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Colum McCann: Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?

In drei Erzählungen und einer Novelle erzählt uns Colum McCann von Menschen, die ganz „unerhörte“ Situationen erleben. Es sind die Brüche, die passieren können im Leben, die diesen vier Figuren widerfahren, und die so eine Klammer bilden für die vier Geschichten. Dass drei der Geschichten dann auch noch Formen von Gewalt thematisieren mag eine weitere Klammer sein. Aber so misslich die Lage der Figuren auch jeweils ist, so erweisen sie sich doch als erstaunlich widerständig, als ganz starke und gradlinige Persönlichkeiten, die. Und sie haben die ganz erstaunliche Fähigkeit, uns direkt für sich einzunehmen. Hier erweist sich die große Erzählkunst McCanns, der mit ein paar Sätzen, Federstrichen nachempfunden, Figuren erschafft, mit denen wir mitfühlen und mitleiden, mit denen wir lachen und weinen.

In der buchtitelgebenden Erzählung bereitet sich eine Soldatin im winterlich eisigen Afghanistan darauf vor, ihre Geliebte und den Sohn zu Hause in South Carolina anzurufen, um zum Neuen Jahr gratulieren zu können. Sandi hat die Wache draußen im Unterstand alleine übernommen, damit die anderen Soldaten feiern können und sie um Mitternacht Ruhe für ihr Telefonat hat. Und immer wieder stehlen sich in ihre Vorbereitungen und Beobachtungen beunruhigende Gedanken. Da kann das Satelitentelefon, wenn sie es in Gebrauch nimmt und das Display zu leuchten beginnt, zu einem willkommenen Ziel für einen afghanischen Scharfschützen werden, da sehen die Sterne aus wie Einschusslöcher und vielleicht wartet sie vergebens darauf, dass das Gespräch überhaupt zustande kommt.

Eine Geschichte über eine Soldatin im Auslandseinsatz – das wäre Colum McCann wohl zu wenig gewesen. McCann erzählt vielmehr in dieser Geschichte auch von einem Autor, der irischer Herkunft ist (!) und der einer Auftragsarbeit zugestimmt hat, einer Erzählung nämlich über Silvester, die am Ende des Jahres fertiggetsellt sein muss. Früh im Jahr hat er zugesagt, nun ziehen die Monate vorbei, er hat viel zu tun, die ganz konkrete Arbeit an der Erzählung gerät immer wieder in Vergessenheit, bleibt nur im Hintergrund präsent. So entwickelt er immer wieder Ideen über Inhalte, Figuren und Figurenkonstellationen und beschreibt Orte. Er verwirft, lässt liegen, führt neue Figuren ein, skizziert Figuren, die dann doch nicht ihren Platz finden werden, zeigt Konflikte auf und lässt immer wieder das Motiv der Verunsicherung und der Bedrohung miteinfließen. Und so entsteht eine knappe Erzählung, eine Doppelerzählung fast, in der der Leser durch den Blick in die Autorenwerkstatt miterlebt, wie sich Sandis Geschichte entwickelt.

In der Erzählung „Sh´khol“ schenkt eine Mutter ihrem Adoptiv-Sohn zu Weihnachten einen Nassanzug. Im Sommer hat Rebecca Tomas das Schwimmen beigebracht in der Bucht unterhalb ihres Hauses an der Westküste Irlands. Und nun zieht er den Anzug gar nicht mehr aus und wartet bis sie zum Mittag zur Bucht gehen, um auszuprobieren, wie es sich anfühlt, im Winter schwimmen zu gehen. „Am nächsten Morgen war Tomas fort“, der Nassanzug hängt nicht mehr am Haken. Rebecca findet Tomas nicht in der Bucht, entdeckt ihn nicht, als sie die Küstenkante entlangeilt und in den angrenzenden Buchten sucht. Sie benachrichtigt die Küstenwache und eine lange Zeit des Wartens, Hoffens und Bangens beginnt. Davon erzählt Rebecca in kurzen, knappen, in ganz atemlosen Sätzen.

Vor dem Weihnachtsfest hat Rebecca begonnen, den Roman eines israelischen Palästinensers zu übersetzen. Ein Wort ist aufgetaucht, für das sie keine englische Entsprechung findet, aber auch keine irische, keine russische, französische oder deutsche. „Sh´kol“ ist der Begriff für Eltern, die ihre Kinder verloren haben, ein Begriff, den es in vielen Sprachen nicht gibt, vielleicht, weil dieser Verlust so unaussprechlich ist. Rebecca scheint diesen Verlust jetzt auch zu erleiden, denn tagelang ist Tomas unauffindbar. Und andere Verluste spielen in ihrem Leben auch eine Rolle. Dass Tomas taub, behindert ist, die Diagnose eines „fetalen Alkoholsyndroms“ mit sich trägt, erschwert die Suche und steigert die Sorge der Mutter.

„Dreizehn Sichtweisen“, die Novelle in diesem Band, montiert kunstvoll die Handlungen, Wahrnehmungen, Reflexionen und Erinnerungen Peter J. Mendelssohns mit den Entwicklungen der Ermittlungsarbeit der Polizei. Einen Vormittag, vom Wachwerden und Aufstehen bis zum Mittagessen, lässt uns Mendelssohns teilhaben an seinen Gedanken. Da ist sein beißender Spott über die technisch völlig rückständigen Heizungen, die den Bewohnern die Winter in New York durchaus zu vermiesen wissen: „Wie kann es sein, dass New York nie ein Genie hervorgebracht hat, das imstande ist, das Heizungsproblem zu lösen?“, fragt er sich, während die Heizung sich geräuschvoll anschickt, demnächst warmen Dampf durch die Rohre zu schicken.

Da sind seine Rückblicke auf ein erfülltes, ein glückliches Leben mit Eileen, auf eine Karriere als Richter, wenn auch immer mal wieder missbilligend begleitet durch die örtliche Presse, insgesamt auf ein Leben im Wohlstand. Dabei hätte es auch ganz anders kommen können, denn als Juden in Litauen haben seine Eltern in den 1930er Jahren Vilnius gerade noch rechtzeitig verlassen können, hat der Vater immer wieder Arbeit gefunden an Colleges in Irland und den USA. Mendelsohn denkt so klar, so pointiert, so scharf, so genau, dass der körperliche Verfall, der nach und nach zu Tage tritt, auf den Leser fast schockierend wirkt.

„Ich wurde geboren“, so denkt er immer wieder an diesem Morgen, so, als wolle er doch noch seine Memoiren schreiben und den wichtigen ersten Satz erproben „als ich mein erstes Plädoyer hielt“. Damals nämlich, als er als „frischgebackener stellvertretender Staatsanwalt vor dem Bezirksgericht in Brooklyn plädierte und die Worte genau so sprach, wie er es sich vorgestellt hatte, und sie sich durch die Luft bewegten und er spüren konnte, wie sie pulsierten und wirkten, nicht nur bei den ausschließlich männlichen Geschworenen, sondern auch bei dem wohlwollenden Richter, aus dessen strahlendem Gesicht so etwas wie Stolz sprach.“

Beim Aufstehen, beim mühevollen Gang ins Badezimmer – „Ich wurde geboren, als ich meine letzte Abenteuerreise unternahm“ denkt er dazu – zeigt sich deutlich, dass zwar der Geist noch recht flink und  präzise, der Körper aber ein sehr unzuverlässiger Teil geworden ist: das Gehen, selbst am Rollator, fällt schwer, im Badezimmer ist eine wahre „Griffausstellung“ angebracht und wie an anderen Morgen auch, so merkt Mendelssohn auch heute, dass er wieder sein „Winterzeug“ trägt, so nennt er die Windeln, die Sally, seine 24-Stunden Pflegerin aus Tobago, ihm immer häufiger über die Nacht anlegt, notwendig ist es auch heute wieder gewesen:

„Ach Gott, es gibt nichts Schlimmeres als das Geräusch eines Klettbandes beim Öffnen.

Nichts Schlimmeres auf dieser schönen Welt.“

„Dreizehn Sichtweisen“ ist aber nicht nur eine Erzählung über die Beschwerlichkeiten des Alters, sondern entfaltet vor diesem Handlungsstrang viele weitere Themen. Da ist Mendelssohn Sohn, Elliot, ein Investmentbanker mit politischen Ambitionen, ein Mensch, der, seinen kultivierten und wertschätzenden Eltern zum Trotz, nur in Kategorien der Macht denkt und wenn es ihm passt, auch schon einmal seine Position missbraucht. Da sind die vielen unterschiedlichen Bediensteten, Sally, die Pflegerin, der Portier, die Servicekräfte im Restaurant, die in einem anderen New York zu leben scheinen als die Familie Mendelssohn, auch wenn sie alle Einwanderer sind. Und da sind die Kameras, verantwortlich für die private und die öffentliche Überwachung, installiert vom Sohn in der Wohnung des Vaters – Elliot traut Sally nicht -, installiert im Restaurant und zur Überwachung des Verkehrs auf der Straße.

Auf diese Kameras, und das ist der zweite Handlungsstrang der Novelle, greifen die Polizisten zurück, um den Tod Mendelssohns aufklären zu können, der nach dem Mittagessen mit dem Sohn im Restaurant auf der Straße von einem Mann angesprochen und gestoßen wird, sodass er stürzt und stirbt. Und die Polizisten versuchen nun, indem sie die Bilder der Kameras anschauen, Licht in das Dunkel dieses Fallens zu bringen.

McCann gelingt es in dieser Novelle auf ganz besondere Art, die beiden Handlungsverläufe so dicht, so komplex, so kunstvoll verwoben zu erzählen. Dabei setzt er der Binnenperspektive Mendelssohns, seinen Erinnerungen und Reflexionen, die Außenperspektive der ermittelnden und um Aufklärung bemühten Polizisten entgegen, die Mendelssohns Einschätzungen immer wieder ergänzen, manchmal auch in ein anderes Licht rücken, sodass neben der persönlichen Geschichte Mendelssohns auch die sozialen und gesellschaftlichen Abgründe New Yorks gezeigt werden.

Colum McCanns Erzählungen in diesem Band sind allesamt raffiniert komponierte kurze Einblicke in die Lebensgeschichten seiner Figuren. Ein paar Stunden dieser Leben zeigt er nur, manchmal ein paar Tage, in denen gar nicht viel passiert, in denen sich aber, weil er sich genau in diese unerhörten Lebenssituationen einblendet, immer ein ganzes Leben entfaltet. So auch in der vierten Geschichte „Frieden“, in der er von einer älteren Ordensschwester erzählt, die in einer Nachrichtensendung die Teilnehmer einer Friedenskonferenz sieht. Unter ihnen ist der Mann, der sie vor Jahren während des Bürgerkrieges in Kolumbien verschleppt und gefoltert hat. Sie entschließt sich, nach London zu reisen und sich dem Mann zu stellen, ihn zu konfrontieren damit, dass es Zeugen seiner Vergangenheit gibt. Und während der Reise und der Zeit in London, in der sie auf ihn wartet, sich dabei erinnert an ihre Kindheit, ihr Leben als Ordensschwester, ihre Zeit in Kolumbien und ihre Arbeit in den USA, erschließt sich dem Leser auf ein paar Seiten ein ganzes Leben.

McCann erzählt über die Leben seiner Figuren, über die Brüche und die tragischen Momente dieser Leben scheinbar einfach, zwingend, kein bisschen gekünstelt. So entfaltet die Novelle, so entfalten die drei Erzählungen einen starken Sog, so ermöglichen sie ein ganz besonderes Leseerlebnis.

Colum McCann: Wie spät ist es dort, wo du bist, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

Eine weitere Besprechung findet ihr auf LiteraturReich.

Philipp Schönthaler: Vor Anbruch der Morgenröte

Philipp Schönthalers Texte umkreisen immer wieder die Bruchstellen des modernen Lebens. In seinem Erzählungsband „Nach oben ist das Leben offen“ lotet er die Facetten der Selbstoptimierung aus. Das Ziel der stetigen Verbesserung der Leistungsfähigkeit wollen ja nicht nur die Jugendlichen erreichen, die im hoch in den Bergen gelegenen Internat beim Höhentraining an ihrer körperlichen Fitness arbeiten, der gähnenden Langeweile und auch den (Todes-)Opfern dieser Schinderei zum Trotz, sondern es sind ja auch diejenigen Selbstoptimierer, die in anderen Bereichen stetig an sich „arbeiten“. Wenn sie „leistungsfördernde emotionen im unterbewusstsein verankern und wie auf knopfdruck abrufen“ können, um allen Situationen gerecht werden zu können, wenn sie neue berufliche überwältigende Aufgaben zu Herausforderungen umdeuten oder Niederlagen zu „wertvollen ressourcen“, wenn Paare an ihrer Kommunikation „arbeiten“ oder gar an ihrer Beziehung.

In seinem neuen Erzählband „Vor Anbruch der Morgenröte“ erzählt Schönthaler von den Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, erzählt davon, wie wir wohnen werden, wie wir arbeiten, wie wir uns entspannen. Es sind Geschichten, die beim ersten Lesen scheinen, als würde der Autor uns ins verrückte Science-Fiction-Welten entführen, die aber tatsächlich nur eine Handbreit von unserer Realität entfernt sind (wenn überhaupt). Die in den Erzählungen zugrundeliegenden Möglichkeiten der Digitalisierung gibt es schon, sie sind nur noch nicht vollkommen umgesetzt in Prozesse, in die der Mensch ständig seine Daten einspeist, sodass die Algorithmen immer die bestmögliche Leistung für ihn zu Verfügung stellen. Das Quellenverzeichnis am Ende des Erzählbandes belegt jedenfalls, dass Schönthaler hier nicht ins verwegene Träumen geraten ist.

„Orchid Yards“, das sind die neuen Wohnträume in New York, ein Projekt städtischen Lebens, in dem die Möglichkeiten der smarten Technologie Grundlage der Bauplanung gewesen sind. Hier können „Fußgängerströme, Verkehrsflüsse, Luftqualität, Energieverbrauch, Müllentsorgung, Recycling“ dank vieler gewonnener Daten der Bewohner und der Besucher optimal gesteuert werden. Das klappt so gut, dass Energie- und Wasserverbrauch im Vergleich zu anderen Stadtquartieren innerhalb der letzten drei Jahre deutlich gesenkt werden konnten, dass es durch eine intelligente Wegeführung an keiner Stelle des Fußgänger- oder Autoverkehrs noch nennenswerte Ansammlungen und dadurch Verzögerungen gibt, und die Kriminalitätsrate ist absolut niedrig.

Das alles macht das Wohnen im „Orchid Yard“ nicht nur für Bewohner attraktiv, die Wohnungen, so bestätigt der Vorstandsvorsitzende werden ihm geradezu aus den Händen gerissen, sondern das Wohn-Konzept an sich ist ein Geschäftsmodell, das weltweit verkauft werden kann. Gerade ist eine Delegation aus den Vereinigten Arabischen Emiraten vor Ort, es geht um die letzten Verhandlungen vor der Unterzeichnung der Verträge; drei Yards sollen verkauft werden, sollen den arabischen Investoren „schlüsselfertig“ übergeben werden. Das große Problem, wer die Daten erhebt, wer sie auswertet und seine Schlüsse zieht, wer sie möglicherweise weiter veräußert, ja, wem die Daten überhaupt gehören, wird auch von der Delegation der willigen Käufer nicht angesprochen. Glück für die Verkäufer.

Während sich im 52. Stock des höchsten Orchid Yards Turm der Vorstandsvorsitzende noch einmal darum bemüht, die Alleinstellungsmerkmale des Konzeptes zu erläutern, die Juristen wiederum alle Änderungswünsche in die Verträge einarbeiten und die Käufer die überarbeiteten Verträge studieren, findet viel weiter unten auf den Straßen eine Demonstration statt. Überwachungstools haben die Entwicklungen weitestgehend im Blick, geben die Daten an die Polizei weiter, die daraus ihr Vorgehen planen kann. Allein die hautfarbenen Halstücher, die die Demonstranten sich dann ins Gesicht ziehen, die asymmetrischen Frisuren, die merkwürdigen, bunten Gesichtsbemalungen – alles Maßnahmen, um die algorithmische Gesichtserkennung der gängigen Programme zu unterbunden – scheinen die einzigen Maßnahmen der Demonstranten zu sein, um ein bisschen Unkontrollierbarkeit, ein bisschen Revolution, in die datenmäßig längst vermessene Demonstration zu bringen. Als die Käufer aus den VAE abreisen, die unterschriebenen Verträge in der Tasche, sind die Straßen geräumt, die Ordnung ist längst wiederhergestellt.

Schönthalers Erzählung von den Orchid Yards überzeugt nicht nur durch die Geschichte. Es ist vor allem die Form, die für ein komplexes Leseerlebnis sorgt. So wie die Daten zwar von Individuen erfasst, dann aber schnell in Clustern weiterverarbeitet werden, so erscheinen hier alle Protagonisten in ihren Rollen, als Polizisten, Juristen, Demonstranten, Besucher, Bewohner, Käufer. Alleine der Vorstandsvorsitzende ist als Individuum erkennbar, bleibt aber anonym, identifizierbar nur in seiner Rolle als guter Verkäufer, der die Besonderheiten seines Leistungsbündels durch auch interkulturell funktionierende Geschichten nahebringt, der Manager, der Verkäufer erweist sich als begabter Storyteller. Dass die Handlungen auf der Straße und in den Konferenzräumen in himmlischer Höhe ineinander montiert sind, erhöht die Spannung. Auch wenn die Geschichte aus der Perspektive des wirtschaftlichen Erfolgs gut ausgeht, auch wenn die Argumente für die Konzeption dieses smarten Wohnens immer wieder erläutert werden, so bleibt der Leser doch sehr nachdenklich zurück angesichts der Möglichkeiten der Datensammlung und -auswertung.

In Schönthalers Erzählungen steht jeweils das Thema im Vordergrund. Die Figuren dagegen bleiben im Hintergrund, sie bieten kaum Identifikationsangebote. Mit ihnen können wir nicht leben, lieben und leiden, denn wir sehen sie nur in ihren Rollen: als Verkäufer, als Bloggerin, als Teilnehmer einer Fernsehshow, als Benutzer einer Mikrowelle. Aber anders als im ersten Erzählband „Nach oben ist das Leben offen“, in dem in den Geschichten jeweils ein vielstimmiger Chor von Figuren erzählte, Figuren, die noch weniger Griff haben, denn sie sind jeweils lediglich an ihren Namen, nie aber an ihren Charaktereigenschaften zu erkennen, gewährt uns in „Vor Anbruch der Morgenröte“ doch meistens ein Protagonist genügend Halt, um in der Geschichte zu verwurzeln, um wenigstens in die Geschichte so einzutauchen, dass sie auch nachhallen kann.

Dieser stereotypen Gestaltung der Figuren steht jedoch eine derartig detaillierte Betrachtung der von der Digitalisierung geprägten Lebensumstände der Protagonisten entgegen, dass es eine große Lust ist, sich auf diese Lebensrealitäten einzulassen. Es hat ja tatsächlich seinen Reiz, Hennigs Beschwerdebrief an den Hersteller der Mikrowelle zu lesen, in dem er so genau erzählt, mit welchen Empfindungen er allabendlich in seine Wohnungseinheit zurückkehrt, wie er die Zubereitung seines eingefrorenen Lieblingsdonuts in der Mikrowelle zelebriert, wie er das Gebäck im Fernsehsessel in seiner „automatisch wohltemperierten Komfortzone“ verspeist, seine Lieblingsbilder aus dem All betrachtend, die ihm genau in diesem Moment – ausgelöst von der Mikrowelle? – auf die große Leinwand gesendet werden. Und welches Unglück es ihm bereitet, dass nun genau diese Bilder aus dem All nicht mehr gezeigt werden. Ist wohl die vernetzte Mikrowelle defekt, ist seine bange Frage an den Hersteller.

Manchmal müssen wir schon lachen über die Nöte und Sorgen der Protagonisten. Henning, aber auch der Vorstandsvorsitzende, scheinen ihren Körper nur noch über Geräte lesen zu können, die ihnen die messbaren Körperdaten anzeigen, ihre Gefühle können sie wohl anders gar nicht mehr wahrnehmen. Auch über die erfolgreiche junge Mutter und Bloggerin schütteln wir wohl eher den Kopf, wenn wir einen ihrer Beiträge lesen, und erfahren, dass die ganze Familie mittlerweile davon lebt, dass sie nette Geschichten über ihr Familienleben schreibt und dabei tausendunddrei Produkte nennt, die Links sind schön erkennbar, und deren angenehmen Funktionalitäten in ihre Erlebnisse einbaut (Advertorial nennt man diese Textgattung, in der der Leser kaum mehr zwischen redaktionellem Beitrag und Werbung unterscheiden kann,). Da werden Kinder und Mann zu Protagonisten, zu Figuren ihres Blogs, ja, vielleicht gar zu Marken – und niemanden scheint es zu stören. Im Gegenteil, zum Geburtstag schenkt ihr Mann ihr die Abbildungen der positiven Entwicklung ihrer Blogkennzahlen, schön gerahmt und zum Aufhängen. Sie dagegen beginnt dieses Leben mehr und mehr in Frage zu stellen, weil sie sich nur noch getrieben fühlt von der Notwendigkeit, Events zum Schreiben zu kreieren und ihr ihre Leichtigkeit abhanden zu kommen scheint.

Egal, ob Schönthaler in den Inseldschungel zieht und von einer Unterhaltungssendung berichtet, deren Spielregeln noch das Dschungelcamp toppen, einen Ausflug unternimmt in die Erlebnissphären der BMW-Welt oder die Geschichte von Joseph Paul Jennigan rekonstruiert, einem armen Kleinkriminellen, der zur Todesstrafe verurteilt wird, die, so steht es im Gesetz, „Vor Anbruch der Morgenröte“ durchgeführt werden muss, und, am Vorabend der Entwicklung der bildgebenden Verfahren, noch in die Fänge der Wissenschaft gerät – die Erzählungen üben auf den Leser einen Sog aus, überzeugen durch ihre Vielschichtigkeit, durch ihre immer wieder andere Form, vor allem durch ihren Inhalt. Indem Schönthaler seine Figuren in ihre digitalisierten Lebenswelten stellt, Welten, in denen sie sich ganz normal bewegen, indem er ihre Brüche zeigt, ihre Sorgen, ihre Erlebnisse, gibt er uns eine Menge zu denken darüber, wie wir mit der Digitalisierung umgehen und leben wollen, welche Angebote wir annehmen, welche wir ablehnen. So sind die Erzählungen ist ein ganz wichtiger literarischer Beitrag zu einer auch nur schleppend geführten gesellschaftlichen Diskussion. Und auch wer

Wer schon einmal einen Vorgeschmack auf Schönthalers Erzählungen bekommen möchte, dem sei die Seite „The short story project“ empfohlen, auf der seine Geschichte „Ihre Mikrowelle“ veröffentlicht ist. Und über dieses interessante Projekt könnt ihr bei Constanze noch mehr erfahren. Es lohnt sich.

Philipp Schönthaler (2017): Vor Anbruch der Morgenröte. Erzählungen, Berlin, Matthes & Seitz

Lukas Bärfuss: Hagard

Ist es möglich, in einer europäischen Großstadt, in einer Stadt in der Schweiz, einfach verloren zu gehen? So verloren gehen wie die Boing 777 der Malaysia Airlines, die ein paar Tage vor der hier erzählten merkwürdigen Geschichte um den Immobilienentwickler Philip auch einfach vom Radar verschwunden war? Ist es möglich, dass sich ein ganz normaler Bürger erst auf ein belanglos erscheinendes Spiel einlässt, dann aber in einen Strudel gerät, der ihn die üblichen Konventionen vergessen lässt, ihm einen Rückweg ins „normale“ Leben unmöglich macht? Lukas Bärfuss erzählt in seinem Roman „Hagard“ genau solch ein Geschichte, er erzählt, wie Philip sich in kaum mehr als 24 Stunden komplett aus seinem Leben katapultiert.

Philip ist durchaus erfolgreich, ein Projekt auf Gran Canaria steht gerade vor den letzten Abschlüssen. Er besitzt eine Wohnung, ein Auto, ein Büro, beschäftigt eine Angestellte, Vera, und hat ein Kind, einen Sohn im Kindergartenalter. Er ist Ende 40, raucht, in den letzten Jahren hat er ein paar Kilo zugelegt. Sein Leben ist durchgetaktet, mit seinem Handy ist er in ständigem Kontakt mit Vera, die seinen Terminkalender führt, hinter Kunden her telefoniert, wenn die sich verspäten, und seine Flüge bucht. Wie er sich dabei fühlt, ob er zufrieden ist, gar glücklich, davon wird nichts berichtet. Morgen jedenfalls wird Philip nach Gran Canaria fliegen und heute Nachmittag hat er noch einen Termin mit einem Handwerker, Herrn Hahnloser, der insolvent ist und ein Grundstück verkaufen möchte oder muss. Hahnloser kommt und kommt nicht zum vereinbarten Termin, Philip gibt seine Warteposition im Café auf und schlendert ein wenig über die Straßen und Promenaden, er hat noch eine Stunde Zeit bis zu seinem nächsten Termin. Es ist März, ein ungewöhnlich warmer und sonniger Tag und die Menschen auf den Wegen und Straßen genießen das schöne Wetter: endlich Sonne und Wärme nach dem langen Winter.

Philip aber kann dem Wetter nicht nur Positives abgewinnen. Er empfindet die Temperatur als „dumpfe Wärme“, als eine Luft „die eine fiebrige Krankheit ankündigt“, eine Assoziation, die Philip an die Nachricht von Menschen in China erinnert, die plötzlich mit hohem Fieber, mit Gliederschmerzen und Husten in ein Krankenhaus eingeliefert werden, um dann an einem Lungenödem zu sterben. Philip scheint geradezu die schlechten Nachrichten aufzusaugen, sieht sie als Beweis dafür, dass etwas Bedrohliches in der Luft liegt, dass sich auch unsere mitteleuropäischen Gewissheiten als ungewiss herausstellen werden.

Und genau in diesem Moment des melancholischen Nachdenkens über das Schwinden von Zuversicht und Vertrauen, während er die Menschen in seiner Umgebung beobachtet, die pummelige Kassiererin bei der Zigarettenpause, die Halbwüchsigen, die nicht „wussten, dass sie längst in der Falle saßen, längst geknechtet von den Kreditverträgen“, da sieht Philip in der Menschenmenge, zwischen den dunklen und dicken Halbschuhen und Stiefeln ein Paar „pflaumenblaue Ballerinas“.

„Mehr sah er nicht, die Frau, die sich einen Weg durch die Menge suchte, blieb unsichtbar. […] Für einen Augenblick erschien ihre Gestalt, klein, zierlich, verletzlich. Er schätzte sie auf Mitte zwanzig. Ihr Gesicht konnte er nicht erkennen, doch schon da muss ihr Duft in seine Nase gestiegen sein, oder die Vorstellung ihres Duftes, Rosen oder Jasmin. […] Und als sie sich aus dem Pulk gelöst hatte, meinte Philip eine Geste ihrer Hand oder ihres Kopfes zu erkennen, eine Bewegung, die ihn lockte, aufforderte, ihr zu folgen, was nichts als eine Illusion sein konnte, denn bestimmt hatte sie ihn nicht bemerkt. Doch für Philip bestand kein Zweifel: Sie meinte ihn, sie schickte ihm ein Zeichen. So löste er sich von der Säule und folgte der jungen Frau hinein ins Gewühl.“

Ein Blick auf die pflaumenblauen Ballerinas, auf die junge Frau, auf ihren bauschigen Chiffonrock, genügen, um Philip Leben auf den Kopf zu stellen. Was er sich zunächst als kleines, unschuldiges Spiel erklärt, als Zeitvertreib für eine Stunde, bis er seinen Sohn bei der Tagesmutter abholt, das wächst sich aus zum Stalken aus. Philip vergisst, nur um der unbekannten Frau folgen zu können, alle Termine, alle Verantwortungen, wirft alle Rationalität über Bord. Im Zug fährt er mit ihr in einen unbekannten Vorort, folgt ihr zu ihrem Haus, bezieht, durchaus zum Unwillen einer Elster, die den Platz für sich beansprucht, Posten vor dem Haus, lässt sich dann von einem Taxifahrer sein Auto aus dem Parkhaus zum Haus der Unbekannten bringen, um dort die Nacht schlafen zu können. Und als er das Auto am nächsten Morgen Hals über Kopf verlassen muss, um der Unbekannten wiederum zum Zug und in die Innenstadt zu ihrem Arbeitsplatz zu folgen, vergisst er in der Eile, sein Portemonnaie und seine Papiere mitzunehmen. Und das Smartphone wird auch über kurz oder lang seinen Dienst quittieren, der Akku ist leer, das Ladekabel bereits im Koffer für die Reise nach Gran Canaria.

Den Absturz Philips erzählt ein namenloser Ich-Erzähler, der den Handlungsverlauf der ganzen Geschichte kennt, nicht aber die Beweggründe Philips, sich von den pflaumenblauen Ballerinas so aus dem Leben reißen zu lassen. So kann der Ich-Erzähler nur spekulieren und verschiedenen Erklärungsansätzen nachgehen, kann eine plötzliche Verliebtheit ins Spiel bringen, auch einen gewissen Überdruss am alltäglichen Leben. Dieser Erzähler, der vielleicht auch der Erfinder der Geschichte ist, unterbricht Philips Geschichte immer wieder, versucht einzuordnen und Begründungen zu finden. Und so ergibt sich zwischen Philip und dem Erzähler durchaus eine Arbeitsteilung: während Philip, aus der Zeit und aus seinem Leben gefallen, nun immer wieder Muße hat, seine Umgebung ganz genau zu beobachten und zu analysieren – und die Szenen, die er am Bahnhof beobachtet, gehören zu den besten Szenen des Romans – kann der Erzähler auch noch den Bogen spannen zu den gesellschaftspolitischen Aspekten, kann immer wieder verweisen auf die vielen Zeichen, die andeuten, dass auch unser sicheres mitteleuropäisch-großstädtisches Leben vor deutlichen Veränderungen steht – so wie die Annektion der Krim, die gerade in diesen Tagen passiert, die Gewissheit zerschlägt, dass nie wieder ein Krieg in Europa stattfinden wird.

Auch wenn fraglich ist, ob Philips Verschwinden realistisch ist, auch wenn der Autor gegen Ende des Romans ganz unverhofft noch eine neue Perspektive einbringt, vielleicht weil seine Figuren eben nicht die komplette Bandbreite der Lebensstile abbilden können, so hat Lukas Bärfuss mit „Hagard“ doch einen faszinierenden Roman geschaffen, der mit sehr genauem Blick seziert, wie schnell ein Mensch sich aus unserem normalen Alltag entfernen kann, wie er im wahrsten Sinne des Wortes verloren gehen kann. Der zeigt, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen, und wie schnell es brechen kann, wenn da einer die Kontrolle aufgibt und seinen Obsessionen nachgeht, anstatt an der – allgemein anerkannten – stetigen Verbesserung des Ich zu arbeiten, durch gute Ernährung, ein ausreichendes körperliches Training, eine lebenslange Bildung, einen Job, der Selbstverwirklichung ermöglicht und eine Kommunikation, die mehr und mehr empathisch, mehr und mehr den Anforderungen der Gewaltfreiheit entspricht. Der erzählt ist in einer präzisen, sehr verdichteten Sprache, mit einer Fülle von Motiven und Anspielungen, einer Sprache, in der wir Philip angespannt fast durch den Bahnhof und die Züge folgen, mit ihm vor dem Haus der Unbekannten stehen, die Nacht mit ihm im Auto verbringen.

Es sind in diesem Frühjahr Autoren wie Bärfuss und Lüscher, die Geschichten erzählen, die sich eben nicht im Privaten erschöpfen, sondern ihren genauen Blick auf die gesellschaftspolitische Verfasstheit unseres Lebens richten, das sich in allen Facetten den Anforderungen des Primats der Wirtschaft unterwirft.. Die ihre Geschichten erzählen ab dem Punkt, an dem die bisher so Erfolgreichen doch scheitern, die ihre Kritik in wunderbar ironisch erzählten Szenen entfalten. Und die in ihren Geschichten eben genau die Mittelstandsprotagonisten zeigen, die an unseren gesellschaftspolitischen Idealvorstellungen grandios scheitern, Figuren also, die sich selbst verloren gehen.

Lukas Bärfuss (2017): Hagard, Göttingen, Wallstein Verlag

#lithund: Der melancholische Hund

Der Begriff des „schwarzen Hundes“ als Metapher für Melancholie und Depression geht wohl zurück auf den Schriftsteller Samuel Johnson, der im 18. Jahrhundert lebte. Winston Churchill nutzte dann den Begriff zwei Jahrhunderte später wieder für seine depressiven Episoden und machte ihn so weithin bekannt. In seiner Folge zog das Bild des schwarzen Hundes dann in die verschiedenen Künste ein. So erklärt Gordon Parker im Vorwort zu Matthew Johnstones Buch über den schwarzen Hund und die Depression, wie der Begriff entstand.

hundinderliteraturMerkwürdig ist dieser eher negative Zusammenhang auf den ersten Blick aber dann doch. Denn seit vermutlich um die 30.000 Jahre leben Mensch und Hund zusammen, schätzen die Menschen doch die Treue des Hundes, seine Gelehrigkeit und Wachsamkeit, seinen Mut und sein Geschick. Bei der Jagd und bei der Sorge um Hof und Vieh arbeiten Menschen und Hunde zusammen. Und mittlerweile sind Hunde als Familienmitglieder im engsten Kreis angekommen. Und da wird ein Hund als Symbol einer so ernsten Erkrankung wie der Depression herangezogen?

Ein Blick zurück zu den „alten“ Ägyptern und Griechen zeigt, dass dort hundsköpfige Götter über den Tod und den Eingang zum Totenreich herrschten. Anubis, der ägyptische Gott, sorgte sich um die Totenriten und die Mumifizierung und Zerberus, der Höllenhund, stellte für die Griechen den meistens dreiköpfig abgebildeten Bewacher des Hades dar. Viel später, und deutlich inspiriert von Zerberus, taucht auch in den nordischen Mythen der Hund Garm als Bewacher der Hölle Hel auf. Und die Waliser wiederum kennen in ihrer Mythologie Cŵn Annwn, die Hunde Annwns, des Königreichs der Unterwelt. Diese Hunde sind weiß und gespensterhaft und sie haben rote Ohren.

Möglicherweise von diesen mythischen Hunden angeregt, die alle mit dem Tod in Verbindung gebracht werden können, hat sich in den englischen Legenden der Hund als Furcht einflößende Nachtgestalt entwickelt. Er ist der wilde Hund, ist oft besonders groß und hat leuchtende Augen, er verkündet Unheil, flößt Angst ein und wird nicht selten mit dem Tod assoziiert. Vielleicht ist vor diesem Hintergrund zu erklären, wie den positiven Eigenschaften des (realen) Haus- und Hofhundes die dunklen Eigenschaften der Depression in Gestalt des schwarzen Hundes entgegengesetzt worden sind.

Und so hat der „schwarze Hund“ als Symbol der Depression auch Einzug in die Literatur genommen. Drei Beispiele mögen dies belegen:

Matthew Johnstones Doppelband „Der schwarze Hund. Wie man Depressionen überwindet und Angehörige und Freunde dabei helfen können“ erklärt in knappen Texten, wie es sich für die Betroffenen anfühlt, wenn eine Depression beginnt und mehr und mehr Platz beansprucht, und erklärt auch, dass sie zu lindern ist. Der zweite Teil bzw. zweite Band stellt die Phänomene der Erkrankung für Angehörige und Freunde dar und widmet sich auch den Möglichkeiten, mit denen man gemeinsam etwas tun kann, um den schwarzen Hund zu akzeptieren.

Die knappen Erklärungen skizzieren jeweils die verschiedenen Symptome, sie erklären aber auch ebenso knapp und prägnant die Wege, die es gibt, um eine Depression zu überwinden und machen insofern Mut. Die Konzeption des Buches – und sicherlich auch Garant für den Erfolg – ist der schwarze Hund selbst bzw. besser gesagt: seine Illustration. Auch wenn der schwarze Hund riesengroß wird, weil die Depression den Menschen fest in ihren Klauen hat, so schaut der Hund nie böse oder Furcht einflößend, sondern eher ausdruckslos oder stoisch. Er wirkt alleine durch seine Anwesenheit, seine Körperlichkeit, seine Anhänglichkeit, sein stetes Folgen – und erweist sich damit wiederum als der treue Hund, wie wir ihn kennen. Gerade diese Darstellung des schwarzen Hundes aber trägt in hohem Maß dazu bei, die Krankheit zu entdämonisieren, ihr den besonderen Schrecken zu nehmen. Mit diesem Hund, so denkt man beim Betrachten, mit dem kann man doch eigentlich klarkommen.

Marion Poschmann erschafft gleich zu Beginn ihrer „Hundenovelle“ eine Szenerie, die an ein Bild erinnert, einen Stich von Albrecht Dürer mit dem Titel „Melencolia I“. In Poschmanns Geschichte streift die Protagonisten durch die Industriebrache am Rande der Stadt, blickt auf die aufgegebenen Fabrikhallen, steigt über Schrott und betrachtet die Natur, die sich hier ihren Platz zurückerobert. Auf einem Stein sitzend, das Kinn in der Hand, betrachtet sie diese Umgebung, die ganz deutlich ihre eigene Situation widerspiegelt, ein einsames, irgendwie auch aufgegebenes Leben. Da gesellt sich ein Hund zu ihr, ein schwarzer Hund, der sich, zusammengerollt, neben sie legt. Der sie später, als sie aufsteht, begleitet, als gehöre er zu ihr. Sie wird ihn nicht los, er folgt ihr, auch wenn sie eine Straßenbahn besteigt, er geht mit ihr ins Haus, als würde er es schon sein Leben lang so tun. Und so kommt die Protagonistin zu einem Hund, gerät durch ihn in die – manchmal urkomisch verrückte – Welt der Hundebesitzer, mit Hundefriseuren und Tierheimen, mit der Konsumwelt rund ums Tier und manchmal tatsächlich wegen des Hundes auch in Kontakt mit anderen Menschen. Vor allem aber wird der Hund zu ihrem Begleiter, wenn sie durch das Naturschutzgebiet streift, durch die Industrieruinen, durch die vielen üppig wachsenden Gräser, Stauden und Büsche.

Man kann die Geschichte lesen, wie sie erzählt wird, als Blick in das einsame, traurige, träge und schwere Leben der Protagonistin in diesem sehr heißen Sommer – den Hundstagen. Das Eingangsbild aber, der Bezug zu Dürers Stich, lässt vermuten, dass die Novelle auch noch auf einer anderen Ebene gelesen werden kann, auf der Ebene, in der all die Bilder, die Poschmann kreiert, auch Symbole dieser großen Traurigkeit und Schwere sind, in der die Protagonistin sich befindet, beziehungslos und nur mit ihrer toten Mutter Zwiesprache haltend, arbeitslos und so auch ohne die sozialen Kontakte und Bestätigungen, die eine Arbeit bieten kann. Dafür nun der Hund, der sich treu an sie hängt, als Begleiter, als ein Wesen, für das sie sorgen muss und das ihrem Tag eine gewisse Ordnung und Struktur gibt, das auch für Kontakte zu anderen sorgt – und seien sie noch so absurd. So spielt Poschmann kunstvoll mit den vielen Symbolen aus Dürers Bild, übersetzt sie in eine andere, in unsere Zeit, übersetzt sie in Sprache und umkreist so das Dürer´sche Thema, die Melancholie, die Depression.

Ein Hund spielt auch eine ganz wesentliche Rolle in Michael Köhlmeiers „Idylle mit ertrinkendem Hund“. Dr. Beer trifft ihn bei einem Spaziergang am alten Rhein. Er, der bisher so unnahbare Lektor, zu dem der Schriftsteller in den vielen Jahren der Zusammenarbeit kaum vertrauliche Momente herstellen konnte, besucht den Schriftsteller in seinem Haus, gerät beim Anblick des mit tropischen Pflanzen fast völlig zugewucherten Wintergarten schier aus dem Häuschen und schließt sich dem wegen des Unfalltodes der Tochter nachts immer wieder schlaflosen Ehepaars umstandslos in seinem Pyjama in der Küche an. Und er trifft diesen großen schwarzen Hund beim Spaziergang, freundet sich mit ihm an, obwohl er doch eigentlich verkündet hat, Angst vor Hunden zu haben. Dieser hier aber scheint ganz anders zu sein, schaut kein bisschen bösartig, sodass Dr. Beer sogar sein Butterbrot mit ihm teilt.

Als am nächsten Tag Schriftsteller und Lektor gemeinsam einen Spaziergang unternehmen, treffen sie den Hund wieder. Der steht auf dem zugefrorenen Wasser, freut sich, den Lektor wiederzusehen – vielleicht wegen der Brote – und rennt auf die beiden Spaziergänger zu. Dabei bricht er ins Eis ein und droht zu ertrinken. Dr. Beer macht auf dem Absatz kehrt, um Hilfe zu holen, der Schriftsteller aber geht übers Eis, um den Hund aus dem Loch zu ziehen. Dabei droht er selbst, ganz ins Wasser abzurutschen, denn Hund und Mensch klammern sich aneinander, und der Schriftsteller, der sich aus dieser misslichen Lage durch das Ausziehen seines Mantels befreien könnte, verharrt gemeinsam mit dem Hund, halb auf dem Eis, halb im Wasser, bis endlich die Hilfe kommt, die Dr. Beer herbeigerufen hat. Gerade diese Rettungsszene, die vor dem Auge des Lesers – über mehrere Seiten hinweg erzählt – quasi in Zeitlupe abläuft, gehört zu den eindrucksvollen und spannenden Szenen, die der Leser so schnell nicht wieder vergisst.

Wenn ein Schriftsteller und ein Lektor in einer Geschichte die Protagonisten sind, dann wird die Geschichte wahrscheinlich nicht nur auf der Bildebene gelesen werden können, sondern auch, wie in Poschmanns Novelle, auf der Ebene der Symbole. Da passt das eisige und schneereiche Wetter sehr gut zur Stimmungslage der verwaisten Eltern, das üppige Pflanzenleben im Wintergarten ist dazu ein Gegenpart. Und der Hund, der große, besitzerlose, schwarze Hund, der völlig unbegreiflicherweise eine Freundschaft zu dem sonst so verstockten Dr. Beer sucht, und den der Schriftsteller nun retten will, auch wenn es sein eigenes Leben bedeutet, treibt in ganz besonderer Weise die Auseinandersetzung mit dem Unfalltod der Tochter voran, denn nun kann er ein Leben retten und greift den Hund, wie er seine Tochter hätte greifen und retten wollen.

So ist der Hund in Köhlmeiers Geschichte vielleicht nicht das Symbol für eine Depression, für Trauer aber doch. Und er schafft die Gelegenheit für den Schriftsteller, sich noch einmal ganz anders mit seiner Trauer auseinanderzusetzen.

Der Hund in der Literatur also hat sich längst von seiner Vergangenheit als Höllenhund, als Zeichen des baldigen Todes oder als nächtliche Schauergestalt emanzipiert. Auch wenn er immer noch in Verbindung steht zu den dunklen, traurigen, schweren Gefühlen der Menschen, ist sein Wirken doch wesentlich komplexer und erscheint längst nicht mehr als nur Angst einflößend. Die Möglichkeiten des literarischen Spiels, das die gegenwärtige Literatur an der Symbolik des Hundes erprobt, der ja immerhin als kreatürliches Geschöpf dem Menschen einen über Verstand und Gefühl hinausgehenden Zugang zur Deutung der Welt ermöglichen kann, sind dabei weitaus facettenreicher, interessanter und vieldeutiger als der „alte“ Blick auf den Hund als Ausdruck von Angst und Schrecken.

Matthew Johnstone (2016): Der schwarze Hund. Wie man Depressionen überwindet und Angehörige und Freunde dabei helfen können, übersetzt von Nils Thomas Lindquist und Sabine Müller, München Antje Kunstmann Verlag

Marion Poschmann (2008): Hundenovelle, Frankfurt, Frankfurter Verlagsanstalt

Michael Köhlmeier (2008/2013): Idylle mit ertrinkendem Hund, München, dtv

 

Jonas Lüscher: Kraft

Immer wieder habe ich hier auf dem Blog gefragt, wo denn die Romane sind, die sich mit den ganz aktuellen gesellschafts- und vor allem auch wirtschaftspolitischen Themen auseinandersetzen und die uns durch ihr Erzählen einen anderen Blick und ein anderes Verständnis auf unsere Welt und unsere Konflikte ermöglichen. Mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ hat Lüscher sich schon dieses Themas angenommen und hat erzählt von den (wirtschaftlichen) Egoismen und Barbareien, die es überhaupt erst ermöglichten, dass eine Finanzkrise ausbricht. Und nun begibt sich Lüscher in seinem neuen Roman ganz hinein in die Kreise und Zirkel, die Teil hatten an den wirtschaftsliberalen Veränderungen, die zufällig – oder aus Klugheit – mit aufgesprungen sind auf den Zug der Veränderung, der in den 1980er Jahren begann, und die davon profitiert haben und nun vor einem Scherbenhaufen stehen. Richard Kraft, philosophischer Deuter und Erklärer des freien Marktes, ist einer von ihnen.

Kraft ist angesehener Wissenschaftler, immerhin in der Nachfolge Walter Jens´ der Inhaber der Rhetorik-Professur in Tübingen, und steht finanziell vor einem Desaster. So klug, brillant und scharfsinnig seine philosophischen Argumentationslinien auch sind, so ungeschickt agiert er im Privatleben. Nun stehen größere finanzielle Verpflichtungen der Wiedererlangung seiner Freiheit im Weg, nämlich ein nicht abbezahlter Kredit für die schöne Altbauwohnung in zweiter Neckar-Reihe, der üppige Unterhalt für seine erste Frau Ruth und die Unterhaltszahlungen und Ausbildungskosten der beiden Söhne aus dieser Ehe. Die Scheidung von Heike, seinem zweiten Experiment in Sachen Familie, und die damit einhergehenden Kosten für zwei Haushalte und den Unterhalt für die Zwillingsmädchen kann Kraft sich nun wirklich nicht mehr leisten.

Da kommt die Ausschreibung eines philosophischen Wettbewerbs in Stanford dem Ehepaar Kraft gerade recht: ausgelobt hat Tobias Erkner, seines Zeichens Entrepreneur, Investor und Founder oft the Amazing Future Fund, immerhin eine Million Dollar Preisgeld. Und gefordert wird ein 18-minütiger Power-Point-Vortrag zum Thema: „Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millennium. Why whatever is, is right and why we still can improve it“. Zwar findet Kraft Erkners Erläuterungen der Preisfrage „seltsam“ und „krude“, „widersprüchlich“, „falsch“ und „nicht zusammengehörend“, erkennt aber trotzdem „einen gänzlich logischen Zusammenhang“. Heike dagegen lacht beim Lesen und nimmt den Text gleich kundig auseinander. Immerhin erteilt sie Kraft den Segen, nach Stanford zu reisen:

„Geh, gewinne, bring das Geld nach Hause, damit wir alle wieder unsere Freiheit haben“, hatte sie gesagt.“

Und da sitzt Kraft nun auf dem Stanford-Campus in den Leseräumen der Hoover Institution of War, Revolution und Peace und bekommt keinen klaren Gedanken zu fassen und kein einziges Wort aufs Papier. Und es ist nicht nur die mexikanische Reinigungskraft, die Krafts Schöpfungsprozess stört, indem sie den ganzen Tag mit ihrem Staubsauger im ständigen Kampf gegen den Dreck einen unerhörten Krach in seinem Umfeld verbreitet. Und es liegt auch nicht an Donald Rumsfeld, dessen Portrait mit kalten Augen auf ihn schaut, immer wenn Kraft abgelenkt über den Rand seines Laptops blinzelt, dass er so ideenlos ist. Es ist Krafts ganze Lebenssituation, die für seine Denk- und Schreibblockade verantwortlich ist.

Wie in seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ schickt Jonas Lüscher auch in seinem neuen Roman einen Professor ins Geschehen. Und wie Sanford Grey, der britische Soziologe, dem der plötzliche Bankrott Großbritanniens noch einmal ein neues Liebesglück in Form der nun gerade arbeits- und mittelos gewordenen jungen Investmentbankerin Jenny in die regelmäßig besoldeten, weil beamteten, Arme treibt, so steht auch Richard Kraft vor einer Lebenswende. Die er aber, im Gegensatz zum zupackenden Sanford, nicht so recht in den Griff bekommt.

Allein die Erknersche Preisfrage hat es schon in sich. Zwar hat Kraft durchaus den Ruf, seine philosophischen Überlegungen nicht am universitären Mainstream auszurichten. Schon zu Beginn der 1980er Jahre, als er gerade an der FU Berlin Volkswirtschaft, Philosophie und Germanistik studierte, war er ein großer Anhänger der wirtschaftsliberalen Ideen Margret Thatchers und Ronald Reagans und verschaffte sich, indem er sich in den Seminaren und Diskussionen unumwunden auf die Doktrin der Chicago Boys bezog, ein Alleinstellungsmerkmal und damit die notwendige Aufmerksamkeit. Und dass ein Stipendium der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung seine Studien finanziert, mag weitere Motivation für seine Haltung sein.

Es war die Zeit, als Otto Graf Lambsdorff die liberale Partei, ohne die gesellschaftsliberalen und sozialstaatlichen Ideen der Partei eines weiteren Blickes zu würdigen, auf einen marktliberalen Kurs brachte und damit den Bruch der sozial-liberalen Koalition vorantrieb. Es war die Zeit, als Schmidt im Bundestag am Misstrauensvotum scheiterte und Helmut Kohls CDU zusammen mit der FDP die Bundesrepublik endlich durchlüften und vom gewerkschaftlichen Mief befreien konnte. In diesem gesellschaftlichen Kontext hatte ein Philosoph, der gerade diese neuen Ideen und Zusammenhänge klären konnte, natürlich die Nase ganz weit vorne.

Nun aber, dreißig Jahre später, da nicht einmal mehr Sozialdemokraten und Sozialisten ernsthafte Berührungsängste vor neoliberalen Ideen haben, haben Krafts Sichtweisen kaum noch das Funkeln der einstmaligen Originalität. Mehr und mehr lähmt Kraft ein „So einfach ist das nicht“, wenn er in seinem Nachsinnen über die Erknersche Preisfrage meint, einen roten Faden gefunden zu haben. Mehr und mehr verkörpert er, ausgerechnet im Silicon Valley, der Technologieschmiede der Zukunft, den alten, pessimistisch zaudernden Europäer, der immer ein Haar in der digitalen Suppe findet.  So fällt es Kraft schwer, den Zusammenhang zu finden zwischen der Theodizee und den neuen Techniken – immerhin schwafelt Erkner schon wieder von der Überwindung der Sterblichkeit des Menschen durch die Technik – und kann beim besten Wissen und Gewissen nicht begründen, warum jetzt schon alles gut ist und warum in der neuen Technik ein neues Evangelium zu sehen sei.

„Zumindest fehlen ihm belastbare Zahlen. Das allerdings ist doch sonst auch kein Problem für ihn, wenn er sich im Kollegenkreis zu sehr am Rand befindet und, um diesen unhaltbaren Zustand zu beenden, eine allzu steile These in den Raum wirft, zu deren Unterfütterung er adhoc keine Daten liefern kann, die ihn dafür aber ins Zentrum der Diskussion katapultiert. […] so etwas gelingt ihm in der Regel aus dem Stegreif und immer bestrickend genug, um ihm die Aufmerksamkeit der Runde zu bescheren, die zwar kollektiv mit den Augen rollt, aber doch meistens wenig entgegenzuhalten hat.“

Großartig ist dieser „Kraft“, weil er auf gleich mehreren Ebenen gelesen werden kann. Zum einen als Geschichte des Aufstiegs und Falls Richard Krafts, der, brillant in der Analyse seiner Umgebung, sehr ungeschickt aber im Selbstmanagement, merkt, dass er in Stanford nun doch seine Seele verkaufen muss, will er ernsthaft um das Preisgeld konkurrieren. Seine neoliberalen Thesen, so „steil“ sie manchmal auch ausfallen können, haben der Dominanz der auf dem Campus der Uni messianisch formulierten Technikbegeisterung nichts entgegenzusetzen.

Und da hier ein Erzähler am Werk ist, der nicht nur souverän die Handlungsstränge zwischen Krafts Gegenwart in Stanford und den wichtigen Begebenheiten seiner Vergangenheit miteinander verwebt, sondern auch noch über solchen Wortwitz, solch eine Ironie, ja, Satire verfügt, dass der Roman insgesamt, manche Passagen aber ganz besonders, auf den Punkt formuliert sind, ist die Lektüre ein großes Vergnügen.

Diese Gelehrtensatire entpuppt sich, wenn die oberste Schale entfernt wird, aber auch als ein philosophischer Diskurs. Themen wie Freiheit und Wahrheit werden variiert und Kraft und sein Freund Ivan unterfüttern die geistig-moralische Wende Helmut Kohls und die neue politische Wendung hin zur Liberalisierung der Märkte immer wieder mit ihren Erklärungen und Deutungen. Das Motiv von Fuchs und Igel, das Kraft in einem Essay des liberalen Denker Isaiah Berlin liest, fasziniert ihr derart, dass er es zur Grundlage seiner Dissertation wählt. In Krafts Deutung betrachten und beurteilen die Igel die Welt aus einem einzigen festen Ordnungssystem heraus, während die Füchse der Welt offen gegenüberstehen und ihre Eindrücke und Erlebnisse eben nicht einordnen müssen. Natürlich nimmt Kraft für sich in Anspruch, ein Fuchs zu sein, eben ein richtiger Liberaler – und verdrängt die größten Teile seines Lebens, dass er mit seinem wirtschaftsliberalen Ideengebäude doch eher ein Igel ist. Und der für die Zukunft – und sei es in Form einer Gegenrede zu den digitalen Fantastereien – weder intellektuell noch moralisch gerüstet ist. Und so erzählt auch „Kraft“, wie schon „Frühling der Barbaren“, auch vom Versagen der Intellektuellen.

Krafts Aufstieg und Fall ist zeitlich eng verknüpft mit Aufstieg und Fall der Idee der freien Märkte und kann so auch gelesen werden als Parabel auf den Neoliberalismus. Der sich in der 1980er Jahren immer mehr Gehör verschaffte, zu Beginn der 2000er Jahre – ausgerechnet unter eher sozialdemokratischen Regierungen – zur vollen Blüte gelangte und dessen Folgen nun zu besichtigen sind: Da gilt das Pareto-Optimum als Naturgesetz, Ideen für eine bessere Gestaltung der Zukunft haben nur noch technikbegeisterte, sich aber wenig um soziale Belange kümmernde Nerds und die nachfolgende Generation, beispielhaft beschrieben an Krafts Zwillingen, ist moralisch und rhetorisch mit allen Wassern gewaschen, dass es einem bang werden kann.

Lüschers Roman „Kraft“, einer der wenigen Romane deutscher Autoren, die sich klug, komplex und anspruchsvoll, genau in der Beobachtung und scharfzüngig in der Analyse mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Phänomenen unserer Zeit auseinandersetzen, ist sicherlich einer der besten Romane in diesem Frühjahr.

Jonas Lüscher (2017) Kraft, München, Verlag C. H. Beck

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo

Als Niroz Malek 1946 in Aleppo geboren wurde, um genau zu sein am 17. April, feierte Syrien genau an diesem Tag seine Unabhängigkeit von Frankreich, der vom Völkerbund in Syrien und Libanon seit dem Ersten Weltkrieg eingesetzten Mandatsmacht. „Sohn des Friedens“ wurde Malek also wegen seines ganz besonderen Geburtstages genannt und er habe, so schreibt er in seinem Nachwort, lange daran geglaubt, dass es nie wieder Weltkriege geben werde. Die Demonstrationen, die in Syrien 2012 sechs Monate lang friedlich stattfanden, bei denen breite Schichten der Bevölkerung und vor allem die jungen Menschen solche Dinge einforderten wie „Freiheit“ und „Würde“, die „Reformierung der staatlichen Institutionen“ und das „Ende der Korruption“ gingen dann aber, statt in eine Kommunikation mit allen beteiligten zu kommen, doch in einen „internationalen, zerstörerischen, barbarischen, schmutzigen Krieg“ über. So schmutzig und barbarisch, dass immer wieder – und gerade in diesen Tagen  – von Giftgastoten die Rede ist. Und so wird Malek, was er nie vermutet hätte, er wird zu einem „Sohn des Kriegs“ und erlebt in Aleppo den Krieg aus nächster Nähe.

Viele Syrer sind geflohen, 12 Millionen, so schreibt Malek, seien auf der Suche nach einem sicheren Ort, innerhalb des Landes, in den Flüchtlingslagern der angrenzenden Länder, in Europa, in Amerika, in Australien, in Japan. Viele Familien habe es auseinandergerissen, den einen Teil der Familie hat es hierhin verschlagen, den anderen dorthin – und verstreut über die ganze Welt lebt auch seine Familie.

Niroz Malek aber ist in Aleppo geblieben, er will nicht weg von seinen „Büchern“, von seinen „Schallplatten, seinen Zeichnungen, Gemälden und Photographien“. Auch wenn die Bombendetonationen näher kommen, auch wenn die Fenster seines Zimmers zu beben beginnen, auch wenn „sie“ fragt, wann er denn endlich seine „Dokumente und Habseligkeiten“ für die Flucht zusammenpacke, dann erklärt er, dass er nicht gehen werde, dass er in der Wohnung bleiben und die Bücher, ihre Autoren und ihre Figuren beschützen werde, die Photographien von Tschechow und Hemingway, die Statuen von Puschkin und Gogol, die Schallplatten von Beethoven und Tschaikowsky, seinen Tisch, an dem er gearbeitet und geschrieben und an dem er die Cover für seine Bücher entworfen habe, an dem er gesessen und so viele Bücher gelesen habe: „Aber ich bleibe hier, in meiner Wohnung, solange meine Seele weiterlebt.“

Und so bleibt er in Aleppo, wird Zeuge der merkwürdigsten Begebenheiten in dieser Stadt im Krieg, die immer wieder heimgesucht wird von Bombeneinschlägen, in der es immer wieder neue Checkpoints gibt, so viele, dass es ihm nicht gelingen kann, einen Weg durch die Stadt zu finden, auch durch die kleinsten Gässchen, ohne an einem einzigen Checkpoint vorbeizukommen. Da bliebe wohl, so erzählt er einmal, alleine der Weg durch den Himmel.

Und den vermummten Männern an den Checkpoints ist tatsächlich nicht zu trauen. Manchmal schießen sie einfach in die Luft, um die Passanten zu erschrecken, einmal will einer der vermummten Männer einen Jungen erschießen, weil der nicht stehenbleiben will. Der Erzähler versucht zu vermitteln, versucht zu erklären, der Junge habe das Down-Syndrom – es nützt nichts. Ein anderes Mal spricht einer der jungen Soldaten ihn an, der „Herr Professor“ möchte mit ihm in das Wachhäuschen kommen. Nein, das möchte er lieber nicht, aber der Mann könne ihn nach seinem Dienst gerne in seiner Wohnung besuchen. Der Soldat kommt auch, er bittet den Schriftsteller, ihm bei einem Brief zu helfen, den er seiner Liebsten schreiben möchte. Das könne er nicht, erklärt der Schriftsteller, aber er stellt dem jungen Mann viele Fragen darüber, was er der Frau denn schreiben möchte, was ihm so wichtig sei.

„Eine Woche später ging ich wie üblich zum Minimarkt, um einzukaufen. Dort spricht mich der Ladenbesitzer an: „Kanntest du eigentlich Hassan?“

„Nein, welchen Hassan?“

„Mit dem du letzte Woche gesprochen hast.“

„Ach der! Was ist mir ihm?“

„Er ist gestern an der Castello-Front getötet worden“, antwortete er traurig.

Das war ein Schock. Ein Schlag ins Gesicht. Ich hörte ihn weitersprechen: „Er hat mir diesen Brief für dich gegeben, weil er dich zu Hause nicht angetroffen hat. Deshalb hat er ihn bei mir gelassen und sich seinen Kameraden angeschlossen…“

Es sind die alltäglichen Ereignisse, die Beobachtungen, die Malek inspiriert haben zu seinen literarischen Miniaturen. Und die eine ganz andere Sichtweise ermöglichen auf das Leben in Aleppo, als dies die an der realen Wiedergabe orientierten journalistischen Texte zu leisten imstande wären. Wie ist dieser Wahnsinn einer zerstörten Stadt zu beschreiben, der abgerissenen Balkone – als vergleichsweise geringe Zerstörung – der Straßen ohne jedes Grün, der Parks, aus denen die Menschen das Holz schleppen, um im Winter heizen zu können? Wie erzählen von den unzähligen und oft so sinnlosen Toden, die um Malek herum passieren. Wenn er sich gerade mit einem Freund in einem Café verabreden will und der ihm rät zu Hause zu bleiben, in der Nähe des Cafés sei gerade ein Checkpoint errichtet worden, es drohe Gefahr, und gleichzeitig das Fernsehen von einem Anschlag genau in diesem Viertel berichtet? Wie erzählen von den Toten, die aus den merkwürdigsten Gründen nicht beerdigt werden können und die den Lebenden bis in die Cafés folgen, weil sie nichts mehr wollen, als ihre ewige Ruhe. Wie erzählen von den verschiedenen Ängsten, die den Erzähler heimsuchen, des Nachts, wenn mal wieder der Strom ausgefallen und auch der Kerzenvorrat zur Neige gegangen ist, des Abends, wenn er sich mit Freunden im Café zum Fußballschauen verabredet hat und ihm ein Schatten folgt auf seinem Weg durch die dunklen Straßen?

Von Aleppo, so zerstört, wie es ist, erzählt Malek wenig. Wenn er von Aleppo erzählt, dann von dem Aleppo von früher, von den Parks und Straßen, den Bäumen, von der Zitadelle, zu der ihn und Nibal, sie standen kurz davor sich zu trennen, ein Freund gebracht hatte: „Ihr müsst einmal die Zitadelle umrunden“, weist er sie an, „und entweder ihr beendet eure Beziehung, oder ihr werdet wieder zu zwei wunderbaren Liebenden wie zuvor.“ Und immer wieder, in fast jedem Text, erzählt er vom Himmel. Aber der Himmel ist eben nicht durchgängig ein positives Motiv. ZU schön der blau der Himmel auch sein kann, auch von dort droht Gefahr, denn von dort kommen die Bomben.

Niroz Malek hat über 50 kurze Texte verfasst aus dem kriegsversehrten Aleppo. Es sind kleine Erzählungen, Beobachtungen, Erinnerungen entstanden, manchmal auch märchenhafte, träumerische, mystische Miniaturen, die einen kleinen Einblick gewähren in die Verheerungen, die solch ein langer Krieg in den Seelen der Menschen hinterlässt.

Niroz Malek (2017): Der Spaziergänger von Aleppo, aus dem Arabischen übersetzt von Larissa Bender, Bonn, Weidle Verlag

Bei buchpost findet Ihr eine weitere Besprechung des „Spaziergängers, ebenso bei readindie, wo Ihr im Anschluss an die Besprechung von Masuko13 auch ein Interview mit dem Verleger Stefan Weidle über Niroz Maleks Buch lesen könnt.

Imbolo Mbue: Das geträumte Land

„Das geträumte Land“ hätte DER Roman werden können für „Das graue Sofa“, ein Roman, der auf das schönste die beiden Schwerpunktthemen, nämlich die Ökonomisierung aller Facetten unseres Lebens und die Probleme um Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit hätte verbinden können. Denn der Roman erzählt genau von diesen beiden Themen, indem er die Wege von Jende Jonga und seiner Frau Neni, kamerunische Flüchtlinge in New York, mit denen der Bankerfamilie Edwards just zur Zeit der Lehmann-Pleite 2008/2009 verknüpft.

Wie Jendes Leben in Limbe ist, welche Chancen in der Gesellschaft er hat, das ist schon bei seiner Geburt festgelegt worden. Er entstammt einer armen Familie, einer Familie ohne „Namen“ und wird nie eine Möglichkeit zum Aufstieg haben. Der Job als Straßenfeger ist gleichzeitig auch das Ende der Karriereleiter. Und bedeutet auch, dass er niemals Neni wird heiraten können, denn Neni entstammt einer Familie, die – zumindest für ein paar Jahre – Geld hatte. Damals nämlich, als ihr Vater im Hafen beim Zoll (!) arbeitete und so viel verdiente, dass die Familie sich ein Haus leisten konnte und seit dem auch den Anspruch auf einen reichen Schweigersohn pflegt, einen, der genug Geld hat, um auch dem Schwiegervater unter die Arme greifen zu können. Dass Neni schwanger ist, dass schließlich ihr Sohn Liomi geboren wird, verändert die Haltung des Vaters nicht.

Für Jende gibt es nur einen Ausweg: die Flucht in das gelobte Land, in das erträumte Land Amerika. Er beantragt ein Besuchervisum, schwört im amerikanischen Konsulat, dass er nach drei Monaten wiederkommen. In Amerika angekommen, arbeitet und spart er, bis er so viel Geld zusammen hat, dass er das Brautgeld für Neni zahlen kann und das Ticket für ihren Flug nach New York.

Seit drei Jahren kämpft Jende nun schon um sein Bleiberecht, hat einen Asylantrag gestellt, hat immerhin eine vorübergehende Arbeitserlaubnis. Neni lernt Englisch, besucht die Schule, jobbt als Altenpflegerin und träumt davon, Pharmazeutin zu werden. Allen Widrigkeiten zum Trotz will sie es schaffen in Amerika, will, solange es auch dauert, ihre Ausbildung zu Ende bringen, will ihren Kindern eine gute Bildung zukommen lassen. Als Jende durch Vermittlung seines Cousins, der Wirtschaftsanwalt an der Wall Street ist, einen gut bezahlten Job als Chauffeur für Mr Edwards, einem hochrangigen Banker bei Lehmann Brothers, bekommt, scheint der Weg der kleinen Familie in der neuen Welt, endlich geebnet zu sein. Und dann bietet sich Neni auch noch die Möglichkeit, für Mrs Edwards, die die heißen Monate im Sommerhaus in den Hamptons verbringt, im Haushalt zu arbeiten und sie kann und in vier Wochen so viel verdient, wie sonst in drei Monaten.

Aber die Katastrophen lassen nicht lange auf sich warten: Neni wird wieder schwanger und Jende, auf einmal und ziemlich unmotiviert ganz Macho, verbietet ihr, weiter arbeiten zu gehen und verlangt, dass sie auch ihre Studien ruhen lässt. Die Lehmann-Pleite bedeutet zwar für Jende noch nicht das Ende seiner Chauffeurtätigkeit, weil Mr Edwards in die neue Bank übernommen wird. Aber im Zusammenhang mit den hohen staatlichen Zahlungen zur Rettung der Banken, fängt die Öffentlichkeit an, sich für die moralisch fragwürdigen und verantwortungslosen Banker zu interessieren und so kommt ans Licht der Zeitung, dass auch Mr Edwards sich gerne zum Stressabbau in eines der Hotels in der Nähe der Bank hat fahren lassen. Jende gerät mitten hinein in den sich anbahnenden Ehekonflikt, wird von Mr Edwards zum Sündenbock gemacht und verliert so dann doch seinen Job. Und der Asylantrag wird auch abgelehnt, nicht weiter verwunderlich, denn auf der Suche nach einem plausiblen Asylgrund hat der angeblich so versierte Anwalt – oder der Anwalt, der es so sehr auf Jendes Geld abgesehen hat – tatsächlich angegeben, dass Jende von seinem Schwiegervater verfolgt werde. Nun muss Jende mit illegalem Status die schlecht bezahlten Jobs in der Gastronomie annehmen, gleich zwei, um die Familie über Wasser zu halten.

Interessant ist der Roman immer dann, wenn er Einblick gibt in das Leben der kleinen Einwanderungsfamilie. Wenn erzählt wird, wie sicher und selbstbewusst sie sich in ihrem eigenen Umfeld bewegen, bei ihren Arbeiten, beim Studium, mit Freunden, in ihrem Viertel. Und wie diese vermeintliche Sicherheit bröckelt, sobald sie dieses Umfeld verlassen, sobald sie mit Weißen zusammen sind. Wenn die Teilung der amerikanischen Gesellschaft so deutlich zu Tage tritt, weil die Einwanderer aus Afrika meistens die dienenden Arbeiten haben. Und diejenigen, die es bis zur Wall-Street geschafft haben niemals eine weiße Frau heiraten würden. Wenn in Gesprächen und Erzählungen die vielen Auswandererschicksale Gesichter bekommen und die immer gleichen Gründe angeführt werden, dass gerade Amerika das erträumte Land ist, denn Amerika, so glauben und hoffen sie alle, gewähre Chancen auf Jobs, ermögliche den Kindern eine gute Bildung, damit es ihnen später besser als den Eltern geht. Wenn Jende immer wieder diese dramatischen Anrufe aus Kamerun bekommt und um finanzielle Hilfe angefleht wird, weil eine ganz wichtige Krebsbehandlung notwendig ist, weil eine Trauerfeier zu bezahlen ist, und er immer wieder Beträge des mühsam ersparten Geldes für die eigene Familie per Western Union nach Afrika transferieren muss. Wenn Jende erzählt, dass keiner der Auswanderer nach Hause zurückkehrt, wenn er es nicht geschafft hat in Amerika, wenn er nicht allen zeigen kann, dass er „seinen Teil von der Milch und dem Honig und der Freiheit abbekommen hatte, die in Amerika, dem Paradies für Selfmademen, flossen.“

Richtig überzeugen kann der Roman trotzdem nicht. Das liegt zum einen an der Gestaltung seiner Figuren, die alle Klischees bedienen, die vorstellbar sind: die weiße, reiche Bankerfamilie ist natürlich völlig kaputt, Mr Edwards arbeitet nahezu rund um die Uhr, ist selten zu Hause, nimmt sich nur Zeit, wenn es eine gesellschaftlich wichtige Verpflichtung gibt; seine Frau ist in ihrem sehr goldenen Käfig unglücklich, trinkt zu viel, wird später daran auch sterben, der ältere Sohn rebelliert gegen den Lebensstil der Eltern und geht – wohin wohl? – nach Indien; der jüngere Sohn schlägt sich mehr oder weniger alleine durch sein vermeintlich gutes Leben, ein Terminkalender so gefüllt mit Aktivitäten wie der seines Vaters.

Und die Jongas? Da die Erzählung mehr bei ihnen bleibt, werden die Charaktere immerhin etwas genauer und vielschichtiger dargestellt. Aber auch hier sammeln sich die, manchmal ganz klar der Dramaturgie geschuldeten vorhersehbaren Verhaltensweisen und Schicksalsschläge an. Natürlich sind die Edwards-Kinder angetan von der Wärme des Familienlebens der Jongas, wenn sie gemeinsam auf dem Teppich sitzen und die exotischen Speisen essen, wenn sie sich dabei unterhalten, wenn sie mit den Kindern spielen. Das alles kennen sie aus ihrem Elternhaus nicht. Dass Jende sich zum autoritären Familienoberhaupt entwickelt, dass er immer streitbarer und gewalttätiger wird, ist schon plausibel, in seiner Figur aber im Grunde nicht angelegt.  Allein Neni bricht aus diesem Korsett der passgenauen Zuschreibungen aus, bricht mit ihrer Rolle als nette, freundliche, immer zum Dienen bereite Frau und zeigt, dass unter dieser freundlich-gefälligen Oberfläche auch noch eine andere Frau steckt, eine zupackende, eine, die nicht vor kriminellen Handlungen zurückschreckt. Die so zwar der Familie ein Leben in Kamerun sichert, die sich aber nicht gegen Jende durchsetzen kann, so dass auch aus ihrem erträumten Land letztendlich das „geträumte Land“ wird.

Der Roman, chronologisch erzählt, meistens aus der Perspektive der Jongas, nur ganz selten in die Welt der Edwards wechselnd, kann aber vor allem wegen seiner Sprache nicht überzeugen. Nun sind amerikanische Romane eher auf das Vorantreiben der Handlung angelegt, und weniger auf Reflexion. Aber die einfache Sprache und der einfache Satzbau bieten einfach keine Widerstände beim Lesen, keine Widerhaken, an denen der Leser hängenbleibt, keine ungewöhnlichen Bilder, keine Sätze, die angestrichen und festgehalten werden möchten. Vielleicht soll dies genau die Sprache der Jongas abbilden, aber für die erzählenden, die reflektierenden Passagen ist diese Sprache zu wenig literarisch. Dass es auch im amerikanischen Roman ganz anders sein kann, dass auch eine Sprache, die auf Handlung und Authentizität abzielt, spannend, interessant und den Blick erweiternd sein kann, das beweist ja Paul Auster in seinem aktuellen Roman zur Genüge. Gerade der Beginn seines Romans, auch eine Einwanderungsgeschichte, die im Januar 1900 beginnt und die harten Beschwernisse des Einwandererlebens erzählt, zeigt die erzählerischen und sprachlichen Unterschiede deutlich. Natürlich, Auster hat ein ganzes Autorenleben auf diesen Roman hingeschrieben, während Mbue mit ihrem Amerika-Roman gerade den ersten Schritt in ein Autorenleben gemacht hat.

Trotzdem: „Das geträumte Land“ bleibt hinter den Erwartungen zurück, der Roman ist eben nicht DER Roman für „das graue Sofa“, der Roman mit der gelungenen Verknüpfung von Ökonomisierung und Entwurzelung.

Imbolo Mbue (2017): Das geträumte Land, übersetzt von Maria Hummitzsch, Köln, Verlag Kiepenheuer & Witsch

#lithund – Michael Ondaatje, Serge Bloch: Jasper braucht einen Job

Man muss den Tatsachen schon ins Auge schauen: Seit der Wolf als Hund bei Menschen wohnt, seit er sich nicht mehr als Einzelgänger oder im Rudel aus Wald und Flur selbst versorgt, sondern sich vom Menschen versorgen lässt, seitdem ist sein Leben bequem – aber auch teuer. Und es sind ja nicht nur die köstlichen Speisen, die in den unterschiedlichsten Läden extra für den Hundegeschmack angeboten werden, die so ins Geld gehen, es sind auch die anderen Kosten, die so ein Leben in schönster Bequemlichkeit mit sich bringt: Es müssen Steuern bezahlt und Versicherungen beglichen werden, der Arzt wünscht eine regelmäßige Konsultation und natürlich Extra-Geld, wenn eine Pfote geröntgt oder Zahnstein entfernt werden soll, und der Friseur rückt zwar auch den wildesten Fell-Verfilzungen mit seiner Schere unerschrocken zu Leibe, will aber dafür auch Bares sehen. Wenn dann auch noch ein Extra-Gassigeher bestellt wird, dann läppern sich schnell mal 900 Dollar zusammen.

Ondaatje, Bloch_2Das erkennt auch Mr. Cletus, Englischlehrer und deshalb schlecht im Rechnen. Wenn er die Beträge überschlägt, die die Familie für Jasper, den Familienhund, berappen muss, dann hat sich unter dem Strich seiner Berechnungen schnell mal ein kleines Vermögen addiert. Jedenfalls steht da ein so hoher Betrag, dass der Internatbesuch der beiden Kinder ernsthaft in Gefahr gerät. Und während der, um den es geht, nämlich Jasper, gemütlich lesend im Körbchen liegt und sein Abendessen – es gibt Spiegelei mit Würstchen und Hühnerfleisch – mit einem großen Schleck verspeist, denken Mr und Mrs Cletus ernsthaft darüber nach, welchen Job Jasper denn annehmen könne, um zu seinem Unterhalt beitragen zu können.

Da passt es ganz gut für den Anfang, dass just in diesem Moment drei Schüler von Mr. Cletus´ Schule vor der Türe stehen und die Familie darum bitten, dass Jasper, der ein bisschen aussehe wie der ägyptische Gott Anubis, in ihrem Schauspiel mitwirke, als Begleiter von Cleopatra in Shaws „Cäsar und Cleopatra“. Mrs Cletus hat noch die Sorge, dass die Schüler vielleicht beim Edinburgher Festival auftreten wollen, dann kämen auch noch Kosten für das Visum, den Flug und die Unterbringung auf die Familie zu. Sie willigt trotzdem ein, Jasper darf erste Erfahrungen auf der Bühne sammeln, auch wenn der Familie natürlich vorschwebt, dass Jasper etwas Anständiges lernen soll, nicht unbedingt die Schauspielerei, schließlich ist er – und diese Einschätzung ist Hundebesitzern überhaupt nicht fremd – ein außergewöhnlich kluger Hund.

Aber ganz ehrlich: Die Schauspielerei gefällt Jasper sehr gut. Überall auf der Bühne versteckt liegt sein Spielzeug, damit er sich auf gar keinen Fall zu langweilen beginnt, Cleopatra trägt gar Jaspers quietschende Lieblingsschlange als Gürtel und hat die Innenseite ihres Kleides mit Erdnussbutter eingestrichen. Und dass die anderen Schauspeiler schnell einen Narren an Jasper fressen, weil er nicht nur so toll schauspielert, sondern auch eine perfekte Bühnenverneigung hinlegt, zeigt sich dann in in den Köstlichkeiten, die sie ihm zu den Proben und den Aufführungen mitbringen: köstliche Steaks, von Knoblauch triefende Stampfkartoffeln. Das wiederum führt zu unangenehm riechenden Flatulenzen auf der Bühne, sodass Cäsar auch schon einmal wegen schlechter Luft seinen Monolog kreativ verkürzen muss.

Ondaatje, Bloch_3Jaspers Geschichte als gefeierter Star der Schultheaterbühne ist sicherlich nicht nur für Menschen mit Hundeerfahrung und Menschen mit Vorliebe für literarische Hunde eine lohnende Lektüre. Auch diejenigen Leser, die sich für bebilderte Geschichten interessieren, die Fans sind von Illustrationen und Graphic Novels, können es sich mit Jasper in ihrem Lesesessel gemütlich machen und schauen, wie sich seine Theatergeschichte entwickelt. Denn die Geschichte von Jasper, die Michael Ondaatje ersonnen hat, ist illustriert von Serge Bloch und Bloch zeichnet zwar Ondaatjes Geschichte, aber er zeichnet auch seine eigene Geschichte, die immer ein Stückchen weiter reicht als Ondaatje sie erzählt.

Geschichten und Illustrationen zusammenzubringen, das ist das Konzept der Tollen Hefte, die es seit über 25 Jahren gibt und die ins Leben gerufen wurden von Armin Abmeier, der das Projekt als „Wild, Gefährlich, Avantgarde“ beschrieben hat. In den Tollen Heften, die jeweils in nur geringer Auflage, dafür aber in besonders schön gestalteter Aufmachung erscheinen veröffentlicht zu werden, gilt durchaus als Auszeichnung und so haben auch ausländische Künstler immer mal wieder ein Tolles Heft „gemacht“.

Wer noch ein bisschen mehr wissen will über die Tollen Hefte, die Idee dahinter und die besondere Art der Produktion, der kann hier (http://www.kirchner-pr.de/pressebereich/edition-buechergilde/) weiterlesen. Und in Heft 47 sollte weiterlesen und schauen, wer wissen will, wie Jaspers Geschichte vom eigenen Job weitergeht.

Michael Ondaatje, Serge Bloch (2017): Jasper braucht einen Job, hrsg. von Rotraut Susanne Berner in den Tollen Heften Nr 47 und übersetzt von Anna Leube, Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg, Edition Büchergilde

Saphia Azzedine: Bilqiss

Schon das Alte Testament erzählt von der Königin von Saba, die von der Weisheit des Königs Salomon gehört hat und sich bei einem Besuch an seinem Hof davon überzeugen wollte. Auch im Koran finden sich Verweise auf die Königin aus dem südlichen Land, die hier auch den Namen Bilqiss trägt, und hier ist sie es, von deren besonderer Weisheit erzählt wird.

Saphia Azzeddines Protagonistin Bilqiss aber ist weder eine Königin noch ist sie weise. Dass ihr Leben so völlig missraten ist, das sei, so Bilqiss´, schon von Anfang an klar gewesen. Ihr Vater entlässt nach ihrer Geburt die im Nachbarzimmer wartende Schar der Nachbarn mit dem tiefen Seufzer „Das ist der Wille Allahs“, denn da ihm eine Tochter geboren ist, gibt es nun nichts mehr zu feiern. Und tatsächlich, für ein Mädchen, eine Frau ist das Leben nicht leicht in diesem Dorf irgendwo auf dem Land. Bilqiss darf zwar zur Schule gehen, arbeitet aber auch auf dem Mohnfeld und mit dreizehn Jahren muss sie Qasim heiraten, einen 46-jährigen dickbäuchigen ehemaligen Fischer, der nun als Chauffeur für den Richter des Dorfes arbeitet. Sie lebt das typische Leben der Frauen, die, wenn es ihren Männern langweilig wird, geschubst werden, geschlagen, misshandelt und missbraucht. Als ihr Mann stirbt und sie das Haus alleine weiter bewohnt, wird sie argwöhnisch von den anderen Dorfbewohnern beäugt und mehr und mehr aus der Gemeinschaft ausgegrenzt, denn eine alleinstehende Frau ist hier nicht vorgesehen. Das ist wahrlich kein königliches Leben.

Und weise ist diese Bilqiss auch nicht. Überhaupt nicht. An ihr ist keinerlei Gelassenheit zu sehen, nein, Bilqiss sagt ganz direkt und unverblümt, was sie denkt, denn für sie gibt es nur den ehrlichen und gradlinigen Weg, auch wenn der direkt auf eine dicke Mauer zuführt und die Mauer in ihrem Fall die Todesstrafe sein wird, der archaische Tod durch Steinigen auf dem Dorfplatz. Sie hat eine sehr realistische Einschätzung ihrer Situation und ihrer Handlungsmöglichkeiten, aber sie hat sich entschieden, ohne jegliche Rücksichtnahme ihren Weg zu gehen, auch ohne Rücksichtnahme auf ihr eigenes Leben. In andere einfühlen will sie sich nicht (mehr), sie stößt alle weg, die ihr helfen wollen, verachtet sie gar. Nein, weise, so wie wir Weisheit verstehen, ist diese Bilqiss wirklich nicht.

Kann aber überhaupt weise sein, gelassen, empathisch, freundlich auslotend, selbstreflexiv lernend, offen und neugierig, wer in einem Land lebt, in dem Fundamentalismus herrscht? Ein Land also, in dem Toleranz, Respekt und Achtung vor anderen nichts gelten, in dem Reflexion und tiefere Einsicht keinen Wert haben, in dem das Wissen, dass Dinge komplex sind und es immer verschiedene Perspektiven gibt, im öffentlichen und oft auch im privaten Leben nicht vorhanden ist? In dem schon alleine nichts gilt, wer eine Frau ist?  In dem Frauen nicht nur in lavendelfarbere Burkas gezwungen werden, sondern in dem die Ehemänner auch zu Hause nicht mit ihnen sprechen, ihnen kein freundliches Wort gönnen, sie nicht anlächeln und ermutigen, einfach, weil sich das nicht gehörte. Und dies alles mit dubiosen religiösen Deutungen erklärt wird.

Bilqiss, die in diesem Land der lavelfarbenen Burkas lebt, in dem auch amerikanischen Soldaten durch die Straßen laufen, es gar Weihnachtsgirlanden zu sehen gibt, steht also vor Gericht. Nicht für den Totschlag ihres Mannes, gegen dessen Zudringlichkeiten, Schikanen und Schläge sie sich irgendwann einfach mit der Frittierpfanne gewehrt hat. Den Tod kann sie gut vertuschen, zwei amerikanische Soldaten helfen ihr, den Tod wie einen Sturz vom Dach aussehen zu lassen. Nein, nun hat sie etwas getan, was schier ganz und gar ungeheuerlich ist.

Und das geschah so: Eines Morgens nämlich kam die Frau des Muezzins zu ihr, völlig aufgelöst, denn sie konnte ihren Mann nicht wecken, denn der hat am Abend zuvor viel zu viel getrunken hat.

„Sonst schaffe ich es, ihn aufzuwecken, aber heute früh regt er sich nicht“, rief sie aus. Sie wusste, dass niemand es wagen würde, einen Glaubensmann anzuprangern. Ihren ehrenwerten Gatten. Den unvergleichlichen Muezzin des Viertels. Sie hingegen würde sofort von allen geächtet werden. Das wusste ich“, erzählt Bilqiss. Und weiter: „Bevor wir ihn verließen, drehten wir ihn auf den Rücken in der Hoffnung, er würde in seinem eigenen Erbrochenen ersticken.“

Nun machen die Frauen sich auf, um einen Imam eines benachbarten Viertels zu holen, da kommt Bilqiss die unheilvolle Idee, selbst das Morgengebet zu sprechen. Sie rennt zum Minarett, erklimmt die Stufen und beginnt das Gebet. Nach den ersten Zeilen völlig euphorisiert von ihrer Tat, wandelt sie „hier und da ein paar allzu doktrinäre Passagen ab, um sie mit Nuancen, Erbarmern und Alltäglichem anzureichern.“ So nimmt das Unheil seinen Lauf und es ist Bilqiss völlig klar, dass sie in dem nun folgenden Prozess nur die Todesstrafe zu erwarten hat.

Ungewöhnlicherweise aber zögert der Richter Bilqiss´ Verurteilung von Tag zu Tag hinaus. Die Meute im Gerichtssaal wird schon unruhig, sie will Bilqiss endlich ihrer gerechten Strafe zuführen. Der Richter aber, so erklärt er, will eine „höchstmögliche Objektivität“ herstellen, will genau wissen, wie es zu Bilqiss´ Tat kommen konnte – und will noch viele Abende herausschinden, an denen er sie im Gefängnis besuchen und mit ihr reden kann.

Saphia Azzeddine erzählt Bilqíss´ Geschichte aus drei Perspektiven, aus der von Bilqiss und der des Richters, der so von der Angeklagten angezogen ist. Auch die amerikanische Journalistin kommt zu Wort, die im Internet Videos der Verhandlungen gesehen hat, eine tolle Story wittert und in das weit entfernte Land reist. Der Perspektivwechsel ist einerseits klug, denn wahrscheinlich würden Leser der manchmal frechen, ja sogar witzigen, manchmal aber auch völlig maßlosen, manchmal irritierenden Stimme Bilqiss´nicht den ganzen Roman über lauschen können. Er ist auch klug, weil verschiedene Perspektiven einen komplexeren Blick bieten, einen Blick, den gerade die Bewohner des lavendelfarbenen Landes üblicherweise nicht einnehmen. So gewinnen wir Einblicke in das Leben und Denken des Richters, erkennen, wie er hineingezogen wurde in den Strudel des religiösen Fundamentalismus, der ihm, einem Handwerker, ungeahnte Privilegien ermöglicht. Wir gewinnen auch einen Einblick in das als Gegenkonzept zu Bilqiss entworfene Leben der amerikanischen Journalistin, Leandra Hersham, die nun auch einmal eine mitreißend-reißerische Geschichte schreiben möchte, bevor sie in einer langweiligen Ehe und in ihrer Redaktion auf dem Abstellgleis endet.

Dieser Perspektivwechsel – oder auch: die Konzeption dieser Figuren – ist andererseits aber auch die Achillesferse des Romans. Die Figuren sind allesamt klischeehaft angelegt. Leandra ist das Abziehbild einer Amerikanerin: Hineingeboren in eine jüdische Ostküstenfamilie, die Mutter in den 1980er Jahren ein Mannequin und nun Künstlerin, der Vater ein „milliardenschwerer“ Filmproduzent, haben die Eltern sie und die Schwestern dazu erzogen, auch das Elend der anderen zu sehen und etwas dagegen zu tun. Nun lebt sie als Journalistin in der Zweitwohnung der Eltern in New York und sieht einer Hochzeit mit einem Anwalt entgegen. Der Richter, Vertreter einer Religion, die meint, auch pädagogisch wirken zu müssen, damit die Gesellschaft funktioniere, wird offensichtlich immer wieder gerade von solchen Frauen heimgesucht, die die einen stark, die anderen widerspenstig nennen. Und Bilqiss hat ihren aufklärerischen Furor augenscheinlich den Romanen und Gedichtbänden entnommen, den romantischen Liebesgeschichten mit den entschlossen handelnden Frauen, die Nafisa, die Grundschullehrerin, ihr erzählt hat, den Büchern, die sie haben wollte als Gegenleistung dazu, dass ein englischer Tourist sie fotografieren durfte, als sie vierzehnjährig zur Feldarbeit ging: ein Buch von Victor Hugo, eines von Edgar Allen Poe, einer Zeitschrift über Fotografie und der Gebrauchsanweisung seines Fotoapparates.

Diese Überzeichnungen stören, stören die Wirkung des Romans, auch wenn die Autorin durchaus kunstvoll literarische Bezüge in ihren Roman webt, die Hinweise auf Bilqiss, die Königin von Saba, die Hinweise auf Scheherazade, die sich ihr Leben von Nacht zu Nacht durch Sprachfertigkeit und Erzählfertigkeit erhält. Und dabei wäre die Figur der Bilqiss, diese frech, ehrlich, entwaffnend und überzeugend argumentierende Frauenfigur eines ausgewogeneren Romans würdig gewesen. Denn ihre Stimme, ihre fundamentalistisch emanzipatorische Stimme, ihr entschlossenes und rücksichtloses Eintreten gegen die unausgegorenen Deutungen der islamischen Männerwelt, wirken nach der Lektüre noch lange nach. Und vielleicht ist es nur so eine Stimme, die ihre Umgebung aufrütteln und aufwecken und eine Veränderung herbeiführen kann. Eine Stimme, die dann doch auch eine große Weisheit hätte.

Saphia Azzedine (2016): Bilqiss, Berlin Wagenbach Verlag

#lithund: Wölfe. Ein Portrait von Petra Ahne

Für unser Projekt, dem literarischen Hund auf die Spur zu kommen, liegt es nahe, auch den literarischen Wolf zu betrachten. Hund und Wolf, das sind nahe Verwandte, und Hybride, also erste Kreuzungen zwischen Hund und Wolf, sollen gerade wieder sehr angesagt sein. Bei verwilderten Hunden können Verhaltensvergleiche zum Haushund auf der einen, zum Wolf auf der anderen Seite gezogen werden. Und in der Literatur sind sie alle auch wieder zu finden.hundinderliteratur

Petra Ahne geht in ihrem Band der Naturkunden, in dem sie sich den Wölfen zuwendet, natürlich nicht in erster Linie, aber in einigen Kapiteln dann doch, dem Hund und dem Wolf in der Literatur nach. Und setzt sich als erstes mit dem Märchen vom Rotkäppchen auseinander. Das Märchen, so zeigt sie auf, erfährt im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte in seinem Verlauf – und damit auch in seiner Wirkung – eine deutliche Veränderung und die verweise, so Ahne, auch auf die Auseinandersetzung der Bevölkerung mit den Wölfen.

Wir kennen die Geschichte, aufgeschrieben von den Brüdern Grimm, ja so: Das Rotkäppchen kommt, trotz der Warnungen der Eltern, vom Weg ab, begegnet dem verkleideten Wolf und beantwortet arglos alle seine Fragen. So bekommt der böse Wolf die Gelegenheit, erst die Großmutter und dann das Rotkäppchen zu fressen. Wenn wir dieses Märchen als Kinder vorgelesen oder erzählt bekommen, ist völlig klar, dass wir wissen, wie gut es ist, immer auf die Eltern zu hören, damit kein Unglück geschieht, und wir nicht hilflos einem so bösartigen, hinterlistigen und verschlagenen Wolf begegnen. Die Grimms also als richtig gute Didaktiker. Wir haben aber neben dieser Botschaft auch noch gelernt, dass ein Wald doch ein sehr unwirtlicher Ort ist, denn wer weiß, ob dort nicht, versteckt im Unterholz und für uns unsichtbar, ganz reale Wölfe ihren Unterschlupf haben, uns aus ihrem Versteck beim Waldspaziergang beobachten und auf den günstigen Moment des Beutemachens warten.

Die ursprüngliche Version, erzählt im 16./17. Jahrhundert in Frankreich, hat eine ganz andere Ausgestaltung. Dort trifft ein Mädchen im Wald einen schönen Jäger. Der aber ist ein Wer-Wolf, also ein Wolf, der mehr ist, als er zu sein scheint, denn in ihm steckt auch noch ein „Wer“, ein Mann also, wie das althochdeutsche Wort belegt. Auch in dieser Version wartet der Werwolf im Haus der Großmutter auf das Mädchen, gibt sich auch hier als Großmutter aus und überredet oder zwingt das Mädchen, sich zu entkleiden und nackt zu ihm ins Bett zu legen. Das Mädchen macht, was der Wolf will, ersinnt dann aber eine List, um aus dem Haus und nach draußen zu kommen. Das Seil, das der Wolf dem Mädchen aus Vorsicht an den Fuß gebunden hat, macht es draußen an einem Baum fest und kann so entkommen.

Es ist leicht nachvollziehbar, dass die Geschichten vom bösen Wolf und vom lebensklugen oder völlig hilflosen Mädchen nicht nur abends am Kaminfeuer für schaurige Spannung sorgten, sondern auch ein Bild des Wolfes transportieren, das sich einerseits aus der Sicht auf den Wolf speist und diese Sicht – andererseits – wiederum verstärkt. Der Wolf in der französischen Fassung war, so betrachtet, zwar ein durchaus verschlagener Gegner, dem die Landbevölkerung aber beikommen konnte, wenn sie sich denn auf ihn einstellte. Diese Version knüpfe, so Ahne, an die Erfahrungswelt der Bauern an, die in dem Wolf durchaus eine Gefahr sahen, immerhin lebte er in der Nähe der Siedlungen und bediente sich auch schon einmal beim bäuerlichen Nutzvieh. Im Prinzip aber konnten die Bauern mit ihm fertig werden, so wie das Mädchen in der Geschichte. Erst die spätere Version aus dem 19. Jahrhundert, also unser Rotkäppchen, nahm zum einen jede sexuelle Konnotation aus der Erzählung und erschuf zum anderen ein Bild vom Wolf, den man kaum mehr als gleichwertigen Gegner ansehen konnte. Diesem Wolf kann man nicht mehr entkommen, diesem Wolf ist man hilflos ausgeliefert, gegen seine List und Tücke, gegen seine Bosheit, braucht es ganz andere Anstrengungen.

Dem Werwolf widmet auch der Hexenhammer von 1487 ein ganzes Kapitel. Dieses Buch, immerhin die juristische Grundlage der dann wütenden Hexenprozesse, wurde von Heinrich Kramer, einem Dominikanermönch aus dem Elsass, verfasst. Dort wird ausführlich beschrieben, wie sich Menschen in Tiere verwandeln können, beim Wolf seien es vor allem die Männer. Diese Verwandlung, so viel war auch Krämer klar, finde dabei nicht wirklich statt, sondern der Werwolf bedienen sich dabei Fähigkeiten der Sinnestäuschung, durch die er sein Opfer manipuliere. Der Hexenhammer mit seinem Werwolfkapitel macht es dann möglich, unliebsame Dorfbewohner loszuwerden. Dies seien meistens nicht die anerkannten Bürger der Gemeinschaft gewesen, sondern solche, die Außenstehende waren, Einsiedler eben, Zugezogene, arme Bauern, Heiler. Der Werwolfprozess also als gute Gelegenheit, die Unordnung zu ordnen.

wolfe_2Ahne macht deutlich, dass diese Bilder des Wolfes durchaus mit dem Ziel der Bevölkerung einhergingen, sich dem Wolf zu entledigen. Tatsächlich gibt es schon seit dem 15. Jahrhundert in England keine Wölfe mehr, 1904 wurde der letzte Wolf in der Lausitz getötet, nachdem auch dort 60 Jahre lang kein Wolf aufgetaucht war. Der Wolf als Konkurrent des Menschen bei der Jagd, der Wolf als Opportunist, der überall da leben kann, wo er etwas zu essen findet, der, wenn ihm durch die Kultivierung des Bodens der Wald als Lebensraum entzogen wird, eben in der Nähe der Menschen lebt und sich von ihren Abfällen, zur Not auch von ihrem Vieh, ernährt, ist jahrhundertelang bei den Menschen nicht gut angesehen gewesen. Am liebsten, „am nutzvollsten“ gar, erschien er den Menschen, wenn er tot war, so Conrad Gessner in seinem 1551 erschienen „Thierbuch“. Die durchaus raffinierten Methoden, die die Menschen ersannen, um den Wolf auszurotten, sollen hier nicht beschrieben werden. Wer mag, schaue in Ahnes Wolfs-Naturkunde…

Immer schon, das macht die Figur des Wolfes in den Erzählungen und Märchen deutlich, wird der Wolf ideologisch aufgeladen. Zunächst als Konkurrent der Menschen bei der Jagd, der verteufelt wird und gleichzeitig auch als Bild für diejenigen herhalten muss, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden sollen. Auch hier will man den zum Wolf gewordenen Menschen nicht dulden.wolfe_3Das Bild vom Wolf ändert sich aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auf einmal wird der Wolf in der Literatur zum Sinnbild für Freiheit, für Wahrhaftigkeit und Intuition und steht ganz grundsätzlich für das Leben im Einklang mit der Natur. So nimmt er auf einmal einen Gegenpart ein zum Haushund, den der Mensch sich untertan gemacht hat und der dem Menschen seit mindestens 30.000 Jahren hilft, Haus und Vieh zu hüten oder ihn bei der Jagd zu unterstützen, der also mit seinen speziellen Kenntnissen durchaus nützlich für den Menschen war. Der Hund hat im Vergleich zum Wolf ganz andere Charakterzuschreibungen. Er gilt als loyal und treu ergeben, angepasst und unterwürfig, immer wieder um die Anerkennung seines Herrn bemüht, er ist eben „hündisch“. Er passt aber auch auf Haus und Vieh auf, geht mit zur Jagd, zeigt also durchaus auch seine „wilde“, seine ungezügelte Seite – zum Nutzen seines Herrn.

Das Spiel mit diesen beiden Seiten, mit der Natur und der Kultur, hat Jack London in seinem Romanen gleich zweimal ausgelotet (Birgit hat über beide Romane in unserer Reihe bereits berichtet.) Im „Ruf der Wildnis“ (1903) wird ein Haushund gekidnappt, wird aus seinem gemütlichen Umfeld in Kalifornien entführt in die Wildnis Alaskas zur Zeit des Goldrauschs. Dort muss er sich im wahrsten Sinne des Wortes „durchbeißen“, gelangt schließlich in die Freiheit und lebt dort in der Wildnis als Anführer eines Wolfsrudels – stolz, selbstständig, unabhängig. In Wolfsblut erzählt London die Geschichte genau anders herum: Wolfsblut, ein Hybrid aus Wolf und Hund, gelangt als Welpe in menschliche Hände. Seine Hundeerbe, die Bereitschaft, sich dem Menschen unterzuordnen, ermöglicht ihm die Anpassung an den Menschen. Als er schließlich in die liebevollen Hände einer Familie gelangt, als er gar dem Vater seines Besitzers das Leben gerettet hat, da zeigt sich, wie die im Sinne eines Zusammenlebens gebändigte Wildheit des Raubtieres sich auch entwickeln kann.

Und so werden dem Wolf im Laufe des 20. Jahrhunderts und bis heute wiederum andere Eigenschaften zugeschrieben, wird der Wolf wiederum ideologisiert, nun mit Blick auf ihre besondere „unbekannte und ursprüngliche Kraft“ als wildes Tier. Ahne verweist hier auf Hélène Grimaud, die Pianistin, die ein Wolf Center gegründet hat, auf Mark Rowlands, den britischen Philosophen, den das Zusammenleben mit Brenin zu philosophischen Überlegungen inspiriert hat und einer Familie in Niedersachsen, die ein Wolfsgehege unterhalten.

„Sie wollen das Leben mit Wölfen teilen, sie besitzen, ihnen nah sein. Wo etwas unverfälscht ist, muss auch etwas verfälscht sein, künstlich nicht richtig. Die Wölfe scheinen den Weg zu einer Wahrheit zu weisen, die im normalen Menschenleben verstellt ist. Vielleicht ist die Wahrheit aber auch einfach, dass der Mensch ein Gefäß braucht, das seine Sehnsüchte aufnimmt. Und der Wolf sich dafür ebenso eignet wie zuvor als Bösewicht.“

Der Hund aber, den die Menschen domestiziert haben, der hat diese Ursprünglichkeit aus der Sicht der Wolfsfans nicht. Und im Wolf Science Center bei Wien, wo Verhaltensforscher Wölfe und Hunde beobachten, kann Ahne sich selbst ein Bild vom Unterschied machen. Während die Wölfe gelassen und neugierig zur Absperrung kommen und abwarten, was passieren wird, springen auf der anderen Seite die Hunde „am Zaun hoch, bellend, schwanzwedelnd, den Eindruck größter Dringlichkeit vermittelnd.“ Und da fällt Ahne auch ein Zitat Kurt Tucholskys aus seinem „Traktat über den Hund“ ein: „Niemanden hasst der Hund so wie den Wolf, denn er erinnert ihn an seinen Verrat, sich dem Menschen verkauft zu haben.“

Petra Ahnes Naturkunde zeigt weit mehr Facetten auf, als hier, mit Blick auf den Wolf in der Literatur, zusammengetragen wurden. Sie blickt auf die Forschung im Laufe der Jahrhunderte, auf neuere Erkenntnisse zu den Wolfsrudeln, die sich seit 1995 wieder in Deutschland angesiedelt haben. Sie hat insgesamt ein sehr interessantes Buch über den Wolf zusammengetragen, eines, das die Stigmatisierung des Wolfes auflöst, das aber auch Vorsicht walten lässt vor einer erneuten, nun positiven, Idealisierung. Dass der Band auch wiederum wunderbar bebildert ist, muss ja fast nicht mehr erwähnt werden.

Wölfe. Ein Portrait von Petra Ahne in der Reihe Naturkunden (2016), hrsg. von Judith Schalansky, Berlin, Matthes & Seitz

Navid Kermani: Sozusagen Paris

Wie ist das wohl, wenn nach dreißig Jahren unversehens die große Jugendliebe vor einem steht? Ist sofort die alte Vertrautheit wieder da, die Sympathie, sozusagen die Flugzeuge im Bauch? Und wie sieht sie aus, die Jugendliebe, nun, so viele Jahre später? Fühlt man sich immer noch so zu ihr hingezogen wie damals, weil immer noch die kleinen Gesten da sind, die alte Wortmelodie, die man so mochte? Oder erkennt man sie womöglich gar nicht mehr, weil die Zeit sie so verändert hat, dass da eine ganz und gar fremde Person vor einem steht? Läuft in der Fantasie sofort der Film ab, der die Geschichte zeigt, wie das Leben verlaufen wäre, wäre man zusammengeblieben? Und wäre das ein Film mit glücklichem Verlauf oder eher die Dokumentation einer desaströsen Beziehung? Oder wäre die Begegnung eher von Peinlichkeiten begleitet, weil einem alle Tollpatschigkeiten, die in so einer ersten großen Liebe nun einmal passieren, sofort riesengroß vor Augen stehen?

Dem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller, der gerade die deutsche Provinz bereist, um seinen Roman über seine große Jugendliebe vorzustellen, sind diese – durchaus bangen – Fragen nicht fremd. Denn es könnte ja sein, dass die in seinem Roman beschriebene Jugendliebe plötzlich bei einer dieser Lesungen vor ihm steht. Vielleicht ist sie ärgerlich, weil sie nun zu einer Romanfigur geworden ist, weil seine Erinnerungen doch völlig falsch seien, er sie vielleicht auch nicht immer im besten Licht beschrieben hat. Trotzdem, er hat sich ja ganz bewusst für diesen Roman entschieden, die möglichen Probleme in Kauf nehmend, und erklärt den Roman nun so, dass er sie die ganze Zeit nicht vergessen habe, und, statt ihr nur einen Brief zu schreiben, nun eben den ganzen Roman geschrieben habe, schon mit der Hoffnung, dass sie sich bei ihm melde.

Navid Kermani hat einen Fortsetzungsroman geschrieben zum Buch über die Jugendliebe, die „Große Liebe“. Und beleuchtet nun, was passiert, wenn sein Protagonist auf die Jugendliebe trifft, wenn da auf einmal zwei Menschen Zeit miteinander verbringen, die in vielen Jahren ihre eigenen Geschichten erfahren, ihre ganz eigenen Erlebnisse hatten, wenn also die Fantasie über den anderen und seine Geschichte und die Realität in Übereinstimmung gebracht werden müssen.

Und da steht tatsächlich eines Abends die große Liebe vor dem Erzähler, dem Romanschriftsteller, der gerade aus seinem Buch gelesen hat, und möchte eine Unterschrift. Es entspinnt sich ein kurzes Gespräch am Büchertisch, eine Verabredung für den Abend, Anlass genug für den Erzähler, sich nicht nur den Abend, sondern gleich auch die Nacht in den schönsten Farben auszumalen. Denn es ist ja so, denkt er und ist durchaus großspurig, später aber auch sehr selbstironisch, dabei,

„dass ich etwas hergebe, wenn ich als weitgereister Schriftsteller, dessen Bücher von den überregionalen Zeitungen besprochen und sogar im Fernsehen hochgehalten werden, in einem kleinen Städtchen lese. Es ist nicht die Prominenz allein – jede Wetteransagerin eines Regionalsenders ist bekannter und wird von den Menschen mehr bewundert als ein Mitglied des literarischen Betriebs. Es ist mehr die romantische Vorstellung des Dichters, die wir, wenn überhaupt bei irgendwem, dann bei dem ohnehin nicht zahlreichen, überwiegend weiblichen, älteren Lesepublikum eines Provinzstädtchens evozieren und mit dem Dichter zugleich das Klischee des Antibürgers und Weltenbummlers, manchmal sogar des weitblickenden Denkers und tiefen Melancholikers, wenn die Damen zu lange auf das Plakat gestarrt haben, auf denen wir immer so ernst gucken. (…) Gerade auf Frauen, die vielleicht einmal von einem anderen Leben geträumt haben, wirkt das anziehend, bilde ich mir ein – also auch auf Jutta?“

Erst als sie zusammen beim Abendessen im Restaurant sind, zu dem der Kulturdezernent des Ortes geladen hat, bemerkt der Erzähler, dass nicht er im Mittelpunkt des Interesses steht, ja, dass seine Bekannte sich gar nicht vorstellen muss, sie wohl überhaupt jedem am Tisch wohlbekannt ist – und begreift erst spät, dass Jutta die Bürgermeisterin des Ortes ist.

Auch im Verlauf der langen Nacht, Jutta lädt ihn nach dem Abendessen und einem Spaziergang um den Ortskern kurzerhand noch auf einen Wein nach Hause ein, muss der Erzähler viele seiner Ideen, Projektionen und Spekulationen über Jutta und ihr Leben, über Jutta und ihre Ehe, über Jutta und ihr Glück, über Bord werfen. Jutta erzählt ihre Lebensgeschichte, erzählt von ihrem Studium der Medizin, ihrem Aufenthalt in Südamerika, wo sie ihren Mann, der in einem Urwaldkrankenhaus arbeitete, kennengelernt hat, vom ersten Sex und vom schnellen Heiraten, von den Kindern und der Rückkehr nach Deutschland, der gemeinsamen Praxis in der Kleinstadt, von Juttas politischem Engagement in der Stadt, das ihr schließlich auch das Bürgermeisteramt einbrachte.

Vor allem aber kreisen ihre Erzählungen und Reflexionen, wohl auch angefeuert von den Fragen des Besuchers, um ihre Ehe, vom rauschhaften Beginn, den Überforderungen, als das erste Kind kam und sie Beruf und Familie zusammenbringen wollte, vom ewigen Streiten und Versöhnen, von den gegenseitigen Vorwürfen bei den unterschiedlichen Ansichten über die Kindererziehung bis zum Erkalten ihrer Gefühle. Da wird die Spülmaschine zum Symbol für die alltäglichen Kränkungen, wenn ihr Mann zum Beispiel jedes Mal, wenn Jutta Geschirr und Besteck eingeräumt hat, alles wieder ausräumt und anders arrangiert, denn dann passe ja viel mehr in die Maschine, sei das Spülen viel energieeffizienter. Und während sie so erzählt, fantasiert der Erzähler doch immer wieder Geschichten, was noch alles passieren könnte in dieser Nacht, während der Ehemann Juttas in einem anderen Zimmer sitzt und wohl Abrechnungen macht, während jeden Moment eines der drei Kinder ins Wohnzimmer platzen könnte.

Der Erzähler folgt dem Verlauf der Nacht, so wie er ihn erinnert. Und obwohl die Nacht längst in der Vergangenheit liegt, erzählt er sie im Präsens, so, als würde alles gerade passieren. Dabei zeichnet er auch nach, was sich zusätzlich im Bewusstsein des Erzählers abspielt, während er dasitzt, sich im Wohnzimmer umschaut, mit den Blicken immer wieder die Buchregale entlangstreift und mit Jutta spricht. So gehen ihm literarische Assoziationen durch den Kopf, er stellt Beziehungen her zwischen Juttas Liebesgeschichte und Liebesgeschichten, die in der Literatur, besonders der französischen, schon erzählt sind.

Manchmal gerät sogar der Lektor mit in den Blick, der, das weiß der Autor schon, während er diesen oder jenen Satz schreibt, an dieser oder jenen Formulierung herummäkelt, der sogar ganz offensichtliche Fehler im Handlungsverlauf und in der Logik der Erzählung erkennt. Und auch Herr Schütte wird bedacht, der kluge Rezensent, dem er geradezu dankt für die Einsichten und Erkenntnisse, die er durch dessen Besprechungen erhalten könne, wobei er durchaus vermutet, dass Herr Schütte gar nichts verdiene bei seinen Online-Besprechungen, er schreibe wohl vor allem aus Liebe zur Literatur.

Der Schriftsteller also erzählt die verschiedenen Wahrnehmungen, Eingebungen, Assoziationen im Gespräch mit Jutta, aber auch die, die ihn beim späteren Nach-Schreiben der Ereignisse der Nacht ereilen. Er zeigt so, wie vielschichtig unsere Wahrnehmung ist, die sich ja, wir kennen das alle, nicht nur auf ein einziges Ereignis konzentriert, sondern immer wieder auch abschweift, in gewisser Weise ihr Eigenleben führt.

Trotzdem: die Passagen, in denen sich Jutta und der Erzähler ergehen in den Deutungen der französischen Literatur, die Passagen, in denen der Erzähler seine Assoziationen mit und Reflexionen über den bürgerlichen Eheroman und seine Hinweise auf Juttas Liebes- und Ehegeschichte schildert: sie sind sehr ermüdend. Denn der Vergleich einer dem sozialdemokratisch-grünen Biotop entspringenden alternden Ehe mit den Protagonistinnen der französischen Romane des 19. Jahrhunderts ist zu sehr in die Breite getreten. Dass der Erzähler über diese komparativen Auswüchse auch schon einmal entschlummert, scheint der Erzähler zu ahnen, denn immer wieder rüttelt er den Leser leicht an der Schulter:

 „Ich fürchte, dem Leser kommen die ständigen Bezüge zur Literatur eher bemüht vor, ich fürchte es bereits, als ich auf Juttas Sofa den Roman grob skizziere, den ich schreiben werde. (…) Vielleicht sollte ich dem Reflex widerstehen, beides ineinander zu verschränken, die Bücher meinetwegen im Kopf haben, aber sie nicht ständig zitieren. Wenn ich den Roman schreibe, wird mir klar sein, dass der Leser einen solchen Zufall für ausgedacht hält. Aber dann werde ich fragen, ob dein Leben nicht ebenfalls aus Fügungen besteht, die sich kein Romanschreiber erlauben würde, weil sie zu konstruiert wirken (…).“

Auch das Spiel mit der Biografie des Erzählers, die ganz nah ist an derjenigen des Autors, ein Motiv hier sind beispielsweise die Bezüge zu anderen Büchern Kermanis, zur „großen Liebe“ und dem Neil-Young-Buch, sind Ausdruck der besonderen Machart des Romans. Dies ist eine Erzählweise, die gerade hoch im Kurs zu stehen scheint bei den Romanciers, die, wenn sie nicht gleich ganz nah an ihrer Biografie entlangschreiben, ihre große Freude daran zu haben scheinen, den Leser immer wieder herauszufordern mit der Frage, was hier wahr sei und was Fiktion, so, wie es auch schon ein Motiv in Delphine de Vigans Roman war:

„Aber wer sagt denn auch, daß ich es bin, der im Roman ich sagt – in dem, den ich geschrieben habe und den ich schreiben werde.“

Kermanis Roman ist ein durchaus komplexes Erzählexperiment, dessen Zutaten besser sind als das Gesamtergebnis. Und auch wenn das Thema ein wenig anders ausgerichtet wird, wenn es nicht so sehr um das Wiedertreffen der Jugendliebe geht, wenn nicht so sehr der Lebenszyklus einer langen Liebe in der beengenden Welt der Ehe im Vordergrund steht, sondern mehr ganz grundsätzlich die Liebe zur Literatur und zu ihrer immer aktuellen Aussage, das Konzept des Romans ist nicht so recht rund und überzeugend.

Navid Kermani (2016): Sozusagen Paris, München, Carl Hanser Verlag

#lithund _ Eine Blog-Tour: Der Hund in der Literatur

Veröffentlichte Beiträge:

Birgit schreibt über Jack London und seine Hund-Wolf-Romane auf Sätze und Schätze

 

Worum es geht beim Projekt:

Es begann ja ganz harmlos, schon vor ein paar Monaten: Birgit hat auf ihrem Blog Sätze&Schätze ein Buch besprochen, in dem ein Hund namens Mucki eine große Rolle spielt. Der nämlich, eigentlich eine „die“, gehört zum Erbe der kauzigen Tante von Alice Herdan-Zuckmayer und muss übernommen werden, wenn man denn auch in den Besitz der Juwelen und Pelze, die die alte Dame versteckt hat, gelangen möchte. Als die Zuckmayers dann auch noch den Nachlass der Tante lesen und sich herausstellt, dass sie glühende Anhängerin der Nazis war, ist klar: „Der Hund is a Nazi“.

Trotz allem, trotz Scheußlichkeit und falscher Anhängerschaft und unfassbarer Verwöhntheit, nimmt die Familie den Hund mit auf die Flucht, er bekommt, wann immer es geht, Kalbsleber und Honigwasser und Chanel No. 5 und stirbt schließlich in hohem Alter. Dann ist er wohl schon länger kein Nazi mehr, schließlich hatte er in seinen letzten Lebensjahren ja nur noch Umgang mit linken Schriftstellern, mit Kommunisten und anderen dubiosen Gestalten.

Mucki und seine unterschiedlichen Besitzer also haben uns – drei Bloggerinnen und Hundebesitzerin (bzw. ehemalige Hundebesitzerin) auf die Idee gebracht: Wir wollen einmal genauer schauen, wie der Hund Einzug gefunden hat in die Literatur. Was lässt sich lernen aus der Literatur über das Verhältnis von Hund und Mensch? Hat sich das im Laufe der Zeit verändert, ist es bei Thomas Mann anders als bei Gerbrand Bakker, und wie ist das Zusammenleben Mensch und Hund in der Wildnis Russlands oder Amerikas, heute oder zu Zeiten des Goldrauschs?

Hat der Hund, der ja immer schon ein wichtiger Partner der Menschen gewesen ist als Wach- und Hütehund, als Jagdbegleiter und Zug- und Transporttier und natürlich auch als der sprichwörtliche treue Begleiter, vielleicht auch als Motiv Einzug gehalten in die Literatur? Und wie sieht es aus mit dem Hund als Gruseltier oder gar als literarische Hauptfigur?

Beiträge zu unserer kleinen Reihe werden in loser Reihenfolge auf unseren Blogs erscheinen, sind immer aber immer erkennbar am Logo (s.o.). Und das stammt von Sabine, der dritten Bloggerin im Bunde, die über den Hund liest und bloggt. Wir jedenfalls freuen uns und sind gespannt, was herauskommt bei unserer Reise mit dem Hund durch die Literatur. Und die Reise wird, das wollen wir hier auch nicht verschweigen, völlig zufällig sein, rein subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. Dabei stehen uns natürlich unsere vierbeinigen Fellnasenexperten nicht so sehr mit Rat und Tat, auf jeden Fall aber mit zustimmendem oder ablehnendem Geknorzel aus ihren Körbchen zur Seite.

Und wenn noch jemand weiteres literarisch auf den Hund kommen möchte – herzlich gerne, wir würden uns freuen!

2016 – Mein Leserückblick

Angeregt von den Bloggern, die dieser Tage ihre Lektüren 2016 Revue passieren lassen und daraus Listen erstellen von Büchern, die sie nicht überzeugen konnten oder solchen, die gerade bestens in Erinnerung bleiben, habe ich auch noch einmal zurückgeblickt auf mein Lesejahr 2016.

Und bin erschrocken. Denn ich kann gerade einmal drei Bücher nennen, die sich mir besonders eingeprägt haben, an deren Lektüre ich mich gerne erinnere, weil sie nicht nur inhaltlich besonders waren, sondern mich auch sprachlich und konzeptionell überzeugen konnten, sodass es sich wirklich lohnt,sie hier noch einmal zu erwähnen. Dass eines davon eine Biografie mit zahlreichen soziologischen Aspekten ist, dass hier also schon die Brücke geschlagen ist aus der Romanwelt in die Welt der nicht fiktionalen Texte, ist dabei schon vielsagend.

Ich habe ja schon im Zusammenhang mit der Longlist des Deutschen Buchpreises darüber geschrieben, dass sich die aktuelle Literatur ziemlich wenig auseinandersetzt mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen, die wir allgegenwärtig betrachten können. Und auch die Frühjahrsprogramme der Verlage haben wiederum sehr wenig Titel im Angebot, die sich mit dieser Aktualität beschäftigen. Da scheinen die Sachbuchtitel im Moment doch tatsächlich die spannenderen. Wo aber bleiben die Bücher mit Figuren, mit denen wir uns auseinandersetzen können, mit Geschichten, die uns beeindrucken und die sich uns ins Gedächtnis schreiben? Wo bleibt also zum Logos der Mythos?

Meiner Lesechronologie nach – und nicht aus Gründen einer Rangfolge – möchte ich noch einmal auf diese Bücher hinweisen:

WinklerKatharina Winkler: Blauschmuck

Was Sprache vermag, auch und vor allem bei diesem Thema der Gewalt, das zeigt Katharina Winkler sehr beeindruckend. Wie eine Zeichnerin schafft sie es, mit wenigen Pinselstrichen Szenen zu schildern, die dem Leser lange und nachdrücklich im Gedächtnis verbleiben. So zum Beispiel, wenn sie davon erzählt, wie die Frauen des Dorfes ihren Blauschmuck stolz tragen und argwöhnisch die eine beobachten, die eben keine Hämatome vom prügelnden Ehemann hat. Beeindruckend ist auch die (psychische) Kraft, die Filiz aufbringt, um diese Jahre der Prügel, der Vergewaltigung, ja, der Folter zu überstehen.

BazyarShida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar erzählt von der iranischen Revolution 1979 und von der Übernahme der Macht durch die religiösen Führer. Sie erzählt von dem Wiedererstarken einer Diktatur, nun eben einer religiösen, und der Flucht Behsads und Nahids nach Deutschland. Sie erzählt von der Fremdheit, die die Eltern in Deutschland erleben, die Kinder dann Jahre später bei Besuchen in Teheran. Auch in Shida Bazyars Roman ist die Art der Erzählung bemerkenswert. Wenn Behsad vom Sturz des Schahs berichtet und von den paar Tagen, an denen alle revolutionären Gruppen beisammen stehen und es noch unklar ist, welche das Heft in die Hand bekommt, dann erzählt er davon, wie sie gemeinsam in der Schule das Bild des Schahs von der Wand nehmen und darüber reden, wessen Bild denn in Zukunft hier hängen wird. Es ist diese Art des Erzählens von Handlungen und nicht von ständigen Reflexionen, die so überzeugt.

eribonDidier Eribon: Rückkehr nach Reims

Eribon setzt sich mit seiner Familiengeschichte, nämlich seiner Herkunft aus dem Arbeitermilieu, erst auseinander, als sein Vater gestorben ist und er seine Mutter wieder besucht. Offensichtlich hat ihn noch viel viel mehr als seine Homosexualität seine Herkunft geprägt, weil er doch gerade immer alles daran gesetzt hat, sie zu vergessen, sie nie anzusprechen und aufzudecken. Gerade seine Herkunft erschien ihm bei seinem Aufstieg als Intellektueller in Paris als großes Hindernis, das er besser verbirgt. Während er wieder in Kontakt mit den Familienmitgliedern kommt, erkennt er, wie sie sich politisch verändert haben, dass sie sich abgewendet haben von den Sozialisten, von denen sie nur enttäuscht ist und sich seit deren Regierungszeiten geradezu verraten fühlen. Eribon erklärt schlüssig, warum gerade die Arbeiter zum Front National übergelaufen sind. Eine Erklärung, die wohl genauso gelten kann für die (ehemaligen) Mitglieder in den Ortsvereinen der SPD im Ruhrgebiet, in denen es auch nie so ganz besonders progressiv, tolerant und offen zuging.

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan lässt in ihrem Roman „Nach einer wahren Geschichte“ die Ich-Erzählerin Delphine erzählen, was ihr Ungeheuerliches nach der Veröffentlichung ihres autobiografisch grundierten Buches über den Suizid ihrer Mutter passiert ist. Und spielt so mit dem Leser auf gleich mehreren Ebenen Katz-und-Maus rund um die Frage, was denn Literatur sei, wie sich Literatur gestalten lasse und ob in unserer unübersichtlichen Zeit nicht eigentlich die Literatur, also das Ausgedachte und Erfundene, hinter der ungleich höher einzuschätzenden Bedeutung des autobiografischen, also des wahren Schreibens zurücktreten müsse.

Damit umkreist auch Delphine de Vigans Schreiben einen Aspekt der Literatur, mit dem sich gerade mehrere Autoren auseinandersetzen, nämlich dem Verhältnis von eher autobiografischer und eher fiktionaler Literatur. Da sind – auf der einen Seite – die Schriftsteller zu nennen, die Bücher schreiben, die sich vermeintlich aus der Biografie der Schriftsteller speisen und ihren Texten somit eine ganz besondere Authentizität verleihen, z.B. Knausgard und Espedal, Melle und Bakker. Zu dieser Kategorie von Texten gehört sicherlich auch de Vigans Buch „Das Lächeln meiner Mutter“. Hier thematisiert sie den unerwarteten Tod ihrer Mutter, die sie in ihrer Wohnung gefunden hat, da lebte sie schon ein paar Tage nicht mehr. Diesem einschneidenden Erlebnis spürt de Vigan nach und sie setzt sich auch auseinander mit der bipolaren Erkrankung der Mutter, die vielleicht, dafür sprechen Indizien, dafür gibt es aber keinen ganz genauen Beleg, mit dem sexuellen Missbrauch des Großvaters de Vigans zusammenhängt. Das scheint alles biografisch, authentisch, also echt und wahr.

Und es gibt – auf der anderen Seite – die Bücher, die das Etikett „Roman“ deutlich sichtbar tragen, die aber jeweils einen Erzähler präsentieren, der so nah ist an der Biografie seines Autors, dass, neben den verhandelten Inhalten, ein großes Spiel entsteht zwischen dem Autor und seinem Leser um die Frage nach Autobiografie und Fiktionalität und den vielen Tönen dazwischen. Dieses Spiel spielt Navid Kermani in seinem Roman „Sozusagen Paris“ mit großem Spaß, dieses Spiel spielt auch Delphine de Vigan mit mindestens ebenso viel Freude an dieser Geschichte, die neben dem Nachdenken über das Schreiben im Allgemeinen und das fiktionale oder autobiografische Schreiben im Besonderen auch einen ganz besonderen Spannungsbogen aufweist.

Die Ich-Erzählerin Delphine hat ein sehr erfolgreiches Buch verfasst, in dem sie sich mit der Erkrankung und dem Suizid der Mutter auseinandersetzte. Dabei hat sie natürlich auch Familiengeheimnisse ausgegraben, die einige Familienmitglieder lieber hätten ruhen lassen. Die Roman-Delphine ist nach ihren Lesereisen und der Buchvorstellung bei der Pariser Buchmesse ziemlich erschöpft, freut sich aber darauf, nun mit den Arbeiten für ihr neues Buch beginnen zu können. In dieser Zeit beginnt auch das letzte Schuljahr der Kinder, sie schließen die Schule ab und ziehen zu Hause aus. Der Freund, ein viel beschäftigter Fernsehkritiker, ist oft unterwegs.

In dieser Phase des Umbruchs und des Neuanfangs, aber auch der der Unsicherheiten, in dieser Phase der Ermüdung und des Zweifelns, ob ein weiterer Bucherfolg gelingen könne, lernt sie auf einer Party L. kennen. L. verkörpert alles, was Delphine momentan an sich selbst vermisst: L. ist perfekt gekleidet, perfekt geschminkt, kein Fältchen verunstaltet ihr Gesicht. Sie vermittelt solch eine Zugewandtheit, dass Delphine ihr schon kurz nach ihrem Kennenlernen eine belastende Situation von der Buchmesse erzählt und höchst angetan ist, als L. sich als ganz ruhige, ganz zuverlässige Zuhörerin erweist, die genau die richtigen Worte findet, um Delphine Trost zuzusprechen:

„Ich kann mir vorstellen, dass diese Zeit jetzt für Sie nicht einfach ist. Die Kommentare, die Reaktionen, plötzlich im Rampenlicht zu stehen. Ich kann mir vorstellen, dass immer die Gefahr eines Zusammenbruchs besteht.“

Ich versuchte abzuwiegeln, man dürfe auch nicht übertreiben.

Sie redete weiter.

„Trotzdem dürften Sie sich manchmal sehr allein fühlen, als wären sie splitternackt mitten auf einer Straße, im Scheinwerferlicht eines Autos gefangen.“

Genauso fühlt sich Delphine, mit genau diesen Worten hat sie ihre Gefühlslage schon einmal dargestellt, sie weiß nur nicht mehr, ob sie es ihrer Lektorin so beschrieben hat oder einem Journalisten. L. scheint also ganz unglaublich emphatisch zu sein. Sie umschleicht Delphine, erschleicht sich mehr und mehr ihr Vertrauen, ist schließlich die eine, die wichtige Freundin, die immer da ist, wenn Delphine verzagt ist und eine Zuhörerin und Trösterin braucht. Schließlich zieht L. bei Delphine ein, übernimmt, als Delphine auch diese Arbeiten zu viel werden, ihre Korrespondenz, kleidet sich mehr und mehr wie Delphine, nimmt sogar als Delphine an Einladungen teil.

Parallel zu diesem Vereinnahmungsprozess entgleitet Delphine immer mehr die Kontrolle über ihr Schreiben. Ein neues Buch kann sie nicht in Angriff nehmen, die Materialsuche erweist sich als vertrackt, sie sitzt nur vor dem weißen Blatt auf dem Monitor und bekommt keinen Satz zustande, schließlich kann sie kaum länger als 10 Minuten vor dem Rechner sitzen, will sie keine Panikattacke bekommen. Dass sie nichts mehr „zu Papier bringt“, sich das Schreiben nicht mehr zutraut, liegt auch daran, dass L. ihr jede Idee, die sie für ein neues Schreibprojekt entwickelt, madig macht. Der Streit zwischen ihnen entzündet sich genau an der Frage, ob Delphines neues Buch wieder ein autobiografisches sein soll oder ein fiktives.

L. Position ist eindeutig: Sie votiert dafür, dass Delphine dem einmal eingeschlagenen Weg folgt und weiterhin autobiografisch schreibt. Dass sie eine Befürworterin des Autobiografischen ist, liegt auch an ihrem eigenen Beruf als Biografin bekannter Persönlichkeiten. Ihr Name erscheint jedoch nicht auf dem Buchcover, denn sie ist „nur“ die Ghostwriterin, die aber immer zuverlässig für den Bucherfolg garantiert. L. fordert also Delphine auf, wiederum ein persönliches Buch zu schreiben, ein Buch, das habe sie doch in einem Interview erzählt, das als „Hohlform“ schon in dem Mutter-Buch verborgen gewesen sei.

Delphine dagegen will sich nicht noch einmal mit den Problemen auseinandersetzen, die ein autobiografischer Text mit sich bringt. Sie will zurück zur Fiktion, „eine Geschichte erzählen, Figuren erfinden“, nicht der Wirklichkeit zur Rechenschaft verpflichtet sein. Und auch ihr letzter Roman sei doch nicht die Wahrheit gewesen, denn die Wahrheit, die gebe es doch gar nicht. „Mein letzter Roman war nur ein ungeschickter und unvollkommener Versuch, mich etwas Ungreifbarem zu nähern. (…) Sobald man Dinge auslässt, etwas ausdehnt oder verdichtet, Lücken füllt, ist man im Reich der Fiktion.“ Und: „Alles Schreiben über sich selbst ist Roman.“

Es sind diese Passagen der literarischen Auseinandersetzung, die die starken Passagen des Romans sind, diese Kontroverse über die Frage, welchen Stellenwert, welche Bedeutung das Autobiografische hat, welche Erwartungen auch die Leser an Literatur haben, diese Debatte auch über die Frage, was durch den Akt des Schreibens selbst passiert, durch die notwendige Gestaltung der Erzählung mit der Hilfe der Sprache.

Und gleichzeitig setzt sich diese Auseinandersetzung zwischen den Polen der Literatur auch in der Handlung fort. Die Erzählerin Delphine schreibt aus der Rückschau, sie macht immer wieder deutlich, dass sie versucht, Gespräche zu rekonstruieren, zeitliche Abläufe „richtig“ zu erzählen. Indem sie die – wahre?- Geschichte nach-erzählt, lässt sie Dinge aus, dehnt aus, verdichtet, füllt Lücken: schreibt also Fiktion. Und gleichzeitig legt sie auch immer wieder Fährten aus, die den Leser daran zweifeln lassen, ob es L. tatsächlich gibt, ob L. nicht überhaupt ein Hirngespinst der etwas labilen Erzählerin ist, eine Figur, die sich aus ihrer inneren Auseinandersetzung um das kommende Romanthema entwickelt hat, und die mehr und mehr ein Eigenleben zu führen beginnt. Dieser Handlungsstrang entwickelt sich mehr und mehr zu einem Thriller, wie wir ihn von Stephen King kennen. Nicht umsonst ist ein Zitat aus Stephen Kings Roman „Sie“ dem Text vorangestellt.

Nun mag dieser spannungsreich-ausweglose Verlauf, der im letzten Drittel des Romans richtig Fahrt aufnimmt, nicht jedem Leser gefallen, die Auflösung erscheint auch zu gewollt. Das Thema des Romans jedenfalls ist auf vielen literarischen Ebenen in einem sehr komplexen Geflecht verarbeitet und leuchtet so auf verschiedenen Ebenen die Frage sehr deutlich aus, was Fiktion sei, auch mit Blick auf Melle und Bakker, Espedal und Knausgrad. Und schließlich steht die Roman-Delphine dann tatsächlich und wortwörtlich „splitternackt mitten auf einer Straße, im Scheinwerferlicht eines Autos gefangen.“

Delphine de Vigan (2016): Nach einer wahren Geschichte, übersetzt von Doris Heinemann, Köln, DuMont Buchverlag

Gerbrand Bakker: Jasper und sein Knecht

Nach Melles „Welt im Rücken“ nun also Gerbrand Bakkers „Jasper und sein Knecht“. Ein zufälliges Hintereinanderlesen, eine Lesereihenfolge, die entstanden ist, weil Bakkers neues Buch nach seinen Romanen „Oben ist es still“ und „Der Umweg“ auf dem Lesestapel ganz oben lag. Und so ergab es sich, dass nach Melles autobiografischem Schreiben über seine manische Depression wieder ein autobiografisches Buch in den Fokus rückt, ein Tagebuch gar, das somit auch formal ganz nah an der Lebenswelt des Autors ist. Auch Bakker also spielt mit den Formen der autobiografischen Literatur, auch für ihn gelten die Anmerkungen Hamens aus dessen Artikel „Gefährliche Leibschaften“ über die im Anschluss an die Melle-Besprechung ausführlich diskutiert wurde.

Von Dezember 2014 bis Dezember 2015 zeichnet Bakker sein Leben auf, beginnt mit der Erinnerung an den Geburtstag des Großvaters, erzählt, wie er lebt in seinem Haus in der Eifel, erzählt von den Nachbarn dort, dem Hund Jasper, seinem Garten und seinen Aufenthalten in Amsterdam. Bakker blickt auf seine Vergangenheit, seine Familie und das Trauma des ertrunkenen kleinen Bruders, auf das Eislaufen, seine beruflichen Wege – von seinen Studien, seiner Heimarbeit als Untertitler ausländischer Spielfilme bis hin zu seiner Umschulung zum Gärtner. Er erforscht seine Erkrankung, die Depression, die er, lange nicht diagnostiziert, immer wieder durchlitt. Und erzählt vom niederländischen Literaturbetrieb, von Literaturpreisen und von seinem Schreiben. So entsteht ein vielschichtiger Blick auf das Leben des Autors.

Bakker hat dieses Haus in der Eifel, einer Gegend, in der offensichtlich einige Niederländer Häuser erworben haben, schon 2012 entdeckt und es sich mehrfach von außen angeschaut. Auch andere Häuser hat er sich von einer Maklerin zeigen lassen. Aber: „Jedes Mal kehrte ich wieder zu diesem Haus zurück. Es gab mir ein Gefühl von Schutz und Sicherheit.“ Zum letzten Besuchstermin kommen auch Bakkers Brüder mit und sparen nicht, wie sollte es auch anders sein, mit Kritik am Haus: die Heizungsrohre seien zu dünn, die Dachrinnen baufällig, das Haus insgesamt doch viel zu dunkel und außerdem feucht und was wolle er, da er doch keinen Führerschein habe, in diesem von der Welt abgelegenen Ort. „Deshalb beschloss ich,“ so Bakker, „es zu kaufen. Das Inventar war im Preis inbegriffen.“

Mit seinen Brüdern verbringt Bakker im September 2013 ein Mountainbikewochenende. Ein paar Tage vorher hat er Kontakt aufgenommen mit Tierschützern, die für einen Hund von der griechischen Insel Thasos ein neues Zuhause suchen. Immer wieder hat er sich durch die Hundebilder im Internet geklickt, immer wieder kehrt er zu den Bildern eines Hundes namens Jasper zurück, dem Hund von Thasos. Er erzählt den Brüdern seinen Plan, aber die haben schon wieder gute Ratschläge parat: „Wahrscheinlich haben meine Brüder mir abgeraten, vor allem mit dem Argument: Du brauchst erst einen Führerschein, bevor du dir einen Hund zulegst.“ Als er dann während des gemeinsamen Apfelkuchenessens plötzlich aufsteht, nach draußen geht, um mit der Hundepflegefamilie zu telefonieren und einen Besuchstermin auszumachen, da kommentiert dies der jüngste Bruder: „Na, das wird ja wieder was werden.“

Es ist ein ironischer Ton, den Bakker immer wieder dann nutzt, wenn er von seinem Alltag berichtet, von den Nachbarn, die manchmal auch nur Teilzeitnachbarn sind, weil sie hauptsächlich in der Stadt wohnen und nur gelegentlich vorbeikommen, von seinen Entscheidungen und auch den Tücken und Fallen, die sich immer wieder zeigen, wenn man ein Haus umbaut, noch dazu eines, das schon einige Jahrhunderte alt ist. In diesem Ton plaudert er von den Wirren des Konsumierens, wenn es um Düfte geht und Unterhosen, wenn er von einem Mittagessen mit Königin Beatrix berichtet, die Geschichte seiner Zähne erzählt und vom Warten auf das Verkünden eines Literaturpreises, den er eben doch nicht bekommt. In diesem Ton erzählt er von den Begegnungen in den literarischen Kreisen der Niederlande und auch von dem einen oder anderen Erlebnis, das er in seinem Zusammenleben mit Jasper hat, der nicht nur Windhundgene und Jagdinteressen hat, sondern als Streuner in Griechenland offensichtlich auch gelernt hat, seinen Interessen nachzugehen.

Die Beziehung zu Jasper gestaltet sich überhaupt schwierig. Der bückst nämlich immer wieder aus, zeigt immer wieder auch andere Auffälligkeiten, die vielleicht eine Krankheit andeuten, ungenaue Symptome sind es allemal. Immer wieder schreibt Bakker auch darüber, dass der Hund sich wohl nicht an ihn binden möchte. Fast wirkt der Hund wie ein Spiegelbild Bakkers, fast könnte er eine ganz und gar literarische Figur sein, eine Personifikation der Depression, wie Marion Poschmann sie nutzt, wie auch Köhlmeier sie auftreten lässt. So wie Jasper sich vermeintlich nur schwer an ihn bindet, so hat auch Bakker Schwierigkeiten mit den Beziehungen zu anderen Menschen, fühlt sich immer distanziert zu ihnen. Er beschreibt „dass ich so entsetzlich wenig, vielleicht beängstigend wenig Mitgefühl mit anderen Menschen empfinde, oder besser gesagt: dass es mir so schwerfällt, zu anderen Menschen eine wirkliche Verbindung herzustellen, dass es da immer eine Barriere zu geben scheint; immer hinke ich einen Schritt hinterher, sehe erst später klar.“

Im Zusammenhang mit der Depression ändert sich – natürlich – der Ton. Hier wird Bakker nachdenklich, lotet aus, erforscht die zahlreichen Anzeichen, die es schon in der Kindheit gab, als Sorgenkind bezeichnete seine Mutter ihn immer. Er ordnet Abschnitte seines Lebens depressiven Phasen zu, dann, wenn er die Welt nur noch durch eine Art Schleier wahrnimmt, wenn er sich ständig bedroht fühlt, sich vom immerwährenden Kämpfen erschöpft fühlt, wenn er sich selbst nicht ganz „da“ fühlt, sich einsam fühlt, auch wenn er mit anderen Menschen Kontakt hat, die wiederum von seinem inneren Chaos nichts mitbekommen. Er zeigt auch, wie ihm das Eislaufen, das Training, durch das der Körper ordentlich ermüdet wurde, die notwendige Tagesstruktur und das Ziel, sich zu verbessern, einen Halt gegeben hat. Auch während des Schreibens dieses Tagebuchs kommen solche Phasen, dann ist Bakker froh, wenn er eine einfache Aufgabe hat, die ihn über den Winter bringt. So eine Aufgabe ist beispielsweise das Ausdrucken seiner wöchentlichen Kolumnen, die nun als Buch herausgegeben werden sollen, das Sortieren der Texte, das Lesen, das Aussortieren:

„Das sagt etwas über meinen gegenwärtigen Zustand, was mir normalerweise erst später klar wird, diesmal aber gleich: Offensichtlich bin ich wieder in einer Durchschleppphase. (…) Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir mein ganzes Leben wie eine Abfolge Durchschleppphasen vor. Vom einen zum anderen, vom Hundertsten ins Tausendste; man erreicht das Ufer mit Müh und Not, über Eisschollen, nicht über dickes schwarzes Eis. Oder ist das vielleicht der Normalfall? Gilt das für jeden?“

Spätestens beim Nachdenken über die Depression kommt es also zu der persönlichen Nabelschau, schreibt auch Bakker, wie Melle, „durch den Körper“, scheint auch Bakker sein Leben 1:1 in einen literarischen Text umzusetzen, der auf den Leser umso eindringlicher und interessanter wirkt, als dass er ja als real verbürgt ist. Bakker setzt dieser Vermutung eine Poetologie entgegen, die sich immer wieder genau mit dem Begriffspaar der Wahrhaftigkeit und Authentizität beschäftigt. Damit hat er durchaus Erfahrung, denn neben den Romanen – und seit mehreren Jahren hat er keinen mehr geschrieben, veröffentlicht Bakker Texte auf seinem Blog und Kolumnen in Zeitungen. Dabei siedelt er die Geschichten, die er dabei erzählt, durchaus in einer Umgebung an, die ganz real zu sein scheinen: Die Familie trifft sich, Verwandte kommen immer wieder vor, Bekannte, Freunde und die Schriftstellerkollegen und andere Buchmenschen – und erzählt manchmal in recht deutlichem Ton von ihnen und ihren Verfehlungen.

Von der Hochzeit seiner Eltern erzählt er und lässt sie im Domeinenkantoor stattfinden, weil er es so erinnert und weil außerdem Domeinenkantoor „viel schöner klingt“ als Rathaus.  Das ärgert die Mutter, auch, dass er schreibt, dass sie beim Kochen Kartoffeln, Gemüse und Roastbeef gleichzeitig aufgesetzt habe, denn das stimme ja nicht. Und Bakker entgegnet:

„Ja nun, ich kann es jetzt auch nicht mehr ändern. (…) Und ist das so schlimm? Wenn ich etwas aufschreibe, dann kommt es nicht so auf die Wahrheit an. Worauf es ankommt, ist eine schöne Geschichte.“ Und weiter: „Und wie schon erwähnt ist fast kein Text in meinem Blog, keine Kolumne in Trouw wahrheitsgemäß. Immer muss ich aufbauschen, auslassen verdrehen. Im Grunde habe ich das Lügen oder Phantasieren zu meinem Beruf gemacht, es ist jetzt erlaubt, besser noch: Im Gegensatz zu früher ist es nicht mehr sinnlos, ich verdiene mein Geld damit.“

Beim Schreiben also verändert Bakker die tatsächlichen Dinge – weil er sich nicht richtig erinnert, weil sie anders zusammengesetzt zu einer „besseren Geschichte“ werden, weil er schon überhaupt nicht „verrückt ist, öffentlich alles preiszugeben.“ An Voskuils mehrbändigem Roman „Das Büro“, ein Werk, das ihn sehr geprägt hat, macht er noch einmal klar: „Das Büro ist ein Roman, er ist ein Abbild der Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst.“

Bakker hat auch bei diesem Projekt vorgeblich autobiografischen Schreibens jederzeit die Fäden in der Hand. Auch er setzt sein Leben eben nicht 1:1 in Literatur um, auch er wählt bedächtig aus, sortiert neu, übersetzt seine Geschichte in eine Sprache, die wiederum vom Leser in Bilder übersetzt wird – und schafft somit Tagebucheinträge, die authentisch wirken – aber nicht wahr sein müssen.

Und Jutta Reichelt schreibt dazu: Es gehört zur Magie des Lesens, dass die Fiktion uns zur Realität wird und uns umgekehrt das Realistische, das Wahre, als erfunden, als unglaubwürdig vorkommen kann und es gehört daher zum Kern schriftstellerischer Praxis bei Leser.innen genau diesen Eindruck hervorzurufen: dass es sich genau so zugetragen hat, wie es da geschrieben steht. Seit Jahrhunderten spielen Autor.innen mit ihren Leser.innen Katz und Maus, ersinnen immer neue Listen, oder Möglichkeiten (postmoderner) Verwirrung.“

Bakker hat dieses Katz- und Mausspiel in seinem Tagebuch höchst unterhaltsam, höchst interessant, höchst anregend, höchst nachdenkenswert umgesetzt.

Gerbrand Bakker (2016): Jasper und sein Knecht, Berlin, Suhrkamp-Verlag

Thomas Melle: Die Welt in meinem Rücken

Vor ein paar Wochen erst hat Samuel Hamen in seinem auf tell-review erschienenen Artikel „Gefährliche Leibschaften“ über das aktuell so vielfältige Phänomen des autobiographischen Schreibens nachgedacht. Angesichts der zunehmenden Unübersichtlichkeit der medialen Berichterstattung, in der selbst der Kundigste auch einmal bewussten Fakes auf den Leim gehe, suchten, so die These Hamens, die Leser Sicherheit im Authentischen. Sie ließen sich ganz besonders begeistern und anrühren durch Texte, bei denen „das Schreiben durch den Körper“ verbürgt sei, von Autoren, die „ihre Lebensbeutelungen unverhohlen als biografische Narrative verwerten“, die „behaupten, ihr Leben 1:1 in Literatur zu transportieren.“  Diese Autoren tragen, so deutet es Hamens, selbst zu ihrer Legendenbildung bei und werfen dafür alles in die „Waagschale: ihr Familienglück, ihr Renommee, ihr Schreibtalent und ihren schriftstellerischen Körper.“

Genau in diese Kategorie passt auch Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“. Hier beschreibt Melle die Ursachen, Wirkungen und Verheerungen seiner manischen Depression, auch Bipolarität genannt. Nicht in Form eines Romans, sondern in der des autobiographischen Schreibens erzählt Melle von den Jahren 1999, 2006 und 2010, in denen die Krankheit ihn immer ein Stück mehr heruntergezogen hat, mit immer längeren manischen Phasen und den immer doppelt so lange wirkenden Abstürzen in die Depression. Den sozialen, geistigen und körperlichen Beschädigungen, unterstützt auch durch paranoide Phasen und ausgeprägten Alkoholkonsum, steht der gesellschaftliche Abstieg zur Seite – am Ende ist Melle obdachlos, hoffnungslos überschuldet, rettet sich von einem Heim ins nächste, ein Betreuer, der seine Finanzen ordnen und regeln soll, ist ihm zur Seite gestellt.

Hat Melle also ein Buch geschrieben, dass auf die Suche der Leser nach wahrhaften Geschichten reagiert, das so einen finanziellen Erfolg verspricht, auf den Voyeurismus der Leser vertraut und das eigene Renommee und Schreibtalent opfert? Oder liegt hier doch ein Text vor, der insofern wichtig ist, als dass er in literarischer Form die Abgründe einer Krankheit beschreibt, dem Leser so, auf eine poetische Weise versucht nahezubringen, wie es sich anfühlt, wenn die überschießenden Neuronen Salti schlagen – und eben gerade nicht als staubtrockene „Krankheitsakte“, von denen hier und da und immer wieder in Zusammenhang mit diesem Buch zu lesen ist.

Nun, dass Melle mit seinem Buch sein Renommee aufs Spiel setzte, ist eher nicht zu vermuten. Ganz im Gegenteil, vielleicht ist sogar eine der „Nebenwirkungen“ seines Textes, dass diejenigen ein wenig Verständnis für seine Taten und Handlungen aufbringen können, denen er in manischen Phasen zu viel zugemutet hat. Seinen Freunden zum Beispiel, die er immer wieder ordentlich vor den Kopf gestoßen hat, wenn er sich – mehrfach – selbst aus der Psychiatrie entließ, in die sie ihn mühsam und aus Sorge gebracht hatten, indem er sich gar in paranoiden Phasen von ihnen verfolgt fühlte, indem sie in den depressiven Phasen so für ihn sorgen mussten, dass es ihnen irgendwann einfach zu viel wurde, indem er also ihre Geduld, ihre Freundschaft und ihre Fürsorge so strapazierte, bis er sich schließlich ziemlich alleine wiederfand.

Und Ulla Unseld-Berkéwicz, ein anderes Beispiel, seine Verlegerin, die ihn während des zweiten manschen Schubs 2006 mit Hilfe eines Suhrkamp-Stipendiums finanziell unterstütz hat. Der stößt er während einer Suhrkamp-Veranstaltung aus Ärger über die Verlagsentscheidungen und weil er sowieso meint, er müsse Suhrkamp retten, in der Rücken oder vor den eingegipsten Arm, das weiß er so genau nicht mehr, sodass der Verlag natürlich von einer weiteren Zusammenarbeit Abstand nimmt. Und dabei hat Melle sich so gefreut, als er endlich ein Suhrkamp-Autor geworden ist. Das sind die Beispiele für das ordentlich zerbrochene Porzellan, das er begutachten kann, wenn die Manie nachlässt, wenn das Neuronengewitter aufhört. Und nahtlos übergeht in die Talfahrt Richtung Depression, die den Blick auf diesen Scherbenhaufen, der ohnehin voller Scham und Schuld ist, noch mehr befeuert. Renommee und Familien- oder Freundesglück kann er durch dieses Buch also gar nicht mehr verlieren.

Es ist ja hier genau anders: Indem Melle versucht, mit der Sprache für Außenstehende deutlich zu machen, wie das Gedankenkarussell kreist, welche völlig verstiegenen Ideen auftauchen, wie die Krankheit den eigenen Geist beherrscht, ja, die Persönlichkeit geradezu übernimmt, indem er von diesen Wirrnissen in einer anschaulichen, in einer geradezu poetischen Sprache erzählt und berichtet, indem er also sein Schreibtalent nutzt, um aufzudecken und verständlich zu machen,  was in Zeiten des Wahns passiert, schafft er gerade den Ansatz zu einem vertiefteren Verständnis für diese Erkrankung: „Also muss ich erzählen, um es begreifbarer zu machen.“

Da mag der Leser zu Beginn noch schmunzeln über den Hinweis, dass Melle Sex mit Madonna hatte und auch mit Björk, die ihm aber mehr und mehr auf die Nerven ging. Jeden Liedtext bezieht er auf sich, bei jeder Äußerung, auch von völlig Fremden, die er im Vorbeigehen aufschnappt, fühlt er sich gemeint. Das Schmunzeln vergeht dem Leser aber sehr schnell, wenn er die Verrücktheiten weiterliest, wenn er darüber liest, dieses Motiv kommt immer wieder in allen drei mansischen Schüben, dass Melle sich auch für das Weltgeschehen insgesamt verantwortlich fühlt. Hier scheint es jedoch eine Wahrheit zu geben, so bildet er sich ein, die er sich erst selbst erschließen muss. Und dann meint er tatsächlich, dass in „meinem Namen (…) das größte Menschenverbrechen seit jeher begangen worden [ist], noch bevor ich auf die Welt gekommen bin.“ Denn „letztendlich hatte Hitler nämlich gedacht, er wäre ich – so ich in meinem Wahn.“

Es ist zutiefst beeindruckend, wenn Melle erzählt, wie der Wahn ausbricht, in Sekunden, wie er spüren kann, was da in seinem Kopf in seinem Körper passiert:

„Es beginnt also mit einem Gefühlsüberschuss. Ein Schock fährt durch die Nerven, Kaskaden von ungerichteten Emotionen schießen hinab und schwappen wieder hoch. Die Empfindung völliger Haltlosigkeit stellt sich ein. Unter der Haut wird es heiß. Der Rücken brennt, die Stirn ist taub, der Körper leer und gleichzeitig übervoll: Neuronenschwemme. (…) Das System beginnt von einem winzigen, mutierenden Detail ausgehend, zu wuchern wie ein irres Fantasiegebäude. Es wandelt sich ständig, morpht sich, wie in einer Cunningham´scher Animation, rasant durch vielfältige Formen. (…) Ein unaufhaltsamer Prozess der Weltenbildung und der Weltenvernichtung ist im Gange.“

Und ein Prozess, bei dem der Mensch sich, offensichtlich bei vollem Bewusstsein, mehr und mehr selbst verliert, okkupiert wird durch den Wahn, der Stück für Stück die Oberhand übernimmt über Persönlichkeit und Körper. Das ist beeindruckend erzählt, oft auf verschiedenen Ebenen, nämlich auf einer reflektierenden, einer unmittelbar erlebenden und, vor allem auch mit Blick auf die Hintergründe der Krankheit, auf einer sachlich erklärenden Ebene was den Forschungsstand der Krankheit angeht, auch, was die Zumutungen der eigenen Biografie angeht, auch Auslöser sein können für die Bipolarität.

Zu diesen irren Ideen, Vorstellungen, Gewissheiten kommt eine Unruhe, die Melle ganze Tage und Nächte durch Berlin rennen lässt, hierhin und dorthin, ohne Plan, aber immer mit ganz viel Alkohol. In den manischen Phasen, so Melle, „rast die Zeit. Jeder Tag fetzt an einem vorbei, nein, man fetzt vielmehr durch die Tage hindurch. Die Eindrücke sind zahllos, die Reize grell, die Schlafeinheiten kurz.“

Auf den Leser wirken diese Parforceritte anschaulich, gewähren einen tiefen Einblick – und sind doch auch fordernd und abweisend, sind anstrengend zu lesen, weil es manchmal kaum auszuhalten ist. Trotzdem, wahrscheinlich, weil es immer wieder diese reflektierende Stimme gibt, kann man kaum glauben, dass hier ein Mensch, der so nachdenklich und besonnen schreibt, die Kontrolle über sein Leben verloren hat, völlig überschuldet ist, obdachlos, Entscheidungen nur noch mit Hilfe von Betreuern treffen kann. Hier ist der Erzähler dann auch gesellschaftlich sichtbar ganz unten angekommen.

Hat Melle hier sein Leben 1:1 in Literatur umgesetzt, vorausgesetzt, dass der Leser sich nur für ein so ehrliches Schreiben interessiert, vorausgesetzt, dass der Leser zum Voyeur werden möchte? Eher nicht. Hier schreibt ein Autor bewusst, hier wählt er ganz genau aus, was er erzählt, bringt die Inhalte in eine ganz bestimmte Form. Damit treibt er eine Art Literarisierung voran, auch wenn die eigene Geschichte immer die Schatzkiste bildet, aus der er auswählen kann. Und er weiß auch, selbst wenn er schreibt, dass die Fiktion pausieren muss, dass sie „hinterrücks“ natürlich fortwirke.

Am Ende dieses schmerzhaften Prozesses, in dem Melle ja auch eine Selbstvergewisserung vorantreibt, meint Melle erkannt zu haben, dass er wohl nur durch diese Krankheit geworden ist, was er ist: „Die Krankheit hat mich auf ewig gebrochen. Vielleicht hat sie mich aber auch, gegen meinen Willen, erst zum Schriftsteller gemacht.“ Und auch seine Bibliothek wächst wieder, fängt langsam an, die vielen Bücher zu ersetzten, die er über die Jahre seines Lebens angesammelt hat, um sie dann in den manischen Phasen Stück für Stück zu verkaufen, bis kein Buch mehr da war. Nun wächst sie wieder, die Bibliothek, die Welt in seinem Rücken.

Thomas Melles beeindruckendes Zeugnis seiner bipolaren Erkrankung und alles andere als eine „gefährliche Leibschaft“ ist mein zweiter Favorit für den Deutschen Buchpreis 2016 gewesen.

Thomas Melle (2016): Die Welt im Rücken, Berlin, Rowohlt Berlin Verlag.

Hans Platzgumer: Am Rand

Gerold Ebner ist früh am Morgen aufgestanden, hat die Wohnung aufgeräumt, sich bereit gemacht für den Aufstieg auf den Berg. Dort sitzt er nun in der beginnenden Morgendämmerung, dick bekleidet, denn es ist Oktober, und beschreibt die 100 Blätter, die er mitgebracht hat, mit seiner Lebensgeschichte. Er sitzt am Rand des Gipfels und blickt – auch aus der Distanz, die sich durch den Blick von oben ergibt – auf sein Leben. Er will aufschreiben, wie es gekommen ist, dass er nun hier oben sitzt. Am Abend, wenn er die 100 Blätter mit seiner Lebensgeschichte (seiner Lebensbeichte?) gefüllt hat, will er den einen Schritt tun vom Rand in den Abgrund. [Zum Weiterlesen hier entlang.]

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

Widerfahrnis – das ist das, was jemand erfährt oder erlebt, das, was jemandem zustößt, was ihm begegnet, was über ihn hereinbricht. Julius Reither stößt so einiges zu in diesen paar Tagen im April und er lässt auch zu, was ihm widerfährt, lässt sich mitreißen und erlebt Dinge, mit denen er eigentlich schon abgeschlossen hatte. Ganz spontan und ohne großen Plan reist er in den Süden, reist vom späten Winter in Bayern mit Schnee und Eis in den frühen Sommer Italiens, mit Sonne und Wärme, dem besonderen Licht des Südens und den Blick auf das Meer. Je mehr dabei die Sonne scheint und er die Wärme und das Licht genießt, umso mehr scheinen auch seine eingefrorenen Gefühle aufzutauen. Und neben dem Gefühlsabenteuer gibt es auch noch das ein oder andere Abenteuer zu bestehen bei diesem Road-Trip, denn immerhin geht die Reise ja genau dorthin, wo die Flüchtlinge landen, die aus Afrika über das Mittelmeer kommen.

Zum Weiterlesen hier entlang.

Lutz Seiler: Die römische Saison

Das Leben als Schriftsteller kann ja durchaus ganz besondere Momente bieten – denkt man so als Laie. Und ist ein wenig neidisch, wenn ein Schriftsteller berichtet von seinem Jahr, das er mit der ganzen Familie in der Villa Massimo in Rom verbringen durfte, als Stipendiat der Deutschen Akademie Rom. Ach, seufzt man, wie schön wäre das, auch einmal ein Jahr in Rom verbringen zu können, das römische Leben mal nicht als Tourist für ein paar Tage oder Wochen ausprobieren, sondern gleich ein ganzes Jahr Zeit zu haben, es bei den Römern zu beobachten und selbst zu erproben; zu schauen, was es tatsächlich auf sich hat mit dem „Dolce far niente“, aus dem preußischen Hamsterrad aussteigen und sich dem Müßiggang hingeben zu können; zu jeder (Jahres-)Zeit durch die alten Gassen zu schlendern, auch dann, wenn keine Touristenmengen sich hindurchschieben; mitten in der Nacht oder früh am Morgen Geldmünzen in den Trevi-Brunnen zu werfen und auf der spanischen Treppe in die Sonne zu blinzeln, Bars und Cafés abseits der üblichen Routen entdecken, und beim Flanieren durch die alten Steine, winkeligen Gassen und vorbei an den kleinen, kühlen Läden Inspirationen zu finden für das eigene kreative Werk. Endlich in Ruhe und in so einer wunderbar anregenden Umgebung den Roman zu schreiben, dessen Planungen schon weit fortgeschritten sind (oder auch nur in Ruhe endlich die vielen Bücher lesen zu können, die schon lesebereit im Regal stehen und dazu endlich die Rezensionen so zu schreiben, wie man sie sich vorstellt): Ach, wäre das schön.

Lutz Seiler hat ein Jahr in Rom verbracht, als Stipendiat der Villa Massimo. Man kann ihn entdecken auf der Liste der zehn Künstler, die 2011 in die Villa eingezogen sind, bildende Künstler sind dabei gewesen, Architekten und zwei Schriftsteller, Jan Wagner und er.

Und gleichzeitig denkt man an „Kruso“, den Roman, der auf Hiddensee spielt zur Wendezeit des Jahres 1989 und für den Lutz Seiler 2014 den Deutschen Buchpreis erhalten hat. „Kruso“, der Roman, der so gar nichts zu tun hat mit dem, was wir uns unter italienischem Lebensgefühl vorstellen, muss doch ungefähr um 2011 herum entstanden sein, denkt man – und wundert sich. Immerhin Sommer, Wasser, Urlaubszeit und der damit verbundene Ausstieg aus dem üblichen sozialistischen Alltag, das alles spielt auch in „Kruso“ eine Rolle. Das ist aber auch schon alles, was es gibt an Ähnlichkeiten mit Rom. Ob der Roman tatsächlich während des Villa-Massimo-Jahres entstanden ist, ist also die Frage, die sich demjenigen aufdrängt, der Lutz Seiler schmales Bändchen „Die römische Saison“ in die Hand nimmt, darin blättert und dann tatsächlich als Überschrift einer der beiden Erzählungen findet: „Von Rom nach Hiddensee“.

Lutz Seiler also hat den 6er im Lotto gewonnen, zieht für ein Jahr zum Leben und Schreiben samt Familie in die Villa Massimo. 14 Bücherkisten habe er gepackt, „voller Bücher, Ordner, Kopien, Recherche- und Arbeitsmaterial“, sein ganzes im vorangegangenen Jahr zusammengetragenes Material für den Roman, „auch Handlungsskizzen, Kapitelentwürfe, Figurendossiers und Dramaturgien, darunter drei ausformulierte Romananfänge, die dem Experimentieren mit verschiedenen Erzählperspektiven entsprungen waren.“ Das alles passte gerade so, bei umgeklapptem Rücksitz, in sein Auto, damit hatte er die Alpen überquert auf seinem Weg von Norden in den Süden. Und nun sitzt er mit seinen Kisten und Materialien und Experimenten in der wunderbaren Villa Massimo, in seinem ihm zugewiesenen Atelier, das so groß, so hoch ist, dass ein Bildhauer hier vor 100 Jahren, als dieser Raum für die Künstler entstanden ist, ein schönes Reiterdenkmal hätte fertigen können.

In diesem Raum kommt Lutz Seiler sich irgendwie verloren vor, an Schreiben ist hier jedenfalls nicht zu denken. Auch der Versuch, den Raum anders zu gestalten, die paar vorhandenen Möbel in eine Ecke zu verschieben, um, abgetrennt durch einen Schrank, eine kleine Kammer am Rand des großen Ateliers zu gestalten, bringt für das Schreiben keinen Durchbruch. Die vielen Veranstaltungen, liebevoll-fürsorglich von der Künstlerbetreuerin erdacht, um den Stipendiaten Rom nahe zu bringen, sie sind für ihn nur eine Ablenkung. Und dann gibt es ja auch noch, wenn er in seiner Kammer sitzt, die vielen akustischen Ablenkungen, angefangen bei den summenden Heizungsrohren über die nächtlichen Attacken der römischen Müllabfuhr, das ständige Sirenengeheul von Polizei und Rettung bis zu den Gärtnern der Villa, die spätestens um 10 Uhr sehr geräuschvoll an ihr Tagwerk gingen – an Schreiben ist unter diesen Umständen jedenfalls nicht zu denken.

Als dann nach einem Monat die ersten Shop-Talks auf dem Programm stehen – dabei besuchen sich die Stipendiaten zusammen mit dem Direktor der Villa Massimo, seiner Frau, den Mitarbeitern, dem Hausmeister und den Katzen an einem Vormittag wechselseitig, um den Stand der Arbeiten zu präsentieren -, muss Seiler improvisieren, verteilt den Inhalt seiner 14 Bücherkisten, auf beste Wirkung bedacht, über Tische und Boden des Ateliers, allein um davon abzulenken, dass er in diesem Monat rein gar nichts zu Papier gebracht hat. Der Roman über die Nachwendezeit in Berlin, der auch die Geschichte der Russenmafia und des Diensthundewesens an der Grenze beinhalten sollte, er verweigerte sich völlig, „stattdessen Krise. Herzrasen, Hitze, Schweißausbrüche und Schlaflosigkeit, Magenkrämpfe und zu hoher Blutdruck – was folgte war die rasche Entfaltung des kompletten Spektrums der hypochondrischen Möglichkeiten (…)“.

Lutz Seiler erzählt, fast lustvoll in der Wunde bohrend, von seiner Schreibblockade im Rom. Glücklicherweise liest er auch Marie Luise Kaschnitz, die über ähnlich frustrierende Erlebnisse in der Villa Massimo berichtet hat. Die Folgen des Spagats zwischen Ablenkung und Anspruch trifft ihn also nicht alleine. Und so lässt er Roman erst einmal Roman sein, wendet sich dem tatsächlichen römischen Leben zu, begleitet den Sohn auf den Fußballplatz, lernt dort andere Kinder und ihre Eltern kennen, geht zum Joggen in den benachbarten Park, geht mit offenen Augen durch Rom und sieht endlich, was zu sehen ist. Und irgendwann kommt der kleine Funke, der eine große Geschichte hervorbringt, eine, die gar nichts mehr zu tun hat mit den Grenzhunden und der Nachwendezeit, sondern eine, die auf Hiddensee angesiedelt ist, beim Klausner, und mit einem Sowjetgeneral mit nassen Hosenbeinen aufwartet.

Was es mit dem Fußballspielen seines Sohnes in Rom auf sich hat, davon erzählt die zweite Geschichte dieses Buches. Dabei steht gar nicht mal so sehr das Fußballspielen im Vordergrund des Erzählens, denn nur am Rande werden Trainingsmethoden und Spieltaktiken mit dem heimatlichen Kiezverein verglichen, sondern vielmehr die Besonderheiten der Bürokratie im italienischen Ligabetrieb. Da wiehert der Amtsschimmel, wie er in einem preußischen Büro nicht lauter wiehern könnte und wenn Lutz Seiler erzählt von den zehn Dokumenten, die sie beibringen müssen, vier, damit der Sohn überhaupt mitttrainieren, weitere sechs, damit er auch an den Ligaspielen teilnehmen darf, dann ist es nicht mehr weit zur unvergesslichen Szene aus Uwe Tellkamps „Turm“, in der aus dem Behördenapparat im Dresdner Rathaus erzählt wird und von den Verwicklungen, die dort entstehen, wenn eine Geige zur Ausfuhr angemeldet werden muss. Und man kann mitfühlen und mitleiden mit den Eltern, die in den nächsten Wochen nichts unversucht lassen, um die italienische Bürokratie zufriedenzustellen, damit ihr Sohn, der, zu allem Unglück nicht nur einen deutschen Vater, sondern auch eine schwedische Mutter hat, was das Procedere der Bescheinigungen, Dokumente und Zertifikate extrem erschwert, endlich Fußball spielen kann.

Von diesen Geschichten aus Rom, weit abseits der Spanischen Treppe, des Trevi-Brunnens und weiterer Rom-Tourismus-Klischees würden wir gerne mehr lesen, würden gerne noch mehr erfahren von den Erlebnissen des römischen Jahres. Würden gerne weiter eintauchen in Seilers dichte Sprache, die ein ums andere Bild vor unserem inneren Auge erzeugt, uns lachen lässt, uns den Schlaf raubt, uns von Rom mitten hinein ins Leseerlebnis „Kruso“ katapultiert, um uns dann mit bangem Herzen und in der devoten Haltung von Bittstellern vor den drei Empfangsdrachen des Fußballclubs zu schicken.

Zu erwähnen ist abschließend, dass diese zwei Erzählungen Lutz Seilers begleitet werden von Tuschezeichnungen Max P. Härings. Imagination findet in diesem Band also gleich zweifach statt: einmal beim Lesen, einmal beim Betrachten der Zeichnungen.

Lutz Seiler (2016): Die römische Saison, mit Zeichnungen von Max P. Häring, Oberelchingen, Topalian & Milani

Von der Suche nach dem Sinn des Lebens – Eine Polemik zum Deutschen Buchpreis 2016

Wenn wir in ein paar Jahren, in fünf vielleicht oder in zehn, zurückblicken auf die Romane, die für die Long- und Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 nominiert wurden, werden sie uns dann erzählen, wie es sich angefühlt hat, unser Leben im Jahr 2016? Werden wir uns erinnern, was uns umgetrieben hat, welche Themen im öffentlichen Diskurs eine bedeutende Rolle spielten oder beim Treffen mit Freunden die Gemüter erhitzten, was uns erfreute, was uns besorgte? – Nein, lässt sich da wohl jetzt schon antworten, werden wird nicht.

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Ernst-Wilhelm Händler: München. Gesellschaftsroman

Als Gesellschaftsroman bezeichnet Ernst-Wilhelm Händler seinen Roman im Untertitel und erzeugt damit ganz konkrete Erwartungen bei seinen Lesern: Eine Großstadt mit ihren verschiedenen Bewohnern und ihren gesellschaftlichen Verwerfungen gerate hier unter das Brennglas des Autors, so meint der Leser, wie in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, wie in John Lancasters „Kapital“. Nach Berlin und London nun also München, so der Romantitel.

Damit hat Händler schon einmal eine falsche Spur ausgelegt, denn in seinem Roman werden weder gesellschaftliche Unterschiede ausgelotet noch komplexe Handlungsstränge verschiedener Figuren kunstvoll ineinander verwoben. In München spielt der Roman und zeigt viel Lokalkolorit, aber er spielt nur in einer Gesellschaft, der besseren nämlich. Alle Figuren sind auf sehr viel Geld recht weich gebettet, gehen in den angesagten Münchner Shops großzügig einkaufen und zeigen mit den angesagten Modemarken, wer sie sind. Sie verkehren auf Partys von RTL-Größen, an den Kulturplätzen der Stadt oder auch beim Charity-Dinner auf Schloss Herrenchiemsee, wenn dort Prinz Franz seinen achtzigsten Geburtstag in angemessener Kulisse begeht. [Zum Weiterlesen hier entlang]

Ben Rawlence: Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt

Wer Luftbilder (z.B. hier oder hier) der Flüchtlingslager von Dadaab im Nordosten Kenias betrachtet, der sieht Zeltstädte oder Hüttensiedlungen soweit das Auge reicht, mit Straßen durchzogen, an manchen Stellen sind Plätze oder größere Gebäude. Wie viele Menschen mögen in diesen Flüchtlingslagern wohnen, unter welchen Bedingungen und wie lange, fragt man sich sofort. Und kann sich leicht ausmalen, was es für die Menschen bedeutet, in solch einem künstlich angelegten Gebilde zu leben, ohne wirkliche Privatsphäre zu den Nachbarn, in einer Nachbarschaft, die nicht gewachsen ist, sondern hier willkürlich entstanden, und mit den Konflikten, die sich allein daraus ergeben. Und dann bringt ja auch noch jeder Flüchtling seine Geschichte mit, ist traumatisiert vom langen Bürgerkrieg, hat alles aufgegeben, weil der Hunger zu groß geworden ist, ist geflohen von den al-Shabaab-Milizen, die ganze Landstriche unter ihre Herrschaft gebracht und ihre Willkürherrschaft etabliert haben.

Tatsächlich beherbergt Dadaab je nach politischer oder meteorologischer Situation zwischen 300.000 und 500.000 Menschen. Das Lager ist 1992 gegründet worden, als in Somalia der Bürgerkrieg ausbrach und die ersten 90.000 Flüchtlinge über die Grenze nach Kenia kamen. Nur für kurze Zeit sollten die Menschen hierbleiben, ein Provisorium sollte das Lager sein. Nun ist das Lager bereits 25 Jahre alt, eine erste Generation Menschen lebt hier, seit sie als Kinder hergekommen sind, manche sind hier geboren und kennen gar kein anderes Leben. Und immer wieder kommen neue Flüchtlinge, weil es keinen Frieden gibt in Somalia und weil es immer wieder Hungersnöte gibt, wenn eine oder gleich zwei Regenzeiten ausbleiben.

So sind im Laufe der Zeit zum ersten Lager neue dazugekommen; heute sind es vier, die um die ursprüngliche kleine kenianische Dadaab gebaut wurden. Entstanden sind so neue Stadtteile, mit allem, was eine Stadt ausmacht: mit Krankenhäusern und Schulen, einer Wasserversorgung und einem Mülltransport, mit Kinos und Märkten, auf denen es alles zu kaufen gibt, was das Herz begehrt, mit Plätzen, an denen die großen europäischen Fußballspiele geschaut werden können und sogar mit eigenen Fußballligen. Und mit Korruption und Unterdrückung, mit der Macht des Stärkeren, mit Hunger, Krankheiten und vielen Konflikten. Nicht zuletzt mit der kenianischen Regierung, der, obwohl viele Politiker hier fleißig mitverdienen, das Lager ein Dorn im Auge ist.

Ben Rawlence, ein britischer Journalist, der zehn Jahre als Menschenrechtsbeobachter gearbeitet hat, hat die Flüchtlingslager von Dadaab immer wieder besucht. Über mehrere Jahre hinweg hat er Kontakt gehabt zu den Flüchtlingen, hat sich ihre Lebensgeschichten angehört, an ihrem Leben im Lager teilgehabt und mit ihnen über ihre Vergangenheit, ihr Leben im Lager, ihre Hoffnungen und Träume gesprochen. Neun dieser Geschichten erzählt er nun in seinem Buch über die „Stadt der Verlorenen“. Und gibt dabei auch tiefe Einblicke hinter die Kulissen des Lagers, in dem sich, sozusagen losgelöst von den rechtlichen und ökonomischen Strukturen der (kenianischen) Umgebung, eine ganz eigene Art des Lebens gebildet hat.

Da ist zum Beispiel Guled aus Mogadischu, dessen Eltern bereits verstorben sind, als er ein Teenie war und der mit seiner Schwester im Haus der Eltern allein lebte. Um Mogadischu kämpften die afrikanische Friedenstruppe Amison, die eine viel zu schwache aus Äthiopien installierte Regierung schützen sollte, gegen die immer weiter erstarkende Al-Shabaab-Miliz. Als die Kämpfe zu nah an das Haus der Geschwister kamen, flohen sie in die Vororte, schliefen unter den Sträuchern und gingen von dort in die Schule. Guled bekam einen Job als Fahrer eines Kleinbusses, denn die Männer waren alle im Krieg und er immerhin schon so groß, dass er an die Pedale gelangte. So ging er morgens zur Schule und abends transportierte er Menschen. Al-Shabaab aber suchte immer wieder neue Milizionäre. Ihre Kämpfer geingen in die Schulen und nahmen alle Jungen mit; die älteren schickten sie an die Front, die jüngeren wurden Sittenwächter und kontrollierten die Bevölkerung, ob auch die strengen islamischen Gesetze eingehalten werden. Nach ein paar Wochen bekam Guled zum ersten Mal für ein paar Stunden Ausgang und nutzte die Zeit sofort zur Flucht. Mit dem Bus und in der „Verkleidung“ des Helfers des Busfahrers gelangte er ohne weitere Kontrollen nach Dadaab.

Mit Guleds Ankunft in Dadaab, mit seiner Anmeldung, seiner ersten Essensration, mit der Suche nach einer Unterkunft, für die er Teile seiner Essenration abgeben muss, mit dem Sparen für ein Telefonat mit seiner Familie in Mogadischu, für das er weitere Teile seiner Essensration verkaufen muss, wird dem Leser schnell klar, wie die Wirtschaft im Lager funktioniert. Da jeder Bewohner, egal wie alt er ist und welche physiologischen Bedürfnisse er hat, die gleiche Ration bekommt, nämlich drei kg Mehl, zwei kg Reis, ein Kilo Bohnen, ein halber Liter Speiseöl und 240 g Salz (für 14 Tage), da die Bewohner – eigentlich – nicht arbeiten dürfen, ist dieses Essen die Währung, mit der hier bezahlt wird: Wer einen besonderen Wunsch hat, muss Lebensmittel verkaufen. Bei großen Familien, die viele kleine Kinder haben, lässt sich hier einiges verdienen. Und da die Kontrolle derjenigen Lagerinsassen, die auch tatsächlich im Lager wohnen, lange Zeit nicht exakt war, können Familien auch Lebensmittel abholen für Angehörige, die schon wieder weggezogen sind.

Geld kann aber auch verdienen, wer für größere Familien die Lebensmittel in die manchmal weit entfernten Hütten trägt oder auf dem Markt eine Arbeit als Träger findet. Davon lebt Nisho, der schwere Säcke vom LKW in den Markt trägt und natürlich mit Argusaugen schaut auf die vielen neuen Flüchtlinge, die im Lager ankommen und so hungrig sind, dass sie eine Arbeit für jeden Lohn annehmen. Wenn Rawlence Nishos Geschichte erzählt, erfährt der Leser auch, dass die Markthändler zur Mittelschicht des Lagers zählen, das manche von ihnen tatsächlich Dollar-Millionäre sind. Sie beziehen Waren aus Kenia und aus Somalia. Dafür schmieren sie Al-Shabaab oder die kenianische Polizei und kommen so an alle Waren, die sie haben möchten. Zu Händlern werden die Flüchtlinge, die Geld mitbringen ins Lager und die einem der einflussreichen somalischen Clans angehören: die sozialen Risse der somalischen Gesellschaft finden sich im Lager wieder. Und Menschen wie Nisho, der zu keinem einflussreichen Clan gehört, muss richtig ackern, wenn er sich zu seinen Lebensmitteln ein Zubrot verdienen möchte.

Ben Rawlence schildert das Lagerleben am Beispiel seiner neun „Protagonisten“ und zeichnet so die sehr komplexen Lagerstrukturen auf. Wir sehen die zerrütteten Familien, die auseinanderbrechen, weil es kein Geld gibt, keine Möglichkeiten, selbstständig und selbstbestimmt zu leben, weil es an allem fehlt. Wir sehen die ethnischen Konflikte, die durch das enge Zusammenleben, manchmal auch die „Liebesgeschichten“, entstehen. Wir lernen den Heiratsmarkt kennen und die unterschiedlichen Preise, die die Männer bezahlen müssen, wir lernen, wie viel eine junge Frau wert ist, deren Familie schon im Lager etabliert ist, wie viel eine Frau kostet, die gerade erst angekommen ist. Anders als über diesen unwürdigen Heiratsmarkt können die jungen Frauen und Männer im Lager ihre Sexualität nicht leben. Wir sehen die Korruption, die im Lager herrscht, die Korruption, die außerhalb des Lagers herrscht, die vielen Möglichkeiten, sich an der Armut und der desolaten Situation der Flüchtlinge zu bereichern. Die Korruption lässt sich bis in die höchsten kenianischen Politikerkreise erkennen.

Ben Rawlence hat eine lange Reportage über Dadaab geschrieben, über eine Zeit von 2011 bis 2014. IN diesem Zeitraum verfolgt er die Leben der neun Flüchtlinge und kann so auch Entwicklungen in ihrem Leben nachzeichnen. Und diese Entwicklungen ergeben sich meistens nicht daraus, dass sich einer von ihnen ein Ziel gesetzt hat, das er erreicht. Die wenigsten Lagerbewohner können ihr Leben selbst gestalten. Vielmehr ergeben sich die Entwicklungen mehr durch die bedrohlichere Situation, die sich über dem Lager zusammenbraut: die vielen neuen Flüchtlinge, die wegen der Hungerkatastrophe und der zunehmenden Macht al-Shabaabs vor allem im Süden Somalias 2011 und 2012 ins Lager kommen, will die kenianische Regierung nicht. Sie vermutet, dass mit den Flüchtlingen Islamisten ins Land kommen (wie gut wir diese Argumente kennen).

Kenia beginnt, gegen den Widerstand der USA, einen Krieg gegen Somalia bzw. gegen die al-Shabaab-Milizen, der, statt wie versprochen ein paar Tage, Monate dauert. Tatsächlich begehen die Islamisten nun in Kenias Städten Terroranschläge, was die Situation aller Somali im Land verschlechtert. Als al Shabaab dann auch noch anfängt, im Lager Attentate zu begehen, die auch gegen die internationalen Hilfswerke gerichtet sind, als sie beginnen, westliche Entwicklungshelfer zu kidnappen, um Lösegelder zu erpressen, ziehen sich auch die Helfer aus den Lagern zurück und überlassen alle organisatorischen und verwaltenden Arbeiten den Flüchtlingen. Als dann der Syrienkonflikt ausbricht, verschwindet die somalische Flüchtlingssituation ganz aus der medialen Öffentlichkeit, die Hilfsgelder gehen in die neuen Lager, um die Syrer zu versorgen, in Dadaab wird die Essensration gedrosselt und an der medizinischen Versorgung gespart.

Rawlence Reportage, die an vielen Stellen Hintergrundinformationen liefert, ist spannend geschrieben wie ein Roman. Und zeigt doch eine unfassbare Realität.  Rawlence versucht einen offenen, unvoreingenommenen Blick auf die Situation. Er klagt zwar selten an, dann aber nachdrücklich, wenn er über die Korruption spricht auf der einen Seite und das Wegschauen der westlichen Länder auf der anderen. Denn solange keine islamistischen Terroristen aus den Lagern kommen, gibt es keine Notwendigkeit, etwas zu tun. Aber er schafft ein Bewusstsein dafür, dass dort Menschen leben, die nicht mehr vor- und kaum noch zurückkönnen. Denen fast nur der Weg nach Europa bleibt, wenn sie sich dann nicht doch mit al-Shabaab und ihrem fundamentalistischen Islam arrangieren wollen. Seiner Meinung nach könnte die Situation für die Menschen in Dadaab deutlich verbessert werden, wenn sie arbeiten dürften, wenn sie ihre Stadt selbst voranbringen könnten, wenn sie nicht in illegale Pack- und Handelstätigkeiten gedrängt würden, sondern als Händler, Handwerker, als Lehrer und Pfleger arbeiten könnten.

Das Lesen der langen Reportage lohnt auf jeden Fall: 2016, so hat das UNHCR im Juni gemeldet, seinen 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht, so viele, wie Frankreich Einwohner hat. Das sind 6 Millionen Flüchtlinge mehr als 2015. Dabei kommt die Hälfte aller Flüchtlinge aus drei Ländern: Syrien, Afghanistan und Somalia. Viele von ihnen leben in Lagern wie Dadaab, in denen das Leben ganz ähnlich sein wird.

Ben Rawlence (2016): Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt, München, Nagel & Kimche

Dadaab spielt auch eine Rolle in Michaela Maria Müllers „Geschichte von Ayan und Samir. Eine Rezension könnt Ihr hier lesen.

Rasha Khayat liest in Düsseldorf

Natürlich ist erst einmal das Wetter ein Thema, denn es ist ja schon ein bisschen verrückt, mitten im August, zur besten Schulferienzeit und bei sommerlichen Temperaturen in die Stadtbibliothek zu einer Lesung zu gehen. So eine Wasserglas-Lesung ist ja eher etwas für einen verregneten und vernebelten Novemberabend, wenn man sich in einem warmen Raum zusammendrängeln kann, um gemeinsam einer Geschichte zu lauschen. Und so freut sich Michael Serres, der Leiter des Literaturbüros NRW, auch ganz besonders über die vielen Zuhörerinnen und Zuhörer, die an diesem „vierten Sommertag“ des Jahres in das Lernstudio der Stadtbibliothek gekommen sind, so viele, dass die Mitarbeiterinnen unentwegt neue Stühle herangeschafft haben.  Und Rasha Khayat freut sich auch über die sommerlichen Temperaturen in Düsseldorf, denn in Hamburg sei sie bei tatsächlich 11 Grad in den Zug gestiegen.

Das Thema der frühabendlichen Lesung ergab sich dann auf augenzwinkernde Art sehr schnell, als Serres nämlich die Delegation des Dumont-Verlages begrüßte, die aus einer – natürlich namenlosen – Stadt in der Nähe extra angereist sei. Köln und Düsseldorf, das sind die seit Ewigkeiten verfeindeten Rheinstädte mit ihren so unterschiedlichen Kulturen, im Karneval beispielsweise und auch bei ihren so unterschiedlichen Biersorten, wie Rasha Khayat ergänzt, dass sich Kölner in Düsseldorf schon fremd fühlen können und Düsseldorfer in Köln. Diese Fremdeln kennen auch Serres und Khayat, geborene Westfalen, die irgendwann in ihrem Leben, zum Studium, zum Arbeiten, ins Rheinland gezogen sind – auch hier also Entwurzelung, Irritation, Entortung.

Das Wort Entortung, so erzählt Rasha Khayat auf ihrem Blog „West-östliche Diva“, habe sie in zähem Streit gegen ihren Lektor und sein Ansinnen, es doch durch ein existierendes Wort zu ersetzen, verteidigt. Es solle ein Gegenbegriff sein zum englischen „Displacement“ und wenn es dereinst im Duden lande, dann möge man bitte an sie denken.

Entortung ist aber auch das Thema ihres gerade überall so positiv angenommenen Romans „Weil wir längst woanders sind“. Das Fremdsein habe sie dort in allen Facetten durchgespielt, denn es könne ja durch ganz unterschiedliche Aspekte ausgelöst werden, die Sprache, die Kleidung, das Essen, die Lautstärke, das Klima, der Umgang miteinander, das Zusammenleben der Familie. Und so liest sie Passagen ihres Romans vor, die genau diese verschiedenen Situationen erzählen: wie Basil und Layla ihren ersten Schnee entdecken, der längst nicht so schmeckt, wie sie erwartet haben; wie sie mit den Großeltern zum Schlittschuhfahren gehen und die Großeltern mehr Freude auf dem Eis haben als die Kinder; wie sie in der neuen Schule angemeldet werden, neue Kleidung tragen, in der Klasse neue Freunde finden müssen – und nichts davon mögen, weil es so anders ist.

Wenn Rasha Khayat liest, dann entstehen vor den Augen der Zuhörer ganz lebendige Szenen: der Schnee schmilzt in der eigenen Hand, der Lärm und die Klänge der fremden Sprache am Flughafen hängen im Raum, der Geruch des im Ganzen gebratenen Hammels, der doch die kulinarische Sensation beim Junggesellenabschied sein soll, sticht in die Nase und verursacht bei den Zuhörern gut sichtbare skeptisch gekräuselte Stirnen und Laute, die Abwehr und Ekel hörbar machen. Und der manchmal auch ironische Ton der Erzählung ist nun auch ganz deutlich zu hören.

RK_2Das Gespräch mit Michael Serres umkreist die wohl üblichen Themen, zu allererst natürlich die Frage nach der Verortung der Geschichte in Rasha Khayats Biographie. Die grinst breit und gibt zur Antwort, dass es doch egal sei, ob eine Geschichte autobiographisch sei; glaubwürdig müsse sie sein, damit der Leser sie gerne lese und ihr folge. Und das Publikum schmunzelt über den Hinweis auf Karl May, dessen Abenteuergeschichten aus fernen Ländern wir doch alle gern gefolgt sind, auch wenn Karl May nie im wilden Westen war und nie im wilden Kurdistan.

Und natürlich kommt das Gespräch auch darauf, wie es denn sein könne, dass Layla ausgerechnet nach Saudi-Arabien ziehe, dem Land gegen das auch Rasha Khayat immer wieder Internetpetitionen unterschreibe. Irritieren wolle sie mit ihrem Roman, so Khayats Antwort, es solle sich kein Leser in ihrem Roman gemütlich einrichten. Dass sie vermeintliche Gewissheiten gerne auf den Kopf stellt, wird auch deutlich, als sie erzählt, wie es überhaupt zu ihrem Blog gekommen sei. Sie reise ja viel in die arabische Welt, habe immer wieder Zeitungen Artikel angeboten über das eine oder andere Thema, zum Beispiel über berufstätige arabische Frauen. Ob die sich denn nicht gegen ihre Ehemänner durchsetzen müssten, um ihrer Arbeit nachgehen zu können, sei sie gefragt worden. Nein, die Männer unterstützten die Berufstätigkeit, zu arbeiten sei „auch“ für Frauen ganz normal. Dann haben die Redaktionen abgewunken, die Geschichten enthielten zu wenig Aufregungspotential. So habe sie sich entschlossen, diese Artikel auf dem eigenen Blog zu veröffentlichen.

Diese Geschichte zeigt das Problem mit diesem Thema ganz deutlich: Wie unvoreingenommen können wir uns über die Medien dem alltäglichen Leben in den arabischen Ländern nähern? Hat das Fernsehen, haben die Zeitungen einen zu undifferenzierten Blick nur auf problematische Situationen, blicken sie zu wenig darauf, wie die Menschen leben? Oder anders: Ist es möglich, nur das private Leben zu sehen, ohne das politische mit zu betrachten? Das sind ja auch genau die Fragestellungen, die den Leser auch in „Weil wir längst woanders sind“ verunsichern und verstören.

Und dann spricht Rasha Khayat noch von der ganz besonderen Beziehung zwischen Geschwistern, davon, dass man doch keinen anderen Menschen so kenne, wie den Bruder oder die Schwester. Und wenn einer sich dann auf einmal und ganz unbemerkt selbstständig mache, sich verändere, dann sei die Erschütterung darüber, dass man sich so gar nicht mehr auskenne mit dem vertrauten Menschen, besonders groß. Dieses Thema schwingt schon in Basils Geschichte mit, vielleicht werde sie sich der Geschwisterbeziehung auch in ihrem nächsten Romanprojekt zuwenden.

Und so endet die Lesung – früh genug, dass die Zuhörer mit vielen Eindrücken und jeder Menge Gesprächsstoff in den lauen Sommerabend entlassen werden, um im nächsten Biergarten noch stundenlang diskutieren zu können.

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst

Sie wird gerade wieder kräftig bespielt, die Klaviatur der Angst. Mit jeder neuen Gewalttat werden nahezu reflexhaft und manchmal so schnell, dass noch gar keine gesicherten Informationen vorliegen, Beschuldigungen in verschiedene Richtungen laut, es werden Ausgrenzungen und Abgrenzungen vorgenommen, es wird konsequent vereinfacht und es werden einfachste Lösungen feilgeboten: die Angst vor „den Anderen“ wird ganz gezielt geschürt, es entsteht eine mehr und mehr aufgeheizte, hysterische Atmosphäre, die vor allem eines ist, nämlich politisches Kalkül.

Heinz Bude, der an der Universität Kassel Soziologie lehrt, hat sich in diesem 2014 erschienen Band nicht nur mit dieser „Angst vor den Anderen“– und auch der „Angst der Anderen“ – auseinandergesetzt, sondern geht weiteren soziologischen Facetten der zahlreichen Ängste nach, die die Menschen unserer Gesellschaft umtreiben, je nachdem, in welcher Situation und in welcher gesellschaftlichen Schicht sie sich befinden. Bude belässt es nicht bei dieser Darstellung, sondern setzt sich auch mit den Folgen der Ängste für die Politik auseinander und skizziert Lösungsansätze, die gerade auch mit Blick auf die lauten populistischen Äußerungen unserer Tage interessant sind.

Angst, so stellt Bude zunächst dar, sei ein Thema, das alle Menschen einer Gesellschaft betreffe: es gebe Zukunftsängste, Bindungsängste, Verarmungsängste, Höhenängste, Schulängste, Terrorängste. Über welche Ängste eine Gesellschaft diskutiere, zeige, welche Themen in einer Gesellschaft von Bedeutung sind, beschreibe also eine jeweils ganz bestimmte sozialhistorische Situation. Am Beispiel der 1930er Jahre zeigt er, wie Politik diese Ängste aufnehmen kann:

„Wer in einer solchen Situation die Ängste, überrollt zu werden, das Nachsehen zu haben und sich am Rand wiederzufinden, aufzunehmen, zu bündeln und auf ein neues Objekt zu richten vermag, der kann eine Mobilisierung der Gesellschaft insgesamt in Gang setzen.“

In Deutschland konnte Hitler die Ängste für seine Machtinteressen nutzen. Diesem Weg stellt Bude die Politik Franklin D. Roosevelts in den USA entgegen. Roosevelt habe den Staat in der Pflicht gesehen, sich der Ängste der Bürger anzunehmen und habe so die Idee eines Wohlfahrstaates entwickelt, in dem niemand mehr Angst haben musste vor den Auswirkungen langfristiger Krankheiten und Arbeitsunfähigkeit, vor Arbeitslosigkeit und Altersarmut.

Dieser Sozialstaat existiere in seinen Grundzügen in Deutschland heute noch. Die wirtschaftlichen Kerndaten seien durchaus positiv zu beurteilen, die Wirtschaftskrise von 2008 gut überwunden worden. Und trotzdem werden die verschiedenen Ängste in der Öffentlichkeit immer wieder benannt und diskutiert.

Bude sieht einen ersten Hinweis für diese Ängste darin begründet, dass eine dem Wohlfahrtsstaat bisher inhärente Idee nicht mehr gelte: dass nämlich wer sich anstrenge, wer sich engagiere und sich weiterbilde, auch seinen Platz, sein Ein- und Auskommen in der Gesellschaft finde. Dieses Versprechen gelte für die heute in den Arbeitsmarkt drängende Generation nicht mehr in dem Maße wie noch für ihre Eltern, die in den 1960er Jahren geboren wurden. Zum ersten Mal seit den 1950er Jahren ist es möglich, dass die Kinder, trotz guter Ausbildung, nicht den Lebenstand erreichen, den die Eltern erreicht haben.

So leide die gesellschaftliche Mitte an der Angst vor dem Statusverlust. Der kann entstehen, wenn durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit der Abrutsch nach Hartz IV in kürzester Zeit droht. Zu dem Statusverlust kann es aber auch kommen, wenn bei der Vielfalt der Optionen, die falsche gewählt worden ist: die falsche Schule, in der nicht die notwendigen und richtigen Fähigkeiten, Kenntnisse und Kompetenzen vermittelt wurden, in der nicht auch schon wichtige Netzwerke geknüpft wurden; die falsche Ausbildung, die in eine Sackgasse führt, weil sie nach Markt- und Branchenveränderungen nicht mehr gefragt ist (das trifft ja schon auf Versicherungs- und Bankkaufleute zu); die falsche Universität, das falsche Studienfach, die falsche Schwerpunktsetzung im Studium (Mediation statt Insolvenzrecht), das falsche Unternehmen als Einstieg in die Arbeitswelt: das Entscheidungsrepertoire ist riesig und die vielen Möglichkeiten bieten nicht immer nur erstklassige Chancen, sondern auch immense Gefahren.

Viele der akademischen Dienstleister, Menschen, die im Marketing arbeiten, in Rechts- und Gesundheitsberufen, in Forschung und Entwicklung, in der Mathematik oder Softwareentwicklung, sie alle wenden Kenntnisse an, entwickeln „Konzepte, Ratschläge und Visionen, die heute Gold wert sind und morgen Schrott sein können“. Wenn also das Können, die Flexibilität, die fast schon vorausschauende Anpassung an neue Anforderungen zum Primat des Handelns wird, dann gilt es für jeden Einzelnen, sich immer auf dem neusten Stand der Dinge zu halten, sich nicht nur fachlich, sondern auch persönlich und emotional so zu „optimieren“, dass auch stürmische Zeiten souverän bewältigt werden. Das macht Angst, das ermüdet und erschöpft, das führt dazu, möglichst Entscheidungen zu vermeiden, die ein Risiko bergen.

Bude beleuchtet aber nicht nur die Angst der Mittelschicht, sondern auch die Ängste der Menschen, die als Geringverdiener gelten und der Menschen, die es als „soziale Aufsteiger“, als „Selfmademan“ vermeintlich geschafft haben. Auch die Folgen der Digitalisierung und die Entwicklung der Finanzwirtschaft, beides Systeme, die vermeintlich mehr und mehr selbstständig agieren und unseren Eingriffen entzogen zu sein scheinen, streift er kurz. Und er beschäftigt sich auch mit den Ängsten vor „den Anderen“, die ja gerne im Gewand der Angst vor der Überfremdung oder gar des Terrors verkleidet daherkommen, die auf der anderen Seite aber natürlich auch eine Angst „der Anderen“ hervorruft.

Was passiert aber in der Öffentlichkeit mit diesen Ängsten, wie wirken sie auf die Politik, wie nimmt Politik sie auf? Der Einzelne ist vorsichtig, seine Ängste zu äußern, er ist ja dem Diktat des Könnens und Bewältigens unterworfen. Wenn nun aber jemand mit einem Megaphon oder Mikrophon in der Hand stellvertretend für die Zuhörer über diese Ängste spricht, dann sind sie durchaus gesellschaftsfähig. Und so kann diese Art der „Politik der Ängste“ durchaus die Massen bewegen. Die Perfidie dieser Vorgehensweise bestehe darin, so führt Bude aus, dass Angst diffus sei, nicht genau erklär- und beschreibbar. Und so können auch sachliche Argumente nicht greifen: Wer Angst vor Hunden hat, lässt sich auch nicht durch den Hinweis darauf beruhigen, dass dieser Hund in der Kindertherapie tätig ist; wer Angst vor Terror hat, dies den Flüchtlingen zuschreibt und öffentliche Plätze meidet, setzt sich trotzdem wohlgemut in sein Auto, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, einem Unfalltod zum Opfer zu fallen, weitaus größer ist, als einem Anschlag zum Opfer zu fallen.

Dieser Angst bedienen sich – und nun greift Bude auf ein schon in den 1980er Jahren entwickeltes Konzept der Ökonomen Kirsch und Mackenscheidt zurück – die Demagogen. Sie bekennen sich zu den Ängsten der Menschen, sie verkünden immer wieder „Wir gehören zu Euch“, sie zeigen immer wieder auf die Gegner, nämlich die herrschende Klasse und die Lügenpresse, und versprechen, mit ihrer Politik die Menschen endlich von ihren Ängsten zu befreien. Neben den Demagogen kann das politische Personal noch den Kategorien des Amtsinhabers zugeordnet werden – er (oder sie) löst effizient politische Probleme, greift aber in öffentlichen Reden nie mögliche Ängste auf – oder der Kategorie des Staatsmannes, der durch seine Biografie überzeugt und so auch problematische Aspekte benennen kann, auch, weil er ein Konzept für die Zukunft hat.

Insgesamt entsteht also bei der Lektüre der „Gesellschaft der Angst“ ein Panorama der verschiedenen gesellschaftlichen Ängste, das Bude in einem essayistischen Stil gut lesbar und in der Argumentation nachvollziehbar und nachprüfbar entfaltet. Manchmal werden die soziologischen „Typen“ so karikierend dargestellt, dass es der sonst vorherrschenden Seriosität schadet. Die Veränderungen in der Mittelschicht, die Schwierigkeiten, den finanziellen Stand zu halten, das alles beschreibt Bude sehr vorsichtig und ohne deutlichere Kritik an politischen Entscheidungen der Vergangenheit. In dieser neutralen Diktion analysiert er auch das Handeln der politisch Verantwortlichen – und macht doch deutlich, dass Angela Merkel hier noch Potentiale nutzen kann, will sie nicht den „Angstmachern“ das Spielfeld überlassen.

Bude hat ein lesenswertes Buch geschrieben über die soziologischen Facetten der Angst, ein Buch, dass durch die Aufdeckung der Hintergründe der gesellschaftlichen Entwicklungen entängstigend wirken kann, ein Buch, das uns nachdenklich macht über unser ständiges Getriebensein und unseren Optimierungs- und Perfektionswahn, ein Buch, das Ansätze zeigt, wie politisches Handeln – vielleicht – besser gelingen kann, ein Buch das zeigt, dass wir nun einmal in unsicheren Zeiten leben und sich das Rad der Geschichte auch nicht zurückdrehen lässt. Wohltuend dabei ist sein Setzen auf den gesellschaftlichen Diskurs – und es ist zu hoffen, dass dieser Ansatz nicht naiv ist, dass dieser Diskurs in der Gesellschaft auch in Zukunft tatsächlich erhalten bleibt und dass nicht die eingangs zitierten Angstmacher die öffentliche Debatte an sich reißen.

Heinz Bude (2014): Gesellschaft der Angst, Hamburg, Hamburger Edition

Abbas Khider: Die Orangen des Präsidenten

Wer sich angesichts der einen oder anderen aktuell beunruhigenden Nachricht noch einmal vergewissern möchte, was es heißt, in einer Diktatur zu leben, der kann auf den Spuren des Abiturienten und Taubenzüchters Mahdi schnell herausfinden, dass das Leben in einem solchen Land höchst unsicher und unvorhersehbar ist – und sehr gefährlich.

Mahdi lebt im Irak Saddam Husseins. Durch den Iran-Irak-Krieg verliert er seinen Vater, die Mutter, Analphabetin, verkauft den Renault und das Grundstück, großzügige Gaben des Staates zum Ausgleich des Verlustes, kauft eine Wohnung und betreibt fortan einen Gemüseladen, um für sich und Mahdi sorgen zu können. Ein paar Jahre später stirbt die Mutter an Krebs, Mahdi zieht zu seinem Onkel nach Nasrija. Und nach seinen Abiturprüfungen landet er quasi direkt in den Katakomben des Hussein-Regimes, denn bei einer Spritzfahrt mit seinem Freund Ali wird er festgenommen, Ali hatte wohl die falschen politischen Freunde und Mahdi war zur falschen Zeit mit Ali zusammen. Und wie es politischen Häftlingen in einem absolut rechtsfreien Raum ergeht, davon erzählt Mahdi in seinem Roman.

Zu Beginn der Vernehmungen glaubt Mahdi noch, dass das alles ein Missverständnis sein müsse, die Fragen nach einer Organisation, ihren Führern und Zielen. Dann beginnen die ersten körperlichen Übergriffe zur Einschüchterung, die ersten Schläge, schon wird er an einer Vorrichtung an der Decke aufgehängt und gezielt auf die Fußsohlen geschlagen. Was soll Mahdi sagen, er weiß ja nichts, aber seine Peiniger ziehen ihr Programm in allen Einzelheiten durch. Er wird in eine Zelle gebracht, die dunkel ist und voller Wanzen und viel zu klein, als dass er im Sitzen die Füße hätte ausstrecken können. Aber auch bei weiteren „Befragungen“ gibt es nichts, was er gestehen könnte. Selbst als sie Ali und Mahdi gegenüberstellen, selbst als Ali, der noch schlimmer malträtiert wurde als Mahdi, beteuert, dass sein Freund von nichts wisse, lassen sie Mahdi nicht gehen. Aber immerhin töten sie ihn auch nicht.

„Der Grauhaarige bestätigte mir meine Unschuld, er müsse mich aber trotzdem im Gefängnis lassen, bis die „Akte der Angelegenheit der Organisation“ geschlossen sei. „Es geht um Sicherheitsmaßnahmen“, tat er sich wichtig. Meine Untersuchungshaft dauerte nur einige Tage. Ich hatte Glück gehabt, sagten meine Zellengenossen. Einige von ihnen hatten bleibende Schäden zurückbehalten, wegen des langen Aufhängens. Täglich wartete ich darauf, dass endlich jemand käme und „verschwinde!“ zu mir sagte. Aber keiner kam.“

Mahdis Geschichte zu lesen und die seiner Mithäftlinge in einem Keller eines alten osmanischen Gebäudes, das ist manchmal nicht leicht zu ertragen. Bis in kleine Einzelheiten decken sich Mahdis Erlebnisse mit denen der Gefangenen des Naziregimes, mit denen der Sträflinge in den Gulags der Sowjetunion, mit denen der Häftlinge in den Zellen der südamerikanischen Diktaturen. Und Johannes Anyuru erzählt von ganz ähnlichen Abläufen in den Gefängnissen Tansanias, in denen sein Vater einsaß („Ein Sturm wehte vom Paradiese her“). Es ist das immer gleiche Muster wie die politischen Gefangenen geschlagen und gefoltert werden, wie sie vor allem auch immer wieder gedemütigt und vom ersten Moment an ihrer Würde beraubt werden. Manchmal auch, indem Mithäftlinge verschiedener Spielarten der Religion mit bösartigen und entehrenden Inszenierungen aufeinandergehetzt werden.

Und doch legen wir Mahdis Geschichte nicht zur Seite, sondern lesen weiter. Das liegt vor allem an der Konzeption des Romans. Jedem Kapitel, dass die voranschreitende Zeit im Gefängnis schildert, stellt Khider ein Kapitel zur Seite, das die Kindheit und Jugend Mahdis beschreibt. Dem Grauen des Gefängnis-Alltags, den vielen niederschmetternden Geschichten der anderen Häftlinge und den ständigen Übergriffen der Wachmannschaft wird eine lebendige Jugend Mahdis entgegengestellt, die zwar auch nicht völlig ungetrübt ist, in der es aber Menschen gibt, auf die Mahdi sich immer verlassen kann und in der es auch immer wieder diese kleinen wunderbaren Erlebnisse gibt, die helfen, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen.

Da ist besonders die Mutter, die sich mit einer ganz besonderen Pfiffigkeit durchs Leben schlägt. Den Laden nennt sie gleich einmal „Märtyrergemüsegeschäft“, und in Zeiten, in denen sie wenig Geld hat, verhandelt sie mit den Händlern auf dem Markt, bis denen schwindelig wird. Auch die Idee, nicht in den Bunker, sondern in die Moschee zu gehen, als zu Beginn des Iran-Irak-Kriegs die iranische Luftwaffe Babylon bombardiert, stammt von der Mutter. Nicht in irgendeine Moschee natürlich, sondern in eine schiitische. Schließlich, so die Erklärung der Mutter, seien die Iraner ja Schiiten, da würden sie niemals eine solche Moschee zerstören. Auch gab es dort nicht den furchtbaren Gestank, der den Aufenthalt im Bunker verleidetet:

„Die Leute, die hier Zuflucht suchten, hatten meines Erachtens noch eine ganz andere Angst. Nicht nur vor den Bomben, sondern auch die vor Gott. Keiner hätte es gewagt, in einem Gotteshaus zu furzen. „Das wäre ja Gotteslästerung“, bemerkte meine Mutter. Die Moschee duftete eher angenehm, nach bestem Weihrauch und wohlriechenden Parfüms.“

Als die Mutter dann stirbt und Mehdi zum Onkel zieht, baut der ihm auf dem Dach des Hauses gleich ein eigenes Zimmer und nimmt Mehdi wie einen eigenen Sohn in die Familie auf, seine Kinder sehen in Mahdi ihren älteren Bruder. Und so lernt Mahdi auch Sami kennen, einen alten Freund seines Vaters, der ein Café betreibt und auf dem Dach seines Hauses Tauben züchtet. Von Sami lernt Mehdi die Liebe zu den Tauben, sitzt stundenlang auf dem Dach und beobachtet, wie sie über die Stadt fliegen, wie sie immer wieder zurückkommen. Und er lernt von Sami, eifert ihm nach, ein Taubenzüchter zu werden.

Es ist auch Khiders Sprache, die uns Mahdis Geschichte weiterlesen lässt. Auch die noch so grässlichen Szenen im Gefängnis erzählt er in einer ganz unaufgeregten, ganz ruhigen Art. Mahdi bleibt fast konstant dabei, nur zu beschreiben, was er sieht, was um ihn herum geschieht, was er erlebt. Wie eine Kamera zeigt er so Ausschnitte und Szenen seines Lebens, ohne sie zu kommentieren, ohne sie zu reflektieren. So vermittelt er dem Leser eine besondere Unmittelbarkeit, die aber nicht durch emotionale Bewertungen zusätzlich aufgeladen wird. Und die Erzählungen aus der Jugend erzählt er mit einer feinen Ironie, mit einem besonderen Humor.

Das Lachen ist ja überhaupt vielleicht die einzige Waffe, die die Drangsalierten haben, um sich gegen die Unmenschlichkeit zu wehren. Einer der Wärter, der die Gefangenen quält, erinnert Mahdi an Charlie Chaplin, weil er ihm so klein erscheint „und einen lustigen Zweifingerschnurbart“ trägt. In einer Pause, in der der Wärter Atem schöpfen muss, linst Mahdi durch seine den Kopf schützenden Hände in dessen Gesicht – und muss unwillkürlich zu lachen anfangen, weil er an den echten Charlie Chaplin denken muss. Er muss so lachen, dass die Wärter ihn fassungslos anstarren. Als sie ihn auffordern, endlich mit dem Lachen aufzuhören, er aber nicht kann, als sie ihn in die Nieren treten und er keinen Schmerz empfindet, als er lachen und lachen muss, da verlassen die Wärter Mehdis Zelle ohne ihn weiter zu schlagen, in dem Glauben, er müsse wohl verrückt geworden sein.

Es ist nicht nur das Lachen, dass dafür sorgt, dass die Inhaftierten sich alle zumindest ein bisschen Würde erhalten können. Es ist auch ihr Umgang miteinander, ihr Interesse an den anderen, ihr Fragen nach ihren Geschichten, ihr Mitleid, wenn einer besonders malträtiert wird, ihre Trauer, wenn einer stirbt. Auch diese Haltung lässt uns die Gefängnis-Kapitel weiterlesen. Auch zu lesen, wie sich die Häftlinge diese zutiefst menschliche Haltung im Umgang miteinander erhalten, ist ein guter Grund dafür, Abbas Khiders Roman zu Ende zu lesen.

Jahrhundertelang haben Menschen dafür gestritten, gekämpft und sind dafür gestorben, dass es solche Zustände in den Verließen der Mächtigen nicht mehr gibt, dass jedem Angeklagten ein fairer Prozess zusteht, dass kein Mensch der Willkür des Herrschers ausgeliefert ist, dass jeder Mensch, auch und sogar ein Verbrecher, eine Würde besitzt. Wenn wir Abbas Khiders Roman lesen, wenn wir Johannes Anyurus Roman lesen, wenn wir die aktuellen Geschichten lesen, auch aus Syrien und aus den afrikanischen Bürgerkriegsländern, dann wissen wir, dass das Ringen um die Anerkennung und Einhaltung der Menschenrechte noch lange nicht vorbei ist. Dass es wichtig ist, gegen den Zynismus der Potentaten zu kämpfen.

Und die Orangen des Präsidenten? Die gibt es als großzügiges Geschenk für die politischen Häftlinge aus Anlass des Geburtstages des Präsidenten – statt einer Amnestie.

Abbas Khider (2013): Die Orangen des Präsidenten, München, btb Verlag     

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind

Saudi-Arabien ist nicht gerade ein Land, in das es Mitteleuropäer, zumal Frauen, in Scharen zieht: Ein absolutistischer König herrscht, die islamische Religion wird besonders konservativ und streng ausgelegt. Die Folgen sind die Verletzung von Menschenrechten, eingeschränkte Meinungsfreiheit und archaische Strafen wie Steinigung und Auspeitschung, von der Todesstrafe ganz zu schweigen. Für Frauen wird die Situation noch einmal schwieriger, denn sie müssen sich nicht nur in der Öffentlichkeit verschleiern und dürfen nicht Autofahren, dürfen nicht mit nicht-verwandten Männern zusammentreffen, was (universitäre) Bildung, was Arbeit, ja sogar die Krankenversorgung erschwert, sie haben vor allem nur eingeschränkte Rechte, weil sie immer einen männlichen Vormund haben, der über sie bestimmen kann, erst den Vater, dann den Ehemann. Fürwahr kein Traumland.

Dorthin, nach Jeddah, fliegt Basil. Seine Schwester Layla hat ihn zu ihrer Hochzeit eingeladen. Und Basil nimmt die Einladung an, einmal natürlich, weil ihn seine Schwester darum gebeten hat, aber auch, weil er verstehen möchte, was sie zu diesem Schritt treibt. Basil und Layla, Layla und Basil, das ist die Geschichte gewesen von zwei Geschwistern, fast Zwillingen gleich, die bisher alle Hürden des Lebens, alle Herausforderungen gemeinsam gestemmt haben. Und nun ist Layla in Saudi-Arabien, bei der Familie ihres Vaters Tarek und wird dort heiraten. Für Basil ist sie dann unerreichbar, so fürchtet er.

Layla und Basil sind sogenannte Bindestrichkinder, sie sind saudi-arabisch – deutsch, mit dem Vater Tarek, der während seiner Zeit in einem Krankenhaus im Ruhrgebiet die Krankenschwester Barbara kennen gelernt hat. Sie haben geheiratet, haben mit den Kindern in Saudi-Arabien gelebt, bis Tarek noch seinen Facharzt an einem deutschen Krankenhaus machen wollte. Die üblichen Sommerferien bei den deutschen Großeltern wurden für die Kinder auf einmal ungewöhnlich lang, der Kauf von Winterjacken zeigte ihnen, dass etwas anders ist als sonst. Und dann wurden sie in einer deutschen Grundschule angemeldet. Ohne dass die Eltern es ihnen erklärt hätten, ist die Familie nach Deutschland gezogen.

Alles haben sie hier gemeinsam entdeckt, den ersten Schnee, das Schlittenfahren mit dem Großvater, die langen langweiligen Regennachmittage. Alles haben sie gemeinsam durchgestanden, den plötzlichen Tod des Vaters, ihren eigenen Verlust, die Trauer der Mutter und ihre Wut darüber, nun auch noch den Vorurteilen der deutschen Nachbarn ausgeliefert zu sein, die, „Nicht ohne meine Tochter“ war gerade erschienen, hier ganz offensichtlich eine Mutter sahen, die mit ihren Kindern von Saudi-Arabien nach Hause geflohen war. Das wäre gar nicht gegangen, sagt Barbara immer wieder, denn in Saudi-Arabien hat der Ehemann den Pass seiner Frau.

Und dann in Hamburg, während Basils Studium, haben die beiden zusammen mit Alex in einer Wohngemeinschaft gelebt, Layla und Alex waren verliebt. Dann ist Layla gegangen, ohne ein Wort zu sagen; es gab Konflikte mit Alex, die Buchhändler-Ausbildung hat sie hingeschmissen, weil sie nicht übernommen werden sollte, sie ist nicht zur Prüfung gegangen, hat sich nicht bei Alex, nicht bei Basil gemeldet. Und bittet nun Basil zur Hochzeit nach Jeddah zu kommen.

Für Basil ist dies auch eine Reise in seine eigene Vergangenheit. Alles ist ihm fremd – und doch merkwürdig vertraut: die Kleidung, die Rituale des Freitagsgebets, die große Familie, die sich im Wohnzimmer von Onkel und Tante treffen, und voller Freude sind, weil sie ihn nach so langer Zeit endlich wiedersehen, das Essen, die Getränke. Und Layla? Sie wirkt auf Basil so zufrieden, so glücklich, so angekommen.

Rasha Khayat lotet in ihrem Roman aus, was Fremd-Sein ist, was Vertraut-Sein. Basil und Layla, Geschwister, Zwillinge fast, die lange so vertraut waren, die lange alles gemeinsam gemacht haben, wandeln sich als Erwachsene und beziehen auf einmal mit Blick auf die Frage nach der Heimat ganz gegensätzliche Positionen. Aus der sich spiegelnden Einheit werden zwei gegensätzliche Pole. Das verunsichert Basil zutiefst. Und so macht er sich auf die Reise und beobachtet alles mit dem wohl festen Vorsatz, ganz offen zu sein, kein Urteil zu fällen, um so nachvollziehen zu können, wie es zu Laylas Entscheidung gekommen ist. Diese Perspektive erlaubt es auch dem Leser, ohne Vor-Urteil Einblicke in Laylas neues Leben zu bekommen.

„Meine Tante Basma redet über mich hinweg auf Omar ein, der an meiner anderen Seite sitzt, und ich schaue Layla zu, wie sie und Onkel Khaled mit dem kleinen Mädchen spielen. Ihr Gesicht wirkt weicher. Ihre Züge weiblicher. Selbst unter der weiten, weißen Bluse kann ich sehen, dass sie ein paar Kilo zugenommen hat. Ihre Nägel sind akkurat gefeilt und hellrosa lackiert, sie trägt den goldenen Verlobungsring. Es ist, als hätte sie ihr Erbe auch körperlich angenommen. Ihre Gesten ähneln denen meiner Cousinen und Tanten, sie lacht laut und von innen heraus. Und selbst nach all den Jahren ohne die Sprache kann ich hören, dass ihr Arabisch nahezu akzentfrei ist. Fast mühelos wirkt sie hier, wie eine stärkere, mutigere Version ihrer selbst.“ (S. 43/44)

Indem Rasha Khayat diese fast neutral berichtende Erzählstimme auf die Reise schickt, schafft sie für die Leser ganz lebendige Einblicke in das Familienleben der saudi-arabischen Großfamilie – das sehr erinnert an die Familienszenen, die Shida Bazyar in „Nachts ist es leise in Teheran“ berichtet. Indem die Autorin ihren Protagonisten aber auch zur Verwandtschaft nach Mekka schickt, bei der Frauen und Männer sich auch bei Familientreffen durchaus in unterschiedlichen Räumen aufhalten, in ein Hotelresort, in dem es einigermaßen freizügig zugeht, nicht zuletzt auch zu Laylas Hochzeit, die auch, nach einer kurzen gemeinsamen Zeremonie, in eine Männerfeier und eine Frauenfeier zerfällt, zeigt sie unterschiedliche Facetten des saudi-arabischen Familienlebens.

Basil erzählt dies alles in einer sehr nüchternen Sprache, in einem oft parataktischen Satzbau, ohne eine so poetische Sprache, wie Shida Bazyar ihre Geschichte erzählt. Trotzdem ist diese Sprache so anschaulich, dass die beschriebenen Szenen ganz lebendig vor dem Auge des Lesers entstehen. Und gewährleistet den offenen Blick auf die fremde Gesellschaft. Trotz des Versuchs der Neutralität: Die Trennung von Männern und Frauen, die höchstens in der Familie zusammenkommen können, die vielen Gespräche im Wohnzimmer, die ein ernsthaftes Gespräch verhindern, der Junggesellenabschied in der Wüste, der vor allem Männlichkeitsrituale enthält, der Ausflug in das freizügige Hotel, in dem doch die Sittenpolizei anwesend ist, das alles befremdet den Leser.

Einmal kann Basil mit Layla sprechen, sie über ihre Entscheidung befragen. Und sie erzählt über das Fremd-Sein in Deutschland, darüber, immer wieder durch ihr Aussehen als Fremde wahrgenommen zu werden, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen für ihr anderes Aussehen. Sie erzählt über die Zeit nach dem 11.9.2001, in der alle arabisch aussehenden Menschen unter Generalverdacht gestellt wurden. Hier, in der Heimat ihres Vaters, bei der Familie müsse sie nicht immer erklären, welches Land das bessere sei. Deshalb wolle sie hier leben, auch, wenn sie den Mann, den sie heiratet, nicht liebt und es ihr reicht, dass ihre Vorstellungen übereinstimmen.

Laylas Position ist die, dass Heimat und sich-zu-Hause fühlen von wesentlich mehr abhängt als dem politischen System eines Landes, dass es auch damit zu tun hat, dass die Umwelt den einzelnen nicht immerzu als fremd wahrnimmt und von ihm eine ganz besondere Anpassungsleistung erwartet, dass Heimat auch damit zusammenhängt, wie Familie zusammenlebt. Basil reist trotzdem in dem Bewusstsein ab, eine Schwester verloren zu haben. Und er kennt durch den Cousin Omar Familiengeschichten, die zeigen, wie rigide auch diese Familie sein kann, wenn jemand aus der Reihe tanzt.

Die politische Verfasstheit Saudi-Arabiens wird, mit Ausnahme der Frage nach Laylas beruflichen Möglichkeiten, nicht thematisiert. Das kann dem Roman vorgeworfen werden. Auch wenn der Leser Laylas Entscheidung nicht ganz verstehen kann, so hat Rasha Khayat doch in eindrucksvollen Bildern davon erzählt, was dazu gehört, um sich vertraut zu fühlen, was dazugehört, um sich fremd zu fühlen.

Rasha Khayet (2016): Weil wir längst woanders sind, Köln, DuMont Buchverlag

Vincenzo Latronico: Die Verschwörung der Tauben

In die Welt des großen Geldverdienens taucht Vincenzo Latrinicos Roman von der „Verschwörung der Tauben“ ein und führt uns vor allem das Personal vor, das für diesen ebenso großen Betrug verantwortlich ist. Das große Geld verdienen – das ist der Traum der Mitspieler, die diesen Roman bevölkern. Gar nicht mal, um sich dann mit edlen Gütern zu umgeben oder dem schönen Nichtstun zu frönen, sondern vielmehr um endlich die Anerkennung des Vaters zu bekommen, wenn der große Deal klappt, oder, noch besser: um im Wettbewerb mit den anderen Spielern als der Sieger hervorzugehen, der das ganz große Rad gedreht hat – und vielleicht auch aus Rache.

Verschiedene Wege gibt es, um an das große Geld zu kommen: Eine akademische Karriere kann Reputation und viele gute Kontakte erschaffen, die für kleinere und größere Geschäfte „nebenher“ genutzt werden können, sodass zum staatlich gesicherten Einkommen ein kleines oder auch größeres Zubrot verdient werden kann; es können Häuser gebaut oder restauriert werden, beständige Werte immerhin, die eine Wertschöpfung darstellen; es können Häuser luxussaniert werden und Stadtviertel aufgewertet – gentrifiziert – werden, um die Verkaufsmarge mit dem Versprechen zu erhöhen, dass das Objekt von selbst im Wert steigt; es kann Geld in Fonds oder andere Anlageformen fließen, die durch kluge Investitionen schöne Rendite versprechen; es kann aber auch einfach nur Geld eingesammelt werden, das sich auch gut verzinst – solange es nämlich immer neue Anleger gibt, deren Einlage zu Zinsen der Altkunden werden – ohne dass dieses Geld in bestimmte Investitionen fließt. Das ist das Prinzip der Geldpyramiden, wie Madoffs es in den USA über 15 Jahre hinweg gepflegt hat, ein Schneeballsystem, das irgendwann auffliegen muss. Latronicos Romanpersonal beherrscht alle diese Quellen des Geldverdienens.

Da ist zum einen Alfredo Cannella, Sohn eines schwerreichen und mit allen Wassern der Korruption gewaschenen venezianischen Baulöwen, der seinem Vater nicht ins Unternehmen folgen möchte, sondern es sich in den Kopf gesetzt hat, an einer der großen Universitäten Wirtschaft zu studieren. Harvard soll es sein, die Universität, die sich rühmen kann, Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgebildet und viele Nobelpreisträger hervorgebracht zu haben und außerdem einige der reichsten Menschen der Welt. Aber Alfredo wird nicht einmal zur Aufnahmeprüfung zugelassen, so blass sind seine Bewerbungsunterlagen.  So muss er sich mit der Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi in Mailand zufriedengeben – und einen Studienplatz bekommt er auch nur, weil sein Vater weiß, wie er hinter den Kulissen die Strippen ziehen muss. Dort lernt Alfredo während seines dritten Semester Donka Berati kennen, einen mittellosen Albaner, der mit besten Ergebnissen in Harvard studiert hat – bis man ihn dort der Universität verwies.

Die beiden freunden sind an und Alfredo lädt ihn ein, in seiner Wohnung zu wohnen. So verbringen sie die Zeit des Studiums zusammen, Alfredos Noten verbessern sich nun deutlich (!) und später konkurrieren sie sogar um ein Promotionsstipendium und die Assistentenstelle bei Professor Corradini, also um, wie Alfredos Vater anmerkt, „einen ´Hungerlohn`, den die Akademiker ´aus dem Staat herausquetschen`. Doch die Stelle verspricht viel mehr als Geld, nämlich den „ersten Schritt zu einer gesellschaftlich gut vernetzten akademischen Karriere.“  Alfredo bekommt das Promotionsstipendium nicht; statt seiner nimmt Donka auf dem „goldenen Schemel“ neben Corradini Platz, schreibt nun unter Corradinis Namen die wöchentlichen Kolumnen in den wichtigen Zeitungen, recherchiert für seinen Professor, übernimmt seine Vorlesungen, wenn Corradini wegen anderer Termine keine Zeit für seine Lehrverpflichtung hat und richtet sich ein in seiner Position als akademischer Hilfsarbeiter mit Hungerlohn, der aber auf den späteren Lohn seiner Mühen geduldig wartet.

Alfredo dagegen steigt, wenn auch wiederwillig, in das Mailänder Büro des väterlichen Unternehmens ein und kann dort einen ersten großen Erfolg feiern mit dem Projekt, ein altes Gebäude in hochwertige Apartments mit ebensolchen Preisen umzubauen und die neuen Wohnungen, befeuert durch ein spektakuläres Guerilla-Marketing, innerhalb kurzer Zeit zu verkaufen. Als das nächste Projekt, trotz des großzügigen Geschenks einer Penthouse-Wohnung an den zuständigen Mailänder Assessor für Städtebau, grandios scheitert und ihn sein Vater nur durch die großzügige Übereignung einer weiteren Wohnung an den Städtebauassessor vor dem finanziellen Desaster retten kann, packt Alfredo seine Sachen, geht nach New York und fängt dort ganz alleine und ganz von vorne an: Also als Finanzmanager im Unternehmen des Ex-Mannes seiner Mitarbeiterin in Mailand.

Alfredo und Donka verlieren sich für längere Zeit aus den Augen. Bis nämlich Corradini stirbt und Alfredo nach Mailand zu Beerdigung kommt. Er will eines der Grundstücke kaufen, die Corradini besitzt und bittet Donka dabei um Hilfe. Seine Pläne, endlich ein großes Bauprojekt in Mailand zu realisieren, endlich dem Vater zu zeigen, dass er „es“ auch kann, die hat er nämlich trotz des New Yorker Erfolgs nicht vergessen. Und nun kennt er Geldgeber, die ihm helfen können, seine Ideen umzusetzen – auch wenn diese Geldgeber zwar sehr charismatisch, aber auch ebenso windig sind.

Und Donka? Mit dem Tod Corradinis verliert er seine Stellung an der Uni und alle weiteren Privilegien. Er muss nun, da die Aussicht auf die akademische Position und die dazugehörenden Netzwerke wegbrechen, nach anderen Möglichkeiten Ausschau halten – und steigt in das Geschäft seines alten albanischen Freundes Eltjon Thika ein, der ein Internet-Café für die albanischen Einwanderer betreibt und ihre Päckchen in die Heimat befördert. Mit Donkas italienischem Pass und seinen akademischen Titeln können die beiden nun auch ganz offiziell Bankgeschäfte betreiben. Die Idee, Mikrokredite zu vergeben, läuft aber außergewöhnlich schlecht an und wirft kaum Geld ab. Eine neue Idee muss her und da passt es gut, dass Eltjon sich an die Zeit der albanischen Geldpyramide erinnert.

In dieser Welt des Geldvermehrens haben Insiderinformationen eine ganz besondere Bedeutung. Und für die Informationen sorgt Drina Držić. Sie hat auch in Harvard studiert, Psychologie, und später in Frankfurt einen merkwürdigen Master gemacht und arbeitet nun als „life coach“ für die führenden Angestellten überall auf der Welt, die wegen ihrer Arbeit von ihrem Gewissen geplagt werden, die schlecht einschlafen und durchschlafen können und neue Motivation brauchen, aber bloß keine Psychotherapie. Miles Eli Rosewater, auch Harvard-Absolvent und guter Bekannter von Donka und Alfredo, der selbst einem Hedgefond vorsteht, heuert sie an, wenn einer seiner Manager schwächelt. Im Laufe der Zeit buchen immer mehr Chefs der globalisierten Unternehmen Drinas Dienste für ihr verunsichertes Führungspersonal. Und Drina baut sie alle wieder auf. So jettet sie um die Welt, führt in den Wirtschaftsmetropolen ihre wöchentlichen Sitzungen, mit manchen Klienten ergeben sich durchaus auch „amouröse“ Beziehungen – und nimmt alle Gespräche per ipod auf und transkribiert sie. Da kommt eine Menge an Insiderwissen zusammen. Wer sich das zunutze machen kann…

Wie einen Krimi erzählt Latronico seine Geschichte der beiden Freunde und ihrer Mitspieler, ihrer Pläne und Schachzüge und ihrer „Beziehungen“, die funktionieren wie eine Bilanz und möglichst „ausgeglichen“ sein müssen. Von wahrer Freundschaft, von Loyalität und selbstloser Hilfe, von Moral gar und Anstand ist hier weit und breit nichts zu sehen. Zum Freundeskreis, auch zum ganz fernen, möchte man diese Gestalten jedenfalls nicht zählen. Und doch fiebert der Leser mit, wird unweigerlich hineingezogen in den Wettbewerb, spekuliert, schätzt ein, meint dann gar zu wissen, wer denn am Ende als Sieger vom Platz geht. Denn die Geschichte der beiden „Freunde“ und der sie umkreisenden Figuren ist sehr spannend erzählt.  Wenn auch manchmal diese Krimitechniken stören, nämlich dann, wenn dem Leser der Spannung wegen Informationen vorenthalten werden oder wenn er der Spannung wegen mit Andeutungen an der Nase herumgeführt wird.

Dieses Handwerk der Cliffhanger nutzt der Erzähler der Geschichte immer wieder, der Erzähler, der sehr nah an die Personen kommt, der nicht nur ihre Handlungen und Entscheidungen kennt, sondern auch ihre Gedanken und sogar ihre – manchmal grotesk falschen – Einschätzungen von Situationen. Dieser Erzähler, der durch die Kenntnis der inneren Vorgänge auktorial erscheint, verweist durchgehend auf ganz konkrete kalendarische Daten und sorgt so für die Authentizität der Geschichte. Aber dann taucht er als Ich-Erzähler auf, wird gar zur handelnden Figur im Figurenensemble des Romans – und stellt so seine vermeintlichen Kenntnisse der inneren Vorgänge der anderen Handelnden auf den Kopf.

Der Ich-Erzähler aber bringt noch eine weitere Facette des Spiels um Geld und Sieg mit. Denn er hat sich in seiner nicht zu Ende geführten Promotion mit der Spieltheorie beschäftigt und dabei mit dem Verhältnis von Falken und Tauben. Den Annahmen der Forscher zufolge haben die Tauben nämlich, die friedlich kooperieren, lieber verhandeln und nicht auf den einen ganz großen Erfolg aus sind, evolutionär gesehen einen Vorteil gegenüber den Falken, die, ohne Rücksicht auf Verluste, in einer Auseinandersetzung nur einen Sieger kennen, dem die gesamte Beute zufällt. Als Verschwörung der Tauben wird diese Strategie bezeichnet, die in der Natur dazu führt, dass die Tauben sich den Falken gegenüber durchsetzen. In der menschlichen Natur, so die These des Ich-Erzählers in seiner Promotion, erkennen die Falken den Vorteil der Tauben – und werden selbst Tauben.

„Hierbei handelt es sich in jeder Hinsicht um ein Vortäuschen von Moral: Die Falken werden an der Verschwörung teilnehmen, sich „gut“ verhalten und auf den unmittelbaren Profit aus dem Verrat verzichten – nicht aus schlechtem Gewissen oder aus Furcht vor göttlicher Gerechtigkeit, sondern zugunsten eines auf lange Sicht noch größeren Profits. (…) Damit der Verzicht von Vorteil ist, darf es nicht geschehen, dass ein einziger Verrat einen solch hohen Gewinn bringt, dass dadurch jegliche zukünftige Interaktion unnötig wird – andernfalls würde es wenig bedeuten, aus der Gemeinschaft der Tauben ausgeschlossen zu werden, man würde sich trotzdem bereichern.“

Und so stellt sich die spannende Frage: Hält die Verschwörung der Tauben? Oder kommt es doch zum Verrat, der den einen hohen Gewinn erbringt? Und das wirft gleich die nächsten Fragen auf: Wie realistisch ist Latronicos Erzählung? Zeigt er uns ein Erklärungsmodell für die immer wieder entstehenden Geldpyramiden und anderen Spekulationsblasen? Eines ist sicher: Das Lesen des Romans ist auf jeden Fall ein Gewinn.

Vincenzo Latronico(2016): Die Verschwörung der Tauben , Übersetzung Klaudia Ruschkowski, Zürich, Secession Verlag;

Gefunden bei lustauflesen

Und wer noch mehr Lust auf die Analyse von Spekulationsblasen, hier die Tulpenmanie in den Niederlanden im 17. Jahrhundert, hat, der schaue sich doch hier die Ausführungen Georg Schramms an.

Hans-Ulrich Treichel: Tagesanbruch

Da sitzt eine Mutter auf dem Boden vor dem Bett ihres Sohnes, seinen Kopf in ihren Schoß gebettet. Sie hat unruhig geschlafen, hat wohl schon geahnt, dass er in dieser Nacht sterben wird. So ist sie früh aufgestanden, noch im Dunkeln, um nach ihm zu schauen und hat ihn leblos vor seinem Bett gefunden. Er ist nicht einfach eingeschlafen, friedlich, wie man so sagt, sondern hat sich vor das Bett gesetzt, in der Hoffnung wohl, dass ihm dort sitzend das Atmen leichter falle. Die Mutter hat sich neben ihn gesetzt und wartet auf den Sonnenaufgang, erst dann will sie den Arzt rufen.

Es ist sicherlich immer eine ungeheuerliche Situation, wenn ein Kind vor den Eltern stirbt. Auch in diesem Fall ist das so, auch wenn der Sohn erwachsen ist und die Mutter ihn seit einem Jahr pflegt. Aber aus einem ganz anderen Grund, als man erwartet. Denn nun, nach seinem Tod, kann die Mutter ihm endlich das alles erzählen, was sie ihm immer verschwiegen hat, kann endlich ihr Leben erzählen, wie sie es ihm nie erzählt hat.

Auf den ersten Blick lebt sie das nahezu typische Leben der Menschen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Zusammen mit ihrem Mann, der im Krieg einen Arm verloren hat und deshalb nicht mehr kämpfen musste, macht sie sich gegen Ende des Krieges aus Polen auf den Weg nach Westen. Sie schließen sich einem großen Flüchtlingstreck an und versuchen, den nachrückenden russischen Truppen zu entkommen. Auch wenn sie kurz doch in die Hände der russischen Soldaten geraten, schaffen sie es gemeinsam in den Westen. Gemeinsam gründen sie ein Geschäft mit Heimtextilien und Arbeitskleidung und gelangen zu bescheidenem Wohlstand. Der Sohn, im Hochsommer nach der Flucht geboren, besucht das Gymnasium, später studiert er und arbeitet im akademischen Mittelbau der Universität. Auf den ersten Blick also eine typische Geschichte aus der Wirtschaftswunderzeit der jungen Bundesrepublik, die Geschichte vom Anpacken und Aufbauen, die Geschichte von Fleiß und Aufstieg.

Das aber ist nur der erste Blick, der Blick sozusagen von außen auf diese Flüchtlingsfamilie, die es doch irgendwie recht schnell „schafft“. Tief verborgen in der Mutter aber gibt es eine ganz andere Geschichte. Nämlich eine Geschichte von Scham und Schande, eine Geschichte von gescheiterten Träumen, eine Geschichte vom Funktionieren-Müssen – und vom Schweigen über all diese traumatischen Erlebnisse, über die eigenen Wünsche und die Notwendigkeiten des Lebens.

„Man muss nicht alles seinen Kindern erzählen“, sagt sie dem Sohn zu Beginn ihres Monologes, als sie endlich sprechen kann. „Man muss nicht alles mit seinen Kindern besprechen. Man muss auch schweigen können“, ja, „es gibt Dinge, die verschweigt man sogar den Toten.“ So hat sie es gelernt von den Eltern, die auch immer geschwiegen haben, so hält sie es bis heute, wenn sie dem kranken Sohn während des letzten Jahres nichts von ihrem Leben erzählt.

Erst nun, da er tot ist, kann sie es wagen, alles, fast alles, zu erzählen. Fast wirkt es, als habe sie diesen Plan schon vorher gefasst, fast wirkt es, als sei sie gut vorbereitet auf ihre Lebensbeichte, die sie zunächst mündlich vorträgt, später aber im Wohnzimmer auf eigens gekauftes Papier niederschreibt:

„Ich will ehrlich sein. Es hilft, ehrlich zu sein und alles deutlich auszusprechen. Wenn ich alles deutlich ausspreche, hat es keine Macht mehr über mich. (…) Ich weiß, dass der Leichnam meines Sohnes nicht mehr mein Sohn ist. Ich weiß noch viel mehr. Ich werde alles aussprechen. Alles aussprechen hilft. Noch bevor der Tag beginnt, werde ich alles ausgesprochen haben, wird alles erzählt sein. Ich könnte es auch aufschreiben. Der Schreibblock liegt schon lange bereit.“ (S. 53-54)

Und so erzählt sie von ihrem Mann, dem seit dem Krieg der rechte Arm fehlt, dem sie beim Anziehen helfen muss, denn wer kann schon mit einer Hand die Krawatte binden, den Gürtel schließen. Der später gar ein Korsett braucht „so ein Männerkorsett“, weil Rücken und Bauch keine Stabilität mehr haben. Der ehemalige Bauer, der nun als Geschäftsmann immer auf seine Kleidung achtet, ein stattlicher Mann, trotz allem. Das Sortiment aber von den Heimtextilien und der Arbeitsbekleidung auf Damen- und Herrenoberbekleidung umzustellen, das will sie ihrem Mann nicht zumuten, er könnte ja mit dem einen Arm nie in der Umkleide helfen.

Die Mutter liebt ihren Mann, sie erzählt es dem Sohn ganz frei heraus. Sie erzählt aber auch von ihren Sonntagen, die sie regelmäßig im ungeheizten Wohnzimmer verbracht hat, um die Buchführung für das Geschäft zu machen: „Das Wohnzimmer war mein Revier und mein Refugium. Hier hatte ich Ruhe.“ Fast nebenbei erwähnt sie das und wählt doch die Worte „Revier“ und „Refugium“, das Wohnzimmer also, wenn auch kalt, als eigenes Zimmer. Und dass das Leben als Ladenbesitzerin eben nicht Erfüllung für sie gewesen ist, das berichtet sie später, wenn sie mehrmals davon spricht, wie gerne sie Lehrerin geworden wäre, aber das ist für ein Bauernmädchen damals eben nicht vorgesehen gewesen.

Das mühsame Arbeiten in den Nachkriegsjahren aber wird noch mehr überschattet durch dieses eine Erlebnis auf der Flucht, als drei russische Soldaten sie und ihren Mann aus dem Flüchtlingstreck auswählen, vielleicht des fehlenden Armes wegen, sie immer weiter in den Wald führen und die Mutter dann vor den Augen des hilflosen Ehemannes auf dem kalten Waldboden vergewaltigen. Dass der eine, der mit ihnen danach noch weiter in den Wald geht, um sie zu erschießen, dann doch nur in die Luft schießt und ihnen so das Leben schenkt, empfindet sie so, als habe er ihnen das Leben „vor die Füße geworfen“. Geblieben ist ein innerer Schmerz, ein Fremdsein, das beide zeit ihres Lebens nicht mehr ablegen können.

Indem Ulrich Treichel die Perspektive der Mutter für sein Erzählen wählt, bekommt das oft scheinbar so gefühllose und kalte Leben in den Nachkriegsfamilien einen ganz fassbaren Kontext. Und dabei geht das Konzept, das Erzählen der Lebensgeschichte nämlich in der Zeit des Tagesanbruchs zu verorten, in der Zeit zwischen der Dunkelheit des frühen Tages bis zum hellen Morgen, auf. Auch wenn die Mutter jetzt erst, nachdem ihre Familie tot ist, die verschlossenen inneren Kammern öffnen kann, so kann sie vielleicht bei „Tagesanbruch“ ein endlich befreites Leben führen.

Und Treichels Mutter nutzt eine sehr poetische und eine sehr vorsichtige Sprache, um in diesem kurzen Zwischenraum zu erzählen. Entstanden ist ein verknappter Text, bei dem jedes Wort eine Wirkung entfaltet, ein Text der, da die Lesezeit der Erzählzeit entspricht, eine ganz besondere Unmittelbarkeit erschafft. Viele Gefühle kann sie gar nicht ausdrücken, erzählt vielmehr sachlich, abwägend, bleibt bei den Fakten. Oft sind aber die Fakten gleichsam auch Metaphern für die emotionale Verfasstheit des Ehepaars, für die vertanen Chancen, die fehlgeschlagenen Hoffnungen: Über Wärme und Kälte spricht die Mutter zu Beginn immer wieder, das Korsett des Vaters steht für seine Haltlosigkeit in der Welt, die Musik zeigt stellvertretend die Entfremdung zwischen Eltern und Sohn, die wenigen Bilder in der Wohnung verweisen auf die unerfüllten Hoffnungen.

Die (schreibenden) Söhne sind es nun also, die aufdecken, zu welcher Bitternis der Krieg geführt hat: Hanns-Josef Ortheil erzählt in „Der Stift und das Papier“ von den während der Kriegszeit verlorenen Söhnen, die die Mutter in ihrer Trauer für lange Zeit verstummen ließ; Didier Eribons Mutter, aus der Arbeiterschicht kommend, hätte zum Gymnasium gehen dürfen, musste dann aber mit ihrer Familie wegen der anrückenden deutschen Armee aufs Land fliehen; nach der Rückkehr war die Bildungschance vertan; und Ulrich Treichel gibt der Mutter gar eine eigene Stimme, lässt sie erzählen und die richtigen Worte finden, um sich dem Ungeheuren langsam und assoziativ zu nähern. Diese Mutter, namenlos wie der Mann und der Sohn auch, erzählt so das eigene (Er-)Leben stellvertretend auch für die vielen anderen Flüchtlingsmütter. Und diese Mutter gibt mit ihrem Erzählen einen tiefen und intensiven Einblick in die Erlebnis- und Gefühlswelt so vieler Menschen dieser Generation.

Es ist eine traurige Geschichte, weil sich der Mutter ja, neben den Traumata, die sie begleiten und die zu diesem emotionalen Ersterben führten, kaum eigene Handlungsoptionen bieten, sie in diesem Leben gefangen ist, alleine die Sonntage im kalten Wohnzimmer, können ihr kleine Fluchten bescheren. Und trotz allem hat diese Mutter sich auch Stolz und Würde bewahrt und eine besondere innere Stärke.

Hans- Ulrich Treichel (2016): Tagesanbruch, Berlin, Suhrkamp Verlag

Warum ich lese

Auf seinem Blog novelero hat Sandro darüber geschrieben, warum er liest. Viele Blogger sind seiner Idee gefolgt und haben auch darüber nachgedacht, wie und warum sie zum Lesen gekommen sind und was es immer wieder ist, dass sie zum nächsten Roman treibt. Das wiederum hat auch mich angeregt, über mein Lesen nachzudenken.

Warum ich lese – das ist doch auf den ersten Blick so ein sinnloser Satz wie: warum ich esse, oder: warum ich atme. Ich lese, weil es für mich wichtig ist, so wichtig wie essen, schlafen und atmen. So einfach ist das doch. Auf den ersten Blick und als spontane Antwort.

Aber dann beginnen doch die Fragen: Warum ist denn Lesen für mich so wichtig wie das Atmen und Essen, wenn es doch für viele andere Menschen offensichtlich ganz anders ist. Letztens erst hat eine Kollegin gefragt, wie ich das denn schaffe, so viel zu lesen. Sie hätte so viel Zeit gar nicht. Es ist wohl doch nicht so, dass Lesen ganz selbstverständlich ist, es ist wohl doch so, dass es für viele Menschen etwas Besonderes ist.

Was bedeutet mir also das Lesen, dass es mir jeden Tag so wichtig ist, und das schon, seit ich meine ersten Pippi-Langstrumpf-Bücher verschlungen habe? So eine Pippilotta Schokominza hätte ich auch gerne zur Freundin gehabt, eine, die lustige rote Zöpfe hat, bei der keine Eltern auf die Wahl der zueinander passenden Socken achten, die überhaupt ohne Eltern – und ohne Schule! –gut klarkommt, die stattdessen mit ihrem Äffchen Herrn Nilsson lebt und auf der Veranda ihrer Villa Kunterbunt ein Pferd beheimatet, den Kleinen Onkel. Die so stark ist, dass die Einbrecher Angst vor ihr haben, die so viel Phantasie hat, dass, wo immer sie möchte, ein Limonadenbaum wächst, die kindliche Abenteuer besteht und nie erwachsen werden möchte. Diese Pippi-Langstrumpf-Welt, die hat mich schon ordentlich fasziniert und sicher meine Liebe zum Lesen begründet.

Überhaupt haben es mir die phantasievollen, unabhängigen, frechen Kinder aus Astrid Lindgrens Kosmos angetan: Die „Ferien auf Saltkrokan“ habe ich gelesen, Michel aus Lönneberga kennengelernt, den Jungen, der so neugierig in die Suppenschüssel geschaut hat und den Kopf nicht mehr hinaus bekam und der für alle seine Missetaten immer im Schuppen eingesperrt wurde, wo er die Zeit gleich gut nutze und das Schnitzen von Figuren entdeckte. In fantasievolle Kinder-Welten hat Astrid Lindgren ihre kleinen Leser über Generationen geschickt und hat sich die Geschichten selbst in dunklen Zeiten ausgedacht.

Damit ist sicherlich ein Grund benannt, warum ich lese: weil ich in Büchern andere Welten entdecken kann. Heute sind das nicht mehr die phantasievollen Abenteuer der Kinder- und Jugendzeit, nicht mehr die Indianer- und Liebesgeschichten, in die ich als Teenager mit Haut und Haaren verschwinden konnte. Diese Form von Lesen als Flucht in andere Welten, die ist es heute nicht mehr, die mich immer wieder zum Lesen bringt.

Vielmehr erscheinen mir Bücher heute als Wegweiser: Sie erschließen mir neue Wege, die ich selbst nicht kennenlernen könnte. Diese Wegweiser zu neuen Pfaden bringen mich mit jedem Buch in ganz neue Landschaften, gewähren mir neue Ausblicke und Einblicke in unsere Welt, bescheren mir Erfahrungen, die ich so nie machen würde, und lassen mich Menschen kennenlernen, die ich auf meinen üblichen Wegen nicht kennenlernen würde:

Katharina Winklers „Blauschmuck“ lässt mich Filiz kennenlernen, die junge Frau, die in einer Gesellschaft lebt, in der archaische Gewalt gegen alle Familienmitglieder, besonders die Frauen, üblich ist, und die die besonders abartigen Formen häuslicher Gewalt überlebt, weil sie sich einen ganz persönlichen Kern bewahren kann, den sie von ihrem körperlichen Erleben abspaltet.

Ulrich Treichel erzählt in „Tagesanbruch“ von einer Mutter, die nun endlich, als ihr erwachsener Sohn gestorben ist, die Traumata und Verletzungen während der Kriegs- und Nachkriegsjahre aussprechen und aufschreiben kann und so eine Romanfigur ein ganz lebendiges und erschreckendes Bild erstellt über die Generation, die immer geschwiegen hat über die Schrecken, die sie erlebt hat, die ihre Emotionen so lange unterdrückt hat, bis sie ganz lieblos wurde.

Shumona Sinha bringt uns in ihrem Roman „Erschlagt die Armen!“ die Sicht einer indischstämmigen Dolmetscherin nahe, die angesichts ihrer Übersetzungsarbeit bei der französischen Asylbehörde so wütend geworden ist: auf die unzureichenden europäischen Asylgesetze, die Asylbewerber, die immer die gleichen Lügengeschichten erzählen, an einer Integration aber gar nicht interessiert sind, nicht einmal die Sprache wollen sie lernen. Sie ist aber auch wütend darüber, wie ihre französischen Kollegen sie behandeln, sie, die doch so integriert ist, aber durch ihr Äußeres immer als fremd auffallen wird.

Und Michael Schneider schickt in „Ein zweites Leben“ seinen Protagonisten Fabian Fohrbeck, einen geisteswissenschaftlichen Professor, in eine Burn-out-Klinik und erzählt uns von den traurigen Wirkungen heutiger Arbeitsanforderungen auf die Menschen und den Versuchen, dies in der Klinik zu „reparieren“. Er erzählt von der Beschleunigung unserer Gesellschaft in allen Bereichen des Lebens, einer Beschleunigung, die selbst ein Trauerjahr versucht abzukürzen.

Das ist es, was mir das Lesen so wichtig macht: ich will in die unterschiedlichsten Leben eintauchen, um erfahren zu können, wie sich für die – gerne zeitgenössischen – Protagonisten das Leben anfühlt, wie und warum sie sich entscheiden, wie sie Konflikte bewältigen, wie sie es schaffen, mit den verschiedenen Lebensbedingungen, unter denen sie ja auch leiden, zurechtzukommen. Ich mag es, wenn die Geschichten mir ganz bewusst Leerstellen eröffnen, für eigene Deutungen und Spekulationen, für eine eigenständige Auseinandersetzung mit dem Gelesenen. Und ich lese besonders gerne, wenn auch die Sprache besonders ist, wenn sich ein, so wie immer wieder gesagt wird, ganz eigener Sound ergibt, der dem Inhalt noch einmal eine besondere Bedeutung verleiht.

Ich lese, weil fiktive Geschichten mit vielschichtigen Charakteren und Handlungssträngen oft ein viel realistischeres, und vor allem auch komplexeres Bild der Gegenwart zeigen, als dies die Nachrichten in der Zeitung ermöglichen. Ich lese also, weil ich über das Lesen der Geschichten ein tieferes und ein differenzierteres Verständnis erreichen möchte. Insofern sind Bücher nicht nur Wegweiser in fremden Geländen, sondern bieten auch Hilfestellungen, um mich zurechtzufinden.

Und dann lese ich auch, um etwas über mich zu erfahren. Manchmal ist es ja so, dass ich ganz unerwartet einen Satz lese, der etwas aus meinem Leben so genau trifft, dass es mir beim Lesen den Atem nimmt. Oder es werden Geschichten erzählt, die ich ja so oder ähnlich auch erlebt habe. Das sind natürlich die ganz besonderen Momente, Lesemomente, die so richtig unter die Haut gehen. Vielleicht ist es ja die Suche nach diesen Momenten, die in Wahrheit mein Lesen antreiben…

 

 

Tom McCarthy: Satin Island

Ein Anthropologe untersucht das Wesen der menschlichen Existenz, besonders gerne in Gegenden, die möglichst abgelegen, am besten gar abgeschnitten vom Rest der Welt, sind. Meistens reist er in diese Gebiete, lebt mit den Menschen dort wochen- und monatelang zusammen und kommt durch die Methodik der „teilnehmenden Beobachtung“ und unter Wahrung seiner eigenen Distanz zu den beobachteten Menschen zu seinen Erkenntnissen. Er untersucht alles an der Art der Menschen zu leben und bezieht dabei auch die unterschiedlichen kulturellen Kontexte mit ein, die verschiedenen wirtschaftlichen Bedingungen und die differenzierten religiösen oder weltanschaulichen Werte und Normen. So kann er herausfinden und erklären, warum uns die Menschen so „fremd“ sind.

Tom McCarthy macht in seinem Roman einen Anthropologen zum Protagonisten. Der aber soll nun nicht die ungewöhnlichen Riten von Menschen an unzugänglichen oder vergessenen Stellen der Welt durch Beobachtung, Systematisierung, Analyse und Interpretation untersuchen, sondern hat den Auftrag bekommen, den Großen Bericht zu schreiben über uns und unsere Art zu leben. Gleich im ersten Kapitel des Romans können wir lernen, wie ein Anthropologe unsere Welt sieht: wie sich reales und mediales Erleben überschneiden und wie in diese Wahrnehmungen auch eigene Erinnerungen und Assoziationen verwoben werden. Das alles beobachtet er – auch an sich selbst -, als er für Stunden auf dem Turiner Flughafen gestrandet ist. Und es ist eine fulminante Erzählung über die sinnlose und zusammenhanglose Informationsflut, die ewig auf uns einströmt und eine ganz wesentliche Facette unseres Erlebens ausmacht.

„Die Überlappung dieser verschiedenen Elemente und der dadurch entstehende Collageneffekt blieben konstant – doch änderte sich, da die Stunden voranschritten, die Gewichtung der Mixtur. Die Luxusartikel und ihre Etuis blieben natürlich so, wie sie waren – aber nach und nach verblassten die Fußballhöhepunkte und die Autobombenszene, die Clips von ihnen wurden kürzer und seltener; während im Gegenzug der Ölkatastrophe immer mehr Sendezeit eingeräumt wurde. Offensichtlich war es eine große Katastrophe.“

U., so stellt sich der Anthropologe dem Leser vor, arbeitet für eine Unternehmensberatung in London, im Roman immer „die Firma“ genannt. Peyman, der Chef, hat U.s Dissertation gelesen, eine Feldforschung über die Clubkultur im London der 1990er Jahre. U. hat drei Jahre dazu geforscht mit allem, was die Methodik der Feldforschung hergibt: Er hat als Barmann gearbeitet, hat arbeitsfreie Nächte in anderen Clubs verbracht, hat alle Drogen ausprobiert, die jeweils angesagt waren, hat daran mitgewirkt, illegale Raves vorzubereiten. Nach drei Jahren hat er sich zur Datenanalyse und Auswertung zurückgezogen, während der nächsten zwei Jahre seine Arbeit dokumentiert und hat dabei besonders über die „zeitgenössischen Methoden der Ethnografie und ihre diversen Dilemmata reflektiert.“ So ist Peyman auf ihn aufmerksam geworden, den Anthropologen, der sich mit der Jetztzeit auseinandersetzt, der in der Gegenwart, in der er selbst lebt, forscht, der immer wieder sich auch auseinandersetzt mit den Problemen der Anthropologie der Gegenwart, indem er immer wieder reflektiert über das Verhältnis von Feldforschung und Laborforschung.

U. also arbeitet nun in Diensten dieser Firma; so zeigt sich, wie die Ökonomie sich die Wissenschaft einverleibt, wie sie Methoden und Theorien für unternehmerische Zwecke nutzt, wie sie sich wissenschaftlichen Erkenntnisdrang zu eigen macht, indem sie wissenschaftliche Arbeitsweisen nutzt, um Produkte in einem ganz neuen Bedeutungskontext zu zeigen. Das Konzept des Narrativen, so nennt Peyman diese Vorgehensweise. Denn die Firma bietet ihren Kunden keineswegs finanzwirtschaftliche Beratungsleistungen an, sondern entwickelt erzählende Kontexte für die Produkte der Kunden. Solche Leistungen nehmen alle gerne an: Unternehmen, aber auch Städte, Regionen, natürlich auch Regierungen. Und so werden die Frühstücksflocken so aufgewertet, dass der Konsument sich durch ihren Genuss in einer neuen Welt wähnt oder einen ganz neuen Lebensstil erprobt. Die Bügelfalte in der Jeans bekommt eine ganz neue kulturelle Bedeutung und der Riss, der schon einmal bei Abnutzung entstehen kann, wird mit einer philosophischen Bedeutung aufgeladen, wenn er definiert wird als Geburtsmarke einer besonderen Individualität, als „Zeugnis des Bruchs des Individuums mit der allgemeinen Geschichte, erfolgreiche Etablierung einer persönlichen Zeit“.

Und während U. solche Dossiers für die Kunden schreibt, kleinere Fingerübungen fast, im Vergleich zu seiner Aufgabe, den Großen Bericht zu schreiben, bekommt die Firma auch noch den Zuschlag, am Koob-Sassen-Projekt mitzuarbeiten, einem Auftrag, über den U. sich zu schweigen verpflichtet hat, von dem er aber zumindest so viel verrät, als dass Regierungen und Verwaltungen daran mitwirken, dass es ein Projekt sei, dass uns alle angehe, ein Projekt, von dem wir alle betroffen seien…

Sein Alltag gestaltet sich recht eintönig: er trifft ein paar Mal in der Woche Madison, eine Frau, die er vor nicht langer Zeit kennen gelernt hat. Manchmal trifft er auch Petr, einen Freud, der an Krebs erkrankt und bei den Treffen immer wieder berichtet, welche abenteuerliche Therapie er nun gerade erfolglos ausprobiert habe. Petrs Tod, der Jahreswechsel, die Einsicht, dass er immer noch keine Form und keinen Inhalt für den Großen Bericht gefunden habe, das alles verursacht eine depressive Verstimmung bei U. Seine Geniephantasien, denen er sich so gerne hingegeben hat, als er über seine ganz eigene anthropologische Methodik nachgedacht hat, die Präsenzanthropologie, die er sich gleich mit einem Warenzeichen sichern will, ersetzt er durch Phantasien vom Widerstand gegen das System.

Eine spannungsreiche Handlung gibt es nicht in U.s Erzählungen, vielmehr den Bericht eines recht gleichförmigen Lebens, wie viele Menschen es ja führen, und viele Reflexionen. Die sind nicht immer leicht zu lesen, denn sie kreisen auch um die Fragen der wissenschaftlichen Methodik, vergleichen die Arbeitsweisen Lévi-Strauß mit Verfahren, unsere Welt heute zu erschließen, und diskutieren Vor- und Nachteile und Grenzen, sodass es einem schon schwindelig werden kann. Immer wieder auch vergleicht U. die Riten von indigenen Stämmen mit Verhaltensweisen, die uns heute eigen sind, und lässt uns dabei auch über die Frage staunen, wer denn hier der Fremde ist.

Dabei legt McCarthy so geschickt seine Erzählfäden aus, dass sich der Leser ganz schnell dabei ertappt, selbst mit wissenschaftlicher Neugier dem Erzählen U.s zu folgen, Motive zu identifizieren, Wiederholungen zu erkennen, Deutungen vorzunehmen, Bedeutungen zuzuweisen. Und schon ist er mittendrin in einem grandiosen Spiel, bei dem es um nicht mehr und nicht weniger geht als der Enträtselung unserer heutigen Zeit.

Wenn sich der Name des Protagonisten U. schon leicht als das You/Du enträtseln lassen kann, wenn das Logo der Firma, der verfallene Turm zu Babel, eine besondere Narration hat, wenn der Chef Peyman heißt, ein Hinweis auf seine multiethnische Herkunft, aber ohne viel Phantasie auch ein Hinweis auf seine Rolle in der Firma und in der weltweiten Ökonomie, dann beginnt der Leser mit wachem Blick nach weiteren Andeutungen Ausschau zu halten. Und wird schnell und überall fündig: die runden Ölflecken, die sich im Meer immer weiter ausbreiten und an den Rändern immer mehr ausfransen, haben eine ähnliche Form wie ein Fallschirm, der wiederum aus Seide ist und schon ist da U.s Traum von „Satin Island“ einer geheimnisvollen Insel. Die ihn in der Realität an Staten Island erinnert, die Halbinsel vor Manhattan, auf der gerade eine große Müllhalde in einen Park umgewandelt worden ist.

Und am Ende, wenn U. entschlusslos an der South Ferry in Manhattan steht und nicht nach Staten Island übersetzt, um den Park anzuschauen, hat der Leser doch den Eindruck, ihn gelesen zu haben, den „Großen Bericht“ über unser Hier und Heute, unser Jetzt. Dabei hat U. ihn ja gar nicht geschrieben, hat nur aus seinem Leben und von seinen Gedanken erzählt. Doch der Leser hat durch distanzierte Beobachtung am Leben U. s teilgenommen, hat analysiert und systematisiert und hat alle wichtigen Zeichen gedeutet. Dabei erscheint uns U als gar nicht einmal so fremd.

Tom McCarthy(2016): Satin Island, aus dem Englischen von Thomas Melle, München, Deutsche Verlags-Anstalt

Friederike Gösweiner: Traurige Freiheit

Hannah steht vor einem Scherbenhaufen. So oft sie sich auch als Journalistin bewirbt, sie bekommt keinen Job. Und die Partnerschaft zu Jakob, die Partnerschaft, die sie einst als sicheren Hafen, als Bollwerk gegen die Anfeindungen des Lebens, gesehen hat, hat sich auch in Luft aufgelöst. Nun ist Hannah 30 Jahre und ist an diesem runden Geburtstag alleine in Berlin, ohne Anrufe, ohne Emails, ohne Freunde, ohne große Geburtstagsparty. In dem kleinen Einzimmer-Appartement der Freundin Miriam, die gerade für einen Fernsehsender in Moskau arbeitet, wohnt sie, das wenige Geld, das sie hat, muss sie sorgfältig verwalten. Und dabei haben ihre Eltern ihr vor ein paar Jahren noch gesagt, dass sie es dich gut habe. Dass sie doch zu einer Generation gehöre, die alle Freiheiten habe, „der alle Wege offenstünden. Man könne alles werden, alles sein, hieß es, alles sei möglich, das sei die totale Freiheit.“

Friederike Gösweiner fackelt nicht lange, erzählt gar nicht erst um den heißen Brei. Nach den ersten beiden Kapiteln liegen die beiden Konfliktfelder fein säuberlich ausgebreitet vor dem Leser. „Dann hat es wohl keinen Sinn mehr“ ist der erste Satz des Romans, der programmatisch die Situation Hannahs schildert, auch wenn Hannah an dieser Stelle zunächst einmal das Zusammenleben mit Jakob meint.

Da liegt Jakob lang ausgestreckt auf dem Bett, auf Hannahs Seite, so, als wäre sie schon weg, schaut an Hannah vorbei, zum Fenster hinaus und schweigt. Hannah schweigt auch, ihr sind die Argumente ausgegangen, um zu erklären, warum es ihr so wichtig ist, das Volontariat in Berlin anzutreten, auch wenn das bedeutet, dass sie mit Jakob für ein halbes Jahr oder auch ein Jahr eine Fernbeziehung führen muss. Zu oft schon haben sie in den letzten Wochen darüber diskutiert und gestritten, solange und ausführlich, bis sich zwei Positionen unversöhnlich ineinander verhakt haben. Jakob will keine Wochenend- und Fernbeziehung, er meint, dass Hannah dableiben soll, sie werde auch hier schon eine Stelle finden, wenn auch vielleicht nicht als Journalistin, sie solle weitersuchen, er werde schon die Miete zahlen. Aber Hannah will nun die Chance, die sie in dem Volontariat sieht, nutzen: Sie will beweisen, dass sie als Journalistin arbeiten kann, sie will ihr eigenes Geld verdienen, nicht von Jakob abhängig sein, sie will endlich etwas tun gegen das Gefühl, nichts wert zu sein, ein Gefühl, das immer mehr Besitz ergreift von ihr nach fünfzig Absagen, die sie schon bekommen hat.

Ist die Beziehung, die Jakob so hochhält, nicht auch immer wieder gefährdet? Ist nicht Jakob es gewesen, der vor ein paar Jahren Schluss gemacht hat, auch wenn die neue Liebe nur drei Monate gedauert hat? Ihr Gespräch gerät wieder in eine Sackgasse, beide sind sie kraftlos vom ewigen Streiten, beide ratlos, wie es weiter gehen soll. An diesem Abend zieht Hannah aus aus der gemeinsamen Wohnung, zieht zurück in ihr Kinderzimmer, räumt in den nächsten Tagen und Wochen ihre Sachen aus der Wohnung und tritt ihr Volontariat bei der Zeitung in Berlin an.

Und da ist, im zweiten Kapitel des Romans, auch gleich das zweite Konfliktfeld, eigentlich ein Kampfplatz mit der entsprechenden Rhetorik. Hannah ist im Wissensressort gelandet, nicht unbedingt ihr Spezialgebiet. Das Volontariat hat ganze acht Wochen gedauert, schon ist der letzte Tag gekommen und die Volontäre werden, ganz „wertschätzend“ natürlich, mit Brötchen, Sekt und Schokolade in den Konkurrenzkampf als Freie verabschiedet. Die Ansprache des Chefredakteurs ist deutlich:

„Sie hatten jetzt acht Wochen Zeit, sich unvergesslich zu machen, ich hoffe, Sie haben Ihre Chance genutzt. Der Markt ist hart, das wissen Sie, und die Krise allgegenwärtig. Für Sie heißt es jetzt also: kämpfen! Beweisen Sie uns, dass Sie hierher gehören, lassen sie sich was einfallen, seien Sie originell, zeigen Sie uns, was Sie hier alles gelernt haben. Und fangen Sie am besten jetzt sofort damit an. Denken Sie daran, die Konkurrenz schläft nicht, am Montag fangen acht Neue hier an, die wollen genau das Gleiche wie Sie. Also kämpfen Sie!“ (S. 20)

Die Freiheit, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, den Beruf ergreifen zu können, der einen Sinn zu haben scheint, der vielleicht auch Spaß macht, in einer Partnerschaft zu leben, so wie es den Partnern gefällt, Kinder zu haben oder nicht, Freunde zu haben, Hobbys zu pflegen: Das könnte alles so schön sein. Für Hannah aber geht von diesen Wünschen keiner in Erfüllung. Getrennt vom Freund, alleine in Berlin in der kargen Einzimmerwohnung ist sie isoliert, ja: unbehaust.

Ihre zahlreichen Bewerbungen laufen alle ins Leere, sie weiß nicht, ob es im Bewerbungsgespräch besser ist, die Zumutungen der versprochenen Bezahlung jenseits des Wertes ihrer Arbeit zu thematisieren oder lieber nicht durch Kritik aufzufallen. Soziale Kontakte hat sie alleine über die Medien, über SMS, die sie nach wie vor mit Jakob austauscht, via Skype, wenn sie mit Miriam in Moskau spricht. Die Menschen, die sie ganz real immer wieder trifft, den Verkäufer vom strassenfeger immer wieder in der U-Bahn, Martin Stein, den Journalisten aus Hamburg, der einmal in der Woche an der Berliner Universität eine Vorlesung hat und den sie bei ihrem „Studentenjob“ als Kellnerin in einem Café kennenlernt, sie alle bleiben ihr fremd. Nach einigen Monaten ist sie so isoliert, dass sie sich zu fürchten beginnt, als es eines Abends an der Tür ihre Appartements klopft.

Friederike Gösweiner erzählt eine auf den ersten Blick konventionell konzipierte Geschichte, bei der ihre Protagonistin von den Fährnissen des modernen Lebens immer weiter weggerissen wird von den schönen Freiheiten der Generation der 30-Jährigen. Hoffnung scheint es zwischendurch auch zu geben, dann, als sie die Arbeit als Kellnerin findet, als sie Stein kennenlernt, der ihr ja vielleicht den Einstieg als Journalistin erleichtern kann. Die ist aber nur ein retardierendes Moment, das sich als äußerst trügerisch erweist, denn gerade Stein beherrscht die neoliberal-darwinistische Rhetorik in Perfektion: “Dass es heute wesentlich schwieriger sei, sich einen Platz zu erkämpfen…“, „Aber es war ja immer so. Am wichtigsten ist es, präsent zu sein in der Szene, sich selbst im Spiel zu halten.“ … “Es sind die, die am besten angepasst sind an die Gegebenheiten. Wusste schon Darwin. Survival of the fittest.“ … “…das jeder sich seinen Platz erkämpfen müsse. „Ohne Rücksicht auf die anderen“, hatte Stein gesagt, „je härter die Zeiten, umso brutaler der Kampf.“ Und dann der Schlag tief in die Magengrube: „Aber mit dem nötigen Einsatz schafft man es auch heute.“

Gösweiner hat eine Protagonistin erschaffen, die dem Leser, darüber wurde schon an anderer Stelle geschrieben, näher kommt als es Isabell in Kristine Bilkaus „Die Glücklichen“ geschafft hat. Das mag an der sprachlich nüchternen, fast emotionslosen Gestaltung des Textes liegen, ganz passend zur Verfasstheit Hannahs, das mag an den vielen Leerstellen liegen, die die Autorin dem Leser für eigene Bilder und Überlegungen lässt, das mag auch liegen an den klug konzipierten Motiven, mit deren Hilfe Gösweiner die inneren Stimmungen Hannahs veranschaulicht. Das Fallen beispielsweise spielt eine große, immer wiederkehrende Rolle, die Kälte dieser Welt, in der jeder sein Platz erkämpfen muss, krabbelt Hannah immer wieder und immer mehr in die Glieder, die Stille rund um Hannah herum, der lauten Außenwelt zum Trotz, wird in verschiedenen Facetten gezeigt, die Atemnot, die Hannah immer wieder, immer öfter heimsucht: das alles verweist auf eine feine, zurückhaltende, aber doch sehr beeindruckende Art auf Hannahs Empfindungen.

Friederike Gösweiner hat einen ruhigen, sehr beeindruckenden Roman über die Situation einer Generation verfasst, der die Gegen-Geschichte erzählt zu Sabine Donauers Sachtext „Faktor Freude“. Gösweiner nämlich lotet aus, was es bedeutet, wenn der Zugang zur Arbeit, der gesellschaftlich akzeptierte Zugang zu Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsentwicklung, durch eine sinnvolle Arbeit fehlt. Und daran trägt, auch das eine gesellschaftliche Zuweisung, zunächst einmal jeder selbst Schuld. Dann aber erweist sich die große Freiheit lediglich als „traurige Freiheit“.

Friederike Gösweiner (2016): Traurige Freiheit, Wien, Literaturverlag Droschl

Friederike Gösweiners Roman steht mit auf der Liste der eingereichten Romane für den in diesem Jahr erstmalig ausgeschriebenen Bloggerpreis für Literatur, der von der den Bloggerinnen der Seite „Das Debüt“ ins Leben gerufen wurde.

Sabine Donauer: Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt

Vor einhundert Jahren machte Max Weber eine interessante Beobachtung bei den Arbeitern in der Produktion: Bei jeder Erhöhung des Stücklohns nämlich gingen sie einfach früher nach Hause. Das kann niemand verstehen, der sich heute mit der Arbeitswelt beschäftigt. Wie soll denn ein Arbeiter in seinem Leben vorankommen, wie eine bessere Wohnung finden, Konsumgüter jeder Art zur Erleichterung des Lebens und zur Unterhaltung erwerben, vielleicht sogar einen Urlaub machen, wenn er die Möglichkeit zu einem höheren Einkommen zu gelangen ausschlägt? Wie soll ein Unternehmen, wie soll eine Volkswirtschaft vorankommen, wie soll Wirtschaftswachstum erzielt werden, wenn die Arbeiter nicht einmal über den Faktor Lohn zu mehr Arbeit, zu mehr Output motiviert werden können? Mit solchen Arbeitern jedenfalls, die sich bewusst für Freizeit entscheiden statt für ein höheres Einkommen, ist kein Kapitalismus zu machen. So notierte dann auch Max Weber in seiner „Protestantischen Ethik“, dass es eines „Erziehungsprogrammes“ bedürfe, damit die Arbeiter „die rechte Gesinnung“ und ein „Verantwortlichkeitsgefühl“ entwickelten für eine Produktion in einem wachstumsorientierten Umfeld.

Wer heute einen Blick in die Stellenanzeigen wirft, der reibt sich auch die Augen. Nicht, weil den Bewerbern viel Freizeit versprochen wird, sondern weil die Arbeitswelt offensichtlich zu einem Bereich geworden ist, der es den Menschen in ganz besonderer Art und Weise ermöglicht, tagtäglich neue und bereichernde Erfahrungen zu machen, täglich neue Herausforderungen zu bewältigen – ja, die Arbeit scheint überhaupt der Bereich zu sein, der es ermöglicht, die Persönlichkeit zu entwickeln. Und so stellt sich beispielsweise die Arbeitswelt heute vor:

„Nur was uns fordert, lässt uns wachsen. Finden Sie bei uns die Aufgaben, für die Sie wirklich brennen. Meistern Sie Herausforderungen, die ökonomisch und gesellschaftlich von hoher Bedeutung sind. Tag für Tag um wertvolle Erfahrungen reicher, wird die Zeit bei uns Ihren Blick schärfen, Ihren Horizont erweitern und Ihre Persönlichkeit stärken.“ BSC

Was ist passiert in den letzten einhundert Jahren? Wie ist dieser Wandel vom notwendigen Übel des Arbeitens, vom Bewusstsein, dem Arbeitgeber nur eine begrenzte Zeit für produktive Tätigkeiten zur Verfügung zu stellen, zur heutigen Idee, alleine die Erwerbsarbeit forme einen Menschen, gewähre ihm Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, verlaufen? Wie konnte es dazu kommen, dass wir heute zur Arbeit Lust haben, gute Gefühle ziehen aus der Anerkennung, die uns in Feedback-Gesprächen zuteilwird, wenn wir unsere „individuellen“ Jahresziele erreicht haben, wenn die Präsentation des tollen neuen Marketingkonzeptes angekommen ist?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Sabine Donauer in ihrem Text, indem sie historische Dokumente auswertet und die vier Entwicklungslinien aufzeigt, die innerhalb des zwanzigsten Jahrhundert zu dieser enormen Umdeutung des Wertes der Arbeit führen. Sie identifiziert dabei gleichsam vier Epochen, in denen Arbeiter und Angestellte durch unterschiedliche Maßnahmen den Unternehmen gegenüber eine freundlichere Haltung einnehmen sollten, eine Identifikation mit dem, was sie tun, lernen sollten, mehr Verantwortung für ihre Tätigkeiten zu übernehmen, ganz so, wie Max Weber es schon formuliert hat.

Eine erste Epoche der Veränderungen im Umgang der Unternehmen mit ihren Arbeitern sieht Donauer nach dem ersten Weltkrieg und in den Zeiten der Weimarer Republik. Der Arbeiterbewegung gelang es, soziale Forderungen umzusetzen wie den Achtstundentag, und Urlaubsansprüche. Die Betriebsräte in den Unternehmen konnten die Verantwortung für Sozialprogramme an sich nehmen, sodass Verteilungsgerechtigkeit besser organisiert werden konnte. Da nun auch die Produktionsprozesse aufwendiger organisiert waren, die Arbeiter diese aber häufig boykottierten, erkannten die Unternehmensleitungen, dass es wohl sinnvoll sei, „gefühliger“ zu werden, die Mitarbeiter freundlicher zu behandeln und sich die Sorge um die Mitarbeiter zu eigen zu machen.

In einem nächsten Schritt gelang es von 1925 bis 1940 die Idee der Werksgemeinschaften umzusetzen. Dazu gehörte eine Einführung der Berufsausbildung, in der die Lehrlinge nicht nur die Grundlagen ihrer beruflichen Tätigkeiten lernen sollten, ressourcenschonend selbstverständlich, sondern auch einen ganz besonderen Stolz entwickeln durften auf ihren Beruf. Die Unternehmen versuchten ihre Mitarbeiter mit Werkskantinen, Waschräumen, Sport- und Wohnanlagen, Parkanlagen, Erholungsheimen und Werkzeitschriften an sich zu binden. Der Umgangston mit den Mitarbeitern sollte wertschätzender werden – das mag man kaum glauben, wenn man an den rüden Ton denkt, der auch in den Nachkriegsfilmen zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiter üblich war.

Schon während des Krieges begannen Psychologen daran mitzuwirken, in den Unternehmen die Arbeitsleistung zu erhöhen. In der Folge dieser sich neu entwickelnden Disziplin war man der Meinung, dass der Mitarbeiter nicht leistungsfähig sein kann, wenn er ungelöste persönliche Probleme mit zur Arbeit bringt. So wird ein Kommunist, der immer wieder den Produktionsprozess stört nicht mehr als Klassenkämpfer gesehen, sondern seine Auflehnung wird zu einer psychischen Deformation umgedeutet. Diese Idee von der Bedeutung der Psychologie kam in der Nachkriegszeit zu voller Blüte, als – auch unter dem Einfluss amerikanischer Personalmanagementtheorien – bis 1957 ungefähr 20000 Mitarbeiter vom Vorarbeiter aufwärts in therapeutischer Gesprächsführung, in der „Kunst des Heraushörens“, geschult wurden. Aber nicht nur das: in dieser Epoche bis zu den 1960er Jahren kam auch die Rede davon auf, wie wichtig ein Arbeitsplatz für die persönliche Entwicklung sei, ja, „dass die Tätigkeit auch den Charakter bilde“. Und so war aus dem Arbeitsplatz, der einmal die negativen Gefühle auslöste, der Ort der „therapeutischen Heilung geworden“.

Seit den 1960er Jahren hat die Motivationstheorie Frederick Herzbergs weitere große Veränderungen am Arbeitsplatz angeschoben. Hygienefaktoren, das sind eine materielle Absicherung, die Beziehung zu Vorgesetzten, das Gehalt und die Arbeitsbedingungen, machten die Menschen unzufrieden, wenn die fehlten. Sie dienten aber nicht dazu, die Mitarbeiter zu exzellenten Leistungen anzuregen. So meinte Herzberg und stellte seine Motivationsfaktoren vor:  das Erreichen von Zielen, die Übernahme von Verantwortung, berufliches Vorankommen und Persönlichkeitswachstum. Dies alles ließ sich mit Job Enrichment, also den komplexeren, verantwortungsvolleren Tätigkeiten, gut umsetzen – und sparte den Unternehmen nicht nur eine Menge Geld, sondern verschaffte ihnen auch mit Blick auf die zunehmenden Konkurrenzsituationen durch den internationalen Handel eine große Flexibilität und Schnelligkeit in der Produktion. Und so stand sie also, die „neue Gleichung von den Arbeitsgefühlen – Herausforderung = Glück = Leistungsstärke.“ Und der Arbeitnehmer selbst wird mehr und mehr dafür verantwortlich, nach dieser Formel auch sein Glück zu finden.

Diese Entwicklungen haben, so Donauer vier Konsequenzen:

Erstens eine Dematerialisierung, da der Geldwert einer Tätigkeit, gemessen an der Lohnentwicklung, geringer geschätzt werde, als sie tatsächlich sei, schließlich habe der Arbeitnehmer ja auch die Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu entwickeln.

Zweitens eine Dynamisierung, denn die Vermittlung positiver (Arbeits-)Gefühle ziele auf eine Erhöhung der Leistung, ein Muss in einer wettbewerbsorientierten und auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaft.

Drittens eine Desomatisierung, denn das körperliche Wohlbefinden trete immer mehr in den Hintergrund; physische Belastungsgrenzen seien durch Begeisterung, Leidenschaft und Spaß im Job quasi wegdefiniert.

Und viertens werde die Arbeit durch persönliche Leistungsvereinbarungen und andere Maßnahmen immer mehr individualisiert, sodass auf der einen Seite kein Klassenbewusstsein mehr vorhanden sei, zum anderen aber auch der Arbeitgeber immer weniger dafür verantwortlich gemacht werden könne, wenn die Mitarbeiter eben nicht voller Begeisterung zur Arbeit kommen.

In einem mittleren Teil geht Donauer in den oben beschriebenen vier Epochen noch einmal ganz besonders der Entwicklung zu den Gefühlen bei der Arbeit nach. Das wirkt in großen Teilen redundant, liest sich, als seien hier zwei Aufsätze oder Vorträge zusammengefasst worden. Interessant wird dann wieder der dritte Teil des Buches, in dem sie den vier Konsequenzen in unserem heutigen Arbeitsleben nachgeht, anhand von Statistiken untersucht, wie die Löhne in den letzten Jahren gesunken seien, wie viele Akademiker, gerade in sozialen Bereichen, mit prekären Jobs abgespeist werden und unglaubliche Arbeitszeiten leisten müssen. Sie zeigt auf, wie die Zahlen der Herzinfarkte und Schlaganfälle auch unter jüngeren Menschen steigt, verweist auf die Erhöhung der psychischen Krankheiten und der Resilienz-Konzepte, mit denen die Unternehmen ihre Mitarbeiter stärker wollen. Und sie verweist auf die Schwierigkeit, Arbeit und Elternschaft unter einen Hut zu bringen, denn kein Unternehmen, und auch kein Kollege, haben Verständnis, wenn Mama oder Papa wegen der kranken Kleinen schon wieder von der Arbeit fernbeleiben.

Auch wenn die Untersuchung einseitig wirkt, denn Donauer hat sich vor allem mit den Quellen von der Arbeitergeberseite und ihr nahestehenden Organisationen und Forschungseinrichtungen beschäftigt, auch wenn sie an keiner Stelle die Wirkung auf die Arbeitnehmer beschreibt, die die eine und die andere Veränderung sicherlich auch mit großer Zufriedenheit angenommen haben, auch wenn Donauer kaum die Veränderungen in gesellschaftliche Kontexte einordnet, also beispielsweise in die Demokratisierung, so ist ihr Verdienst bei dieser Untersuchung, eben gerade den Fokus auf die Arbeitsgefühle gelegt zu haben und zu zeigen, wie diese im Laufe der einhundert Jahre – ganz mit Bedacht – verändert worden sind.

Und bei ihrer Reise durch die Manipulation der Arbeitsgefühle wird auch klar, dass einige der Ideen, die im Laufe der Zeit in der Arbeitswelt umgesetzt wurden, eben auf sehr dünnem wissenschaftlichen Eis gestanden haben, dass sie kaum eine valide Grundlage hatten, aber dennoch mit ganz viel Lärm und Getöse umgesetzt worden sind. Das macht nun nachdenklich, wann immer eine Reform ausgerufen wird mit dem Versprechen, es werde nun alles besser…

Sabine Donauer (2015): Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt, Hamburg, edition Körber-Stiftung

Anna Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter

Man nehme: das bedrückende und traurige Leben einer jungen spanischen Akademikerin, die wegen der Euro- und Wirtschaftskrise keine Arbeit findet und bei ihren Eltern wieder in ihr altes Kinderzimmer einziehen muss; schaurige und fantastische Motive, die aus der Romantik entlehnt sind, einer Epoche, die gegen die Rationalität von Aufklärung und Industrialisierung erzählen wollte; einen Schriftsteller, der sich dem Literaturbetrieb und der Öffentlichkeit konsequent entzieht und dadurch erst einen richtigen Hype um seine Person auslöst; und eine gut Prise Nazi-Vergangenheit.

Ana María, auch Anita genannt, ist die Protagonistin und Ich-Erzählerin, eine temperamentvolle Spanierin, die ihren Gefühlen meistens freien Lauf lässt. Und was sie empfindet und denkt an diesem denkwürdigen Samstagmorgen, das klingt wie der viel versprechende Anfang eines rasanten Romans zur Wirtschaftskrise.

Eigentlich wollten die Eltern zusammen mit Ana María über das Wochenende in das Ferienhaus in den Bergen der Sierra Guadarrama fahren. Dann aber machen die Eltern noch einen Spaziergang im Jardin Botánico und als sie nach Hause kommen, fühlen sie sich kränklich und legen sich hin. Ana María ist langweilig, sie fragt ihre Freundinnen und Freunde, was sie vorhaben. Die haben aber Madrid schon verlassen. Sie haben den Auftrag eines reichen Madrilenen angenommen und renovieren sein Wochenendhaus, Essen und vor allem auch die Getränke werden gestellt. So bleibt Anita alleine in Madrid zurück. Um sich die Zeit zu vertreiben, macht sie sich auf zu einem Spaziergang, kommt dabei immer wieder an der Zoohandlung vorbei, in der seit ein paar Tagen Welpen zum Verkauf angeboten werden. Aber statt eines Welpen geht sie mit der Schildkröte Achilles nach Hause. Ein junger Mann, Pablo, hat sie ihr geschenkt, denn er kann sie nicht mit nehmen nach Deutschland, wo er endlich einen Job als Ingenieur bei Mercedes bekommen hat, Deutschkurs inklusive.

Pablo hat Glück mit seinem Job, Anita und ihre Freundinnen und Freunde haben, trotz ihrer guten akademischen Abschlüsse, keine Chance auf einen Job. Ángel, Anitas Bruder, versucht auch sein Glück in Deutschland, bekommt für seine Gastdozentur an der Berliner Humboldt-Universität aber kein Geld, dafür aber das wunderbare Versprechen  auf „unbezahlbaren Lehrerfahrungen“. Er verdingt sich auf dem Bau, um seine Eltern so wenigstens ein bisschen unterstützen zu können. Die Freunde sind alle wieder zurück zu den Eltern gezogen und man mag sich gar nicht vorstellen, zu welchen Konflikten es kommen kann, wenn nun des Abends die erwachsenen Kinder auf dem Sofa sitzen, wenn sie sich bei ihren Eltern wieder abmelden müssen, wie früher, und rechtzeitig Bescheid geben, wenn sie die Nacht woanders verbringen: Junge Erwachsene, die, statt sich weiter entwickeln zu können, wieder zum Kind werden. Dass aber die Rente der Eltern auch nicht wirklich reicht, um noch einen Esser den Monat über satt zu bekommen, dass die Bank ihre Zinsen für die noch belastete Wohnung erhöht, so dass der Vater, selbst wenn er früher Literaturkritiker einer angesehenen Zeitung gewesen ist, sich am Monatsende aufmachen muss, um bei der Cáritas Lebensmittel abzuholen, das ist eine sehr bedrückende Realität.

Die Freundinnen und Freunde der Clique, vom einem genervten Kellner „La Plaga“ genannt, was nun zum klangvollen Titel geworden ist, vertreiben sich die Zeit mit Demonstrationen gegen die stetigen Kürzungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Da sie notorisch pleite sind, kaufen sie Limonade und billigen Fusel, mischen alles zusammen und verbringen ihre Abende mit dem Gebräu in den lauschigen Ecken der öffentlichen Parks. Und dort haben sie sich einen ganz besonderen Zeitvertreib ausgedacht: wie sich im Decamerone die Pest-Flüchtlinge mit Geschichten unterhalten, so wollen sich auch die Freunde Geschichten erzählen. Die, so die Regeln dieses „Clubs der Schwätzer“, sollen aktuell sein und sie sollen tatsächlich auch erlebt sein. Und so erzählt Juan Carlos seine Geschichte vom Supermarkt, in dem er drei Jugendliche dabei beobachtet, wie sie Kühlprodukte unter ihren Beanies hinausschmuggeln wollen, wegen der Kälte am Kopf aber schon an der Kasse kollabieren: Die Wirtschaftskrise also spiegelt sich auch in den „wahren Geschichten“ La Plagas. Soweit also der gelungene Romaneinstieg.

Zurück aber zu Anitas Samstagvormittag: Als sie mit der Schildkröte Achilles nach Hause kommt und nach den Eltern schaut, sieht sie mit großen Erschrecken, dass sie tot sind. Sie hat nun eine denkbar merkwürdige Art, mit diesem Tod umzugehen: Sie zieht den Eltern die besten Kleider an, die sie besaßen, und setzt sie auf die Stühle, die am Fenster stehen. Als es dann an der Tür schellt, zieht sie sich schnell das Hauskleid ihrer Mutter über und öffnet der Nachbarin. Und nun passiert die zweite Merkwürdigkeit: die Nachbarin spricht sie als ihre Mutter Blanca an. Dann ruft die Freundin der Mutter an, Paloma, und erinnert die vermeintliche Blanca an das Treffen am Montag. Und auf dem Handy der Mutter kommt eine SMS von einem ominösen R, die ganz eindeutig eine Liebes-Nachricht ist. Und zu alledem ärgert Ana María sich über den Tod der Eltern, denn die lassen sie nun mit dem ganzen Schlamassel des fehlenden Geldes und der unbezahlten Kredite alleine sitzen:

„Auf dem Weg in die Küche trat sie mit voller Wucht vor die Schlafzimmertür. „Das ist alles eure Schuld! Ihr ward schon damals viel zu alt für Kinder! Total egoistisch seid ihr, alle beide! Und jetzt auch noch die Scheiß-Rezension! Mich kotzt das alles an.“

Ana María schlüpft also, halb freiwillig, halb gezwungen in die Schuhe der Eltern, geht hundert Schritte (nach einem indianischen Sprichwort) damit und lernt die ungewöhnlichen Seiten des Lebens der Eltern kennen. Während die Eltern auf ihren Stühlen am Fenster immer weiter schrumpfen – bald sind sie in ihren Kleidern nicht mehr zu sehen -, lernt Ana María in Blancas Kleid, dass die Mutter sich mit ihrer Freundin immer wieder für Fotoshootings und Kunstinstallationen, mal angezogen, mal nackt, zeigt und so etwas für die Familienkasse hinzuverdient. Die vom Chef des Vaters geforderte Rezension findet sie auch auf dessen Rechner – das sichert die ersten Einnahmen für die nächste Rate der Wohnung.

Doppelgängermotive, auf die Größe von Puppen schrumpfende Eltern – das sind fantastisch-schaurige Motive der Romantik. Der hierdurch zu erkennende Emanzipationsprozess von den Eltern, der durch das Wieder- Einziehen in die elterliche Wohnung ja deutlich verlangsamt oder gar rückgängig gemacht worden ist, ist durchaus spannend erzählt.

Aber nun kommt es: die Rezension des Vaters bespricht das Buch des berühmten deutschen Schriftstellers Gerd de Ruits, der wahrscheinlich in Spanien, vielleicht gar in Madrid, lebt und die Öffentlichkeit so sehr meidet, dass es seine Fans nur noch verrückter macht. Der Schriftsteller, mittlerweile in den 80ern, ist außerdem der geheimnisvolle R, mit dem die Mutter seit Jahr und Tag ein Verhältnis hat. Mit dessen Übersetzerin vom Deutschen ins Spanische, Carmen, aber war der Vater vor zwanzig Jahren mehr als bekannt.

Das alles erschließt Ana María aus den zahlreichen Unterlagen, die sie bei den Eltern findet, und durch einen Brief, den die Übersetzerin Carmen plötzlich schreibt. Und gewinnt so ein Bild des unbekannten Schriftstellers, das zwischen Furcht und fanatischer Bewunderung changiert. Für den Leser ist der Schriftsteller ein ziemliches Ekel, aber die Frauen, Blanca und Carmen zum Beispiel, liegen ihm geradezu zu Füßen, egal, wie er mit ihnen umspringt. Das Motiv des berühmten, aber unbekannten Schriftsteller hat gerade Konjunktur, Bolano nutzte es in seinem Roman „2666“, auch in Abrams „Das Schiff des Theseus“ spielt es eine große Rolle. Und dann erschließt sich ja auch noch die eigene Biografie des Schriftstellers, indem sich die Nazi-Vergangenheit der Eltern – der Vater ist Chemiker und an den Vergasungen der Juden in LKW beteiligt -, die auch im Umgang mit ihm als neugeborenem Baby nicht zimperlich gewesen sind, entfaltet.

Gelingt Anna Katharina Hahns Rezept? Jein. Wer Spaß hat, die vielen literarischen Anspielungen aufzudröseln, die Hahn hier überall versteckt hat, wer sozusagen das Rennen des Achilles gegen die Schildkröte de Ruit beobachten möchte, wer Spaß hat an einem auf Spannung setzenden Roman, der ist hier richtig. Aber bei aller Kunstfertigkeit der vielen intra- und extratextuellen Verweise gilt es doch auch festzuhalten, dass der zweite Teil des Romans, die Geschichte um de Ruit, seine mephistophelischen Auftritte zusammen mit seinem gerne auch bissfreudigen Hund Stromian (siehe Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert) und dann auch noch das das Gedankenguts der Nazis, Zutaten sind, die den viel versprechenden ersten Teil des Romans so überlagern, dass daraus keine homogene Masse, kein homogener Roman wird.

Vielleicht aber hat Ana María hier aber auch ein fantastisch schönes Schauermärchen erdacht, um beim „Club der Schwätzer“ nun auch endlich mit einer wahren Geschichte aufwarten zu können. Das freudvolle Gruseln des Nachts im Park, man kann es sich gut vorstellen.

Anna Katharina Hahn (2016): Das Kleid meiner Mutter, Berlin, Suhrkamp Verlag

Warum ich Juli Zehs Roman „Unterleuten“ nicht zu Ende lesen werde

Es ist ja so: Landauf, landab formiert sich der Chor der Lobenden. Auf den unzähligen Blogs wird das Loblied gesunden, das papierene Feuilleton stimmt ein. Alle Rezensenten sind überwältigt von „Unterleuten“, haben ihren Spaß gehabt mit den zahlreichen kauzigen Dorfbewohnern, haben sich prima unterhalten bei ihren inneren und äußeren Konflikten – bis es zum Äußersten kam – und haben im kleinen Dorf die Probleme des großen Ganzen entdeckt.

Nur, ich kann nicht einstimmen in diesen Chor, überhaupt und ganz und gar nicht, werde nun also nun einen ordentlichen Missklang beisteuern.

Schon durch die ersten Unterleutener Seiten habe ich mich gequält, denn diese Figuren sind von der ersten Seite an so voller innerer Konflikte, dass ganz klar ist, dass sie sich entweder über kurz oder lang selbst ins Messer stürzen oder irgendjemanden anderen meucheln müssen. Trotz dieses deutlichen Weges in den Konflikt habe ich dann, so der Deal mit mir, bis Seite 100, ja darüber hinaus sogar bis Seite 150 gelesen. Nun bin ich mitten in der Bürgerversammlung, werde mehr oder weniger geschickt immer wieder vertröstet, auf Nebenkriegsschauplätze gelockt, bekomme mitten im Auftakt des öffentlich werdenden Streites noch einmal ein paar Lebensgeschichten und Lebensweisheiten nahegebracht, während vorne auf der Bühne Herr Pilz von der Vento Direct GmbH sich, wegen der vielen Perspektiven und Stimmen die hier gerade noch etwas Wichtiges zu erzählen haben, im Zeitlupentempo über seine Windkrafträder auslässt, die er so gerne  im Randgebiet von Unterleuten aufstellen will. Und es verlangt mir viel Kraft ab, der Bürgerversammlung noch weiter zu folgen, aber ich will ja auch nicht unhöflich oder gar ungerecht sein, hier schreibt ja Juli Zeh, deren Diskussionsbeiträge zum Thema Big Data und zum Dualismus von Sicherheit und Freiheit ich sehr schätze.

Der Chor der Lobenden verweist darauf, dass sich hier in der beinahe hermetischen Welt des Dorfs im Kleinen ablesen lasse, was unsere Gesellschaft im Großen ausmache. Diesem Aspekt kann ich mich anschließen. Wie durch ein Brennglas wird der Blick auf die verschiedenen Dorfbewohner, die Alteingesessenen sowie die neu Zugezogenen, gelenkt, es werden ihre alten Konflikte dargelegt, es wird schnell deutlich, wie sich ihre jeweiligen Interessen im Dorf in die Quere kommen müssen. Dass Partikularinteressen eine große Rolle spielen in der deutschen Gesellschaft, in der deutschen Politik, ja auch in der europäischen, dass ist schon eines der großen aktuellen Probleme. Eine Vision, ein gemeinsames Ziel, eine Vereinbarung über Rahmenbedingungen des Zusammenlebens fehlen, in Unterleuten wie auch im politischen Berlin. Die Versprechungen Manfred Gortz´, wie denn „Dein Erfolg“ zu erreichen sei – nämlich mit gnadenlosem Egoismus, Manipulation und den Verheißungen von Win-win-Situationen – die haben sie alle in Unterleuten inhaliert, egal ob ihr Thema der Vogelschutz ist, die Mutterschaft, die Pferdezucht, der Kauf von Land oder die alten Feindschaften.

Der Chor der Lobenden spricht dann aber auch von den wunderbaren Figurenzeichnungen, den vielen Charakteren, die so gut und komplex entwickelt seien, als sei jede von ihnen der Protagonist. Ja, komplex sind sie vielleicht, zugegeben, aber doch von der ersten Seite so auf Krawall gebürstet, dass es völlig klar ist, dass die Konflikt quer durch das Dorf demnächst eskalieren werden. Die Figuren sind völlig überzeichnet, Karikaturen der Milieus, das sie jeweils repräsentieren sollen, die mit dem Holzhammer sprechenden sprechenden Namen inklusive: Die von Hormon ferngesteuerte junge Mutter Jule, die sich tatsächlich als emanzipiert sieht, und sich doch nur bei dem älteren, vermeintlich intellektuellen Mann, der zu allem eine Meinung und eine Haltung hat, und Versorger versteckt, um in Ruhe ihr kleines Gartenparadies aufzubauen; der zum absoluten Zyniker gewordene ehemalige Kommunist Kron, der meint, sowieso alles zu durchschauen, wenn er vom sicheren Platz seines Fernsehsessels dem krawalligen Schlagabtausch der Talkshows folgt, und der auch schon einmal seinen Stock nutzt, wenn er nicht sofort bekommt, was er haben will; die Pferdefrau Linda Franzen, die sich Unterleuten ausgeguckt hat, um mit ihrem Hengst Bergamotte eine Pferdezucht aufzubauen – natürlich ohne sich vorher zu informieren, ob ihre Pläne überhaupt realisierbar sind, warum auch, Schwierigkeiten räumt man ganz einfach mit „Erfolg“ zur Seite – und die nun mit den bürokratischen Windmühlen kämpfen muss. Der abgewrackte Soziologieprofessor Gerhard Fleiß, der gerade noch einmal die zweite Luft bekommt und auf dem Land als Vogelschützer und später Familienvater ganz neu beginnt, der sich zwar im Theoretischen mit Macht auskennt, im Praktischen aber lieber die Nachbarn mit Briefen vom Amt ärgert und sich dann wundert, dass er im Dorf kein Bein auf den Boden bringt. Und so weiter und so weiter.

Ein Panoptikum, ein Bestiarium, ja, das stimmt. Aber keine der Figuren berührt, keine ist so gezeichnet, dass sie überzeugend ist, dass der Bruch im Leben, der jeweils eigene wunde Punkt erkennbar ist. Sie sind einfach überzeichnet, zu deutlich auf den Konflikt hin angelegt, sind zu wenig ausbalanciert, als dass ich mit ihnen viele Lesestunden verbringen möchte.

Der Chor der Lobenden singt auch das Hohelied auf den gekonnten Spannungsaufbau, lobt die gut gesetzten Cliffhanger, die dazu führe, dass der Roman eine so tolle Spannung aufbaue, dass er, trotz der vielen Seiten, so schnell gelesen sei. Aber gerade diese Erzähltaktik ist zu durchschaubar, die Ausrichtung auf die Spannungsintention so deutlich, als hätte die Autorin dies als Regieanweisung direkt an ihren Text geschrieben. Da ist kein feiner, eleganter Spannungsbogen, nein, da ist ein Wechsel zwischen den Personen und Erzählperspektiven, als gelte es auf Biegen und Brechen, das (Lese-)Publikum so in Erregung zu versetzen, dass es auch auf jeden Fall nach der Werbepause noch dabei ist oder den nächsten Teil in der kommenden sehen will, wenn es wieder nach Unterleuten geht – „Broadchurch“ (zum Beispiel) also als Roman.

Und die Sprache arbeitet dieser Funktion gewollt zu; sie ist so glatt, so ohne jede aufregende Kontur, dass das Auge nur so an ihr entlangrattert, so als sei der Text ein ICE, der den Reisenden möglichst schnell und umstandslos zum Ziel bringen wolle. Krimis arbeiten oft mit diesem sprachlichen Tempo, Texte also, die auf atemlose Spannung setzen. So passt die Sprache zur dramatischen Konzeption, wer aber einen Gesellschaftsroman lesen möchte, der auch sprachliche Bilder zeigt, der durch sprachliche Besonderheiten begeistert, der Textstellen enthält, die der Leser markieren oder sogar exzerpieren möchte, der ist hier falsch.

Ich jedenfalls werde es halten, wie Frederik Wachs (schon wieder solch ein Name), der in einem umsichtigen Moment denkt:

„In Berlin liefen nicht wenige Leute herum, die nach erfolglosen Ausstiegsversuchen zurück in die Stadt gezogen waren. Gescheitert waren sie nicht an einstürzenden Dächern oder vollgelaufenen Kellern, sondern an den Nachbarn. Was Dorfangelegenheiten betraf, gab es eigentlich nur ein Rezept: Raushalten. Das muss er Linda beibringen, und zwar schnell, bevor sie über ihrem Fanatismus den Verstand verlor.“ (S. 140)

Was wäre ihm nur erspart geblieben, wäre er diesem weisen Wissen gefolgt. Ich jedenfalls werde dieses Panoptikum in Unterleuten getrost seinem Schicksal überlassen, mich weiterhin raushalten und statt dessen anderen Büchern zuwenden.

Übrigens: Wer sich an einem netten Spielchen ergötzen möchte, dass Juli Zeh in Zusammenhang mit ihrem Roman lanciert hat, der möge diese Artikel in der SZ und FAZ lesen. Und ganz unbedingt müsst Ihr das Interview mit Manfred Gortz lesen, das Thomas Brasch geführt hat. Mittlerweile hat Manfred Gortz sich zu seinem Anteil in der Unterleuten-Debatte auch via youtube geäußert.

Juli Zeh (2016): Unterleuten, München, Luchterhand Literaturverlag

P.S.: Wer wegen der Namensumstellung meines Blogs und der damit einhergehenden Problematik beim Anzeigen meiner Posts in Eurem Reader (der „Happy Support“ (schon wieder solch ein sprechender NameJ) von wordpress hat versprochen, dass das Problem gelöst sei), meinen letzten Beitrag verpasst hat, der schaue hier: Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran. Der Roman lohnt sich!

Einen Teil vom Namen verloren: dasgrauesofa…..com

Es muss beim Auswählen eines gemütlichen grauen Sofas im Freien passiert sein oder beim Probesitzen: eine unbedachte Drehung, ein zu lässiges Plumpsen in die Kissen, vielleicht auch das unbedachte Hüpfen über die Rückenlehne – und schon ist ein Stück vom Namen verloren gegangen.

Jedenfalls ist der Namensteil „wordpress“ futsch, weg ist er, auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Und eigentlich ist das ja gar nicht so schlecht. Ein kurzer Name, der nur enthält, was er auch braucht, der nämlich das Möbel anzeigt, auf dem gelesen wird, das ist doch eine gute Sache. Dieses Anhängsel „wordpress“ stört da doch eigentlich nur, stand bisher immer so sperrig in der Gegend herum, hat gar nichts gebracht.

Und Ihr könnt es nun auch löschen, wenn Ihr mögt.

Übrigens: Die Hunde haben sich gegen alle Sofa-Modelle in der Freiluftausstellung ausgesprochen. Sie bevorzugen den weißen Diwan, denn dort lässt sich noch viel besser spielen. Da gehen unsere Geschmäcker und Vorlieben eindeutig auseinander. Einen weißen Diwan zum Lesen will ich nicht – viel zu kalt.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Als Laleh nach so vielen Jahren endlich wieder durch die Haustür Madar Bosorgs, ihrer Oma, in Teheran geht, vergisst sie ganz zu schauen, ob die Tür immer noch so blau ist, wie in ihrer Kindheitserinnerung: Nämlich nicht nur einfach blau, sondern in diesem ganz besonderen Blau, in diesem Blau mit Sonnenschein. Aber sie vergisst vor lauter Aufregung auf die Farbe zu achten, denn erst als sie durch die Tür in Madar Bosorgs Haus geht, fühlt es sich für sie an, als sei sie wirklich im Iran angekommen. Es ist 1999 und Laleh ist zum ersten Mal seit der Flucht der Eltern vor über zehn Jahren mit ihrer Mutter Nahid und der Schwester Tara zu Besuch bei ihrer Familie.

Der Debütroman Shida Bazyars erzählt die Geschichte Behsads und Nahids, die als Kommunisten aus dem Iran des Ayatollah Khomeini fliehen müssen. Die vor einer angeblichen Urlaubsreise noch einmal durch die blaue Tür gehen, mit der Familie zusammen essen und sich nicht verabschieden können, weil niemand von der geplanten Flucht wissen darf. Sie flüchten nach Deutschland, wo sie studieren wollen, um dann, wenn das Khomeini-Regime beendet ist, zurückzukehren und daran mitzuarbeiten, die Heimat zu verändern. Bazyar erzählt in ihrem Roman eine Geschichte von politischen Träumen und Kämpfen, von Flucht, Entwurzelung und Identität. Nicht nur Behsad und Nahid müssen mit dem Ende ihrer Träume umgehen lernen, als aus dem Exil Heimat werden muss, auch die Kinder Laleh, Mo und Tara sind verunsichert.

Behsad ist 1979 siebenundzwanzig Jahre alt und einer der Lehrer, der während seines Militärdienstes zum Lehrer ausgebildet wurde, um die Alphabetisierung im Land voranzubringen. Mit seinen Freunden Sohrab und Peyman nimmt er teil an den Demonstrationen gegen das diktatorische Regime des Schahs, diskutiert mit anderen Studenten der Teheraner Universität über marxistische Ideen und darüber, wie es zu schaffen sei, endlich Gerechtigkeit im Iran zu etablieren. Doch das Machtvakuum nach dem Sturz des Schahs wird schnell gefüllt: Khomeini kehrt aus dem Exil nach Teheran zurück, der Klerus übernimmt wieder die Macht im Land, die Islamische Republik Iran wird gegründet: Die Unterdrückung der Bevölkerung wird nun nicht mehr durch die Machtkaste des Schahs betrieben, sondern findet nun statt im Namen des Islams.

Behsad geht mit seiner Frau Nahid in den Untergrund, kämpft weiter für seine politischen und wirtschaftlichen Ideale, bis eines Tages Peyman kommt und einen offiziellen Brief zeigt. Dort steht, es müsse sich in drei Tagen im Gefängnis einfinden, um seine Strafe abzusitzen – und alle wissen, was es bedeutet, als politischer Häftling in den Katakomben des Mullah-Regimes zu landen. Behsad und Nahid beschließen zu fliehen, solange ihre Namen noch nicht auf Listen auftauchen, solange sie noch einen Urlaub im Ausland vortäuschen können. Sie gelangen nach Deutschland und beginnen, nach der quälenden Zeit des Wartens auf die bürokratischen Prozesse, ganz von vorn. Ihre Träume in Deutschland können sie nicht verwirklichen.

Shida Bazyar lässt alle Familienmitglieder zu Wort kommen, im Abstand von 10 Jahren erzählen sie von ihrem Leben. Und sie findet für jedes Familienmitglied eine eigene Stimme. Behsad beginnt 1979, erzählt von seiner Familie, den Demonstrationen und Diskussionen, von seiner Verliebtheit in Nahid, der Besetzung von Häusern und den mehr und mehr versteckten Kampf. Nahid, 10 Jahre später, sieht beim Besuch deutscher Freunde die vielen Dinge, die sie so befremden an Deutschland: Das nicht sonderlich aufgeräumte Haus, die nicht blitzblank geputzte Spüle, die sie so gerne mal eben abwischen würde, der dreckige Hund, mit dem das Kind so völlig selbstverständlich spielt, das Stricken und Rauchen Ullas und ihre Einladung, doch einmal mit in die Frauengruppe zu kommen. Auch wenn die deutschen Atomkraftgegner fast klischeehaft dargestellt werden, der Vergleich mit ihrer Lebenssituation, mit den Maßnahmen und den Risiken ihres politischen Kampfes, zeigt die großen Unterschiede zwischen den Familien. Und dann die Sprache. Nahid, die die persische Lyrik so liebt, die Literatur studiert hat, muss sich nun mit dem schlecht klingenden Deutsch abmühen, lernt mit den Kindern „stupide Ös und Os“, statt das „viel melodischere, persische Alphabet aufzusagen.“

Und auch Laleh (1999) und Mo (2009) kämpfen, auf verschiedene Arten, mit Verunsicherungen und ihrer Identitätssuche. Sie sind schon mehr Deutsche, bewegen sich ganz selbstverständlich in dieser Gesellschaft, kennen die Verhaltensregeln und Umgangsformen, wie sie in Schule und Jugendgruppe üblich sind. Laleh, die eine der stärksten Stimmen im Roman verkörpert, ärgert es, wenn sie in der Schule festgelegt wird auf ihre Rolle der Iranerin, auch sie will im politischen Rollenspiel für die USA sprechen, will auch einmal Sieger sein. Als sie dann mit ihrer Mutter und der kleinen Schwester zum ersten Mal seit der Flucht nach Teheran zurückkehrt und die Verwandten besucht, da ist sie auch dort die Fremde, diejenige, die sich hier mit den Regeln und Umgangsformen nicht auskennt, die den Blickkontakt nicht beherrscht, die nicht richtig geht, die das Gefühl hat, trotz Kopftuch und Mantō in der Öffentlichkeit so aufzufallen, dass sie ihren eigenen Körper nicht mehr mag – ein längst überwunden geglaubtes Gefühl aus pubertären Zeiten. Und immer wieder fühlt sie, trotz der Verhüllung, fremde Hände über ihren Körper wandern.

Shida Bazyars Roman überzeugt nicht nur inhaltlich, sondern auch mit Blick auf die literarische Konzeption: vier, eigentlich sogar fünf, eigene Stimmen erzählen ganz unmittelbar in der jeweiligen Gegenwart von den Ereignissen, erinnern vergangene Erlebnisse und lassen den Leser so ganz nah an das eigene Fühlen und Erleben heran. Dabei wird die Gefühlslage nicht reflektiert – es würde ja auch gar nicht in dieses Konzept passen -, sondern bleibt offen und ermöglicht dem Leser ein Miterleben mit Deutungsspielräumen. So erlebt er ganz unmittelbar die innere Zerrissenheit, das Gefühl der Fremde, der Verunsicherung und des Nicht-Verstehens nach, wenn er sich auf die Figuren einlässt. Er erfährt zwar nie das große Ganze – auch der Bericht über politische Daten gehört nicht zum Erzählkonzept und lässt sich durch Nachlesen im Lexikon rasch beheben -, kann aber nacherleben, wie es sich anfühlt, wenn der Mensch zum Spielball der Mächtigen wird.

Eine große Stärke des Romans sind die vielen Alltagssituationen, die Bazyar nutzt, um in Situationen, in Bildern zu erzählen, welche individuellen und auch gesellschaftlichen Entwicklungen es gibt. Behsad zum Beispiel erzählt von den Tagen nach der Flucht des Schahs – als endlich seine Bilder von den Wänden der öffentlichen Räume verschwinden. Und beim Disput darüber, welches Bild dort in Zukunft hängen soll, können wir die Zerrissenheit des Landes erkennen, eine Zerrissenheit, die quer durch die Familien geht:

„Auf dass nie wieder ein Foto eines Einzelnen in den Klassenräumen hängt, sagt Peyman. Auf dass dort bald der Ayatollah, zurück aus dem Exil, hängt, sagt seine Mutter. Auf dass bald Marx und Engels, Che Guevara und Castro, Mao und Lenin in den Räumen hängen, sagen Sohrab und ich in den Pausen, sagen es inzwischen sogar im Lehrerzimmer, sagen es lauter, als wir es jemals durften. Und warten auf den Moment, in dem wir bestimmen werden, wer die leeren Wände füllt.“ (12)

Es sind diese kleinen, vermeintlich so privaten Geschichten, die dem Leser einen beeindruckenden Blick auf das große Ganze geben. Wenn die Freunde im Sommer 1979 den Bartwuchs Sohrabs betrachten, der durch den längeren Bart, den Bart der Gläubigen, versucht in ein unauffälliges Leben zurückzukehren, kann der Leser erkennen, dass der politische Kampf im Iran entschieden ist. Wenn Nahid die Zeit morgens im Bett ausdehnt, um sich ihre imaginierten Videos anzuschauen, von ihrer Hochzeit, vom Familienessen bei Behsads Familie, aber auch vom letzten Essen mit der Familie und auch den Film von Peyman, der im Keller sitzt und auf Khomeinis Tod wartet, dann zeigt das ihr Heimweh, ihre Sehnsucht nach einem anderen leben, auch ihre Schuldgefühle den zurückgebliebenen Freunden gegenüber. Und wenn Laleh beim Besuch in Teheran über die durchaus auch schmerzhafte Behandlung beim Friseur erzählt, wundert sich der Leser über diese Schönheitsprozedur, bei der nicht nur die Augenbrauen gezupft, sondern alle auch noch so kleinen Härchen im Gesicht entfernt werden. Solch ein Schönheitskult in einem Land, in dem Frauen ihr Äußeres nicht nur unter Kopftuch und Mantō verstecken (müssen), sondern zum Teil darüber auch noch den Tschador tragen, das große schwarze Tuch, das vom Kopf bis zu den Fußspitzen reicht? Solch ein Schönheitskult in einem Land, in dem das gesellschaftliche Leben vor allem innerhalb der eigenen Häuser stattfindet, mit der Familie, mit wenigen Freunden? Oder ist es gerade anders – lassen sich die Iraner ihr Leben nicht verbieten, sondern weichen einfach in den privaten Raum aus?

„Nachts ist es leise in Teheran“. Tagsüber lärmt die Stadt, lärmen und lachen die Menschen auf den Straßen, lärmen die überfüllten Straßenbahnen und die, trotz ausdrücklichen Verbots, laut hupenden Autos; zu Hause lärmen die vielen Verwandten, Bekannten und Freunde, die im Haus der Oma ein und aus gehen, um den Besuch aus Deutschland zu begrüßen. Aber nachts, wenn es leise ist, dann werden die Geheimnisse erzählt, und hier haben viele Menschen viele Geheimnisse, nachts, wenn es leise ist, erscheint das Weinen der Mutter um die vielen verlorenen Freude und um ihr verlorenes Leben umso lauter.

Bazyars Roman hat einen ganz aktuellen Bezug, auch wenn ihre Geschichte schon vor Jahrzehnten ihren Anfang gefunden hat. Der Roman zeigt uns Menschen, die fliehen und ein Leben in einem unbekannten Land mit einer fremden Kultur und einer ganz anderen Sprache beginnen mussten. Und dabei ist diese Geschichte auch zeitlos, kann sicherlich auf die Situation der gerade Flüchtenden übertragen werden und gilt so auch noch in dreißig Jahren.

Und als letzte Stimme kommt auch noch Tara zu Wort, der Logik nach aus dem Jahr 2019. Mit einer – vermutlich utopischen – Wendung der Geschichte.

Shida Bazyar (2016): Nachts ist es leise in Teheran, Köln, Verlag Kiepenheuer & Witsch    

Hier liest Shida Bazyar aus ihrem Roman.

Abbas Khider: Ohrfeige

Abbas Khiders Roman hätte der Roman des Frühjahrs zur aktuellen Flüchtlingsthematik werden können; er hätte der Roman werden können, der den Lesern literarisch zeigt, wie das Leben im Wartestand zwischen den Bewilligungen der Behörden, den Umzügen zwischen den Flüchtlingsheimen und der ewigen Untätigkeit und Langeweile ist; er hätte der Roman werden können, der zeigt, wie auch Behörden Menschen demütigen können, alleine, weil sie ihnen ausgeliefert sind. All diese Aspekte sind enthalten in Khiders Roman.

Khiders Roman ist nicht im Jetzt angesiedelt, sondern in den Jahren 2000 bis 2003. Im Irak herrscht Saddam Hussein, aber Karim Mensy flieht nicht, weil er politisch aktiv war, sondern aus einem sehr persönlichen Grund. Ihm sind zur Jugendzeit weibliche Brüste gewachsen, die er nun durch Kleidung zu verbergen sucht. Sein Leben hat sich seitdem sehr verändert, Schwimmbäder und Fußballplätze sind tabu, die Sommer verbringt er wegen der luftigen Kleidung lieber zu Hause und beginnt Comics zu zeichnen. Aber nach dem Abitur steht der Wehrdienst an. Nicht auszudenken, was ihm dann geschieht:

„Im Fernsehen sah ich oft, wie die Soldaten mit nackten Oberkörper über den Exerzierplatz marschierten und „Seid bereit, immer bereit!“ riefen. Wie würden diese Soldaten mich wohl anschauen, wenn ich mit wackelnden Brüsten neben ihnen stünde und „Seid bereit, immer bereit!“ skandierte? Wie würden diese monatelang kasernierten Männer, die niemals Frauen zu sehen bekamen, mit mir umgehen?“

Sein Vater hat für diese Situation Geld gespart weil er schon einen Sohn an der Front verloren hat. Er nimmt Kontakt zu einem Schleppervermittler auf und zu seinem Freund in Paris. Und so reist Karim nach Europa. Als der Schlepper seine Passanten aus dem Wagen komplimentiert, als Karim sich seine gute Kleidung, die er extra für diesen Zweck mitgenommen hat, anzieht und sich längst in Frankreich wähnt, da nimmt ihn an einem bayerischen Bahnhof die Polizei fest. Die 500 Euro, die er gut versteckt im Gürtel mitführt, werden ihm gleich abgenommen, sogar seine Zigaretten. Dafür sieht er sich nun im Kampf mit der Asyl-Bürokratie.

Tatsächlich bekommt er, der Fahnenflüchte, so hat er seinen Fluchtgrund beschrieben, eine Aufenthaltsgenehmigung. Zum Glück vor dem 11.9.2001, denn danach schauen die Behörden wieder sehr viel strenger auf die Asylfälle. Als dann aber 2003 die Amerikaner Saddam Hussein stürzen, geht ihm postwendend der Brief zu, dass er nun abgeschoben werde, der Grund für seinen Aufenthalt sei ja entfallen – böse Ironie des Schicksals. Seine Brüste aber hat er immer noch, die 6000 Euro für eine Operation konnte er noch nicht sparen. Ihm bleibt nichts Anderes übrig, als weiter zu reisen. Ein Schlepper soll ihn nach Finnland bringen.

Seinen Frust aber, seine Wut, die will er noch jemandem mitteilen. Und wählt dazu Frau Schulz, die Sachbearbeiterin bei der Ausländerbehörde, der er nun doch endlich einmal seine unverfälschte Geschichte erzählen will. Sie soll ihn endlich als Menschen kennenlernen, nicht mehr nur als Nummer, als Verwaltungsakt sehen. Er versetzt ihr eine Ohrfeige, fesselt sie an ihren Ledersessel, steckt sich eine Zigarette an und erzählt nun im Haschischrauch seine Geschichte – auf Arabisch, denn Deutsch kann er nicht so gut und Frau Schulz würde ihn auch nicht verstehen, selbst wenn Arabisch ihre Muttersprache sei, so meint er ohne Blick auf die Logik, würde sie ihn nicht verstehen: „Sie stammt aus einer ganz anderen Welt als ich. Ein Erdling spricht gerade mit einem Marsianer. Oder umgekehrt.“

Es stellt sich nach ein paar Seiten heraus, dass Karim seiner Sachbearbeiterin weder die Ohrfeige verpasst, noch sie an einen Stuhl gefesselt hat. Das ist nur Karims Fantasie an dem Abend, an dem er auf seinen Schleuser nach Finnland wartet. Für seinen Monolog der fiktiv anwesenden Frau Schulz gegenüber, für seine Wutrede, kann man das größte Verständnis haben: Die Anhörungen zum eigenen Fall, das unbestimmte Warten auf den Brief der Behörde, das beengte Leben in den unpersönlichen Flüchtlingsheimen, ohne Privatsphäre mit Menschen zusammen, die man im günstigen Fall mag, zur Untätigkeit verdammt, weil Asylbewerber weder Deutsch lernen dürfen noch arbeiten: man kann sich kaum vorstellen, wie zermürbend das ist. Es gibt 80 Euro pro Monat, wer sich nicht prostituieren will, interessierte ältere deutsche Männer und Frauen stehen vor den Heimen, wer nicht klauen will, wie die Männer im Nachbarzimmer, der muss sich eben bescheiden. Und wer einen Deutschkurs besuchen möchte, der muss nicht nur die Aufenthaltsgenehmigung bekommen, sondern auch ein Jahr lang Arbeit nachweisen: Integration und Verwurzelung sehen sicher anders aus.

Aber: Diesem Karim kommt der Leser nicht nah; er fühlt nicht mit ihm mit, entwickelt kein Mitleid, lacht nicht, wenn Karim vermeintlich groteske Situationen schildert. Und das liegt zum einen an der Art des Erzählens. Denn Karim berichtet mehr als dass er erzählt. Er erklärt alles, beschreibt alles, reflektiert alles, findet dafür jedoch kaum Bilder, die dem Leser ein Kopf-Kino bescheren, ihn zu eigenen Erkenntnissen oder auch Deutungen führen.

„Ich liege noch immer auf dem Sofa, ich weiß überhaupt nicht, ob ich gerade träume oder nur total bekifft bin.“

Statt beim Leser einen Film in Gang zu setzen, ihn mit prägnante Situationen hineinzunehmen, sodass der Leser miterleben und mitfühlen kann, bleibt Karim im Dokumentarischen, bildet ab, so wie ein Zeitungsbericht es macht – und manche Reportage kann es mitreißender erzählen. Es könnte sein, dass das die Krux mit den sehr aktuellen Stoffen ist, dass die Aktualität sich eben der bildhaften Erzählung entzieht. Dieses Phänomen ist ja auch in Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ aufgefallen, wobei sie es durch ihre Romankonzeption – den recherchierenden und fragenden Professor – aufgefangen hat. Und Shumona Sinha zeigt in ihrem Roman „Erschlagt die Armen!“, in dem die Protagonistin ja auch eine Wutrede hält über die für sie unerträglichen Zustände im Zusammenhang mit den Asylanträgen, dass es durchaus möglich ist, auch ein tagespolitisch aktuelles Thema in bildhafter und anschaulicher Weise zu erzählen.

Ein Vergleich mit Sinha zeigt auch, dass ihre Protagonistin, wenn auch aus einer anderen Perspektive als Karin, eine doch viel umfassendere Beurteilungsbasis gefunden hat und die viel tiefer liegenden Probleme der französischen Einwanderungsoptionen erschließen kann. Karim bleibt auf der ganz einfachen Betrachtungsebene. Man kann ihm das kaum vorwerfen, er steckt ja schließlich mittendrin. Es ist trotzdem befremdlich, in einem literarischen Text zu lesen, dass die Sachbearbeiterin immer so gestresst und miesepetrig aussehe, sie habe wohl ständig ihre Tage mit schlimmen Unterleibsschmerzen, oder dass das eigene Schicksal vom Haussegen der Beamten abhängig zu machen:

„Das bedeutet, wenn einer von euch Beamten zu Hause mit seiner Frau Probleme hat oder ihm ein Furz quer sitzt, wird das Leben für uns Ausländer sehr kompliziert. Jeder Besuch bei Ihnen ist das reinste Glücksspiel.“ (143)

Und dann die Sprache. Sicherlich, Karim hält einen Monolog. Und er ist ein junger Mann und nutzt entsprechende Ausdrücke. Dass darin aber Wörter vorkommen, wie „aufschlagen“, dass Kleidung ständig „Klamotten“ sind, dass er in seinem „Winteroutfit“ „unfassbar albern“ aussieht, das ist ziemlich lax formuliert. Dass die Behörden dann auch noch wie „Kraftfahrzeuge über unsere Träume und Seelen rollten“ mag in einer Parodie auf einen Grönemeyer-Song witzig sein, hier ist es unpassend.

Als ausgerechnet Ali, der seine Freunde bei allen ihren Schimpftiraden über Deutschland und die Deutschen immer wieder daran erinnert, die Situation doch ein bisschen freundlicher zu betrachten, wenn nicht dankbar, so doch froh zu sein, hier sein zu können, sich nach dem 11. September und als Gegenwehr auf die nun viel deutlicher wahrnehmbaren Vorbehalte gegen die zumeist islamischen Asylbewerber immer weiter radikalisiert, da berichtet Karim auch diese Entwicklung wiederum nur, ohne sie aus dem Charakter Alis heraus nachvollziehbar zu machen. Auch hier vergibt Khider wiederum eine große Chance.

Abbas Khiders Roman hätte der Roman des Frühjahrs zur aktuellen Flüchtlingsthematik werden können; er hätte uns zeigen können, was es für eine Demütigung sein kann, sich den Behörden eines unbekannten Landes ausgeliefert zu fühlen. Dieser Karim hätte sich in unserem Kopf einnisten können als Zeuge des Lebens in Flüchtlingsheimen, für ein Leben mit wenig Geld und vor allem ohne eigene Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten. Er hat es nicht getan.

Abbas Khider (2016). Ohrfeige, München, Carl Hanser Verlag

Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin

Von Not und Elend, vom Unverstanden-Sein und von großer Einsamkeit, von der Normalität der häuslichen Gewalt, vom Innenleben einer bürgerlichen, aufstiegsorientierten Familie der Nachkriegszeit also, erzählt Birgit Vanderbeke in ihrem jüngsten Roman

„Wir freuen uns, dass du geboren bist“, singt die Mutter, „Und hast Gebuhurtstag heut“. Weil der Vater nicht mitsingt, sich lieber eine Zigarette ansteckt, wiederholt die Mutter die Strophe mehrmals. Und das Mädchen, die Ich-Erzählerin, die heute sieben Jahre alt wird, weiß doch, während sie dasteht und zuhört, dass nichts an dem Lied stimmt, dass jedes Wort gelogen ist.

Die Eltern. Sie sind wohl eher nicht froh, dass das Kind geboren wurde, denn dieses Kind ist der lebende Beweis dafür, dass sie im falschen Leben angekommen sind. Die Mutter ist schon einmal verlobt gewesen, mit dem Gutsbesitzersohn des Ortes, doch der ist im Krieg gefallen. Nach dem Krieg waren die Männer rar und die Mutter, die nun schon fast dreißig war, drohte eine unverheiratete Frau zu werden; im Dorf redete man schon über sie. Dann lernte sie den Vater kennen, einen siebzehnjährigen Schüler. Als die Eltern endlich heiraten konnten, weil der Vater nun volljährig war, konnte man die fortgeschrittene Schwangerschaft trotz des Fliederstraußes, den die Mutter immer dekorativ vor dem Bauch hielt, schon gut sehen: Ehe und Kind, familiäre Normalität also, nur um den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen.

Ein paar Jahre später flieht die Mutter mit der Tochter in den Westen, in das Land der Verheißung, in dem es alles zu kaufen geben wird, was das Herz begehrt. Sie leben zunächst alleine in den Flüchtlingsheimen, der Vater muss in Ost-Berlin noch sein Studium zu Ende bringen, und vielleicht muss er auch überlegen, ob er wirklich mit seiner kleinen Familie fliehen will, viel mehr Spaß versprechen doch die vielen Studentenfreundinnen und die Besuche der Westberliner Diskotheken.

Als die Mutter dann wieder als Lehrerin arbeitet, der Vater eine Arbeit in der „Rotfabrik“ in Frankfurt bekommt, da kann die Mutter sich endlich die Wunschträume erfüllen, die sie schon immer hatte. Es sind die üblichen Konsumwünsche, die sie umtreiben: ein Wohnzimmer vollgestellt mit Teakholzmöbeln, so wie sie es bei der Gutsfamilie gesehen hat, ein Schlafzimmer aus Birkenholz, ein Auto natürlich, ein Opel Kapitän, wenn es auch nicht der Opel Admiral sein konnte, wie die Gutsfamilie ihn schon vor dem Krieg hatte. Das macht insgesamt Schulden in Höhe von 96 mal 186, wie sogar das Kind weiß.

Und das Mädchen? Das kommt in diesem Lebensentwurf der Eltern kaum vor, höchstens als die liebe Tochter, die immer alles richtig macht und möglichst nicht auffällt. Das funktioniert aber oft nicht: oft stolpert sie, wirft ein Glas um, verbreitet Tintenklekse auf dem Blatt statt schöner Buchstaben, fällt beim Seilspringen hin, sodass die Strumpfhose ein Loch bekommt und vergisst, sich vor dem Abendessen die Hände zu waschen, „jedenfalls hat man an sämtlichen Tagen des Jahres nicht die geringste Chance, ein liebes Mädchen zu sein, weil man eben böse ist.“ Und die Mutter, die doch immer wieder erzählt, um welches „richtige“ Leben der Krieg sie gebracht hat, jammert und schimpft über dieses Kind:

„Sie kam im Laufe des Tages meistens an den Punkt, ab dem es die väterliche Hand brauchte, weil irgendwann mit noch so gutem Willen nichts mehr auszurichten war, und dann hülfe nur noch die harte Hand. Sie sagte das mit der väterlichen Hand so oft, bis mein Vater mit den Zähnen knirschte und es losging.“

Die harte Hand des Vaters. Aber heute ist ja der siebte Geburtstag und am Geburtstag, das weiß das Mädchen, da gelten andere Regeln als sonst. So steht sie also und lauscht dem Geburtstagslied, wiegt sich in Sicherheit vor der harten Hand, weiß aber auch, dass ihr Geburtstagsherzenswunsch sicherlich nicht in Erfüllung gehen wird. Sie hat sich nämlich eine Katze gewünscht, so wie Lisa, ihre beste Freundin, die so aber nur aus der Erzählung kannte. Jedenfalls hat Lisa zu ihrem siebten Geburtstag ein eigenes Zimmer bekommen und kurz danach ein Kätzchen. Und beides zusammen müsse doch das Paradies sein; eine eigene Katze, endlich ein Wesen, mit dem sie hätte sprechen können über ihre Sorgen und Ängste, darüber, wie ungeliebt sie sich fühlt.

Aber die Eltern haben schon abgewunken, ein Tier sei von der Hausverwaltung nicht erlaubt. Sie weiß also, ihr Herzenswunsch wird nicht in Erfüllung gehen. Und sie weiß auch schon, welche Überraschungen ihr bevorstehen werden: die reparierte Porzellan-Babypuppe Wolfi, an der sie lernen soll, wie Babys zu wickeln sind, und die doch immer wieder den Kopf verliert. Und sicherlich eines der Spiele, die die anderen Eltern ihren Kindern auch schenken, Scrabble zum Beispiel, ein Chemiebaukasten oder ein Kinderduden. Höchstwahrscheinlich wird es wohl wieder einmal nicht das geben, was sie sich wirklich wünscht, weil die Eltern ihr nicht zuhören, weil die Eltern sowieso viel besser wissen, was gut ist für sie:

„Man gewöhnte sich an Enttäuschungen, aber auf die Dauer machten sie, dass man sich kalt und leer im Inneren anfühlt und anfängt, den Mut zu verlieren.“

Dieses Mal war das Überraschungsgeschenk ein Globus. Über den aber stolperte das Mädchen aus Unachtsamkeit – und schon ging das Gewitter los, auf das sie an ihrem Geburtstag gar nicht gefasst gewesen war. Und so verpasste sie es, sich zu verstecken, wie sie es sonst immer tat, wenn Prügel drohte, hinter dem Sofa zum Beispiel oder im Kasten der großen Standuhr aus Teakholz, wie im Märchen der sieben Geißlein.

„Sobald ich mich in Sicherheit gebracht hatte, konnte ich aus meinem Versteck verfolgen, wie ich was erlebte und wie es immer erst sachte losging, dass man hätte denken können, es würde dieses Mal vielleicht nicht so schlimm, aber natürlich blieb es nicht dabei, dass mein Vater sagte, dass lasse ich mir nicht bieten, das machst du nicht mit mir.“

Die Mutter greift nicht ein, auch wenn es ein Holzschuh ist, mit dem der Vater zuschlägt. Ja, ja: „Wir freuen uns, dass du geboren bist, und hast Geburtstag heut.“

Das Mädchen, die Ich-Erzählerin, nimmt den Leser also mit zu seinem siebten Geburtstag, erzählt ganz assoziativ-kindlich, während sie dem Geburtstagslied der Mutter lauscht, von seinem Leben, vom Leben der Mutter, des Vaters, vom Leben in der DDR, vom finanziellen Aufstieg in Frankfurt – und von der Lieblosigkeit und Brutalität, die in dieser nach außen doch so bürgerlichen Familie gelebt wird. Zwar bleibt die Erzählung ganz nah an dem siebenjährigen Mädchen, doch das durchschaut die Hintergründe des Verhaltens seiner Eltern so genau, das analysiert und seziert die Charaktere der Eltern so präzise, dass es wohl eher ihr Erwachsenen-Ich ist, dass sich zurückversetzt an den siebten Geburtstag und so beide Perspektiven miteinander verbindet. So macht den Reiz der Erzählung aus, dass sich immer wieder ein locker-distanzierter Erzählton, der fast schon wie eine Plauderei anmutet, mit einer sehr kindlichen Betrachtung der Welt mischt. Dabei aber so präzise die familiären und gesellschaftlichen Zustände immer wieder an kleinen Geschichten zeigt, dass sich aus der knappen Erzählung doch ein komplexer Kosmos ergibt.

Sicherlich, es gibt schon einige Roman, die sich mit den Familien-Abgründen in der Nachkriegszeit auseinandergesetzt haben. Erinnert sei nur als Ulla Hahns Geschichte aus dem rheinischen Arbeitermilieu, in dem es für Kinder auch alles andere als paradiesisch zuging. Auch in Birgit Vanderbekes Roman scheinen die eigenen Erlebnisse verarbeitet zu sein, denn zum einen passen die biographischen Daten, zum anderen erwähnt dies der Klappentext. Und auch Birgit Vanderbekes Ich-Erzählerin entkommt dieser Familienhölle dank der Literatur, die hilft, sich in andere Welten zu träumen, sich in Tiere zu verwandeln oder in der Zeit zu reisen.

In ihren schlimmsten Träumen am Abend ihres Geburtstags – die Ärztin, die gerufen wurde und die schon einmal mehrere Brüche an Hüfte, Oberschenkel und Schienbein diagnostiziert hat, ist wieder gegangen – hat sie, auch weil ihr die Idee der Zeitmaschine nicht mehr aus dem Kopf geht, die rettende Idee, die „beste“ Idee, „weil ich um die Zeit unbedingt mit jemandem reden musste, und als mir einfiel, wie ich das hinkriegen könnte, hatte ich gleich das Gefühl, dass es eine richtig gute Idee war, aber wie gut sie wirklich war, ist mir erst sehr viel später aufgegangen.“ Und so kann sie sich auch das Geburtstagslied singen, mit den wichtigen Worten:

„Ich freue mich, dass ich geboren bin.“

Birgit Vanderbeke (2016): Ich freu mich, dass ich geboren bin, München, Berlin, Piper Verlag

Eine weitere Rezension, die mich zu diesem Roman gebracht hat, findet ihr bei literatur leuchtet.

 

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

Der Titel des Romans von Michael Köhlmeier erinnert an das Märchen Hans Christian Andersens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Wie im Märchen das Mädchen, so befindet sich auch das wohl sechsjährige Mädchen in Köhlmeiers Roman in einer desolaten Situation: obdachlos, ohne Eltern oder andere Familienmitglieder kämpft sie um das tagtägliche Überleben im frostigen Winter einer mitteleuropäischen Großstadt. Nahrung ist wichtig, ebenso ein warmer Platz zum Ausruhen und Schlafen, manchmal in einem beheizten Eingang, zur Not auch in einer Mülltonne. So überlebt sie, anders als das Mädchen im Märchen, auch eine kalte Winternacht.

Nach den „Herren am Strand“, nach Chaplin und Churchill, die sich ihrer Hilfe in den dunklen Momenten der Depression versichern, entführt Köhlmeier seine Leser in diesem Roman in die Welt der Kinder, die gestrandet sind in einer winterlichen Großstadt. Er erzählt die Geschichte aus der Sichtweise der Kinder, meistens aus der des sechsjährigen Mädchens, das sich keines Namens erinnern kann, und sich dann, als sie von den beiden Jungen gefragt wird, Yiza nennt. Die Erzählung bleibt ganz nah bei den Kindern und ihren Wahrnehmungen, Handlungen und Beobachtungen. In einer Sprache, die kindlich verknappt ist und in der es nur das Hier und Jetzt gibt, aber keinen Plan für die Zukunft, auch Reflexionen; wenige Erinnerungen hat Yiza, wenn sie etwas wiedererkennt, Zahnbürste und Zahnpasta zum Beispiel, oder das Fahren mit dem Auto. Die Verknappung aber trägt, sorgt für Spannung, weil die Geschichte der Kinder so ungewöhnlich ist und keineswegs vorausschaubar, weil sie sich auch mal verheddern in der Wohlstandsgesellschaft, in die sie sich aber unter keinen Einflüssen einpassen wollen.

Zu Beginn der Geschichte gibt es noch einen Onkel, der Yiza am Morgen erklärt, wie sie in Bogdans Restaurant gelangt, und was sie tun solle, um dort Essen zu bekommen. Am Abend treffen sie sich dann am vereinbarten Platz. Das klappt einige Tage lang: Yiza geht morgens zu Bogdan, isst, sitzt im Warmen, abends geht sie, trifft den Onkel. Der nimmt sie mit zu seinem Schlafplatz, spricht mit den anderen Männern über sie. Sie kann nicht viel verstehen, weil sie die Sprache nicht kennt, versteht aber so viel, dass der Mann sich um sie kümmern wolle, sodass sie wenigstens über den Winter komme. Sie versteht aber auch, dass er es nicht gerne tut. Und eines Abends wartet er nicht am verabredeten Platz. Yiza wartet, aber er kommt nicht. So macht sie sich selbst auf den Weg zum Nachtlager, verläuft sich dabei aber, findet nicht einmal mehr in den Bereich der Stadt zurück, in der Bogdan seinen Laden hat.

Yiza übernachtet in der Mülltonne. Als sie sich am nächsten Tag in der warmen Luft im Eingang eines Kaffeehauses aufwärmen möchte, ruft der Besitzer die Polizei. Und Yiza kommt in ein Kinderheim. Sie kann duschen, bekommt neue, saubere Kleidung, bekommt Essen und genießt die warme Suppe. Am Tisch sitzen andere Kinder, sie reden in einer Sprache, die Yiza nicht versteht. Weil sie zu viel und zu schnell gegessen hat, muss sie sich noch am Tisch übergeben, als sie den Mund abputzen will, schmeißt sie ihr Glas um und verletzt sich am Daumen. Die Kinder lachen und spotten über sie, Yiza kann es nicht verstehen. Aber dann versteht sie doch einen Jungen, er wird schon älter sein, vierzehn vielleicht, und er spricht ihre Sprache.

Und als der am frühen Morgen an ihrem Bett steht und sie fragt, ob sie mitgehe, da kommt sie mit. Zu dritt fliehen sie aus dem Kinderheim und begeben sich auf ihre Reise zu dem Haus am Stadtrand, das der ältere Junge, er nennt sich Schamhan, „kannte, das er zwar noch nicht gesehen hatte, über das er aber alles wusste, und dass sie auf dem Weg zu diesem Haus waren, das über den Winter leer stand und in dem es eine Tiefkühltruhe voll mit guten Sachen gab und eine automatische Heizung und einen Fernsehen und einen Computer und Internet.“ Und Arien, der andere, kleinere Junge, schenkt Yiza zu Beginn ihrer Flucht einen wunderschönen Fingerhut, den sie gleich über ihren Daumen steckt und so ihre Wunde vom Abend schützen kann. Der große Prinz also, der ein Schloss verspricht, der kleine Prinz, der Yiza etwas Wertvolles schenkt.

So ziehen die Kinder los, völlig ohne Orientierung. Als sie die Lebensmittel, die sie im Kinderheim mitgenommen haben, aufgegessen haben, stehlen sie, sie brechen in Häuser ein, schlafen im Wald oder in Heuschobern. Wenn sie von der Polizei geschnappt werden, laufen sie bei der ersten guten Gelegenheit fort, auch wenn die beiden kleineren Kinder dabei Schamhan verlieren. Und man fragt sich als Leser unwillkürlich, warum sie das tun, warum sie immer wieder die Sicherheit, den Schlafplatz, das märchenhaft anmutende Leben im Kinderheim aufgeben, warum sie sich immer wieder in die winterliche Kälte begeben.

Verhalten sie sich nicht auch ein bisschen merkwürdig? Auf dem Bahnsteig stehen sie eng zusammen, in der Bahn sind die Augen Schamhans „unruhig und [er] wendet den Kopf nach allen Seiten“. Sie schauen sich nicht an und ihr Gegenüber auch nicht, nicht in der U-Bahn und nicht auf der Polizeistation. Erst als Arian betteln muss, weil Yiza krank geworden ist und Essen braucht und Medizin, schaut er den Menschen in die Augen und bittet um „Aspirin“. Sie verstecken sich wie wilde Tiere im Wald, im Heuschober, in einem Gewächshaus, suchen immer einen sicheren Unterschlupf, an den sie zurückkehren können, an dem sie sich verkriechen können. Sie leben und verhalten sich wie ein Rudel junger Wölfe, schätzen genau ihre Umwelt ab und passen sich mit ihrem Verhalten bestmöglich an. Und suchen immer wieder den Weg in die Freiheit, der ihnen nur genommen werden kann, wenn sie eingeschlossen werden. Und genau das passiert Yiza, als sie sehr krank und mit hohem Fieber im Gewächshaus von Renate gefunden wird, die Arien „verscheucht“ und Yiza ins Haus trägt, sie die nächsten Monate einsperren wird – Renate, die Hexe in diesem Märchen.

Warum aber tun sie das, warum schlagen die Kinder jede Hilfe aus? Was ist mit ihnen passiert, dass sie die Angebote der Erwachsenen nicht annehmen, dass sie immer auf der Flucht sind? Dass sie schreien, wenn sie das Wort „Polizei“ hören und so schnell wie möglich weglaufen, wenn sie im Gewahrsam der Polizei sind? Darauf gibt die Geschichte kaum Antworten. Und das macht sie so universell, transformierbar in alle Zeiten, in denen Kinder ihre Eltern verlieren und, dafür eigentlich viel zu jung, für sich alleine sorgen müssen. Diese Kinder, Wolfskinder oder wilde Kinder genannt, die es nach dem Zweiten Weltkrieg im Gebiet des Baltikums gab, sind aus der Gesellschaft herausgefallen, haben gelernt, dass sie sich auf die Erwachsenen nicht verlassen können, haben gelernt, wie sie sich alleine durchschlagen können. Und es fällt nicht schwer, sich diese Situation hier und jetzt mit Blick auf die Flüchtlingsströme vorzustellen, die Bürokratie kennt ja schon den Begriff der „unbegleiteten Kinder“, oder auch in andere Krisensituationen überall auf der Welt zu übertragen.

So zeigt Köhlmeiers Geschichte auch viel davon, wie es ist, in solchen Ausnahmezeiten zu überleben. Schamhan nämlich, der ältere Junge, der schon zu alt ist, um noch ins Mitleidraster zu passen, der sogar schon so alt ist, dass er bald als junger Mann gilt, von dem Gefahr ausgehen kann, weiß, dass sie zu dritt unauffälliger sind, als wenn er alleine unterwegs ist; er weiß, dass sie noch besser durchkommen, wenn ein kleines, niedliches Mädchen dabei ist. Und die Gesellschaft, in der sich die drei Kinder bewegen, bekommt auch den Spiegel vorgehalten, denn nichts ist ja leichter, als die desolate Situation des niedlichen Mädchens für eigene, sehr egoistische Zwecke umzufunktionieren, der Junge, ja mindestens genauso hilfsbedürftig, wird verscheucht.

Köhlmeiers Geschichte ist viel mehr als ein Kunstmärchen. Sie ist vielmehr eine Geschichte, die ethische Fragen aufwirft zum immer wiederkehrenden Thema Flucht und seinen inneren Mechanismen und vor allem auch zur Frage des Umgangs mit diesen Flüchtenden. Und sie ist eine Geschichte, die nicht nur unsere Zeit beleuchtet die Flüchtlingskrise in Mitteleuropa, sondern in ihrer Ausgestaltung in jeder Zeit, in jeder Krise und auf jedem Kontinent spielen könnte.

Michael Köhlmeier (2016): Das Mädchen mit dem Fingerhut, München, Carl Hanser Verlag

Katharina Winkler: Blauschmuck

Günter Grass sah die große Leistung der Literatur darin, dass sie nicht wegschaue, nicht vergesse, sondern das Schweigen breche. Genau das ist auch die große Leistung Katharina Winklers und ihres Debütromans „Blauschmuck“, dem sie die Anmerkung „Nach einer wahren Begebenheit“ voranstellt. Hier erzählt Winkler die Geschichte von Filiz, die in einem kurdischen Dorf aufwächst, heiratet, später mit ihren Kindern nach Österreich ausreist. Und sie erzählt vor allem von dem Ehe-Martyrium Filiz´, das erst nach Jahren endet, weil die Nachbarn in der neuen Heimat dafür sorgen, dass sie in ein Krankenhaus kommt und dann in einem Frauenhaus leben kann, als Yunus, der Ehemann, sie nicht nur, wie sonst üblich, geschlagen und vergewaltigt, sondern regelrecht zusammengeknüppelt hat.

Katharina Winkler findet eine ganz besondere Sprache und eine besondere Erzählhaltung für die Geschichte von Filiz, die die Leser gar nicht ertragen könnten, wäre sie nicht genau so erzählt, wie sie erzählt wird. Winkler lässt Filiz erzählen, als Ich-Erzählerin, die es geschafft hat, sich von sich selbst zu distanzieren, die ihre Umgebung nur beobachtet, die eigenen Handlungen beschreibt und das, was ihrem Körper passiert. Die Schrecken, die ihre Seele erfährt, erzählt sie nicht, sie bleiben Leerstellen. Nur so, nur durch diese Distanz, ist es uns möglich, der Ehegeschichte zu folgen, die so schon ein Gräuel ist. Die Sätze sind oft karg, die Wirkung des Inhaltes das Gegenteil. Manchmal kommen die Sätze daher wie ein Gedicht, beimlLesen entfaltet sich gar ein Rhythmus. Das ist beeindruckend, steht doch die Schönheit dieser Sprache ebenfalls im klaren Gegensatz zu Erzählten. Und Filiz, aufgewachsen auf dem Dorf, in unmittelbarer Umgebung zur Natur und zu den Tieren, findet großartige Bilder aus diesem Kontext, um so ihre Situation, und den der anderen Frauen im Dorf und ihrer Kinder, zu beschreiben und den Schrecken zu verdeutlichen.

In ihrer Kindheit sind sie und ihre Geschwister eine Herde, die bunt und munter durch das Heu purzelt, ein Kinderknäuel, von dem keines weiß, wem diese Hand gehört und jener Fuß. Aber das scheinen nur kurze unbeschwerte Momente zu sein, denn sehr wohl nimmt Filiz wahr, wie die Mutter ein Kind nach dem anderen zur Welt bringt: „Wie eine Kuh wirft meine Mutter ihre Kinder, eins nach dem anderen, zwischen Saat und Ernte und Saat. Dick und schwer steht sie in der Mittagshitze und wendet das Heu. Zwischen zwei Ballen fällt ihr dann ein Kind aus dem Schoß“.

Eines Tages kommen die Wölfe, ein Rudel mit sechs oder sieben Tieren. Sie stürzen sich auf die Schafe, töten sie, fressen sie: „Das Sterben ist rot. Blut auf weißer Wolle, Blut auf grüner Wiese. Blutspuren, Blutschlieren, tropfendes, fließendes, strömendes Blut.“ Yildiz, deren Aufgabe es ist, auf die Schafe zu achten, spielt gerade am Bach. Der Schaden ist groß für die Familie, denn die Familie lebt von ihren Schafen, verkauft sie, tauscht sie gegen Tee, Zucker, Salz, nutzt die Wolle für Kleidung. Der Vater tobt und Yildiz versteckt sich vor ihm im Wald. Erst als er schläft, macht die Mutter sich auf den Weg, um Yildiz Essen zu bringen. Wenn Yildiz sich nicht versteckte, würde ihr Vater sie verprügeln, so, wie er seine Frau schlägt und die anderen Kinder, auch die Söhne. Auch bei den anderen Familien im Dorf ist das nicht anders. Sie alle tragen ihren „Blauschmuck“, erkennbar im Gesicht, am Hals, an Händen und Füßen, der größte Teil dieses „Schmuckes“ versteckt unter der Kleidung, unter großen Tüchern:

„Es gibt hell-blaue Frauen wie Neclavs Mutter und dunkelblaue Frauen wie die Mutter von Fidan, es gibt blau-rote Frauen und blau-schwarze. (…) Viele Frauen wechseln den Blauschmuck von Woche zu Woche, einige von Tag zu Tag. Manche lächeln immerzu trotz ihres Blauschmucks, wie Leyla, manche schweigen in Blau, wie Zehra.“

Auch Filiz wird von ihrem Ehemann ganz selbstverständlich verprügelt. Sie heiratet ihn heimlich, ist vom Hof ihrer Familie geflohen, denn ihr Vater hat der Ehe nicht zugestimmt. Filiz ist vielleicht sogar ein bisschen verliebt. Aber, Yunus macht von Beginn an seinen Besitzanspruch deutlich, sagt „Du gehörst mir“, schickt sie weg vom Bach, in dem die Jungen baden, denn sie soll keinen anderen nackt sehen, nur in nasser Unterhose. Da ist Filiz elf und Yunus dreizehn. Drei Jahre verschwindet er nach Deutschland und als er wiederkommt, will er sie heiraten. Nach Deutschland werden sie gehen, verspricht er Filiz, dort werden sie Jeans tragen. Als sie nach ihrer Flucht aus dem Elternhaus im Haus der Schwiegermutter ankommt, legt die ihr erst einmal ein Kopftuch bereit und ein Kleid, „wie Großmütter es tragen“: „Du wirst Ehefrau.“

Ihre eigene Hochzeit ist nicht ihr Fest. Fremde Menschen kommen und feiern, sie durchläuft die üblichen Rituale, Fremde treten auf ihr Brautkleid, Fremde drängen sie vorwärts, drehen sie im Kreis, verschmieren ihr Zucker im Gesicht. Sie muss die Hochzeitstorte anschneiden, dann wird sie in die Schlafkammer geführt. Vor dem Haus stehen schon die Männer und rauchen und warten, es ist kalt, viel Zeit bleibt nicht, bis Yunus ihnen endlich die Trophäe hinaushält: das befleckte Bettlaken als Zeichen seiner Männlichkeit.

„Yunus hat meine Jungfrau erlegt. Dunkler Fleck auf weißem Laken. Yunus küsst mich, Reglose, stolz auf die Stirn. Er legt das Laken in den Korb, den seine Mutter, die nun meine Mutter ist, ihm gegeben hat, Kante auf Kante, Blutfleck nach oben.
Die Wölfe fressen die Schafe, sie weiden sie aus. Sie wühlen in den Gedärmen. Lunge, Darm, Leber, Milz, Herz, Jungfrau.“

Das Leben im Haus der Mutter ist nichts anderes als Sklaverei und Prostitution. Filiz arbeitet im Haus er Schwiegermutter, sorgt für Yunus als sei er ein Kleinkind, das sich nicht um sich selbst kümmern kann, und wenn er spät nachts nach Hause kommt, vergewaltigt er sie. Die Schwiegermutter, zetert, weil sie meint, nun auch Filiz versorgen zu müssen, später auch die Enkelkinder. Dabei arbeitet Filiz von morgens bis abends. Und diese Tortur geht auch weiter, als Yunus sie nach Österreich holt.

Wie kann Filiz bloß dieses Leben überleben? Den Glauben hat sie schon lange aufgegeben, der kann ihr keine Stütze mehr sein. Auch die Hoffnung erledigt sich spätestens nach ihrer Ankunft in Österreich, als sie eben keine Jeans bekommt, sie weiter eingeschlossen bleibt in der Wohnung, Kontakte zu Nachbarn und in die Schule argwöhnisch beäugt von Yunus. Sicherlich sind die Kinder ein Motor zum Weitermachen, ihre Sorge darum, dass die Kinder eine Schulbildung bekommen, dass die Kinder nicht auch verprügelt werden vom Vater. Eine unglaubliche Stärke zieht sie aber vor allem aus ihrem Stolz: „Du schlägst mich tot, aber Du kommst mir nicht nahe.“

Es ist ein beeindruckendes Debüt, das Katharina Winkler vorgelegt hat. Er besticht durch seine poetische Sprache – und seine inhaltliche Brisanz. Zum Ende berichtet Winkler, wie es mit Filiz und ihren Kindern weitergegangen ist, versieht die Lebensläufe mit Jahreszahlen und transformiert die Geschichte so in die Realität. Und das erklärt die auch politische Brisanz des Romans, denn er scheint den islamophoben Kräften in die Hände zu spielen, ihnen weitere Argumente zu liefern, um auszugrenzen. Kamel Daoud hat diesen Reflex in einem Interview in der FAZ angesprochen, als er die Reaktionen auf die Kölner Silvesternacht beschrieben hat und vom Bild der Barbaren sprach, „die kommen, um zu nehmen, was uns gehört“.

Trotzdem hat Daoud mehrfach auch deutlich gemacht – und diese Erklärung haben ihm französische Professoren, so berichtet die SZ, sehr übel genommen , dass eine Gesellschaft immer auch an ihrem Umgang mit Frauen beurteilt werden könne, und dieses Verhältnis zur Frau sei ein wesentliches Problem der islamischen Länder, denn dort werde die Frau „verleugnet, abgewiesen, getötet, vergewaltigt, eingeschlossen oder besessen“. Wie tief verankert diese Sicht auf die Frau sein kann, davon erzählt Katharina Winkler in ihrem Roman, in dem sich weder Yunus noch Filiz alleine aus diesen Verhaltensmustern befreien können. Davon erzählt Winklers Roman und schaut nicht weg und vergisst nicht und bricht das Schweigen über die Entrechtung der Frauen.

So hat der Roman auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung. Nämlich auch zu begreifen, dass Flüchtlinge aus Ländern kommen, in denen andere Umgangsformen normal und alltäglich sind, die in Europa – zum Teil auch nach einem langen Kampf und einer langen gesellschaftlichen Auseinandersetzung – aber eben nicht toleriert werden. Und zu überlegen, welche Reaktionen – und eben nicht auf dem Niveau der Stammtische – wir dazu entwickeln können. Hinzuschauen und zu helfen, so wie es der Roman erzählt, ist sicherlich eine Möglichkeit.

Katharina Winkler (2016): Blauschmuck, Berlin, Suhrkamp Verlag

Und hier liest Katharina Winkler aus ihrem Roman.

Kamel Daoud: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

Es gibt Stoffe in der Literatur, die durch die Zeiten immer wieder neu erzählt werden. Sie haben einen narrativen Kern, der quasi zeitlos ist, sie haben narrative Ränder, die immer in andere Zeiten und Räume transformiert werden können. Camus´ Roman „Der Fremde“ scheint solch ein Stoff zu sein. Die Urgeschichte lebt fort, findet seit siebzig Jahren begeisterte Leser, die Figuren und ihre Ideen finden Eingang in andere literarische Werke, werden zu Zitaten, zu Referenzen. Der Stoff selbst, die Handlung, die Motive, die Art des Erzählens inspiriert auch immer wieder Schriftsteller. So bleibt der sinnlose Tod des namenlosen Arabers natürlich nicht ohne Antwort in Algerien. Und nun hat auch Kamel Daoud, ein algerischer Journalist, sich mit dem Stoff in seinem Debütroman auseinandergesetzt. Nichts weniger als eine Gegendarstellung ist dabei herausgekommen, eine Sicht der Dinge aus der Perspektive des jüngeren Bruders des Ermordeten, der nun, als alter Mann, endlich erzählen möchte, wie die Tat für ihn war.

Jeden Abend sitzt Haroun in der Bar und trinkt seinen Wein. Er wartet seit Jahren schon auf den Zuhörer, der sich für seine Geschichte interessiert, der endlich kommt, um zu fragen, wie es damals war, vor siebzig Jahren, als Meursault an einem Strand von Algier einen Mann erschossen hat, einen Araber, von dem nicht einmal der Namen überliefert ist. Haroun hat Französisch gelernt, damit er die Geschichte seines Bruders endlich erzählen kann in derselben Sprache, in der auch der Mörder seine Geschichte aufgeschrieben hat. Damit sein Bruder endlich einen Namen bekommt, Moussa heißt er, und so der namenlose Araber eine Identität, damit endlich die Konsequenzen dieses absurden Mordes deutlich werden. Aber Haroun will die Sprache eben nicht so nutzen, wie sie der Mörder nutzt, so, als bestehe sie aus „von Hand behauenen Steinen“, mit Worten die „zu Mathematik werden“, die „sauber“, „präzise“, „eindeutig“ sind.

„Diese perfekte Sprache, die selbst der Luft etwas Diamantenes verleiht, ließ allen den Mund offen stehen, und sie haben ihr Mitgefühl für die Einsamkeit des Mörders ausgesprochen und ihm die gelehrtesten Beileidsbekundungen ausgedrückt.“

Nein, seine Geschichte müsse zwar auch im Französischen erzählt werden, aber „diesmal wie das Arabische, von rechts nach links“. Also werde er damit beginnen von seinem Bruder zu erzählen, von der Zeit, als er noch lebte und durch die Straßen ging, von seinem riesengroßen Äußeren, seinem Bart, seinen starken Armen und seiner Arbeit als Gelegenheitsarbeiter, als Mädchen für alles. Und er erzählt von seiner Familie, dem Vater, der sich irgendwann auf und davon gemacht hat und seine Frau und die beiden Söhne hat sitzen lassen. Eine Schwester haben sie nicht, wie Meursaults Erzählung es nahegelegt hat. Aber Haroun nimmt an, dass Moussa eine Freundin hatte, denn in der Nacht vor seinem Tod nennt er im Schlaf den Namen einer Frau, „Zoubida“. Und seine Mutter reagiert merkwürdig, so, als ahne sie, dass da eine Frau eine Rolle spielt für den älteren Sohn. Wenn es tatsächlich die Frau gewesen ist, die am Tag, als die Mutter mit Haroun Algier verließ, am Weg stand und ihnen nachschaute, dann ist es eine der Algerierinnen gewesen, die sich mit kurzen Röcken, festen Brüsten und blondgefärbtem Haar zwischen den Vierteln der Franzosen und der der Algerier aufhielten.

So also beginnt Haroun seine Geschichte. Als Monolog, den er dem Zuhörer in der Bar, als der wir Leser dort sitzen, erzählt. Eine mündliche Narration, assoziativ, sich manchmal wiederholend, sich nur lose an den Ablauf der Chronologie haltend, manchmal nach vorne springend, manchmal zurück. Eine Erzählung, in der die großen Fragen: „Wie konnte das passieren?“ und vor allem: „Warum musste das passieren?“, nicht geklärt werden können. Eine Erzählung aber, in der Haroun einen tiefen Einblick gibt in die Lebensbedingungen der Algerier in den Zeiten des Kolonialismus, in der er immer wieder deutliche Kritik übt, nicht nur an den Franzosen, auch an seinen Landsleuten, ihrer Religion und der engen Kultur. Und vor allem und in erster Linie eine Erzählung, in der er sein Leben beschreibt nach dem Tod des Bruders, dem völlig absurden Tod, nachdem die Mutter nach einer Phase der Wut in eine Phase einer „spektakulären“ Trauer wechselt, die ihr die Sympathie der Nachbarinnen einträgt, langfristig aber dazu führt, dass Haroun nicht ohne Schuldgefühle leben kann, dass die Mutter Haroun für ihre Trauer instrumentalisiert.

„Ich hatte das Gefühl zu leben, wenn ich auf der Straße war, in der Schule oder auf den Bauernhöfen, auf denen ich arbeitete, dann aber in ein Grab oder einen kranken Bauch zurückzukehren, kaum dass ich nach Hause kam. M´ma und Moussa warteten auf mich, jeder von beiden auf seine Art, und ich fühlte mich fast gezwungen, mich zu erklären und für die verlorenen Stunden zu rechtfertigen, in denen ich das familiäre Messer der Rache nicht geschliffen hatte.“

Haroun meint, er sei nicht wütend, er sei nicht traurig, aber er wünsche sich Gerechtigkeit. Trotzdem: seine Zusammenfassungen der Geschichte Meursaults zeigen schon seinen Zorn darüber, dass er nicht nur nicht wegen des Mordes verurteilt wird, sondern mit seiner perfekten Sprache auch noch alle seine Leser auf seine Seite ziehen kann. Die Todesstrafe wird dann auch nie vollstreckt. Für ihn aber, Haroun, habe mit dem Mord das erst wirklich absurde Leben begonnen.

So ist Harouns Darstellung seines Lebens tatsächlich eine Gegendarstellung, nämlich die Erzählung die dem Leben der Angehörigen des zweiten Toten, des Arabers, nachspürt und die Konsequenzen klärt, die der Mord für die Mutter und den kleinen Bruder haben. Gleich zu Beginn betont Haroun immer wieder die Bedeutung dieses zweiten Toten, von dem Meursaults Geschichte kein Wort erzählt, spricht davon, dass Meursault ihm doch wenigstens einen Namen hätte geben können, vielleicht „Vierzehn Uhr“, den Todeszeitpunkt. Auf Arabisch hieße er dann „Zoudj, die Zwei, das Duo, er und ich“.

Und es ist das Bild der „Zwei“, der Brüder, der Zwillinge, der zwei Seiten, das leitmotivisch durch den Roman führt. Denn so sehr Meursaults Tat sein Leben verändert, so sehr ist sie auch der Ausgangspunkt dafür, dass Haroun mehr und mehr der Zwilling wird von Meursault, sein „Doppelgänger“, sein „Spiegelbild“, dass sie werden wie „Kain und Abel“:

Haroun lernt eine Frau kennen, Meriem, die die Familie gesucht hat, weil sie über den Mord an dem Araber recherchiert hat. Sie zeigt Haroun und seiner Mutter zum ersten Mal das Buch, ein paar Mal trifft sie sich mit Haroun, erklärt ihm die Erzählung, dann bricht sie den Kontakt ab. Er hat sich verliebt und wartet noch Monate am Busbahnhof darauf, dass sie kommt. Danach aber verliebt er sich nie mehr.

Haroun lehnt die Religion ab, ja, ihm graut geradezu vor der Religion. Von den Gläubigen, die freitags zur Moschee gehen, denkt er, dass sie mit dem Gebet nur ihre Angst vor der Absurdität des Lebens übertünchen wollen. Auch das freitags so nachlässige Äußere der Gläubigen, das er von seinem Balkon aus beobachtet, mag Haroun nicht und er wundert sich, dass sie in Schlafanzug und Pantoffeln zum Gebet gehen, als seien an diesem Tag alle Benimmregeln außer Kraft gesetzt. Und von einem Gott, der Unterwerfung fordere, selbst aber noch nie einen Fuß auf die Erde gesetzt habe und sich schon gar nicht um die Lebensfragen der Menschen kümmere, hält er gar nichts.

Haroun ist gleichgültig gegen den algerischen Widerstand, er kämpft nicht mit, hilft nicht, auch wenn er im Dorf deswegen argwöhnisch beäugt wird. Als er dann doch einen Franzosen tötet, so ist das schon ein paar Tage nach der Unterzeichnung der Unabhängigkeit. Sein Mord ist nun kein heroischer Akt des Widerstands mehr, wie er es noch eine Woche vorher gewesen wäre, sondern tatsächlich nur eine wahllose Rache.

Kamel Daoud knüpft in seinem Debütroman an die Geschichte Meursaults an und transformiert sie eine andere Zeit, in eine andere Kultur, hält dabei aber am narrativen Kern, der Philosophie des Absurden, fest. Vielleicht ist ihm dabei nicht DER Roman gelungen, den Camus vor siebzig Jahren geschrieben hat, indem er eine Geschichte, fast eine Parabel, erzählt, die in fast jeder Zeit und an jedem Ort spielen könnte. Daouds Geschichte ist ganz konkret in Zeit und Raum verankert; Daoud lässt seinen Protagonisten mündlich erzählen, sodass viele der Leerstellen, die wir bei Camus finden und die dort zu Deutungen anregen, nun gefüllt sind. Aber auch wenn Daouds Text so anders gestaltet ist, so ist er doch durch die Verortung in einer anderen Kultur, die Spiegelung der die Motive und Verweise und immer wieder durch das Spiel mit Camus´ Erzählung und der philosophischen Diskussion des Existenzialismus, ein überaus gelungener Roman.

Kamel Daoud (2016): Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung, aus dem Französischen übersetzt von Claus Josten, Köln, Kiepenheuer & Witsch

Hier könnt Ihr ein Interview mit Kamel Daoud anschauen, hier eine Rezension lesen und hier eine weitere.

 

Albert Camus: Der Fremde

Er ist dem Leser wirklich fremd, Meursault, der Protagonist und Ich-Erzähler des 1942 erschienen Romans von Albert Camus, gerade dem Leser, der zuvor mit Verena Lueken und Henning Mankell angesichts einer Krebsdiagnose über die Dinge des Lebens nachgedacht habt und darüber, „was es heißt, ein Mensch zu sein2. Und da kommt nun dieser Meursault, dem offensichtlich alles egal ist, der sich nicht nur für nichts interessiert und begeistert, sondern dem nichts wichtig zu sein scheint, ja, der wohl offensichtlich nicht einmal eine Moral hat und sich so von seinem Nachbarn Raymond einspannen lässt, um einen dubiosen Brief zu schreiben und sogar falsch für ihn auszusagen. Nur, damit Raymond sich bei einer Frau rächen oder sie erniedrigen kann.

Meursault fühlt sich wohl auch fremd in seiner Umgebung, fühlt sich nirgendwo richtig zugehörig, hat einen distanzierten, aber sehr detailliert beobachtenden Blick auf seine Welt. Seine Mutter ist gestorben – damit beginnt der Roman –, aber Meursault scheint keine Trauer zu empfinden. Minutiös beschreibt er, wie er seinen Chef um Urlaub bittet, wie üblich in Célestes Restaurant isst und das Mitgefühl bemerkt, dass die anderen Gäste ihm entgegenbringen. Wie er zum Bus rennt und dort die Fahrt nach Marengo verschläft, wie er im Altersheim ankommt und mit dem Heimleiter spricht, wie er in der Leichenhalle sitzt und den Abend und die Nacht dort verbringt. Den Widerspruch, als der Heimleiter erwähnt, seine Mutter habe eine religiöse Bestattung gewünscht, er sich aber daran erinnert, dass seine Mutter, wenn auch nicht ausdrücklich Atheistin, so doch ohne engere Beziehungen zu Glauben und Kirche war, räumt er nicht aus der Welt.

Nach der Rückkehr nach Algier verbringt er seine freie Zeit mit Marie, sie gehen ins Kino, fahren zum Schwimmen ans Meer, aber auf ihre Frage, ob er sie denn liebe, antwortet er ganz lapidar: „Ich habe geantwortet, dass das nichts heiße, dass es mir aber nicht so scheine.“ Immerhin, dass Marie über seine merkwürdige Antwort traurig ist, dass bemerkt er schon.

Meursault hat keine besonderen Interessen, er lebt einfach seinen gleichförmigen Alltag. Wenn er Zeit hat, sitzt er auf seinem Balkon und beobachtet, wie die Menschen erst in die eine Richtung schlendern, ein paar Stunden später in die andere. Wenn er Hunger hat, isst er im Restaurant von Céleste. Abends, nach der Arbeit spricht er mit seinen Nachbarn, mit Raymond, dem im Viertel nachgesagt wird, er sei Zuhälter, mit Salamano, dem alten Herrn, der seinen Hund verloren hat. So ohne jede Höhe, ohne jede Tiefe erzählt Meursault von seinen Tagen.

Und trotzdem, trotz dieser distanzierten Erzählhaltung, trotz der alltäglichen Gleichförmigkeit, trotz einer Sprache, die diese Gleichförmigkeit durch die kurzen, immer wieder ähnlich gebildeten Sätze spiegelt, verstricken wir uns in seinem Alltag und folgen ihm bereitwillig in Raymonds Wohnung, zum Gespräch mit Salamano, zu den Treffen mit Marie. Es geht, gerade von der Sprache, eine faszinierende Wirkung aus, die immer mehr Neugierde entfacht, wie die Geschichte weiter geht. Und es mag sein, dass diese Faszination gerade dadurch entsteht, dass Meursault so genau beobachtet, sowohl seine Umgebung, die Stimmungen seiner Mitmenschen, aber auch seine eigenen Befindlichkeiten. Er kann beschreiben, wie er beim Händeschütteln mit Salamano dessen Hautschuppen gefühlt hat. Immer wieder schaut er in den Himmel und nimmt die kleinste Farbveränderung wahr, er ist einmal blaugolden, wenig später, gegen Abend, wird er rötlich, an einem anderen Tag ist er grün. Die Beerdigungszeremonie beschreibt er als „überstürzt, vorschriftsmäßig und natürlich“, als Ritual also, das darauf ausgelegt ist, dass er, der sonst so genaue Beobachter, sich an „nichts mehr“ erinnern kann – ein absurdes Ritual.

Indem er auf der anderen Seite nichts von sich erzählt, er keine Gefühle offenbart, er keine Bedürfnisse hat und keine Motivationen, hinterlässt er beim Lesen so viele Leerstellen, die der Leser selbst mit möglichen Emotionen und Motiven, mit Mutmaßungen jedenfalls füllen kann. Warum nur schreibt er für Raymond den Brief an die ehemalige Geliebte, warum brüskiert er Marie, mit der er doch gerne die Zeit verbringt, deren Lachen er doch gerne hört, mit seiner Antwort zur Frage nach seiner Liebe, warum mit seiner Antwort zur Frage nach einer Hochzeit? Warum interessiert ihn das Angebot des Chefs nicht, ein Büro des Unternehmens in Paris aufzubauen, warum erklärt er Raymond in diesem Zusammenhang „dass man sein Leben nie ändere, dass eins so gut wie das andere wäre, und dass mein Leben hier mir keineswegs missfiele?“

Und dann kommt der Sonntag, der Meursaults Alltag verändert. Der Tag fängt schon nicht gut an, denn Mersaults wacht nicht recht auf, er hat Kopfschmerzen, die Zigarette schmeckt nicht. Marie, deren weißes Leinenkleid (!) ihm gut gefällt, meint, er habe eine „Leichenbittermiene“. Und als er vor die Haustür tritt, blendet ihn das Sonnenlicht ganz besonders. Dann stehen auch noch die Araber auf der anderen Straßenseite, die ihn und Raymond seit der Aussage im Kommissariat beobachten und verfolgen. Die Zeichen deuten schon an, dass der Tag nicht gut ausgeht. Dabei wollen Meursault und Marie einen Tag am Strand verbringen mit Raymond und einem weiteren Paar, das am Strand eine Hütte hat. Sie gehen auch schwimmen, genießen die Sonne, essen, trinken Wein und Kaffee. Mittags, bei einem Strandspaziergang treffen die drei Männer auf zwei der Araber; es gibt eine Rangelei und Raymond, der diese Konfrontation gesucht hat, wird von einem der beiden mit dem Messer verletzt. Später – es ist 14 Uhr – geht Meursault alleine am Strand entlang, die Pistole, die Raymond ihm bei der Auseinandersetzung gegeben hat, trägt er immer noch bei sich. Am Ende des Strandes, hinter einem Stein und in der Nähe einer Quelle, sieht er einen der beiden Männer im Sand liegend. Der Mann zieht sein Messer, richtet sich allerdings nicht auf, aber das Licht des Messers blendet Mersaults. Und er schießt auf den Mann:

„[…] und da, in dem zugleich harten und betäubenden Knall, hat alles angefangen. Ich habe den Schweiß und die Sonne abgeschüttelt. Mir wurde klar, dass ich das Gleichgewicht des Tages zerstört hatte, die außergewöhnliche Stille des Strandes, an dem ich glücklich gewesen war. Da habe ich noch vier Mal auf einen leblosen Körper geschossen, in den die Kugeln eindrangen, ohne dass man es ihm ansah. Und es war wie vier kurze Schläge, mit denen ich an das Tor des Unglücks hämmerte.“ (S. 87)

Das Tor zum Unglück öffnet sich, als er in Untersuchungshaft genommen wird und sein Gerichtsprozess beginnt. Wieder beobachtet er scheinbar völlig teilnahmslos, als ginge es gar nicht um ihn selbst, als stünde er nicht wegen Mordes vor Gericht. Fast mit Interesse schaut er auf die Zuschauer, betrachtet die anwesenden Journalisten, folgt der Verhandlung, den Aussagen der Zeugen, der Anklage, der Verteidigung. Und nimmt so zur Kenntnis, dass der Prozess sich in eine merkwürdige Richtung entwickelt – weg von der Verurteilung des Mordes und der Frage nach seinem Zustandekommen hin zu einer Beurteilung seiner Person. Vor Gericht steht er nicht wegen seiner Tat, sondern wegen seiner Haltung als Mensch ohne Religion, als Mensch, der den Tod der Mutter ohne Gefühlsausbrüche hinnimmt, als Mensch, der die üblichen Trauerrituale nicht verübt. Darauf steht das Urteil der Todesstrafe.

Im Gefängnis, in der Einsamkeit und der räumlichen Beschränktheit, aber lernt er, auch mit dieser Situation umzugehen: „Das Hauptproblem war wieder einmal, die Zeit totzuschlagen. Von dem Augenblick an, als ich gelernt habe, mich zu erinnern, habe ich mich dann überhaupt nicht mehr gelangweilt.“ Und er bleibt eisern bei seinem Atheismus, auch als der Priester ihn aufsucht und mit ihm spricht über Hoffnung und die Notwendigkeit, Gott anzuerkennen.

Camus´ Geschichte des Fremden ist im gleichen Jahr erschienen wie sein Essay „Der Mythos des Sisyphos“. Meursault verkörpert hier den Menschen, der die Absurdität des Lebens anerkannt hat und der sich auch im Angesicht der Vollstreckung der Todesstrafe nicht in religiöse oder andere metaphysischen Schwärmereien begibt. Wie Sisyphos nimmt er sein Leben an, wie Sisyphos ist auch er glücklich in diesem Leben.

Wenn wir aber dieser Deutung folgen, gehen wir dann Meursault nicht auf den Leim? Haben wir uns dann nicht von ihm einspinnen lassen in seine Philosophie des Absurden, und zum Schluss gar mit ihm die Sinnlosigkeit und die merkwürdigen Winkelzüge des Lebens akzeptiert und angenommen? Finden wir ihn nicht gar sympathisch diesen Protagonisten, der auch aus dem Gefängnis heraus seinem Leben noch Glück abgewinnen kann, alleine, wenn er sich erinnert, wenn er durchs Fenster einen Blick auf den Himmel und seine unterschiedlichen Farben erhaschen kann? Und vergessen ganz – so wie der Prozess ihn auch vergessen hat -, dass Meursault einen Menschen erschossen hat, einen Araber ohne Namen. Und dass niemand zu erklären versucht hat, auch Meursault nicht in seiner Zelle, wie das geschehen konnte.

Es bleiben die vielen Leerstellen in Camus´ Roman, die ihn so interessant machen und so viele Deutungen zulassen, die nie vollständig stimmig sind. Und es ist das große Verdienst des Romans, uns auch heute noch, 70 Jahre nach seinem Erscheinen, so in seinen Bann zu ziehen, sodass uns der Fremde immer mehr auf seine Seite zieht.

Albert Camus (2013): Der Fremde, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag, Sonderausgabe

Henning Mankell: Treibsand

Henning Mankells Titel „Treibsand“ reiht sich ein in die Bücher von Schriftstellern, die sich mit dem Umgang und mit dem Kampf gegen schwere Krankheiten beschäftigen: Erinnert sei an Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“, an Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, an David Wagners „Leben“, an Verena Luekens „Alles zählt“. Jeder der Autoren setzt sich mit dieser völlig existenziellen Bedrohung anders auseinander, nutzt dazu unterschiedliche Gattungen, schreibt mehr oder weniger literarisch, mehr oder weniger biografisch. Ganz unterschiedliche Texte entstehen auf diese Weise, manche nehmen die Krankheit und den Krankenhausbetrieb mehr in den Blick, manche die Schwierigkeiten des Alltagslebens, manche zeigen den großen Halt, den sie aus unserer Kultur gewinnen können. Eines aber ist ihnen allen gemeinsam: Sie geben uns – Gesunden? – Einblicke in die ganz andere Welt, nämlich die der Kranken (dies ist ein Bild aus Luekens Roman „Alles zählt“), aber sie zeigen auch, dass sie nicht nur Kranke, Beschädigte, sind, sondern natürlich immer noch die Menschen mit ihren ganz spezifischen Fähigkeiten und Interessen, die sie auch vor ihrer Erkrankung gewesen sind. So behalten sie ihre Würde.

Henning Mankell, der von Beginn der Diagnose offen mit seiner Erkrankung umgegangen ist, hat uns in diesem Kanon eine ganz andere Facette der Auseinandersetzung hinterlassen. Wer sich vielleicht Memoiren erhofft, wer hofft einen Einblick in seine Schreibwerkstatt zu bekommen, vielleicht gar etwas erfahren möchte über die Entstehung und Entwicklung Kurt Wallanders, der wird sicherlich enttäuscht sein. Wer sich aber einlässt auf den Untertitel „Was es heißt, ein Mensch zu sein“, der wird vielfältige neue Ideen bekommen, was das Mensch-Sein bedeutet. Dabei hat Mankell nicht nur die Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens im Blick, sondern sucht vielmehr die Verbindungen zwischen den Generationen, erforscht die Frage, was es bedeutet ein Glied inmitten einer langen Kette zu sein, wie es in Thomas Manns „Buddenbrooks“ immer wieder heißt.

Zunächst aber zieht ihm die Diagnose Lungenkrebs, der schon Metastasen im Nackenbereich gebildet hat, den Boden unter den Füßen weg. Eine überwunden geglaubte Angst aus Kindertagen ergreift ihn wieder: die Angst, hilflos im Treibsand zu versinken.

„Plötzlich kam es mir so vor, als ob sich das Leben verengte. An diesem frühen Morgen kurz nach Neujahr 2014, an dem ich meine Krebsdiagnose erhielt: Da war es, als schrumpfte das Leben. Die Gedanken setzten aus, eine Art öder Landschaft schien sich in meinem Kopf auszubreiten.
Vielleicht wagte ich es nicht, an die Zukunft zu denken. Sie war unsicher, vermintes Gelände. Stattdessen kehrte ich immer wieder zu meiner Kindheit zurück.“ (S. 27)

Als Kind machte ihm der Treibsand viel Angst. Darin „festzustecken“, „unerbittlich hinabgezogen“ zu werden und sich nicht „befreien“ zu können, erscheint ihm schrecklich. Und er weiß selbst, dass in Schweden die Gefahr, in Treibsand zu geraten sehr klein ist. Trotzdem: dieses hilflose, lähmende Gefühl kehrt nun nach der Diagnose der möglicherweise tödlich verlaufenden Krankheit zurück und hält ihn zehn Tage fest umklammert. Aber als er einen Weg hinausfindet aus der Lähmung und über das Phänomen des Treibsandes recherchiert findet er das Forschungsergebnis einer holländischen Universität, das die Geschichten und Erzählungen vom Treibsand als Mythos entlarvt.

In kurzen Kapiteln versammelt Mankell nun Erzählungen und Reflektionen darüber, „was es heißt, ein Mensch zu sein“. Er erzählt einige, wenige Episoden, die er erlebt hat und die einige wenige Schlaglichter werfen auf sein Leben: dass er die Schule geschmissen und ein paar Monate das wirkliche Leben in Paris erlernt hat; dass es ein großes Glück seiner Kindheit gewesen sei, wenn einmal im Jahr der Zirkus gekommen ist und seine Zuschauer in eine Welt der Magie entführte; dass er einige Monate auf eine griechische Insel gereist sei, um sich ausgiebig mit der Geschichte der europäischen Kultur vertraut zu machen. Über seine Reisen erzählt er, ein bisschen etwas über sein Leben und seine Erlebnisse in Afrika. Mankell erzählt diese Geschichten aber nicht einfach nur so, erzählt sie nicht, um einen Einblick in sein Leben zu geben, sondern immer als Beispiel für eine besondere Erkenntnis, für einen größeren Zusammenhang – manchmal auch für politische Zusammenhänge.

So hat die Reise nach Paris ihn gelehrt, Entscheidungen zu treffen. Kleine Entscheidungen, wenn es des knappen Geldes wegen darum ging, zwischen dem Rauchen und einer Mahlzeit zu wählen; die große, wichtige Entscheidung, wenn er überlegt, wie es in seinem Leben weitergehen soll, was er mit seiner Zukunft anstehen will. Wenn er von den vielen Kindern erzählt, die in Maputo, manche direkt neben dem Theater, in dem er arbeitet, auf der Straße in Kartons schlafen, weil sie nicht bei ihren Eltern bleiben konnten – manchmal ist es der Stiefvater, der die fremden Kinder verstößt – so ist das nicht nur eine tragische Geschichte, sondern sie zeigt auch, welche Privilegien wir haben, weil wir nicht mit dem Überlebenskampf beschäftigt sind, sondern tatsächlich unserem Leben verschiedene Richtungen geben können.

Viele seiner Erzählungen kreisen um die kulturellen Werke, die uns unsere Vorfahren hinterlassen haben. Mankell erzählt von seinem Besuch des ältesten Gebäudes der Welt, dass auf Malta steht: Hagar Qim, eine Tempelanlage, die rund 6000 Jahre alt ist und damit 1000 Jahre älter als die Cheops-Pyramide. Wir wissen heute nicht einmal, welche Götter in diesen Tempeln angebetet wurden. Mankell erzählt davon, wie 1939 im Höhlensystem Höhlenstein-Stadel auf der schwäbischen Alb Archäologen auf viele Fragmente aus Mammut-Elfenbein stießen. Wegen des Krieges kümmerte sich niemand weiter um diesen Fund, bis 1988 und dann 2012 die Fragmente rekonstruiert wurden und eine 30 Zentimeter hohe Skulptur entstand: eine menschliche Gestalt mit einem Löwenkopf.  Diese Figur ist vor fast 40.000 Jahren entstanden, als ein Mensch aus einem Stück Elfenbein etwas ganz Neues, nämlich eine fantastische Figur, geschnitzt hat. Mankell erzählt von den Höhlenmalern, die ihre Kunstwerke vor rund 30.000 Jahren an die Wände malten. Meistens sind es Tiere, die die Künstler dort verewigt haben, manche haben gleich achte Beine. Wer sie betrachten will, muss Licht mitbringen und im Schein des flackernden Feuers sieht es aus, als seien die Tiere in Bewegung.

Vor so unvorstellbar vielen Jahren haben Menschen Kunstwerke geschaffen, die die Zeiten bis heute überstanden haben. Sie sind, so Mankell, Individuen gewesen wie wir. Sie wollten ihr Leben darstellen, die wollten ihre Fantasien festhalten, vielleicht auch unterhalten. Mankell fühlt sich mit diesen Menschen verwandt:

„Ich bin bei den Höhlenmalern zu Hause. So wie sie bei mir.“ (S. 283)

Mankell scheint eine große Zuversicht und Kraft daraus zu ziehen, dass die Menschen über so viele Generationen in ihrem grundsätzlichen Streben verbunden sind. Und so liegt die Frage nahe, was wir unseren Nachfolgern hinterlassen. Kulturelle Werte sind es nicht, die er hier immer wieder ins Feld führt. Vielmehr ist es unser Abfall, weniger der auf den vielen Müllkippen, sondern unser atomarer Abfall, der Mankell beschäftigt. Wird er sicher gelagert werden können über vierzigtausend Jahre? Werden die Menschen in vierzigtausend Jahren verstehen, was da in Höhlen in Schweden versteckt ist, Menschen vielleicht, die nach einer Eiszeit diese Gebiete wieder zu besiedeln beginnen? Werden sie die Warnhinweise verstehen, die wir dort zu ihrem Schutz angebracht haben?

Natürlich hat Mankell uns nicht nur ein politisches Buch hinterlassen – aber dieser Gedanke unserer Verantwortung und Verpflichtung unseren nachfolgenden Generationen beschäftigt ihn schon stark, vor allem im ersten Drittel seines Buches. Später finden die Überlegungen mehr Platz, die die Verbundenheit mit den Höhlenmenschen, die Verbundenheit mit den Afrikanern, mit denen wir Europäer uns schließlich eine gemeinsame Urmutter teilen, eine wichtige Rolle spielen.

Henning Mankell greift viele Themen lose auf in seinen oft nur ein paar Seiten reichenden Kapiteln, die eher assoziativ miteinander verbunden sind. Darin verknüpft er immer wieder ein Erlebnis, eine Geschichte, eine Anekdote mit dem größeren Ganzen. Und bleibt auch bei seinem ganz persönlichen Erleben und seiner Idee davon, dass er „sich niemals die Freude nehmen lassen“ will. Dass auch das Lesen, dass auch die Bücher eine große Rolle spielen in seinem Leben, dass sie für ihn auch in Krisenzeiten immer wieder eine wundersame Kraft entfaltet haben, auch davon erzählt er. Und zeigt uns damit diese unbeugsame Haltung, die wir auch in den Büchern Schmidts, Luekens und Herrndorfs finden.

Henning Mankell ist in seiner Auseinandersetzung mit der tödlichen Diagnose der Frage auf den Grund gegangen, was es aus der Perspektive der Geschichte heißt, ein Mensch zu sein. Das ist sehr lesenswert.

Henning Mankell (2015): Treibsand, Wien, Paul Zsolnay Verlag

Verena Lueken: Alles zählt

Die Erzählerin hat sich eine Auszeit genommen. Sie will in New York, in der Wohnung von Freunden, die vor der Hitze des Sommers aus der Stadt geflohen sind, darüber nachdenken, wie es in ihrem Leben weiter gehen könnte. Vor allem, ob sie weiter schreiben möchte und wenn ja, was für Texte das sein sollen. Sie hat das Gefühl, nun etwas Neues ausprobieren zu müssen, sie ist offen für Inspirationen und neugierig und möchte diesen Suchprozess in New York erleben, in der Stadt, in der sie immer mal wieder gelebt hat.

Dazu streift sie durch die Straßen, sie beobachtet die Menschen, wie sie vor den Bars und Cafés sitzen, entdeckt ein Kino, ein winzig kleines Zimmerkino, das ausgerechnet von dem Dokumentarfilmer betrieben wird, der in den 1960er und 70er Jahren einen legendären Film über die Rolling Stones gedreht hat, ein inzwischen hochbetagter Mann. Sie liest Salter, den amerikanischen Autor, den sie noch nicht gelesen hat, dessen neuester Roman aber gerade erschienen ist, „All that is“, und der sie so begeistert, dass sie seine anderen Romane auch gleich auf ihren Lese-Stapel legt. Und sie wird krank.

Es ist zunächst eine fiebrige Infektion, die sie zum Arzt treibt. Und dann wird ein Karzinom in der Lunge diagnostiziert, zum dritten Mal in den letzten fünfzehn Jahren. Beide Erkrankungen hat sie in New York gehabt, beide Male ist sie wieder gesund geworden. Nun, wieder in New York, in der Stadt, die sie so liebt, in der sie sich heimisch fühlt wie sonst nirgendwo auf der Welt, ist er wieder da, ausgerechnet auf der Lungenseite, die schon einmal operiert wurde, auf der das Gewebe durch die Strahlentherapie verbrannt ist: Es werde eine große Operation, meint die Ärztin, die schon damals operiert hat, aber keine enorm große OP. Die Heilung aber, die werde dauern.

Nun könnte man denken: Ach, schon wieder ein Buch über eine Krankheit, schon wieder ein Buch über Krebs. Natürlich geht es auch darum, denn die Erzählerin schildert den Weg von Diagnose und Operation über die langen und vor allem sehr schmerzhaften Heilung bis zu ihrer Reise nach Myanmar, vielleicht zu einem ganz neuen Lebensabschnitt. Aber: Diese Erzählerin ist eine (lebens-)mutige, eine (selbst-)ironische, eine ungemein kraftvolle Protagonistin, die sich einlässt auf das, was ihr bevorsteht – „Die Diagnose hatte sie zunächst gar nicht so tief greifend erschreckt.“ – und die auch später, in den dunkelsten Stunden, immer wieder Kräfte zu mobilisieren weiß. Und so ist dieser Roman viel mehr ein Lebensbuch als ein Krankheitsbuch. Ein Buch, in dem die Literatur immer wieder Anker bietet, die Musik, das Kino, die Erinnerungen natürlich und die Menschen, die ihr nahe- und beistehen.

Und Trost bringen ihr auch die Erinnerungen an besondere Orte, den Strand bei Montauk zum Beispiel, an dem sie nach der ersten Operation entlanggewandert ist, oder die Erinnerungen an die Urlaube der Kindheit: die Bilder von den Bergen, vom Kliff in Jugoslawien, von den Booten auf den Seen in Kärnten, von ihrer neuen Taucherbrille, „ihre eiserne Reserve kindlichen Glücks, auf das sie zurückgriff, wenn die Welt ihr entschwand, die Liebe, die Zukunft.“ Trost bringen ihr am Krankenbett auch die Worte, die Zitate eben aus den Büchern, auch aus Popsongs:

„Immerhin kamen die Wörter noch zu ihr, wenn auch häufig auf verschlungenen Wegen, die eigenen manchmal und manchmal eben auch die fremden, und sie spürte wie sehr sie die Gemeinschaft der Wörter und Sätze brauchte, sie sie mit denen verband, die sie gesprochen, gesungen oder geschrieben hatten, ohne ahnen zu können, wie voller Trost sie einmal sein würden für eine Frau, deren Seele gerade hinter ihr her trottete.“ (S. 104)

Im Krankenbett in New York, im Krankenbett daheim in Frankfurt, ist ihr Lebensradius eingeschränkt. Es passiert nichts, was nicht irgendwie mit dem Gesundwerden zu tun hat. Diese Ebene der Realität schildert die Erzählerin anschaulich, aber doch auch distanziert und vor allem nie rührselig. Und weil diese Erlebniswelt rund um das Krankenbett so eingeschränkt ist, lässt sie sich ein auf die vielen Assoziationen, Erinnerungen und Reflexionen, denen sie nachgehen kann, denn: Alles zählt.

Da ist zum Beispiel das Kissen, das sie ganz besonders herausfordert, ein pinkfarbenes, das sie schon bei vielen anderen Patienten gesehen hat. Eine Schwester überreicht auch ihr ganz feierlich eines kurz vor der Operation. Auf der einen Seite steht: „Take a deep breath. Hold me tight. Cough!“ Und auf der Rückseite ist eine stilisierte Lunge abgebildet, als Strichzeichnung. Und sofort springt die Erzählerin auf diese Unzumutbarkeit an, seziert das Kissen, seziert die Haltung des Krankenhauses:

„Hightech und Infantilismus, die berüchtigte amerikanische Mischung, selbst hier, dachte sie. Sie lachte über die Aufschrift. Sie hätte auch heulen können. Hold me tight. In einem Krebskrankenhaus, wo jeder in eine Umarmung will? Wo jeder denkt, ich und diese Krankheit, wir gehören nicht in denselben Satz, nicht schon wieder, in ihrem Fall, und auf keinen Fall aufs selbe Kissen? Und die kommen ihr mit einem solchen Ding. Pink. Take a deep breath. Waren die verrückt geworden?“ (S. 69)

Kaum der Operationsnarkose entkommen, erkennt sie jedoch die wundersamen Wirkungen des Kissens, klemmt es sich selbst unter den Arm und auf die Wunde und übersteht so so manche Schmerzattacke. Sie wandert nie mehr ohne dieses Kissen die vorgeschrieben eine Meile über die Krankenhausflure und natürlich begleitet dieses Kissen sie auf ihrer Rückreise nach Frankfurt – kein Gedanke mehr an die Verrücktheiten im New Yorker Krankenhaus.

Auch der Tod ist ein Thema, die Frage nach der eigenen Beerdigung – wirklich vorstellen kann oder will sie sie sich nicht. Aber dieser Gedanke führt zu einem anderen, nämlich zur Frage des Grabes, dann zum Erinnern an das Doppelgrab ihrer Mutter und schon ist ihre Assoziationskette beim Leben der Mutter und sie erinnert sich: an ihre Migräneanfälle und die entsteinten Mirabellen, die die Mutter zu essen wünschte, wenn der Kopfschmerz sie losließ; ihr großer Ärger der Tochter gegenüber, als sie einmal die Steine nicht heraus gepult hatte; an das Doppelleben der Mutter, die neben der Ehe auch eine Liebesbeziehung zu einem anderen Mann lebte, den schiefen Blicken der Nachbarn in der Nachkriegszeit zum Trotz; an den plötzlichen Tod dieses Mannes und wie die Mutter ein Leben danach bewältigt:

„Durch seine Liebe wäre sie im Leben aufgehoben gewesen. Sie fühlte sich bis zuletzt getragen von ihr, schau mal, sagte sie, da war sie fast neunzig, wie lange das schon hält. Sie wollte ihrer Tochter dasselbe Gefühl hinterlassen, du wirst sehen, was ich meine. (…) Ich werde dich tragen, auch wenn ich nicht mehr bin.“ (S. 45)

Neben der Geschichte von der besonderen und sicherlich nicht immer einfachen Beziehung und der Liebe zur Mutter sind auch die präzisen Auseinandersetzungen mit dem Thema Krebs bemerkenswert, die sie im zweiten Teil des Buches formuliert. Dabei setzt sie sich mit allen möglichen Facetten der Erkrankung kritisch und durchaus auch scharfzüngig auseinander. Mit der Frage der Schuld – die sich bei der Diagnose Lungenkrebs ja in den Augen der meisten von selbst beantworte: Schuldig!-; mit der Frage des Zusammenhangs zwischen Charakter und Krankheit – sie kann sich das eigene Innere kaum als Auslöser einer Krankheit vorstellen – bis hin zur Frage des Lebenssinns, den die Krankheit bieten könne – doch wohl nur denjenigen, die ihn vorher vergeblich suchten.

Überzeugend ist nicht nur die Haltung, die die Protagonistin sich durch ihren langen und harten Genesungsprozess hindurch bewahrt, ihre genauen und klugen Betrachtungen, frei von jedem Pathos und jeder Mystik. Überzeugend ist ganz besonders auch Sprache, in der diese Geschichte erzählt, in der die Reflexionen, Überlegungen und Erinnerungen formuliert sind: klar präzise, immer auf den – manchmal auch heiklen – Punkt. Sätze, die man gerne herausschreibt aus dem Roman, um sie auch ohne ihren inhaltlichen Kontext immer mal wieder betrachten, immer mal wieder lesen zu können.

Irgendwann lassen die Schmerzen nach, irgendwann hat sie sich von ihren Drogen befreit: „Ich bin hier.“ Und so beginnt sie ihre Reise nach Myanmar, an den Strand und auf die Suche nach einem Masseur, den sie dort vor zwei Jahren kennengelernt hat und der sie so beeindruckt hat, weil er zu ihr sagte „You are so kind.“ Sie findet ihn nicht, aber den Arzt eines kleinen Krankenhauses, der ihren verstauchten Knöchel versorgt und der ihr dann auf der Dachterrasse des Krankenhauses seine Geschichte und die seines Vaters, der zusammen mit Aung San Suu Kyi für die Freiheit und Demokratie in seinem Land gekämpft habe. Er lädt sie ein, mit ihm in die Berge zu kommen, dort baue er eine Krankenstation.

„Sie spürte, sie war angekommen. Nicht wilde Dunkelheit umgab sie, sondern gleißendes Licht, ein Himmel ohne Horizont, in dem die Erde verschwunden war. Ihre Seele hatte sie längst eingeholt.“ (S. 205)

Verena Lueken (2015): Alles zählt, Köln, Verlag Kiepenheuer & Witsch

Mercedes Lauenstein: nachts

Wer nachts durch die dunklen Straßen geht, der stellt sich wohl schon die Frage, was die Menschen tun in den Wohnungen, in denen die Lampen leuchten. Und fragt vielleicht weiter, was das für Menschen sind, wie alt sie sind, wie sie wohnen, warum sie wach sind. Das erleuchtete Fenster jedenfalls, das einen knappen Blick gewährt in ein anderes Leben, regt die Fantasie an und macht neugierig.

Mercedes Lauensteins schickt ihre namenlose Ich-Erzählerin los, um die Geheimnisse hinter den nachts erleuchteten Fenstern zu erkunden. Die Erzählerin, selbst schlaflos, wandert durch die Straßen der Stadt, sucht nach Mitternacht nach Lichtern in den Zimmern und hofft, dass, je später es wird, wenigstens eines der Fenster in jeder Straße erleuchtet bleibt – dass also wenigstens einer außer ihr selbst noch wach ist. Und eines Nachts, es regnet stark, da fasst sie den Entschluss, bei einer solchen Wohnung zu klingeln. Während sie die Treppen hinaufsteigt, überlegt sie sich eine Erklärung für ihren nächtlichen Besuch, erfindet sich eine Art Forschungsprojekt, durch das sie – so erklärt sie – erkunden möchte, welche unterschiedlichen Gründe es gebe, dass die Menschen nachts wach sind. Ob dieser Grund tatsächlich ihre Motivation ist, ob dieser Grund genauso geschwindelt ist, wie die unterschiedlichen Namen, die sie immer wieder nennen wird, ihre unterschiedlichen Berufe: das bleibt offen.

Die fünfundzwanzig Besuche, an denen sie den Leser teilhaben lässt, laufen immer wieder nach einem ähnlichen Muster ab: Wenn die Erzählerin Einlass gefunden hat, beschreibt sie meistens Aufteilung und Einrichtung der Wohnung, beschreibt die Menschen, die dort leben, und beginnt ihre Befragung: „Was machst du nachts, wenn du nicht schläfst?“ Und die Befragten erzählen die Gründe ihrer Schlaflosigkeit und erzählen dabei auch noch Facetten ihres Lebens, nicht ihre ganze Biografie und was sie grundsätzlich umtreibt, aber schon, was sie gerade bewegt und was hinter der Schlaflosigkeit dieser Nacht steckt. Immer wieder haben sie natürlich auch Erklärungen dafür, welche Bedeutung gerade diese Stunden in der Nacht haben:

„Und nachts auf zu sein“, sagt Julian, der morgens ganz schlecht wach wird, nie vor elf Uhr, und den abends immer diese besondere Produktivität überkommt, dass er gleich die ganze Nacht durcharbeiten kann, „hat schließlich auch deshalb etwas Euphorisierendes, weil es ein bisschen verrucht ist. Man beugt sich nicht dem Zwang, dem sich alle beugen. Am Tag wach zu sein, abends zu schlafen, bloß immer im Rahmen bleiben.“

Kathy, eine promovierte Politikwissenschaftlerin, die in einem Schulsekretariat arbeitet, ihr Geld eisern spart, damit sie all ihre freie Zeit für das Reisen nutzen kann, hat kein großes Schlafbedürfnis mehr. Sie steht gerne nachts vor der Weltkarte, die sie in ihrem Zimmer aufgehängt hat und auf der sie alle Orte, an denen sie bisher schon gewesen ist, durch eine bunte Nadel gekennzeichnet hat. „Sie streicht mit den Fingern jede einzelne von ihnen und geht im Kopf die Erinnerungen durch.“ Heute Nacht ist sie aber nur wach, weil sie eigentlich aufräumen wollte, denn sie ist erst Sonntag aus Helsinki zurückgekommen und will in der nächsten Woche wieder los, zwei Wochen nach British Columbia.

Thomas, der gerade aus London nach München zurückgekehrt ist, weil Rosanna mit ihm Schluss gemacht hat, mag besonders die Sommernächte: „Siehst du, so früh wird es jetzt hell“, sagt Thomas. Im Sommer bin ich gerne wach. Im Winter nicht, da schaue ich, dass ich früh ins Bett komme. Da ist es ja schon am Tag dunkel genug, das muss ich meinem Organismus nicht antun. Im Winter ist die Dunkelheit trauriger, irgendwie dichter, zäher. Im Sommer ist sie feiner, da ist die Luft ganz anders, wie mit Kohlensäure versetzt, und die Stunden zwischen Sonnenuntergang und –aufgang sind dermaßen kurz, dass man sie wie aus Versehen durchwacht.“

Es sind manche dieser Beschreibungen der Nacht, diese ganz unterschiedlichen Sichtweisen auf eine Zeit, in der die meisten Menschen schlafen, die diese Besuchsprotokolle interessant machen. Und wie Protokolle sind die einzelnen Episoden auch geschrieben, mit Wochentag und genauer Uhrzeit versehen, dann folgt in sachlichem Stil das, was die Erzählerin erlebt und in Erfahrung gebracht hat: Die vielen Menschen jedoch, die die Ich-Erzählerin besucht, so spannende, abgedrehte, verrückte oder traurige Geschichten sie auch erzählen, sie verlieren sich bei den fünfundzwanzig Berichten. Dabei sind es so unterschiedliche Geschichten, die sie erzählen: der Bäcker zum Beispiel, längst im Ruhestand, der aber seinen alten Tages- und Nachtrhythmus nicht mehr verändern kann; die junge Mutter, die früher immer nachts unterwegs war und es nun genießt, ihren kleinen Sohn zu stillen; der merkwürdige Egon, der verwirrt oder verrückt erscheint und die Erzählerin gleich mal auf dem Balkon aussperrt; Max, der als Beleuchter im Theater arbeitet und auf Julia wartet, die in einer Bar arbeitet und nach Arbeitsschluss vorbeikommt. Gerade aber weil diese Besuche alle nach einem ähnlichen Muster erzählt werden, gerade weil es kaum Abwechslung gibt, gerade weil keine der Geschichten wirklich weiter geht, erlahmt auch das Interesse des Lesers schnell.

Von der Erzählerin dagegen erfährt man – auf den ersten Blick – gar nichts, den Namen nicht, nichts darüber, wie sie wohnt, was sie außerhalb ihrer nächtlichen Besuche macht. Doch dann, es ist schon der einundzwanzigste Besuch, trifft sie eines Nachts Jule. Jule ist Architekturstudentin, auf ihrem Arbeitstisch liegt ein großer Styropor-Klotz, aus dem muss diese Nacht noch das Modell eines Hauses werden, das sie am Morgen abgeben muss. Wieder einmal hat sie keinen Plan gemacht, wieder einmal hat sie gehofft, dass ihr schon am Ende etwas einfallen wird. Nun sitzt sie immer noch ratlos vor dem Klotz:

„Sie seufzt und nickt mit dem Kinn Richtung Schreibtisch, zu ihrem Styropor-Klotz.
„So was da. Das ist auch mit Erwartungen aufgeladen. Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll. Ich kann alles daraus machen. Aber ich will eigentlich gar nichts daraus machen.“ (S. 162)

Die Erzählerin wüsste schon, was sie aus dem Styropor-Klotz gestalten würde, ein Boot nämlich, das sie am Fluss schwimmen lassen würde. Und dann dokumentiert sie in ihrem Besuchsprotokoll auch das, was sie tun würde, wenn ihr Boot am Fluss immer weiter von ihr fortgetrieben würde. Und so gibt die Erzählerin ganz zum Ende ihrer Besuchsprotokolle doch noch etwas preis über sich selbst. Es sind diese Passagen im Buch, die den Leser dann doch noch ein bisschen mit der Lektüre versöhnen.

Mercedes Lauenstein (2015): nachts, Berlin, Aufbau Verlag

Ferdinand von Schirach: Terror

Darf ein Luftwaffenpilot ein von Terroristen entführtes Flugzeug abschießen, um so zu verhindern, dass das Flugzeug in einem voll besetzten Fußballstadion zum Absturz gebracht wird? Genau diese Frage verhandelt von Schirachs Theaterstück „Terror“. Verhandelt es im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Zuschauer erleben nicht nur die Gerichtsverhandlung auf der Bühne, sondern sind selbst die Schöffen, die abstimmen über eine Verurteilung oder einen Freispruch des Piloten.

Es sind immer wieder diese moralisch und auch rechtlich fast unlösbaren Fragen, die, in Literatur verarbeitet, dem Leser und Zuschauer nicht nur zeigen, was Rechtsstaatlichkeit im besten Sinne bedeutet, nämlich eine sachliche, möglichst emotionslose Abwägung verschiedener Argumente, sondern ihn auch einbeziehen in diesen Abwägungsprozess, ja, von ihm eine Stellungnahme einfordern. Im letzten Jahr hat Ian McEwan in seinem Roman „Kindeswohl“ solch eine Gerichtsverhandlung erzählt, in der die Parteien sich mit guten Argumenten ausgetauscht haben darüber, ob einem jungen Mann, der aber noch nicht volljährig ist, eine Bluttransfusion gegeben werden soll, auch wenn er und seine Eltern dies aus religiösen Gründen ablehnen. Gerade die Schilderung dieses Gerichtsverfahrens, dieses Abwägens der verschiedenen Positionen, dieses Ringens darum, was nun das Beste sei, was auch aus der Sicht des Rechtes das Beste sei, ist eine ganz beeindruckende Szene, die, über den aktuellen Fall hinaus, zeigt, welchen wichtigen Beitrag diese gerichtlichen Konfliktlösungen zum Bestehen unserer Gesellschaften leisten.

Und nun greift von Schirach eine Thematik auf, die im letzten Jahr nach dem Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo, der sich jetzt gerade jährt, und den Terroranschlägen im November in Paris, eine ganz besondere Brisanz bekommen hat, sodass der zugrunde liegende Sachverhalt uns gar nicht mehr so entfernt, so fantastisch vorkommt, auch wenn von Schirach das Stück deutlich vor den Ereignissen in Frankreich geschrieben hat.

Lars Koch, Major der Luftwaffe, hat eine Lufthansa-Maschine mit einem Luft-Luft-Lenkkörpergeschoss abgeschossen. Die Maschine, auf dem Weg von Berlin nach München, ist von Terroristen gekapert worden, sehr schnell haben sie aus dem Cockpit bekannt gegeben, dass ihr Plan ist, das Flugzeug in das Münchner Stadion zu lenken, dorthin, wo gerade 70.000 Zuschauer das Länderspiel Deutschland gegen England anschauen. Den Dienstvorschriften in diesen Situationen folgend sind Jagdflieger der Alarmrotte aufgestiegen, haben versucht, Sichtkontakt zum Cockpit des Flugzeuges herzustellen, haben versucht, die Maschine von ihrem Kurs abzudrängen, haben auch einen Warnschuss abgegeben, konnten mit diesen Maßnahmen jedoch nichts erreichen. Und dann hat Lars Koch, als die Maschine sich ca. 25 Kilometer vor München zum Anflug auf das Stadion in den Sinkflug begeben hat, gegen den ausdrücklichen Befehl des Ministers entschlossen, das Passagierflugzeug abzuschießen: Er hat 164 Passagiere getötet, um 70.000 Zuschauer im Stadion zu retten.

Die Sache scheint klar, den Zuschauer mag wundern, dass Koch überhaupt vor Gericht steht, immerhin hat er dafür gesorgt, dass nicht noch ein viel größeres Unglück passiert ist, als dass die Passagiere des Flugzeugs getötet wurden. Koch, so sieht es zu Beginn der Verhandlung aus, hat entschieden gehandelt, eher scheint er sich für einen Orden empfohlen zu haben, als dass er sich für diese Tat vor Gericht verantworten muss.

Das Gerichtsverfahren aber, die Vernehmung Kochs, die Vernehmung seines Vorgesetzten, des Oberstleutnants Lauterbach, die Vernehmung der Zeugin und Nebenklägerin Meiser, die immer wieder bohrenden Fragen der Staatsanwältin und ihr Plädoyer sowie das des Verteidigers, eröffnet dann doch ganz neue Blickwinkel auf diesen zunächst scheinbar so ganz klaren Fall. Wichtige Fragen werden geklärt, nämlich warum das Bundesverfassungsgericht das Luftsicherungsgesetz 2005 als nicht verfassungskonform zurückgewiesen hat, das solch eine Handlung durch die Bundeswehr erlauben würde; was die in Art 1 des Grundgesetzes festgeschriebene Würde des Menschen denn sei; ob es nicht andere Möglichkeiten zum Schutz der Zuschauer im Münchener Stadion gegeben hätte; was innerhalb des Flugzeugs passiert sei, was die Passagiere getan haben, was der Pilot noch hätte tun können; welches Verhältnis es gebe zwischen Moral und Gesetz und was das aussage über die Verfasstheit des Rechtsstaates; welche Bedeutung das „kleinere Übel“ in Fällen des Überlebens habe und wie Terroristen handeln können, wenn sie das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes in ihre dunklen Überlegungen einbeziehen.

Am Ende der Plädoyers mag der Leser, mag der Zuschauer nicht mehr so klar in seiner Haltung sein wie zu Beginn der Verhandlung. Der Zuschauer im Theater, der mit der Eintrittskarte auch die Aufgabe des Schöffen erworben hat, der soll nun entscheiden, ob Koch freigesprochen oder verurteilt wird. Der Leser aber kann sich Zeit lassen mit seiner Entscheidung, kann abwägen, die Argumente noch einmal nachlesen, gedanklich erproben, welche Konsequenz die eine oder die andere Entscheidung hat. Was die Konsequenz der Verurteilung Kochs betrifft, so wird über die Höhe des Strafmaßes übrigens an keiner Stelle gesprochen, allein der Vergleich mit einer ähnlich gelagerten, aber schon lange zurückliegenden Geschichte lässt aufhorchen, dass von „lebenslänglich“ ja gar nicht die Rede sein muss.

Vielleicht greift der Leser auch noch zu Schirachs Essaysammlung „Die Würde ist antastbar“ und liest dort den ersten gleichnamigen Artikel, der den Untertitel trägt „Warum der Terrorismus über die Demokratie entscheidet“ (2013). Dort führt der Autor, übrigens zum Teil wortwörtlich die Argumentation der Staatsanwältin vorwegnehmend, einige Beispiele an, die erschreckend zeigen, an welchen Stellen unser Grundgesetz, auch der Art 1, in jüngster Zeit immer wieder aufgeweicht wird, um den Staat und die Bevölkerung vermeintlich gegen den Terrorismus zu schützen. Da werden Terroristen gleich mal zu Feinden erklärt, für die qua Bezeichnung das eigene (Bürger-)Recht nicht gelte: Terroristen, die den Staat angreifen, sind danach vogelfrei, sie werden zu Rechtlosen. Nach dieser Theorie dürfen sie gefoltert werden, wenn sie unsere Gesellschaft zerstören wollen – ein Lager wie in Guantanamo wäre [dann] auch in Deutschland legal.“ In diesem Zusammenhang sieht von Schirach auch das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung (auch wenn er auf die aktuelle Version hier nicht eingeht), das ebenfalls die Grundrechte der Bürger beschneide.

Man mag den Fall der Flugzeugentführung aus der Sicht der Bedeutung der Gesetze sehen oder aus der Perspektive des „kleineren Übels“. Der Richter, ein wohl weiser Mann, erzählt, bevor die Schöffen ihre Stimme abgeben, vom griechischen Philosophen Karneades. Der hielt 115 Jahre vor Christus Geburt im Rom an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Vorträge. Am ersten Tag argumentierte er für einige Rechtsthesen, am zweiten dagegen: „Die Zuhörer waren empört. Dabei bewies Karneades nur, dass die Wahrheit keine Frage der Argumentation ist.“

Wer auf die Abstimmungsergebnisse in den Theatern schaut, die hier nachgesehen werden können, hat einen ersten Blick auf diese „Wahrheit“. Er hat bei diesem Blick auch eine Erklärung fürvon Schirachs Essayuntertitel: „Warum der Terrorismus über die Demokratie entscheidet“: Die Bedrohung muss nur groß genug sein, und schon haben wir eine Antwort auf das eingangs beschriebene moralische und auch auf das rechtliche Dilemma und werfen dabei auch ohne weiteres rechtsstaatliche Prinzipien über Bord.

Ferdinand von Schirach (2015): Terror, München/Berlin, Piper Verlag
Ferdinand von Schirach (2015): Die Würde ist antastbar, München/Berlin, Piper Verlag

Hier geht es zu den Besprechungen der Theateraufführungen in Berlin/Frankfurt und in Düsseldorf.

Und hier könnt ihr die Besprechung des Dramas von Christoph nachlesen.

 

Buchsaitens-Blogparade 2015

Und wieder ist es Zeit für Katrins  nun schon traditionelle Jahresend-Blogparade, in der sie uns nunmehr zum siebten Mal ein paar Fragen aufgibt, die helfen, das eigene Lesejahr noch einmal Revue passieren zu lassen.
Ich mogel mal gleich ein bisschen, denn mich jeweils nur auf ein Buch festzulegen, so wie es Katrins Fragen nahelegen, das ist mir viel zu wenig. Und außerdem möchte ich noch ein paar Fragen hinzufügen, die ich auf Annas Buchpost gefunden habe, so wie ich das ja schon ein paar Jahre einfach mal so mache.

1. Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat?
Hier gibt es schon gleich mal mehrere Bücher, von denen ich mir zwar nicht unbedingt „wenig versprochen habe“, denn dann hätte ich sie nicht gelesen, die mich aber besonders beeindruckt haben, weil ich nicht erwartet habe, wie intensiv das Leseerlebnis werden wird.
Das sind zwei Romane von ausländischen Autoren, von denen ich vorher nichts gelesen habe, deren Namen ich vorher nicht einmal kannte, und die mich sehr beeindruckt haben mit ihren Geschichten, die zu einem meiner Leseschwerpunkte auf dem Blog passen, weil sie sich nämlich mit dem Thema „Flucht und Entwurzelung“auseinandersetzen. Und dazu kommt, dass beide Autoren auch Lyriker sind, also einen ganz besonderen Umgang mit Sprache haben, was ihre Bücher noch lesenswerter macht.
Anyuru, Johannes (2015): Ein Sturm wehte vom Paradiese her, München Luchterhand Literaturverlag
Sinha, Shumona (2015): Erschlagt die Armen!, Hamburg, Nautilus Verlag

Und Doris Knechts Roman einer Frau, die völlig überschuldet aus ihrer Insolvenzabwicklung aussteigt und im Haus ihrer Großeltern im Wald untertaucht ist ein Lesegenuss, weil hier mit der Überschuldung nicht nur ein aktuelles Thema verhandelt wird, sondern weil Knechts Protagonistin auch einen sehr scharfzüngigen Blick auf sich und unsere Gesellschaft hat.
Knecht, Doris (2015): Wald, Berlin, Rowohlt Berlin Verlag

2. Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat?
Hier möchte ich auch gleich drei Titel nennen, die mir noch ganz besonders als Leseenttäuschung in Erinnerung sind. Zwei Romane sind dabei, einmal der in diesem Jahr erschienene von Louis Begley, der, so haben wir beim Kommentieren gemutmaßt, leider nicht mehr auf der Höhe seiner Schriftstellerei zu sein scheint. Karl Wolfgang Flenders Roman „Greenwash“ hat ein sehr aktuelles Thema, das wir allerorten entdecken können, wenn nämlich Unternehmen dubioser, unsozialer oder umweltschädigender Taten überführt werden und sie dann PR-Kampagnen starten, die doch noch irgendetwas gegen das Imagedesaster tun sollen. Das Thema ist gut, die Umsetzung aber sehr unbefriedigend. Ähnliches ist zu Roberts Kischs „Tatsachenroman“ zu sagen, der die Entlohnungssysteme in Möbelhäusern anprangert, dafür aber auch eine Erzählform gefunden hat, die nicht überzeugt.

3. Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?
Ich habe zwei Autorinnen entdeckt, die sich wiederum mit dem Thema „Flucht und Entwurzelung“ auseinandersetzen, einmal mit Blick auf unsere eigene deutsche und europäische Geschichte in Katja Petrowskajas unglaublich beeindruckend und dicht erzähltem Buch „Vielleicht Esther“. Und einen bewegenden Einblick in die kambodschanische Geschichte und die Verbrechen gegen die eigene Bevölkerung habe ich aus Madeleine Thiens Roman „Flüchtige Seelen“ gewinnen können.

4. Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum?
Ich habe mir noch einmal die Buchcover angesehen. Mich hat keines so richtig überzeugt.

5. Welches Buch wollt ihr unbedingt in 2016 lesen und warum?
Für 2016 liegen schon einige Bücher auf dem Stapel. Da ist zum einen Hanns-Josef Ortheils „Roman einer Passion“: „Der Stift und das Papier“ auf das ich mich freue, weil ich neugierig bin auf die Lektionen der Schreibschule, die Ortheils Vater mit seinem Sohn erprobt hat.
Dann möchte ich gerne Hennig Mankels „Treibsand“ lesen, in dem es ja, wenn ich den Informationen rund ums Buch Glauben schenken kann, nicht so sehr um eine Krankheitsgeschichte geht, sondern vielmehr um eine Klärung „wichtiger Fragen des Lebens“.
Und dann sind da ja noch die vielen Bücher aus dem mittlerweile immer umfangreicher werdenden „Regal ungelesener Bücher“, an dem ich immer wieder vorbei spaziere und mir nach jeweiliger Lust und Laune eines herausgreife, auf das ich jetzt gerade neugierig bin. Von den vielen interessanten Titeln des Frühjahrs ja mal ganz zu schweigen, dem neuen Roman von Michael Köhlmeier  zum Beispiel oder dem von Abbas Khider , dem Roman von Kamel Daoud

6. Welches Sachbuch war dir in den letzten zwölf Monaten wichtig?
Da hat es einige gegeben, die sich mit Themen auseinandersetzen, die mir neben oder flankierend zur Literatur auch wichtig sind, nämlich zum Thema der Flüchtlinge in diesem Jahr und hier insbesondere die Reportage von Wolfgang Bauer: Über das Meer , in dem er eine Gruppe syrischer Flüchtlinge bei ihrer Reise nach Italien begleitet und „Die Bekenntnisse eines Menschenhändlers“ von den beiden italienischen Journalsiten Andrea Di Nivola und Giampaolo Musumeci.
Und eine sehr einsichtsreiche Lektüre in das Thema Big Data und die Gefahren im Zusammenhang mit dem Sammeln und Auswerten von Daten hat mir Yvonne Hofstetter mit ihrem Buch „Sie wissen alles“ beschert.

7. Welche Klassiker hast du außerdem gelesen?
Wenn sie als Klassiker durchgeht, dann habe ich Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wiedergelesen und starke Parallelen gefunden zwischen den hysterischen 1970er Jahren und dem wiederum wegen des Terrorismus so hysterischen Heute. Als Ergänzung dazu ist auch der Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ sehenswert, bei dem zum einen der Weg der Radikalisierung so sehr deutlich wird, zum anderen aber auch so manche ideologischen Argumente auftauchen, die heute genauso irre sind, jedoch ein religiöses Mäntelchen tragen.

8. Welche Bücher wären spurlos an dir vorbei gegangen, wenn nicht andere BloggerInnen dich darauf aufmerksam gemacht hätten?
Da sind sicherlich einige Titel, die ich auf anderen Blogs entdeckt habe. Ich möchte hier aber noch einmal an ganz andere Formen des gemeinsamen Lesens erinnern, die mit Hilfe der Blogs dieses Jahr umgesetzt werden konnten – von Leserinnen und Lesern, die sich alleine wegen ihrer weit auseinanderliegenden Wohnorte normalerweise nicht zu einem bestimmten Termin rund um einen Tisch setzen, etwas Gutes essen und trinken und dabei hemmungslos über Literatur plaudern und diskutieren.
Das ist der neu entstandene Blog „Let´s talk about books“ , auf dem fünf Blogger über Kristine Bilkaus „Die Glücklichen“  debattiert haben.
Und zum anderen haben Kai und ich uns über unsere Lektüreerfahrungen von Shimona Sinhas „Erschlagt die Armen!“ auseinandergesetzt und dazu auch ein Interview geführt.

Nun wünsche ich Euch allen ganz wunderbare Feiertage, gute Erholung und beste Lektüren. Und freue mich schon aufs Wiederlesen und Kommentieren im Neuen Jahr!

Johannes Anyuru: Ein Sturm wehte vom Paradiese her

Johannes Anyuru erzählt in seinem in Schweden mehrfach ausgezeichneten Roman eine Geschichte über Flucht und Entwurzelung. Er erzählt von einem Mann, der in die Mühlsteine der afrikanischen Politik und Kriege gerät, der seinen Traum, Pilot zu werden, nicht verwirklichen kann, statt dessen jahrelang auf der Flucht ist. Der, als er schließlich in Schweden ankommt, auch dort keine Heimat findet.

Anyurus bedrückende Geschichte des Mannes aus Uganda, der nach dem Putsch Idi Amins nicht mehr in seine Heimat zurückkehren kann, weil er einer anderen, der falschen, Volksgruppe angehört, lässt sich lesen als Beispiel der Lebensnöte, die die Menschen – auch jetzt – zur Flucht zwingen, weil sie im eigenen Land eben keine Heimat haben, weil sie drangsaliert und verfolgt werden. Anyuru erzählt in seinem Roman aber auch die Geschichte des eigenen Vaters, eines ugandischen Kampfpiloten, der sich am Ende einer Odyssee durch die Verhörzimmer und Flüchtlingslager Tansanias, den erzwungenen Aufenthalt im Guerilla-Lager eines ugandischen Oppositionellen und der Flucht nach Kenia durch die Heirat mit einer Schwedin nach Europa retten kann, hier aber immer fremd bleibt. „P“ nennt er seinen Protagonisten, vielleicht für Paul, wie sein Vater hieß, vielleicht für „Pilot“, wahrscheinlich einfach für „Pappa“.

Das Leben Ps stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Sein Vater starb, da war er noch ein kleiner Junge. Seine Mutter gab ihn weg, der älteste Bruder, das Familienoberhaupt, sollte für ihn sorgen, ein Lehrer in der Dorfschule. Der aber schlug den kleinen Bruder jeden Nachmittag, wenn er aus der Schule kam, mit den Händen, mit den Fäusten, mit dem Ledergürtel.

„Was siehst du mich nicht an? Ich bin dein Bruder.“
Der Tisch zwischen ihnen war aus grobem, dunklem Holz. Die Maserung leuchtete im flachen Licht der Abenddämmerung rot. Der Junge ritzte mit dem Fingernagel in die Tischplatte. Man entkommt nicht. Dies ist das Leben, diese Verlassenheit im Abgrund.“ (S. 35)

Einmal läuft er seinem Bruder weg, läuft in die Nacht hinaus und meint, er müsste nur die ganze Nacht laufen, dann käme er schon in das Dorf, in dem seine Mutter lebt. Aber er schafft es nicht, kehrt wieder zurück. Sein Wunsch nach Freiheit aber bleibt bestehen – und das Laufen wird ein bestimmendes Motiv seines Lebens werden.

Es gibt vielleicht überhaupt nur zwei Zeiten in seinem Leben, in denen P sich nicht so verlassen fühlt: in seiner Zeit in einem von italienischen Priestern geführten Internat und zur Zeit seiner Militärausbildung, als er endlich fliegen darf. Nur durch Zufall macht er die Aufnahmeprüfung zum Militär, nur weil ein Freund vorbei kommt und ihn überredet mitzukommen. Er schafft die Prüfung, der Freund nicht. Und dann möchte P Pilot werden, er möchte die Technik beherrschen, wenn er in unterschiedlichen Wetterverhältnissen Manöver fliegt, er möchte frei sein, den Blick in den Himmel.

Nach einer Grundausbildung in Uganda werden einige Piloten nach Griechenland geschickt, um dort die Ausbildung zu vervollständigen. So kommt P Ende der 1960er Jahre zum ersten Mal nach Europa, lernt griechisch, hat eine Freundin, lernt, die Wolken zu lesen und die Winde und fliegt über das Meer. Er hätte auch Hubschrauberpilot werden können oder Pilot von Transportmaschinen, aber er will die Düsenjets fliegen.

„Er spürte, dass seine Arme von der Beschleunigung schwer wurden. Im Osten sah man das Meer. Als hätte jemand einen Spiegel zu feinem Staub zertrümmert und ihn dort hinten, auf dem Grund des Meeres, zusammengefegt. Er hatte das Gefühl, im Herzen aller Dinge zu sein.“ (S. 42)

Keiner der ugandischen Piloten kann sich vorstellen, jemals in der Realität das zu tun, was sie hier üben. Sie wollen auf Flugschauen fliegen, den staunenden Zuschauern die tollsten Loopings zeigen, auf keinen Fall aber Luftkämpfe führen, Menschen bombardieren, andere Piloten töten. Dann aber putscht sich Idi Amin an die Macht und tatsächlich steigen sofort die Spannungen mit dem benachbarten Tansania. Und P weiß, dass er nicht zurückkehren kann, denn Amin gehört einem anderen Stamm an, dessen Mitglieder er gerade abschlachten lässt.

P sitzt also in Griechenland in der Falle. Er kann nicht zurück nach Uganda, aber er kann auch nicht in Griechenland seiner Wege gehen, immerhin gibt es das Militärabkommen mit Uganda, an das die Griechen sich halten. Ab dem Zeitpunkt, an dem er zu Protokoll gibt, nicht nach Hause zurückkehren zu wollen, darf er nicht mehr fliegen, darf seine Ausbildung nicht beenden. Immerhin suchen die Griechen einen anderen Job für ihn. Wenn aber ugandische Militärs nach Athen kommen, dann muss er sie herumführen, für sie übersetzen, mit ihnen essen und trinken. Und überlegt ständig, ob einer von ihnen vielleicht schon ein Mitglied seiner Familie getötet hat; seit Wochen und Monaten hat er keinen Kontakt mehr. Irgendwann entschließt er sich zur Flucht, steigt auf eine Fähre nach Italien, reist nach Rom, denn dort lebt eine Cousine, die einen italienischen Mann geheiratet hat. Der bietet ihm an, in seine Baufirma einzusteigen, er hätte in Rom ein bequemes Leben im Wohlstand. Aber P will fliegen. Und so nimmt er das Angebot aus Sambia an, mit Sprühflugzeugen die Obstplantagen zu überfliegen.

Und diese Entscheidung, vielleicht aus Liebe zum Fliegen getroffen, bestimmt aber auch aus Naivität, wird sich als der gravierende Fehler seines Lebens herausstellen, denn niemand in Afrika glaubt, dass ein Kampfpilot der ugandischen Armee, der auch unterrichtet wurde in nachrichtendienstlichen Techniken, Sprühflugzeuge fliegen will. In Sambia wird er schon am Flughafen festgenommen, noch am Abend nach Tansania ausgeliefert, dort stundenlang nach seinen wahren Auftraggebern befragt, geschlagen, nackt in verlauste Käfige gesperrt. Und von dort geht Ps Irrfahrt durch die afrikanischen Länder noch einige Jahre weiter.

Ps Geschichte zu folgen, verlangt dem Leser einige Nervenstärke ab, auch wenn wir fast von Anfang an wissen, dass er eine vermeintliche Sicherheit gelangt – die ihm jedoch auch keinen inneren Frieden schenken wird. Trotzdem ist es bedrückend zu lesen, wie Menschen mit Menschen umgehen können, ist es bedrückend, sich zu vergegenwärtigen, dass wir in Europa vielleicht und hoffentlich etwas gelernt haben aus unseren Kriegen des 20. Jahrhunderts, dies aber lange nicht gilt für andere Kontinente.

Ps Geschichte zu folgen ist aber vor allem deshalb möglich, weil Anyuru sie ganz besonders erzählt. Dass er Lyriker ist, dass er zunächst Gedichtbände veröffentlicht hat, das merkt man seiner Erzählung, seiner Sprache vor allem, an. Von der Gewalt erzählt er nie direkt, von Ps Schmerzen nicht, nicht von seiner Angst. Statt die verschiedenen Ausprägungen physischer Gewalt zu schildern, die P ja immer wieder zu ertragen hat, erfindet Anyuru großartige Bilder, erzählt ganz genaue Beobachtungen, wie die Farbe der Maserung im Holz, die Art des Windes, das Farbspiel des Sonnenlichts, die Wolkenformationen am Himmel. Diese Bilder erzählen weniger die physischen Beschwernisse als viel mehr ganz eindringlich von der Verlorenheit des Individuums, seiner Einsamkeit, eben von „dieser Verlassenheit im Abgrund“.

P verliert auf seiner Odyssee Stück für Stück seine eigene Geschichte, seine Identität. In seinem Koffer trägt er Fotos mit sich, die er immer wieder betrachtet, die ihn erinnern an seine Erlebnisse. Einige zeigen ihn bei einem Leichtathletik-Wettkampf in Athen, bei dem er im Hochsprung gewinnt und das ganze Stadion vor Begeisterung seinen Namen ruft. Andere zeigen ihn mit anderen Kadetten beim Training, vor Flugzeugen, manchmal auch in Militäruniform. Stück für Stück trennt er sich von diesen Bildern, aus Angst, sie könnten ihn verraten. Zum Schluss bleiben ihm nur noch zwei Bilder, die er aufbewahrt – und die spült seine schwedische Frau nach einer Verhaftung in einer nairobischen Polizeistation in die Toilette, ganz umsichtig und um sie vor weiteren Verfolgungen zu schätzen.

Um Ps Geschichte zu bewahren, wenn keine Fotos mehr existieren, bleibt nur noch die Erzählung. Für die Erzählung sorgt hier die literarische Figur des Sohns, der selbst lange an der eigenen Entwurzelung und der Vaterlosigkeit gelitten hat – aber auch an den deutlichen Vorbehalten in der schwedischen Gesellschaft. Der Sohn setzt die Geschichte des Vaters wieder zusammen, kann sich so mit dem Vater aussöhnen und seine Geschichte erhalten, auch über dessen Tod hinaus. Und er findet mit dem Zitat Walter Benjamins vom Sturm, der vom Paradiese weht, ein sehr treffendes Motto für das Leben des Vaters, für den Piloten, den der starke Sturm vom Paradies weg weht: „Dieser Sturm war das Leben.“

Johannes Anyuru (2015): Ein Sturm wehte vom Paradiese her, übersetzt von Paul Berf, München, Luchterhand Literaturverlag

Weitere Links:

Eine Besprechung und Einordnung des Romans in die schwedische Literatur findet ihr hier, einen sehenswerten Beitrag zum Roman auf 3sat hier.

Das Zitat für den Buchtitel stammt aus Walter Benjamins 1940 verfasstes Essay „Über den Begriff der Geschichte“. Darin bezieht er sich in der 9.These auch auf ein Bild Klees. Darüber könnt ihr hier nachlesen.

Friedrich Ani: Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck

Gerade, in der Vorweihnachtszeit, können wir sie wieder betrachten, die Bilderflut der fröhlich unter einem Weihnachtsbaum viele Geschenke auspackenden Familien, die Bilderflut der Familien, die gemeinsam um einen reich gedeckten Tisch sitzen (auch noch aufgeladen mit christlicher Symbolik), gut gekleidet, gemeinsam glücklich: Das hohe religiöse Fest findet in den Niederungen der Werbung wenigstens als Familienfest statt, die hier übermittelten Bilder zeigen Familie von ihrer guten Seite, vermitteln zumindest eine Sehnsucht, wie Familie sein könnte. Diese schönen Bilder bricht Friedrich Ani in seinem jüngsten Roman. Er zeigt, wie es auch zugehen kann hinter der Fassade der bürgerlichen Familie, ohne Liebe, ganz ohne gegenseitige Achtung. Und das ist mindestens so düster, wie es das Buchcover schon verspricht.

Ausgerechnet am 14. Februar, dem Valentinstag, dem Tag der Verliebten und der Liebe, geschieht etwas Ungeheuerliches für Ludwig Winther: eine Spaziergängerin findet seine 17-jährige Tochter erhängt im Park. Er ist in Salzburg, bei einem Training für Verkäufer und reist sofort zurück. Aber sein Leben ist völlig aus den Fugen geraten, er glaubt nicht daran, dass sich Esther das Leben genommen hat, sie sei nicht schwermütig gewesen, wie andere es plötzlich behaupten. Ein Jahr später, an ihrem Geburtstag, erhängt sich auch seine Frau, im eigenen Garten am Obstbaum. Sie hinterlässt einen kurze Nachricht: „Ich gehe. Ich will dich nicht mehr sehen.“

Winther rutscht ab, verliert seinen Job als Verkäufer bei einem Herrenausstatter, beginnt später als Fahrer, muss das Haus verkaufen und lebt in einer kleinen Dachwohnung. Den vierzehnten Februar reißt er seitdem, seit zwanzig Jahren nunmehr, jedes Jahr aus dem Kalender.

Was ist wirklich passiert an jenem Abend? Ist Esther doch ermordet worden, wie der Vater seitdem ganz fest glaubt? Vom Nachbarn womöglich, wie er argwöhnt. Der hatte es doch mit den jungen Mädchen, schleppte eine nach der anderen ab. Vermutlich hat er durch den Mord verhindern wollen, dass Esther ausplaudert, was er treibt. Hat der Mörder also nicht nur Esthers Leben zerstört, sondern auch das seiner Frau, sein eigenes auch? Winther sucht den Polizisten auf, der schon vor zwanzig Jahren am Rande mit dem Fall betraut war, den nun seit zwei Monaten pensionierten Jakob Franck. Und Franck kann sich ganz besonders gut an diesen Fall erinnern, denn er hat Doris Winther, der Mutter Esthers, die Todesnachricht überbracht.

„Ich habe eine schlimme Nachricht für Sie, darf ich reinkommen?“
„Kommen Sie. Was für eine Nachricht?“ (…)
„Wollen wir ins Wohnzimmer gehen und uns hinsetzen?“
„Das können wir machen, ich hab grad einen Kuchen gebacken, zum Essen ist er noch zu heiß.“
„Gehen Sie vornan?“
„Was für eine Nachricht?“
„Wollen wir nicht erst ins Wohnzimmer gehen?“
„Ich möchte lieber hier die Nachricht erfahren.“
„Hier im Flur?“
„Ja.“
Dann sagte er ihr, was passiert war; sie schwankte, machte einen Schritt auf ihn zu und streckte ihm die Armen entgegen.
Er hielt sie immer noch fest.
So etwas hatte er nie zuvor getan. (…) Um zwanzig Uhr dreißig an jenem vierzehnten Dezember hatte Franck die Wohnung der Familie Winther betreten, und um halb vier am nächsten Morgen hielt er Doris Winther immer noch in den Armen.“ (S. 46-47)

Einen denkwürdigen Fall breitet Friedrich Ani aus, mit einem denkwürdigen Ermittler. Jakob Franck, geschieden und alleine lebend, der seit seiner Pensionierung beim Online Poker eine neue Passion entdeckt hat und der sich immer noch regelmäßig mit seiner ehemaligen Frau zum Videoabend trifft, verfügt über ein paar ganz besondere Fähigkeiten. Nicht nur, dass er zu seiner aktiven Zeit die Aufgabe übernommen hat, den Angehörigen die Todesbotschaft zu überbringen, eine Aufgabe, die ihm zuzukommen scheint, während ihr alle anderen Kollegen geflissentlich aus dem Weg gehen. Er hat auch eine ganz besondere Art, mit den Menschen umzugehen, sie zum Sprechen zu bringen, gerade auch über Dinge, die sie bisher gerne verschwiegen haben. Dann wirkt er so, als würde sich ein Psychotherapeut eines Todesfalles annehmen, einer, der die Begabung hat, auch die ganz tief vergrabenen Gedanken seiner Gesprächspartner ans Tageslicht zu bringen.

Aber damit nicht genug: Zu Hause, an seinem Wohnzimmertisch, versammeln sich immer wieder „seine“ Toten, eine Schar von Menschen, deren Tod er nie erklären konnte. Er bereitet ihnen Tee und stellt Kekse auf den Tisch, setzt sich zu ihnen und hört ihnen zu in ihrer Unzufriedenheit, dass auch er nicht in Erfahrung gebracht hat, was ihnen widerfahren ist, wer Schuld hat an ihrem Tod. Und eine ganz besondere Ermittlungsmethode hat er entwickelt, mit deren Hilfe er bei sehr verwickelten Fällen noch einmal versucht, ganz neue Perspektiven zu gewinnen: die Gedankenfühligkeit. Dann legt Franck sich auf den Boden seines Arbeitszimmers, schaut an die weiße Decke und geht die Informationen, die er aus dem Aktenstudium, und der eigenen Ermittlungsarbeit gewonnen hat, noch einmal durch, doch nun bezieht er auch seine eigenen Gefühle mit ein, versucht so, einen neuen, einen anderen Blick auf die Geschehnisse zu bekommen.

Nun scheint es geradezu eine schriftstellerische Notwendigkeit zu sein, die Polizisten und Detektive, die letzten Ermittler ungeklärter Mordfälle und Selbsttötungen, mit möglichst ungewöhnlichen Charakterzügen auszustatten. Dass sie einsame Wölfe sind, mehr oder weniger herausgefallen aus den sozialen Bezügen, alleine schon wegen ihrer Besessenheit, quasi als letzte Instanz den Stimmen der Toten Gehör zu verschaffen, ist schon lange selbstverständlich, wirkt aber mehr und mehr unnötig.

Trotzdem: Friedrich Ani schickt seinen neuen Ermittler Franck dahin, wo die Menschen, wenn es nicht gut läuft, ihren ganz persönlichen Alptraum erleben können: nämlich in ihren Familien. Diese Mischung aus Sprachlosigkeit und Lieblosigkeit, dieses, wenn auch manchmal gut gemeinte, Verstrickt-Sein in Vorstellungen von Familie, die den Familienmitgliedern aber die Luft zum Atmen nimmt, ihre Individualität, ihre Wünsche und Hoffnungen beschneidet, kann hochexplosiv werden. Und da ist oft niemand, der dem anderen ein freundliches Wort mit auf den Weg gibt, einfach mal sagt: „Wie schön, dass Du da bist.“

So lotet Ani mit seiner Geschichte vom „namelosen Tag“ nicht nur das Schicksal Ludwig Winthers aus, sondern zeigt auch die tiefe Trauer, die eine Frau gepackt hat, weil ihre Schwester sich im Meer ertränkt hat. Und er zeigt uns einen kleinen Jungen, der immer wieder Zeuge des Streits zwischen seinen Eltern wird, des aggressiven Vaters und der Mutter, die von allen Leiseliese genannt wird und sich die Übergriffe ihres Mannes lange gefallen lässt. Bis sie sich wehrt.

Alle diese Menschen tragen schwer an ihren Familien. Und haben in Jakob Franck einen Gesprächspartner, der ihnen, zum ersten Mal in ihrem Leben vielleicht, zuhört und sie so stützt. Und er kann tatsächlich auch für Gerechtigkeit sorgen, nicht in Winthers Fall, sondern in einem ganz anderen, der vielleicht sogar der Hauptfall in diesem Roman ist.

„Ist alles vorbei.“ Patricks Stimme klang gleichgültig. „Was wollen Sie noch? Wozu die Mühe? Sie können nichts mehr ändern, die Toten sind tot und begraben und kommen nicht wieder.“
„Das ist nicht wahr“, sagte Franck. „Die Toten kommen wieder, wann immer sie wollen, sie setzen sich zu uns an den Tisch und reden mit uns; wir können nicht weglaufen, wir können nur zuhören, Stunde um Stunde, die ganze Nacht; dann verschwinden sie und wir wissen, sie werden wiederkommen, immer und immer wieder. Wie oft kommt Ihre Mutter zu Ihnen, Patrick, und spricht mit Ihnen und erzählt Ihnen die Geschichte ihres Todes, wieder und wieder.“ (S. 286)

Anis Geschichte von den Abgründen der Familie ist sicherlich kein Krimi, das macht auch die Etikettierung des Verlags deutlich. Aber er arbeitet mit den Mitteln des Krimis, wenn er Franck auf den Weg schickt, die Geschichte Esthers zu rekonstruieren. Und er arbeitet auch erzähltechnisch mit den Mitteln des Krimis, wenn eben allen Figuren die Möglichkeit verschafft, ihre Gedanken zu erzählen. Das mag vielleicht nicht hoch literarisch sein, schafft aber so die Chance, die Differenziertheit des Themas aufzuzeigen, wenn sich Verliebtheit und Liebe aus der Familie verabschiedet haben. Und es sind die ehrlichen, die zutiefst verständnisvollen Sätze Jakob Francks, die immer wieder überzeugen.

Friedrich Ani (2015): Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck, Berlin, Suhrkamp Verlag

V.M. Straka: S. – Das Schiff des Theseus

Christoph Waltz erklärt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) Figurenensemble und Konflikt der Bond-Filme als konsequente Weiterentwicklungen des Volkstheaters des 19. Jahrhunderts. Im süddeutschen Raum, so Waltz, sei der Held eben nicht James Bond, sondern unter dem Namen Kasperl bekannt. Er habe mit der Großmutter, die die moralische Autorität darstelle, mit dem Polizisten, der für den Staat stehe und mit seinem Freund Seppl aber ähnliche Figuren um sich, wie heute James Bond, und auch Kasperl kämpfe selbstverständlich gegen das Böse, hier in Gestalt des Räubers, des Krokodils und des Todes.

Diese archetypischen Figuren und Erzählstrukturen funktionieren offensichtlich nicht nur in den Bond-Filmen, sondern in allerlei anderen Abenteuer- und Heldengeschichten auch. Und sie lassen sich auf jeden Fall zurückverfolgen bis in die griechischen Mythen. So erzählt zum Beispiel die Geschichte von Theseus auch von seinem legendären Kampf im Labyrinth von Kreta gegen den Minotaurus, einer Gestalt halb Mensch, halb Stier, einem bösartigen, unbesiegbaren Gegner jedenfalls, dem die Athener alle neun Jahre sieben junge Männer und Frauen opfern müssen. Ariadne, die Tochter des kretischen Königs – Prinzessinnen kommen auch in den Kasperl-Geschichten immer wieder vor uns stehen für das Prinzip der Ordnung, wobei die Prinzessin dieses Mal auch eine frühe Q zu sein scheint – hilft ihm dabei, den Minotaurus zu besiegen, indem sie Theseus ein geweihtes Schwert überreicht und ein Wollknäuel, um nach getaner Tat auch wieder aus dem Labyrinth herauszufinden: da ist das Böse tot – die Welt fürs Erste gerettet.

Dieser Geschichte Gut gegen Böse, dieser Geschichte eines Helden, der sich gegen den Schurken stellt und in diesem Fall auch auf einem Schiff reist, nehmen sich die amerikanischen Autoren J. J. Abrams und Doug Dorst als Grundlage für eine rasante Abenteuergeschichte des frühen 20. Jahrhunderts an. Den neuzeitlichen Minotaurus, der gefräßig und gierig immer neue Menschenopfer sucht, verkörpert in der Epoche der immer reicher und mächtiger werdende Waffenfabrikant Vévoda, der nicht nur über eine besonders üble Wunderwaffe verfügt, sondern auch skrupellos genug ist, diese Waffe allen Staaten und natürlich besonders gerne auch Diktatoren zu verkaufen. Um diese Wunderwaffe herstellen zu können, benötigt er natürlich auch besondere Rohstoffe, die er ohne große Rücksicht auf die Einheimischen und ihre zum Teil sehr alten Kulturen besonders rücksichtslos und umweltschädlich abbaut.

Abrams_2Dem global tätigen und höchst rücksichtslosen Räuber stellen die Autoren die Gemeinschaft des S. gegenüber, eine von einem Schiff aus operierende Gruppe nicht nur wegen der zugenähten Münder übel aussehender Matrosen, die versuchen, durch die Tötung der Helfer und Helfershelfer des Bösewichts eine bessere Welt zu erreichen. Und in diese merkwürdige Gemeinschaft gerät ein Mann, der völlig durchnässt und orientierungslos durch die labyrinthischen Straßen einer Altstadt irrt, nicht weiß, wie er heißt, nicht weiß, wer er ist, welche Geschichte er hatte, wo er hin soll. Er hat einen Zettel in seiner Manteltasche gefunden, auf dem ein besonderes verschnörkeltes S gemalt ist, vielleicht Anhaltspunkt für seine Vergangenheit. Als er an einer Kneipe vorbeikommt, an der genau dieses S prangt, geht er hinein.

Zunächst scheint dieser merkwürdige Mann auf Identitätssuche eine Figur wie aus einem Kafka-Roman entsprungen. Die Welt, durch die er läuft, scheint normal und doch tauchen immer merkwürdige Figuren auf, ist immer wieder eine Verunsicherung, eine Bedrohung fast greifbar. Dass der unbekannte Mann mitten aus der Kneipe heraus und vor den Augen der anderen Gäste, vor allem einer wunderschönen Frau, die dort alleine an einem Tisch sitzt und in einem dicken Buch liest, entführt wird, passt zur Atmosphäre.

J. J. Abrams, der bisher u.a. tätig war als Regisseur von Kinofilmen aus den Reihen „Mission Impossible“, „Star Trek“ und „Star Wars“, und der in Europa weitgehend unbekannte Autor Doug Dorst jagen seine Figur – und mit ihm die Leser – nun durch die unglaublichsten Abenteuer. Und nicht selten wirken die Szenen wie in den großen Kino-Abenteuern, wenn die Verfolger der Gruppe der Fliehenden immer näher rücken, wenn die Fliehenden sich immer tiefer in Höhlenlabyrinthe vorarbeiten, dort allerdings noch genügend Zeit haben, die bisher unentdeckten und ganz wunderbar gestalteten Höhlenmalereien einer nur vom Hörensagen bekannten Kultur (da winkt Indiana Jones mit seinem Hut) finden, wenn sie sich schließlich mit einem beherzten Sprung die hohen Klippen herunter ins Meer vor den Verfolgern in Sicherheit bringen können – und in der nächsten Bucht wartet auf den Helden schon wieder sein Schiff.

Der große Kampf Gut gegen Böse, das opulente Abenteuer des S., die Geschichte um dieses merkwürdige, eigentlich recht abgewrackte Schiff, das auch nach Zerstörungen immer wieder seine Dienste tut, ist aber nicht die einzige Geschichte, die die Autoren ihren Lesern erzählen. Nicht nur S will wissen, wer er wirklich ist, das Spiel um die Identitäten spielen die Autoren gleich auf mehreren Ebenen. Sie findet sich auch bei der Suche nach der wahren Identität des Autoren Straka (tschechisch für Elster; auch wieder so ein mehrfach deutbarer Hinweis), einer Suche, bei der zwei Studenten, Eric und Jen, sich kennenlernen, sie findet sich bei der Suche nach der Identität dieses merkwürdigen Übersetzers des Romans, der immer wieder durch Fußnoten auffällt, in denen er seine eigene Meinung oder auch Geschehnisse aus dem Leben des Autors ausplaudert, und auch bei der Suche nach dem eigenen Selbst der Studenten.

Abrams_3So sind die Seiten neben der Romanhandlung zum Teil eng beschrieben mit Kommentaren und Antworten und weiteren Antworten. Zuweilen sind die Antworten in unterschiedlichen Farben verfasst. Drei Farbpaare gibt es, die für drei verschiedene Zeiträume stehen. Und so entwickelt sich vor dem Auge des Lesers eine Geschichte zwischen Jen und Eric, die auf unterschiedlichen Zeitebenen spielt, die er aber – wahrscheinlich – alle gleichzeitig liest. Dadurch entsteht ein ganz eigenwilliger Text, jongliert der Leser immer wieder mit den unterschiedlichen Zeiten, versteht manche Anmerkung nicht, weil sie erst auf späteren Seiten des Romans erklärt wird. Der Roman wird somit zu einem Speicher der verschiedenen Phasen des gegenseitigen Kennenlernens, wird zum Archiv aber auch ihrer Annäherungen an die eigene Individualität, wenn sie sich gegenseitig traurige, bestürzende, lustige Geschichten erzählen, sich so – schriftlich – mit sich selbst auseinandersetzen und zeigt natürlich auch die ganze Kunst der Literaturwissenschaft, die in jedem Wort eine Anspielung des Autors sieht, die gedeutet und interpretiert werden kann. Lange Zeit führen sie diese Kommunikation, Monate offensichtlich; reichlich altmodisch in Zeiten vom E-Mails, SMS und what´s app, aber Eric besitzt eben kein Handy.

Ein ungewöhnliches Buch ist es auf jeden Fall: in seinem alten Schuber mit den angegilbten – und alt riechenden – Seiten. Mit den Kommentaren in verschiedenen Farben und den vielen von Eric und Jen eingelegten Informationen, die sie im Laufe der Zeit im Buch sammeln. Das ist sicherlich eine buchtechnische Meisterleistung – auch wenn daraus nicht die Überlegenheit des Papier-Buches gegen das E-Book gefeiert werden kann, denn multimedial wird das E-Book sicherlich auch einiges zu bieten haben.

Und es ist ungewöhnlich, weil es auf verschiedenen Zeitebenen gleich zwei Geschichten erzählt, die sich um Abenteuer drehen, um Heimlichkeiten und Verschwörungen, um das Erkennen und Bekämpfen des Bösen, das Suchen nach der Identität und nach der großen Liebe. So interessant die Lektüre zunächst ist – und schwierig, weil sie auf den verschiedenen Ebenen und durch die verschiedenen Medien stattfindet – so geht ihr doch auf der langen Distanz die Puste aus: Es ist eben eine Kasperl-Abenteuer-Geschichte, die aus Hollywood stammt. Erst beim Showdown auf dem Anwesen des Waffenschmiedes (auch ein typisches Bond-Motiv) lernt S. die ganze Fülle seiner Waffen kennen- und nutzen. Dann erst kann er sich – endlich – der Liebe hingeben. Und segelt – wiederum nach James Bond-Manier – auf seinem schrottreifen Kahn mit seiner Geliebten in den Mittelmeer-Sonnenuntergang.

J. J. Abrams, Doug Dorst (2015): S. Das Schiff des Theseus, Köln, Kiepenheuer & Witsch

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