorin jedenfalls bürstet mit großer Freude und Fabulierkunst unsere Vorstellungen vom Western gegen den Strich und erschafft Figuren mit ihren Vorgeschichten, mit ihren Vorlieben und Visionen, mit ihren Träumen, mit ihren Stärken und vor allem auch mit ihren Schwächen. Schwach werden sie nämlich alle schon mal, wenn es um Recht und Gesetz geht, sie alle haben mehr oder weniger Dreck am Stecken. Nicht nur für Zebulon gilt: „Schließlich herrschte hier kein Recht und Gesetz. Genau deshalb war er ja da.“

Langsam nähern sich die Reisenden alle der neuen Stadt, von der sie gehört haben. Dabei ist „Stadt“ ein sehr beschönigender Ausdruck, denn es handelt sich ja eigentlich nur um ein paar Bretterbuden rechts und links einer Straße, dazwischen Zelte. Immerhin aber stehen diese Behausungen mitten in der einsamen Prärie.  Und es sind schon fast alle da, die man in einer funktionierenden Stadt braucht: ein Fleischer, ein Barbier, ein Waffenhändler und ein Eisenwarenhändler. Am Rand hat Nils Antulle eine Schafzucht aufgebaut, seine Töchter fertigen aus der Wolle Decken und helfen beim Vermieten der Betten in ihrem Zelt-Hotel. Das einzige zweigeschossige Gebäude ist der Saloon, den Sally betreibt, mit Zimmern in der oberen Etage, die ihrem Bordell gehören. Hier ist auch Arcadia angekommen, eine Musikerin, die mit ihrem Bass herumreist, sich bei Sally eingemietet hat und nun mit ihrer Musik zum gesellschaftlichen Leben im Ort beiträgt. Die Frauen in dieser Stadt sind überhaupt alle starke Figuren, die locker „ihren Mann“ stehen.

Mit Zebulons Ankunft in der Stadt kehrt ein bisschen mehr Zivilisation ein. Zebulon, der sich schon auf seiner Reise als sehr freundlicher, umgänglicher und hilfsbereiter Mensch erwiesen hat und der sein Gegenüber ein ums andere Mal „sympathisch“ findet, setzt nämlich hier in der Stadt einen Wunsch um: Er, der das Baden so sehr liebt, lässt mit der Postkutsche Badewannen liefern und eröffnet sein Badehaus “Zum rudimentären Luxus“, dessen Preise, das ist ihm ganz besonders wichtig, er so wählt, dass sich jeder die Freuden des Bades leisten kann. Mit seinem Badehaus kommt er ganz schön Sally in die Quere, die an den ersten Tagen nach der Eröffnung kaum Kunden begrüßen kann. Dieses Problem aber lösen Sally und Zebulon ohne Problem.

Hier in der Stadt werden nun die auf der Reise entstandenen Konflikte um Bird Boisverds Pferd gelöst, es werden die Auseinandersetzungen mit dem Obergauner Quibble und seiner Bande nunmehr gemeinschaftlich geführt und es gibt Verhandlungen mit den Dakota-Indianern um den Häuptling Grollendes-Gewitter. So etablieren sich langsam Strukturen, die dem Ort Sicherheit und Stabilität geben und den Rahmen für weitere Prosperität.

Aber Minard geht es nicht nur um den Aufbau einer neuen Stadt. Es geht ihr auch um einen Vater-Sohn-Konflikt, um die Auseinandersetzung mit einem Vater, der in einer anderen Gegend zwar vom Kopfgeldjäger zum Sheriff geworden ist, der sich aber von seinem Sohn in der Öffentlichkeit, noch dazu vor dem Governeur, nicht die Wahrheit sagen lassen kann. Dann kann er auch schon mal die Buchstaben des Gesetzes nach eigener Lesart auslegen. Mit seinen Milizionären ist er dem Sohn nun auf der Spur und findet ihn auch irgendwann in der neuen Stadt. In der Stadt aber ist man schon lange vorbereitet auf die Auseinandersetzung, denn die Indianerin Über-die-Ebene-fließendes-Wasser, bestens vernetzt und im Besitz aller wichtigen Informationen in dieser Gegend, hat mehrfach vor den näher kommenden gefährlichen Männern gewarnt.

Céline Minard hat den Western in anspruchsvolle Literatur verwandelt. Sie jongliert souverän mit seinen Versatzstücken und gibt ihm, auch durch die sprachliche Gestaltung, eine ganz moderne Form. Wenn es um die mystischen Rituale der Indianer geht, dann schleichen sich auch märchenhafte Facetten ein. Und dem amerikanischen Mythos von der Eroberung des Westens stellt sie mit Zebulon eine biblische Figur zur Seite: Sebulon ist einer der Söhne Jakobs, der zum Gründungsvater eines der zwölf jüdischen Stämme wird.

Den großen Showdown zum Ende, den löst sie dann auch auf alt-europäische Weise, vor allem ist hier der Gemeinsinn, in der französischen Revotlution war ja von der Brüderlichkeit die Rede, viel wichtiger als der Cowboy mit dem schnellsten Finger am Colt. Obwohl: geschossen und gestorben wird hier auch, den ersten Schuss gibt Arcadia ab, als einer der Männer des Vaters eine falsche Bewegung macht. Die Bilder aber, die Minard hier vor dem Auge des Lesers entstehen lässt, die langsamen Bewegungen der Protagonisten und ihr Schweigen, die lassen Bilder entstehen, die auch aus einem Westernfilm stammen könnten. Und die Musik von Sergio Leone hat der Leser sofort im Kopf.

Celine Minard (2014): Mit heiler Haut, aus dem Französischen von Nathalie Mälzer, Berlin, Matthes & Seitz

1. Frauenleserin Blogparade zum Jahresende

Kerstin Herbert hat zur Blogparade aufgerufen. Sie interessiert die Frage, ob auf den Blogs ähnlich gelesen wird, wie in den Feuilletonredaktionen, ob nämlich vor allem die männlichen Autoren wahrgenommen werden. Und sicherlich möchte sie mit ihren weiteren Fragen auch noch einmal die Literatur von Frauen in den Fokus rücken, die uns Blogger im Laufe des Lesejahres 2018 in verschiedenen Bereiche besonders beeindruckt haben.

Anlass zu ihrer Blogparade ist ein Beitrag im NDR. Dort wird berichtet über ein Forschungsvorhaben zum Geschlechterverhältnis in der Literaturkritik, das an der Universität Rostock durchgeführt worden ist: Bei ungefähr gleichen Veröffentlichungszahlen in Belletristik und Krimi werden aber, so das Ergebnis der Untersuchung, 70 % Bücher von Autoren besprochen – und an diesen Zahlen haben auch die Kritikerinnen ihren Anteil. Elisabeth Prommer, die die Studie ausgewertet hat, meint dann auch, dass alle Beteiligten schon das Gefühl einer Gleichverteilung hätten, wenn es in Wahrheit um ein Verhältnis von zwei dritteln Büchern von Autoren und einem Drittel Büchern von Autorinnen gehe. Die Redaktion des NDR-Kulturjournals hat dann auch gleich mal bei den eigenen Beiträgen nachgezählt: „Und ja, auch das Kulturjournal hat in diesem Jahr zu 68 Prozent Autoren besprochen. Und nein, damit hätten wir nicht gerechnet.“

Im Sommer schon gab es im Dlf ein Interview mit Veronika Schluchter, die sich an der Universität Innsbruck unter dem Titel „Gender in der Literaturkritik“ auseinandersetzt. Auch diese „Auszählung“, und dabei wurden über 15 Jahre lang Daten von vier überregionalen Tageszeitungen (FAZ, der Standard, TAZ und NZZ) erhoben, kommt zu dem Ergebnis, dass im Feuilleton der genannten Zeitungen sich rund 70 % Kritiker zu Wort melden und sich auch nur ungefähr ein Viertel der Texte mit den Werken von Autorinnen auseinandersetzen. Schluchter erklärt auch, warum das so ist und welche Konsequenzen es hat.

Nun, im letzten Jahr sind sehr renommierte Buchpreise allesamt an Autorinnen gegangen: der Georg-Büchner-Preis an Terézia Mora, der Preis der Leipziger Buchmesse an Esther Kinsky, der Wilhelm-Raabe-Preis an Judith Schalansky, der Deutsche Buchpreis an Inger-Maria Mahlke. Trotzdem: unabhängig von den Preisträgerinnen und ihrer Strahlkraft ist es doch spannend zu schauen, wie der ganz normale Besprechungsalltag aussieht. Und so habe ich auch einmal nachgezählt.

Dabei suche ich Bücher nicht danach aus, ob sie von Frauen oder von Männern sind, aus Publikums- oder unabhängigen Verlagen. Mich interessiert vor allem die Geschichte, die sich am liebsten mit gesellschaftspolitischen Fragen auseinandersetzt oder gar beleuchtet, wie das ökonomische Denken von Ertrag und Zielorientierung immer mehr in das Alltagsleben schwappt. Im letzten Jahr scheine ich bei meiner Suche besonders bei den Autorinnen fündig geworden zu sein, im Jahr davor aber habe ich jedoch nicht einmal im üblichen Drittel-Schnitt gelesen.

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wie viele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wie viele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich habe gezählt: Nur zwanzig Bücher habe ich auf dem Blog besprochen, 7 Bücher von Autoren, 13 Bücher von Autorinnen. Macht eine Quote von 65 % zu 35 % für die Autorinnen. 2017 aber war das deutlich anders: Da habe ich mich nur 25 % meiner Beiträge mit den Büchern von Frauen auseinandergesetzt.

Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Mich auf ein Buch zu beschränken, finde ich zu schwer. Es gibt eine Reihe Romane, die jeweils beeindruckende Besonderheiten haben, die ich schlecht vergleichen, die ich noch schlechter kategorisieren kann. Also nenne ich mal drei:

Anja Kampmann hat mir mit ihrem Debüt „Wie hoch die Wasser steigen“ ganz besondere Lesestunden beschert. Ihren melancholischen Protagonisten Waclaw, der die letzten Jahre auf Ölbohrinseln überall auf der Welt gearbeitet hat, auf seiner Reise durch Europa und auf der Suche nach Heimat und Halt zu begleiten, in dieser besonders poetischen, lyrischen Sprache, das war schon großartig.

Terézia Mora war für mich eine echte Neuentdeckung. Denn abgesehen von ihrer Poetikvorlesung „Nicht sterben“ habe ich noch keinen ihrer Romane gelesen. Also war der Erzählband „Liebe unter Aliens“ die erste Annäherung an das Erzählwerk. Und obwohl ich nicht die größte Freundin von Kurzgeschichten und Erzählungen bin, so haben mich diese Geschichten Moras um Außenstehende sehr für ihre Schreibkunst eingenommen.

Kathrin Gerlof erzählt in ihrem Roman „Nenn mich November“ die Geschichte der Absteigerin Marthe, die ihren Namen nicht mag und so ihre Freunde auffordert, sie November zu nennen. Aus gut situierten Verhältnissen mit zwei gut bezahlten Jobs stürzen sie und ihr Mann David in die private Insolvenz, als ihre Geschäftsidee mit kompostierbarem Geschirr nicht die gewünschten Erlöse bringt (vielleicht waren sie einfach ein paar Jahre zu früh am Start und hätten nun bessere Chancen….). Die Berliner Wohnung können sie so nicht mehr halten, überhaupt wird das Leben in der Großstadt zu teuer. Und so ziehen sie aufs Land, in ein kleines Dorf inmitten der Mais-Monokultur. Und dort lernt Marthe, was es bedeutet, fremd zu sein.

Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht sie für Dich so besonders?

Céline Minards Roman „Das große Spiel“ erzählt die Geschichte einer Protagonistin, die sich in den Bergen auf ca. 1500 Metern eine Hightech-Überlebenskapsel baut, um die nächsten Monate und Jahre alleine in den Bergen verbringen zu können. Dort legt sie Beete an, erwandert und erforscht ihre Umgebung. Irgendwann trifft sie auf Spuren einer anderen menschlichen Existenz. Und so beginnt „Das große Spiel“.

Minard schreibt einen Abenteuerroman mit einer weiblichen Hauptfigur, die sich neben den notwendigen, manchmal ja durchaus beschwerlichen Tätigkeiten auch dem Beobachten von Vögeln, dem Betrachten der Natur und der Auseinandersetzung mit Fragen der Existenz und der Macht auseinandersetzt. Wenn sie diese andere Existenz trifft, wenn es dann darum geht, wer hier die Macht gewinnt, dann schleichen sich auch schauerliche Momente in den Abenteuerroman.

„Das große Spiel“ ist nicht der erste Roman Minards. Ein Blick in ihre Werke zeigt, dass sie in ihren Romanen auch immer wieder mit anderen Genres experimentiert. So hat sie einen Western geschrieben („Mit heiler Haut“) und die Lebensbeichte einer erfolgreichen Schriftstellerin („So long, Luise“). Diese Lust, bei jedem Roman etwas ganz Neues auszuprobieren, dafür auch immer wieder mit den Motiven der jeweiligen Genres zu spielen und eine dazu passende Sprache zu erproben, finde ich sehr faszinierend. „Mit heiler Haut“ habe ich schon gelesen: ein toller Western, abseits der üblichen Klischees – die aber trotzdem alle eine Rolle spielen. Das ist auch „ein großes Spiel“. Und so liegt auch „So long, Luise“ hier schon zum Lesen bereit.

Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Zu diesem Thema habe ich nichts gelesen.

Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Da habe ich schon zwei Bücher im Blick, die auch schon bei mir eingezogen sind. Die bestätigen, was ich oben geschrieben habe, dass wohl im Moment die Frauen diejenigen sind, die von „meinen Themen“ erzählen:

StellingAnke Stelling: Schäfchen im Trockenen  – Darin erzählt die Erzählerin Resi davon, wie dumm es war, die tolle und vor allem bezahlbare Mietwohnung in der Berliner Innenstadt als Untermieter eines Freundes zu mieten, der sie nun, nachdem er sich über sie geärgert hat, aus der Wohnung wirft. Da wird sie nun mit Ehemann Sven und den drei Kindern genau zum neuen Jahr auf der Straße stehen.

Und nun rechnet sie ab mit ihren alten Freunden, die, so sieht Resi es, alle ihre Ideen und Werte aus Schul- und Unizeiten längst über Bord geworfen haben, um in einem bürgerlichen Alltag anzukommen, der vielleicht nicht so spießig ist, wie der der Eltern, aber dieselbe normierende Kraft hat. Die, weil sie die richtigen beruflichen Entscheidungen getroffen und Kinder erst später bekommen haben, über ganz andere finanzielle Verhältnisse verfügen als Resi und Jens, die sich beide als Künstler mehr schlecht als recht durchs Leben larvieren.

MermerVerena Mermer: Autobus Ultima Speranza – Im Bus der letzten Hoffnung sitzen die Arbeitsmigranten aus Rumänien, die den Bedrückungen der Arbeitslosigkeit dort versuchen zu entkommen, indem sie sich in in West-Europa im Dienstleistungsbereich zu niedrigsten Löhnen verdingen. Und mit diesem Bus ab und zu nach Hause fahren, um die Familien zu besuchen. So auch jetzt, zwei Tage vor Weihnachten.

Das scheinen zwei spannende Bücher über die aktuellen gesellschaftlichen (und wirtschaftlichen) Probleme zu sein. Ich bin sehr gespannt.

Und auf Kesrtin Herberts Seite findet ihr auch die Links zu den anderen Blogs, die bei dieser Blogparade teilnehmen.

Leserückblick 2018 (3): Vier Familienromane erzählen europäische Geschichte(n)

Möglicherweise gibt es sie in jedem Jahr, aber in diesem Jahr haben mir gleich vier Romane ganz besondere Lesezeiten beschert, die sich dem Genre des Familienromans zurechnen lassen. Auffallend sind sie, weil sie nicht so sehr von den Konflikten und Probleme zwischen den Figuren und ihren Zielen und Werten erzählen oder vom ewigen Zwist zwischen den Generationen, weil sie eben nicht in erster Linie vom Zusammenleben in den Familien erzählen und daraus eine Geschichte entwickeln. Auffallend sind sie, weil sie eher anders herum die Frage ausloten, wie die Familienmitglieder, wie die Familienverbände insgesamt mit gesellschaftlichen, ja, vor allem mit politischen Zeitläuften umgehen, wie sie dem Druck politischer Ideologien standhalten – oder eben auch nicht –, wie das Leben einzelner oder auch das Leben der gesamten Familie beeinflusst wird durch die politischen Zustände. Manche versuchen sich wegzuducken und entwickeln Mechanismen, um den toxischen Anforderungen aus dem Weg zu gehen, damit sie ihr Leben unbehelligt weiter führen können, und fühlen sich alleine durch diese Haltung schuldig. Manche werden zu Mitläufern, manche zu Tätern. Manche engagieren sich in der Opposition und nehmen die Folgen in Kauf. Die Romane erzählen auch davon, wie schwer es sein kann, sich der Schuld der vorherigen Generation zu stellen, wie schwer eine Versöhnung ist.

Alle vier Romane also erzählen von Familien in politisch unruhigen Zeiten. Und sie setzen den Familienroman in höchst unterschiedliche Erzählkonzeptionen um. Dabei bieten vor allem die vielseitigen Romane Aramburus und Melandris sowohl detaillierte Charakterzeichnungen sowie auch atmosphärisch dichte Schilderungen. Und da ich alle vier noch nicht vorgestellt habe auf dem Blog, ist das nun eine gute Gelegenheit dazu.

Fernando Aramburu: Patria

Patria, die Heimat, das ist das Baskenland. Besser noch: Das Dorf, in dem Bittori und Miren wohnen. Sie sind beste Freundinnen seit Kindertagen. Gemeinsam wollen sie ins Kloster gehen, heiraten aber doch fast zeitgleich in den 1960er Jahren, bekommen Kinder und leben weiter in ihrem Dorf, nicht weit entfernt von San Sebastian. Die Familien bleiben befreundet, die beiden Männer – Txato und Joxian – verbringen viel Zeit beim baskischen Nationalsport, dem Fahrradfahren, und sitzen gemeinsam mit den anderen Männern des Dorfes in der Kneipe. Beide sich sie wortkarg und lassen sich von ihren dominanten, oft übellaunigen und intriganten Frauen herumkommandieren.

Im Hintergrund radikalisiert sich die ETA, verübt Anschläge auf Gebäude und Busse, dann auch gezielt auf Menschen. Um diesen Krieg aus dem Untergrund bezahlen zu können, erpresst sie Geld von Unternehmern, oft gepaart mit Drohungen gegen Familienmitglieder. So treten sie auch an Txato heran, den Mann Bittoris, der eine Spedition aufgebaut hat und der deshalb gar nicht viel hält von diesem Separationskampf. Er hält den Mund, will sich heraushalten, zahlt einmal und hofft, nun längere Zeit Ruhe zu haben. Die ETA aber sieht in Txato eine weiter sprudelnde Geldquelle, immerhin hat er Mitarbeiter, beutet also, in ihrer Sichtweise, Landsmänner aus. Als Txato nicht bezahlt, er kann es sich auch nicht mehr leisten, gerät er im Dorf ins Abseits. Wandschmierereien tauchen auf, die Txato als Polizeispitzel darstellen, als Unterdrücker und Ausbeuter. Auch Miren beendet ihre Freundschaft mit Bittori abrupt. Dann wird Txato erschossen, ein paar Schritte von seinem Haus entfernt, und ausgerechnet von Joxe Mari, dem Sohn Mirens und Joxians.

Aramburu erzählt diese Geschichte zweier Familien aus den Perspektiven der neun Familienmitglieder: der zwei Elternpaare und der insgesamt fünf erwachsen werdenden Kinder. So entsteht eine Vielstimmigkeit, so werden die verschiedenen Sichtweisen und Interessen ausgelotet, so gelingt ein ganz differenzierter Blick darauf, wie sich die Mechanismen einer Ideologie in der Enge des Dorfes entwickeln.

Einmal steht Arantxa, die Tochter Mirens, die früh einen Spanier geheiratet hat und weggezogen ist, dann aber wieder zurückkommen musste, weil sie wegen eines Schlaganfalls auf ständige Hilfe angewiesen ist, vor dem Spiegel, um sich zu betrachten. Ihr Leben, so überlegt sie, ist „in Glasscherben zerbrochen wie eine zu Boden gefallene Flasche. Und in jeder Scherbe eine Erinnerung, eine Episode, verstreute Schatten und Figuren des Gestern“. So ist auch Aramburus Erzählkonzept.

„Patria“ ist ein ganz aktueller Roman: Zum einen hat die Eta nach einer Umfrage unter den inhaftierten Mitgliedern im Frühjahr 2018 ihre Auflösung bekannt gegeben. Zum anderen aber zeigt Aramburus Roman am Beispiel des Baskenlands, zu welchen Verwerfungen Formen des exklusiven Nationalismus bis in die einzelnen Familien führen können.

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Es ist 2010 und Oberst Muammar Al-Gaddafi absolviert in Rom seinen Gegenbesuch bei Ministerpräsident Berlusconi. Wenn Gaddafi mit seiner „Diktatorenlimousine“ die Straßen passiert, dann will er natürlich „nicht an den geparkten Wagen von Normalsterblichen vorbeifahren“. Aus diesem Grund sucht Ilaria Profeti, die für das neue Schuljahr eingekauft hat, ihr geparktes Auto vergeblich. Wo sonst kein Parkverbot ist, ist es nun verboten zu parken, ein handgeschriebener DIN-A4-Zettel weist darauf hin. Und dann sitzt, als sie nach Hause kommt, auch noch dieser junge Mann vor ihrer Tür, Mitte zwanzig wahrscheinlich, mit spindeldürren Beinen und einer Hautfarbe so dunkel wie die Wohnungstüren aus Holz, und behauptet, Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti zu heißen – Attilio Profeti, so wie ihr Bruder und wie ihr Vater. Er zeigt ihr seinen äthiopischen Pass, in dem tatsächlich der Namen ihres Vaters steht. Und der junge Mann meint, sie sei seine Tante.

Diese ersten Szenen enthalten bereits alles, was Melandri auf den nächsten 600 Seiten ihres Romans entfaltet: die zweijährige Flucht des jungen Äthiopiers über die fast unbeschreiblichen Lager Gaddafis, die, von Europa finanziert, sozusagen als letztes Bollwerk in Afrika die Fluchtströme von Europa ab- und aufhalten sollen, wofür Gaddafi im Gegenzug in den Hauptstädten Europas seine operettenhaften Auftritte inszenieren darf und und gut dotierte Abnahmepreise für sein Gas erhält; die Herkunft Shimeta Ietmgeta Attilaprofetis als Enkel eines der italienischen Kolonialherren in den 1930er Jahren; die Lebensgeschichte des schillernden Attilio Profeti, der sein Glück in Abessinien machen möchte und dabei nicht nur den mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen kaum bekleideten Rassismus gegen die afrikanische Bevölkerung mitmacht, sondern auch noch in üble Kriegsgräuel verwickelt ist, während er gleichzeitig mit einer Äthiopierin lebt und mit ihr Kinder hat; Ilaria, die Lehrerin, die sich daran macht, die Geschichte ihres Vaters zu recherchieren, von dem sich herausstellt, dass er keineswegs „im Widerstand“ gewesen ist, wie es immer gesagt wurde, sondern der in den Kolonien eine Familie hatte, deren Existenz er nach dem Krieg verschwiegen und verdrängt hat – so lange, bis der junge Mann vor der Tür steht.

Melandri erzählt in ihrem auch kompositorisch großartigen Roman ein Stück italienische Geschichte, die nach dem 2. Weltkrieg erfolgreich verdrängt wurde. Dabei zeigt sie alle denkbaren Formen von Rassismus auf, die faschistischen Formen, die plumpen Formen des Alltagsrassismus in der demokratischen römischen Nachkriegszeit, die heute unter Mitwirkung der Bürokratie gängigen Formen im Umgang mit den über das Mittelmeer Geflüchteten. Sie erzählt auch davon, wie leicht es nach dem Krieg gewesen sein muss, eine weiße Weste zu bekommen, denn offensichtlich hat sich niemand die Mühe gemacht, die Erzählungen der Lebensgeschichten zu überprüfen: Ilaria braucht nur einmal in der Staatsbibliothek nach einem Eintrag ihres Vaters suchen – und schon findet sie einen Artikel, der seine üblen Tätigkeiten in Äthiopien umreißt.

Melandri hat einen fulminanten Familienroman über ein dunkles Kapitel der italienischen Geschichte geschrieben, der aber auch ganz viel von unserer Gegenwart erzählt, von der in Addis Abeba genau wie von der in Rom.

Inger-Maria Mahlke: Archipel

Archipel, das ist Teneriffa. Dort leben die Familien Baute und Bernadotte schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Bernadottes sind reich, die Männer sind Offiziere beim Militär, im Bürgerkrieg sind sie auf der Seite Francos. Der Vater Julio Bautes war Apotheker, die Familie kämpfte gegen die Faschisten, Julio ist noch zu jung, aber sein Bruder engagiert sich politisch und wird getötet. Heute, mit über 90 Jahren hochbetagt, lebt Julio im Asilo, im Altenheim, bekleidet dort aber den Job eines Portiers. Er sitzt in der Portiersloge, schaut im Fernsehen begeistert den Giro d´Italia oder die Vuelta, öffnet die Türe für die Besucher und hält sie geschlossen, wenn ein Mitbewohner hinausschlüpfen möchte, der das nicht darf. Was es für Julio bedeutet, Amalia Gonzáles Herrera, die den Falangisten Mario kannte und nun auch eine Mitbewohnerin im Asilo ist, in seinem Refugium einen Stuhl heranzuziehen und sie dort neben sich sitzen zu lassen, das lässt sich nur erahnen.

Julios Tochter Ana ist mit Felipe Bernadotte verheiratet und lebt mit ihrer Familie in dem langsam verfallenden Stammsitz der Bernadottes. Felipe hat vor Jahren seine Arbeit als Professor aufgegeben, sitzt seitdem im Club herum und vertreibt sich die Zeit mit dem Trinken. Ana ist Lokal-Politikerin auf Teneriffa und zuständig für den Tourismus. Da entscheidet sie über viel Geld, das von der EU zu den ortsansässigen Unternehmen fließt. Leider, so würde Julio sagen, ist sie in der falschen Partei. Gerade droht ihr ein ordentlicher politischer Skandal, doch man hat beschlossen, ihren Kollegen zu opfern. In dem Korruptionssumpf, in den Ana ein bisschen Einblick gibt, ist zu erwarten, dass Ana dafür demnächst ein Entgegenkommen in der einen oder anderen Frage rund um ihre Tourismuspolitik zeigen sollte. Und Tochter Rosa hat ihr Kunststudium in Madrid hingeschmissen und ist ohne Plan und ohne Ziel zurück auf die Insel gekommen.

Die Familien machen deutlich: Zwar haben sich die ehemaligen politischen Gräben geschlossen, es gibt Annäherungen und Hochzeiten zwischen ehemals Verfeindeten, aber wirklich glücklich oder zumindest zufrieden scheint hier keiner der zu Beginn des Romans vorgestellten Figuren. Statt diese Situation aber weiter zu erzählen, wählt Inger-Maria Mahlke einen anderen Weg: Sie erzählt ihre Geschichte nun rückwärts, steigt sozusagen immer weiter hinab in die Tiefen der Geschichte und beleuchtet so einzelne Ereignisse in den Jahren zwischen 2015 und 1919, Julios Geburtsjahr.

Als Leser ist diese Asynchronität ein ganz befremdliches Erlebnis: das Figurentableau ändert sich auf ungewöhnliche Weise, wenn aus Erwachsenen Kinder werden und Erwachsene hinzukommen, von denen ein paar Jahre später (und ein paar Seiten vorher) nicht erzählt wurde, weil sie vielleicht schon tot sind oder die Insel verlassen haben. Und auch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern sich natürlich gegen die Zeit: von der Touristeninsel entwickelt sich Teneriffa zum wichtigen militärischen Stützpunkt während der Westsahara-Kriege Spaniens, dann zum Interessensgebiet der Engländer, die hier für ihre Handelsbeziehungen die günstige geografische Lage Teneriffas nutzen konnten. Mittendrin, neben einer Vielzahl anderen Figuren, immer die Familien Baute und Bernadotte – und Merche Ruiz Pérez und ihre Tochter, die über die Zeiten hinweg als Hilfe im Haus der Bernadottes arbeiten.

Inger-Maria Mahlkes Roman, auch mit dem Deutschen Buchpreis 2018 ausgezeichnet, ist durch die rückwärtsgerichtete Art des Erzählens sicherlich der irritierendste Familienroman dieser Zusammenstellung. Und zwar nicht so sehr wegen seines Inhaltes, auch wenn es hier viel zu lernen gibt über eine Insel am Rande von Europa, sondern mehr mit Blick auf seine Form. Denn das rückwärtsgerichtete Erzählen fordert den Leser viel mehr als das chronologische, sogar mehr noch als das assoziative, das Aramburu für seinen Roman gewählt hat.

Maxim Biller: Sechs Koffer

Maxim Biller erzählt in seinem Roman am Beispiel der Familie Biller, wie das perfide osteuropäische Bespitzelungssystem eine Familie bis in die Grundfesten erschüttern kann. Da ist der Großvater Schmil Gregorewitsch in Moskau hingerichtet worden – und unter den vier Söhnen und ihren Frauen und den Kindern geht es fortan und in den nächsten Jahren immer wieder um die Frage, wer ihn verraten haben könnte. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage sät Argwohn, Zweifel und Zwietracht unter den Familienmitgliedern. Jeder könnte es sein, jeder hat in seinem Leben irgendwo einen biografischen Flecken, der ihn angreifbar macht, der ihn vielleicht in die Fänge der Geheimdienste hat geraten lassen. Vielleicht aber auch ist diese Verdächtigung untereinander falsch, vielleicht hat das florierende Geschäft des Großvaters, des Taten, über den eisernen Vorhanghinweg alleine schon für dessen Verhaftung und Ermordung gesorgt. Schließlich ist er schon Monate vorher einmal am Flughafen in Moskau verhaftet worden – er und die Dollar, die er bei sich führte.

Der Roman setzt ein mit dem Tag im Mai 1965, an dem Dima, der Onkel des Erzählers, aus der Haftanstalt in Prag entlassen wird. Da stellt der Ich-Erzähler, damals noch ein kleiner Junge, die These auf, dass Onkel Dima den Großvater verraten habe. Diese These kann der Ich-Erzähler im Laufe seines Lebens nicht klären, denn es gibt Indizien, die dafür sprechen, aber auch solche, die dagegen sprechen. Und genauso wie Dima könnte es auch der eigene Vater gewesen sein, oder Rada, die Mutter, es könnte Natalia, die Frau von Dima, gewesen sein oder der Bruder Lev.

Der Ich-Erzähler geht der Geschichte aus den verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder nach. Doch je mehr der sechs Koffer Biller nun öffnet, umso unsicherer wird die Situation – auch für den Leser. Es fühlt sich für den Leser an, als stünde er auf Treibsand, der umso mehr nachgibt, je mehr Informationen er bekommt. Denn wenn schon einzelne Informationen nicht wirklich zuverlässig sind, wie soll er dann erst die gesamte Lage beurteilen.

Und so ist das Besondere an Billers Erzählkonzeption, den Leser miterleben zu lassen, wie das System der Zersetzung funktioniert, wie Misstrauen in die Familie gelangt, wie keine offene und ehrliche Beziehung mehr stattfinden kann – und das zwischen Brüdern, zwischen Ehepaaren, zwischen Eltern und Kindern, Onkeln und Neffen. Dass es sich dabei um eine Familie handelt, deren Mitglieder auf einer wenn auch über Jahre sich hinziehenden Flucht sind und nirgendwo wirklich zu Hause, einer Familie, deren Mitgliedern immer wieder antisemitische Vorurteile entgegengebracht werden, macht ihre Situation nicht einfacher. Da ist es vielleicht nicht schlecht, sich wie der brave Soldat Schwejk (Übersetzungsarbeit des Vaters ins Russische) mit Täuschung, Pfiffigkeit und Witz durch das Leben zu schlagen.

Fernando Arambur (2018): Parria, übersetzt von Willi Zurbrüggen, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

Francesca Melandri (2018): Alle, außer mir, übersetzt von Esther Hansen, Berlin, Wagenbach Verlag

Inger-Maria Mahlke (2018): Archipel, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

Maxim Biller (2018): Sechs Koffer, Köln, Verlag Kiepenheuer & Witsch

Paulchen entdeckt Bücher

Leserückblick 2018 (2): Vier Entdeckungen

Das Jahr 2018 hat mich nicht nur mit einer Roman-Serie überrascht, sondern mir auch verschiedene Entdeckungen beschert. Entdeckungen von Autoren, die mich mit ihrem Debüt überzeugt haben und Entdeckungen von Autoren, die schon länger publizieren, von denen ich aber bisher noch nichts gelesen habe. Ihre Romane haben mich auf eine Ölplattform und durch halb Europa geführt, in die hohen Berge und ins ostdeutsche Dorf. Das waren alles interessante, merkwürdige und anregende Reisen, auf denen ich vieles entdecken konnte, die mich vor allem aber auch durch die Art ihrer Erzählung begeistert haben.

Anja Kampmann entführte mich auf die schon genannte Ölplattform und zu den Nomaden-Arbeitern, die den Ölfördergebieten nachziehen,um den Energiehunger der Welt zu stillen. Da ist Waclaw, der nach dem Tod seines besten Kumpels Mátyás nicht mehr zurückkehren kann in den alten Lebensrhythmus zwischen zwei Wochen Arbeit auf der Plattform und zwei Wochen Reisen und Spielen und Genießen an Land. Von Sizilien aus macht er sich auf denWeg über die Alpen ins Ruhrgebiet und dann Richtung Polen und begibt sich auf die Suche nach seinen Wurzeln. Waclaws Geschichte erzählt Anja Kampmann in so einer verdichteten, poetischen und melancholischen Art, das sie noch langenachhallt. Und dabei ist dieser Roman ihr Debüt.

Céline Minrad schickt ihre Protagonistin in die hohen Berge. Hier, auf 1600 Metern Höhe, legt sie ihren Gemüsegarten an, erwandert ihre unmittelbare und auch die weitere Umgebung, steigt auf ihren Hausberg und beobachtet Licht und Wetter aus ihrer High-Tech-Überlebenskapsel. Irgendwann entdeckt diese Abenteurerin mehr und mehr Spuren eines anderen Wesens, entdeckt gar vor einem verlassenen Steinhaus, das die Elektrizitätsgesellschaft vor Zeiten gebaut hat, ein Wesen sitzen, eine Gestalt mit wolligem Umhang, vielleicht Mensch, vielleicht Tier. Es beginnt ein Kampf um die besten Plätze, teils erbittert geführt, teils mit List, manchmal auch als versöhnliches Beisammensein. Das spannende an diesem Roman sind die philosophischen Überlegungen der Protagonistin, wenn ihre Gedanken beispielsweise um die wesentlichen Fragen des Lebens kreisen und die Fragen von Autorität und Macht. Besonders reizvoll ist auch die Art des Erzählens, die nämlich ganz ohne Projektionen auskommt, die ganz in der Beschreibung der Situation bleibt und so ganz anschauliche, ganz plastische Momente schafft. Auch das Genre des Abenteuerromans bekommt durch manche Schilderung unheimlicher Momente ganz neue Facetten. 

An Terézia Moras Romanen habe ich mich lange vorbeigeschlichen. Ihre Frankfurter Vorlesungen („Nicht sterben“) habe ich dann jedoch mit großem Interesse gelesen. Und da stand ja noch dieser Erzählungsband in meinem Regal. In diesem Sommer habe ich ihn endlich gelesen.  Und gestaunt, wie Mora es gelingt, von den soganz normalen Menschen, ja, den Menschen, die alle einen oder mehrere Kratzermit sich herumtragen, zu erzählen. Manche Kratzer haben sie sich selbstzugefügt, manche hat ihnen das Leben mit auf den Weg gegeben. Und diese oft einsamen, manchmal in ihren Gewohnheiten merkwürdigen Figuren, die im Licht der üblichen Konventionen vielleicht sogar als Aliens bezeichnet werden können, bringt Mora uns durch ihre Erzählung ganz nah, zeigt sie in ihrer Verletzlichkeit, gibt ihnen eine besondere charakterliche Tiefe und vor allem eine Würde. Von zehn Schaukästen habe ich geschrieben, in die uns die Erzählerin blicken lässt,wenn wir ihre Geschichten lesen, von bis ins kleinste Detail modellierte Welten.Mich haben sie sehr berührt – und es wird nicht mein letzter Terézia Mora Band gewesen sein!

Auf Kathrin Gerlofs Roman „Nenn mich November“ bin ich ineiner kurzen Rezension in der Tageszeitung aufmerksam geworden. Da ist es doch,mein Thema, dachte ich, als ich dort las von dem Berliner Ehepaar, das dasAbrutschen in die Hartz-IV-Welt zu einem Umzug in ein ererbtes Haus in ein Kaffzwischen den Maisfeldern der ostdeutschen Provinz zwingt. Der Ehemann, David, hat wohl seinen Job verloren. Von einer Abfindung jedenfalls ist die Rede, die er zum großen Teil an der Börse verzockt. Die Reste steckt er in eine innovative Idee, die er mit seiner Frau Marthe umsetzen möchte. Die hat nämlich bei der Arbeistsagentur gekündigt, weil sie dieÜberprüfung und Gängelei ihrer „Kunden“ nicht mehr ertragen konnte. Aber kompostierbares Porzellan, so die Geschäftsidee, könnte ja durchaus marktfähig sein. Es klappt aber nicht und David und Marthe bleibt nur der Umzug in das geerbte Haus in der Provinz. Da lässt sich vielleicht die Zeit der Privatinsolvenz besser überstehen als in der teuren Hauptstadt. Als dann auch noch die Flüchtlinge im Dorf untergebracht werden sollen, kommen latente Abwehrreflexe gegen alles, was fremd ist, ans Tageslicht. Ein leiser Dorfroman, der davon erzählt, wie es um unsere Welt bestellt ist.

Von allen Autorinnen habe ich in diesem Jahr zum ersten Mal einen Roman gelesen. Außer Kampmann haben alle anderen den einen oder anderenRoman veröffenlticht. So wird es im nächsten Jahr sicherlich immer mal wiederzum #backlistlesen kommen.

Leserückblick 2018 (1) – Vom Roman zur Serie – und wieder zurück

Das Lesejahr 2018 ist – fast – vorbei. Ein guter Moment also zurückzuschauen, was es an besonderen Romanen, Geschichten und Figuren gebracht hat. Mein erster Blick fällt dabei auf eine Roman-Serie. Auf Virginie Despantes Trilogie um Vernon Subutex, der die Literaturkritikerin Antje Deistler den Vergleich mit einer süchtig machenden TV-Serie mit auf den Klappendeckel gegeben hat [1].

Beim ersten Band wusste ich noch gar nicht so genau, ob ich den Roman gut finden, ob ich gar die beiden nächsten Teile ganz oben auf meine Leseliste setzen sollte. Die manchmal derbe Sprache, der Protagonist mit den charakterlichen Macken und seiner merkwürdigen Lethargie, die anderen Figuren, auf deren Sofas er übernachtet, die auch nicht alle so richtig sympathisch sind, die vielen Geschichten um Sex, Drogen und Gewalt, die Hyäne mit ihren Cybermobbing-Attacken und dann der kontinuierliche Absturz Vernons – nicht gerade eine ganz freudige Lektüre.

Aber trotzdem: Schon im ersten Band hat Virginie Despantes es auch geschafft, mich neugierig zu machen auf die Figuren. Sie verrät sie nicht, sie gibt ihnen eine Stimme und sie schafft so glaubwürdige Figuren, die alle eine Geschichte mit sich tragen, die ihre Verhalten erklärbar machen, wenn auch nicht immer akzeptabel. Und natürlich ist Despantes ausgefuchst genug, so viele Handlungsfäden vor dem Leser auszubreiten, dass er dann ja doch auch wissen möchte, wie es denn weiter geht. Nicht zuletzt hängt Vernon Subutex am Ende des ersten Bandes zwar nicht an der tatsächlichen Klippe, verschwindet aber mitten im Winter und schwer krank in den Parks von Paris. Auch ein Cliffhanger auf Leben und Tod. Ist der Roman also doch eine Imitation der ganz erfolgreichen und „süchtig machenden“ Fernsehserien?

Eigentlich ahmt die Fernsehserie ja den Roman nach: Im Roman haben die Figuren Zeit, sich über verschiedene herausfordernde Situationen zu entwickeln. Sie treffen – meistens zumindest – auf ein größeres Tableau anderer Figuren, die ihren Weg begleiten, an denen sie sich stoßen und abarbeiten, die sie auch inspirieren. Dabei bleibt viel Raum, um das handlungsfördernde Thema, den Konflikt, aus vielen Perspektiven zu betrachten und so seine Komplexität auszuloten. Der Plot selbst dient als roter Faden, an dem entlang sich die Handlung entspinnt, manchmal über viele Jahre – und viele Romanseiten -, sodass er gar aus dem Blick geraten kann, nur um dann umso dringlicher wieder ins Bewusstsein der Figuren und des Lesers zu treten. Und der Roman kann es sich durchaus auch leisten, verschiedene Erzählstimmen zu Wort kommen zu lassen und verschiedene Perspektiven einzunehmen – Multiperspektivität also im Dienste der Komplexität des Themas oder der Charaktere.

Seit geraumer Zeit finden sich genau diese Erzählmuster auch in den sehr erfolgreichen Fernsehserien, denen ein Qualitätsetikett angehängt wird. DVD und Streaming als neue Zugriffsmöglichkeiten auf die Serien schaffen veränderte Rezeptionsgewohnheiten: Wenn der Zuschauer sich nicht mehr an der vom Sender festgelegten Sendezeit einer einzigen Episode orientieren muss, wenn er also nicht zu einer bestimmten Zeit vor dem Fernseher sitzen muss, um in dosierten Häppchen der Geschichte folgen zu können, sondern selbst bestimmen kann, wann er wie viele Folgen sehen möchte, dann kann die Geschichte auch anders gestrickt sein. Ein Problem, ein Konflikt muss dann eben nicht am Ende dieser einen Folge gelöst sein, sondern kann durchaus über mehrere Folgen hinweg erzählt werden. Der Zuschauer wiederum verpasst nichts, zur Not kann er sich auch eine alte Folge noch einmal anschauen.

Diese veränderte Rezeption bietet dann auch die Möglichkeit, dass sich die Figuren entwickeln können, dass multiperspektivisch erzählt wird, dass verschiedene Handlungsstränge ineinandergreifen. Episches oder horizontales Erzählen wird diese Art der Dramaturgie genannt – so wie wir sie aus Romanen kennen [vgl. 2]. Da sich die Serien, gerade die mit dem Qualitätsanspruch, auch zunehmend sozialen, politischen und kulturellen Themen zuwenden, da sie durchaus realistisch sind, bezeichnen Metz und Seeßlen sie dann auch als „erwachsen“ geworden [3].

Despantes hat mit „Vernon Subutex“ eine Roman-Serie geschrieben, die die Facetten der großen Fernsehserien durchaus adaptiert und in Literatur zurückübersetzt. Ihre Romane sind realistisch, sie zeigen, wie unsere Welt funktioniert – auch wenn sie eher besondere gesellschaftliche Milieus ausleuchtet, nicht unbedingt das Leben der „ganz normalen“ Arbeiter und Angestellten. Ihre Romane sind durch die Vielfalt der Figuren und unendlich vielen Einzelheiten, die diese erzählen, besonders komplex. Einzelne Figuren bekommen im Laufe der Handlung immer wieder eine Stimme, sodass sich Veränderungen in den Figuren – und ihre Auslöser – zeigen. Und das erzählt Despantes so überzeugend, dass der Leser auch den unglaublichsten Volten der Figuren ohne Murren folgt. So entsteht über die drei Bände hinweg und über die verschiedenen Handlungsstränge eine Art Gedächtnis, das erst diese Entwicklungen zeigen kann.

Despantes verknüpft ihre Figurenführung und ihren Plot mit kontroversen gesellschaftlichen und politischen Themen: veränderte wirtschaftliche Strukturen, z.B. durch die Digitalisierung, denen Subutex mit seinem Plattenladen zum Opfer fällt, verschiedene Facetten religiösen Lebens, der soziale Abstieg oder der verwehrte Aufstieg, (wirtschaftliche) Macht, das Versagen der Parteien – gerade der sozialistischen -, veränderte gesellschaftliche Werte, Drogen und Formen der Gewalt bis hin zum Terrorismus. Dabei lässt sie auch diejenigen zu Wort kommen, die am Rand stehen, die Obdachlosen und die Armen, die sich so gerade noch in ihren Wohnungen halten können, und auch diejenigen, die sich nicht immer „politisch korrekt“ äußern und verhalten. Und natürlich sorgt sie auch immer wieder für Überraschungen, denn manchmal entpuppt sich der vermeintlich Arme als Lotto-Millionär – dessen finanzieller Segen später zum Bruch der Gemeinschaft führen wird.

Der Aspekt der Gewalt, der in ihren Büchern immer wieder thematisiert wird – institutionelle Gewalt, wenn Vernon bei der Arbeitsagentur nicht kooperativ genug ist, gesellschaftliche Ausgrenzung dem mittellosen Freund gegenüber, verschiedene Spielarten der Gewalt gegen Frauen und die Arten, wie sie sich zur Wehr setzen, die Aus- und Abgrenzung der Obdachlosen untereinander – , die laute, schnodderige, manchmal auch aggressive Sprache macht das Lesen manchmal auch anstrengend, schafft aber diese ganzbesondere Atmosphäre. Dagegen blendet Despantes aber immer wieder auch die poetischen Momente, besonders dann, wenn sie die Convergences beschreibt, die Wirkung von Vernons besonderer Musikmischung, der sich keiner der Teilnehmer entziehen kann. Drogendealer, die hier auftauchen und das große Geschäft wittern, müssen unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen: Bei der Musik braucht es keine Drogen.

Indem sie immer wieder die Perspektive wechselt, erschafft sie eine höchst vielschichtige Gesellschaft, in der so verschiedene Charaktere mit ihren so unterschiedlichen Herkünften und Geschichten eine Stimme bekommen. Dabei zeigen sich über die lange Strecke auch Brüche in den Figuren, die einmal so engagiert in der Gruppe um Vernon mitwirken und neue Perspektiven entwickeln, die dann aber auch zu Konflikten beitragen, die Gruppe scheitern lassen oder einige Mitglieder in üble Gefahren bringen können. Die Figuren also sind auch komplex, sind nicht nur gut und sympathisch oder böse und unsympathisch und sind vor allem offen für weitere Entwicklungen. Das alles ist so lebendig und so nah am Leben, dass es spannend ist, die vielen Figuren über die drei Bände zu begleiten.

Dass jeder Band, und Band kann man hier sicherlich mit einer Staffel gleichsetzen, dann auch noch einen eigenen Ton, eine eigene Atmosphäre entwickelt, macht einen weiteren besonderen Aspekt dieser Trilogie aus. Einem dreiaktigen Drama gleich, das nach Vernons Abstieg in die Obdachlosigkeit im ersten Band, im zweiten dann die Utopie einer kooperativen und solidarischen Lebensweise aufzeigt, steuert der dritte Band, die dritte Staffel, dann auf die Katastrophe zu, auf den furchtbaren Untergang. Das ist sicherlich den realen Terrorismuserfahrungen in Paris im Jahre 2015 geschuldet. Aber das Hinsteuern auf den Untergang der Welt der Serie ist eben auch ein Aspekt, der sich in der Liste der Merkmale der guten und erfolgreichen Serien wiederfindet.

Die Subutex-Romane sind schon etwas Besonderes, eine Lesereise, die mir im Gedächtnis bleiben wird als eine der besonderen Leseerlebnisse des Jahres 2018. Man müsste Romane noch einmal lesen, nun ruhiger und bedächtiger, weil die Spannung ja heraus ist, dafür mit mehr Blick für die vielen kleinen Dinge, Anspielungen, Spielereien, die sich sicherlich bei genauer und bei zweiter Lektüre finden lassen. Dafür fehlt ja leider immer ein bisschen die Zeit. Immerhin: Der Klappentext des dritten Romans verrät, dass die Bücher als Fernsehserie(!) verfilmt werden.

[1] Antje Deistler: Macht süchtig wie eine gute TV-Serie, in: https://www.deutschlandfunk.de/virginie-despentes-das-leben-des-vernon-subutex-2-macht.700.de.html?dram:article_id=411854

[2] Ron Kellermann: Was macht eine Qualitätsserie eigentlich zu einer Qualitätsserie? – Teil I, in: https://filmschreiben.de/was-macht-eine-qualitaetsserie-eigentlich-zu-einer-qualitaetsserie-teil-i/ (5.3.2016, Zugriff 8.12.2018)

[3] Markus Metz und Georg Seeßlen: Erzählen im Wandel. Die Welt als Serie – die Serie als Welt, in: https://www.deutschlandfunk.de/erzaehlen-im-wandel-die-welt-als-serie-die-serie-als-welt.1184.de.html?dram:article_id=402123 (7.1.2018, Zugriff am 8.12.2018)

Virginie Despantes: Das Leben des Vernon Subutex 3

Vernon Subutex sitzt im Zug von Bordeaux nach Paris. Als die Landschaft beginnt, immer schneller vor seinem Fenster vorbeizuziehen, fällt ihm wieder ein, wie gerne er immer mit dem Zug gefahren ist. Er erinnert sich an die verschiedenen Fahrten mit der Bahn, in den Urlaub oder zu Weihnachtsfeiern, zu Freunden aufs Land oder zu Festivals. Und er fühlt wieder diese ganz besondere Stimmung, die im Zug entsteht, weil alle Passagiere sich in dieser Übergangssituation zwischen zwei Situationen, zwischen zwei Orten befinden und „für ein paar Stunden nicht gestört werden können“.

Auch wenn er hier in schönen Erinnerungen schwelgt, der Grund für seine Paris-Reise ist ein ziemlich unangenehmer. Es sind ganz furchtbare Zahnschmerzen, die ihn quälen. „Wenn der kranke Zahn oben den Zahn unten berührte, durchbohrte ein Schwert seinen Körper, der Schmerz riss ihn hoch und zermalmte ihn. Er brüllte, ohne sich beherrschen zu können.“ Kein Mittel hilft, selbst Spülungen mit reinem Alkohol verschaffen nur kurze Erleichterung, Zahnschmerzen und Kater am nächsten Tag sind dann noch unerträglicher. Die Freunde im Camp beginnen zu organisieren. Rufen in Paris den Investmentbanker Kiko an, der mit einem Zahnarzt spricht, der wiederum ein Rezept in die nächste Apotheke faxt. Und während Vernon endlich schmerzfrei schlafen kann, kümmert sich die Gruppe um den Zug nach Paris, die Übernachtungsmöglichkeit, den Termin bein Zahnarzt.

Zum ersten mal seit Monaten verlässt Vernon wegen der Zahnschmerzen das Camp und seine Freunde, die mit ihm zusammen durchs Land ziehen, geeignete Orte suchen und die Convergences organisieren und durchführen, bei denen einige persönlich Eingeladene ein Nacht tanzen können, zu der Musik, die Vernon auflegt. In den Wochen dazwischen leben die Freunde zusammen wie in einer großen WG, die sich ganz besondere Regeln gegeben hat. Handys und Laptops sind nämlich zum Beispiel verboten – damit niemand sie über ihre digitalen Spuren orten kann. Denn wahrscheinlich ist der Regisseur Dopalet, dem Aïcha und Céleste nach Art von Lisbeth Salander in der Millennium-Trilogie übel mitgespielt haben, hinter ihnen her.

Vernon also, der arbeitslos und mittellos aus seiner Wohnung geflogen ist und obdachlos wurde, als niemand mehr Lust darauf hatte, ihn auf dem Sofa schlafen zu lassen (Ende Band 1), ist nun im Kreis seiner Aussteigerfreunde und als DJ-Geheimtipp in einem Leben angekommen, das ihm gefällt. Es gibt einen Zusammenhalt zwischen den so unterschiedlichen Freunden, es hat sich ein Alltag etabliert, der wie eine utopische Idee modernen Zusammenlebens anmutet.  Manchmal erscheint Vernon fast wie Jesus, der mit seinen Jüngern durch das Land zieht und statt die gute Botschaft zu verkünden die Beats spielt, die allen Tanzenden eine Nacht mit ekstatischen Erfahrungen verschaffen (Ende Band 2, Beginn Band 3).

Diese grausamen Zahnschmerzen Vernons aber sind auch als Alarmzeichen zu sehen, als Symbol für eine ungemütliche Zukunft, in die Vernon und seine Freunde schlittern. Denn die ersten Spannungen, die sich im Camp zeigen, werden noch viel größer, als Vernon zurückkehrt, Veró im Schlepptau, die Lebensgefährtin von Charles. Vernon hat Charles in Paris besuchen wollen, denn Charles ist auf einmal nicht mehr ins Camp gekommen. Veró erzählt, dass er gestorben sei. Und sie erzählt auch von Charles´ Lottogewinn, den der vor allen Freunden verheimlicht hat, und dass er ihr und der Gruppe jeweils einen großen Betrag hinterlassen habe. Über die Frage, was sie tun sollen mit dem Geld, reißen die Gräben zwischen den Freunden im Camp richtig auf. Es kommt zu einem großen Streit, in dem ausgerechnet Pamela Kant Vernon unlautere Motive unterstellt. Vernon reist ab. Er antwortet nicht auf Nachrichten aus dem Camp. Selbst am Abend des 13. November – es ist der Tag der Anschläge in Paris – meldet er sich nicht.

Die grausamen Zahnschmerzen nehmen aber auch schon vorweg, was die Menschen in Paris und anderswo in diesem Jahr 2015 mit den Terroranschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo im Januar und den Anschlägen beim Stade de France, beim Konzert im Bataclan und auf den Straßen Paris´ im November erleiden werden. Auch der Freundeskreis ist betroffen von Angst und Verunsicherung. Wenn Sylvie und Emilie abends in Paris ausgehen, ziehen sie zur Sicherheit nicht mehr die hohen Schuhe an, sondern gehen mit Turnschuhen: damit man auch mal schnell weglaufen oder aus einem Fenster springen kann. „Ich hätte nie gedacht“, sagt Sylvie, „dass ich so leicht auf das verzichten kann, was den Kern meines Looks ausmacht.“ Sie meiden lange Schlagen vor Eingängen, halten immer wieder Ausschau nach Möglichkeiten, sich wegzuducken oder sich verstecken zu können. Und Sélim nimmt das Rad, weil er sich nicht mehr mit der Metro zu fahren traut.

Und im Rücken der Gruppe braut sich richtig etwas zusammen. Das wahrhaft Böse, sozusagen der übel entzündete Zahn, ist nämlich nicht nur der IS-Terrorist, der sinnlos mordend durch die abendliche Großstadt zieht, sondern ein vermeintlich zu kurz gekommener Mann mittleren Alters, der lose Kontakte zum Kreis um Vernon hat. Er horcht Teilnehmer der Convergences aus und Mitglieder des engeren Freundeskreises, es setzt Informationsbruchstücke zusammen und sucht Verbündete für einen teuflischen Plan. Dessen Umsetzung – fast – makellos gelingen wird.

Virginie Despentes erzählt auch den letzten Teil ihrer Trilogie in gewohnter Weise: im Aufbau multiperspektivisch und sequenziell, im Ton laut und direkt, frustriert, oft wütend, von Figuren, die sich politisch äußern oder ihre sozialen Probleme darlegen, sich aber über die drei Bände hinweg verändern und entwickeln.  Da erzählt Stéphanie von ihrem anstrengenden Leben als alleinerziehende Mutter – wenn sie noch einmal entscheiden könnte, dann würde sie sich, auch wenn sie ihren Sohn liebt, gegen ein Kind entscheiden -, der Regisseur Dopalet, den wir im ersten Band schon als Macher kennengelernt haben, von seinem Leben nach dem Überfall und warum er sich neue Tattoos auf den Rücken stechen lässt. Max, der ehemalige Manager Alex Bleachs, erzählt, dass er vom Leben nicht bekommt, was ihm zusteht und Sylvie von ihrem rasanten sozialen Abstieg, weil ihr Ex-Mann sie nach dem Auszug ihres erwachsenen Sohnes Lancelot finanziell nicht mehr unterstützt und sie nun von Sozialhilfe leben muss.

Und Aïcha, die aus einem säkularen Haushalt stammt und sich dem Islam zugewendet hat, erzählt davon, wie sie als Au-Pair-Mädchen bei einer muslimischen Familie in Deutschland arbeitet, Hausarbeit verrichtet und die zwei kleinen Söhne versorgt. Sie hält die strengen Regeln ein und senkt den Blick oder verlässt das Zimmer schnell, wenn Walid, der Familienvater, mit ihr allein ist. Aber Walid fängt sie ab, wenn sie ohne Begleitung am Mainufer spazieren geht und er stellt ihr im Haus nach, wenn Fa za, seine Frau, bei der Arbeit ist. Auch wenn Aïcha früher solche Frauen verachtet hat, sie lässt sich von Walid einwickeln und verführen. Und schämt sich dann, wie schnell sie zur Hure geworden ist. Walid, arbeitslos, Alkohol trinkend, mit einer weiteren Geliebten und einem interessanten Wertekanon,  tröstet sie:

„Sie tat ihm leid. Er sagte es ohne Grausamkeit. Er tat etwas Schlechtes – aber wenn die Gesellschaft, in der sie lebten, ihre Codes respektieren würde, könnte er sie als Zweitfrau nehmen; unter diesem Blickwinkel waren seine Gefühle rein, so sagte er – und dass er sich wünschte, es sei möglich.“

Im Laufe der Erzählungen der Figuren entwickelt Despantes auch einen sich stetig verstärkenden Spannungsbogen. Dabei steht nicht mehr so sehr Vernons Leben und die Katastrophe seines sozialen Abstiegs, wie im ersten Band, im Fokus. Auch der utopische Charakter des zweiten Bandes wird nun wieder ad absurdum geführt, denn nun eskaliert der Konflikt, der sich aus den Aussagen von Alex Bleach auf den Videobändern, die er bei Vernon zurückgelassen hat, ergibt. Für den Freundeskreis von Vernon endet dieser Konflikt geradezu in einer Apokalypse.

Despentes verlässt nach diesem spektakulären Ende ihren eher realistischen Erzählstil und fasst in einer Art Epilog kurz die Ereignisse bis ins Jahr 2286 zusammen. Die Entwicklung unserer Gesellschaft und unseres Lebens, die sie hier mit kargen Strichen skizziert, ist erschreckend, ist dystopisch. Und zeigt sicherlich in einer weiteren Facette, unter welchem Eindruck auch die Autorin nach den Ereignissen des Terrors 2015 gestanden hat.

Despantes Romanserie kommt zu keinem guten Ergebnis. Das kann man als zu skeptisch werten, als einen zu negativen Blick auf unsere Zeit und unsere Gesellschaft. Pörksen (s. Link unten) stellt in einer der letzten Ausgaben der ZEIT gerade das Problem dar, das entsteht, wenn die bisher engagierten und den Diskurs tragenden Milieus der Gesellschaft aufgeben und sich nur noch von den vermeintlich unzähligen negativen Entwicklungen demotivieren lassen – so wie Kathrin Gerlofs Marthe im Roman „Nenn mich November“. Zu dieser Einsicht könnte Despantes Trilogie durchaus führen.

Auf der Ebene der Narration aber ist ihre Romanserie durchaus spannend und interessant, fesselt mit unerwarteten Wendungen und komplexen, eben auch vielschichtigen und sich im Laufe des Romans durchaus entwickelnden Figuren. Sie erzählt von den Rändern der Gesellschaft, von denen viele von uns lieber nichts hören und sehen wollen, gibt auch Figuren eine Stimme, die sich mit (rechts-)radikalen Gedanken und auch Handlungen zeigen. Und in jedem Teil der Trilogie legt sie andere Erzählschwerpunkte. Das macht ihren Dreiteiler zu einer sehr innovativen, sehr unterhaltsamen  und gleichzeitig auch anspruchsvoll konzipierter Literatur.

Dass sich ihr Erzählen durchaus mit den Erzählstrukturen und Kriterien der erfolgreichen Qualitätsserien im Fernsehen vergleichen lassen kann, möchte ich im nächsten Blogbeitrag klären.

Virginie Despantes (2018): Das Leben des Vernon Subutex 3, Köln, Kiepenheuer & Witsch

Link: Bernhard Pörksen (10.10.2018): Genug der Apokalypse in: https://www.zeit.de/2018/42/bildung-demokratie-kommunikation-optimismus  (digital leider nur als kostenpflichtiger  Z+-Artikel verfügbar).

Kathrin Gerlof: Nenn mich November

Katrin Gerlofs Roman scheint unter dem Radar der Literaturkritik zu fliegen, kaum besprochen auf den Blogs – jedenfalls habe ich noch keine Rezension gelesen -, wenig in den Zeitungen und einschlägigen Radiosendungen. Das ist schade, denn ihr Roman hat auf jeden Fall viel mehr Aufmerksamkeit verdient, seziert sie doch mit ihrer Geschichte von Marthe und David Lindenblatt, die aus Berlin in ein ziemlich verschlafenes Nest in der ostdeutschen Provinz ziehen, zumindest einen Teil aktueller deutscher Befindlichkeiten. Sie erzählt, wie so eine Abstiegsgeschichte aus dem großstädtischen Mittelstand aussehen kann und welche Tristesse auf dem Dorf herrscht, das schon alle vertrieben hat, die sich auch nur ein kleines bisschen mehr vom Leben erhoffen und das sich so wehrhaft gegen alles Fremde behauptet.

Marthe und David müssen Privatinsolvenz beantragen. Daniels Geschäftsidee, kompostierbares Geschirr auf den Markt zu bringen, hat sich nicht durchgesetzt. Dabei schien das doch angesichts der Plastikmüllberge, die sich bis in die Meere erstrecken, eine gute Idee zu sein: „Papier rettet Meer“. Auch ihren Berater bei der Bank, Herrn Sommer, haben sie überzeugt, „mit einem aufgeblasenen Konzept und einem noch aufgeblaseneren Businessplan, mit dem sie behauptet hatten zu wissen, wo sie in drei Jahren stehen werden“. Er hat den Kredit bewilligt. Doch nun ist das Geld verzehrt und auch das letzte Geld ist weg, das Marthe zurückgelegt hat, als sie und David noch in festen Jobs gearbeitet haben. Auf dem Konto sind nur noch 100 Euro und die Miete ist auch nicht bezahlt. Und sie hat es ausgerechnet:

„Wenn ich jeden Monat viertausend verdiene, braucht es dreiundsechzig Jahre, bis die Schulden abbezahlt sind. Vorausgesetzt wir können jeden Monat tilgen.“

Da kommt die Erbschaft von Davids Tante wie gerufen: Ein altes Haus in einem Siebzig-Seelen-Dorf, eingeklemmt zwischen Maisfeldern und Wald. Dort können sie die Miete sparen und billiger leben als in der Großstadt. Marthe will nicht weg aus Berlin, nicht in dieses Dorf, das nicht einmal einen vernünftigen Breitbandanschluss hat. Dort wird sie nicht ihrer Passion nachgehen können, im Internet die neusten Katastrophenmeldungen zu lesen und in ihren verschiedenen Ordnern auf dem Rechner mit Rubriken wie Erderwärmung, Müll, soziale Ungerechtigkeit, Gewalt, Terror und Krieg abzulegen. Dort wird sie kein eigenes Zimmer mehr haben, in das sie sich zurückziehen kann, weil sie immer wieder Distanz braucht zur Welt, nicht einmal die vielen Fotos, die sie an die Wand ihres Berliner Zimmers geklebt hat, wird sie mitnehmen können.

Trotz ihres Widerstands: Marthe und David ziehen in die dörfliche Einöde, ins Haus der Tante, das sie mit ihren geringen Mitteln für sich herrichten. Kontakte ergeben sich vor allem zu den Dorfbewohnern, die auch mehr am Rande stehen: zum Nachbarn, dem undurchsichtigen und irgendwie auch angsteinflößenden Hundemann, dem, so geht das Gerücht, die Frau weggelaufen ist in die Maisfelder und der nun seinen Hund töten muss, weil der nachts, wenn er durch das Dorf streunert, zu viel Unheil anrichtet. Zum Schreiner Radomski aus dem Nachbardorf, der sich finanziell nur noch über Wasser halten kann, wenn er wildert und das Fleisch an die Restaurants der nächsten Stadt verkauft.

Aber auch zu Schulz, einem der beiden Arbeitgeber im Ort, dem hier alle Felder und alle verlassenen Häuser gehören und der auch David beschäftigt, als Minijobber, das restliche Geld, das sich David beim Reparieren der großen Landmaschinen erarbeitet, bekommt er schwarz. Die meisten anderen Dorfbewohner aber bleiben abweisend, grüßen vielleicht, suchen aber kein Gespräch. Und hier ist der Roman durchaus parteiisch, denn die stumme Mehrheit der Bewohner, die, die sich arrangiert haben mit dem Stillstand in ihrem Leben, die bekommen keine Stimme.

Und dann kommen die Flüchtlinge ins Dorf. Schulz lässt die Baracken, in denen im zweiten Weltkrieg die Zwangsarbeiter untergebracht waren und die abseits des Dorfes liegen, mit Hilfe von öffentlichen Geldern – davon bleibt ein bisschen natürlich auch bei ihm hängen – für die Flüchtlinge umbauen und versucht die Dorfbewohner für seine Idee zu gewinnen, indem er fünf Arbeitsplätze verspricht. Aber die Dorfbewohner sind skeptisch, sie wollen keine Flüchtlinge im Dorf haben, die doch nur Probleme bringen werden, Einbrüche, Vergewaltigungen und was nicht alles zu hören ist. Krüger, der Besitzer der Biogasanlagen, die mit Schulzes Mais gefüttert werden und dessen Widerpart im Kampf um die Macht im Dorf, stellt eine Bürgerwehr auf, die im eisigen Februar des Nachts durch das Dorf patrouilliert, gewärmt auch vom Alkohol, der reichlich fließt. Zu tun haben sie nichts.

Noch ein Dorfroman aus der Provinz also. Mit einer Protagonistin, deren eifriges Sammeln schlechter Nachrichten, deren Blick auf ihr eigenes Leben – „Ich habe längst aufgegeben“ – noch dazu mit einem Arm, den sie als Fremdkörper ansieht, den Leser zunächst schon befremdet. Das verspricht nun nicht gerade spannende Lektüre.

Und tatsächlich hat Katrin Gerlof in ihrem Roman eher die ruhigen Töne gewählt. Das passt zur Umgebung, das passt zum Thema und zu Martha. Und schafft so ein ganz intensives Leseerlebnis, wenn auch die kleinen Dinge ihre besondere Bedeutung bekommen. Gerlof rückt ganz nah an ihre Protagonistin Marthe heran, an ihre Gedanken, Erinnerungen, Reflexionen. In knappen, manchmal abgehackten Sätzen, in Sätzen, in denen sich bisweilen sogar ganz plötzlich die Perspektive hin zur Ich-Erzählung wandelt, zeigt sich, dass Marthe sich nicht nur mit Untergangsmeldungen und diesem falschen Arm abmüht, sondern eine gute, vor allem auch eine mitfühlende und kluge Beobachterin ihrer Umgebung ist.

Eingereiht zwischen den Marthe-Kapiteln stehen Kapitel, in denen auch die anderen Dorfbewohner, einmal auch David, zu Wort kommen. Da erzählt Prokorski, wann die Stimmen in seinem Kopf sich zum ersten Mal gemeldet haben und dass sie damals schon versprachen, sich um ihn zu kümmern. Da erzählt der fünfzehnjährige Robin wie es kam, dass seine Mutter mit dem Trinken anfing und dass er nur so lange im Dorf bleiben wird, bis er seinen Schulabschluss hat. Auch die Geschichte des Schusterhauses wird erzählt, des Hauses, das David geerbt hat. Und vom Dorf wird erzählt, dass sich rüstet zum Kampf gegen die neu zugezogenen Flüchtlinge:

„Geschichten machen die Runde. Uralte Geschichten, tausendmal erzählt, jedes Mal so, als wären sie gerade gestern und gleich nebenan passiert. Legenden, die wie Pech und Schwefel sind, als hätte der Teufel höchstpersönlich sie in die Welt gesetzt. Genüsslich werden sie in flüsterndem Ton. Ich will ja nichts gesagt haben. Erzählt und von Mann zu Mann, Frau zu Frau getragen. Niemand ist frei von Mitgefühl, denn natürlich. Krieg ist schlimm. Da sei Gott oder wer es sonst tun könnte, vor, dass so etwas bis hierherkommt. Aber Krieg hat immer auch Schuldige zu benennen. Und kann jemand sagen, ob von denen nicht am Ende welche hinterm Dorf in den Baracken wohnen werden?“

Diese Art des Erzählens, indem sich die Erzählungen manchmal ein und derselben Sache durch die verschiedenen Figuren über- und nebeneinander legen, ist wie das Weben eines sehr festen Stoffes und erschafft beim Lesen nach und nach eine sehr komplexes Bild vom Dorf und seinen Bewohnern, von seiner Enge und wie das alles zurückwirkt auf Marthe und David und ihre Ehe.

Und ganz tief eingewebt in diese Erzählungen der verschiedenen Stimmen hat Kathrin Gerlof das Thema des Fremdseins. Es ist nicht in erster Linie die Fremdheitserfahrung, die die Flüchtlinge im Dorf haben und bei ihrem kurzen Besuch bei Krügers Tanzfest im neuen Landgasthaus, zu dem das ganze Dorf eingeladen, die Flüchtlinge aber nicht willkommen sind. Es ist vielmehr die Fremdheitserfahrung, die alle Figuren des Romans machen und die sich in ganz verschiedenen Motiven zeigt: Marthe, die ihren Namen nicht mag und statt dessen lieber November genannt werden möchte; die Dorfbewohner, die heimlich in ihren Häusern viel zu viel Alkohol trinken und denen sich Kummer und Unglück als Fettpolster an die Körper gehängt haben; David, der immer schweigsamer und dünner wird. Und manche fremdeln eben auch, wenn auf dem Tanzfest „Hulapula“ von Andreas Gabalier gespielt wird.

Fremd in ihrer Haut, fremd in ihrem Leben, so wird deutlich, fühlen sich schon die im Dorf Heimischen. Da haben die leichtes Spiel, die die Angst vor weiterem Fremden zu schüren wissen. Krüger nutzt das in seiner Eröffnungsrede zum Tanzfest des Dorfes sehr geschickt. Er will der nächste Bürgermeister werden, denn „letztlich geht es darum, im Dorf und in den Dörfern ringsum das Sagen zu haben“.

„Er wird nicht über die Fremden reden. Also kein Fass aufmachen. Auch wenn es ein leichtes wäre, das heute zu tun. Aber er wird sagen, dass zu einer Zukunft auch Sicherheit gehört. Und dass man dafür sorgen muss. Jeder soll sich sicher fühlen. Er wird das Wort Heimat benutzen und sagen, dass jeder Mensch ein Recht auf Heimat habe. Das ist ein versöhnlicher Satz, der auch die Fremden einschließt. Alle im Saal werden wissen, dass die Heimat der Fremden nicht hier ist. Er wird über Gastfreundschaft reden. Dass die wichtig ist und ihnen seit jeher im Blut liegt. Aber auch alle wüssten, Gastfreundschaft darf nicht ausgenutzt werden. Mehr wird er dazu nicht sagen.“

Kathrin Gerlof hat einen sehr aktuellen Roman geschrieben. In leisem Ton erzählt sie nicht nur vom sozialen Abstieg des großstädtischen Mittelstandes, sondern verquickt das geschickt mit der Erzählung von den (Macht-)Verhältnissen und Befindlichkeiten auf dem Land. So lässt sich ihr Roman einreihen in die Dorfromane, die im Kleinen aufzeigen, was die Gesellschaft im Großen bewegt. Und wird leider damit so wenig wahrgenommen wie Norbert Scheuer im letzten Jahr mit seinem Roman „Am Grund des Universums“.

Kathrin Gerlof (2018): Nenn mich November, Berlin, Aufbau Verlag

Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

Als ich vor ein paar Wochen Birgits Besprechung des Romans von Julia von Lucadou gelesen habe, hatte sie mich mit der „Hochhausspringerin“ gleich am Wickel. Zwar schickt die Autorin ihre Figuren in eine dystopische Gesellschaft – und das ist nicht das Genre, das mir immer zusagt -, dafür aber haben die Figuren mit so ziemlich allen Aspekten zu kämpfen, die ich in der Gegenwartsliteratur so oft vermisse: nämlich einem Leistungs- und Wettbewerbsdenken, das in wirklich alle Lebensbereiche vorgedrungen ist. Kombiniert wird das mit den vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Selbst- und Fremdüberwachung. Durch Kameras, die jede Bewegung jeder Person bis in die eigene Wohnung hinein erfassen, durch Schlaf-, Stress- und Fitnesstracker, die die aktuellen Werte auch an den Chef melden, der dann seinen Mitarbeiter umgehend zu mehr „Meditation, Entspannungsübungen“ und bewusstem Atmen rät. Das alles ist zwar Science-Fiction – aber gar nicht so ganz weit weg von unserem Leben, denn über die Technik, die hier genutzt wird, verfügen wir zum großen Teil schon. Dass Julia von Lucadous Roman auch noch ein Debüt ist und auf der Liste der eingereichten Bücher zum diesjährigen Bloggerpreis steht, hat mich noch neugieriger auf den Roman gemacht.

Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt des Romangeschehens, zwei Frauen, die es beide, so scheint es auf den ersten Blick, geschafft haben. Riva Karnovsky ist die eine, die erfolgreiche Hochhausspringerin, die sich von dem eintausend Meter hohen Hochhausdach selbstverständlich in die Tiefe stürzt wie ein Vogel und sich dann beim Fallen so elegant dreht, rollt und streckt und in ihrem silbrig schimmernden Anzug so überirdisch schön erscheint, dass der Fotograf Aston ihr den Namen Dancer_of_the_SkyTM verliehen hat. Sie stürzt dem Boden entgegen, kostet jede Sekunde ihres Fallens aus für neue Figuren, in vollstem Vertrauen auf die Technik ihres Anzugs, die sie, wenn sie im allerletzten möglichen Moment den Flugmodus ihres FlysuitTM aktiviert, vor dem Aufprall bewahrt und wieder nach oben trägt. Die Zuschauer am Boden folgen begeistert ihrem kunstvollen Flug, halten dann aber doch den Atem an wegen ihrer Waghalsigkeit und sind erleichtert, wenn Riva im letzten Moment doch noch die Kollision mit dem Boden abgewendet hat.

Riva ist nicht nur bei ihrem Sport erfolgreich, sie meistert auch mit Bravour ihre öffentlichen Auftritte und füllt ihre Social-Media-Kanäle immer wieder mit Bildern und Content aus ihrem Glamour-Leben. Dom Wu, ihr Vertragspartner, ist zufrieden mit seinem Star, der bewundert wird von seinen vielen Followern. Riva stammt aus der Peripherie, sie also ist der Beweis: Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur anstrengt.

Hitomi Yoshida ist die andere erfolgreiche Frau und die eigentliche Protagonistin, denn sie erzählt uns diese Geschichte, ihre eigene Geschichte, die ganz eng verbunden ist mit Rivas. Auch sie scheint es geschafft zu haben in dieser Gesellschaft, was sichtbar ist an ihrer schönen Wohnung im 24. Distrikt der Stadt, nur vier Distrikte entfernt von den Wohnblocks mit den besten Adressen. Für diese Wohnung hat sie auf einer Warteliste gestanden, seit sie ihr Psychologiestudium an der Wirtschaftsakademie begonnen hat. Nun, mit dem Abschluss in der Tasche, hat sie sich bei PsySolutions beworben und Hugo M. Master, den Abteilungsleiter Sportpsychologie, von sich überzeugen können. Er hat während der Einstellungsphase viele der vertraulichen Telefoncoachings mit angehört, die Hitomi bei ihrem Nebenjob Call-a-CoachTM geführt hat.

Und Master hat ihr gleich einen wichtigen Auftrag verschafft. Sie soll nämlich Riva helfen, die vor ein paar Tagen plötzlich und völlig unerwartet ihr Training eingestellt und es damit zu einem Vertragsbruch hat kommen lassen mit der Dom Wu Akademie. Dom Wu hat nach den ersten persönlichen Gesprächen mit seiner Sportlerin PsySolutions beauftragt, „Riva schnellstmöglich [zu] reanimieren“. Hitomi kann sich durch diesen VIP-Auftrag, der ihren Creditscore angenehm erhöht, ihre wunderbare Wohnung – fast – leisten.

Die Welt, die Julia von Lucadou hier erschaffen hat, ist faszinierend – und erschreckend zugleich. Faszinierend, weil sie uns zunächst so bekannt vorkommt. Hier leben die Menschen in der Großstadt mit Hochhäusern in guten und schlechten Vierteln. Sie gehen ihrer Arbeit nach und treffen sich abends in Bars. In der Stadt ist es sauber, aufgeräumt und kühl. Aber: Diese Großstadt ist ganz offensichtlich eine Gated Community, in die an den Wachen und Zugangskontrollen vorbei nur hereinkommt, wer so erfolgreich ist, dass er über einen entsprechenden Creditscore verfügt, um sich in der Stadt eine Wohnung leisten zu können. Oder zumindest so erfolgreich ist, um eine Arbeit in der Stadt zu ergattern und dafür einreisen darf. Abends müssen diese Pendler dann wieder nach draußen, in die Peripherie, wo die erfolglosen Menschen in schlechten bis heruntergekommenen Wohnsilos leben, in Hitze und Schmutz, in Enge und Trubel, in einer „unübersichtlichen Masse“. Da will keiner leben, im Gegenteil, da wollen alle weg. Und das befeuert permanent den Wettbewerb in dieser Gesellschaft, in der alle in der Stadt leben und arbeiten wollen und selbst diejenigen, die dort leben, stehen ständig in der Gefahr heruntergestuft zu werden.

Der Schmierstoff dieser Gesellschaft ist ein ausgeklügeltes Bewertungssystem, der Creditscore. Die Höhe des Scores gibt Auskunft über die Leistungsfähigkeit – und letztendlich auch über die Anpassungsfähigkeit der Bürger: Ist er hoch, gibt es „Wohnraumprivilegien“, sinkt er deutlich, gibt es eine Vorladung ins Verwaltungsgebäude und es werden Wohnraummaßnahmen oder gar Relokalisierung in Aussicht gestellt. Und das ist erschreckend an dieser Gesellschaft: Es begehrt niemand auf. Alle spielen das üble Spiel mit, selbst der Barkeeper nimmt gleich mehrere Jobs an, um seinen Score so zu verbessern, damit er endlich aus der Peripherie in die Stadt ziehen kann.

Erschreckend ist für den Leser auch Hitomis Arbeit. Denn die Patienten kommen nicht zu ihr, der Psychologin, um sich beraten und helfen zu lassen. Es ist eher anders herum. Hitomi schleicht sich unbemerkt in die Leben ihrer Klienten ein, in einem helfenden Beruf zwar, aber genau in der Art, wie es die politischen Spitzel aller Diktaturen dieser Welt üblicherweise auch tun: Sie greift auf alle Daten zurück, die es über ihre Klienten gibt, beobachtet sie in ihrer Wohnungen und erfasst, mit wem sie was sprechen und was sie wann tun. Sie hat natürlich Zugriff auf alle aktuellen Körperwerte, auf Fitnesslevel, Muskelschwund und Ernährungsverhalten, auf Erholungswerte durch Schlaf und die Regelmäßigkeit des Mindfulness-Trainings.

Sie kann auch Videos aus fast allen Lebensperioden anfordern oder auch private Dateien, die ihre Klienten gelöscht haben, einsehen, um nach Gründen für aktuelle Unangepasstheit, auffälliges Sozialverhalten, unausgeglichene Stimmungen und natürlich schlechte Arbeitsleistungen zu suchen. Wenn es nötig scheint, nimmt sie auch Kontakt zu Personen im Umfeld ihrer Klientin auf. Dann gibt es direkte Anweisungen auf deren Tablet, damit sie sich für eine Verhaltensänderung einsetzen. Mit diesen Mitteln also versucht Hitomi Riva zu „reanimieren“. Nicht so sehr, so hat es Rivas Chef Dom Wu formuliert, aus Sorge „um den hohen finanziellen Schaden und den Gesichtsverlust meines Unternehmens und unserer Sponsoren, sondern in erster Linie [aus Sorge] um die Gesundheit Rivas.“

So entsteht ein Katz- und Mausspiel zwischen Hitomi und Riva, das seine besondere Tragweite auch dadurch gewinnt, dass Hitomis Schicksal fest an Rivas Einsicht geknüpft ist. Die Spannung, die sich aus dieser Konzeption vermutlich ergeben soll, kommt aber nicht so recht voran. Denn Rivas Beweggründe für ihre Verweigerung sind zu deutlich, bestätigen sich spätestens dann, wenn Hitomi einen Blick in die von Riva gelöschten Tagebuchaufzeichnungen gewinnt. So wird der Roman vor allem vorangetragen durch die Frage, wie Hitomi sich in dieser ja eigentlich von Beginn an ausweglosen Situation verhält. Und auch ihr Weg zeigt – bis auf ein einziges Mal – keine überraschenden Wendungen. Das mag auch daran liegen, dass Hitomi als so angepasster Charakter kaum eine besondere Tiefe aufweist.

Trotzdem: Julia von Lucadou hat in ihrem Roman eine in vielen Facetten überzeugende Welt erschaffen, die ganz besonders glatt, steril und effizient zu sein scheint. In dieser Welt gibt es, zumindest bei den Bewohnern der Innenstadt, kaum Gefühle, keine echten Beziehungen, keine Liebe, nicht einmal die Familien leben als Familien zusammen. Hitomi ist – bis zu ihrer letzten Entscheidung in diesem Roman – das Ergebnis dieser durchkalkulierten Welt: völlig angepasst an alle Anforderungen, die an sie gestellt werden, hat sie nie den leisesten Zweifel an ihrem Tun, greift nie auf einen wie auch immer gearteten moralischen Kompass zurück. Ihr Körper aber macht das alles noch lange nicht mit. Von Anfang dieses Auftrags an kämpft sie mit Kopfschmerzen und einer Übererregbarkeit, mit Einschlaf- und Durchschlafschwierigkeiten, mit hohen Stresswerten. Dass in dieser glatten, in dieser in allen Belangen transparenten Welt keiner ein gutes Leben leben kann, auch Hitomis Chef Master zeigt so seine Schrulligkeiten, ist ja eigentlich klar.

Auch Hitomis Sprache, in der sie von ihrer Arbeit, von ihrem Leben und auch ihrer Kindheit erzählt, ist immer kalt, emotionslos, gespickt mit technischen Begriffen und auf Effizienz getrimmt. Die Rebellion ihres Körpers beschreibt sie so distanziert, wie sie auch Rivas Gespräche und Handlungen beschreibt – und immer aus einer sicheren Entfernung, die ihr der Blick durch die Kameras verschafft. Später treffen sich beide ein einziges Mal zufällig auf der Straße, aber Riva erkennt ihre „Therapeutin“ nicht, denn sie wusste ja nie von ihrer Überwachung. Dass Hitomi sich nicht denken kann, dass ihr Büro und ihre Wohnung auch unter Dauerbeobachtung stehen, das ist dann schon eher nicht mehr richtig glaubwürdig.

Julia von Lucadous Gesellschaftsprojektion erinnert ein bisschen an Juli Zehs Drama und Roman „Corpus Delicti“, in der die METHODE als Grundlage einer Gesundheitsdiktatur gilt, die sich zum Ziel gesetzt hat, allen Bürger bis ins hohe Alter eine gute Gesundheit zu garantieren. Immerhin hat sich hier eine Widerstandsbewegung gegründet – die Hoffnung auf gesundheitliche Sünden und Lebensfreude ist also noch nicht völlig dahin. Nicht einmal solche revolutionäre Ideen scheint es in der „Hochhausspringerin“ zu geben, weil alle freudig am System mitwirken. Es bleibt unklar, ob alle Menschen, die in der Peripherie leben, nur nach dem Leistungsprinzip leben, um die Privilegien der Innenstadt zu erfahren, jedenfalls scheint es auch in der Peripherie keine Widerständler zu geben.

Und es bedarf auch keiner festgeschriebenen METHODE, um auch dem Letzten klar zu machen, wie er sich zu verhalten hat. Die knappen Plätze in der „schönen“ Welt, der ständige Wettbewerb darum, das komplette Vermessen der Menschen in allen Lebensbereichen führt dazu, dass diese Gesellschaft funktioniert – ohne dass von Vordenkern dieses Systems erzählt wird, die sich immer mal wieder zu Wort melden müssen, ohne dass es eine Machtinstanz gibt, die nach dem Rechten schaut. Hier regelt die unsichtbare Hand des Marktes und der Creditscore wirklich alles. Insofern ist Julia von Lucadous Gesellschaftsversion eine noch radikalere als die, die Juli Zeh erdacht hat. Und somit eine spannende und nachdenklich machende Lektüre – und ein gelungenes Debüt.

Julia von Lucadou (2018): Die Hochhausspringerin, Berlin, Hanser Berlin           

 

Ein Nachtrag:

Ein Bewertungssystem, ähnlich wie das in von Lucadous Roman, steht in China in den Startlöchern. Hier soll vor allem das Sozialverhalten der Bürger bewertet werden, der Erziehungsgedanke lässt sich kaum verheimlichen.

Auch wenn diese Idee bei uns – noch – aus Datenschutzgründen sehr fantastisch erscheint, die Möglichkeiten der Überwachung, des Spitzelns und Schnüffelns geht auch bei uns munter weiter. Und kommen weniger aus den Laboratorien des Staates als viel mehr der Industrie.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 2

Nun ist Vernon also ganz unten angekommen, als Obdachloser im Norden Paris´. Sein sozialer Abstieg, etwas abgemildert durch seine Freunde und Bekannten, die ihn – mehr oder weniger begeistert – immer wieder für ein paar Tage aufgenommen haben, hat ihn jetzt also auf eine Parkbank verschlagen in der Nähe des Parc Buttes-Chaumont. Und da liegt er nun in den kalten Vorfrühlingstagen, krank und mit hohem Fieber, oft halluziniert er. Und droht selbst hier vertrieben zu werden, weil ein Anderer ihm diesen Platz streitig macht.

So also beginnt der zweite Teil der Geschichte Vernon Subutex´, der sich somit nahtlos an die Erzählung des ersten Bandes anschließt. Doch ganz schnell wird deutlich, dass dieser zweite Band in einem ganz anderen Ton erzählt ist als der erste. Hier finden sich nicht mehr die oft kurzen und knappen Sätze, die beim Lesen so eine unheimliche Geschwindigkeit entwickeln, die gespickt sind mit schnodderigen Wendungen, mit abfälligen und beleidigenden, mit Begriffen der Gewalt, des sozialen Abstiegs und des politischen Extremismus, mit Ausdrücken aus dem Drogenmilieu, der Musikszene und dem Börsenparkett und die so eine unheilvolle und bedrückende Atmosphäre schaffen.

Der viel ruhigere und nachdenklichere Ton, die vielen Reflexionen und die oft abwägende und komplexe Sicht der Figuren auf ihre Umgebung und auf ihr Leben, eine Sprache also, die eben nicht durch Aggressivität überrascht, sondern durch den intensiven Blick auf den Moment, eine Sprache, die manchmal Traurigkeit, Frustration und Melancholie vermittelt, manchmal aber auch Zufriedenheit und Hoffnung, gehen Hand-in-Hand mit einer ganz offensichtlich veränderten Haltung aller Protagonisten, auch mit Handlungen, die nicht mehr ausgelegt sind auf das Sich-Abgrenzen von anderen, sondern auf ein Miteinander. Der Absturz Vernons, die Tatsache, dass er vom Erdboden verschluckt zu sein scheint, vielleicht auch der von Rechtsradikalen durchgeführte Angriff auf Xavier, bei dem er krankenhausreif geschlagen wurde, haben Vernons Freundes wohl wachgerüttelt.

Es liest sich dieser zweite Band also keineswegs nur als Fortsetzung der (spannenden) Handlung des ersten Teils, sondern lässt vor den Augen des Lesers auch eine Wiederbelebung der vermeintlich verstaubten Idee von Gemeinschaft und Freundschaft entstehen. Ja, manchmal mutet das, was in diesem Sommer mit den Freunden Vernons unter den großen, alten Bäumen des Parkes geschieht, an, wie die Wiedergeburt der Utopie von einer besseren Gesellschaft. Und dieses andere Bild zeigt sich schon auf den ersten Seiten des neuen Bandes.

Vernon nämlich liegt ja fiebernd auf dieser Parkbank, er halluziniert, er deliriert. Da kommt Charles, ein älterer Mann, der gerne trinkt, aber offensichtlich, Vernon sieht es später an seinen Händen, kein Obdachloser ist. Charles beschimpft Vernon laut und wüst, weil der „seine“ Bank besetzt hat. Dann aber merkt er, dass Vernon so krank und geschwächt ist, dass er sich überhaupt nicht wehren kann. Charles schaut sich die Situation an, überlegt, wägt ab – und dann beschließt er, Vernon zu helfen. Er geht los und kauft Orangen ein und Aspirin, schaut jeden Tag bei ihm vorbei und freut sich über Vernons Fortschritte: „freut mich zu sehn, dass du allmählich aufwachst, Kumpel. Wurde auch Zeit.“

Charles gibt ihm den Tipp, von der Parkbank zu verschwinden, bevor die Straßenfeger ihn dort entdecken, und zeigt ihm ein Haus, in das er sich verkriechen könne. Und Jeanine kommt vorbei, eine Nachbarin, die auch die wilden Katzen füttert. Sie bringt Vernon Essen mit, muss aber heimlich kommen, damit die anderen Nachbarn sie nicht sehen, denn die möchten nicht, dass sie den Obdachlosen Essen gibt; es hat schon zu viele Probleme mit ihnen gegeben. So kommt Vernon durch die Hilfe von Charles und Jeanine langsam wieder auf die Beine.

Und nicht nur die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung kümmern sich um ihn, auch seine Freunde machen sich auf die Suche nach ihm. So unterschiedlich sie sind, sie eint das Ziel, Vernon zu finden, ihn vielleicht gar „zu retten“. Und es stoßen auch diejenigen zu dieser Suchaktion dazu, die zu Beginn der Geschichte noch deutlich zu Vernons Gegnern gehörten, denen er einfach lästig war, die ihn gar den sozialen Netzwerken mit Schimpf und Schande überschüttet haben, die den dubiosen Auftrag hatten, ihn zu finden. Denn er besitzt ja die Bänder mit den Aufnahmen Alex Bleachs, von denen der Produzent Laurent Dopalet meint, sie könnten ihm gefährlich werden. Die Freunde laufen durch die Parks, sprechen die Menschen an, fragen nach Vernon. Und Charles und Laurent, ein anderer Penner, erzählen es Vernon:

„Weißt du eigentlich, dass es da unten einen ganzen Stamm Hirnis gibt, die dich suchen?“

„Was meinst du?“

„Es sind mehrere. Sie kommen jeden Tag und nerven alle und jeden. Sie fragen nach dir.“

Vernon wird blass, aber Laurent hebt beschwichtigend die Hand:

„Sieht nicht so aus, als ob sie sauer wären. Eher bisschen durchgeknallt, insgesamt … entweder perfekte Schauspieler oder sie wollen dir wirklich nichts Böses.“

„Es sieht mehr so aus, als machten sie sich Sorgen.“

„Nein, das wusste ich nicht.“

Charles und Vernon überreden Vernon, zu ihnen zu gehen und die Hilfe anzunehmen. Und so sitzen sie eines Abends alle gemeinsam in der Wohnung der Hyäne, Vernon kann duschen und seine Kleidung wird gewaschen und sie alle gemeinsam schauen sich Alex Bleachs Videos an. Und es stellt sich heraus: Laurent Dopalet fürchtet die Bänder völlig zu Recht, ist er doch ein Paradebeispiel für die Vorfälle, die in der #Metoo-Debatte ans Licht gekommen sind. Vernon aber, bei dem sich alle fast überschlagen, um ihm ein Bett oder eine Couch anzubieten, will weiter draußen leben, will weiter die Freiheit und Weite genießen, will nicht wieder zurück in sein altes „bürgerliches Leben“, von dem er sich nun wundert, dass er es darin solange ausgehalten hat. Stattdessen richtet er sich an den verlassenen Schienen ein – ein Tipp von Laurent – und empfängt jeden Tag im Park auf der großen Wiese unter den alten Bäumen seine Freunde, die, so unterschiedlich auch jeder von ihnen ist, zu einer großen Gemeinschaft zusammenwachsen.

„Tagsüber ist der Park eine Mischung aus Debattierklub, Coffee Shop unter freiem Himmel und Bierausschank geworden. Die Wiese ist Vernons Salon, er empfängt dort mit der Liebenswürdigkeit eines Gastgebers, der Zeit hat und sich über die Aufmerksamkeit freut. Sein Leben ist angenehm. Es gibt Gebäck, Rosé, nette Menschen, die Frauen kümmern sich um ihn, sie hören gute Musik aus rohrförmigen Bluetooth-Boxen, es gibt Stammgäste und Tagesbesucher. Ein unkompliziertes gesellschaftliches Leben und keine Briefe von irgendeiner Verwaltung, um ihm den Tag zu verderben.“

Auch wenn Virginie Despantes den Erzählton ins Fürsorglich-Mitfühlende neu justiert hat, auch wenn sie vom Sommer im Park mit der wachsenden Freundesgruppe erzählt, von denen sich keiner dem ganz besonderen Charisma Vernons entziehen kann, so bleibt sie doch auch den großen gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit verhaftet und legt durch die Perspektiven ihrer Figur gnadenlos den Finger die Wunde. Dies gelingt, indem sie den Blick immer häufiger von Vernon weg und auf die anderen Figuren richtet und sie sprechen lässt, sie von ihrem Leben erzählen und reflektieren lässt und so einen vielstimmigen und multiperspektivischen Chor erschafft.

Virtuos wechselt Despentes die Erzählstimmen von Kapitel zu Kapitel, zum Teil innerhalb eines Kapitels, zum Teil im Satz. So ermöglicht sie auch, ein und dieselbe Sache aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Jede Figur hat dabei, wie schon im ersten Band eine eigene Stimme, eine eigene Sprache, eine ganz eigene Gefühlslage: Vernon zum Beispiel schaut genau hin, wenn er andere Obdachlose trifft und ihren sozialen und vor allem auch körperlichen Verfall diagnostiziert; Sélim, der aus Algerien stammende Hochschullehrer, der die Errungenschaften des aufgeklärten Frankreich so liebt, erzählt von den Zuständen im Mittelbau der Universitäten, von den Budgets für Forschung und Entwicklung, die als erstes zusammengestrichen werden und wie er darunter leidet, dass seine Tochter zu Religion und Kopftuch zurückgekehrt ist; Charles weiß genau, wohin die Solidarität der französischen Arbeiter verschwunden ist – sie haben kein Klassenbewusstsein mehr, sondern wollen denken, leben und handeln wie ihre Chefs – und Céleste, die einzige, die gegen Vernons Charme immun zu sein scheint, lässt sich von Aïcha, der Tochter Sélims, zur Rache an Dopalet überreden, zu einer Art Selbstjustiz, die notwendig ist, weil sie Dopalet über den rechtsstaatlichen Weg nicht überführen können. Und Antoine, der Sohn Dopalets, kommt ihnen dabei zur Hilfe.

Wie im ersten Band versammelt Despentes auch hier viele unterschiedliche Stimmen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus und verschiedenen politischen Richtungen, treibt die Handlung spannend voran und lässt eine Gruppe um Subutex wachsen, die eine Form utopischen Lebens erprobt, bei der ganz ungewöhnliche Freundschaften entstehen und neue Ideen, wie Vernon seine Kunstfertigkeit als DJ zeigen kann. Das ist eine anregende Analyse des gesellschaftlichen Status quo, eine rasante Geschichte mit vielen schillernden Figuren, ein großartiger Lesespaß. Der sich zum Glück ab dem 7.9. mit dem 3. Band der Trilogie fortsetzen lässt.

Virginie Despantes (2018): Das Leben des Vernon Subutex 2, aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz, Köln, Kiepenheuer & Witsch

Verena Lueken: Anderswo

In „Alles zählt“, ihrem ersten Roman, folgte Verena Luekens Erzählung der Geschichte einer Journalistin, die sich eine Auszeit nimmt in New York, der Stadt, in der sie sich so gerne aufhält, um ihre Gedanken zu sortieren, um aufzutanken, um neue Schreibideen zu entwickeln. Dort erkrankt sie aber wieder an Lungenkrebs und muss nach ihrer OP eine lange und qualvolle Schmerzenszeit überstehen, bis sie endlich wieder gesundet und bei einer Reise nach Asien Hoffnung und eine neue Perspektive für ihr Leben findet. In ihrem neuen Roman „Anderswo“ ist es wieder eine weibliche Protagonistin mittleren Alters, die sich auf eine Suche begibt. Auf die Suche nach einer Leerstelle in der Biografie ihres Vaters, die sie klären möchte, auch wenn der Vater schon tot ist und sie ihm mit ihrer Recherche keinen Liebesdienst mehr erweisen kann.

Es ist überhaupt eine für die Tochter ziemlich abträgliche Beziehung, die die beiden zueinander haben. Der Vater, Jugendlicher und junger Erwachsener während der Nazi- und Kriegszeit, kann schon während ihrer Kindheit wenig Empathie oder gar Liebe aufbringen für die Tochter. Sie ist fünf Jahre, als sie erfährt, dass es ihre Mutter noch einmal 500 Mark gekostet hat, um sie nicht abzutreiben. Ein Schweigegeld sozusagen, das sie dem Arzt angeboten hatte, wenn er die Abtreibung nicht vornahm, obwohl sie selbst das Schweigen über das in ihr wachsende Kind ja gar nicht bewahren konnte. Denn eigenes Geld hatte sie keines. Und so tobt der Vater auch, als er den Kontoauszug sieht mit den zusätzlichen 500 Mark, die abgebucht wurden.

„Ihre Mutter hatte ihren Vater nicht bei ihr angeschwärzt, was die Abtreibung anging. Sie hatte vielmehr erzählt, ihr Vater, der beruflich auf dem Weg nach oben war, sei um ihre Gesundheit besorgt gewesen und habe deshalb eine weitere Schwangerschaft für keine so gute Idee gehalten. Nicht so schnell. Ihr Bruder war kaum ein Jahr alt. Aber für sie hatte es sich immer anders angefühlt. Sie ging verloren, als sie von der Geschichte erfuhr.“

Später, noch ein Kind, sitzt sie mit ihrem Vater in einem Gartenlokal, in dem es die leckersten jungen Kartoffeln gibt. Genüsslich und in Zeitlupe zerdrückt sie einen Berg Kartoffeln in Butter, streut Salz darüber und isst sie. Ob sie noch ein Eis wolle, fragt der Vater anschließend. Gerne: Schokolade, Erdbeere und Zitrone.

„Du solltest aufpassen, dass du nicht noch dicker wirst“, [sagt er]. Sie war kaum zehn und beschloss, das Essen ab sofort bleiben zu lassen.“

In diesem Ton, einfach, knapp und ohne jedes Gefühl, erzählt die personale Erzählerin vom Leben der Protagonistin, so, als könne sie selbst nicht recht ernst nehmen, was ihr da passiert ist, ja, als könne sie sich selbst – und ihren Schmerz – nicht recht ernst nehmen. Manchmal klingt an, welche Folgen diese „verquere Sache“, also der „Betrug“ um ihre Abtreibung für sie hat. Dann wird erzählt, dass sie ein trauriges Mädchen gewesen sei, dies aber als gutes Omen genommen habe. Dass sie später, als Erwachsene schon, Orte rund um die Welt gesucht habe, die ihr Sicherheit geben: „In Sicherheit hieß unsichtbar.“ Es ist genau die Stimme, die zu einer Frau passt, die sich schon als Fünfjährige selbst verloren hat.

Weil das Training ihren Tag und ihr Leben strukturiert und vor allem auch, weil ihr Körper so einen Zweck bekommt, beginnt sie zu tanzen. Und als ihr im Studium das Geld knapp wird, fängt sie an, in einer Peepshow zu arbeiten.  Sie findet gar nichts dabei, „weil sie tatsächlich kein Konzept von sexy hatte. Ein paar aufreizende Bewegungen zu dämlicher Musik für geile Männer hinter einer Sichtklappe, die nach fünf Minuten wieder vors Fenster fiel – sie sah nicht, warum sie damit ein Problem bekommen sollte. Sie war in Sicherheit. Niemand konnte sie anfassen, sie hatte alles im Griff. Sie hatte die Kontrolle über die Blicke der Männer“.

Es ist klar, dass diese Protagonistin Probleme haben wird mit Männerfreundschaften, mit Liebe, mit der Ehe und Kindern. So ist es letztendlich auch, auch wenn die Liebe zu Claudio, einem amerikanischen Musiker, lange hält. Sie trennen sich, die Protagonistin wird in den nächsten Jahren als Reisejournalistin um die Welt jetten, wird darauf achten, dass ihr Leben vor allem eines ist: provisorisch.

Spät in ihrem Leben, der Vater ist schon ein paar Jahre tot, beginnt sie doch, sich mit dem Vater auseinanderzusetzen. Sie ist auf eine Beerdigung eingeladen, der Vater einer Freundin ist gestorben, heftig beweint von seiner Tochter. Und hier, bei dieser Trauerfeier erinnert sie sich an die Trauerfeier ihres Vaters. Oder besser: sucht Erinnerungen an die Feier, die sie aber kaum findet. Lieder am Grab hat es wohl nicht gegeben, schon gar keine Maskenspieler, die einen Sketch spielen, der die Trauergäste zum Lachen bringt. Aber sie kann sich auch nicht an die Blumen auf dem Sarg erinnern, an nichts von dem, was gesagt wurde, überhaupt an kaum jemanden, der bei der Trauerfeier dabei gewesen ist. So, wie sie sich im Leben nicht kennengelernt haben, so wie sie sich dort verpasst haben, so hat sie auch die Trauerfeier für den Vater verpasst.

Nun, ausgelöst durch das Maskenspiel, beginnt sie, in der Vergangenheit nach dem Vater zu suchen. Vielleicht findet sie Gründe, warum er zu diesem Menschen geworden ist, zu dem sie keinen Kontakt bekommen hat. Vor allem beginnt sie eine Suche nach seinem Lieblingsbruder, von dem der Vater seit Kriegszeiten nichts mehr gehört hat. Ihre Suche beginnt reichlich spät, viele Zeugen, viele verlässliche Informationen wird sie nicht mehr finden. Aber immerhin erfahren, auf welcher Seite die Brüder, auf welcher Seite der Vater während des Kriegs gestanden haben. Und während ihrer Recherchen lässt sie in assoziativen Einschüben auch immer wieder ihr Leben Revue passieren, so dass sich nach und nach das Lebenspuzzle der Protagonistin vor den Augen des Lesers zusammensetzt. Es ist so, als mache sie sich nun doch auf eine Suche, so, als wolle sie ihm noch einen späten Gefallen tun, als wolle sie endlich eine Anerkennung, ein Lob von ihm. Dabei hätte sie Lob und Anerkennung von diesem Vater wohl schon zu Lebzeiten nicht bekommen.

Je weiter sie die Geschichte des Vaters und des Bruders ausgräbt, umso unsicherer werden ihre Datenquellen. Das ist auf der einen Seite nachvollziehbar. Auf der anderen Seite aber führt es auch dazu, dass die Protagonistin immer mehr Lehrstellen mit den eigenen Spekulationen und Deutungen füllt. Während sich der Leser zu Beginn der Erzählung über Ereignisse und Erlebnisse der Protagonistin, über die besondere Art ihrer Beobachtungen und ihrer Reflexionen ein Bild über sie und ihre Verletzungen machen muss, wird ihm diese eigene Deutungsarbeit gegen Ende der Geschichte, vor allem während ihrer Suche in Südafrika, völlig abgenommen, denn die Protagonistin erzählt alle ihre Annahmen und alle ihre Interpretationen. Und das schadet der Geschichte und dem Leseerlebnis.

Verena Lueken (2018): Anderswo, Köln, Kiepenheuer & Witsch

Zu einem anderen Fazit kommt Ruth in ihrer Besprechung.

Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen

 

 

Vor ein paar Tagen stellte Anna auf ihrem Blog buchpost die Autobiografie Anthony Ray Hintons vor, der 1985 in Alabama zu Unrecht wegen angeblichen Mordes zum Tode verurteilt und erst dreißig Jahre später aus dem Gefängnis entlassen wurde. Seine Geschichte ist ein Paradestück dafür, wohin rassistische Vorverurteilungen führen, wenn es denn im gesamten Rechtsapparat so gar niemanden gibt, der seine Arbeit ernsthaft betreibt und auf Widersprüche und eklatante Ermittlungsfehler hinweist. Fast zeitgleich habe ich Margriet de Moors Roman „Von Vögeln und Menschen“ gelesen, dessen erzählerischer Kern auch solch ein „Justizirrtum“ ist.

Auch wenn in de Moors Roman schließlich ein Geständnis vorliegt, wenn auch ein falsches, durch Schlafentzug und andere Formen der psychischen Folter erpresst, die Ermittlungen sind genauso schlampig durchgeführt wie in Hintons Geschichte. Weil die Schuldige, wie in Hintons Fall, schon sehr schnell feststand. Diese Geschichte ist wohl wirklich passiert, in den Niederlanden der 1980er Jahre, nur dass hier die Vorverurteilung keine rassistische Grundlage hat, sondern eine soziale, vielleicht auch eine frauenfeindliche. Margriet de Moors Augenmerk liegt jedoch nicht so sehr auf der Rekonstruktion des fehlerhaften Verfahrens. Viel mehr interessiert sie, was der Mord am neunzigjährigen Bruno Mesdag mit dem Leben von Louise Bergman und ihrer Tochter Marie Lina macht. Wie dieses Ereignis ganz plötzlich ihr Leben umkrempelt, wie es sie in den kommenden Jahren prägt, wie es sie begleitet, ja, wie es in Rache mündet und in einen zweiten Mord.

Die Geschichte setzt an einem frühen Junimorgen ein, als Rinus Caspers, der Vogelvertreiber des Amsterdamer Flughafens Schiphol, von der nächtlichen Arbeit nach Hause kommt. Und schon der zweite Satz des Romans lässt keinen Zweifel daran, dass „die friedliche Stille“ des schönen Frühlingsmorgens „trügerisch“ ist. Zwar scheint alles ganz normal, Rinus legt sich ins Bett, schmiegt sich an Marie Lina an, und erzählt ihr, noch bevor er einschläft, dass die Nacht ruhig gewesen sei am Flughafen, nur am Ende seiner Schicht hätten die Bussarde sich sehen lassen. Sie hätten auf den Tafeln der Anflugbefeuerung gesessen.

Gespräche über seine Arbeit am Flughafen sind üblich bei Rinus und Marie Lina. Sie interessiert sich sehr für die vielen Vögel, die sich neben den Flugbahnen so gerne aufhalten, weil sie der Krach der startenden und landenden Flugzeuge nicht stört und es dort keine Menschen gibt. Dabei unterschätzen die Vögel, dass sie in die Triebwerke geraten können und sich und die Menschen an Bord in Gefahr bringen. Und Rinus weiß genau, was zu tun ist, um Bussarde, Stare und Gänse ihrer Art entsprechend zu vertreiben, damit solch ein Unglück eben nicht passiert.

„Jetzt aber schlafen sie, der Vogelvertreiber und seine heitere Frau Marie Lina, die gestern, am frühen Nachmittag, mit einer anderen Frau in eine tätliche Auseinandersetzung geraten ist. Es war ein heftiger Kampf, ihrerseits in der klaren Absicht, Böses zu tun.

Und dann so friedlich schlafen in der darauffolgenden Nacht?

Wie ein Murmeltier, nein: wie ein Kind.“

Gestört wird ihr Schlaf kurze Zeit später durch die Polizisten, die erst Olivier, den Sohn, aus dem Bett klingeln, der ihnen die Tür öffnet, und dann Marie Lina noch im Schlafzimmer festnehmen. Bevor sie geht, umarmt sie Rinus und flüstert ihm ins Ohr „Ich habe es getan“. Und sie gibt es auch unumwunden einen Monat später bei Gericht zu. Ja, sie hat Klazien Wroude in die Baugrube am Bahnhof gestoßen – und sie hat es mit Absicht getan: „Ich habe mein ganzes Leben an nichts anderes gedacht.“ Und das ist umso überraschender, als dass Marie Lina mit Rinus, dem Sohn Olivier und dem Bordercollie Sjaak ein so normales Leben führen, ja, ein sehr glückliches, wie immer wieder zu lesen ist. Anders also als der reale Hinton kann Marie Lina die Geschichte des Mordes an Bruno Mesdag und die dazugehörenden Ungerechtigkeiten nicht verwinden und bewahrt ihre verlorene Kindheit und das zerstörte Leben der Mutter tief in sich auf.

In der Festnahme Marie Linas spiegelt sich die Festnahme ihrer Mutter Louise vor über zwanzig Jahren. Als die Polizisten damals Louise abholten, geschah das aber völlig überraschend. Wie in einem schlimmen, nicht endenden Albtraum kann Louise sich dem Verdacht nicht entziehen und gerät tief in die Mühlen der Justiz. Und Marie Lina, damals neun Jahre alt, hat die Szene der Verhaftung so entsetzt, dass sich die Wut, die sie in diesem Moment erlebt und die zu einem Schrei führt, „ein hoher Schrei, ein Schrei wie ein Messer“, so tief in ihr eingräbt, sich so entwickelt und gedeiht, dass, neben dem ganz normalen Leben, das sie führt, immer auch eine Sehnsucht in ihr wächst, dass endlich ein spektakuläres Unglück geschehen möge.

Marie Linas und Rinus´ Geschichte, die Geschichte ihrer seit zwölf Jahren so glücklichen Ehe, bildet den Rahmen des Romans. Während sehr detailliert und zeitdehnend der Morgen der Festnahme erzählt wird, schildert die Erzählerin, die ganz souverän alle Fäden der Geschichte in der Hand hält und die ebenso souverän ganz verschiedene Erzählperspektiven und -stile anwendet, wie es zu der Auseinandersetzung zwischen Marie Lina und Klazien Wroude an der Baugrube gekommen ist. Sie holt weit aus in der Vergangenheit Marie Linas, erzählt von ihrer Kindheit, von ihrer Mutter Louise, der Altenpflegerin, die so fürsorglich und liebevoll für die Tochter sorgt, ein Kätzchen aufnimmt, weil Marie Lina sich eines wünscht, und die die Literatur so mag. Zweimal in der Woche versorgt Louise die Wohnung des hochbetagten Bruno Mesdag. Die Erzählerin hat auch Zeit und Muße, von Bruno Mesdag zu erzählen, von seinem erfüllten Leben, von seiner Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, die sich auch darin zeigt, dass er, selbst sechsundachtzigjährig, einen jungen Mann vor dem Ertrinken zu retten versucht.

Und sie erzählt von der Familie Caspers, dem Vater mit seinen drei Söhnen, von denen einer Rinus ist, der Gärtner, der dann als Vogelvertreiber arbeitet. „Es war einmal ein Vater, der zu seinem Kummer keine Tochter hatte, dafür aber drei Söhne“, beginnt dieser Erzählstrang. Und tatsächlich mutet diese Familiengeschichte, auch wenn sie nicht immer für alle Familienmitglieder nur das reine Glück bereithält, an, wie ein Märchen.

Es spricht für Margriet de Moors Erzählkunst, dass die Erzählung dieser fast märchenhaft gestalteten Familiengeschichte nicht in den Kitsch abrutscht. Und dass sie – ganz im Gegenteil – durch die sprachliche Gestaltung eine ganz besondere Atmosphäre kreiert, der man geradezu gespannt folgt, eine Atmosphäre auch, die wie aus der Zeit gefallen erscheint, auch wenn es Hinweise zu der Verwurzelung der Ereignisse in unserer Zeit gibt. Letztendlich spiegelt diese Zeitlosigkeit den Kern des Romans, denn Rache, wie sie entsteht und lange schlummert, um dann irgendwann doch an die Oberfläche zu streben, ist ja eine zutiefst menschliche und alle Zeiten überdauernde Regung.

Und was die Besonderheiten Margriet de Moors sprachlicher Gestaltung betrifft, so findet sich in diesem Roman wieder, was wir auch schon aus anderen ihrer Romane kennen, nämlich der ganz besondere Klang ihres Erzählens. Dabei wechseln sich märchenhaften Passagen, in denen auch schon einmal Konversation mit den Toten betrieben wird, mit ganz realistischen ab, mit Zeitungsartikeln, die über Bruno Mesdags Rettungsaktion berichten, mit den Passagen, in denen die Polizisten Louise gegen alle rechtsstaatlichen Standards in die Verhörmangel nehmen, mit den Passagen, in denen das fast fürsorglich anmutende Strafvollzugssystem der heutigen Niederlande erwähnt wird.

Erstaunlich ist aber nicht nur, wie Margriet de Moor die Geschichte um Louise und Marie Lina erzählt, sondern vor allen Dingen auch, wie diese Geschichte auf die Leser wirkt. Wie der Leser, genau wie die Familie Caspers, sich gar nicht wundert, dass die eigenen ethischen Vorstellungen hier ordentlich aus dem Lot geraten. Wie auf einmal gar nicht mehr der Justizirrtum und die Frage, wie das in einem Rechtsstaat am Ende des 20. Jahrhunderts nur passieren konnte, im Mittelpunkt steht. Sondern dass Rache offensichtlich durchaus dazu führen kann, die Seele zu befreien. Davon erzählt Margriet de Moor äußerst kunstvoll und versiert, fesselnd, verstörend und nachdenklich.

Margriet de Moor (2018): Von Vögeln und Menschen, übersetzt aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, München, Carl Hanser Verlag

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens

Aus dem Buchregal genommen habe ich Terézia Moras Erzählband, weil die Autorin, so wurde Anfang Juli bekannt, die diesjährige Büchner-Preisträgerin ist. Eine gute Gelegenheit also, die Lektüre des vor zwei Jahren schon veröffentlichten und immer noch ungelesenen Erzählbandes endlich nachzuholen. Und dann ergab sich auf einmal ein ganz stimmiger Zusammenhang mit den vorher gelesenen Büchern – denn auch Terézia Moras Geschichten umkreisen das Thema Stille. Angefangen hat meine kleine, wenn auch ungeplante Reihe zum Thema mit Céline Minards Protagonistin, die die einsame Bergwelt aufsucht, um zu erproben, ob ihr Leben dort, und auch die dazugehörende Stille, sie zu einer Erleuchtung führe – oder eben nicht. Erling Kagge stellt schon mit dem Titel seines Buches klar, dass er sich mit dem Phänomen der Stille beschäftigt, und beleuchtet dann Momente der Stille und Wege zur ihr.

In Moras Erzählungen sind es wiederum die Protagonisten, die ein besonderes Verhältnis zur Stille haben. Es sind oft Figuren, die alleine leben oder die sich selbst dann  einsam fühlen, wenn es Lebenspartner gibt. Es ist eine Stille, die sie umgibt, die auch zeigt, dass sie sich ein Stück entfernt haben von den Menschen ihrer Umgebung. Manche haben sich in ihrem einsamen Leben eingerichtet, manche leiden darunter, manche suchen zumindest für kleine Auszeiten die Einsamkeit, um endlich so sein zu können, wie sie gerne sind. Erasmus Haas zum Beispiel verschafft sich nach einer Prüfung ein verlängertes Wochenende, von dem niemand erfahrend soll, was er wirklich tut, denn er wird endlich wieder Trinken und Fernsehschauen. Und natürlich handelt keine einzige ihrer Erzählung tatsächlich von Aliens, von fremden Gestalten, wie wir sie aus der Science-Fiction-Literatur kennen.

In der titelgebenden Erzählung „Liebe unter Aliens“ ist es Sandy, die, nachdem sie Gras geraucht haben, in Tim plötzlich einen Alien erkennt. Während Tim noch darauf wartet, die schönen Farben zu sehen „wie einmal, als alles so bunt war, wie in Kindheitsträumen“, beginnt sie, sich vor ihm zu ängstigen:

„Ich kann dich nicht ansehen. Du bist ein Alien.

Waswaswas?

Du bist ein Alien.

Scheiße, sagte Tim. Oh Scheiße! Jetzt kann ich dich auch nicht mehr ansehen. Jetzt bist du auch´n Alien.“

Tim robbt ins Wohnzimmer, damit Sandy ihn ncht doch noch ansieht und in ihm den Alien erkennt. Später geht es dann wieder und sie können nebeneinander im Bett liegen. Aber dass das überhaupt passiert, dass sie am Tisch zusammensitzen, in dieser winzigen, heruntergekommenen Einzimmerwohnung, die Tim sich gerade leisten kann von seinem Geld als Kochlehrling, und sich nicht mehr anschauen können, weil einer im anderen eine fremde Spezies erkennt, vor dem er Angst hat, das ist schlimm.

Denn Tim liebt Sandy, seit sie sich vor einem halben Jahr in einer Einrichtung kennengelernt haben und kann sich nicht mehr vorstellen, ohne sie zu leben. Sandy hat nichts zu tun als darauf zu warten, dass seine Schicht beendet ist. Dann holt sie ihn ab und Tim fühlt sich gut. Denn seit seine Mutter gestorben ist, macht ihm alles Angst, was er nicht kennt. Manchmal zittert ihm bei der Arbeit das Messer so in der Hand, dass Ewa, seine Chefin, es ihm abnehmen muss. „Herr Zitterpappel“ nennt sie ihn dann. Dass Tim so an Sandy hängt, findet Ewa gar nicht gut: Das wird nicht gut ausgehen.

Und tatsächlich ist Sandy dann auf einmal weg. Tim und Sandy sind auf dem Weg zum Meer, dort wollen sie das Wochenende verbringen. Sie haben eine Rast gemacht, wieder einmal etwas geraucht, sind eingeschlafen und als Tim erwacht, ist sie weg. Er ruft Ewa an, sie kommt mit dem Wagen, gemeinsam fahren sie zum Meer, halten Ausschau nach Sandy, suchen sie am Strand und im Ort, aber sie können sie nirgendwo entdecken. Wieder zu Hause verkriecht Tim sich in seiner Wohnung. Seine Ausbildung zum Koch setzt er nicht fort. Und dann ist auch er irgendwann spurlos verschwunden.

Terézia Moras Geschichten kreisen alle um Figuren, denen das Leben nicht gut mitgespielt hat, die die falschen Entscheidungen getroffen oder Schuld auf sich geladen haben. Es sind Menschen, die sich in ihrer eigenen Umgebung fremd fühlen, wie Fremde, die sich nicht zurechtfinden. Manche ziehen sich zurück, wie der Marathonmann, der bei der Bahn als Schaffner gearbeitet hat, bis er in Frührente geschickt wurde, und der seine Wohnung nur verlässt, wenn er einkaufen geht oder sein Lauftraining absolviert. Sein Viertel verlässt er dabei nicht, nur für einen Wettkampf fährt er in eine andere Stadt. Als ihm dann ein junger Mann auf der Straße den Einkaufsbeutel aus der Hand reißt, in dem Wohnungsschlüssel und Geldbörse sind, da besinnt sich der Marathonmann auf seine Fähigkeiten und verfolgt den Jungen quer durch die Stadt. Und kommt in völlig unbekannte Viertel, in denen er sich kaum zurechtfindet.

Oder der Rezeptionist in einem Hotel, der am liebsten die Nachtschicht übernimmt. Zuerst, weil das mehr Geld brachte. Aber mittlerweile hat die Nachtschicht für ihn ganz andere Qualitäten, auch wenn ihn deswegen Andrea, seine Verlobte, verlassen hat, wenn er seine Freunde aus der Clique nicht mehr treffen kann, weil die einen anderen Lebensrhythmus haben.

„Ich weiß auch nicht. Ich weiß nicht mehr genau wann, vielleicht während der einsamen Nächte hinter dem Rezeptionistenpult und manchmal vor der Tür stehend, um das Rauschen des Schilfs und des Sees hören zu können, vielleicht durch die Sonnenauf- oder -untergänge, ist eine Stille in ihn eingezogen, die er kein Herz hat kaputt zu machen.“

Nun bietet seine Chefin ihm an, Leiter der Rezeption zu werden. Vier Mitarbeiter hätte er dann, hätte Verantwortung, auch etwas mehr Geld, aber er müsste tagsüber arbeiten. Er zögert und bespricht sich mit seiner Stiefschwester, die er einmal im Jahr trifft. Die sieht die Karrierechancen, die sich ihm eröffnen, und redet ihm zu, endlich etwas aus sich zu machen. Er aber mag schon das Wort Karriere nicht.

Es ist die Welt der ganz normalen Menschen, in die Terézia Mora uns mitnimmt. Hier gibt es kein strahlendes Heldentum, keine neidisch machenden Social-Media-Bilder und -geschichten. Meistens ändert sich genau zu dem Zeitpunkt, zu dem Mora ihren Blick auf sie wirft, eine Kleinigkeit in ihrem Leben und Mora erzählt, welche Schwierigkeiten ihnen das bereitet. Und vor diesem Hintergrund entfaltet sie auf knappem Raum eine komplexe Figur, braucht oft nur einen kleinen Hinweis, um eine ganze Lebensgeschichte zu enthüllen: „Das kenne ich. Das war der erste Platz, an dem ich ausstieg, als die Mauer aufging. Jemand schenkte mir ein Sesambrötchen und eine Orange.“

Ganz besonderen Glanz bekommen die Erzählungen durch ihre Gestaltung. Jede Erzählung hat ihre eigene Stimme, findet den sprachlichen Ausdruck, der genau zu ihr passt, ein bisschen gösselig bei Tim und Sandy, den Bildungsstand des emeritierten Professors zeigend in einer anderen Geschichte. Jeder Protagonist kommt uns nahe, zeigt uns ganz anschaulich seine Lebensumwelt, zeigt uns auch seine Verletzlichkeit, hat immer seine besondere Würde. Den meisten ist ein besonderer Blick auf die Natur eigen, auf die Bäume an der Straße, die Trias „die Weiden, die Pappel, die Zieräpfel“ wiederholt sich in verschiedenen Erzählungen, auf die Gewässer, an denen sie sich befinden, die Themse, die die ungarische Übersetzerin während ihres Stipendiums in London entlanggeht, der Fluss, den Erasmus Haas, der Verwaltungsangestelltenanwärter, jeden Tag queren muss, um auf die Insel zu kommen, auf der sich seine feuchte Wohnung in einem Mietwohnungskomplex befindet.

Und jede Geschichte entfaltet eine ganz eigene Stimmungslage, ist so traurig, dass es dem Leser schwer auf der Brust drückt, wenn er eine moderne Version der Fluchtgeschichte von Felix und Felka Nussbaum liest, hofft mit dem Professor, dass die plötzlich entbrannte Liebe zu einer Göttin irgendwie erwidert wird und schmunzelt dann über Mario, der so gern Dandy wäre, sich aber schon morgens beim Yoga-Drehsitz dem Rücken schmerzhaft verrenkt und sich anschließend mit Gebrauchtmöbelhändlern herumschlagen muss, die nicht nur völlig uneins sind mit ihm über den Wert seiner angeblich hochwertigen Antiquitäten, sondern es auch fertigbringen, das eine Kinderbett, das er verkauft, beim Abtransport im Flur zwischen Wänden und Geländer so fest zu verkeilen, dass es dort steckenbleibt.

Terézia Moras Erzählungen also sind so, als würde der Leser in zehn Schaukästen schauen, in denen sich Ausschnitte der Leben der Protagonisten betrachten lassen. Viel mehr als Schaukästen bieten die Erzählungen aber nicht nur anschauliche und bis ins kleinste Detail modellierte Sichten auf die Räume, in denen sich die Protagonisten bewegen, sondern geben den Lesern vor allem auch tiefe Einblicke in ihre Seelen. Und wie Céline Minard, so lotet auch Mora die Kehrseite der von Kagge beschriebenen Stille aus, indem sie an ihren Figuren zeigt, was Stille auch bedeuten kann, nämlich sich fremd, sich nicht zugehörig zu fühlen.

Terézia Mora (2016): Die Liebe unter Aliens. Erzählungen, München, Luchterhand Literaturverlag

Hier findet ihr die Begrndung der Jury zur Verleihung des Büchner-Preises an Terézia Mora.

Und hier ihre Website.

Erling Kagge: Stille. Ein Wegweiser

Nach der Reise mit der Protagonistin in Céline Minards Roman „Das große Spiel“ in die Abgeschiedenheit, Einsamkeit und vor allem auch Stille der Berge, ist der Schritt zur Lektüre von Erling Kagges „Wegweiser: Stille“ nicht weit. Wie Minards Erzählerin eine Abenteurerin ist, die keine Scheu hat vor dem einsamen und ausgesetzten Leben auf dem Berg, so ist auch Kagge ein Mensch, der sich in der Auseinandersetzung mit den extremen Bedingungen der Natur in Arktis, Antarktis und auf dem Mount Everest ausprobieren möchte.

Solche Situationen zu suchen bedarf eines besonderen Mutes und Zutrauens, auch der guten Vorbereitung mit „kühlem Kopf“, vor allem aber auch des Wissens, die lange Einsamkeit, die lange Stille, ertragen zu können. Aber nicht nur das: Kagge sucht geradezu die Stille, sucht immer wieder Momente, in denen er die Welt aussperren kann;

„Es zu lernen, hat eine Weile gedauert. Erst als ich begriff, dass ich ein tiefes Bedürfnis nach der Stille habe, begann ich, die Stille zu suchen – und dort, tief unter einer Kakophonie von Verkehrslärm und Gedanken, Musik und Maschinengeräuschen, iPhones und Schneefräsen, lag sie verborgen und wartete auf mich. Die Stille.“

So geht er nun in seinen 33 Kurz-Essays der Frage nach, was sie denn sei, die Stille. Wo sie sei und warum sie heute so eine große Bedeutung habe. Nicht nur für ihn scheinen diese Fragen wichtig zu sein, sondern auch für viele andere stress- und lärmgeplagte Menschen, wenn man bedenkt, wie viele Bücher – und dabei auch Anleitungen – es gibt, die Wege aufzeigen, wie durch Meditation und Achtsamkeit das eigene Selbst wieder gehört und gespürt werden könne, welches große Wellness- und Freizeitangebot besteht, in dem es tatsächlich auch Kurse gibt, in denen der moderne Mensch das Waldbaden lernt. „Zentren für Stille“, so schreibt auch Kagge, seien eine Wachstumsindustrie, ein Luxus für diejenigen, die ihn sich leisten können.

Es ist sicher ein großes Verdienst dieses Buches, dass Kagge sich gerade nicht über diese Anleitungen und Trainingsprogramme der Stille nähert. Vielmehr blickt Kagge aus ganz verschiedenen Perspektiven auf das Phänomen, blickt auf eigene Erfahrungen während seiner Expeditionen zurück, liest in philosophischen Texten und schaut, welche Bedeutung Stille in den Religionen hat. Er befragt andere Menschen über ihr Verhältnis zur Stille, recherchiert wissenschaftliche Untersuchungen und schildert, welchen Zusammenhang von Kunst und Stille es gibt.

Mit einem Fußballspieler spricht er über die Stille während des Spiels. Wir Zuschauer nehmen im Stadion oder beim Fußballschauen am Fernseher immer einen enormen Geräuschpegel wahr, der sich noch einmal deutlich erhöht, wenn auf dem Platz eine besondere Situation zu sehen war, erst recht, wenn ein Tor geschossen wurde. Der Spieler, der gerade aufs Tor schießt, aber hat durchaus andere, viel differenziertere Wahrnehmungen:

„Wenn er den Ball abschlägt, hört er keinen Ton, obwohl der Geräuschpegel enorm ist. Dann beginnt er zu jubeln. Er weiß als Erster, dass es ein Tor wird. Einen Augenblick später scheint es im Stadion wieder komplett ruhig zu sein. Als nächstes begreifen die Teamkollegen, dass der Ball die Torlinie passiert hat, er hört sie jubeln. Kurz darauf realisieren es auch die Fans, und dann jubeln alle. Das Ganze dauert eine Sekunde oder zwei.“

Es ist die von Kagge immer wieder vorgenommene Unterscheidung zwischen der äußeren Stille und der inneren, die in diesen Eindrücken des Fußballers eine Rolle in seiner Wahrnehmung spielt und die auch für Kagge eine besondere Bedeutung hat. Die äußere Stille gehört zu seinen Extremreisen als fast selbstverständlicher Teil hinzu. Und so führt die äußere Ruhe dazu, dass Kagge den Weg zum Südpol auf sich selbst zurückgeworfen verbringt, mit den Gedanken, die ihm durch den Kopf schießen. Die äußere Ruhe kann er auch suchen, wenn er wandert, wenn er in der Natur ist. Als Mensch, der aber in Oslo lebt und arbeitet, der dort einen Weg zu seinem Arbeitsplatz bewältigen muss, mit Lärm und Verkehr und dessen Arbeitstag dann durch äußere Vorgaben getaktet ist, ist die innere Stille, die Stille, die jeder in sich erschaffen kann, auch wenn es um ihn herum noch so turbulent und laut zugeht, eine ganz besondere Qualität. Es ist diese innere Stille, in der der Fußballspieler seinen Schuss platziert und dem Ball nachschaut, bis erst er jubelt und er dann erst den Jubel der Zuschauer wahrnimmt.

Kagge spürt den Momenten der Stille nach, die jeder suchen kann und die auch kein finanzieller Luxus sind. Es sind die fünf Extraminuten morgens im Bett, die Entscheidung gegen das Radio oder das Smartphone, die Entscheidung dafür, einen Weg zu Fuß zu bewältigen. Es ist der ganz bewusste Blick auf die Besonderheiten der Natur, einen Stein, ein Moos. Und es ist natürlich auch das bewusste Hören von Musik, der konzentrierte Blick auf ein Gemälde, mit dem dann fast eine Kommunikation entsteht, und das Lesen von Literatur bzw. Gedichten. Wenn aus dem Gelesenen ein Bild wird, eine Landschaft entsteht oder eine bestimmte Szenerie, wenn wir die Zeit vergessen haben, aus der Welt sind und doch ganz präsent in diesem Moment, dann, so Kagge

„wird [die Welt] einen Augenblick ausgesperrt, eine innere Ruhe und Stille übernimmt. Dies sind Gefühle, die wir alle in unterschiedlichem Maß und auf verschiedene Weise empfinden und von denen ich meine, dass man sie kultivieren und ausbauen sollte.“

Kagge also versammelt in seinen Essays viele Ansätze, wie wir uns der inneren Stille nähern können. Er erklärt aber auch, welche Stoffe in unserem Hirn bewirken, dass wir den Verlockungen – und der Ablenkung – der digitalen Techniken so schwer entkommen können. Und zeigt ein ganz überraschendes wissenschaftliches Experiment auf, dass zeigt, wie schwer es vielen Menschen fällt, Stille zu ertragen.

Probanden aller Altersklassen und sozialen Herkünfte sollen sechs bis fünfzehn Minuten in einem Raum der Stille bleiben, ohne dass sie eine Ablenkung in Form eines Buches, von Musik oder ihres Smartphones mitnehmen dürfen. Übereinstimmend erklären sie nachher, wie unwohl sie sich gefühlt haben, und dass sie sich nicht hätten auf etwas Bestimmtes konzentrieren können. Bei einer Verschärfung des Experimentes nutzt die Hälfte der Teilnehmer die Möglichkeit, die 15 Minuten im Raum der Stille zu verkürzen, indem sie einen schmerzhaften elektrischen Schlag in Kauf nimmt.

Kagge führt dieses Ergebnis darauf zurück, dass wir auf der ständigen Flucht vor uns selbst seien. So können wir die Stille um uns herum nicht ertragen und lassen uns gerne von Technik und anderen Dingen ablenken. Er folgt damit dem Philosophen Blaise Pascal, der schon im 17. Jahrhundert der Meinung war, „das Unglück der Menschen kommt davon her, dass sie nicht verstehen, sich ruhig in der Stube zu halten.“  Es ist schade, dass Kagge hier nicht genauer ausführt, welche Gründe die Wissenschaftler gefunden haben, dass Menschen sich während der kurzzeitigen Stille so unwohl fühlen, sich sogar Schmerzen zufügen, um die Zeit abzubrechen. Immerhin ist der Mensch ein soziales Wesen, gewohnt, mit anderen zusammen zu sein. Auch ein Wesen, das neugierig ist und seine Umgebung erkundet, das Entwicklungen anstößt, weil es eben nicht nur ruhig in der Stube sitzt. Genau diese beiden Aspekte haben im Laufe der Menschheitsentwicklung auch unser Überleben gesichert.

Es sind diese Ungenauigkeiten, die Kagges Essays manchmal zu einseitig, manchmal auch fraglich erscheinen lassen. Natürlich, es ist seine Meinung, es sind seine Erlebnisse, es ist seine Auseinandersetzung mit dem Thema, die er hier in Form von Mosaiksteinen  zusammenträgt. Darin stecken viele gute Ideen, Ansätze, philosophische Aspekte, die nachdenkenswert und nachahmenswert sind, in einer Zeit, in der die Menschen immer lauter werden. Es ist auch klar, dass ein Band zum Thema „Stille“ nicht unbedingt die negativen Aspekte der Stille, des Still-Seins oder des Stille-Suchens beleuchtet, alles Aspekte, die einen Menschen ja gerade den sozialen Bindungen entzieht – nicht umsonst sind Bezeichnungen wie Einsiedler nicht nur positiv besetzt.

Aber ob Stricken und Holzhacken wirklich gute Beispiele für Stille sind, nicht viel mehr für Konzentration auf genau diese Tätigkeit, die man gerade ausführt, ob die nur kritische Auseinandersetzung mit der Technik wirklich in ein Buch der Stille gehört und ob die Hinweise auf den Luxus, im Beruf auch mal nicht erreichbar sein zu können und Aufgaben an Kollegen zu delegieren (was ist dann mit deren Suche nach Stille?), eine angemessene Lösung sind – das alles wirkt nicht ganz konsequent durchdacht.

Erling Kagge (2017): Stille. Ein Wegweiser, Berlin, Insel Verlag

 

 

Céline Minard: Das große Spiel

Wer ist die Frau, die sich entschließt, für unbestimmte Zeit hoch in den Bergen zu leben, an einer exponierten und wenig geschützten Stelle auch noch, der Hitze, dem Sturm, dem Schnee ausgesetzt? Warum hat sie sich entschlossen, das karge, harte Leben einer Selbstversorgerin auf über 1600 Metern zu leben? Was erhofft sie sich von diesem Leben weit ab von anderen Menschen und völlig auf sich selbst gestellt? Von einem Leben, das neben den täglich notwendigen Routinearbeiten auch viel Zeit lässt für ausgedehnte Wanderungen und Klettertouren und auch für das Nachdenken über die Fragen des Lebens?

Die Ich-Erzählerin gibt uns wenig direkte Einblicke in ihr Leben vor dem Abenteuer auf dem Berg. Einmal, noch sehr zu Beginn ihres Aufenthaltes, schiebt sich der Stadtplan von New York vor ihren weiten Blick aus den Fenstern ihrer Behausung über die Hänge, Wiesen und Berge. Über andere Ereignisse ihres früheren Lebens denkt sie nicht nach. Wer sie also ist und was sie antreibt, was den Anlass gab für ihre Entscheidung, dass kann der Leser nur indirekt erschließen aus dem, wie sie sich im Hier und Jetzt verhält, wie sie ihre Erlebnisse schildert. Aber auch aus den – durchaus philosophischen – Fragen, denen sie immer wieder nachgeht und die auch die Art und Weise ihres In-der-Welt-Seins beschreiben.

„Sich mit dem begnügen, was passiert.

Wenn man ein Ereignis betrachtet, sieht man in ihm, wie es sich bildet und weiterentwickelt.

Ich verstehe „betrachten, was kommt“ nicht als einen Akt der Naivität. Ich verstehe „sich damit begnügen“ als einen Akt der Weisheit.

Die urteilsfreie Beschreibung ohne Neigung ist vielleicht die einzige notwendige Disziplin. Wofür? Um die Welt zu empfangen.

Und wie sollte der, der die Welt empfängt, nicht leben können?“

Dieses Prinzip des Beobachtens der Ereignisse, der urteilsfreien Beschreibung, verfolgt die Ich-Erzählerin konsequent. Und so sieht der Leser genau das, was die Erzählerin sieht, riecht, was sie riecht, schmeckt, was sie schmeckt, hört, was sie hört und fühlt, was sie fühlt. Der Leser ist auf ihre Beobachtung angewiesen, um sich sein Bild zu machen, muss auf ihre Beobachtung vertrauen oder ihr in ihrer Unzuverlässigkeit folgen, muss sich ihren Gefühlen und Handlungen anschließen. Dabei beschreibt sie ihre Beobachtungen in einer präzisen und anschaulichen, zum Teil lyrischen Sprache. Und dieses Erzählprinzip und seine sprachliche Gestaltung machen schon einen großen Reiz des Lesens aus.

Wer nun aber ist diese Protagonistin? Da wir nichts Genaues über ihr Vorleben erfahren, müssen wir aus ihren Handlungen und Betrachtungen auf sie zurückschließen. Offensichtlich ist sie eine sehr zielorientierte, sehr planvoll agierende Person, eine Ingenieurin vielleicht. Denn bei der Umsetzung ihres Entschlusses, hoch in den Bergen leben zu wollen, ist sie äußerst strukturiert und umsichtig vorgegangen: Sie hat ein 200 ha großes Gelände gekauft und hat dabei alle rechtlichen Aspekte berücksichtigt, sodass keine Gemeinde, kein Umweltverein und keine Bürgerinitiative ihr Vorhaben noch verhindern konnte.

Zusammen mit einem ansässigen Unternehmen hat sie ihre „Hütte“ entworfen, eine runde Konstruktion aus Glasfaser verstärktem Kunststoff und Hart-PVC, die dem besonderen Gebirgswetter, den Stürmen, dem Schnee, trotzen kann, die aussieht wie ein Flugzeugrumpf und die sie als „Tonne“, als „Lebensröhre“ bezeichnet. Sie ist mit Kochecke, mit Bett und Tisch, mit Regalen für Bücher, mit Schränken, gut klimatisiertem Vorratsraum und vielen Fenstern ausgestattet und hat natürlich auch Platz für ihr Cello. Photovoltaik-Panels und Akkus sorgen für eine ausreichende, vor allem autarke, Energieversorgung. Natürlich auch im Winter, das hat sie genau berechnet. Und für den Fall der Fälle verfügt sie auch über einen Computer und ein Mobiltelefon. Auch wenn das Leben in einer unwirtlichen Umwelt beschwerlich ist, wenn das Leben eine Alltagsroutine erfordert, so leistet sie sich doch den Luxus der unter diesen Umständen bestmöglichen technischen Ausstattung.

Sie hat dieses Leben in dieser Umgebung ebenso bewusst gewählt, wie sie ihre Ausrüstung geplant hat. Ihre Motivation ist es wohl, den Menschen zu entgehen, die sie immer wieder als „Undankbare, Neider und Schwachsinnige“ bezeichnet. Und sie möchte sich in einem besonders herausfordernden Umfeld erproben, möchte wissen, wie es auf sie wirkt.

„Die Umwelt, in die ich meinen Unterschlupf gestellt habe, sagt mir zu. Sie verschafft mir von außen die für mein Leben nötige Form, indem sie an der Hülle meines Körpers schabt und reibt, meines Körpers, der widersteht, der sich anpasst. Diese Welt der Abgeschiedenheit, der Leere, der großen Kälte, der bleiernen Hitze, des harten Felsens, der Stille und der Schreie der Tiere lässt einem kaum eine andere Wahl. Sie ist ein genauer Lotse. Die Lage, in der ich mich befinde, ist durchdacht und berechnet, dass sie mir ein maximales Training ermöglicht. Ich habe sie sorgfältig ausgewählt. Ich habe ihr zutiefst zugestimmt.

Bleibt herauszufinden, ob der Abdruck, den sie in meinem Geist hinterlassen hat, eine Erleuchtung ist – oder ein Irrtum.“

Der Leser begleitet die Ich-Erzählerin von ihrer Ankunft in der Höhe, die wohl im Frühjahr stattfindet, schaut sich bei ihrem Inspektionsgang durch ihre Lebensröhre ihre Unterkunft an, geht mit ihr zusammen herunter zum See, wo sie ihr Gemüsebeet anlegen wird. Und begleitet sie auf den ersten Erkundungstouren in ihrer neuen Umgebung. Dabei stellt sie dem Leser besondere Landmarken ihrer unterschiedlichen Touren vor, auf die sie sich immer wieder bezieht, wenn sie später zu einer neuen Tour startet oder eine bekannte Route erweitern will. So kann der Leser sich immer wieder im Felsgewirr und zwischen den Berggipfeln und Tälern gut orientieren. Neben diesen Tätigkeiten bleibt ihr genügend Zeit, ihre „Hefte zu füllen“, vielleicht mir Tagebucheinträgen, vielleicht mit ihren philosophischen Überlegungen.

Denn parallel zu ihren Tätigkeiten in der Natur beginnt die Erzählerin auch, über verschiedene Fragen nachzudenken. Was ist Not? Was bedeutet es, den „Kopf zu verlieren“, wenn es um Sicherheit und Risiko geht? Was treibe ich hier?, ist eine Frage, was macht das Leben aus? eine andere. Und immer wieder denkt sie darüber nach, wie sich das Zusammenleben der Menschen gestaltet, denkt nach über das Verhältnis von Drohung und Versprechen, von Autorität und Macht:

„Die Autorität: das große Spiel der Menschheit?!

Es dauert nicht lange, da stößt die Erzählerin bei ihren Erkundungswanderungen auf Zeichen menschlicher Anwesenheit. Sie findet, nicht weit von ihrem Garten, eine Jagdhütte in einem Baum und eine Badewanne. Beides wirkt alt und verlassen. Aber dann sieht sie bei der Überschreitung eines Passes in einem anderen Tal ein Haus. Als sie es genauer mit ihrem Fernglas betrachtet, sieht sie, dass es vor Jahren von der Elektrizitätsgesellschaft gebaut wurde. Auf einer der beiden Bänke davor aber erblickt sie offensichtlich vergessene Kleidungsstücke. Als sich dann aber aus dem Wollhaufen ein Arm reckt, eine Hand in ihre Richtung zu winken beginnt mit einem Fingernagel, der mindestens 20 Zentimeter lang ist, da treibt es ihr einen ordentlichen Schreck in die Glieder.

Ob diese Figur, die sich als weiblich erweist und sich später als chinesischer General namens Dongbin vorstellt, real ist oder nicht, ob es sich um eine Schäferin handelt, die sich, wie die Ich-Erzählerin, für die Einsamkeit der Berge entschieden hat oder um eine mythische Figur, halb Mensch, halb Tier, die den Menschen immer wieder – auch böse – Streiche spielt, eine Figur also,  wie sie im Sagenschatz einiger Bergtäler der Alpen vorkommt, das bleibt unklar. Dongbin erweist sich jedenfalls in einigen Bereichen als das genaue Gegenteil der Erzählerin, lebt mehr als spartanisch, scheint der Umgebung besser angepasst als die Erzählerin, kennt sich noch besser aus, ist ihr oft einen Schritt voraus. Die Auseinandersetzung mit dieser Figur, die zunächst wie ein Revierstreit von Tieren abläuft, sich dann doch zu einer vorsichtigen Annäherung entwicklt, bestimmt jedenfalls mehr und mehr die Gedankenwelt der Ich-Erzählerin. Und hier spiegelt sich auch in einer – womöglich vermeintlichen – Handlungsebene das, was sie über das „große Spiel“ der Menschen bei ihrem Nachsinnen immer wieder reflektiert.

Céline Minard hat einen packenden Abenteurroman, eine spannende Robinsonade geschrieben, eine Geschichte darüber, was mit einer planvollen, zielorientierten, durch und durch rational agierenden und äußerst reflektierten Frau in der Einsamkeit der Bergwelt passiert. Und was passiert, als sie dort auf ihren Freitag trifft, wie sich dieses „Ereignis bildet und weiterentwickelt“. Ob das für sie eine Erleuchtung ist oder ein Irrtum – das mag jeder Leser entscheiden.

Céline Minard (2018): Das große Spiel, aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Mälzer, Berlin, Matthes & Seitz

Milena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie

Es sind die Lebenskrisen, um die Milena Michiko Flašars Erzählen immer wieder kreist. Die Krisen, die so selbstverständlich zu unseren Leben dazugehören und die diejenigen, die sie treffen, doch zutiefst verstören. In ihrem letzten Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ trifft ein junger Hikikomori, als der sich nach Monaten des Einschließens in sein Zimmer eine Bank im nahegelegenen Park zu seinem neuen sicheren Hafen wählt, auf einen älteren Angestellten, einen Saleryman, der, gekleidet in Anzug und mit Krawatte, auch jeden Tag im Park verbringt. Weil er arbeitslos ist und sich nicht traut, seiner Frau diese Schande zu gestehen. Die beiden kommen ins Gespräch und tauschen, ganz vorsichtig, Stück für Stück ihre Geschichten aus. Und nun, in ihrem aktuellen Roman, ist es Herr Katō, der sich nicht mit seiner neuen Situation als Rentner aussöhnen kann, den also in eine existentielle Krise stürzt, was viele sich ihr Berufsleben lang als geradzu paradiesischen Zustand vorstellen.

Herr Katō jedenfalls ist ziemlich ratlos, was er mit seiner neuen Freiheit anfangen soll. Im Büro hat er erzählt, er würde mit seiner Frau erst einmal nach Paris reisen. Damit eifert er ein bisschen seinem Kollegen nach, der sich nach der Pensionierung ein Motorrad gekauft hat und damit die tollsten Reisen unternimmt, von denen er den Kollegen erzählt, wenn er sie regelmäßig an jedem Ersten des Monats besucht, und ab und zu kleine Geschenke mitbringt. Zwar hat Herr Katō den Reiseführer intensiv gelesen und kennt alle touristischen Attraktionen in Paris – nur zur Reise entschließen kann er sich nicht. Zuhause stört er und ist seiner Frau, die sich in vielen Jahren daran gewöhnt hat, nach Belieben schalten und walten zu können, im Weg. Sie schickt ihn zum Spazieren vor die Tür, das tue ihm gut. Und er wünscht sich einen weißen Spitz, mit dem er die Spaziergänge unternehmen könnte, dann hätte das Gehen einen Sinn. Aber da ist seine Frau ganz pragmatisch: ein Hund, der kostet Geld, macht Schmutz, verhindert Urlaubsfahrten, man hängt das Herz an ihn und dann stirbt er auch noch. Nach dieser Ansage versucht Herr Katō möglichst wenig an den weißen Spitz zu denken.

Herr Katō ist so unzufrieden mit seiner Situation, dass er sich fast erhofft, der Arzt, zu dem seine Frau ihn schickt – eine Kontrolle sei doch nicht verkehrt – finde eine Krankheit. Schließlich sind es die vielen Fragen, die ihn verfolgen, die ihm morgens sogar oft einen Druck auf den Brustkorb bescheren. Aber der Arzt fndet nichts, er sei „für sein Alter tipptopp“ und Herr Katō ist tatsächlich enttäuscht. Eine Krankheit, ein paar Pillen am Tag, die hätten ihm doch ein bisschen Bedeutsamkeit verschafft. So nimmt er seine Befunde und macht sich auf den Weg nach Hause. Da trifft er auf dem Friehof Mie, die ihm Applaus spendet, als er dort Ballett tanzt (oder doch mehr nur versucht, sich gegen die Herzschmerzen zu stemmen und die Balance zu halten?).

Sie stellt sich vor als Schauspielerin, die aber nicht am Theater auftritt, sondern als Stand-In für eine besondere Agentur arbeitet. „Happy Familiy“ heißt die Agentur und hier können sich die Kunden für besondere Anlässe Familienmitglieder ausleihen n. Mie also „spielt Familie“, zum Beispiel die Schwester eines Bräutigams, um auf dessen Hochzeit Geschichten aus seiner Kindheit zu erzählen. Daher stamme auch ihr Name, der ja nicht ihr richtiger Name sei. Und gerade komme sie von einer älteren Dame, die sie als Enkelin gebucht habe. Sie haben zusammen Tee getrunken, dabei vor allem geschwiegen und dann wollte die ältere Dame, auch wenn sie am Stock gehen musste, weil sie kaum die Füße heben konnte, noch Mies Stöckelschuhe anprobieren: „um der Aussicht willen. Von da oben, ihre Worte, könne sie den Fuji sehen.“

Mie überredet Herrn Katō, dem sie diesen Namen für eine mögliche Rolle gibt, bei „Happy Familiy“ mitzuarbeiten. Und Herr Katō lässt sich darauf ein. Während seine Frau zum Tanzen geht – dies ist ein alter Traum von ihr, fürs Tanzen hat sie sich immer schon interessiert, es aber der Kinder wegen aufgegeben – lässt er sich anheuern als Stand- In, spielt einen Opa für einen kleinen Jungen, den der Großvater aber nicht sehen will, weil er der Sohn eines Afroamerikaners ist, spielt eine Ehemann, dem die Frau die Scheidungspapiere vorlegt, spielt einen Chef, der seinem Mitarbeiter auf dessen Hochzeit, zu dem die Eltern nicht kommen wollen, weil die junge Braut unheilbar krank ist, eine kleine Rede hält.

Ein bisschen wirken seine Rollen wie eine Therapie für ihn. Mie erklärt ihm unmissverständlich, dass er keine Beziehungen aufbauen darf zu den Klienten – „Wir sind vertraulich, aber nicht vertraut.“ –, aber Katō spürt in seinen Rollen seinem eigenes Leben nach, kommt, im Schutz der Rolle, mit seinem vermeintlichen Enkel in einen Kontakt, den er zu seinen Kindern nie hatte, lernt, als er völlig schweigsam, so, wie seine Klientin es erbeten hat, die Gründe ihrer Scheidung über sich ergehen lässt, vieles über seine eigene Ehe, und fühlt sich, als er die Hochzeitsrede hält, mehr als Vater, als bei den Hochzeiten seiner eigenen Kinder.

Milena Michiko Flašar erzählt aus dem recht traurigen Leben des Herrn Katō, denn er hat ja eigentlich sein Leben verpasst, weil er sich vollkommen den beruflichen Anforderungen – oder gesellschaftlichen – untergeordnet hat. Er hat jeden Tag länger gearbeitet, um ein bisschen Karriere zu machen und mehr Geld zu verdienen, damit er das schöne Haus oben auf dem Hügel abbezahlen kann, das er gekauft hat, damit seine Familie ein Heim hat. Oft ist er erst spät nach Hause gekommen, hat seine Kinder nur schlafend gesehen und sich von Zeit zu Zeit an den Wochenenden gewundert, wie groß sie schon sind. Er hat kaum etwas von ihrem Aufwachsen mitbekommen und hat auch die Beziehung zu seiner Frau verloren. Zeit für Hobbys und Interessen, für soziale Beziehungen gab es auch keine.

Wie schon in ihrem letzten Roman nähert sich Milena Michiko Flašar dem Leben ihres Protagonisten auf eine ganz ruhige, ganz stille Art. Es passiert wieder nichts Spektakuläres, nichts Aufregendes, Herrn Katōs Leben wird nicht von jetzt auf gleich auf den Kopf gestellt. Dafür lotet sie ganz genau die vielen kleinen Dramen seines Lebens mit ihren großen Wirkungen aus: Allen voran den Umgang des Ehepaars miteinander, der tiefe Risse und Verletzungen aufweist; die gescheiterten Träume von der Freiheit als Rentner, die sich in der nicht realisierten Reise nach Paris zeigt – und in den nicht stattfindenden Motorradtrips des auch verrenteten Kollegen; den so schwierigen Übergang in eine Lebenzphase, die von der schwindenden Kraft geprägt ist und von Krankheit und so zu ganz unliebsamen Veränderungen im Leben führt, der Aufgabe des Hauses auf dem Berg nämlich. Dabei bleibt die Autorin ganz nah bei Herrn Katō und (er)findet für ihn einen Erzählton, der ganz verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit aufzeigt und auch – gerade in der Interaktion mit seiner Frau – in deutliche Abgründe blicken lässt.

„Herr Katō“ rückt seinen Lesern ziemlich nah, so nah, dass ein Mitglied unseres Lesekreises, der schon die Monate bis zu seiner Verrentung zählen kann, die Lektüre nicht beenden wollte. Zu desolat und niederdrückend erschien ihm, was Herr Katō erlebte und erzählte. Und die anderen Leser waren besorgt, weil doch deutlich wurde, dass es sich nicht so einfach einstellt, das paradiesische Zeitalter der Pensionierung.

Milena Michiko Flašar (2018): Herr Katō spielt Familie, Berlin, Verlag Klaus Wagenbach

Anja Kampmann liest aus „Wie hoch die Wasser steigen“ – Wuppertaler Literatur Biennale #SchönLügen

Die erste schöne Lüge an diesem Abend sei doch schon der Name des Veranstaltungsorts, so leitet Dina Netz, die Moderatorin des Abends, in Gespräch und Lesung mit Anja Kampmann ein und erklärt: Der Jazzclub nenne sich „Loch“, doch müsse man erst viele Treppen steigen, um zum Eingang zu gelangen, der dann auch noch eine schöne Aussicht über das Wuppertal gewährt. Diese Perspektive, nämlich mit einem Stück Distanz – durch Höhe – auf den Roman und seine Facetten zu schauen, gab dann auch thematisch die Richtung des Abends vor, in dem es um die großen und kleinen Lügen ging, um die Arbeit auf Ölplattformen und die poetische Sprache.

Zunächst erzählt Anja Kampmann über den Protagonisten Waclaw, der als Sohn polnischer Einwanderer groß geworden ist in Bottrop und sich geschworen hat, nie so zu enden wie sein Vater, dem die schwere Arbeit unter Tage auch noch eine Staublunge beschert hat. Also ist er mit seiner Freundin Milena weggegangen, zurück nach Polen. Dort aber hat Geld gefehlt und so hat Waclaw sich entschlossen, auf die Ölplattform zu gehen. Zwei Wochen Arbeit, zwei Wochen Zeit zu Hause bei Milena – das schien ihm eine gute Wahl.

Nach 5 bis 6 Jahren stellt sich jedoch die erste Müdigkeit ein und Milena hat die Beziehung zu ihm längst abgebrochen. Da hat Waclaw einen Unfall, es wäre die Gelegenheit, den Job aufzugeben. Aber bei einer Sicherheitsschulung lernt er Mátyás kennen, sie werden ein Team, sind zusammen auf den Plattformen im Einsatz, genießen zusammen die freie Zeit an Land. Sie sind in diesem unsteten Leben gestrandet und finden keinen Weg heraus, sitzen fest in ihrer Lebenslüge.

Bis es zu dem Unfall kommt, mit dem der Roman dann einsetzt. Und nun ist es das Unternehmen, das lügt, denn es erklärt, dass trotz einer Suche der Leichnam Mátyás nicht gefunden worden sei. Waclaw dagegen ist sich sicher, dass überhaupt niemand mit der Suche begonnen habe. Der Unfall wird nun für Waclaw zum Katalysator, sich endlich den Dingen zu stellen, die er bisher aufgeschoben hat. So tritt er seine Arbeit auf der Ölplattform nicht mehr an und reist über Malta von Süditalien kommend erst nach Bottrop, dann nach Polen.

Und es sind immer wieder Lügen, die er den Menschen gegenüber benutzt, die seine Wege kreuzen. Von Irene, einer alten Freundin, verabschiedet er sich und denkt, dass sie nun lange alleine bleiben werde – aber auch er selbst wird so schnell nicht wieder einen Menschen zum Zusammenleben finden. Und als er bei der Überquerung der Alpen ein altes Ehepaar ein Stück des Weges mitnimmt, gibt er an, er könne ihre Sprache nicht verstehen und sprechen. So baue er eine Mauer auf, um erst gar nichts erklären zu müssen. Aber auch andere Figuren nutzen die Lüge, um das Leben ein bisschen besser ertragen zu können. Milena hat in ihrem Wohnzimmer einen Elefanten stehen und gibt an, der sei von Waclaw, ein Geschenk, eine Erinnerung an ihn. Später findet ihre Schwester viele dieser Elefanten in einem  Laden in der Stadt.

Kamp_2Dina Netz fragt dann auch die Autorin, ob Angst ein Motiv sei, dass Waclaw begleite. Seine Angst, so Kampmann werde Waclaw immer dann bewusst, wenn er zur Ruhe komme. Dann werden ihm alle leeren Versprechungen der letzten Jahre bewusst, dann fühle er, dass ihn keiner auffangen werde.

Netz interessiert dann, wie Kampmann auf den Stoff gekommen sei, wie auf die Idee, ihre Geschichte auf einer Ölplattform anzusiedeln. Und Kampmann erklärt, dass die Arbeit zur Förderung des Öls auf den Ölplattformen ja die Grundlage sei für unser gesamtes Leben, denn alles, was uns umgebe, bestehe ja auch zumindest zum Teil aus Öl. So könne hier Literatur Erfahrungen in einer anderen Welt zeigen, die unsere Welt spiegele. Die Ölplattform im quasi unendlichen Meer stehe zunächst ja auch für eine Freiheit, zu der die Arbeiter sich hingezogen fühlen. Tatsächlich aber sei die Arbeit – und das Leben auf der Ölplattform – komplett durchgetaktet, habe also relativ wenig zu tun mit Freiheit. Und so habe Waclaw eigentlich noch viel mehr verloren als die Bergleute in der Generation seines Vaters: die haben zwar in der Enge der Stollen unter Tage gearbeitet und kamen dann zurück nach Hause in eine wiederum enge Zechensiedlung. Aber dort gab es immerhin die Familie und Freunde und einen gewachsenen Zusammenhalt. Das alles gebe es auf den Plattformen nicht. Kampmann erzählt, dass sie viele dieser Geschichten aus dem Ruhrgebiet durch ihre Familie kenne, vor allem durch die Großmutter, die in Bottrop gelebt habe. Daher kenne sie das Bergarbeitermilieu und habe es auch so genau zeichnen können.

Dina Netz interessiert sich natürlich für die Sprache und wie diese besonderen Bilder zu Anja Kampmann gekommen seien. Bescheiden fast erklärt Kampmann, die Bilder kämen aus dem Stoff. Sie habe viele der Orte des Romans bereist und habe die Stimmungen eingefangen, die sie dort erlebt habe. Diese Sequenzen und kleinen Erzählungen halte sie auf Zetteln fest. Da mache es sie schon mehr als nervös, wenn jemand mit einem Staubsauger neben dem Arbeitstisch mit den vielen Zetteln stehe. Und dann verweist sie auf die Szene, als Waclaw in Budapest eine Woche lang beobachtet, wie ein Schneider eine Jacke näht: der schneide einen Stoff in viele Teile, nähe diese Schicht für Schicht zusammen, sodass man als Beobachter erst einmal den Überblick verliert. So sei auch ihre Geschichte entstanden: Sie habe so viele Stimmungen gesammelt, so viele Orte beschrieben, so viele Erzählungen zusammengetragen, dass es ihr zwischendurch als Wagnis erschienen sei, ob daraus jemals eine ganze Geschichte werden könnte.

Kamp_3Drei Szenen las Kampmann: die Verabschiedung von Irene auf Malta, Waclaws Fahrt mit dem älteren Ehepaar durch die Berge und das Gespräch Waclaws mit Milenas Schwester, in dem sie ihm Milenas Elefanten-Lüge erzählt. Und wie bei Lüschers Lesung entfaltete auch Kampmann in ihrem höchst konzentrierten Vortrag, in dem sie zum Teil die Haltung der Figuren einnahm, eine Ebene des Textes, der – leider – beim eigenen Lesen überlesen wird, weil man zu schnell liest, zu wenig betont, und so ganz schnell über die jeweils besondere Bedeutung der Szene liest.

So passte Kampmanns Geschichte nicht nur ganz allgemein und grundsätzlich in seiner Form als Literatur, und damit als schöne Lüge per se, zum Thema der diesjährigen Wuppertaler Literatur Biennale, sondern auch durch das Motiv der Lüge, das einem roten Faden gleich immer wieder in der Erzählung auftaucht. Und Kampmann ist der Wuppertaler Literatur Biennale noch ganz anders verbunden, denn vor vier Jahren ist sie selbst ausgezeichnet worden mit dem Förderpreis der Literatur Biennale.

Wuppertaler Literatur Biennale – Jonas Lüscher liest aus „Kraft“

An den Wänden des Katholischen Stadthauses hängen moderne Bilder mit Motiven der Kreuzigung Jesus´. Gut ausgestrahlt sind sie, sodass die beiden Diskutanten auf dem Podium davor, Jonas Lüscher und Hubert Winkels, für den Blick des Publikums eher im Dunkeln sitzen. Dabei verhandeln Lüscher und Winkels nicht nur die Frage, inwiefern Literatur die Wirklichkeit besser beschreiben könne als die Wissenschaft – und hier ist besonders die Philosophie gemeint-, sondern setzen sich, als sie dann über Lüschers Roman „Kraft“ sprechen, auch mit der Frage der Theodizee auseinander. Der Gastgeber hat sich hier durch seine Lichtinstallation offensichtlich schon klar positioniert.

Lüscher_1Winkels stellt Jonas Lüscher vor als einen der wenigen Autoren, die in ihren Romanen auch die ganz aktuellen wirtschaftlichen Themen, Probleme und Krisen verhandeln. Und schließt die Frage an, wie Lüscher sich in diese Richtung entwickelt habe. Lüscher, der seine philosophische Dissertation bei Michael Hampe in Zürich begonnen und auch einige Monate an der Stanford Universität gewesen ist, erklärt, dass er unter dem philosophischen Schreiben durchaus auch gelitten habe. Damit die philosophische Begriffsbildung richtig und genau sei, müsse sie so verallgemeinert, so zugespitzt werden, dass sie für viele (Einzel-)Fälle schon wieder nicht passe. Diese Begriffsfixierung sieht er dann auch als problemtisch an, um wissenschaftliche Erklärungen zu finden. In vielen Teilen der Wissenschaft, auch in der Philosophie, gehe es darüber hinaus vor allem um Quantifizierungen, die Untersuchung der sozialen Transaktionen der handelnden Akteure gerate dagegen immer mehr ins Hintertreffen.

Da habe die Literatur durchaus Vorzüge und könne die Welt in ihrer Komplexität viel besser beschreiben. Ganz bewussat habe er sich ja auch bei der Wahl seines Doktorvaters für Michael Hampe entschieden, der in seinen philosophischen Betrachtungen auch dem Erzählen, dem narrativen Schreiben also, einen besonderen Erkennsnisgewinn zuschreibe. Auch der amerikanische Wissenschaftler Richard Rorty, ein zweiter Philosoph, der ihn geprägt habe, habe sich mehr und mehr zum Literaturwissenschaftler entwickelt und in seinen späten Jahren an der Standford Universität Komparatistik gelehrt – und genau dort ist auch Lüschers Studienaufenthalt gewesen.

Auch Kraft, der Protagonist des gleichnamigen Romans, reist an die Universität von Stanford, um dort an einem Wettebwerb teilzunehmen. Durchaus aus privaten Grunden, denn er braucht das Preisgeld dringend, um sich die zweite Scheidung leisten zu können. Den Wettbewerb hat der durch die Internetökonomie schwerreich gewordene Tobias Erkner ausgerufen: Theodicy and Technodicy: Optimism für a Young Millenium. Why whatever is, is right and why we still can improve it? In der auf techische Machbarkeit gedrillten kalifornischen Szene hat niemand Zweifel an den Rahmenbedingungen dieses Wettbewerbs. Eine seit Jahrtausenden nicht beantwortete philosophische Frage soll hier in einer 18-minütigen Rede und natürlich mit Power-Point-Unterstützung mal eben geklärt werden. Kein Problem – wenn man nur will.

Lüscher deutet seinen Kraft als einen Protagonisten, der in seinen jungen Jahren durchaus entscheidungsfreudig gewesen sei. Als Karrierist und Opportunist habe der sich gegen den linken Mainstream der 1980er Jahre gestellt. Kraft habe, wie auch die FDP, eine Kehrtwende gemacht, weg von deren Freiburger Thesen, die sogar die Konzeptionen der SPD in den Schatten gestellt haben, hin zu einem marktliberalen Denken, wie es die Chicago-Boys rund um Milton Friedman in die Welt und in die Parlamente brachte. Mit diesem “Alleinstellungsmerkmal” – vom USP spricht hier das Marketing – habe er genug Aufmerksamkeit bekommen, um eine Universitätskarriere machen zu können. Wie hohl Krafts neue marktliberalen Überzeugungen sind, das erschließt sich den Zuhörern, als Lüscher die durchaus humorvoll-entlarvende Szene aus dem Bonner Parlament liest, in der Kraft den parlamentarischen Prozess des Misstrauensantrags gegen Kanzler Schmidt beobachtet.

Nun, in der Erzählgegenwart, in der Kraft in Stanford mit seinem Redebeitrag ringt, wirkt er nicht mehr als der smarte Entscheider, der die Kontrolle hat. Vielmehr, so merkt Winkels an, sei er nun eine Figur, die immer wieder über sich selbst stolpere. Lüscher bekräftigt das, macht deutlich, dass Kraft nun nicht mehr weiter komme mit seiner Meinung von der eigenen Großartigkeit und der permanenten Abwertung aller anderen. Vielmehr werde nun klar, dass Kraft, wie auch sein Freund Istvan, eher Versagermilieus zuzurechnen seien, denn ihre Ideen, Werte und Vorstellungen zählen nun nichts mehr, wirken alt und verstaubt, vor allem im Silicon Valley. Ein Kritik an der Technikeuphorie der Internetgemeinde dort greife einfach viel zu kurz.

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Lüscher liest noch einmal, dieses Mal die Ruder-Szene. Kraft, der auch zu Hause gerne morgens über den Fluss gleitet, leit sich im Ruderhaus der Universität ein Skiff aus. Herb, ein emeritierter Physiker (!), weist Kraft in die Besonderheiten der Strömungen und Gezeiten des Gewässers ein. Kraft, hört nur halb zu. Und dann passiert eine Katatsrophe nach der anderen, bis Kraft schließlich nackt im Schlamm der Marsch steht, das Boot ist längst verloren. Frierend und bis auf die Knochen beschämt versucht Kraft sich an den Heimweg, kriechend auf allenm vieren gelingt das am besten. Bis Herb dann doch mit einem Boot vorbei kommt und ihn rettet.

Nackt schaffe der Mensch es eben nicht, so Lüscher und Winkels ergänzt, der Urschlamm, stecke der Mensch erst mit den Füßen darin, auch den aufrechten Gang verhinderen könne. Herb, der Wissenschaftler und Techniker, beherrscht die Materie, mit ihm wäre Kraft bei der Ruderpartie nicht gescheitert. Ganz ohne Technik, nur mit Kritik an dem, wofür das Silicon Valley steht, geht es eben auch nicht.

Auch wenn natürlich die Entwicklung der Technik, die Machbarkeitsfantasien des Silicon Valley, die marktliberalen Ideen, die sich hier tummeln, nunmehr wieder zu einem Kippmomet führen, wie Lüscher und Winkels zum Schluss der Lesung und mit Blick auf das Erstarken der Populisten deutlich machen. Dabei, so differenziert Lüscher, sei durchaus zwischen den Populisten osteuropäischer Ausrichtung und denen im Westen, hier führt er die Schweiz und die USA an, zu unterscheiden. Denn während die osteuropäischen eher eine soziale Ausrichtung hätten, wenn auch nur für die eigenen Bürger, so habe beispielsweise die Schweizerische Volkspartei (SVP) eher marktliberale Vorstellungen.

Kraft scheitert letztlich an seiner Rede zur Preisfrage um die beste aller Welten. Hubert Winkels findet, wohl im Gegensatz zu einigen anderen Rezensenten, dass der Roman so zu einem sehr passenden, wenn auch dramatischen, Ende komme. Die Zuhörer gingen vermutlich mit dem Wissen nach Hause, dass um die beste aller Welten immer gerungen werden muss. Und der Gastgeber dieses Leseabends bei der Wuppertaler Literatur Biennale hat sich – wen wundert es? – offensichtlich für eine Antwort entschieden. Die Lichtinstallation lässt jedenfalls darauf schließen.

 

„Karussell. Bergische Zeitschrift für Literatur“ – Die Heft-Premiere #SchönLügen im Rahmen der Wuppertaler Literatur Biennale

„Karussell“  heißt die Bergische Zeitung für Literatur. Und hat sich dabei ganz offensichtlich von einem Zitat aus Else Lasker-Schülers Drama „Die Wupper“ inspirieren lassen, das den Rücken jeder Ausgabe der Zeitschrift ziert: „Am schwärzesten Fluß der Welt lernt man erkennen, welche Menschen leuchten. Das Gedudle des Karussells ist wie Engelsmusik.“

Auch wenn die Garnbleicher schon viele Dekaden ihre Garne und Tücher nicht mehr in der Wupper waschen und an den Ufern trocknen, die chemischen Unternehmen den über der Wupper durch die Stadt schwebenden Menschen nicht mehr an Hand der Abwassereinleitungen anzeigen, welche Farben heute gefertigt worden sind, wenn die Textilindustrie insgesamt ihre Bedeutung nicht nur im Wuppertal verloren hat, so gehört doch der ehemals „schwärzeste Fluss der Welt“ zur Geschichte der Stadt, zu ihrer ganz besonderen Herkunft und – auch politischen – Entwicklung. Und wenn es nun eine literarische Zeitschrift gibt, die nicht nur an diese Vergangenheit erinnert, sondern durch die in ihr enthaltenen Literatur – „wie Engelsmusik“ – ein Licht wirft auf unsere ganz moderne Welt mit ihren Verwerfungen und Problemen, dann ist doch ein ganz besonderer Bogen geschlagen.

Die neue Ausgabe der Zeitschrift erscheint zur Wuppertaler Literatur Biennale zu dem titelgebenden Motto #SchöneLügen. Das Thema des Lügens, nämlich „Liebe Lüge“, sei schon im Herbst 2016 Thema eines Heftes gewesen, so erzählt Torsten Krug in seinen einführenden Worten zur öffentlichen Präsentation des neuen Heftes. Damals habe jedoch eher die private Lüge im Mittelpunkt der Beiträge gestanden, die Lüge, die in den Familien stattfinde und bei Liebespaaren. Seitdem aber habe ja die Lüge auch im öffentlichen Raum ordentlich Karriere gemacht und sei verkleidet im Gewand der „alternativen Fakten“ in einigen Ländern zum Unwort des Jahres geworden. Da die Digitalisierung zu einer immer schneller werdenden Verbreitung der Lügen führe, die ehemals etablierte Presse mehr und mehr an Bedeutung – auch an Deutungshoheit – verliere, könne sich jeder einzelne seinen eigenen Bedeutungsraum mit seiner eigenen Wahrheit schaffen. Im Verhältnis dazu, so Krug, habe aber die Literatur einen „längeren Atem“, sie schaffe es viel eher als die Schlagzeile die Gegenwart in ihrer Komplexität darzustellen.

Mit der Wuppertaler Literatur Biennale, so erzählt Krug weiter, fühle sich die ZeitschriftKaru_6 auf besondere Weise verbunden. Denn in ihrem Zusammenhang haben sich die Redaktionsmitglieder Dieter Jandt, Torsten Krug und Andreas Steffens, vor zwei Jahren entschlossen, die Zeitschrift mit neuem Konzept wiederzubeleben. Zweimal jährlich erscheint sie nun, hat jeweils ein Titelthema und publiziert Beiträge von Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Zum Konzept gehöre auch, dass jeweils ein bildender Künstler mitarbeitet. Für diese Ausgabe hat die Redaktion Eugen Egner gewinnen können, der Karikaturen zum Thema beigesteuert hat.

Die vier Schriftsteller, die bei dieser Vorstellung des neuen Heftes ihre Texte lesen, zeigen, welche Bandbreite an Stimmen und Formen diese Ausgabe der Literaturzeitung aufzeigt. Über 140 Einsendungen aus dem deutschsprachigen Raum habe es gegeben, so erklärt Krug noch, davon habe die Redaktion dann ca. 30 Beiträge ausgewählt und außerdem die Texte der Gewinner des Preises der Wuppertaler Literatur Biennale aufgenommen.

Karu_2Zunächst trägt Lisa Sommerfeld, die auch Schauspielerin ist und deswegen in ganz besonderer Art vorzulesen weiß, ihre Erzählung „Cinderella Paraphrase“ vor. Um eine Lebenslüge geht es am runden Geburtstag des Vaters, an dem der Sohn nicht nur innerlich damit kämpft, ob er seinen Vater bei seinem Fest besuchen soll, sondern auch damit, ob er dem Vater – und der versammelten Festgemeinde – dann die Wahrheit über sich erzählen soll.

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Jan Decker liest seinen poetologischen Essay, in dem er von seinem Ringen um Werk und Form spricht. Als Oliver Buchta, der bei dieser Ausgabe das Redaktionsteam unterstützt hat, nachfragt, ob sich das Werk denn fast von selbst schreibe, wenn die Form erst einmal gefunden sei, verneint Decker dieses vehement.

 

Karu_4Hun-min Krämer trägt ihre Gedichte vor. Eines davon spricht davon, in Wuppertal zu leben, seit mehr als einem Jahr. Auch sie macht im nachfolgenden Gespräch deutlich, dass es gerade auch bei der Lyrik um die Bewegung vom Inhalt zur Form gehe. Sie erklärt ihr Arbeitsprinzip damit, dass sie die Welt beobachte und wahrnehme, ihr dabei aber immer ihre eigene Stellung des Außerhalb-Stehens bewusst sei. Erst so ergebe sich eine Sicht auf beide Seiten.

Angela Wiedermann, die aus Wien angereist ist, überrascht das Publikum mit ihrer Karu_5Performance „Fuck dich, multifaktorielles Modell“. In einem sehr eingängigen Sing-Sang erklären die Bezauberten ihrem Meister, dass sie Lösungen von ihm erwarten, auf keinen Fall aber eigene Entscheidungen treffen wollen. Wiedermann zeichnet hier nach, wie die Internetbezauberten einem Link nach dem anderen folgen, völlig überfordert von der Komplexität der vorliegenden Informationen und der Notwendigkeit, diese einschätzen zu können und zu müssen. Mit diesem Text ist sie wohl dem im Editorial angesprochenen Bernhard Pörksen und seinen Überlegungen in seinem Buch „Die große Gereiztheit“ am nächsten.

Der nächste Band, der im Herbst erscheinen wird, wird sich mit dem Thema „Revolution“ beschäftigen. Dazu können Autorinnen und Autorin wieder Beiträge bei der Redaktion einreichen. Stoff müsste es ja genug geben, wenn beispielsweise gerade Politiker nicht weniger als die „konservative Revolution“ ausrufen und die Technik den 3D-Druck als nächste industrielle Revolution feiert. Und so wäre dann auch wieder der Kreis zum „schwärzesten Fluss“ geschlossen, denn von hier, vom Manchester Deutschlands, haben sich ja zu Zeiten der industriellen Revolution auch revolutionäre politische Ideen auf  den Weg gemacht.

„Das kalte Blut“ – Chris Kraus zu Gast bei „Literatur auf der Insel“ im Rahmen der Wuppertaler Literatur Biennale, #SchönLügen

Bei Romanen, deren Hauptfiguren etwas zu tun haben mit den eigenen Familienmitgliedern, ist die Frage, was hier Wahrheit ist und was Erfindung, eine ganz besonders brisante. Wie entwickelt sich die Konstruktion eines Romanes, der von Ungeheuerlichkeiten wie Verschleppung, Erschießung und Folter im Riga des 2. Weltkriegs erzählt und den – gelinde gesagt – unredlichen Methoden der Geheimdienste in der noch jungen Bundesrepublik, wie entwickelt sich die Fiktionalisierung einer Figur, die im realen Leben der eigene Großvater war, geliebt und verehrt?

Kraus_3Diese Fragen stellten die Gastgeber Katarina Schulz und Torsten Krug dem Schriftsteller, Regisseur und Drehbuchautor Chris Kraus bei einer Veranstaltung der „Literatur auf der Insel“ während der Wuppertaler Literatur Biennale im Café Ada. In seinem brikettdicken Roman „Das kalte Blut“ hat Kraus die Familiengeschichte erzählt, nicht nur die des Großvaters, sondern auch die des Großonkels, die alle beide erst bei der SS und dann beim BND gelandet sind. Und Kraus erklärte, wie er die Geschichte seiner Familie erst recherchiert und dann in eine fiktionale Form transferiert hat.

Verschwiegen wurden die Taten der Großelterngeneration lange in der Familie, den Kindern, so Kraus, werde ja nicht immer die volle Wahrheit erzählt. Kraus, der Enkel, habe schon Geschichte studiert, als sein Großvater ihm als seinem ersten Leser seine Memoiren gab. Dort habe der Großvater zwar über seine Taten „verklausuliert“ geschrieben – aber Kraus´ Verdacht war trotzdem geweckt. In Archiven und mit Hilfe von Interviews mit Zeitzeugen begann er zu rekonstruieren, welche Rolle der Großvater gespielt habe bei der SS in Lettland und später dann beim BND. Dabei habe er auch manch überraschende Geschichte zu Tage gefördert.

Etwa die Geschichte vom Großvater und dessen erster Begegnung mit Himmler. Der eigene Bruder habe ihn als guten Zeichner vorgestellt und Himmler ihn aufgefordert, einmal zu zeigen, was er könne. Eine Karikatur Himmlers als Schwein entstand auf dem Papier. Der Bruder habe dann die Situation sozusagen in letzter Minute durch beherztes Zerreißen des Blattes eben noch retten können. Oder die fast unglaubliche Geschichte, dass der Großvater auch für den Architekten Eickemeyer gearbeitet habe, der wiederum sein Atelier den Mitgliedern der Weißen Rose zur Verfügung stellte und die dort ihre Flugblätter drucken konnten.

Kraus_2Aus seinen Recherchen sei zunächst eine Familienchronik geworden, geschrieben aus der persönlichen Perspektive. Die Familie, der Vater vor allem, habe seine Erkenntnisse nach der Arbeit in den Archiven nicht zulassen können, zu tief saß noch das Träume. Und auch für ihn selbst sei schwer gewesen, den Großvater mit anderen Augen zu sehen. Denn er sei ja nicht nur „ein eindimensionaler Schlächter“ gewesen, sondern eben ein Mensch mit einer ganz komplexen Persönlichkeit, ein Mensch, den die Kunst interessiert, der sich nach Liebe sehnt und der doch auch unfassbare Taten begeht.

Erst nach der Familienchronik sei der Roman entstanden, den er dann, da er noch so tief in den Rechercheergebnissen steckte, recht schnell habe schreiben können. Für den Roman habe er die Perspektive des Täters gewählt, was möglicherweise auch zu der starken Kritik an seinem Werk geführt habe. Die Figur des Täters sei fiktionalisiert worden, sei also eben nicht die Dokumentation des Großvaters. So wie auch die anderen Figuren aus dem Umfeld des Protagonisten fiktive Figuren seien. Die historischen Figuren dagegen, die Umgebung und der geschichtliche Rahmen der Handlung seien gebunden an die wahren Begebenheiten, an die historischen Tatsachen.

Der Humor spielt eine große Rolle im Roman. Davon konnten die Zuhörer und Zuhörerinnen sich bei den verlesenen Passagen aus dem Roman überzeugen. Den Humor, so erklärt Kraus den besonderen Stil seines Romans, habe er bewusst eingesetzt, denn er wolle den Leser von der besonderen Persönlichkeit seiner Figur verführen lassen. In der Realität sei es oft ein Geruch, der verführe, im Roman übernehme diese Aufgabe die Sprache.

Kraus_5Natürlich stand auch die Frage im Raum, ob er selbst so ein Täter werden könne. Chris Kraus meint, dass davor wohl niemand gefeit sei, vor allem, wenn er in einem gesellschaftlichen Umfeld und in einer Familie aufwachse, die geradezu darauf vorbereite, ein Regime wie das NS-Regime zu unterstützen. Eine Möglichkeit, sich kritisch zu äußern, sich zu distanzieren gebe es dann nur zum Preis des Bruchs mit der Familie.

Zum Schluss dieses Werstattberichtes über Fragen rund ums #SchöneLügen und die großartig vorgelesenen Passagen gewährte Chris Kraus auch noch einen Ausblick auf den neuen Roman, der Ende August erscheinen wird und einen Regiestudent im New York des Jahres 1996 zum Protagonisten hat. In diesen Kontext fügte sich dann gut ein Ausschnitt aus dem Film ein, den fünf Regisseure, Chris Kraus und Tom Tykwer sind zwei davon, für ihren Lehrer Rosa von Praunheim zu seinem 70. Geburtstag gedreht haben, ein ganz beeindruckender Einblick in die besondere Beziehung von Lehrer und Schülern.

Eröffnung der Wuppertaler Literatur Biennale – #SchönLügen im Skulpturenpark, #WLB18

Wer am 6.5.2018 die Eröffnungsfeier der in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindenden Wuppertaler Literatur Biennale im Skulpturenpark besuchen wollte, hatte zunächst einmal einen herausfordernden Waldspaziergang zu bewältigen – zumal die zur festlichen Veranstaltung passenden Schuhe eben gerade nicht besonders geeignet waren, den manchmal steilen, manchmal unebenen Weg zu meistern. Nicht umsonst sind die den Park umgebenden Straßen nach Iltis, Hirsch und Gemse benannt. Die Mühe des Wanderns lohnte sich aber: Die neue lichtdurchflutete Ausstellungshalle ermöglichte spektakuläre Blicke über Wuppertal und in den anliegenden Wald. Und die Skulpturen von Markus Lüpertz boten zusätzlich einen großartig würdigen Rahmen für Eröffnung und Preisverleihung.

wlb_E4#SchönLügen ist das Motto der diesjährigen Wuppertaler Literatur Biennale. Es wurde schon vor der Wahl Trumps zum amerikanischen Präsidenten – mit großer Weit- und Klarsicht offensichtlich – festgelegt und ist auch in diesem Jahr eines der ganz aktuellen Themen, die die Gesellschaft umtreibt. Da wird der Begriff „alternative Fakten“ zum Unwort des Jahres gekürt, da verbreiten – auch hierzulande – manche Politiker und andere Vorbilder ganz fragwürdige und merkwürdig zugespitzte Inhalte, da kann es jedem passieren, in den sozialen Medien Opfer von Verleumdung und Hetze zu werden. Wahrheit und Fiktion – sie scheinen aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Und die Literatur? Ihr Wesen ist schon immer die Fiktionalität. Gerade indem sie nicht der Wahrheit entlang erzählt, schafft sie Einblicke in unsere Welt und unser Leben, die anders gar nicht möglich wären. Denn „Kunst“, so zitiert Torsten Krug im Programmheft Friedrich Nietzsche, „behandelt ´den Schein als Schein, will also gar nicht täuschen, ist wahr`.“

Natürlich setzten sich auch Alexa Hennig von Lange und Bodo Kirchhoff im ersten Teil der Veranstaltung mit der Frage nach Wahrheit und Lüge auseinander. So erzählt Kirchhoff, dass er schon immer ein „Flunkerer“ gewesen sei, ein „verlogenes Kind“. Schon als kleiner Junge habe er Geschichten erfunden und bald gelernt, dass dies ein gutes Mittel sei, für sich einen sicheren Raum zu schaffen, wenn das Leben sonst einige Unsicherheiten bereit hält. Anderen gegenüber sei das Erzählen eine besondere Fähigkeit, mit der sich auch fußballerisches Mittelmaß gut kompensieren ließ. Ein Schriftsteller, so fasst Kirchhoff zusammen, sei eben kein Journalist, er habe nicht wie dieser eine Verantwortung und Verpflichtung zur Wahrheit.

wlb_E6Für sein eigenes Schreiben sei die Sprache ganz wichtig, die für ihn viel zu tun habe mit Musik. Und für seinen neuen Roman „Dämmer und Aufruhr“, der im Juni erscheinen wird, seien auch Bilder Inspirationsquellen gewesen, die kleinen schwarz-weißen Bilder aus den 1950er Jahren, die er zum Teil mit der Lupe betrachtet habe, und von denen es nur wenige gab. Aber jedes von ihnen sei für den Schreibprozess umso bedeutender gewesen sei, habe eine besondere Aura gehabt und einen „Gefühlsraum“ eröffnet, wie er sich heute bei den vielen Bildern, über die wir verfügen, wohl nicht mehr einstelle.

Als er später dann die ersten Seiten seines neuen Romans liest, wird ganz unmittelbar klar, was Kirchhoff mit dem Zusammenhang von Sprache und Musik meint. Da entsteht beim Vorlesen ein Rhythmus, ein besonderer Sound, der den Inhalt des Textes durch den besonderen Klang stützt. Sein Text erzählt, anschaulich den Fotos folgend, die dem Zuhörer schnell vor dem inneren Auge erscheinen, von dem vierjährigen Jungen, der alleine mit seiner Mutter die Sommerfrische in Kitzbühel verlebt, vom gemeinsam getragenen Koffer, von den neuen Umgebungen und den vielen neuen Begriffen, die die Mutter ihm immer wieder ins Ohr flüstert.

Im zweiten Teil der Veranstaltung dann wurden die Preisträger des „Preises der Wuppertaler Literatur Biennale“ ausgezeichnet. 134 jüngere Autorinnen und Autoren haben ihre Texte für diesen Preis eingereicht. Die Jury hat aus den völlig anonymisierten Texten drei ausgewählt, die ihr preiswürdig erschienen.

wlb_E5Ausgezeichnet wurden nun Stephan Roiss, der den Auszug aus einem Romanmanuskript eingereicht hat. Ein Wir-Erzähler, ein kleiner Junge, erzählt in „Mutterseele“ von seiner ziemlich trostlosen Kindheit und ihren Auswirkungen auf seine Seele.

 

Wie Roiss erhielt auch Franziska Schramm wlb_E7den Förderpreis für ihre Geschichte über „Tutti“ und Thomas, die im Lebenmittelladen arbeiten und sich am Ladeneigentum bereichern. Dabei fällt die Strafe, als sie dann erwischt werden, den sozialen Schichten, denen sie entstammen folgend, auch unterschiedlich aus.

wlb_E8Den Haupttpreis hat sich Yannic Han Biao Federer erschrieben mit seiner Geschichte „stay hungry“. Die erzählt mit einigen Pointen vom glücklosen Schriftsteller René, der sich auch als PR-Berater mehr schlecht als recht versucht, finanziell über Wasser zu halten und in seinem fiktionalen Werk über einen Autor schreibt, der als PR-Berater jobbt. Als Frau Heinze, die Nachbarin, um die er sich immer wieder kümmert und einkaufen geht, plötzlich stirbt, findet er ein Thema für sein Buch.

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Mit den vielen fiktionalen Stimmen im Ohr fällt dann der Abstieg durch den immer noch von der Sonne beschienenen Wald ganz leicht. Vorbei an einigen der im Park verteilten Skulpturen wird deutlich, dass auch diese Kunst einen ganz besonderen Umgang mit der Realität pflegt.

Weitere Bilder und Eindrücke gibt es auch hier.

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen

Seit dem 19. Jahrhundert sind Menschen aus aller Herren Länder ins Ruhrgebiet gekommen. Sie sind den schlechten Lebensbedingungen in ihrer Heimat entflohen und haben hier Arbeit gefunden, „unter Tage“ beim Kohleabbau oder in den Stahlwerken beim „Stahl kochen“. Sie haben schwere und oft auch gefährliche Arbeit geleistet, haben ihre Gesundheit ruiniert bei Arbeitsunfällen und durch das schleichende Gift des Kohlenstaubs. Sie haben sich oft ihr Leben lang nicht heimisch gefühlt in der neuen Heimat in Bottrop oder Dinslaken, in Gelsenkirchen oder Dortmund und in den kleinen, ärmlichen Bergbauwohnungen direkt neben dem Pütt. Aber sie haben zumindest mit ihren Familien gelebt, sind an einem Ort geblieben und haben Freundschaften geschlossen. Und manch einer hat neue Hobbys gefunden, den Fußball oder die Taubenzucht.

Heute sind die Zechen nördlich der Ruhr längst geschlossen. Der Hunger der Welt nach Energie wird in den Ölfeldern gestillt, die Arbeit ist dorthin gewandert, mit ihr die Arbeiter. Wie damals unter Tage arbeiten nun Männer verschiedenster Nationalitäten auf den Ölplattformen, aber sie gehen nach der Arbeit nicht zu ihrer Familie nach Hause, sondern bleiben nach den harten und langen 12-Stunden-Schichten in den engen Unterkünften der Plattform.

Anja Kampmanns Roman setzt genau hier ein, auf einer Ölplattform im Atlantik vor Tunesien. Dort arbeitet Wenzel, dessen Eltern in den 1950er Jahren aus Polen nach Bottrop gekommen sind. Mit Milena ist er später, Anfang der 1990er Jahre, zurück nach Polen gezogen. Eine Zeitlang ging das gut, aber dann fehlte das Geld und Wenzel, nun Waclaw, entschloss sich, auf einer Ölplattform zu arbeiten, dort könne er gutes Geld verdienen, denn

„warum schien alles falsch, wenn kein Geld da war für ein Auto und Benzin und Busticket und Zeitung. Was konnte falsch sein an diesem Licht.“

Zwei Wochen auf der Plattform, zwei Wochen frei, Zeit genug, immer wieder nach Hause zu kommen. Harte und gefährliche Arbeit, wie die im Bergbau, leisten sie auch, die Öl-Arbeiter. Und sie reisen den Ölfunden hinterher, von der Nordsee in den Atlantik und dann zum Golf von Mexiko, moderne Wanderarbeiter, nirgendwo mehr zu Hause.

„Einige schafften es, nach ein paar Jahren aufzuhören. Sie legten, was sie verdient hatten, beiseite. Bauten Häuser – kehrten zurück in die Welten, die über Jahre die Innenwände ihrer Spinde ausgekleidet hatten, Eselsohren in Kinderlocken und Plastikrutschen, abgegriffene Fotos. Papier, das man hervorholen konnte. Papier, das manchmal nichts anderes sagte, als dass die Zeit nicht stehenblieb. Nicht für ein Bild. Nicht für Andrej. Nicht für Pippo. Nicht für ihn.“

Denn anders als die Eltern, die ihr Leben immer neben der Zeche verbracht haben, eröffnet sich für diese Arbeiter eine neue, eine verlockende, eine weite Welt, wenn sie nach den zwei Wochen Arbeit die Plattform verlassen. Und Waclaw nutzt die Möglichkeiten, die sich ihm bieten, die Freiheit, die er sich nun auch leisten kann, wenn er fremde Länder bereist, wenn er die zwei Wochen Auszeit an Küste Tunesiens verbringt. Das ist allemal interessanter, als nach Hause zu fahren. Weil er in den zwei Wochen auf der Plattform vergisst, was sein Zuhause ausmacht. Und weil er weiß, dass die Welt dort ihn gar nicht mehr braucht.

„Die anderen Länder hingegen waren aufregend, der Schnaps war anregend, der Tanz, die Musik brauchten den langsamen Rhythmus nicht, der die Jahreszeiten auf das Land und zwischen die Zaunpfähle presste. Es war auf der anderen Seite des Atlantiks. Es gab den verdammten Krieg nicht in den Köpfen, und die Wiederbewaffung nicht und die verdammte Zeche nicht, all das.“

Waclaw jedenfalls schafft es nicht, die Jobs auf den Ölplattformen zum Start für ein neues Leben an Land zu nutzen. Milena merkt, wie er sich vom Leben bei ihr immer weiter entfernt. „Du bist ein anderer“, sagt sie zu ihm und ein paar Wochen später schreibt sie in einem Brief „komm nicht mehr“.

Bei einer Sicherheitsschulung lernt er Mátyás kennen, einen jüngeren Arbeiter aus Tschechien mit dunklen Locken. Sie freunden sich an, verbringen die freien Wochen gemeinsam an Land, reisen, trinken, spielen, sitzen in der Sonne und schauen aufs Meer. Es ist wohl mehr als eine Freundschaft, die sie verbindet. Ein paar Jahre Jahre arbeiten die beiden in gemeinsamen Schichten auf Ölplattformen, teilen sich ein Quartier und verbringen die freien Wochen zusammen. Nun hat Waclaw so etwas wie Familie, einen Partner, einen Halt, mit dem er abseits der Plattform sein selbstbestimmtes und ungebundenes Leben genießen kann.

Aber dann passiert das Unglück: nach einem nächtlichen Sturm – die Arbeit wurde erst eine halbe Stunde später offiziell abgebrochen –  kommt Mátyás nicht von seiner Schicht zurück. Er bleibt vermisst und die Verantwortlichen der Plattform machen sich gar nicht erst die Mühe, ihn zu suchen. Aber Waclaw bekommt sofort frei, damit er Mátyás Habseligkeiten nach Hause bringen kann. So reist Waclaw erst nach Prag und dann weiter aufs Land, zu Mátyás Schwester Patrícia, um ihr die Nachricht zu überbringen und einen Seesack mit den Dingen, die dem Bruder gehörten. Waclaw schaut sich alles genau an, erforscht, wie Mátyás hier gelebt hat. Er meint zu erkennen, dass dieser öde, trockene Landstrich auf Mátyás so einengend und beklemmend gewirkt habe, wie die Gladbecker Straße auf ihn.

Aber dann merkt er, dass Mátyás ihm längst nicht alles erzählt hat. Denn Mátyás hat ein Pferd gekauft, einen Hengst, der auf der Weide steht und von dem erst Patrícia ihm erzählt. Früher sind sie gerne zu Pferderennen gegangen, auf alle großen Rennbahnen, und haben dort gewettet. Aber dass Mátyás in seiner Heimat ein Pferd hat, einen Grund zurückzugehen, „eine Boje, eine Markierung, ein vergessener neuer Anfang“, davon wusste Waclaw nichts.

Waclaw kehrt nach seiner Reise zu Mátyás Schwester nicht zu seiner Arbeit auf die Bohrinsel zurück. Er beginnt eine Reise von Malta über Italien bis in die alte Heimat Bottrop und dann weiter in Richtung Polen zu Milena. Die Reise dauert Monate, er besucht alte Freundinnen und Freunde, bleibt ein paar Wochen in Norditalien bei Alois, einem Freund des Vaters, bei dem er als Kind den Umgang mit den Tauben gelernt hat. Aber wohin Waclaw auch kommt, er findet für sich keine Boje, keine Markierung, keinen neuen Anfang.

Anja Kampmann erzählt also die Geschichte eines Arbeiters auf einer Ölplattform. Dabei wird diese Arbeit, nicht wie in der Arbeitsliteratur der 1970er Jahre, breit thematisiert, sondern lediglich skizziert, wenn auch sehr anschaulich. Im Mittelpunkt steht Waclaws Reise quer durch Europa, stehen seine Beobachtungen und seine Reflektionen. Wie ein Flaneur besichtigt und erforscht er mit genauem Blick seine Umwelt, bewertet sie kaum, findet in ihr eher einen Assoziationsraum, der ihn immer wieder zurückführt zu den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend, an die Zeit mit Milena und die Zeit mit Mátyás. Die Motive von Freiheit – das sind immer wieder Vögel – und Verwurzelung und Halt – ein Anzug, der Waclaw stützt, die Orte, an die die Menschen gebunden sind, die er während seiner Reise trifft – illustrieren dabei den inneren Konflikt Waclaws.

Noch ungewöhnlicher als die Geschichte ist jedoch die Sprache, in der sie erzählt wird. Sie ist so verdichtet und so poetisch, dass es verwundert, dass dies Anja Kampmanns Roman-Debüt ist. Und so plastisch und anschaulich, dass der Leser auf der Ölplattform sich zusammen mit Waclaw in den Gurt stemmt, um dem Sturm zu trotzdem, dass er zusammen mit Waclaw die staubige Landschaft der Puszta betrachtet, zusammen mit ihm durch die Alpen nach Deutschland fährt, die Taube Enni im Korb auf dem Sitz nebenan, und ihr zuschaut, wie sie aufsteigt in den Himmel über Bottrop, zusammen mit Waclaw hoffend, dass sie ihren Weg zurück findet zu Alois´ Häuschen hoch oben in den Bergen. Und die Sprache ist so melancholisch, dass der Leser doch immer wieder schlucken muss, auch wenn Waclaw nicht ein einziges Mal an Trauer denkt, auch wenn er leer zu sein scheint von eigenen Gefühlen. Dass Anja Kampmann an dieser Sprache Jahre gearbeitet hat, wie sie im Interview auf der Leipziger Buchmesse Bozena von Das Debüt erzählt, dass kann man sich gut vorstellen. Und dabei dürften ihr ihre Erfahrungen als Lyrikerin sehr geholfen haben.

Anja Kampmann also erzählt den großartigen Roman eines modernen Arbeiters, der die Beschränkungen seiner Herkunft meinte überwunden zu haben, dafür aber an einer Halt- und Heimatlosigkeit leidet. Sie erzählt weniger von der Arbeit als davon, was die Bedingungen der Arbeit mit den Menschen machen. Und so wie es ungewiss ist, ob Enni ihre Heimat in Italien wieder findet nach dem langen Flug aus dem Ruhrgebiet, so bleibt auch die Zukunft Waclaws offen.

Anja Kampmann (2018): Wie hoch die Wasser steigen, München, Carl Hanser Verlag

Anja Kampmanns Roman ist nominiert für den Leipziger Buchpreis 2018.

Eine weitere Besprechung findet ihr bei literaturleuchtet.

 

 

Tanguy Viel: Selbstjustiz

Tanguy Viels Roman hat viele Ähnlichkeiten mit Norbert Scheuers Roman vom „Grund des Universums“. Wie Scheuer hat Viel seinen Roman in der Provinz angesiedelt, am bretonischen „Ende der Welt“, im Finistère, in der Nähe von Brest, an der Küste mit dem oft grauen Wetter, dem rauen Atlantik, dem Kreischen der Vögel. Wie bei Scheuer gibt es auch hier einen Immobilienmakler als Inkarnation des Raubtierkapitalismus, der den Politikern und den Bewohnern der vom Strukturwandel geplagten Region – hier ist es die Marinebasis, die mehr und mehr Mitarbeiter mit jeweils schönen Abfindungen entlässt – das Blaue vom Himmel verspricht. Und wie bei Scheuer spielt auch hier die Natur eine große Rolle, die Landschaft, das Wetter und das Meer, die allesamt ihre Spuren bis in die Erzählungen, bis in die Sprache der Menschen hinterlassen haben.

Der Immobilienentwickler heißt Antoine Lazenec und kommt mit perfekt geputzten spitzen Schuhen, in schwarzer Anzugjacke und mit nach Pariser Art offen stehendem Hemd, vor allem standesgemäß in einem cremefarbenen Sportwagen zur Ortsbesichtigung. Wenn er das „Schloss“ des Ortes, eigentlich nur ein großes Haus in prominenter Lage oberhalb des Hafens, samt Gartenanlage erwerben könne, dann, so malt er den vom Strukturwandel gebeutelten Menschen im Ort aus, würde er dort einen Immobilienkomplex, bestehend aus mehreren Häusern und bis zu 30 Eigentumswohnungen, hochziehen. „Residenz Goldener Sand“ nennt er gar sein Projekt vollmundig und es soll nicht mehr und nicht weniger sein als die Initialzündung zur Entwicklung des Ortes zu einem Seebad wie das von St. Tropez, als Beginn einer touristischen Erschließung mit Arbeitsplätzen und Wohlstand. Da kann die Politik, allen voran der sozialistische Bürgermeister Martial Le Goff, dem gesunden Menschenverstand, dem Wissen um das oft stürmische und graue Wetter und allen anderen guten Vorsätzen zum Trotz nicht widerstehen. Das detailreich gearbeitete Modell der Residenz, das Lazenec dann auf einem Event mit allen üblichen öffentlichkeitswirksamen Zutaten vorstellt, überzeugt auch den letzten Zweifler, der sich dann doch von der so schönen Idee, einen kleinen Zipfel des Wohlstands ergattern zu können, berauschen lässt.

Dieser Zweifler ist Martial Kermeur, der im Gartenhaus des „Schlosses“ den Aufgaben eines Gärtners und Hausverwalters nachgeht und ein sehr bescheidenes Leben lebt. Früher saß er mal für die Sozialisten im Stadtrat, kennt daher den amtierenden Bürgermeister noch ganz gut, hat aber nun das Interesse an der Kommunalpolitik verloren und mag nicht einmal mehr die Zeitungen lesen. Seine Frau hat ihn vor geraumer Zeit verlassen. So lebt er mit seinem pubertierenden Sohn Erwan zurückgezogen im Gartenhaus. Und auch er hat eine hübsche Abfindung von der Marinebasis erhalten – von der er sich ja eigentlich seinen Traum von einem Fischerboot erfüllen wollte. Aber auch er lässt sich blenden und kauft statt des Bootes eine kleine Wohnung in der Parkresidenz und träumt von einem bescheidenen Wohlstand.

Es stimmt schon: Kermeur ist der geborene Verlierer. Und damit es auch jeder Leser versteht, hat Tanguy Viel ihm auch noch den vergessenen Lottoschein angedichtet, den Lottoschein, den Kermeur vergessen hat abzugeben und dessen Zahlen, die er wieder und wieder getippt hatte, nun endlich gezogen werden. Grund genug für France, Kermeurs Frau, ihn nun endlich zu verlassen. So deutlich hätte der Autor den Leser sicherlich nicht darauf stoßen müssen, dass er es mit Kermeur nicht nur mit dem sprichwörtlich „kleinen“ oder „einfachen“, sondern vor allem auch mit dem ehemals politisch engagierten, nun aber von den Zeitläufen desillusionierten und frustrierten Mann zu tun hat, der sich in seiner Zurückgezogenheit, in seiner Passivität eingerichtet hat.

Aber der Leser lernt Kermeur erst einmal ganz anders kennen, als Mörder, der einen anderen Mann über die Reling des Fischerbootes geschubst hat und darüber recht sachlich, distanzierte und reflektiert erzählt. Und dabei so interessant und sympathisch erscheint, dass der Leser sofort neugierig ist und wissen will, was diesen Mann, der seine Umgebung so detailliert und genau beschreiben kann, zu einem Mord getrieben hat.

„Er selbst holte den Hummer heraus und warf ihn in den Eimer, schwungvoll genug, dass ihn die Zangen nicht erwischten, die jetzt an den Plastikrändern schabten, er, stolz wie Artaban, dass er einen Hummer gefangen hatte, er sagte zu mir: Kermeur, das ist mein erster Hummer, den schenke ich Ihnen.

Ich könnte heute nicht mehr sagen, ob es an diesem Satz lag oder an einem anderen, ich weiß nur, kurz darauf sah ich zu, wie er mit seinem schweren Armen auf das Meer einschlug, der Schaum, den er herumschaufelte, ließ mich gleichgültig.“

Martial Kermeur sitzt seinem Richter gegenüber, als die Erzählung beginnt. In der intimen Atmosphäre eines Dialogs erzählt Kermeur, wie es zu dem Mord an Lazenec gekommen ist, erzählt dem Richter die ganze Geschichte des Immobilienbetrugs von Anfang an, erzählt, dass ja nicht nur er selbst und andere private Anleger an dem Betrug finanziell zugrunde gegangen sind, sondern auch Gelder der Stadt in der Baugrube verschwunden sind. Ein Drama, das den Bürgermeister Le Goff als letztes Mittel in die Selbsttötung trieb. Der Richter, vielleicht der erste, der wirklich zuhört, lässt Kermeur erzählen, fragt nach, wie es zu diesem Immobilienskandal kommen konnte, wie Lazenec es schaffte, die Investoren über Jahre hinzuhalten und wie er das Geld, das er gerade für den Verkauf einer weiteren Wohnung eingenommen hatte, vor den Augen der Bevölkerung verschleuderte, statt endlich mit dem Bau zu beginnen.

Fast wie ein Therapeut wirkt der Richter manchmal, der alle Facetten des persönlichen Unglücks kennenlernen möchte. Und der manchmal selbst auch so in Rage gerät, wie es wohl kaum in seiner Rolle als Richter angemessen ist. „Kermeur, verflucht noch mal, Kermeur, wie konnten Sie nur?, und zugleich ließ er die Faust auf den Schreibtisch krachen, beinahe hätte er in seiner Wut die Dokumente von der Platte gewischt.“ Da hatte Kermeur erzählt, wie er sich endlich entschloss, eine kleine Wohnung zu kaufen.

Und wie der Richter, so steht auch der Leser auf der Seite Kermeurs, versteht, warum er diesen Mord begangen hat und wundert sich nicht im geringsten, wie er zu einem derart verwerflichen moralischen und vor allem auch offensichtlich nicht gesetzeskonformen Urteil kommen kann. Dabei ist es wohl nicht nur die auf der einen Seite kriminelle, auf der anderen Seite psychologisch komplexe Geschichte, die den Leser auf die vermeintlich falsche Seite zieht. Es ist sicherlich auch die Art und Weise wie Kermeur erzählt. Da reichen ein paar Bemerkungen, wie Pinselstriche fast, und der Leser hat ein ganzes Bild vor Augen. Da sind Sturm und Regen, da ist die Landschaft und das Meer, die alle immer wieder als Bilder in seine Erzählung hineindrängen und so für die geografische Verortung der Geschichte sorgen.

Auch wenn vielleicht die Geschichte des Betrugs in diesem Fall ein bisschen zu einfach erscheint, wenn vor allem nicht ganz nachvollziehbar ist, warum Lazenec es so viele Jahre so treiben kann, ohne dass ihm die Justiz einen Strich durch die Rechnung macht – ähnliche, wenn auch komplexere Fälle, wie Einzelpersonen und Stadtkämmerer das mühsam zusammengesparte Silber einem windigen Investor anvertrauen, kennen wir zur Genüge. Deshalb können wir Kermeurs Wut und Verzweiflung, seine Schuld und seine Scham so gut nachvollziehen.

Dass der Richter dann doch noch ein Ass aus dem Ärmel zieht, ein Ass, das es so wohl nur in der französischen Rechtssprechung gibt und auf das der französische Originaltitel viel mehr als die deutsche Hilfskonstruktion hinweist, gibt der Geschichte noch einmal einen ganz besonderen Schwung. Und beweist wieder einmal, dass auch in der vermeintlichen Provinz die Konflikte der großen Welt verhandelt werden.

Tanguy Viel (2017): Selbstjustiz, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Berlin, Wagenbach Verlag

Norbert Scheuer: Am Grund des Universums

Nach den Leseausflügen nach Paris, New York, Istanbul und wiederum Paris könnte die Eifelgemeinde Kall, in der die Romane Norbert Scheuers angesiedelt sind, kaum gegensätzlicher sein. Aber auch wenn dort alles einige Nummer kleiner ist als in den Weltmetropolen, so sind die Fragen der Menschen an das Leben, ihre Lebenspläne, ihr Glück und ihr Unglück, ihre Liebe und ihr Verrat doch gar nicht so verschieden zu den Problemen der Großstadtbewohner. Die Rolle von Wolkenkratzern, Museen und Galerien, Parks und U-Bahnen übernimmt die Landschaft, die das Leben der Menschen, ihre Träume und ihre Erzählungen prägt. Von einer übersichtlichen Menschenschar in Kall erzählt also Norbert Scheuer in seinem Roman und zeigt im Kleinen, dass es hier keineswegs ums Provinzielle geht, sondern durchaus um die großen und wichtigen Themen des Lebens.

Wer nach Kall reisen möchte, der nimmt in Köln den Zug in Richtung Trier. Fährt durch Bad Münstereifel und dann durch den Tunnel, hinter dem das alte Bergbaugebiet anfängt, das Kall vor Jahrzehnten zu einer wohlhabenden Gemeinde gemacht hat. Die aufgelassenen Stollen, Gänge und Höhlen, das Unsichtbare unter der Erde, es sorgt noch heute für immer neue Geschichten, die geheimnisvoll sind, magisch, ein bisschen verrückt. Immer noch gibt es die Geschichte vom legendären Silberschatz der Bergwerksgesellschaft, auf deren Suche schon manch einer in den Stollen verschwunden ist. Und auch der nahe See und die Urft bilden den Hintergrund und den Ausgangspunkt großer Abenteuer- und Liebesgeschichten.

Viele Geschichten kursieren immer noch. Von Lünebach zum Beispiel, der als Betriebselektriker im Zementwerk für die Technik zuständig und dann ein paar Jahre auf Montage war. Nun, in Frührente, hat er den verwahrlosten Hof der Eltern übernommen. Hier will er seiner Idee nachgehen und ein Raumschiff bauen, mit dem er bis zum Ende des Universums fliegen kann.

„Gefunden hatte Lünebach seine Raumkapsel in einem stillgelegten Steinbruch am Dorfrand von Keldenich; es war ein rostiger zylindrischer Bunker, in dem die Arbeiter während der Sprengungen Schutz vor Steinschlag gesucht hatten. Lünebach hatte mit einem Schneidbrenner zwei Löcher als Bullaugen in den Eisenmantel geschnitten, verkleidetet ihn mit hitzebeständigen Kacheln, die als Schutzschild beim Eintritt in die Lichtjahre entfernten Atmosphären dienen sollten.“

Nicht nur Lünebach zieht es fort aus Kall, auch andere Personen sind weggegangen – oder verschwunden. Sophia Molitors Vater, der letzte Bergwerksdirektor verschwand, vielleicht in den Stollen, wie andere Schatzsucher. Ihr Mann Eugen kam später nicht mehr aus China zurück. Auch Ninas Mutter ist verschwunden, nachdem sie Tochter und Sohn Gregor zu den Eltern nach Kall gebracht hat. Später, so erzählt Nina, hat sich ihr Bruder mit dem Faltboot des Großvaters bei Hochwasser auf der Urft aufgemacht zum Meer, um nach den Eltern zu suchen. Die Mutter fahre bestimmt auf einem der Kreuzfahrtschiffe und spiele für die Gäste auf ihrer Geige.

Weggegangen ist auch Paul Arimond. Ausgerechnet er, der stundenlang am See die Vögel beobachtet hat, ist als Soldat nach Afghanistan gegangen. Dort wurde er schwer verletzt, als der Mannschaftsbus auf dem Weg zum Flughafen auf eine Mine fuhr. Lange hat Paul gebraucht, um wieder gesund zu werden. Ist zwischendurch zurück gekommen nach Kall, im Rollstuhl, um dann weiter zu fahren nach Koblenz ins Bundeswehrkrankenhaus. Später hat er dann in Köln Biologie studiert und hat in Brasilien Vögel beobachtet. Nun, im Spätsommer 2014, kehrt er wieder zurück nach Kall und wird auch Nina wieder treffen, die ihm in den letzten Jahren Briefe geschrieben hat.

Darin hat sie erzählt, was passiert in Kall. Von den Grauköpfen zum Beispiel, den Rentnern Kalls, die sich jeden Morgen im Café des Supermarktes treffen und sich bei Kaffee und Brötchen die Neuigkeiten des Ortes berichten. Sie erzählen sich zum Beispiel die Geschichten von Vincentini, der sich bei Sophia Molitor eingemietet hat und über Land fährt, um den Menschen eine Behandlung mit seinem elektrischen Akupunkturgerät anzubieten. Dieses Gerät, Perseus genannt, ist ein wahres Wunderwerk, denn es helfe bei „Angstzuständen, Bluthochdruck, Bronchitis, Depressionen, Frigidität, Hautleiden, Herzschwäche, Verstopfung, Impotenz und sogar bei Verblödung.“

Die Grauköpfe erzählen auch von Lünebach, der aus seiner Raumkapsel Nachrichtenzettel abgeworfen habe und darauf von den Erlebnissen seiner Reise vom Grund des Universums erzählt. Sie erzählen vom Friseur Delamot, der die Haare der Kunden immer in ein Loch im Fußboden unter dem Abfalleimer gekehrt habe. In einem großen Kellergewölbe, das bestimmt mit den Stollen der Erzminen verbunden sei, habe er über die Jahre die Haare aller aus Kall und Umgebung gesammelt, die jemals in seinen Frisiersalon gekommen seien. Und bestimmt habe er immer wieder in all diesen Haaren gebadet und liege nun wahrscheinlich dort unten wie eine Schmetterlingslarve. Die Grauköpfe sammeln und erzählen wahre Begebenheiten, geben den Gerüchten einen ansprechenden Rahmen und unterhalten sich mit magischen Geschichten.

Und ihr ganz besonderes Interesse weckt natürlich das neue Bauvorhaben in Kall. Es soll nämlich der See erweitert werden, um dort eine Freizeitanlage zu errichten. Der Bauunternehmer Caspary und der stellvertretende Sparkassenleiter Raimund Molitor treiben diese Idee voran, sie wollen wieder Aufschwung, Wohlstand und Arbeitsplätze in die gebeutelte Provinz bringen. Und die Grauköpfe?

„Einige der alten Männer sind der Meinung, die Region könne nur davon profitieren, andere denken, wenn Caspary etwas in die Hand nehme, könne es eigentlich nur in einem Desaster enden – schließlich habe er schon mehrmals mit seinen Baufirmen Konkurs anmelden müssen.“

Norbert Scheuer erzählt – einerseits – an der Chronologie des Freizeitprojektes entlang, erzählt von den ersten Vorträgen und Präsentationen im Ratssaal, von den Politikern, die sich gerne überzeugen lassen, den umweltrechtlichen Gutachten, den Bauarbeiten und den Aufkäufen von Grundstücken entlang des Sees. Das ist die ganz reale Welt. Zwischendurch aber erzählt er auch von Ninas Kindheit und ihrer besonderen Erkrankung, erzählt von Sophias Interesse an der chinesischen Kultur, von alten Gasthöfen und unerhörten Liebschaften, erzählt von Legenden und Träumen. So entsteht auf der einen Seite eine Vielstimmigkeit, so, als würde ein ganzes Dorf gleichzeitig sprechen und als käme es auf die richtige Verankerung der Geschichte in der Realität und in der Zeit gar nicht an. Dieses Erzählen führt aber auch dazu, dass sich die vielen Mosaiksteinchen, die sich durch dieses Erzählen ergeben, für den Leser erst im Laufe der Geschichte zu einem kompletten Bild zusammensetzen. Und so manche Geschichte kommt auf überraschende Weise zum Ende, als nach dem Ablassen des Wassers vom Grunde des Sees so manche bedeutenden Gegenstände geborgen werden.

Scheuer hat viele seiner Romane in Kall angesiedelt. So kann man wohl sagen, dass sich im Laufe der Zeit ein kleinstädtischer Kosmos ergeben hat, der immer wieder an verschiedenen Stellen ausgeschärft und ergänzt werden kann. So gibt es auch hier Figuren, die in anderen Romanen schon einmal aufgetaucht oder eine wichtigere Rolle gespielt haben, die man nun wiedererkennt, vielleicht in ihrem familiären Kontext einordnen kann. Das ist aber nicht wichtig, denn auch wer keinen Kall-Roman vorher gelesen hat, wird hier auf seine Kosten kommen.

Und auch wenn Scheuers Sprache so leicht und luftig daherkommt und doch so genau, so mystisch und magisch und doch so real, so knapp und präzise und doch so komplex, so treibt die ganz reale und banale Wirtschaft die Geschichte voran, die Gier und der Wille zur Macht auf der einen Seite, auf der einen Seite die Hoffnung, ein größeres Stück vom Wohlstandskuchen mitzubekommen.

Es ist schade, dass Scheuers Roman im letzten halben Jahr so wenig in den Feuilletons, auf den Blogs und auch bei den Buchpreisen eine Rolle gespielt hat. Für mich ist der Roman eine wirkliche Entdeckung gewesen und ich reise bestimmt noch ein paar Mal – zumindest in Romanen – nach Kall.

Norbert Scheuer (2017): Am Grund des Universums, München, Verlag C.H. Beck

Eine weitere Rezension gibt es hier zu lesen.

Shumona Sinha: Staatenlos

Ewas über zwei Jahre ist es her, dass Shumona Sinha mit ihrem Roman „Erschlagt die Armen!“ zum großen Teil begeistert aufgenommen wurde von den Leserinnen und Lesern. Die fulminante Wut-Rede der indischstämmigen Protagonistin, die sich als Dolmetscherin in Asylverfahren aufgerieben fühlt zwischen den Gesetzen der EU, dem Formularwesen der Behörden, den offensichtlich gelogenen Verfolgungsgeschichten der Asylbewerber, die sie von den Schleppern zusammen mit der Transportleistung erworben haben, und ihre offensichtliche Ablehnung, sich den französischen Gepflogenheiten anzupassen, hatte Biss und Witz und zeigte die Komplexität der modernen Völkerwanderungen, die Verlierer auf allen Seiten erschafft.

Shumona Sinhas hat also die Messlatte für ihren neuen Roman „Staatenlos“ durchaus hoch gelegt. Und der Roman lässt sich nun wiederum in dem Teil der Gesellschaft verorten, in der die Menschen leben, die zwischen den Kulturen, dieses Mal der indischen und der französischen, wandern und auf der Suche sind. Aber nicht nur das.

Staatenlos,  „Apatride“, wie der Roman im Original heißt, sind die drei Frauen, aus deren Leben hier vor allem erzählt wird, auf den ersten Blick gar nicht. Marie ist als Baby von französischen Eltern in Indien adoptiert worden. Sie ist Französin, nun aber, erwachsen, auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern in Indien. Ein paar Wochen hält sie sich immer wieder in Indien auf, lernt dort auch Menschen kennen, die sich politisch engagieren, und hilft in Krankenhäusern. Dann reist sie wieder zurück nach Paris, trifft Freunde und Aktivisten. Esha, die Romanfigur, von der der Leser am meisten erfährt, ist Tochter begüterter Eltern, die sich, ausgestattet mit einer guten Ausbildung, ihren Lebenstraum erfüllt und nach Paris zieht. Sie fährt jeden Morgen mit der U-Bahn heraus aus der Innenstadt, wo sie wohnt, in den Vorort, die Banlieue, wo sie an der Schule den bunten Mix der sozial und gesellschaftlich benachteiligten Kinder in Englisch unterrichtet. Und dann ist da noch Mina, die Tochter armer bengalischer Bauern, die wenig Schulbildung hat, und beginnt gegen die Ansiedlung einer Automobilfabrik zu kämpfen, um die Enteignung der ohnehin armen Bauern zu verhindern.

Nein, staatenlos im juristischen Sinne sind alle drei Figuren nicht. Vielleicht sind Marie und Esha „heimatlos“, wie man das Wort auch übersetzen könnte, Mina ist es aber nach dieser Definition nicht. Shumona Sinha meint auch etwas anderes mit diesem Begriff:

„Unser Körper ist unser erster Lebensraum, unsere erste Heimat. Von dem Moment an, wo wir nicht mehr das Recht haben, über unseren Körper zu bestimmen, sind wir Vertriebene – verjagt aus unseren Körpern. Wir sind dann gewissermaßen staatenlos, wie man an den drei Hauptfiguren sieht.“ (Zitat Shumona Sinha)

In diesem Sinne sind die drei Frauen tatsächlich staatenlos und heimatlos, denn alle drei können nicht vollkommen selbstständig über ihren Körper – mithin über sich selbst – bestimmen. Vor allem nicht Mina in Indien, der die archaisch anmutenden gesellschaftlichen Normen jegliche Form der Selbstbestimmung nimmt. Es ist gleich die erschütternde Anfangsszene des Romans, in der Marie von Mina träumt. Und wenn der Leser fassungslos liest, wie Mina in Maries Traum in ihrem Grab erwacht, sich daraus befreit und beschließt, in die nächste Stadt zu gehen, dann will er es noch als üblen Traum abtun. Später, wenn erzählt wird, wie Mina ihren Cousin Sam liebt, mit ihm schläft und, als sie schwanger ist, von einer Hochzeit mit ihm träumt, erkennt der Leser, dass Maries Traum auf sehr wahren Begebenheiten beruht.

Allemal besser als Mina hat es Esha getroffen. Sie hat sich ganz bewusst für ein Leben in Paris entschieden, weil sie die Freiheit und Offenheit der Gesellschaft dem Leben in Kalkutta vorzieht. Zuerst pendelte sie zwischen den Städten hin und her, dann lernte sie einen Mann kennen, bekam eine Stelle als Lehrerin und blieb in Paris. Als sie ein paar Jahre später wieder alleine war, dachte sie, „so glücklicher zu sein, frei und unabhängig, ohne Partner und ohne Kind, ohne Bindung, die sie im Alltag behinderte, und hatte gehofft, dass ihre leidenschaftliche Kenntnis der französischen Sprache, ihr Studium und ihre Arbeit als Lehrerin genügten, um in diesem Land ihren endgültigen und rechtmäßigen Platz zu finden.“

Aber auch in Paris ist längst nicht alles so, wie Esha es sich vorgestellt hat. In der Schule beschimpfen die Schüler ihre Lehrerin wahlweise mit „Du hast mir gar nichts zu befehlen! Ich bin nicht dein Hund!“ oder „Zieh dir ne Burka an!“ und die Schülerinnen lehnen das Lesen von Texten Simone de Beauvoirs ab: „Das ist abartig!“ kommentieren sie den Hinweis Eshas, Beauvoir habe Männer und Frauen gleichermaßen geliebt. Beim Fahren mit der U-Bahn, beim Gehen durch die Einkaufszentren und Straßen muss sie sich immer wieder Blicke gefallen lassen und Bemerkungen wegen ihres exotischen Aussehens oder der fragwürdigen Herkunft ihrer guten Kleidung. Und die Bewilligung ihres Einbürgerungsgesuchs scheint wahlweise von ihrer Bereitschaft zum Sex mit dem Bearbeiter beim Amt oder ihrer Mitarbeit als Spionin gegen den Terrorismus abhängig zu sein.

Für Esha ist die Situation so belastend, dass sie beginnt, häufig umzuziehen, denn manchmal fühlt sie sich regelrecht verfolgt, bis in ihre Wohnung hinein. Sie leidet an ihrer Einsamkeit, weil sie sich für einen anderen Lebensplan entschieden hat als ihre Freunde von der Uni, die geheiratet haben und Kinder bekommen. Sie meint, sich rechtfertigen zu müssen für das Leben ohne Mann und ohne Kinder, meint, dass „sie frei war, [was] bedeutete, dass sie es für alle war, ihre Freiheit war nicht ihre Angelegenheit, sondern die der anderen und wurde bedroht von dem Verlangen der Männer und dem Misstrauen der Frauen.“ Ihre Hoffnung auf ein selbstbestimmtes und glückliches Leben in Frankreich erscheint ihr mehr und mehr als Hirngespinst.

Auf der ganz persönlichen Ebene der Figur Esha lässt sich sicherlich keine Kritik an ihrem Empfinden üben. So hoffnungsfroh wie Mina bis zum bitteren Ende ihres Lebens ist, so sehr sie immer wieder Zeichen sieht, dass sich alles für sie fügt, auch wenn schon ihre Eltern ihr das Zusammenleben aufkündigen und sie vor die Türe setzen, so mag Esha mehr und mehr unter ihren Lebensbedingungen in Paris leiden.

Auf der gesellschaftspolitischen Ebene, auf der Sinhas Roman „Erschlagt die Armen!“ aber eben auch so überzeugend funktionierte, weil sie die systemische Problematik des Asylrechts durch ihren Erzählansatz so klug darlegen konnte, funktioniert ihr neuer Roman jedoch nicht. Das liegt vor allem an der Konzeption des Romans, der gleich Einblicke gewährt in Leben, Denken und Fühlen dreier Frauen.

Deren Leben und die Qualität ihrer Probleme mit Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Selbstbestimmung aber sind höchst unterschiedlich. Natürlich sollen die drei Leben verschiedene Facetten der „Staatenlosigkeit“ zeigen, sollen deutlich machen, dass auch der Ausweg in den Westen, durch eigene Entscheidung wie bei Esha oder durch Adoption wie bei Marie, eben auch nicht die Lösung aller Probleme darstellt. Dabei werden die Geschichten der drei Frauen aber in unterschiedlicher Ausführlichkeit berichtet: Marie spielt eher eine Nebenrolle, dient gewissermaßen als – konstruktionsbedingt notwendiges – Bindeglied zwischen Esha und Mina, sodass dem Leser ihre „Staatenlosigkeit“ kaum nahe kommt. Und auch wenn Mina sicherlich die interessantere Geschichte hat, kommt auch ihr neben Esha nicht die erzählerische Bedeutung zu, die sie, auch angesichts der Thematik, verdient hätte.

Ja, Rassismus und Sexismus gibt es auch in der liberalen Gesellschaft, auch „im Westen“ ist die Entwicklung zu Gleichberechtigung, Toleranz und Respekt längst noch nicht abgeschlossen. Trotzdem, und darin immerhin unterscheidet sich Paris von Kalkutta, kann Esha einen Mietvertrag alleine unterschreiben, kann arbeiten und ihr Geld wieder ausgeben, nach Lust und Laune. Sie scheint auch so begütert zu sein, dass sie in ihrem Einbürgerungsverfahren gegen den übergriffigen Beamten auch eine rechtliche Beratung nutzen kann. Und so liegt der zweite Schwachpunkt des Romans gerade in diesem Vergleich der Lebensoptionen. Eshas und Minas Probleme aber sind keineswegs vergleichbar. Im Gegenteil – ein Vergleich beider Leben und der jeweiligen Lebenssituationen verbietet sich geradezu, wenn Forderungen nach weiteren Verbesserungen weiblicher Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft nicht ausgerechnet am Vergleich mit den Zuständen in anderen Ländern scheitern sollen.

Die konzeptionelle Stärke, die „Erschlagt die Armen!“ auszeichnete, sie entfaltet sich in „Staatenlos“ gerade nicht.

Shumona Sinha (2017): Staatenlos, aus dem Französischen übersetzt von Lena Müller, Hamburg, Edition Nautilus

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau

Es gibt Geschichten, die die Menschen seit Jahrtausenden faszinieren. Die immer wieder gleich und gleichzeitig immer wieder neu erzählt werden. Weil sie um einen festen Kern herum flexible Ränder besitzen, die jeder Erzähler problemlos an die Erfahrungswelt seines Publikums anpassen kann. Solch eine Geschichte ist die Erzählung von Ödipus, der, wie es das Orakel vor seiner Geburt geweissagt hat, erst seinen Vater erschlägt und dann seine Mutter heiratet. Diese tragische Geschichte um die Ermordung des Vaters und den Inzest mit der Mutter bietet ein so spannendes, herausforderndes und tragisches Erzählgerüst, dass Schriftsteller sich dieser Geschichte in allen Zeiten gerne bemächtigt haben – und Teile davon sogar in die Science-Fiction-Welten der Blockbuster gelangten. Und nun erzählt auch Orhan Pamuk eine neue, eine aktuelle Variation des Ödipus-Mythos.

Aber nicht nur das. Denn Pamuk stellt dem griechischen Mythos sein persisches Pendant zur Seite. In dem Heldenepos „Schāhnāme“, dem Werk des persischen Dichters Abū ʾl-Qāsim Firdausī, nämlich gibt es die Sage von Rostam und seinem Sohn Sohrab. Weil Rostam seine Frau Tahmine nach der Hochzeitsnacht verlässt, lernt er seinen Sohn Sohrab nicht kennen. Jahre später dann aber trifft er bei einer Schlacht auf einen jungen Mann, den er an seinem Armreif erst als seinen Sohn erkennt, als er ihn schon getötet hat. Den Kampf zwischen Vater und Sohn überlebt in diesem Mythos der Vater.

Der Konflikt zwischen den aus verschiedenen Gründen meist abwesenden Vätern und ihren Söhnen ist also der zentrale Konflikt des Romans Pamuks, ein Konflikt, der gleich in verschiedenen Facetten immer wieder durchgespielt und variiert wird. Die Hauptfigur des Romans ist Cem, zu Beginn 15 Jahre alt, dessen Vater von einem auf den anderen Tag verschwindet. Das ist durchaus schon häufiger vorgekommen, denn der Vater engagiert sich politisch und ist, es ist die Zeit des Militärputsches, schon mehrfach festgenommen worden. Doch dieses Mal ist es anders. So will die Mutter, die bisher in solchen Fällen immer eingesprungen ist, die Apotheke nicht weiterführen. Es stellen sich finanzielle Probleme ein und Cem sucht Arbeit, um die „Paukschule“ bezahlen, die auf die Zulassungsprüfung für die Universität vorbereitet.

Zunächst findet er einen Job in einer Buchhandlung. Und weil er sich Autoren- und Verlagsnamen so gut merken kann, gibt der Buchhändler Deniz Cem Bücher zum Lesen mit nach Hause. Cem mag Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, er mag die Erzählungen von Edgar Allen Poe, historische Romane über osmanische Kriegshelden und Gedichte. Aber ganz besonders beeindruckt ihn ein Buch über Träume, so sehr, dass er meint, dieses Buch habe sein Leben verändert.

In den Sommerferien hilft er seinem Onkel im Obstgarten. Viel mehr als der Obstgarten aber interessiert ihn der Brunnenbauer, der im Nachbargarten gräbt. Zum einen, weil Meister Mahmut ihn so an seinen Vater erinnert, zum anderen, weil ihn das Brunnenbauen so anzieht, ein bisschen vielleicht auch, weil es ihn an die Abenteuer bei Jules Verne erinnert. Weil er so neugierig ist, bietet Meister Mahmut ihm an, bei seinem nächsten neuen Brunnenprojekt in Öngören, einem Ort vor der Stadtgrenze Istanbuls, mitzuarbeiten.

So lernt Cem das Brunnenbauen kennen, das Meister Mahmut betreibt, wie es in den letzten tausend Jahren betrieben wurde. Und wie Cem, so lernt auch der Leser, welche große Bedeutung der Brunnenbauer, gerade in wüstenähnlichen Gebieten hat, denn erst der Brunnen ermöglicht die Nutzung des Grundstücks, in diesem Fall die Errichtung einer Textilfabrik:

„Ein Dorf, eine Stadt, eine Zivilisation gibt es nur dort, wo es Brunnen gibt. Eine Zivilisation ohne Brunnen gibt es ebenso wenig, wie einen Brunnen ohne Meister. Und wer sich einem Meister nicht unterzuordnen weiß, der kann bei ihm auch nicht arbeiten. Aber wenn wir hier Wasser finden, sind wir reich.“ Meint Meister Mahmut.

Und er nimmt mehr und mehr die Stelle des Vaters ein. Vielleicht auch, weil Cem der eigene Vater fehlt, nun mit 15 Jahren, da er ihn als Vorbild oder als Gesprächspartner bräuchte, an dessen Meinungen und Haltungen er sich reiben könnte. Abends sitzen sie unter dem Sternenhimmel vor dem Zelt und erzählen sich Geschichten. Einmal erzählt Meister Mahmut von Josef, der von seinen Brüdern in den Brunnen geworfen wird, weil er so schön und klug war, dass der Vater ihn den Brüdern vorzog. Das aber dürfe er nicht, meinte der Meister: „Ein ungerechter Vater macht den Sprössling blind.“ Diese Deutung lässt Cem ratlos zurück und er mag sie auch nicht, weiß aber nicht, warum.

Cem erzählt seinem Meister im Gegenzug auch eine Geschichte, auch eine, in der Blindheit eine wichtige Rolle spielt. Er erzählt die Geschichte aus dem Buch der Träume, die ihn so beeindruckt hat und nicht mehr loslässt. Es ist die Geschichte von Ödipus, die er nun erzählt. Und der Meister, dem die Geschichte gar nicht zusagt und der fragt, woher Cem sie habe, zieht wieder einen überraschenden Schluss, über den Cem sich wundert: „So hat Gott schließlich recht behalten. Seinem Schicksal kann niemand entrinnen.“

Manchmal verbringen Meister und Lehrling ihre Abende in Öngören. Der Meister trinkt Tee in einem Café, Cem streift durch die Straßen. Einmal sieht Cem dort die wunderschöne rothaarige Frau, in die er sich auf den ersten Blick verliebt. Fortan versucht er an den Abenden einen Blick auf sie zu erhaschen, geht ihr nach, steht vor dem Haus, in dem sie wohnt, geht in das Café, in dem sie mit Freunden sitzt und Raki trinkt. Sie gehört dem Ensemble des Wandertheaters an, das in diesem Sommer im Ort gastiert.

Als Cem endlich in einer Vorstellung sitzt, ist er völlig hingerissen von den Geschichten, die die Schauspieler erzählen und die sich aus allen möglichen westlichen und östlichen Quellen speisen. Sie spielen eine Szene aus dem Cyrano von Bergerac und aus Hamlet und die Geschichte Abrahams, der Gott um einen Sohn anfleht. Sie spielen aber auch Parodien auf aktuelle Werbespots. Besonders beeindruckt Cem die letzte Szene, in der die Schauspieler die Legende von Rostam und Sohrab spielen und der Trauer und der Reue so einen starken Ausdruck geben, dass im Zuschauerraum „kein Mucks zu hören war“. Cem meint, obwohl die Zuschauer ja im Dunkeln sitzen, die rothaarige Frau, die hinter Rostam und Sohrab steht, die Szenerie betrachtet und ihren Schmerz durch Wehklagen Ausdruck verleiht, blicke ihn dabei die ganze Zeit an.

„In jener Nacht schlief ich zum ersten Mal im Leben mit einer Frau. Es war ein wunderbares, geradezu erschütterndes Erlebnis. Auf einen Schlag dachte ich ganz anders über das Leben, über die Frauen, über mich selbst. Die rothaarige Frau brachte mir das Glück bei und lehrte mich, wer ich eigentlich war.“

Es spricht für Pamuks Kunstfertigkeit, wie er literarische Quellen so miteinander verknüpft, dass die aktuelle Geschichte um Cem gleich mehrfach gespiegelt wird. So wie die Szenen, die die Schauspieler im Theaterzelt auf die Bühne bringen, Cems Lebensgeschichte vorwegnehmen, so wird Cem seit seinen Jugendtagen immer wieder magisch angezogen vom Ödipus-Mythos und der Legende von Rostam und Sohrab und beschäftigt sich sein Leben lang mit ihnen in der Literatur und in der bildenden Kunst.

Beim Erzählen nutzt Pamuk die Freiheit der flexiblen Ränder und bricht immer wieder alle Erwartungen, die der Leser, wenn er die Geschichten auch kennt, möglicherweise hat. Nichts ist wirklich „echt“, nichts so, wie es zu sein „hat“, nicht die roten Haare, nicht die Position als Mutter, nicht einmal die Erzählperspektive. Im Kern aber verhandelt er den klassischen Konflikt zwischen Vater und Sohn, zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen Tradition und Moderne.

Pamuks Variation der Mythen aber lässt sich längst nicht nur als Cems Lebensgeschichte lesen, der als studierter Geologe und geschäftstüchtiger Immobilienentwickler in einer durchaus modernen Ehe auf der einen Seite Individualität und Rationalität lebt, auf der anderen Seite aber an den mythischen Geschichten hängt und immer wieder in ihre die Vorbestimmung betonenden Deutungsmuster zurückfällt. Pamuks Roman lässt sich durchaus aber auch auch als Geschichte der türkischen Gesellschaft lesen, die zwar seit den 1980er Jahren eine ungeheure wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung gemacht hat – ein Brunnenbauer wie Meister Mahmut ist angesichts der Blöcke mit Eigentumswohnungen in Öngören nicht mehr denkbar -, die aber immer noch den Traditionen verhaftet ist.

Es ist, als bewahrheite sich nicht nur für Cem die Geschichte, die damals am Brunnen Meister Mahmut Cem erzählt hat, als Antwort auf die schicksalhafte Geschichte von Ödipus. Es ist genau die Geschichte um die Bedeutung des Schicksals, die auch schon Salman Rushdie in seinem Roman „Golden House“ erzählt hat. Sie stammt von Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī, einem persischen Dichter des Mittelalters. Hier ist es ein Prinz, der Lieblingssohn des Sultans, der auf einem Fest neben seinem Vater einen „schwarzbärtigen, finster dreinblickenden Mann“ stehen sieht, in dem er den Todesengel Azrael erkennt. Als der Prinz diese Begegnung später seinem Vater erzählt, schickt der ihn sofort nach Täbris zu einem Freund, um sich dort zu verstecken. Zur Rede gestellt erklärt Azrael sei Erstaunen darüber, den Prinzen am Hof des Sultans zu sehen, denn er habe von Gott den Auftrag, zum Schah nach Täbris zu gehen, um sich dort das Leben des Prinzen zu holen. „Sprach´s und verließ den Palast.“

Orhan Pamuk (2017): Die rothaarige Frau, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, München, Carl Hanser Verlag

2017 – Ein verspäteter Lese- und Blogrückblick

Die Zeit der Leserückblicke auf 2017 – und Lesevorfreuden auf 2018 – ist ja fast schon vorbei. Mich hat das neugierige Interesse an einem rückschauenden Blick auf das vergangene Lesejahr offensichtlich erst verspätet erwischt, aber doch noch nicht zu spät, um mein Lesejahr 2017 noch einmal in den Blick zu nehmen.

Ich bin im letzten Jahr weniger zum Lesen gekommen und habe manchmal noch weniger Lust – manchmal auch weniger Zeit – gehabt, über das Gelesene zu schreiben. Denn irgendwie ist mir die die Motivation abhanden gekommen, die doch oft sehr zeitintensive und aufwendige Schreiberei über das Gelesene so regelmäßig zu betreiben, wie ich es in der Vergangenheit ganz selbstverständlich getan habe. Erkrankungen werden einen großen Einfluss darauf gehabt haben, wofür Zeit ist und Zeit verwendet werden soll, erst die der Eltern, dann eine eigene. Trotzdem haben sich genügend Bücher in meinen Lesekanon gereiht, die mir wiederum ganz neue Horizonte eröffnet, mich Vieles über die Welt gelehrt und meinen Blick auf mein Umfeld neu geschärft haben, Bücher, die mich sprachlich und konzeptionell herausgefordert haben.

Da sind vor allem die französischen Romane zu nennen. In besonderer Weise – und so wie ich es bei den deutschsprachigen manchmal auch vermisse – befassen sie sich mit der aktuellen gesellschaftlichen Verfasstheit, mit ihren Brüchen und Rissen. Aber selbstverständlich hat es auch zahlreiche beeindruckende deutschsprachige Romane gegeben, bei denen es mir dann doch schwer gefallen ist, meine Auswahl zu treffen.

Zunächst also der Blick auf die französischen Romane:

Shumona Sinha zeigt in ihrem Roman „Staatenlos“ (Edition Nautilus) die Situation dreier indischstämmiger Frauen auf. Mina, Tochter einer bengalischen Bauernfamilie, engagiert sich im Kampf gegen einen Automobilkonzern, der der die ansässigen Bauern um ihr Land bringen will, um einen neuen Produktionsstandort zu bauen und damit Arbeitsplätze zu schaffen. Letztendlich aber scheitert sie auf barbarische Weise an den archaisch anmutenden gesellschaftlichen Vorschriften. Esha dagegen, eine Tochter reicher indischer Eltern, kann ihren Traum von einem Leben in Paris verwirklichen. Sie unterrichtet Englisch in einer Schule, wohnt nahe des Zentrums und stellt einen Antrag auf die französische Staatsbürgerschaft. Innerlich jedoch verunsichern Rassismus und Sexismus sie mehr und mehr. Und Marie, die dritte Frau, ist als Kleinkind von französischen Eltern adoptiert worden und pendelt nun auf der Suche nach ihrer indischen Familie zwischen den Ländern.

Dass mich Virginie Despantes „Das Leben des Vernon Subutex“  begeistert hat, habe ich ja schon berichtet. Nicht nur die Handlung um den in einen finanziellen Abstiegsstrudel gerissen Vernon ist rasant, witzig, spannend und mit vielen überraschenden Wendungen erzählt. Vor allem die Einblicke in Denken und Handeln der unterschiedlichen Menschen, auf deren Sofas und in deren Gästebetten Vernon immer für ein paar Tage strandet, erweisen sich als grandiose Blicke auf die verschiedenen gesellschaftlichen Milieus. Und geradezu erschreckend ist das rechte Gedankengut, das sich einige der Figuren angeeignet haben.

Tanguy Viel lässt in seinem Roman „Selbstjustiz“ (Wagenbach Verlag) einen Mörder zu Wort kommen. Martial Kermeur, Vater des 17-jährigen Erwan, ein unauffälliger Bürger, der lange Jahre in den Rat der Stadt gewählt wurde, hat beim Angeln auf hoher See Antoine Lezenec über die Reling gestoßen und so seinen Tod verursacht. Nun sitzt er vor seinem Richter und soll den Tathergang genau schildern. Und der Richter scheint, wie der Leser auch, seine Sympathien zu finden für diesen Mörder eines Immobilienentwicklers, der nicht nur Kermeur ganz übel mitgespielt hat.

Und bei den deutschsprachigen Romanen:

In einem ziemlich verregneten Sommerurlaub in den Bergen hat die neu herausgebrachte Rostocker Ausgabe der „Mutmassungen über Jakob“ von Uwe Johnson mich wie schon vor vielen Jahren begeistert und so erfolgreich von trüben Blicken auf das ewig regnerische Wetter abgehalten. Sprache und Konstruktion des Romans sind auch beim Wiederlesen beeindruckend n. Beeindruckend aber ist auch die Klarheit von Johnsons Blick auf die ostdeutschen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse gewesen. Und die Kommentare der Herausgeber tragen noch einmal wichtige Hintergrundinformationen zum Roman, zu seiner Entstehungs-, Veröffentlichungs- und Rezeptionsgeschichte zusammen.

Robert Menasses „Hauptstadt“ hat mich begeistert, denn es ist doch eigentlich unmöglich, so habe wahrscheinlich nicht nur ich gedacht, einen ironischen, spannenden und die Brüssler EU-Bürokratie entlarvenden Roman verfassen zu können, in dem trotz- und alledem die ursprüngliche politische Idee eines vereinten Europas wieder in Erinnerung gerufen wird. Geht aber wohl doch. Robert Menasse hat es bewiesen und ist dafür auch gleich mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden.

Ebenso unwahrscheinlich schien es vor Petra Morsbachs Roman „Justizpalast“ (Knaus) so interessant, so umfangreich, so vielschichtig und mit so tiefen Einblicken über die Arbeit mit den Gesetzen zu schreiben. Und auch wenn Leser sich möglicherweise manchmal vergewissern mögen, ob sie nicht doch ein juristisches Sachbuch lesen, dann sind die zahlreichen dargestellten Fälle, die Thirza Zorniger, die Hauptfigur des Romans, bearbeitet, ihre rechtsphilosophischen Reflexionen und auch ihre Beobachtungen und Berichte aus dem inneren Leben des Justizpalastes mit seinen persönlichen Schicksalen, seinen persönlichen Krisen und seinen so menschlichen und kollegialen Zwistigkeiten, eine wirklich sehr lohnenswerte Lektüre.

Über einige der hier in meiner Art „Liste der besonderen Romane 2017“, Romane, die vielleicht nicht nur mich beeindruckt haben, sondern auch in 10 Jahren noch interessierte Leser finden werden, habe ich noch nichts geschrieben. Es würde sich schon lohnen, den Berg der „unverbloggten“ Bücher abzubauen. Mal schauen, ob ich das hinbekomme oder es doch immer mal wieder ruhiger auf dem Blog wird.

Salman Rushdie: Golden House

Erzähler dieser „goldenen Geschichte“ ist René Unterlinden, Sohn eines belgischstämmigen Professorenpaares – die beiden sitzen gerne abends beim Schein ihrer Lampen über ihre Bücher gebeugt – und angehender Filmemacher. René hat gerade sein Studium abgeschlossen und möchte einen Film über seine Nachbarschaft drehen, aber es fehlt ihm der Plot, der seiner Geschichte antreibt und ihr Spannung verleiht. Immer wieder sinniert René über sein Erzählkonzept, fügt Passagen des Filmscripts in die Erzählung ein, ergeht sich in Andeutungen und Bewertungen und macht so den Leser zum Mitwisser – fast wie Frank Underwood es in House of Carts betriebt. Seinen Plan für ein recht ambitioniertes Epos jedenfalls hat René schon zu Beginn formuliert:

„Mit der grenzenlosen Ichbezogenheit der Jugend hatte ich begonnen, mir einen großen Film vorzustellen oder einen Filmzyklus im Stil eines Dekalogs, der von Migration handeln sollte, von Transformation, Angst, Gefahr, Rationalität, Romantik, sexueller Umwandlung, der Stadt, von Feigheit und Mut; nicht weniger als ein panoramaartiges Porträt meiner Zeit. Mein bevorzugter Stil sollte etwas sein, das ich für mich Opernhafter Realismus nannte, mein Thema der Konflikt zwischen dem Ich und dem Anderen. Ich versuchte, ein fiktionales Porträt meiner Nachbarschaft zu entwerfen, aber es war eine Geschichte ohne treibende Kraft.“

Da kommen die neuen Nachbarn gerade recht. Denn in das lange unbewohnte Haus an der MacDougal Street in New York zieht genau am Tag der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten Obama die Familie Golden ein. Die vier Männer, ein Vater mit seinen drei durchaus erwachsenen Söhnen, alle mit römischen Vornamen und dem englischen Nachnamen, aber der Hautfarbe nach zu urteilen offensichtlich weder aus Italien noch aus den USA stammend, sind so ungewöhnlich und geheimnisvoll, dass die Nachbarn sich für sie zu interessieren beginnen. Aus welchem Land stammen sie wohl, warum muss ihre Herkunft ein Geheimnis sein und was hat es mit den merkwürdigen Vornamen auf sich? Für René Unterlinden bieten die Goldenes alles, was er für seine außergewöhnliche Geschichte braucht.

In dem gemeinsamen Hinterhofgarten ihrer Häuser gewinnt René die Freundschaft der drei Söhne, er hört ihre Geschichten und nimmt mehr und mehr an ihrem Familienleben teil, bis er selbst zu einem Familienmitglied wird und so die Rolle des Beobachters verlässt. Dabei – so scheint es – missbraucht er ihr Vertrauen, denn er verarbeitet ihre Geschichten, ihre Dramen und Nöte hemmungslos in seinem Buch.

Von Migration sollte sein Film handeln vom Konflikt zwischen dem Ich und dem Anderen, so hatte er ja sein Erzählziel formuliert. Nun kann er also von den Goldens erzählen, die, so stellt sich heraus, aus Mumbai eingewandert sind. Ein reicher Geschäftsmann ist der schon über 70-jährige Nero Golden, der sich ohne Probleme in der New Yorker Baubranche, die bisher von einer Handvoll New Yorker Familien dominiert wurde (!), zurechtfindet und so erfolgreich wird, dass nach ein paar Jahren zahlreiche Häuser mit der goldenen Aufschrift „Golden“ das Stadtbild prägen. Warum er mit seiner Familie aus Indien ausgewandert ist, ob es tatsächlich an dem religiös motivierten Terroranschlag lag, bei dem seine Frau ermordet wurde, das bleibt lange ein Geheimnis. Dass Neros Auftreten von René so inszeniert wird, dass er dem Leser erscheint, wie Jack Nicholson in „Die Hexen von Eastwick“, lässt schon bestimmte Vorahnungen entstehen.

Auch die drei Söhne bieten viel Erzählstoff, so unterschiedlich, wie sie sind, so unterschiedlich, wie sie die Möglichkeiten der Stadt New York für ihre persönlichen Entwicklungen nutzen. René erzählt also von Petronius Golden, genannt Petya, dem ältesten Sohn Neros, einem Autisten, der sich zurückzieht in sein Zimmer und hinter seine PC. Petya hat Angst vor der Welt und hält sich am liebsten im sicheren Kokon eines Hauses auf oder er sitzt – wie Forrest Gump – sinnierend auf einer Bank im durch die umstehenden Häuser geschützten Innenhofgarten. Dass er als PC-Spieleentwickler sehr erfolgreich ist, das stellt sich erst spät heraus. Und dass er sich in eine Frau verliebt, in die angesagte Künstlerin Ubah Tuur, ist einer der Auslöser der dramatischen Ereignisse, in die die Familie Golden gerät, denn auch sein Bruder Apu interessiert sich für Ubah.

René erzählt also auch vom zweitältesten Sohn Apu, eigentlich Lucius Apuleius, der erst in New York seine Begabung als Künstler erkennt und sich in der Kunstszene schnell einen Namen macht. Vielleicht auch besonders befeuert durch seine Freundschaft mit Ubah, die der Star der Bildhauerszene ist. Und natürlich erzählt René auch vom dritten Sohn, der sich den Namen Dionysos gewählt hat, aber nur D Golden genannt wird. Es ist der Jüngste, der Sohn einer Geliebten, der sich in der Familie immer fremd fühlt und der nun in New York endlich erkennt, dass er als Frau leben möchte.

Vom Konflikt zwischen dem Ich und dem Anderen sollte die Geschichte getragen werden, so hat René formuliert. Mit Spielarten dieses Konflikts haben alle Figuren zu tun. Alleine schon die Frage nach der eigenen Identität, verstärkt durch die Migration und die neuen Namen – dieses Motiv nutzte auch Paul Auster in seinem Roman „4 3 2 1“ als Triebkraft seiner Erzählung – führt zu Verunsicherungen, auch wenn die Familie in einem sehr begüterten und liberalen sozialen Umfeld lebt.

Die Spannungen zwischen dem Ich und dem Anderen treibt persönliche Entwicklungen voran, wie bei Petyas Werdegang zum Spiele- und App-Programmierer, wie bei D Transformation zu einer Frau. Diese Spannungen sind aber auch Auslöser heftiger Konflikte zwischen den Familienmitgliedern, großer Dramen zwischen den Brüdern, zwischen Vater und Söhnen, zwischen Nero und seiner jungen Ehefrau, der Russin Vasilisa, die hier, einer Lady Macbeth gleich, voller Berechnung nach Macht und Einfluss in der Familie Golden strebt.

Als Opernhaften Realismus bezeichnet René seinen präferierten Stil, als erdachtes großes Drama in einem realen gesellschaftlichen Umfeld. Das gesellschaftliche Umfeld speist sich aus der Nachbarschaft in New York, aus der Präsidentschaft Obamas, besonders aber aus den Verweisen auf den Wahlkampf Trumps, der hier als Joker mit angeborenen grünen Haaren sein Unwesen treibt und das leider nur die New Yorker, nicht aber der Rest des Landes, richtig einzuschätzen wissen. Und so wie hier die Comicfiguren den Wahlkampf illustrieren, so erzählt René, der Kinoliebhaber, viele anderen Szenen auch, als würde er seine Protagonisten in Filme stellen, deren Bilder, wenn man die Filme denn kennt, dann tatsächlich klar vor dem inneren Auge erscheinen.

Es ist einerseits spannend, wenn Leser die beschriebenen Szenen Filmen zuordnen und sich eine weitere Deutungsebene der Charaktere durch den Kontext der Filme ergibt. Andererseits funktioniert der Transfer der Filmbilder in den Roman doch nicht, denn die Figuren werden so zum Teil überdramatisiert und bleiben – anders als im Film – schablonenhaft. Und so ist es das Problem dieses thematisch überaus komplexen Romans, dass die einzelnen Figuren leblos bleiben. Selbst die dramatische Geschichte Ds, seine Unsicherheiten, seine Zweifel, seine ersten Versuche mit Frauenkleidern – es packt den Leser nicht: Der Opernhafte Realismus, er bleibt hinter den erzählerischen Möglichkeiten zurück. So wird der Roman eher von der Spannung des Handlungsverlaufs getragen, nicht so sehr von der Vielschichtigkeit und Entwicklung der Figuren.

Die durchaus spannende Handlung wird auch von einer knappen Erzählung getragen, die – was für eine zufällige(?) Lesebegegnung – genauso auch im aktuellen Roman Orhan Pamuks „Die rothaarige Frau“ eine wesentliche Rolle spielt. Da kommt der Diener eines Händlers aufgeregt vom Markt zurück und bittet seinen Herrn darum, ihm ein Pferd zu leihen, sodass er schnell nach Samarra reiten kann. Er habe nämlich, so berichtet der Diener, auf dem Markt den Tod getroffen und der habe ihn so drohend angeblickt, dass er nun ganz schnell aus Bagdad verschwinden wolle. Der Herr gibt dem Diener das Pferd und sucht später auf dem Markt selbst den Tod auf, um zu fragen, warum der Tod den Diener so geängstigt habe. Das habe er nicht gewollt, erwidert der Tod, er sei mehr erstaunt gewesen, ihn hier auf dem Markt zu sehen, wo er doch abends mit ihm eine Verabredung in Samarra habe.

Es geht also um die Frage, ob selbstbestimmte Entscheidungen das Leben ordnen oder doch alles schicksalhaft vorgegeben ist, der Mensch seinem Schicksal gar nicht entkommen kann. Eine spanndende Frage – bis zum Schluss.

René, so hat er zu Beginn festgehalten, will nichts weniger als eine „goldene Geschichte“ verfassen, eine Geschichte, so verstanden die alten Römer dieses Sprachbild, die eine ganz große Erzählung ist, „ein wilder Einfall“, „etwas, das ganz offensichtlich nicht der Wahrheit entsprach. Ein Märchen. Eine Lüge.“ Das ist ihm – mit Einschränkungen – gelungen.

Salman Rushdie (2017): Golden House, übersetzt von Sabine Herting, C. Bertelsmann Verlag München

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Es sind im Moment die französischen Autoren, die die aktuellen und spannenden Geschichten erzählen, die realistischen, die lauten und schrillen Geschichten, die in schönster Selbstverständlichkeit Risse und Brüche in der Gesellschaft ausleuchten und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen: Yannick Haenel gehört zu diesem Autoren mit seinem Roman „Die bleichen Füchse“, in dem er seinen erst arbeits- und dann obdachlosen Protagonisten Jean Deichel in die Gesellschaft der Flüchtlinge aus Mali führt, die Gesellschaft der Sans-Papiers, der illegal Eingewanderten, die ein „Manifest der bleichen Füchse“ entwickeln. Oder Shumona Sinha mit „Erschlagt die Armen.“ und einer Protagonistin, die, selbst nach Frankreich eingewandert, bei Asylverfahren ihrer Landsleute dolmetscht und dadurch tiefe Einblicke in die verfahrene Situation des europäischen Asylrechts geben kann und die nun einem Migranten in der Metro eine Flasche Wein über den Kopf geschlagen hat.

In diesen Kanon lässt sich auch Virginie Despentes mit ihrem Roman über Vernon Subutex einreihen. Sie verortet ihre Romanhandlung allerdings nicht in den Einwanderungsmilieus und sie gestaltet ihre Geschichte mit einem großen Figurenensemble auch wesentlich vielschichtiger als Haenel und Sinha. Wütend sind die Figuren in allen drei Romanen.

Die Ausgangssituation ist ähnlich wie in Haenels Roman: Vernon Subutex, ehemals Mitglied einer Rockband und Besitzer des Kult-Plattenladens „Revolver“, hat die Digitalisierung kalt erwischt, der „Napster-Tsunami“ hat seinen Laden ruiniert, 2006 muss er ihn schließen. Er lebt bescheiden und kann sich ein paar Jahre finanziell über Wasser halten, weil er erst Restbestände des Ladens, dann immer mehr private Sammelobjekte übers Internet verkauft, die eine oder andere Musikbesprechung veröffentlichen kann und sich im Jobcenter meldet. Angeleitet von seiner netten Beraterin entwickelt er eine Routine darin, Bewerbungen zu schreiben, damit er die darauf folgenden Absagen vorzeigen kann. Sogar für eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten bewirbt er sich – vergeblich. Und dann, nun ist er Ende 40, streicht die vielleicht doch nicht so nette Beraterin seine Unterstützung.

Wie sein Romanbruder Jean Deichel gerät er während seiner Arbeitslosigkeit mehr und mehr in eine soziale Isolation. Einige seiner Musikkumpel sterben. Und er schafft es oft gar nicht, sich bei Freunden und Bekannten zu melden, zu groß ist die Scham, dass er nicht einmal eine Flasche als Gastgeschenk mitbringen kann. So ist es allein sein alter Freund Alex Bleach, auch ein Kumpel aus den alten Bandzeiten, der nun als Schlagersänger so erfolgreich ist, der einspringt, wenn es wieder einmal mit der Miete klemmt. Nun aber ist Alex tot, mit zu viel Drogen ertrunken in der Badewanne, und Vernon hat seit drei Monaten seine Miete nicht zahlen können. Da steht schon der Gerichtsvollzieher vor der Tür: Vernon hat 15 Minuten, um in eine Tasche zu packen, was er in den nächsten Tagen dringend braucht.

Schon diese ersten Seiten, die komprimierte Erzählung von Vernons finanziellem und sozialem Abstieg, erst langsam, dann immer schneller werdend, sind so packend geschrieben, dass der Leser sich kaum entziehen kann. Auch wenn Vernon sachlich nüchtern über seine Situation erzählt, so folgt der Leser ihm doch dabei, wie er um seine Freunde trauert, die nun gerade alle sterben. Wie er es sich in seiner Wohnung scheinbar bequem macht und seine Tätigkeiten, um Kalorien zu sparen, auf ein Minimum reduziert. Folgt ihm, wenn Vernon wieder die amtlichen Schreiben liegen lässt, wenn es ihm immer schwerer zu fallen scheint, auch die einfachen täglichen Aufgaben zu erledigen. Folgt ihm, wenn er wie ein Rohrspatz auf den Vermieter schimpft, dem er „seit 10 Jahren diese Scheißmiete [zahlt]. Zehn Jahre. Mehr als neunzigtausend Euro. In die Taschen eines Arschlochs, das fürs Nichtstun bezahlt wird.“ Packt mit ihm, gelähmt vor Panik, seine Tasche, als er aus der Wohnung fliegt und auch beim Leser tritt „die Erinnerung an die Dinge, die er in der Wohnung gelassen hat, in seiner Brust eine Steinlawine los.“

Das Mitfühlen ist nicht uneingeschränkt, denn Vernon lebt ein Leben, das den meisten Romanlesern vielleicht doch nicht ganz so vertraut und geläufig ist. Seine Interessen scheinen – neben der Musik- vor allem den Drogen und dem Sex zu gelten und wie er über Frauen denkt, wie er sie taxiert und bewertet: Das ist alles andere als politisch korrekt. Und trotzdem schafft Virginie Despentes es, dass sich auch die Leserin für Subutex interessiert, dass sie ihn ab zu mal schütteln möchte, damit er doch nicht völlig abrutscht und ganz auf der Straße landet. Das liegt vermutlich daran, dass Vernon auch ein guter Beobachter ist, einer, der, trotz seiner überaus prekären Situation, seine Umgebung durchaus genau und klug und auch sehr ironisch-scharfzüngig zu analysieren weiß.

Erst einmal kann Vernon den kompletten Abstieg noch verhindern. Er wirft nun doch einmal einen Blick in seine Facebook-Freundesliste und nimmt Kontakt auf zu dem einen und der anderen, mietet sich als Couchsurfer für jeweils ein paar Tage bei ihnen ein. Es sind alles Menschen, die er seit Jahrzehnten kennt, denn sie haben zusammen Musik gemacht, haben zusammen gefeiert, getrunken, haben miteinander geschlafen. Nun, Jahrzehnte später, leben sie als reiche Erbin oder als einsame Verwaltungsangestellte mit Eigentumswohnung, als Postbote, dem die Frau weggelaufen ist, weil er sie immer wieder verprügelt hat, als erfolg- und mittelloser Drehbuchautor mit reicher Gattin, dessen Schwiegervater seine Tochter gewarnt hat, sich unter Stand „zu paaren“. Ein schwerreicher Banker, der zur abendlichen Entspannung Privat-Partys veranstaltet, entdeckt Vernon als fantastischen DJ, der ein gutes Händchen für die Musik hat und, die Mädels damit so richtig anmacht.

Es entfalten sich bei Vernons Reise durch die Wohnungen Paris´ Blicke auf ganz unterschiedliche Lebensläufe, Einstellungen, Werte. Despantes erzählt ganz eng aus der Perspektive der verschiedenen Figuren, findet für sie alle eigene sprachliche Besonderheiten. Zwischen deren Perspektiven wechselt sie immer wieder virtuos hin und her und erschafft so durch die Darstellungen der eigenen und der fremden Wahrnehmungen, durch Spiegelungen und ihre Reflexionen, komplexe Einblicke in ihre Figuren.

Und was sich dem Leser da bietet, sind Figuren, die allesamt völlig gebrochen sind. Alkohol und Drogen sind ihre täglichen Begleiter, das Altern ihrer Körper ist ihnen ein großes Problem, denn es dreht sich ja schließlich alles nur um Sex. Sie sind egoistisch, überheblich und selbstgefällig, rücksichtslos, lächerlich und manipulativ, auf verschiedene Arten gewalttätig. Sie haben wenig Emotionen und brauchen den ganz besonderen Kitzel, die besondere Intensität, um sich lebendig zu fühlen. Sie sind kraftvoll, temperamentvoll, manchmal scharf(züngig) in ihrer Beobachtung, manchmal witzig oder ironisch, manchmal auch unfreiwillig komisch. Sie sind vor allem aber voller Energie, und voller Energie schreien sie auch ihre Wut heraus, dass der Leser es manchmal kaum aushalten kann. Und trotzdem verrät Despentes ihre Figuren nicht, gibt ihnen allen auch Ideen und Gedanken mit, gibt ihnen vor allem Geschichten mit, die ihr Verhalten sicherlich nicht rechtfertigen, aber erklärbar machen.

Es bietet sich an, ja, es drängt sich geradezu auf, die Figuren den verschiedenen sozialen Milieus zuzuordnen und den Roman – auch – als Gesellschaftskritik zu lesen. Diese Lesart bietet sich auch deshalb an, weil immer wieder, egal, welche Figur gerade erzählt, rechte Ideen geäußert, reflektiert oder auch kritisiert werden. Aber sie sind da, bei den Kindern der Alt-Linken, den Kindern der Einwanderer, beim Drehbuchautor, beim kleinen Angestellten von H&M, der immer freundlich und zugewandt hinter den Kunden die Garderoben aufräumt, beim Vorzeige-Intellektuellen der Identitären sowieso. „Jeder muss sehen, wo er bleibt“, denkt Xavier, der Drehbuchautor, und gibt das Lebensmotto vor für viele Figuren des Romans, denen die alten Ideen von Solidarität und Gemeinsinn abhanden gekommen sind. Das ist so einseitig wie der Ausschnitt der Gesellschaft, den Despentes hier beleuchtet. Aber das sie eben genau dahin blickt, in die verschiedenen Subkulturen, und uns davon erzählt, das ist die besondere Leistung des Romans.

Und Vernon? Der ist am Ende ganz unten angekommen, auf der Straße, im Winter, im Regen, fiebrig. Aber er ist auch der in den sozialen Netzwerken am meisten gesuchte Mensch. Despentes hat viele Erzählfäden ausgelegt, die noch nicht entwirrt sind. Ein bisschen müssen wir uns noch gedulden. Im kommenden Frühjahr wird der zweite Teil der Vernon-Subutex-Trilogie auf Deutsch erscheinen.

Virginie Despentes (2017): Das Leben des Vernon Subutex, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Köln, Kiepenheuer & Wirtsch

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Das Image „Europas“ ist denkbar schlecht. Und mitten hinein in dieses Europa führt Robert Menasse mit seinem Roman. In die Brüsseler Büros der Europa-Beamten, in ein Brüssel der Think Tanks und des Lobbyismus, in ein Brüssel, in dem sich eine Baustelle an die andere zu reihen scheint und in dem auch gerade im Hotel Atlas ein Mord verübt worden ist. Also mitten hinein in ein ganz quirliges Brüssel, in dem Europa „gemacht“ und verwaltet wird.

Ja, es steht wirklich schlecht um „Europa“. Die Bürger schimpfen nur noch über lästige und kleinliche Vorschriften einer offensichtlich aufgeblasenen Bürokratie. Von Meinungsumfrage zu Meinungsumfrage bewerten die Bürger die Arbeit der Institution schlechter. Beim letzten Mal waren es gerade einmal noch knapp 40 Prozent, die die Arbeit der Kommission positiv bewerten, ein denkbar schlechter Wert für die Arbeit Grace Atkinsons, der gerade neu ins Amt berufene Generaldirektorin der GD KOMM mit den immer kalten Händen. Da kommt ihr bei der spontanen Feier zu ihrem runden Geburtstag, während der Kommissionspräsident eine Rede hält und die Gratulanten, die gleich Torte und Champagner mitgebracht haben, mit ihr anstoßen, die Idee einer Feier. Nach einer von mehreren möglichen Lesarten wird die Kommission in zwei Jahren fünfzig Jahre alt und der runde Geburtstag wäre doch ein guter Anlass, denkt Atkinson erheitert vom Champagner, für eine schöne Geburtstagsfeier. Und so ist die Idee zum Big Jubilee Project geboren, so könnte „die Kommission fröhlich im Mittelpunkt stehen, als Geburtstagskind, dem man gratuliert.“

Die Idee des Big Jubilee Project greift Fenia Xenopolou, die sich mit ihrer Berufung zur Direktorin Kommunikation auf ein Karriereabstellgleis gestellt fühlt, begeistert auf und sieht hier ihre Chance gekommen, sich mit einer ganz besonders guten Feier für bessere Jobs zu empfehlen. So beauftragt sie ihren Mitarbeiter Martins Susmann, einen Archäologen, damit, ein Konzept zu entwickeln.

„Grace Atkinson war zunächst froh, dass sie so schnell eine so begeisterte Mitstreiterin gefunden hatte. Und am Ende war sie heilfroh, denn durch das überdeutliche Engagement der unglückseligen Kultur geriet in Vergessenheit, dass sie es gewesen war, die diese letztlich katastrophale Idee gehabt hatte.“

Denn Martin Susmann hat die Idee, dass ganz unbedingt Überlebende der KZ im Mittelpunkt der Kommissionsfeierlichkeiten stehen müssen. Denn im erklärten Willen, dass es nie wieder ein Auschwitz geben dürfe, liege ja die Gründungsidee Europas. Das war es dann mit der Idee einer fröhlichen Geburtstagsparty. Aber Susmann schickt sein Konzept nun auf den Weg durch die Gremien und Abteilungen, und dem Konzept geht es fast so wie dem sprichwörtlichen Schwein, das durchs Dorf getrieben wird.

Und Schweine kommen tatsächlich viele vor in Menasses Brüssel (und in seiner Sprache). Eines läuft durch Brüssel, ein rosafarbenes Hausschwein. Von der Rue de la Braie aus läuft es am Bauzaun entlang, rechts zur Ecke zur Rue du Vieux Marché aux Grains, im Galopp vorbei am Restaurant Menelas, dann Richtung Hotel Atlas und weiter zur Kirche Sainte-Catherine. Und viele haben es gesehen: David de Vriend, der als Letzter aus dem Haus hinter dem Bauzaun auszieht und noch einmal aus dem Fenster auf die Straße blickt; Kai-Uwe Frigge, der sich mit Fenia Xenopolou im Restaurant trifft, weil sie hofft, dass er ihr helfen kann, zurück in den attraktiveren Bereich TRADE zu gelangen; Ryszard Oswiecki, der beim eiligen, aber trotzdem möglichst unauffälligen Verlassen des Hotels Atlas auf das Schwein aufmerksam wird, wie es da auf dem Vorplatz des Hotels steht; Martin Susmann, Leiter der Abteilung EAC-C-2 „Programm und Maßnahmen Kultur“ und dabei Fenia unterstellt, der in dem Haus neben dem Hotel Atlas wohnt und gerade das Fenster öffnet, um zu lüften und zu rauchen; Gouda Mustafa, der fast über das Schwein fällt, zur Seite springt, dabei das Gleichgewicht verliert und in einer Pfütze landet und dem nun wiederum Alois Erhart, emeritierter Volkswirt aus Wien, der auf Einladung eines Think Tanks in Brüssel ist und gerade auf dem Rückweg ins Hotel, aus der Pfütze hilft.

In diesem ausgezeichneten Prolog stellt Menasse uns – und man ist fast geneigt zu sagen: im Schweinsgalopp – sein Figurenensemble vor, das sich an diesem Abend im Januar fast vollzählig in der Nähe des Hotels Atlas versammelt hat, springt dabei von einer Person zur anderen, immer dem Weg des Schweins folgend. Und stellt hier nicht nur seine Figuren vor, die die verschiedenen Aspekte der europäischen Idee leben und arbeiten, sondern gibt auch schon einmal einen Einblick in das Erzählkonzept des Romans, das genau so assoziativ von Figur zu Figur springt, damit auch von Ort zu Ort, von David de Vriends Zimmer im Altersheim zu Ryszard Oswiecki in Warschau, dann wieder zu Florian Susmann auf der österreichischen Autobahn in Richtung Ungarn, zu Kommissar Brunfaut, der in einem Brüsseler Café auf einen Freund aus der IT-Abteilung wartet und zu Alois Erhart, der sich auf dem Weg zu einem Treffen seines Think Tanks befindet, der Reflection Group „New Pact for Europe“.

Die Irrungen und Wirrungen rund um die bürokratischen Entwicklungen um die Vorbereitungen des fünfzigjährigen Kommissionsgeburtstags bilden aber nur einen Handlungsstrang des Romans. Ein anderer führt den Leser mitten hinein in die Welt des internationalen Lobbyismus. Denn Martins Bruder Florian ist der Vorsitzende der Union der europäischen Schweineproduzenten (EPP) und muss sich nun mit dem Gezerre um die Schweine zwischen der EU und den nationalen Agrarpolitiken herumärgern. Da scheinen nämlich einzelne Staaten gerade mit den Chinesen exklusive Schweine-Handelsverträge zu vereinbaren, während die EU es nicht schafft, eine höhere Exportquote für Schweine mit China zu verhandeln. Und dann ist da ja auch noch der Mord an einem Gast des Atlas-Hotels, von dessen Aufklärung Kommissar Brunfaut plötzlich von oberer Ebene abgezogen wird, da sind seine bis hierher gemachten Recherchen schon von seinem Rechner verschwunden.

Robert Menasse erweist sich als brillanter Erzähler, der seine vielen Erzählfäden souverän in den Händen hält und noch der kleinsten Erzählfaser mit ganz großer Erzähllust folgt, um den Leser in ein ganz komplexes Europa voller aktueller, aufregender und bizarrer Figuren und Themen zu locken. Der die EU-Beamten, die deutschen vor allem, als EU-Cycling Group mit dem Rad zur Arbeit fahren lässt, nicht nur, damit sie dabei schon die wichtigsten Informationen austauschen können, sondern auch um den Autos, die notorisch auf den Fahrradwegen parken, Aufkleber auf die Seitenfenster zu kleben: „Sie stehen im Weg.“ Der nicht nur die verrückten Reaktionen der Medien und der Menschen Brüssels auf das Hausschwein erzählen kann, sondern uns auch den pensionierten Lehrer David de Vriends so nahe bringt, seine Überlegungen und Erinnerungen so lebhaft schildert, dass wir seine Demenz, beobachtet von den Betreuerinnen des Altersheims, fast nicht glauben können. Der uns staunen lässt, dass in Auschwitz die Herstellerfirma der Besucherkaffeemaschine „Enjoy“ heißt und auf der Besucherkarte aufgedruckt ist: „Verlieren Sie diese Card nicht. Im Verlustfall haben Sie keine Aufenthaltsberechtigung im Lager.“ Und der blitzschnell zwischen einer herrlichen Ironie und einem ernsten Erzählton wechseln kann.

„Die Hauptstadt“ ist ein ganz faszinierender Europa-Roman, der höchstens auf den ersten Lese-Blick ganz leicht und luftig daherkommt. Denn hier werden am Beispiel der verschiedenen Figuren die Probleme rund um „Europa“ verhandelt und es wird, nicht nur beim Big Jubilee Project, die einigende politische Idee für Europa gesucht. Die Idee hat Alois Erhart, der emeritierte Wirtschaftsprofessor, der sich seit seiner Studienzeit mit den Ideen des Wirtschaftens in post-nationalen Staaten beschäftigt. Auch wenn er weiß, dass er scheitern wird, lässt er sich nicht abhalten, seine Überlegungen zu einer europäischen Hauptstadt einer zunehmend entsetzt zuhörenden Reflecting Group vorzutragen. Und macht sich dann auf den Weg zur U-Bahn-Station, um zuürck nach Wien zu reisen.

In der U-Bahn-Station schließt Manesse seinen Erzählreigen, wenn er hier wiederum seine Figuren, die auf ihren verschiedenen Wegen durch die Stadt hier warten, versammelt, so wie sie sich auch zu Beginn an einem ganz denkwürdigen Platz befunden haben. Und wer am Ende des Romans noch einmal den Prolog liest, der wird vielleicht nicht nur den Mordfall klären können.

Robert Menasse (2017): Die Hauptstadt, Berlin Suhrkamp Verlag

Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben

Shockie kämpft für die „Jammu und Kashmir Islamic Force“ und ist auf dem Weg nach Delhi, um dort auf einem Markt eine Bombe zu zünden. Es wird eine der sogenannten kleinen Bomben sein, eine Bombe, mit nur relativ wenigen Toten und Verletzten, über deren Zerstörung nur in den regionalen Medien berichtet werden wird. Eine Bombe aus dem Material, das er jeweils vor Ort kauft, sodass er keine Spuren hinterlässt, die die Polizei zurückverfolgen könnte. Eine kleine Bombe, die nicht mehr bewirkt als einen Nadelstich, aber immerhin einer, der so viel Öffentlichkeit schafft, dass wieder einmal auf die Zustände in Kaschmir hingewiesen werden kann, wo die indische Verwaltung in aller – ungerechten – Härte gegen die muslimische Bevölkerung vorgeht. Und Shockie denkt, während er am Bahnhof von Delhi den Schmutz und Dreck betrachtet und die vielen Menschen, „dass der Verlust einiger kaum tragisch oder gar wichtig wäre.“

Karan Mahajan setzt die Geschichten der Figuren in seinem Roman, der Opfer wie auch der Täter, dieser zynischen Haltung des Attentäters gegenüber. Denn natürlich ist der Tod eines Familienmitglieds tragisch und wichtig. Vikas und Deepa Khurana nämlich verlieren bei der von Shockie auf einem Markt gezündeten Bombe ihre beiden Söhne, Tusha und Nakul, elf und dreizehn Jahre alt. Mit ihrem moslemischen Freund Mansoor sind die beiden Jungen mit der Autorikscha zum Markt gefahren, um den Fernseher der Familie von der Reparatur abzuholen. Als die Bombe explodiert, sind sie sofort tot – und hundert andere Passanten und Marktbetreiber auch.

Mansoor, den seine Eltern normalerweise vor lauter Sorge kaum aus dem Haus gehen lassen und der sich nun zu dem aufregenden Ausflug auf den Markt von seinen beiden Freunden hat überreden lassen, überlebt den Anschlag, er hat „nur“ einen Splitter im Arm und Verletzungen an den Händen. In beiden Familien aber entfaltet diese Tragödie mit der unmittelbaren Trauer nicht nur eine sofortige Wirkung, sondern auch eine langfristige, denn das Attentat zerstört noch Jahre später das Leben der Familienmitglieder. Die kleinen Bomben, die gar nicht die unmittelbare große Aufmerksamkeit finden, sie zerstören die Betroffenen – und die Gesellschaft – langsam und stetig, wie ein langsames und lang wirksames Gift.

Und es ist eine durch und durch zerstörte Gesellschaft, die Mahajan uns hier zeigt: Die Khuranas, eine hinduistische Familie, scheitern daran, ein modernes und selbstbestimmtes Leben führen zu wollen: Vikas hat seinen Beruf als Wirtschaftsprüfer aufgegeben, weil er lieber Dokumentarfilme machen möchte, aus finanziellen Gründen aber verlassen Deepa und Vikas nicht seine Familie und Delhi, wo es schwer ist, sich als Filmemacher einen Namen zu machen. Mansoor Ahmeds Eltern leben als muslimische Außenseiter in Delhi – die meisten moslemischen Familien sind längst aus Indien weggezogen – haben es aber mit ihrem Kunststoffunternehmen zu einem wohlhabenden Leben geschafft. Aber Mansoor wird in seiner Schule als einziger Moslem gehänselt und drangsaliert, ein Trauma, das er sein ganzes Leben mit sich herumträgt. Und beim Kauf eines neuen Hauses lassen sich die Ahmeds so über den Tisch ziehen, sowohl aus Unachtsamkeit als auch aus der Sorge heraus, dass es alles andere als selbstverständlich ist, wenn Hindus ihnen ein Haus in guter Lage verkaufen, dass ihre Ersparnisse weitestgehend aufgebraucht sind.

Beide Familien versuchen durch ihre Freundschaft über die Religionsgrenzen hinweg eine ganz besondere Liberalität zu leben, doch Vorurteile, Vorbehalte und Vorwürfe schwelen unter einer dünnen und brüchigen Oberfläche. Da halten sich Mansoors Eltern mit bösen und gehässigen Beschimpfungen der Khuranas überhaupt nicht zurück, als sie auf dem Weg ins Krankenhaus, wo man die Leichen Tushas und Nakuls hingebracht hat, noch in Sorge um den eigenen Sohn sind; dass die Khuranas um ihre Söhne trauern, zählt in diesem Moment nicht.

Und der Staat? Zeigt in allen Bereichen auch kein vorbildliches Verhalten. Die Stimmung gegen die moslemische Bevölkerung ist , sicher auch durch den islamischen Terror, so angeheizt, dass es überall zu Übergriffen durch die Polizei kommt und auch Politiker scheinen dieses Vorgehen öffentlichkeitswirksam zu unterstützen. Um Ermittlungserfolge vorzuweisen, nimmt die Polizei wahllos Menschen fest und präsentiert sie den Opferfamilien als Täter. Und so können Deepa und Vikas einen der vermeintlichen Täter des Bombenanschlags auf dem Markt auch im Gefängnis aufsuchen, der dann vor ihren Augen gefoltert wird. Der Prozess zieht sich dann über Jahre, obwohl alle staatlichen Institutionen wissen, dass sie die falschen Angeklagten festhalten und vor Gericht zerren.

Es ist wahrhaftig eine zerrüttete Welt, über die Karan Mahajan in seinem Roman erzählt. In Episoden zeigt er das Zustandekommen des Anschlags und begleitet das Leben der beiden betroffenen Familien. Und erzählt von Ayub, einem moslemischen Aktivisten, der sich mit seiner Gruppe, die sich ganz klar den friedlichen Ideen Gandhis verschrieben hat, zunächst darum müht, den Angeklagten des Attentats einen fairen Prozess und menschenwürdige Haftbedingungen zu verschaffen. Dass das Private immer auch politisch ist, das erweist sich, als seine Freundin Tara, eine Hindu-Frau und Mit-Aktivistin, ihn dann ganz plötzlich verlässt, weil sie zum Masterstudium in die USA gehen will und er sich von ihr verraten und instrumentalisiert fühlt. Von nun an radikalisiert er sich mehr und mehr und schließt sich schließlich einer Terrorgruppe an, die wiederum von Shockie ausgebildet wird.

Mahajan hat ein differenziertes Figurenensemble gewählt, das vielfältige Blicke auf die verschiedenen, immer verheerenden Wirkungen des Attentats zeigt. Auch wenn er seine Figuren nie verrät, so schildert er sie doch so, dass es keine wirklich sympathische Figur gibt, Deepa und Vikas vielleicht ausgenommen, weil sie alle etwas Kleinliches, Schäbiges oder Unehrliches mit sich tragen. Denn über die politischen und gesellschaftlichen Kränkungen hinaus scheitern sie vor allem an ihrer ganz persönlichen Gier, Eitelkeit oder auch Sucht.

So unterbricht Mansoor sein IT-Studium in den USA, weil die Schmerzen in seinen Händen, die er als Folge des Bombenanschlags lange behandeln lassen musste, nach vielen Jahren unvermittelt wiederkehren. Auch in Delhi weiß kein Arzt Rat und so hat Ayub leichtes Spiel, ihn nicht nur zu ein paar Yoga-Übungen und Meditationen zu überreden, sondern ihn vor allem vom Segen des regelmäßigen Gebets in der Moschee überzeugen. Dass die Schmerzen vom ausschweifenden Onanieren, immer wieder inspiriert vom Betrachten amerikansicher Pornoseiten, stammen und nun ausgerechnet Anlass einer strengen Religiosität werden, lässt sich vielleicht gerade noch als Beispiel einer verklemmten Sexualmoral lesen, schlittert aber eben auch höchst knapp am Klischee vorbei.

Trotzdem schafft Mahajan es schon, die geradezu toxisch wirkenden Spaltungen innerhalb einer Gesellschaft, in der Gewalt in allen Formen alltäglich ist, präsent zu machen. So kann der Roman nicht nur als Analyse individueller und gesellschaftlicher Problemfelder, sondern auch als Mahnung gelesen werden, es nicht zu so einer Spaltung der Gesellschaft kommen zu lassen. Mahajan hat da wohl für Indien wenig Hoffnung, denn keine seiner Figuren schafft hier auch nur ein Stückchen Hoffnung. Immerhin kommen die Ermittlungen der Polizei doch noch zu einem im Ansatz gerechten Ergebnis, denn Shockie wird zum Ende des Romans doch noch festgehommen.

So politisch und gesellschaftlich ambitioniert Mahajans Geschichte von den kleinen Bomben sein möchte, so verzahnt und in ständigen Wechselbeziehungen die individuellen Geschichten erzählt werden, so problematisch ist jedoch die sprachliche Gestaltung. Da mag die opulente und Adjektiv lastige Sprache vielleicht auf Formen des indischen Erzählens verweisen, das kann hier kaum beurteilt werden. Die an vielen Stellen nicht flüssige, sondern abgehakt wirkende Erzählung, die vielen schiefen Bilder oder widersprüchliche Beschreibungen, das alles beeinträchtigt die literarische Qualität deutlich. Da verwundert es sehr, dass die New York Times das Buch zu den zehn besten des Jahres gekürt hat.

Karan Mahajan (2017): In Gesellschaft kleiner Bomben, aus dem Englischen von Zoë Beck, Hamburg, CulturBooks Verlag

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass Politiker ohne Bedenken ihre Großmutter verkauften – oder Schlimmeres täten -, wenn sie dadurch in den Besitz der siebten Sprachfunktion kämen. Denn wer diese Sprachfunktion beherrscht, der kann nach Belieben irgendetwas behaupten und seinen Zuhörer mühelos überzeugen. Kritische Anmerkungen, die dann auch noch den Zusatz „postfaktisch“ beinhalten, würde es dann nicht mehr geben.

Schon im französischen Präsidentenwahlkampf zur Wahl im Jahr 1981, so erzählt uns Binets Roman, waren die Kandidaten Giscard d´Estaing und Mitterand hinter dem Geheimnis dieser Sprachfunktion her. Es war klar: Wer von den beiden in das bisher unbekannte Geheimnis dieser Wirkmacht der Sprache gelangte, der würde auch als Sieger aus der Wahl hervorgehen. Und Roland Barthes scheint sie, die wichtige siebte Funktion, nach genauestem und wiederholtem Studium der Schriften des Linguisten Roman Jakobson, der immerhin sechs Funktionen en Detail definiert und erläutert hat, gefunden zu haben. Da liegt der Verdacht nahe, dass der Unfall am Zebrastreifen, just nachdem Barthes von einem Mittagessen mit Mitterand kommt, kein Zufall ist.

Kaum ist der Unfall geschehen und Barthes ins Krankenhaus gebracht, da macht Kommissar Bayard sich daran, den Fall zu untersuchen, einen Toten gibt es freilich noch nicht, nur einen Verletzten. Bayard verhört erst einmal Michel Foucault, Zeuge des Unfalls, der jetzt schon weiß: das war Mord. Und weil Bayard, einem Juristen und Polizisten, die Welt der Philosophen und Linguisten, der Poststrukturalisten und der Semiotiker, wie ein einziges Rätsel erscheint, sucht er einen Semiotiker, der ihm die Zeichen dieser Welt deutet.

Er findet ihn in dem Doktoranden Simon Herzog, der gerade eine Vorlesung hält über die Mythen des „James Bond“. Er erklärt den Namen Ms und die Rolle Qs so kreativ, dass nicht nur Bayard, sondern auch der Leser staunt bei diesen Dechiffrierungshypothesen. Aber Herzog überzeugt den Kommissar letztendlich durch eine ganz genaue Ableitung der Biografie und Lebensumstände Bayards, alleine durch Deutung dessen Bewegungen im Raum und seiner Kleidung – und erfreut den Leser, der sich gleich an die sekundenschnelle Kombinationsgabe Sherlocks in den neusten Verfilmungen erinnert fühlt. So machen die beiden sich auf, den Fall, der ja noch gar kein Fall ist, zu klären.

Sie erleben dabei erstaunliche Vorfälle: der Präsident persönlich erteilt ihnen den Auftrag zur Ermittlung und damit auch zur Suche des einen Blattes, auf dem Barthes wahrscheinlich die siebte Sprachfunktion notiert hat. Dieses Blatt dürfe auf keinem Fall den Kommunisten und Sozialisten in die Hände fallen. Im Laufe ihrer Ermittlungen werden sie beschattet und verfolgt von geschmacklos gekleideten schnauzbärtigen Bulgaren mit giftgespickten Regenschirmen in einem Citroen DS und von Japanern in einem neuen Renault Fuego. Sie ermitteln in Nachtclubs und Saunen und lernen Slimane, Hamed und Saïd kennen, nordafrikanische Prostituierte aus dem Umfeld Barthes und Foucaults. Immer wieder werden sie aufmerksam auf einen Polizisten, dem ein Fingerglied fehlt und bald erfahren sie von einem geheimen, seit Jahrhunderten wirkenden Debattierclub, dem Logos-Club, bei dem der Unterlegene eines Argumentationswettkampfes auch schon einmal das Glied eines Fingers, die ganze Hand oder auch mehr verlieren kann.

Binet zieht bei der Ausklärung dieses Falls jedenfalls alle Register: ausgehend von dem verbürgten Unfall Barthes schickt er den Leser auf eine spannende und rasante, auf eine immer wieder witzige und bis zum Ende überraschende Ermittlungsreise durch die Universitäten, die Cafés – auch Sartre hat hier seinen Auftritt – und die Bars und die Nachtclubs von Paris, schickt ihn nach Bologna zu Umberto Eco und mitten hinein in das Bombenattentat am Bahnhof, zu einem Linguistenkongress in die USA an die Cornell University und zum Schluss noch nach Venedig im Karneval, wo der Großmeister des Logos-Clubs herausgefordert wird durch denjenigen, der nunmehr meint, im Besitz der siebten Sprachfunktion zu sein. Weil der Erzähler wo er geht und steht Anspielungen hinterlässt und Hinweise gibt,  weiß der Leser oft mehr als die Figuren und so wird er unmittelbar mit hineingezogen in die Aufklärungsarbeit, wird selber zum Entdecker und Dechiffrierer der vielen Zeichen.

Um Zeichen und Mythen geht es ja sowieso. Denn Bayard spielt virtuos mit den Theorien Barthes, mit den Ideen der Semiotiker und Poststrukturalisten, verstreut jede Menge Anspielungen auf die politische Situation in Frankreich und die politischen Akteure und überzeichnet genüsslich die Intellektuellenszene Frankreichs. Sie sind alle hier versammelt: Derrida und Althusser, Debray und Balibar, die Kristeva und Philippe Joyaux, genannt Soller, und Bernard-Henri Lévy, meist BHL genannt – mit all ihren Eitelkeiten und Animositäten und mit ihrem Streben nach Macht und Einfluss, sodass sie den Politikern in nichts nachstehen. Und so hat der Leser wahrscheinlich ganz besonders viel Spaß an der Lektüre, der viel weiß von den linguistischen und philosophischen Diskursen der frühen 1980er Jahre in Frankreich und der noch Erinnerungen hat an die politischen Debatten. Und so kann der ganz tief poststruktualistisch geprägte Leser vielleicht auch den paar ganz langen Dialogen mit großer Freude folgen, die andere Leser eher ermüden.

Einen Autor gibt es in diesem Text natürlich auch. Der schaltet sich immer mal ein und erzählt von seinen Recherchearbeiten, erzählt, wie er die Umgebung erkundet, erklärt dem Leser, warum es jetzt wichtig ist, die eine oder andere Person einzuführen und ihr einen Namen zu geben: „Nennen wir ihn Nikolaj“. Kein bisschen tot ist der Autor in diesem Roman. Und Simon Herzog auf der anderen Seite, er ist ja eine der Hauptfiguren, beginnt zu argwöhnen, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wenn er in den letzten Monaten der Ermittlungen mehr erlebt hat als bisher in seinem ganzen Leben, eine Liebesszene auf dem Seziertisch des Anatomischen Hörsaals aus dem 17. Jahrhundert unter dem Dach der Universität Bologna inbegriffen. So beginnt er immer häufiger darüber nachzudenken, ob er nicht vielleicht doch nur eine Figur in einem Roman ist. Immerhin erklärt auch Morris Zapp in seinem Vortrag in Cornell, dass es

„am Ursprung der Literaturkritik einen methodischen Grundfehler gibt, der darin besteht, Leben und Literatur zu verwechseln (Simon horcht auf), während das überhaupt nicht dasselbe ist und völlig unterschiedlich funktioniert. „Das Leben ist transparent, die Literatur ist undurchsichtig“, sagt der Engländer. Das ist die Frage, denkt Simon.“

Und die siebte Sprachfunktion? Vielleicht gibt es sie ja doch. Mitterand hat schließlich die Wahl zum Staatspräsidenten gewonnen, in nur einer Fernsehsendung überzeugte er die Wähler. Und Slimane, der Stricher, kann noch jeden Türsteher überreden, ihn hereinzulassen, selbst wenn der „Türsteher“ von einer amerikanischen Behörde ist und die Einreise in die USA überwacht. Und wenn die Kenntnis des Umgangs mit der siebten Sprachdunktion erst einmal in der Welt ist…

Laurent Binet (2017): Die siebte Sprachfunktion, aus dem Französischen übersetzt von Kristian Wachinger, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

Uwe Johnson: Mutmassungen über Jakob

Es braucht nur ein paar Sätze und schon ist er wieder ganz präsent, dieser so typische Klang der Johnson-Sprache. Eine Sprache, die Worte nutzt, denen Johnson auch unübliche Bedeutungen abringt, die immer wieder diesen ungewöhnlichen Satzbau hat, der ganz eigene Rhythmen entwickelt, einen eigenen Sog entfaltet für diejenigen Leser, die sich davon packen lassen. Eine Sprache, die Blicke freigibt auf scheinbar unwichtige Details und dadurch soviel zur Atmosphäre beiträgt und soviel auch über die Charaktere verrät. Und die Werkausgabe Johnsons, die in diesem Frühjahr mit dem ersten Band, den „Mutmassungen über Jakob“ gestartet ist, hat den Anstoß gegeben, Johnson wieder zu lesen und diesen ganz speziellen Kosmos wieder zu entdecken, der seine Werke ausmacht.

Es gilt beim Lesen immer wieder zu bedenken: „Mutmassungen über Jakob“, die Geschichte um Jakob Abs, Dispatcher bei der Reichsbahn der DDR, die im Jahr 1956 angesiedelt ist – die Widerstände in Ungarn und ihr Ende durch den Einmarsch sowjetischer Truppen bilden den politischen Rahmen – ist tatsächlich der Debütroman Uwe Johnsons. Und entfaltet schon alles, was auch die späteren Romane ausmacht, die besondere Sprache und Konstruktion natürlich, vor allem aber das Ausloten der Frage, welche Wirkungen die politischen Verwerfungen auf das Leben der Menschen hat.

Als der Roman 1959 erschien, von Beginn an erfolgreich wie nur wenige Debüts, da war die Frage, wie es zu Jakobs Tod gekommen ist, eine durchaus aktuelle. Aber auch heute, fast 60 Jahre später, sind die „Mutmassungen“ längst nicht nur ein historischer Roman, der die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte ausleuchtet, sondern durchaus aktuell. Denn die Frage, wie Menschen sich unter politischem Druck entscheiden, welche Kraft ihnen abverlangt wird, „richtig“ zu leben, auch wenn das gegen die Liebe ist, gegen Freundschaften, gegen die Familie, die ist ja eine durchaus zeitlose.

„Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen“. Sagen die Freunde und Kollegen Jakobs, wenn sie beginnen darüber zu mutmaßen, wie es denn nur passieren konnte, dass Jakob, der doch ein sehr kundiger Eisenbahner ist und das Risiko des Gehens quer über die vielen Gleise genau einschätzen kann, zu Tode gekommen ist. Auch wenn das Unglück an einem Novembertag passiert ist, die Gleise feucht waren und Nebel die Sicht behindert hat, scheint die Version des Unfalltodes unglaubwürdig. Ist es nicht doch ein Selbstmord gewesen – oder ist er gar getötet worden von der Stasi?

Und Gründe für alle drei Optionen lassen sich leicht finden. Denn da spielt ja nicht nur das Wetter eine Rolle, sondern es gilt auch die Tatsache zu berücksichtigen, dass Jakob Abs ins Visier der Staatssicherheit geraten ist. Eigentlich aus reinem Zufall und weil Heinrich Cresspahl wegen des Singens eines vielleicht politisch unkorrekten Liedes in der Dorfkneipe Jerichows im Spitzelbericht nach Berlin auftaucht. Den Bericht liest der gerade zum Hauptmann beförderte Rohlfs, der die Berichte aus der Provinz sichtet, um für sich ein neues Betätigungsfeld abzustecken und der sich erst wundert, welche Belanglosigkeiten die Leute in die Berichte schreiben. Ein paar Zeilen später aber stößt er auf den Hinweis, dass eben dieser Cresspahl eine Tochter hat, Gesine, die nicht nur republikflüchtig ist, sondern im Westen auch noch als Dolmetscherin für die NATO arbeitet. Und so kommt er an Jakob, der mit seiner Mutter bei Cresspahl einen neuen Wohnort gefunden hat, als sie am Ende des Krieges bei der Flucht aus dem Osten in Jerichow gestrandet sind. Über Jakob, der seit seiner Ankunft in Jerichow mit Gesine zusammenlebt wie mit einer Schwester, will Rohlfs an Gesine kommen, will sie als Agentin „gewinnen“. Dabei hat er da seine Methode:

„Sie haben schon die Gewohnheit, nur das allenfalls Straffällige zu sehen, damit erfahren Sie nichts. Sie wissen mehr von einem Menschen, wenn Sie rauskriegen, wie er seine Kinder behandelt und ob er seinen Freunden gefällig ist für Gegendienste oder bloss so […]. Zwischen Staatsbürger und Staatsfeind darf man nicht eine Grenze ziehen vorher. Jedermann ist eine Möglichkeit.“

Und so beginnt Rohlfs, sein Netz um die Beteiligten zu spinnen. Er reist nach Jerichow, hört sich um, was die Leute erzählen, beobachtet Cresspahl, holt Erkundigungen ein über Cresspahl und Jakob, über ihre finanziellen Verhältnisse, ihre Arbeitsmoral, über Jakobs Beziehungen zu Kollegen, zu Frauen, über seinen Tagesablauf. Rohlfs spricht Jakobs Mutter auf ihre Beziehung zu Gesine an – und die erschreckt sich so, dass sie innerhalb von ein paar Tagen ihre Flucht nach West-Berlin vorbereitet und umsetzt. So kann Rohlf die Fäden seines Netzes immer enger um Jakob schlingen.

„Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ – dieser geniale erste Satz, der, immer wieder ausgesprochen von den Freunden, verweist nicht nur auf das außergewöhnliche Ereignis sondern drückt auch auf ihre Zweifel an der Unfallversion aus und auch ihre Achtung vor dem Können und den Kenntnissen Jakobs. So treiben die Freunde in ihren Gesprächen miteinander, in ihren Monologen auch, einen Teil der Erzählung voran, nämlich durch ihre Rekonstruktionen der Ereignisse der Tage und Wochen vor Jakobs Tod. Jede der Stimmen kann nur ihre – begrenzte – Sicht der Dinge berichten, jede Stimme liefert nur ein paar Mosaiksteine. Erst der Leser kann alle Steine zusammentragen – und wird auch scheitern bei der Aufklärung des Falles.

Damit ist schon ein wichtiges Konstruktionsmodell des Romans beschrieben: Denn Teile des Romans bestehen aus Dialogen der Beteiligten. Da spricht Jonas Blach, ein Anglist aus Ost-Berlin und der Freund Gesines, mit Jöche aus Jerichow, dem Lokomotivführer und alten Freund Jakobs; da telefonieren Gesine und Jonas und es spricht Rohlfs mit Gesine. Auch Monologe von Rohlfs, von Blach und Gesine fließen in den Erzählverlauf ein. Eine dritte Erzählinstanz ist die des neutralen Erzählers, der die Geschichte chronologisch vorantreibt und die Klammer bildet für die verstreut eingeschobenen Dialog- und Monologprotokolle. Diese Konstruktion – und die wenigen Hinweise des Autors zur Frage, wer gerade spricht – machen die Lektüre vor allem zu Beginn zu einer Herausforderung, motivieren den Leser aber auch dazu, die verwirrten Fäden zu entwirren und bringen ihn so in die Rolle des Aufklärers – und ein bisschen auch in die eines Agenten, der ja oft mit ähnlichen unzuverlässigen Informationsschnipseln arbeitet.

Auch die Sprache macht es dem Leser nicht immer einfach: Den im schönsten mecklenburgischen Platt vorgetragenen Sätzen können vielleicht durch lautes Lesen noch die Bedeutungen abgerungen werden, die russischen Sätze dagegen lassen sich jedoch auch mithilfe dieser Methode nicht für alle Leser enträtseln. Insgesamt aber zeigt sich in diesem Debüt schon die ganz typische Johnson-Sprache. So kreiert er eine Stimmung, die so „grau und rauh“ ist, wie der Wind, der an der Ostseeküste ständig bläst. Und so sind auch die Figuren norddeutsch kühl, rauh, gradlinig und sehr konsequent in ihren Entscheidungen, die jeder von ihnen für sich trifft, auch ohne Rücksicht auf die, die ihm nah sind. Dabei kreisen diese Entscheidungen immer um die eigene Haltung zum politischen System, um das Bleiben oder Weggehen, um die Hoffnungen, im eigenen Land etwas verändern zu können oder um die Hoffnungslosigkeit in dieser Frage.

Und die Lektüre lohnt sich aus einer ganzen Reihe weiterer Gründe: da ist die ganz beeindruckende Erzählung über die Art und Weise, wie Jakob arbeitet, wie er in vielen, vielen Überstunden immer wieder versucht, für pünktliche Züge zu sorgen, obwohl er doch nur eine Mangelwirtschaft verwaltet, entstanden durch den Abbau von Schienen durch die Russen, durch fehlende Kohle, die der große Bruder nicht liefert, weil die DDR nicht mit Westdevisen zahlen kann; da ist die Beschreibung des Katz- und Mausspiels zwischen Jakob und Rohlfs, das entsteht, als plötzlich Gesine auftaucht und nach Jerichow reisen möchte; da sind die Hoffnungen der Menschen auf politische Veränderungen, die den einen oder anderen angesichts der Kämpfe in Ungarn ganz unvorsichtig werden lassen; da ist die ganz wunderbare Darstellung der vielen Unzulänglichkeiten eines Stundenten bei seinem Vortrag, die jedem heutigen Lehrer und Dozenten deutlich machen: Früher war es auch nicht besser.

Die „Mutmassungen über Jakob“ sind nun der erste Band der Werkausgabe Uwe Johnsons, der „Rostocker Ausgabe“. In dem zusätzlichen Material zum Roman ist nicht nur ein umfangreicher textkritischer Apparat zu finden, in dem die Übersetzungen des Russischen nachgeschlagen sowie die Verweise, die Johnson so zahlreich in seinen Roman eingebunden hat, nachgelesen werden können. Er enthält auch ein sehr lesenswertes Nachwort, in dem die Geschichte der Entstehung des Romans, seiner Veröffentlichung und seiner Rezeption geschildert wird und das auch erklärt, warum Johnson das „ß“ weitestgehend meidet. Abbildungen im Buch zeigen Ausschnitte aus der Bearbeitung der verschiedenen Textfassungen und das erste Gutachten Walter Maria Guggenheimers, des Lektors bei Suhrkamp, der den Roman sehr zur Veröffentlichung empfiehlt:

„auf diesen autor würde ich haushoch setzen. Ich kenne kein vergleichbares erzähl- und sprachtalent bei uns, auch arno schmidt nicht, er ist viel solider und – >haltbarer<, aber: sein erfolg ist nicht unabhängig vom erscheinungsdatum. […] ich meine damit: wir dürfen diesen mann nicht auf eis legen. wenn wir gründe gegen ihn haben, dann muss er andere chancen frei kriegen.“

Johnson_2Und natürlich knn, wer Johnson wiiederlesen oder aber überhaupt erst entdecken möchte, auch eine andere Ausgabe seiner „Mutmassungen“ lesen. Wer sich allerdings auf die „Jahrestage“ in der Werkausgabe freut, der muss leider noch ein paar Jahre warten. Zur Publikationsübersicht geht es hier entlang.

Uwe Johnson (2017): Mutmassungen über Jakob, Rostocker Ausgabe, Band 2, hrsg. von Astrid Köhler, Robert Gillet, Cornelia Bögel und Katja Leuchtenberger unter Mitarbeit von Johanna Steiner, Berlin, Suhrkamp Verlag

Uwe Johnson (1959/1992): Mutmassungen über Jakob, Frankfurt am Main, edition suhrkamp

Paul Auster: 4 3 2 1

Wie wäre unser Leben wohl verlaufen, wenn eine kleine Facette der äußeren Einflussfaktoren anders gewesen wäre? Oder wenn wir uns an irgendeiner Stelle anders entschieden hätten? Wenn die Eltern sich hätten scheiden lassen, oder wenn sie es eben nicht getan hätten; wenn ein Elternteil nicht so früh gestorben wäre, wenn die Familie in eine andere Stadt gezogen wäre, wenn die finanzielle Situation anders gewesen wäre, wenn die Eltern andere Freunde gehabt oder wir in andere Schulen gegangen wären, wenn wir uns anderen Freunden angeschlossen hätten, uns in andere Menschen verliebt, eine andere Sportart oder einen anderen Sportverein gewählt hätten? Wenn die gesellschaftspolitischen Entwicklungen andere gewesen wären? Wären wir dann ganz andere geworden als die, die wir heute sind?

Paul Auster ist in seinem Roman „4 3 2 1“ genau diesen Fragen nachgegangen. Er erzählt uns die Geschichte von Archibald Ferguson, aber nicht nur von einem, sondern gleich von vier. Alle sind sie Enkel Isaac Reznikoffs, der genau am 1.1.1900 in New York an Land gegangen ist. Er kam aus Minsk, hat sich mit ein paar Rubel in der Tasche durch halb Europa durchgeschlagen und ist von Hamburg aus an Bord der Kaiserin von China in die USA gereist. Und weil ein Mitreisender ihm den guten Tipp gegeben hat, sich bloß einen anderen Namen zu wählen, Rockefeller wäre doch ganz passabel, Reznikoff diesen Ratschlag aber im Angesicht des Einwanderungsbeamten vergessen hat und stattdessen stammelt „Ich hob fargessen!“, notiert der Beamte den Namen Ichabod Ferguson in seinen Unterlagen. Und mit diesem Namen startet Reznikoff in sein amerikanisches Leben, diesen Namen vererbt er seinen drei Söhnen und eben auch dem Enkel Archibald.

Ichabod Ferguson schlägt sich mit verschiedenen Jobs durch die bitterarmen Jahre nach der Einwanderung. Er heiratet, bekommt drei Söhne und eine Tochter und wird schließlich am 7.3.1923 während eines Überfalls auf das Lederwarendepot in Chicago, wo er als Nachtwächter arbeitete, erschossen. Die Tochter stirbt unter dubiosen Umständen, Mutter und Söhne kämpfen weiter mit der finanziell höchst prekären Situation. Der jüngste Sohn, Stanley, eröffnet eine winzige Radioreperaturwerkstatt und baut diese immer weiter aus. Mit 30 lernt er Rose Arnold kennen, die bei einem Portraitfotografen arbeitet, und sie ist es, die ihn dazu bringt, seinem Junggesellentum abzuschwören. Rose stimmt in eine Heirat ein, auch wenn sie Stanley gar nicht liebt. Und so wird im März 1947 Archibald geboren.

Soweit die Ausgangskonstellation, die Basis für ein nun weites Experimentierfeld. Denn nun lesen wir die gleich vier Entwicklungsgeschichten Fergusons, die alle mit denselben Eltern und Großeltern und deren Geschichten und Biografien leben, deren Lebenswirklichkeit sich aber zunächst in kleinen Dingen unterscheidet, aus denen sich dann größere Unterschiede, andere Zufälle, andere Entscheidungen ergeben. Einflussreichster Ausgangspunkt, neben anderen, der veränderten familiären Situationen ist der geschäftliche Erfolg – oder Misserfolg – des väterlichen Geschäftes: Einmal entwickelt es sich in der 1950er Jahren, in denen alle Familien sich mit vielen Elektrogeräten ausstatten, ganz prächtig und kann zu einer Elektrofachmarktkette ausgebaut werden, einmal muss der Vater es schließen und die Familie verarmt langsam und stetig, ein anderes Mal verstricken die Brüder den Vater in ihre kriminellen Geschäfte und er stirbt, als er sein Geschäft vor einem Brandanschlag schützen möchte, den die Brüder sich ausgedacht haben. Und aus diesen Vorfällen entstehen weitere Verzweigungen, ganz andere Lebenswege in anderen Städten, in anderen Familien, mit Stiefvätern und Stiefgeschwistern und deren Einflüssen, mit anderen Schulen, anderen Freunden, anderen Sportvereinen.

Der Erzähler spielt hier mit einer Idee, die ein Archie hat, als er als kleiner Junge nach einem Sturz vom Baum für Wochen mit seinem Gipsbein das Bett hüten muss und sich so seine Gedanken macht über das missliche Ereignis und die Frage, ob es zu vermieden gewesen wäre, ob es gar jemanden gibt, den die Schuld trifft. Statt bei der Tatsache zu bleiben, dass er nach einem Ast gegriffen hat, der einfach zu weit entfernt gewesen ist, erprobt er verschiedene Möglichkeiten, die auch hätten eintreten können. Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn seine Eltern sich für ein anderes Haus in einer anderen Stadt entschieden hätten? Dann hätte er nicht Chuckie Brower, seinen Freund, kennengelernt und der hätte ihn nicht am Morgen fragen können, ob sie draußen spielen wollen. Wenn die Familie in ein anderes Haus gezogen wäre, dann hätte er auch nicht auf diesen Baum klettern können, weil im Garten eines anderen Hauses auch ein anderer Baum gewachsen wäre.

„Was für ein interessanter Gedanke, dachte Ferguson: sich vorzustellen, wie für ihn selbst alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe. Derselbe Junge in einem anderen Haus mit einem anderen Baum. Derselbe Junge mit anderen Eltern. Derselbe Junge mit denselben Eltern, die aber nicht dieselben Dinge täten wir jetzt. Was, wenn zum Beispiel sein Vater immer noch Großwildjäger wäre und sie alle in Afrika leben würden? Was, wenn seine Mutter eine berühmte Filmschauspielerin wäre und sie alle in Hollywood leben würden. Was, wenn er einen Bruder oder eine Schwester hätte?“

Genau die Frage, wie Archie Ferguson sich entwickeln würde, wenn seine Eltern sich anders verhielten, lotet der Erzähler in den vier Erzählsträngen aus, indem er seine Protagonisten mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen konfrontiert, unterschiedlichen Schlüsselmomenten, unterschiedlichen Herausforderungen. Diese vier Geschichten werden jeweils im Detail erzählt, der Erzähler schaut immer wieder in besonderen Lebenssituationen bei den vier Fergusons vorbei, schaut genau darauf, was Archie macht, was er denkt, was er fühlt. Und ist auch immer dabei, wenn es um den Tod geht, einen sinnlosen zufälligen Tod meistens, so wenn der eine Archie als Teenager im Sommerlager vom Blitz erschlagen wird, weil er im Überschwang der Gefühle einfach hinaus musste in das Sommergewitter.

Auch wenn Auster dem Leser gleich vier Entwicklungsromane präsentiert, auch wenn diese Entwicklungsromane derselben Zeit, derselben Familie entstammen, wenn sie über 1200 Seiten einnehmen, so wird der Leser doch von der ersten Seite an bis zur letzten hineingezogen in diese vier Leben. Das liegt an der überzeugend realistischen Figurenkonstellation, an den genau erzählten und beschriebenen Situationen, auch an der Romankonzeption, die den Leser mit den vier Geschichten, die ja nicht chronologisch hintereinander, sondern gegeneinandergesetzt erzählt werden, durchaus fordern und die sich erst ganz am Ende aufklärt. Das liegt an vier Fergusons, die sich ihren jeweils eigenen Charakter bewahren, ihre Liebe zur Literatur und zum Film, ihre Sportbegeisterung, ihren Wunsch nach eigenem Schreiben, auch wenn dies einmal journalistisches Schreiben ist, ein anderes Mal literarisches Schreiben oder auch das Übersetzen von französischer Lyrik. Sie sind melancholisch und nachdenklich, entdecken die verschiedenen Spielarten der Sexualität, haben ihren Stolz und ihre Überzeugungen.

Es liegt auch an der sprachlichen Gestaltung, mit der Auster überzeugen und begeistern kann. Er schafft es, Szenen aus Filmen – fast wie im Rausch – zu erzählen, so genau und detailliert, dass der Leser sie unvermittelt vor Augen hat. Er erzählt von einem Basketballspiel und wie der Spielverlauf die Zuschauer so aufpeitscht, dass die jüdische Mannschaft fluchtartig die Halle der farbigen Heimmannschaft und ihrer Anhänger verlassen muss – und die Leser meinen, selbst die Tritte und Rempler beim Hinauslaufen zu spüren.

Die gesellschaftlichen Diskussionen und Umbrüche der 1950er und 1960er Jahre, die Rassenunruhen, die Demonstrationen der Studenten, die Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg, die Wahl John F. Kennedys und die politischen Attentate, auch die politischen Krisen in Europa, das alles sind Ereignisse, die auch Ferguson miterlebt, zum Teil auch journalistisch begleitet. Dass er eine Haltung hat, dass er den liberalen Werten verpflichtet ist, das lebt er auch. Nicht unbedingt als Teilnehmer der Demonstrationen, aber dann, wenn einer seiner Freunde (der vielleicht vor ein paar Jahren noch einer der Rempler und Treter gewesen ist) diskriminiert und bedroht wird. Welche Widerstände es gegen diese Werte gibt, auch um universitären Bereich, muss er auch erleben und erleiden. Und so schafft Auster, auch wenn das sicherlich nicht seine vorrangige Intention gewesen ist, gerade mit dieser Rückbindung seiner Erzählungen an den gesellschaftspolitischen Kontext der Zeit einen Blick auf die Diskussionen und Kämpfe, auf das gesellschaftliche Ringen um liberale Werte, um hart erkämpfte Werte also, die heute so respektlos von einigen politischen Akteuren mit Füßen getreten werden.

Eines überrascht jedoch: Obwohl die vier Protagonisten durchaus eine Beziehung zu Frankreich haben, dort Urlaub machen und Paris besuchen, einer von ihnen sogar ein ganzes Jahr dort lebt, seinen Roman fertigstellt und sich mit einer mütterlichen Mentorin durch eine große Literaturliste liest, bleiben die philosophischen Denker und Autoren Frankreichs – mit einer Ausnahme – unerwähnt. Kein Wort von den Diskussionen in den Cafés (das mag ein Klischee sein für die 1960er Jahre), kein Wort über die Debatten in den Zeitungen, kein Wort über die Studentenproteste. Die Ideen des Existentialismus – sie scheinen im Roman ausgespart, obwohl doch gerade der politische Kampf um eine gerechtere Welt, also soziale Gerechtigkeit und Aspekte der Gleichberechtigung, seine Wurzeln auch im Existentialismus haben. Auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick jedoch beschäftigt sich der Roman aber genau mit den Aspekten des Existentialismus: mit der Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens, mit der Freiheit zur eigenen Entscheidung, auch der Entscheidung, Disziplin, Mut und Durchhaltevermögen aufzubringen, um ein Autor zu werden. Mit der Aufgabe, eine politische Haltung zu entwickeln und die auch zu leben – selbst wenn es zum eigenen Nachteil ist. Und allem voran natürlich mit der Suche nach der eigenen Identität und wie sie sich entwickelt unter verschiedenen äußeren Bedingungen. Dieser Suche ist Auster in seinem großen Roman auf der Spur und er zeigt uns vier Fergusons, die in in vielem recht unterschiedlich sind, und sich im Kern ihres Charakters doch sehr ähneln.

Sollte es also noch einen Leser geben, der „4 3 2 1“ noch nicht gelesen hat, dem sei der Roman zur Spät-Sommerlektüre bei guten wie bei schlechtem Wetter sehr empfohlen.

Paul Auster (2017): 4 3 2 1, aus dem Engluschen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

Colum McCann: Briefe an junge Autoren. Mit praktischen und philosophischen Ratschlägen

In einem seiner Briefe an junge Autoren schreibt Colum McCann über den Schrecken der weißen Seite. Ach ja, denkt die Leserin und Bloggerin, diesen Schrecken kennt sie gut, wenn sie denn einen Text schreiben möchte über die Lektüre dieses oder jenes Romans und schon der erste Satz ganz und gar nicht zustande kommen möchte. Von Schreibblockaden sprechen dann oft die Schriftsteller, und die müssen es ja wissen. Schreibblockade – das hört sich doch ganz plausibel an, so, als ob es da eine nicht beeinflussbare Instanz gebe, die dem Schreibprozess immer wieder dicke Steine in den Weg legt. Das kennt die Bloggerin auch, da kann der Cursor ganz oben auf der Seite noch so lockend blinken, an Tagen mit Schreibblockade bleibt die Seite weiß, da wird es nichts aus dem ersten und nichts mit dem zweiten Satz.

Das könnte eine schöne Erklärung sein – nicht aber für McCann. Er schreibt an die jungen Autoren:

„Lassen Sie sich vom Schrecken der weißen Seite nicht das Hirn folienverschweißen. Die Ausrede, Sie hätten eine Schreibblockade, ist viel zu einfach. Sie müssen zur Arbeit erscheinen. Sie müssen sich auf den Stuhl setzen und gegen die Leere ankämpfen. Stehen Sie nicht vom Schreibtisch auf. Verlassen Sie nicht das Zimmer. Gehen Sie nicht los und bezahlen Rechnungen. Spülen Sie nicht das Geschirr. (…)“

Nun, seine Forderung, am Ball zu bleiben, sich nicht ablenken zu lassen, mag auch für Literatur-Blogger gelten. Also gilt es, am Schreibtisch sitzen zu bleiben, und schreibend der Frage nachzugehen, ob sie sich denn lohnt, die Lektüre der über 50 „Briefe an junge Autoren“. Schließlich gibt es schon Regalbretter voller mehr oder weniger gelungener Anleitungen für junge Autoren, oft mit einer Theorie des Romanschreibens, also einer Theorie zum ersten Satz, zur Konzeption des Plots, zur Entwicklung der Figuren, ja, über die Bedeutung ihrer Namen, eine Theorie zur Erzählperspektive, eine zur Sprache.

Colum McCann, selbst Leiter eines Schreibseminars am Hunter College, spricht in seinen Briefen all diese Themen an – und noch viele mehr. Zum Beispiel wie man mit den Verfassern respektloser und bzw. oder unerfreulicher Rezensionen umgeht, wie man als junger Autor an die Werbezitate („die Kunst der literarischen Pornografie“) anderer Autoren kommt, ob die junge Autorin ein Schreibstudium beginnen soll, wie es gelingt, als junger Autor einen Agenten und einen Lektor zu gewinnen und dass überhaupt das ständige Scheitern ganz wichtig für die Weiterentwicklung zu einem wahrhaft großen Romanautor sei. McCann hält also in seinen Briefen tatsächlich „praktische und philosophische Ratschläge“ parat.

Er schreibt dies alles in der direkten Anrede der jungen Autoren, wählt die Briefform als Möglichkeit, eine direkten Austausch zu beginnen – auf die die jungen Autoren freilich erst einmal nicht antworten können. So kann McCann eine ganz lockere und lebendige Kommunikation mit seinen Lesern aufbauen, kann Ironie und Augenzwinkern einbauen, manchmal reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und kommt doch nie in die Gefahr, eine weitere Theorie des Romanschreibens vorzulegen. Er schreibt so, wie er es auch für die Romane fordert, nämlich durchaus unterhaltend. Aber: seine besondere Art des Schreibens, seine „Didaktik des Appells“ über fast 180 Seiten, führt auch zur Ermüdung. Und die Hinweise: „Arbeiten Sie hart“ und „Arbeiten Sie härter“ (es lohnt sich…) sind einfach zu oft notiert.

Ob sich die „Briefe“ tatsächlich nur – oder überhaupt – an junge Autoren richten – ist völlig egal. In ihren guten Passagen, und davon gibt es viele, entfalten sie eine Poetologie des Schreibens, so wie Colum McCann sie für sich entwickelt hat. Es entsteht, wenn er über die Entwicklung der Figuren spricht, über die Erzählperspektiven und die Gestaltung der Handlung, ein Blick in seine Schreibwerkstatt. Und der Leser kann hier fast mitlesen, wie die Geschichten seines Erzählbandes „Wie spät ist es dort, wo du bist“ entstanden sind. Wie er Peter Mendelssohn entwickelt hat, den älteren Herrn mit der wachen Beobachtung und dem altersmüden Körper, wie und warum er die verschiedenen Erzählperspektiven miteinander verschränkt hat und welche Überlegungen er zur Frage der Erzählzeit angestellt hat. Dass Geschichten dann interessant werden, wenn sie ausloten, wie es ist, wenn das Leben auf den Tod trifft, wie in allen vier Erzählungen des Bandes, eröffnet noch eine weitere Deutungsebene seiner Erzählungen und Romane.

Ja, das Lesen der „Briefe“ ist lohnend. Auch für Literatur-Blogger, die gar nicht erst eine junge Autorin werden wollen. (Junge Autorin kann man übrigens auch mit 40, mit 50, ja mit 60 werden, da ist McCann ganz offen.). Sie sind lohnend, weil McCann die Literatur und – mögliche – Kriterien für gute Literatur beleuchtet. Weil er das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion klärt und verdeutlicht, dass selbst der Journalist die Realität gestaltet, also „fingiert“, denn auch „er nimmt das, was da ist und gibt ihm eine neue Form.“ Weil er erklärt, wie wichtig die Leerstellen in den Romanen sind, damit der Leser eigene Sichtweisen entwickeln kann – und sich nicht unterfordert fühlt. Weil er nicht müde wird, deutlich zu machen, welche besondere Bedeutung die Sprache für die Gestaltung eines Romans hat, nämlich viel mehr als der Plot. Und weil er die jungen Autoren auffordert, aus ihren bequemen Sofaecken zu kommen und sich mit den die vielen politischen Krisen unserer Epoche zu beschäftigen, endlich wieder engagierte Literatur zu verfassen, endlich wieder eine Stimme im politischen Diskurs einzunehmen. Das scheint in den USA also ähnlich zu sein wie in der deutschen Literatur.

„Vergessen Sie nie, dass Schreiben die Freiheit ist, sich gegen die Macht auszusprechen. (…) Wo die Macht mit Einschüchterung arbeiten will, sollten Sie ihr entgegentreten. Das Erstaunliche an einem gutgeschriebenen Text ist, dass er es fertigbringt, den Finger in die Wunde zu legen, ohne jemandem Gewalt anzutun. Mit seiner Hilfe kann man den Schmerz nachfühlen, ohne ihn zu erleiden oder zu verherrlichen.“

Und seine Briefe sind lohnend, weil er jedem Kapitel ein „sprechendes“ Zitat voranstellt:

„Es gibt drei Regeln für das Schreiben eines Romans. Unglücklicherweise kennt sie niemand“ (W. Somerset Maugham)

So, nun aber lange genug am Schreibtisch gesessen, nun zu den Rechnungen und zum Geschirr!

Colum McCann (2017): Briefe an junge Autoren. Mit praktischen und philosophischen Ratschlägen, aus dem Englischen von Thomas Überhoff, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag

Colum McCann: Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?

In drei Erzählungen und einer Novelle erzählt uns Colum McCann von Menschen, die ganz „unerhörte“ Situationen erleben. Es sind die Brüche, die passieren können im Leben, die diesen vier Figuren widerfahren, und die so eine Klammer bilden für die vier Geschichten. Dass drei der Geschichten dann auch noch Formen von Gewalt thematisieren mag eine weitere Klammer sein. Aber so misslich die Lage der Figuren auch jeweils ist, so erweisen sie sich doch als erstaunlich widerständig, als ganz starke und gradlinige Persönlichkeiten, die. Und sie haben die ganz erstaunliche Fähigkeit, uns direkt für sich einzunehmen. Hier erweist sich die große Erzählkunst McCanns, der mit ein paar Sätzen, Federstrichen nachempfunden, Figuren erschafft, mit denen wir mitfühlen und mitleiden, mit denen wir lachen und weinen.

In der buchtitelgebenden Erzählung bereitet sich eine Soldatin im winterlich eisigen Afghanistan darauf vor, ihre Geliebte und den Sohn zu Hause in South Carolina anzurufen, um zum Neuen Jahr gratulieren zu können. Sandi hat die Wache draußen im Unterstand alleine übernommen, damit die anderen Soldaten feiern können und sie um Mitternacht Ruhe für ihr Telefonat hat. Und immer wieder stehlen sich in ihre Vorbereitungen und Beobachtungen beunruhigende Gedanken. Da kann das Satelitentelefon, wenn sie es in Gebrauch nimmt und das Display zu leuchten beginnt, zu einem willkommenen Ziel für einen afghanischen Scharfschützen werden, da sehen die Sterne aus wie Einschusslöcher und vielleicht wartet sie vergebens darauf, dass das Gespräch überhaupt zustande kommt.

Eine Geschichte über eine Soldatin im Auslandseinsatz – das wäre Colum McCann wohl zu wenig gewesen. McCann erzählt vielmehr in dieser Geschichte auch von einem Autor, der irischer Herkunft ist (!) und der einer Auftragsarbeit zugestimmt hat, einer Erzählung nämlich über Silvester, die am Ende des Jahres fertiggetsellt sein muss. Früh im Jahr hat er zugesagt, nun ziehen die Monate vorbei, er hat viel zu tun, die ganz konkrete Arbeit an der Erzählung gerät immer wieder in Vergessenheit, bleibt nur im Hintergrund präsent. So entwickelt er immer wieder Ideen über Inhalte, Figuren und Figurenkonstellationen und beschreibt Orte. Er verwirft, lässt liegen, führt neue Figuren ein, skizziert Figuren, die dann doch nicht ihren Platz finden werden, zeigt Konflikte auf und lässt immer wieder das Motiv der Verunsicherung und der Bedrohung miteinfließen. Und so entsteht eine knappe Erzählung, eine Doppelerzählung fast, in der der Leser durch den Blick in die Autorenwerkstatt miterlebt, wie sich Sandis Geschichte entwickelt.

In der Erzählung „Sh´khol“ schenkt eine Mutter ihrem Adoptiv-Sohn zu Weihnachten einen Nassanzug. Im Sommer hat Rebecca Tomas das Schwimmen beigebracht in der Bucht unterhalb ihres Hauses an der Westküste Irlands. Und nun zieht er den Anzug gar nicht mehr aus und wartet bis sie zum Mittag zur Bucht gehen, um auszuprobieren, wie es sich anfühlt, im Winter schwimmen zu gehen. „Am nächsten Morgen war Tomas fort“, der Nassanzug hängt nicht mehr am Haken. Rebecca findet Tomas nicht in der Bucht, entdeckt ihn nicht, als sie die Küstenkante entlangeilt und in den angrenzenden Buchten sucht. Sie benachrichtigt die Küstenwache und eine lange Zeit des Wartens, Hoffens und Bangens beginnt. Davon erzählt Rebecca in kurzen, knappen, in ganz atemlosen Sätzen.

Vor dem Weihnachtsfest hat Rebecca begonnen, den Roman eines israelischen Palästinensers zu übersetzen. Ein Wort ist aufgetaucht, für das sie keine englische Entsprechung findet, aber auch keine irische, keine russische, französische oder deutsche. „Sh´kol“ ist der Begriff für Eltern, die ihre Kinder verloren haben, ein Begriff, den es in vielen Sprachen nicht gibt, vielleicht, weil dieser Verlust so unaussprechlich ist. Rebecca scheint diesen Verlust jetzt auch zu erleiden, denn tagelang ist Tomas unauffindbar. Und andere Verluste spielen in ihrem Leben auch eine Rolle. Dass Tomas taub, behindert ist, die Diagnose eines „fetalen Alkoholsyndroms“ mit sich trägt, erschwert die Suche und steigert die Sorge der Mutter.

„Dreizehn Sichtweisen“, die Novelle in diesem Band, montiert kunstvoll die Handlungen, Wahrnehmungen, Reflexionen und Erinnerungen Peter J. Mendelssohns mit den Entwicklungen der Ermittlungsarbeit der Polizei. Einen Vormittag, vom Wachwerden und Aufstehen bis zum Mittagessen, lässt uns Mendelssohns teilhaben an seinen Gedanken. Da ist sein beißender Spott über die technisch völlig rückständigen Heizungen, die den Bewohnern die Winter in New York durchaus zu vermiesen wissen: „Wie kann es sein, dass New York nie ein Genie hervorgebracht hat, das imstande ist, das Heizungsproblem zu lösen?“, fragt er sich, während die Heizung sich geräuschvoll anschickt, demnächst warmen Dampf durch die Rohre zu schicken.

Da sind seine Rückblicke auf ein erfülltes, ein glückliches Leben mit Eileen, auf eine Karriere als Richter, wenn auch immer mal wieder missbilligend begleitet durch die örtliche Presse, insgesamt auf ein Leben im Wohlstand. Dabei hätte es auch ganz anders kommen können, denn als Juden in Litauen haben seine Eltern in den 1930er Jahren Vilnius gerade noch rechtzeitig verlassen können, hat der Vater immer wieder Arbeit gefunden an Colleges in Irland und den USA. Mendelsohn denkt so klar, so pointiert, so scharf, so genau, dass der körperliche Verfall, der nach und nach zu Tage tritt, auf den Leser fast schockierend wirkt.

„Ich wurde geboren“, so denkt er immer wieder an diesem Morgen, so, als wolle er doch noch seine Memoiren schreiben und den wichtigen ersten Satz erproben „als ich mein erstes Plädoyer hielt“. Damals nämlich, als er als „frischgebackener stellvertretender Staatsanwalt vor dem Bezirksgericht in Brooklyn plädierte und die Worte genau so sprach, wie er es sich vorgestellt hatte, und sie sich durch die Luft bewegten und er spüren konnte, wie sie pulsierten und wirkten, nicht nur bei den ausschließlich männlichen Geschworenen, sondern auch bei dem wohlwollenden Richter, aus dessen strahlendem Gesicht so etwas wie Stolz sprach.“

Beim Aufstehen, beim mühevollen Gang ins Badezimmer – „Ich wurde geboren, als ich meine letzte Abenteuerreise unternahm“ denkt er dazu – zeigt sich deutlich, dass zwar der Geist noch recht flink und  präzise, der Körper aber ein sehr unzuverlässiger Teil geworden ist: das Gehen, selbst am Rollator, fällt schwer, im Badezimmer ist eine wahre „Griffausstellung“ angebracht und wie an anderen Morgen auch, so merkt Mendelssohn auch heute, dass er wieder sein „Winterzeug“ trägt, so nennt er die Windeln, die Sally, seine 24-Stunden Pflegerin aus Tobago, ihm immer häufiger über die Nacht anlegt, notwendig ist es auch heute wieder gewesen:

„Ach Gott, es gibt nichts Schlimmeres als das Geräusch eines Klettbandes beim Öffnen.

Nichts Schlimmeres auf dieser schönen Welt.“

„Dreizehn Sichtweisen“ ist aber nicht nur eine Erzählung über die Beschwerlichkeiten des Alters, sondern entfaltet vor diesem Handlungsstrang viele weitere Themen. Da ist Mendelssohn Sohn, Elliot, ein Investmentbanker mit politischen Ambitionen, ein Mensch, der, seinen kultivierten und wertschätzenden Eltern zum Trotz, nur in Kategorien der Macht denkt und wenn es ihm passt, auch schon einmal seine Position missbraucht. Da sind die vielen unterschiedlichen Bediensteten, Sally, die Pflegerin, der Portier, die Servicekräfte im Restaurant, die in einem anderen New York zu leben scheinen als die Familie Mendelssohn, auch wenn sie alle Einwanderer sind. Und da sind die Kameras, verantwortlich für die private und die öffentliche Überwachung, installiert vom Sohn in der Wohnung des Vaters – Elliot traut Sally nicht -, installiert im Restaurant und zur Überwachung des Verkehrs auf der Straße.

Auf diese Kameras, und das ist der zweite Handlungsstrang der Novelle, greifen die Polizisten zurück, um den Tod Mendelssohns aufklären zu können, der nach dem Mittagessen mit dem Sohn im Restaurant auf der Straße von einem Mann angesprochen und gestoßen wird, sodass er stürzt und stirbt. Und die Polizisten versuchen nun, indem sie die Bilder der Kameras anschauen, Licht in das Dunkel dieses Fallens zu bringen.

McCann gelingt es in dieser Novelle auf ganz besondere Art, die beiden Handlungsverläufe so dicht, so komplex, so kunstvoll verwoben zu erzählen. Dabei setzt er der Binnenperspektive Mendelssohns, seinen Erinnerungen und Reflexionen, die Außenperspektive der ermittelnden und um Aufklärung bemühten Polizisten entgegen, die Mendelssohns Einschätzungen immer wieder ergänzen, manchmal auch in ein anderes Licht rücken, sodass neben der persönlichen Geschichte Mendelssohns auch die sozialen und gesellschaftlichen Abgründe New Yorks gezeigt werden.

Colum McCanns Erzählungen in diesem Band sind allesamt raffiniert komponierte kurze Einblicke in die Lebensgeschichten seiner Figuren. Ein paar Stunden dieser Leben zeigt er nur, manchmal ein paar Tage, in denen gar nicht viel passiert, in denen sich aber, weil er sich genau in diese unerhörten Lebenssituationen einblendet, immer ein ganzes Leben entfaltet. So auch in der vierten Geschichte „Frieden“, in der er von einer älteren Ordensschwester erzählt, die in einer Nachrichtensendung die Teilnehmer einer Friedenskonferenz sieht. Unter ihnen ist der Mann, der sie vor Jahren während des Bürgerkrieges in Kolumbien verschleppt und gefoltert hat. Sie entschließt sich, nach London zu reisen und sich dem Mann zu stellen, ihn zu konfrontieren damit, dass es Zeugen seiner Vergangenheit gibt. Und während der Reise und der Zeit in London, in der sie auf ihn wartet, sich dabei erinnert an ihre Kindheit, ihr Leben als Ordensschwester, ihre Zeit in Kolumbien und ihre Arbeit in den USA, erschließt sich dem Leser auf ein paar Seiten ein ganzes Leben.

McCann erzählt über die Leben seiner Figuren, über die Brüche und die tragischen Momente dieser Leben scheinbar einfach, zwingend, kein bisschen gekünstelt. So entfaltet die Novelle, so entfalten die drei Erzählungen einen starken Sog, so ermöglichen sie ein ganz besonderes Leseerlebnis.

Colum McCann: Wie spät ist es dort, wo du bist, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

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