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Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Geschichten von 1000 Frauen habe sie erzählen wollen. So sei zumindest der – zugegebenermaßen – groß angelegte Plan gewesen. Um die Lücke zu füllen, die existiere, weil es so gut wie keine Erzählungen von schwarzen Frauen in der Literatur gebe. Und diese Lücke sei schmerzlich denn für Frauen wie sie selbst biete die Literatur fast keine Identifikationsräume: Die Storys der weißen Frauen in Großbritannien entsprechen nicht der Erfahrungswelt der Woman of Colour. Genauso wenig aber bieten die Geschichten der schwarzen Frauen aus Ländern, in denen sie keine Minderheiten sind, eine Möglichkeit, Erlebnissen, Erfahrungen oder Konflikten in eher weißen Kulturräumen nachzuspüren. So erklärt Bernardine Evaristo ihre Motivation für den Roman bei einer Video-Lesung.

Immerhin von zwölf Frau erzählt Evaristo dann in ihrem Roman. Sie sind zwischen 20 Jahren und 93, sie sind Bäuerinnen, Kontrolleurinnen in den Londoner Bussen, selbstständig mit einer Reinigungsfirma, Lehrerinnen und Bankerinnen. Sie alle haben sich einen Platz in der britischen Gesellschaft erkämpft, als Migrantinnen, die nach Großbritannien gekommen sind, um hier „ihr Glück“ zu machen, oder als Töchter der zweiten Generation. Sie sind verheiratet, verwitwet, geschieden oder leben alleine, sie lieben homosexuell oder heterosexuell, sind transgender. Aber sie alle eint, dass sie selbstbestimmt leben, sie alle haben sich voller Energie und Kraft einen Platz im Leben erkämpft, sie alle haben sich in schweren Zeiten oder durch böse Rückschläge nicht unterkriegen zu lassen. Und alle haben irgendwann in ihrem Leben auch dem Rassismus getrotzt.

Evaristo spendiert allen ihren Figuren eine eigene Stimme, einen eigenen Platz im Buch. Die Frauen erzählen von ihrem Leben, von der Situation, in der sie sich gerade befinden. Sie blicken auch zurück auf besondere Ereignisse, die sie zu dem haben werden lassen, der sie nun sind. Aber sie erzählen auch biografisch, erzählen von den nicht nur räumlich engen Elternhäusern, von Bildungswegen und Berufen, von Freundschaften, von Ehepartner*innen, von Kindern. So bekommen die Charaktere Tiefe, lebendige Figuren entstehen vor dem Auge der Leserin.

Da ist zum Beispiel LaTisha, die Shirley Kings Schülerin gewesen ist, aber eher eine, die Mrs King nicht gut in Erinnerung behalten hat. LaTisha hat die Schule dann auch noch abgebrochen. Sie war früh schwanger und ist zu Hause rausgeflogen, weil ihre Mutter mit der Schande des unehelichen Enkels nicht leben wollte. Noch zwei Kinder hat LaTisha bekommen, weil sie immer wieder an die falschen Männer geraten ist – oder den falschen Männern vertraut. Nun arbeitet sie im Lebensmittelladen, ernährt ihre Kinder alleine. Sie hat Verantwortung übernommen, zu Hause und bei der Arbeit. Kleine Karriereschritte hat sie gemacht, ist nun Bereichsleiterin für Obst und Gemüse – und ist darüber ehrgeizig geworden. Die schnodderige Sprache, die hat sie immer noch.

Carole dagegen, ihre beste Freundin zu Schulzeiten, hat einen anderen Weg für sich gefunden. Nach einem einschneidenden Erlebnis, von dem sie noch nie jemandem etwas erzählt hat, hat sie beschlossen, dass ihr so etwas nie wieder passieren wird. Sie hat Mrs Kings Hilfe gesucht, hat um Rat gebeten, was sie tun könne, um an eine der renommierten Hochschulen zu gelangen. Und hat es geschafft, in Oxford, Mathematik studieren zu können. Kreuzunglücklich war sie im ersten Semester, wollte nach den Weihnachtsferien nicht wieder dahin zurück, wo sie als schwarze Studentin so auffiel, wo ihr die weißen Kommilitoninnen auch schon mal „voll Ghetto“ hinterher zischelten. Ihre Mutter, Bummi, die aus wirtschaftlicher Not von Nigeria nach London gegangen ist, hat ihre Argumente und Kränkungen nicht gelten lassen:

„du musst die Menschen finden, die deine Freunde sein wollen, selbst wenn es alles Weiße sind

es gibt auf dieser Welt für jeden jemanden

du gehst also gefälligst zurück und fichst die Kämpfe aus, die dir nach deinem britischen Geburtsrecht zustehen, Carole, wie eine wahre Nigerianerin“

Und wieder passt Carole sich an. Sie sucht sich die Studierenden, die freundlich sind und nähert sich zum ersten Mal in ihrem Leben anderen Menschen. Sie gewinnt Freundinnen, auch einen Freund. Sie lauscht ihrer Sprache und lernt sie, sie schaut, wie und was sie essen, sie schminkt sich anders und verzichtet auf die aufgeklebten Fingernägel, die im Alltag doch nur stören. Sie ist erfolgreich im Studium, wird Bankerin in der City, hat einen Mann aus der weißen englischen Oberschicht. Carole erzählt nie von dem Preis, den sie für diese Verwandlung möglicherweise zahlen musste. 

Aber Bummi, so stolz auf den Erfolg der Tochter, findet die damit einhergehenden Veränderungen schrecklich, das blasierte Sprechen durch die Nase, als „säße dort ein Schnupfen gefangen“, die Missbilligung ihrer Wohnungseinrichtung, die Kleidung, vor allem die Hochzeit mit einem weißen Engländer. Einen Nigerianer hätte sie heiraten sollen, sich wieder auf die eigene Kultur besinnen:

„was denkst du dir dabei, mir so viel wahala zu machen, eh? so wollen wir gar nicht anfangen! du spukst mir nicht auf deinen Papa und sein Leben! du spukst mir nicht auf dein Volk! willst du so viel Schande auf diese Familie bringen, abi? nein, nein, nein, so wirst du mich nicht beschämen! ich kenn dich gar nicht mehr, kein bisschen, pikin, kein bisschen“

Mehr noch als die Rassismus-Erfahrungen geht es Bernardine Evaristo um den Generationenkonflikt. Der spielt bei vielen der Frauen eine wichtige Rolle. Jede Generation steht vor neuen Herausforderungen, muss sich neue Wege frei kämpfen, um eigene Entscheidungen treffen zu können, und steht dann doch wieder vor den Töchtern, denen das bisher Erreichte eben nicht ausreicht. Und so nähern die Töchter und Enkelinnen sich mehr und mehr dem Leben der britischen Gesellschaft an. So wie später Hattie, die Dreiundneunzigjährige, sinniert, dass sie innerhalb von drei Generationen weiß geworden sind.   

Bernardine Evaristo hat für ihren Roman einen eigenen Stil entwickelt, den sie als Fusion-Fiction bezeichnet. Beim Aufschlagen der Seiten schon lässt er sich erkennen, denn in den Kapiteln gibt es keine Punkte zum Satzabschluss. Das scheint schwierig zu lesen, trägt aber letztendlich viel mehr dazu bei, die Lebendigkeit und Energie der Figuren zu erfahren, so, als würden wir ihnen in Sesseln gegenübersitzen und ihren Erzählungen lauschen. Auch ihr Schmerz und ihre Trauer werden so viel fühlbarer, wenn sie sie uns – im Layout durch harte Zeilenumbrüche – quasi entgegenschreien. So denkt Penelope, als sie erfährt, ein adoptiertes Kind zu sein:

„sie war eine Waise

ein Bastard

ungewollt

abgelehnt“

Zusammengehalten werden die Geschichten der zwölf Figuren, die sich in unterschiedlichen Konstellationen untereinander kennen, durch eine Rahmenerzählung. Die bildet die am Abend bevorstehende Uraufführung von Amma Bonsus Stück „Die letzte Amazone von Dahomey“ am National Theatre. Amma lernen wir gleich als erste Figur des Romans kennen. Sie ist sechzig und seit kurzem Dramaturgin am National Theatre in London. In den 80er und 90er Jahren war sie vor allem rebellisch, war öffentlichkeitswirksam laut, um die Stellung der schwarzen Schauspielerinnen und Schauspieler zu verbessern, die Stellung der lesbischen Schauspielerinnen. Zusammen mit Dominique hat sie ein Schauspielerinnen-Ensemble gegründet, um eigene Stücke spielen zu können, die eigenen Themen auf die Bühne zu bringen. Und nun ist sie mitten in der Kulturgesellschaft Londons angekommen, inszeniert ein eigenes Stück am Theater.

Und zur Premierenfeier – am Ende des Romans – werden sie alle kommen: Ammas Tochter Yazz mit ihren Studienfreundinnen, ihre beste Freundin Shirley King, mit der sie sich als Teenager an der Grammar School zusammengetan hat, die beiden einzigen dunkelhäutigen Mädchen unter den vielen anderen weißen. Shirley, die Generationen von Schülerinnen und Schüler als Mrs King kennen und fürchten, wird Carole auf der Premierenfeier treffen. Megan/Morgan wird da sein, die sich als Aktivistin in den sozialen Medien einen Namen gemacht hat und seit Jahren genderfrei lebt. Dominque, mit der Amma gar nicht gerechnet hat, weil sie vor Jahren schon nach Amerika gegangen ist und mittlerweile an der Westküste lebt, wird sie überraschen. Und natürlich wird Roland da sein, der Vater ihrer Tochter, ein schwuler Intellektueller, der durch die Talkshows tingelt, Bücher schreibt, eine Professur hat, der gelernt hat, sein „kulturelles Kapital“ zu nutzen. Und wie die einen über die anderen reden, während der Premierensekt in Strömen fließt, und wie die Kritiker um den schnellsten Beitrag im Internet konkurrieren, das ist schon ganz großes Erzählkino. So wie Humor, Ironie und Pointen sowieso zu Evaristos erzählerischem Handwerkszeug gehören.

In ihrem Stück „Die letzte Amazone von Dahomey“ nimmt Amma sich der Geschichte der beninischen Kriegerinnen an, die den König als Leibgarde schützten. Die per Video auf die Zuschauer des Theaters in Massen zuströmenden schwarzen Kriegerinnen, denen man nachsagt, eine Enthauptung besonders schnell ausführen zu können, stellt Evaristo also in ihrem Roman die heutigen Kriegerinnen gegenüber, die sich mit dem Alltag im London zu Beginn des 21. Jahrhunderts abmühen. Jede von ihnen eine große Kämpferin. Jede von ihnen auf der Höhe ihrer Zeit.

Geschichten von 12 schwarzen Frauen also erzählt Evaristo, Geschichten, die Mut machen, weil sie am Ende doch „gut ausgehen“. Die Orientierung geben und Vorbild sind für andere schwarze Frauen, die in der Literatur danach suchen. Ja! Aber es sind doch auch Geschichten, die alle Leserinnen und Leser, egal welcher Hautfarbe, berühren, weil ihre Schicksale alle Leserinnen und Leser berühren, weil wir uns auf die eine oder andere Weise selbst erkennen können: Wie schwer es ist, mit der falschen (Unterschichten-)Sprache an die Uni zu kommen, wie schwer es ist, zu verarbeiten, dass einen die eigene Mutter nach der Geburt weggegeben hat, wie schwer, sich gegen die Enge der Vorstellungen und Werte der Eltern zu stellen. Und der Idee, dass es hier gar um Identitätspolitik gehen könne, erteilt Courtney in der Erzählung von Yazz, die ja so woke ist, mal gleich eine richtig schöne Abfuhr:

„Courtney entgegnete, wenn man bedenke, dass Yazz die Tochter eines Professors und einer sehr bekannten Theaterregisseurin sei, sei sie ja nun nicht gerade unterprivilegiert, während sie Courtney aus einer richtig armen Gegend stamme, wo es ganz normal sei, mit sechszehn in der Fabrik anzufangen und mit siebzehn das erste Kind zu kriegen und es allein großzuziehen, der Hof ihres Vaters gehöre faktisch der Bank“

Courtney fordert statt Identitätspolitik und einer „Olympiade der Privilegien“ einen neuen Diskurs über Ungleichheit.

Bernardine Evaristo (2021): Mädchen, Frau etc., Stuttgart, Tropen Verlag

Der März-Rückblick: Vom Lesen, Sehen und vom Hören

Der Lese-Rückblick
Der Lese-Monat März war ganz nach meinem Geschmack. Anregende, aufregende, interessante und literarisch spannende Romane habe ich gelesen:

In David Szalays „Turbulenzen“, einem Roman-Reigen, der per Flugzeug einmal um die ganze Welt führt, wird die globalisierte Welt mit seinen so mobilen Menschen porträtiert. Die hier leben und dort arbeiten, die unterwegs sind zu ihren weit entfernt lebenden Familien, die sich manchmal auch „irgendwo in der Mitte“ treffen. Passend zu diesem fluiden Lebensstil lernen sie in den Flugzeugen nur flüchtig Mitreisende kennen. Szalay erzählt ähnlich flüchtig, indem er jeder Figur nur ein paar Seiten widmet, in denen gerade ihre Leben in Turbulenzen geraten sind. Und doch erscheinen uns diese Figuren ganz plastisch.

Brit Bennett erforscht in ihrem Roman „Die verschwindende Hälfte“ die Lebensentwürfe vierer Frauen, den Zwillingsschwestern Stella und Desiree, die, wiewohl farbiger Herkunft, so hellhäutig sind, dass sie sich auch als Weiße ausgeben können, und ihren Töchtern Kennedy und Jude. Dabei überschattet die Passing-Entscheidung Stellas alle anderen Lebenswege. Diejenige von ihnen, die ihren Weg am konsequentesten geht, scheint auch diejenige zu sein, die am besten in ihrem Leben, in ihrer Identität, angekommen ist – und das ist Jude, die dunkelhäutigste von ihnen.

Einen vergnüglichen Ausflug in eine andere Wohnungswelt im Lockdown hat mir Nikolaus Heidelbachs Bildband „Alles gut?“ beschert. Dort bestaunt der Autor – oder sein Ich-Erzähler – in seiner Wohnung bisher unentdeckte Speiselifte, kommt im Flur an sturzbetrunkenen Saiblingen oder auch alleinerziehenden Quallen vorbei und überprüft mit dem Fieberthermometer täglich den eigenen Gesundheitszustand.

Und dann schickte noch Olivia Wenzel ihrem Roman „1000 Serpentinen Angst“ die Ich-Erzählerin in die Erkundung ihrer Angststörung, die auf der Stelle nachvollziehen kann, wer ihr ein wenig in ihre Biografie folgt. Olivias Wenzel hat dabei eine sehr bemerkenswerte literarische Form genutzt, indem große Teile des Romans als Dialog konzipiert sind. Die Frage-Stimme könnte für unterschiedliche Instanzen stehen, für eine Psychotherapeutin, einen Freund. Es könnte aber auch eine manchmal strenge, manchmal Widersprüche aufdeckende, manchmal beruhigende Selbstbefragung sein. Zumal am Ende des Romans aus dem „Du“ ein „Ich“ wird.

Der Film-Rückblick
Ausgehend von Brit Bennetts Roman über das Passing habe ich Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“ wieder in die Hand genommen. Philip Roth dreht die dramatische Schraube wesentlich fester als Britt Bennett, die ja mehr ihren Figuren bei der Suche nach einem Leben begleitet, das sie sich auswählen, um dem Glück ein Stück näher zu kommen. Philip Roth dagegen kombiniert die Passing-Geschichte des angesehenen Literaturprofessors Coleman Silk mit den Empörungen an der amerikanischen Universität um die Nuller Jahre. Da wird ihm die ironische Bemerkung von zwei Stundent*innen, die nicht in seinem Seminar auftauchen und die er als „dunkle Gestalten“ bezeichnet zum Verhängnis. Vor der empörten öffentlichen Meinung knicken die Fakultätsmitglieder ein und werfen Silk, der lange Jahre Dekan war, umgehend hinaus.

Lesen möchte ich den Roman wieder. Einstweilen habe ich mir dessen Verfilmung angesehen. Die in verschiedenen Konstellationen davon erzählt, welche Wirkungen das laute Gebrüll des angeblich so moralisch bewertenden Mobs haben kann. Sehr sehenswert. („Der menschliche Makel“ bei amazon prime)

Der Hör-Rückblick
Die Messen sind vorerst abgesagt, Lesungen können nicht stattfinden und die Buchläden schließen zum Teil freiwillig, um zur Reduktion der Corona-Infektionen beizutragen. Es gibt also kaum mehr Gelegenheiten und Räume, in denen Literatur entdeckt werden kann.

Zum Glück aber erproben viele Veranstalter neue, eben digitale Formen, in denen zwar keineswegs die Atmosphäre herrscht wie bei einer Lesung, das Papier nicht so schön raschelt, schon gar nicht riecht, trotzdem aber über die Neuerscheinungen gesprochen, Teile der Texte gelesen werden und die Autor*innen sich vorstellen können. Auf den Seiten der Verlage oder der Literaturhäuser finden sich die Termine, an denen Interessierte zum großen teil sogar kostenlos teilnehmen können.

Und zum Hören gibt es auch etwas Neues: Ähnlich dem Video-Konzept „10 Seiten“, bei dem Autoren 10 Seiten ihrer neuen Romane vorlesen, liest auch in der neuen Podcast-Reihe der „ZEIT für Literatur“ ein Autor aus seinem Roman. Flankiert wird die Lesung von einem kurzen Interview zum Roman und zum Schreiben. Zum Auftakt hat Norbert Gstrein aus seinem neu erschienenen Roman „Der zweite Jakob gelesen“.

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Als die Angst sie so richtig gepackt hat, als sie schon längst nicht mehr schlafen kann in der Nacht und am Tag nur wenige Stunden, als die Angst sie vollkommen überwältigt, sodass sie Angst hat vor dem ständigen Grübeln, dem Einschlafen, vor allen möglichen Situationen, auch vor den Gesichtern der Menschen in der U-Bahn, da stürzt die Ich-Erzählerin völlig ab. Später erinnert sie sich, wie sie auf dem Tisch einer Bar stand, tanzend und trinkend, wie sie auf der Toilette Speed nahm, hat vage Erinnerungen an die Heimfahrt im Taxi mit einem unbekannten Mann, vage Erinnerungen an Sex in einem abgewrackten Gebäude. hingeschmiert

„Ich weiß nicht, wie lange ich aus war, vielleicht 20 Stunden, aus den Augenwinkeln sehe ich nervös flackernde Schatten. Mein Herz rast seit Stunden, ich gucke Serien, esse Chips und Kakaopulver mit dem Löffel; nach draußen zu gehen, um an der Tankstelle etwas zu essen zu kaufen, ist keine Option, Essen bestellen auch nicht, niemand darf mich sehen.“

Sie liest im Internet Abschiedsbriefe von Menschen, die sich selbst getötet haben, probiert aus, ob der Frotteegürtel des Bademantels, an die Verstrebungen des Hochbettes geknotet, halten würde. Sie weiß seit Wochen, dass sie ohne Hilfe nicht mehr aus der Angst herausfindet. Und braucht noch weitere drei Tage und Nächte, bis sie es endlich schafft, ihren Freund Burhan anzurufen. Der ist Psychotherapeut und sorgt dafür, dass sie einen Arzt aufsucht, der ihr mit Medikamenten über die erste Zeit hilft.

So wie die Geschichte der Ich-Erzählerin, wie ihr Ringen mit der Angst, ihre Suche nach Hilfe zum Parforceritt wird, so spiegelt der Text diese Anstrengungen wider. Einen engen Helm aus Holz wünscht sich die Ich-Erzählerin, „um meine Gedanken zusammenzuhalten, nirgends Ordnung.“ Und diese „Un-Ordnung“ findet sich auch, wenn sie ihren Erinnerungen nachspürt, die wild zwischen den Zeiten und Orten springen, hier von der Großmutter erzählen, dann von einem Abendessen mit Freunden, von der Suche nach einem Psychotherapeuten, von der Mutter.

Die Ich-Erzählerin ist den Ursachen ihrer Angst auf der Spur. Dazu dient, neben oder nach der Therapie, auch eine Art Selbsterkundung, die sie in diesem Text betreibt. So sind zwei Teile des Romans Dialoge, in der eine fragende Stimme immer wieder versucht, Ordnung in die Gedanken zu bringen – und Präzision. Manchmal ist die fragende Stimme entlarvend, manchmal ist sie beharrlich: „Was fühlst du?“. Manchmal stellt sie Fragen, wie sie aus den Einreisefragebögen in die USA bekannt sind, manchmal weist sie auf Widersprüche in den Überlegungen hin. So entsteht ein intensiver Text, eine schnell durch die Themen, die Zeiten, die Geschichten wechselnde Kommunikation. Und im Kopf der Lesenden entsteht ein ganz dynamischer Dialog: schnell, hart, zärtlich, auf den Punkt, entlarvend, witzig: hier wird Mündlichkeit lesbar.

So chaotisch der Text auf den ersten Blick scheint, so entfaltet sich doch langsam die Lebensgeschichte der Erzählerin, ihre Probleme und Widersprüche. Geboren als Tochter einer sehr jungen Frau in der DDR, die gegen das SED-Regime und die eigenen Eltern rebellierte, indem sie als Punkerin durch die Gegend zog. Die sich, neunzehnjährig, angezogen fühlte von dem angolanischen Mann, der der Vater ihrer Kinder wird. Beschlossen war, dass sie ihm mit den Kindern nach Angola folgen würde, aber dazu ist es nie gekommen. Und so wuchsen die Zwillinge, die Ich-Erzählerin und ihr Bruder, in Ostdeutschland auf, bei einer Mutter, die immer wieder unzuverlässig war. Immerhin sprangen die Großeltern ein, ist die Beziehung zur Großmutter auch heute noch die festere und stabilere. Ein Verständnis für die besondere Situation der Kinder, die wegen ihrer Hautfarbe doch so exponiert sind, entwickelt sie bei aller Liebe und Fürsorglichkeit nicht. Sie reflektiert nicht ihren eigenen Alltagsrassismus den Enkeln gegenüber, sieht nicht die Widersprüche, wenn sie lobend vom angolanischen Vater erzählt, aber kein Hehl daraus macht, dass sie nun die AfD wählt. Und versteht nicht, warum die Ich-Erzählerin im Kaufhaus lieber die Rolltreppe statt des Liftes nimmt, wenn dort eine Frau in einschlägig rechtsradikalem Outfit steht. Und dann noch der Bruder, der Zwilling, der sich, da sind sie auch gerade neunzehn Jahre alt, vor einen Zug wirft. Diese Familienkonstruktion reicht wohl allemal für ein Verständnis der Panikattacken der Ich-Erzählerin.

Es ist eine starke Stimme, die sich hier zu Wort meldet, eine temperamentvolle, eine, die für sich in Anspruch nimmt, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Eine, die dann auch den bohrenden Fragen nicht ausweicht und Szenen erzählt, die nicht immer ein vorteilhaftes Licht auf sie werfen. Eine, die manchmal auch sehr radikal mit sich ins Gericht geht. Eine, die aber auch kleine Szenen mit ein paar Beschreibungen so detailliert schildern kann, dass die Leserinnen sie so schnell nicht vergessen.

Das sind vor allem die Szenen, die von den Rassismuserfahrungen erzählen, die nicht kennt, wer der vermeintlichen Norm entspricht. Weil diejenigen eben nicht ihre Umgebung permanent nach Frisuren, Kleidung und Tätowierungen scannen (müssen); weil die eben nicht konfrontiert werden mit einem Verhalten ihrer Gegenüber, das man nicht für möglich hält; weil die eben nicht in ständiger Angst leben: Einmal sitzt die Ich-Erzählerin mit ihrem Freund am Ufer eines brandenburgischen Sees. Unter einem Baum vor der Sonne geschützt, aber auch vor den Blicken anderer Badegäste. Ein Vater ist mit seinen Kindern am Ufer, die Kinder, planschen im Wasser. Vier junge Leute kommen, ziehen sich aus, gehen schwimmen. Der größte von ihnen hat ein Hakenkreuz auf die Brust tätowiert.

„Als sie wieder rauskommen und sich abtrocknen, wieder so stramm dastehen, wieder so hölzern, niemand hatte hier eben Spaß, bemerken sie, dass nur eines der Kleinkinder weiß ist. Bäh, da war ja ein Neger im Wasser, sagt einer laut unddas Wort sticht mir zwischen die Rippen. Ich sage leise: Wir müssen uns da jetzt daneben setzen, zu dem Vater. Mein Freund sagt: Auf keinen Fall. Das sehen die als Provokation, dann geht erst richtig was los. Ich sage: Aber wir können doch die Kids und ihren Vater nicht mit denen allein lassen. Mein Freund sagt: Den Kindern werden sie nichts tun. Uns schon. Wir fahren jetzt.“

Es sind diese Szenen davon, welche Reaktionen es hervorruft, als „anders“ wahrgenommen zu werden, die die Wut und die Ängste der Ich-Erzählerin so eindringlich nachfühlbar machen. Und ihre Glücksgefühle, wenn sie unbehelligt und unbeobachtet durch New York gehen kann, wenn sie im Restaurant hoch oben im Berliner Fernsehturm auf thüringisch bestellt und dann viel freundlicher vom Servicepersonal umsorgt wird.

Auch wenn der Text keine konkrete Handlung hat, keinen eigentlichen Plot, so steht die Entwicklung der Ich-Erzählerin, im Mittelpunkt des Romans. Die wird vor allem durch die Selbsterkundung vorangetrieben, durch die Betrachtung von Familienbildern, durch Phantasiebilder, die immer wieder auftauchen, durch Erinnerungen und Reflexionen. Die Ich-Erzählerin kämpft sich nach dem großen Zusammenbruch zurück in ihr Leben. Sie scheint sich ihrer Identität und ihren Vorstellungen davon, wie und mit wem sie leben will, immer sicherer. Und plötzlich wechselt die befragende Stimme die Anrede, befragt nicht mehr ein Du, sondern ein Ich: „Wo bin ich jetzt?“

Und so endet dieser kraftvolle und grandiose Roman, der mit der Suche nach der eigenen Position in der Welt ein auch in diesem Frühjahr ganz aktuelles Thema auf unkonventionelle Erzählweise aufgreift, sehr zuversichtlich.

Olivia Wenzel (2020): 1000 Serpentinen Angst, Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag

Nikolaus Heidelbach: Alles gut?

Wer, auch ohne staatliche Verordnung, die Ostertage aus Gründen der Infektionskettenverhinderung gleich mit einer Osterruhe versehen möchte, der braucht eine angemessene häusliche oder balkon- orientierte Beschäftigung. Da bietet sich ein Buch geradezu an, das kontaktlos geliefert werden kann und dessen Lektüre nur zu minimalem Aerosolausstoß führt. Und erst recht bietet sich hier ein Buch an, das sich genau mit der Situation des Lockdowns und mit den Erlebnissen, Wahrnehmungen und Befindlichkeiten der sich in Selbstisolation aufhaltenden Menschen beschäftigt.

Dem vorliegenden Werk fehlt eine Gattungsbezeichnung, sodass es unklar bleibt, ob Nikolaus Heidelbach streng autobiografisch schreibt oder ein Ich-Erzähler seine Beobachtungen darlegt. Jedenfalls bieten Notate aus der Zeit des ersten Lockdowns im Frühjahr letzten Jahres vertiefte Einblicke in die psychischen und physischen Konsequenzen der Vereinzelung. Die habe er, so schreibt der einsame Chronist am 8.3.2020, gleichsam seinen Schreibprozess reflektierend, damals begonnen, um der Gleichförmigkeit der Tage Herr zu werden. Und ein paar Tage später:

„Mittwoch, 18.3.2020, Temp. 37,3 Grad

Beim Waschen entdecke ich an der linken Hand einen Ehering. Rätselhaft. Es gibt in der Wohnung keine Treppe – trotzdem höre ich seit Stunden das ekelhafte Quietschen von trockener Haut auf lackiertem Holz. Was rutscht da und vor allem wo? Suche abgebrochen. Finger- und Zehennägel geschnitten. Alle!“

Dabei hat Nikolaus Heidelbach oder der Ich-Erzähler diesen Lockdown schon Wochen vor dem offiziellen Termin begonnen, vielleicht fürsorglich oder vorausschauend, auf jeden Fall aber freiwillig. Und die Folgen der Selbstisolation, noch dazu ohne Festnetz, Fax und Laptop, sind doch so beklemmend, dass der sonst oft gängige Begriff „kafkaesk“ hier deutlich zu kurz greift.

Nicht nur misst der Abgeschiedene jeden Tag, manchmal auch mehrfach, seine Temperatur. Es scheint sich auch die Wohnung zu erweitern, um Zimmer, die es vorher so nicht gab: Rauchersalon, Ankleidezimmer, Frauenzimmer, Musikzimmer, Wartezimmer, sogar ein Speiselift findet sich schließlich. Und überall scheinen sich neue tierische Mitbewohner anzusiedeln, ein Quokka, eine Schlange, ein Saibling, eine alleinerziehende Qualle.

Und für alle diejenigen Leserinnen und Leser, die sich im Tierreich nicht so gut auskennen (Quokka? Noch nie gehört oder gesehen! Wie sah noch mal ein Saibling aus? Und wie, wenn er sturzbetrunken ist?) hat Nikolaus Heidelbach, – hier ist die Urheberschaft ja eindeutig zuzuordnen –  den wundersamen Notaten manchmal passende, manchmal unpassende Illustrationen hinzugefügt.  So wird auch visuell erfahrbar, welche zunehmend beklemmenden Ereignisse sich in der Wohnung des Tagebuchschreibers zutragen.  

 Ob die hier dargestellten individuellen Phänomene auch die großen gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln, lässt sich heute noch nicht abschließend klären. Allen Lockdowngebeutelten gewährt der Band jedenfalls den Blick durchs Schlüsselloch eines bedauernswerten Nachbarn, der sich, aus Vorsicht vor den Viren, nun mit ganz anderen Wesen in seinem Heim auseinandersetzen, vielleicht auch anfreunden muss. So können wir, wohlig in der Ostersonne die Osterruhe genießend, entspannt seufzen: Na, so schlimm haben wir es ja nicht getroffen. Und demnächst wird ja auch geimpft und gelockert.

Nikolaus Heidelbach (2020): Alles gut?, Zürich, Gatsby Bücher im Kampa Verlag  

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

In Philip Roth´ Roman „Der menschliche Makel“ ist es Professor Coleman Silk, der sich, als Schwarzer mit sehr heller Haut auf dem Bewerbungsbogen der Navy als „weiß“ bezeichnet. Niemand stutzt, niemand stellt seine Zugehörigkeit in Frage. So lebt er das Leben eines weißen Professors an einer Universität, wird gar Dekan, hat eine große Familie. Nun, 71-jährig und bereits emeritiert, lässt er sein akademisches Leben mit einigen Lehrveranstaltungen langsam ausklingen. Und spricht dort, weil zwei Studentinnen häufig fehlen, von ihnen als „dunkle Gestalten“. Es sind die 2000er Jahre, in denen solche Bemerkungen schnell den öffentlichen Furor anheizen und zu unangenehmen Problemen führen können, zumal wenn die, über die gesprochen wird, tatsächlich People of Color sind. Ausgerechnet Coleman Silk strauchelt also über diese Bemerkung. Seine Kolleg*innen in der Fakultät lassen ihn fallen, seine Frau stirbt bei den Aufregungen.

Trotz der offensichtlich ungerechten Verurteilung durch sein Umfeld offenbart Coleman Silk seine wahre Identität nicht. Wir Leser*innen ahnen, welche Hürde Silk einst genommen hat, wir ahnen, welche Kraftanstrengung es gewesen sein muss, in der weißen Gemeinschaft zu leben, ständig aber befürchten zu müssen, enttarnt zu werden. Wir ahnen, dass die Lüge so ungeheuerlich ist, dass er die Wahrheit nun nicht mehr aufdecken kann.

Auch Brit Bennett erzählt eine Geschichte vom Passing. Aber sie erweitert den Erzählraum, indem sie nicht nur von der Figur erzählt, die von der einen Hautfarbe und Kultur zur anderen wechselt, sondern auch die Familienmitglieder mit einbezieht, die Schwester, die Tochter, die Nichte. So gelingt ein vielschichtiger Blick auf die Frage, welche Konsequenzen der Identitätswechsel für die Figuren hat – auch über die Generationen hinweg.

Als Ausgangspunkt ihrer Geschichte hat Bennett eine fiktive Kleinstadt erschaffen. Es ist Mallard im Bezirk St. Landry, westlich von New Orleans. Dort hatte Alphonse Decuirs 1848 die Idee, eine Stadt zu gründen, in der nur Menschen leben sollten, die waren wie er.

„Nun, da der Vater tot und er befreit war, wollte der Sohn auf diesem Land etwas bauen, das die Jahrhunderte überdauerte. Eine Stadt für Menschen wie ihn, die nie als Weiße akzeptiert werden würden und sich trotzdem nicht wie Negroes behandeln lassen wollten. Einen dritten Ort. Seiner Mutter, Friede ihrer Asche, war seine Hellhäutigkeit verhasst gewesen; als Kind hatte sie ihn in die Sonne gestoßen und ihn angefleht, doch nachzudunkeln.“

Und in diesem Ort, in den 1938 ein Priester aus Dublin geschickt wurde, der sich wunderte über die hellen, teils blonden oder rothaarigen Menschen, obwohl im doch gesagt worden war, dass er Dienst in einer Stadt mit Farbigen tun solle, werden in eben jenem Jahr die Zwillinge Desiree und Stella Vignes geboren, die Ururururenkelinnen von Alphonse Decuirs. Hell ist ihre Haut, wie ein Ei dem anderen ähneln sie sich. Und doch haben sie ganz unterschiedliche Temperamente. Desiree ist die unruhige, die, die Stella hinter sich her zieht. Und Stella ist die, die die Hand der zappeligen Schwester nimmt und sie beruhigt. Sie sind, so denkt eine Nachbarin über die beiden kleinen Mädchen, ein einziger Mensch, der auf zwei Körper verteilt ist. Später dann, als sie heranwachsen, ändert sich das. Die Menschen in Mallard können die Zwillinge problemlos auseinander halten, Desiree ist weiter die unruhige, die aber auch die Verantwortung der sieben Minuten jüngeren Schwester gegenüber spürt. Und Stella ist blitzgescheit und wird aufs College gehen, wenn ihre Mutter das Geld dafür zusammenbekommt. Sie wirken nicht mehr wie ein Mensch, der sich auf zwei Körper verteilt, sondern mehr „wie zwei in einem, und jede zerrte in eine andere Richtung.“

Als die Zwillinge 16 Jahre alt sind, verschwinden sie in der Nacht nach dem Stadtfest. Sie hauen ab nach New Orleans, wollen nicht mehr für die Weißen im Nachbarort putzen und wollen der Enge der Kleinstadt entkommen. Sie finden Arbeit in einer Wäscherei, haben bald genügend Geld beisammen, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Aber dann verliert Stella den Job in der Wäscherei. Alleine kann Desiree den Lebensunterhalt für die beiden nicht verdienen, das Leben in der Stadt ist teuer. Da schreibt das Kaufhaus Maison Blanche eine Stelle im Sekretariat aus. Und Stella bewirbt sich, wohl wissend, dass sie dort keine Farbige einstellen.

Also macht sie im Bewerbungsbogen mutig das Kreuz bei „weiß“ – und bekommt die Stelle. Fortan macht sie sich morgens nicht nur auf den Weg zur Arbeit, sondern auch in die Welt der Weißen. Und kehrt abends wieder zurück zu ihrer Zwillingsschwester in die Welt der Schwarzen. Und dann kommt Desiree eines Tages nach Hause und sieht, dass Stella verschwunden ist, alle ihre Sachen hat sie zusammengepackt. Desiree wird sie nicht wieder finden. Beim Zerren in die beiden Richtungen ist die Verbindung zwischen den Zwillingen nun tatsächlich unterbrochen. Und es wird Jahre dauern, bis sie wieder etwas über Stella erfährt.

Brit Bennett hat ihren Roman angelegt wie ein Experiment. Die Zwillinge, natürlich eng miteinander verbunden, sind so hellhäutig, dass der einen der Schritt in die weiße Kultur gelingt, während die andere in der Schwarzen bleibt. Sie, Desiree, heiratet sogar den dunkelsten Mann, den sie kennt und bringt eine Tochter zur Welt, die so schwarz ist, dass die Menschen in Mallard sie als „rabenschwarz“ bezeichnen, als „blauschwarz“ und „wie aus Afrika eingeflogen.“ Indem sie die Zwillinge in diesen von einander getrennten Kulturräumen leben lässt, spürt sie der Frage des Verlustes auf der einen Seite und der Identität auf der anderen Seite nach.

Denn die Entscheidung für „Schwarz“ und „Weiß“ bedeutet, keine Kontakte mehr haben zu dürfen, für Stella auch, sich von ihrer Herkunft mit allen Facetten, die dazugehören, rigoros zu trennen. Denn sie steht immer – darin ähnelt ihre Lebensumgebung der von Coleman Silk – vor dem Problem, irgendwo doch erkannt, irgendwie doch enttarnt zu werden. Da ist auch die Geburt eines Kindes ein großes Wagnis, denn sie weiß nicht, welche Hautfarbe es haben wird, ja, welcher Art die Haare sind. Kennedy, Stellas Tochter, wird mit so heller Haut geboren, mit solchen blauen Augen, dass sie schon fast violett erscheinen, sodass kein Verdacht auf Stella fällt.

Auch wenn die einzelnen Lebenswege der Figuren plausibel, ihre Entwicklungen und Entscheidungen nachvollziehbar sind und die Frage nach der Identität auf verschiedenen Ebenen erzählt wird, so schafft es Bennett nicht, die Geschichte so organisch zu erzählen, dass nicht immer wieder auch die Konstruktion der Erzählung erkennbar wird. Das Experimentelle der Ausgangssituation der beiden farbigen Zwillinge mit der weißen Haut, die die Möglichkeit eröffnet, solche völlig unterschiedlichen Entscheidungen treffen zu können, ist doch immer wieder sichtbar. Und setzt sich bei den Töchtern fort, von denen die eine so schwarz ist, dass sie auch in Mallard übelsten rassistischen Beschimpfungen ausgesetzt ist, während die Cousine in Los Angeles so strahlend weiß ist. Und so trägt die Konstruktion, die von den Zwillingen zunächst in 10-Jahres-Schritten 1968 und 1978 erzählt, in den 1980 Jahren nicht mehr. Hier franst die Erzählung der Töchter Kennedy und Jude aus.

Die unterschiedlichen Sprachebenen, die Dialekte, die im Original möglich sind, haben es nicht in die Übersetzung geschafft. Einmal fragt Desiree ihre Schwester Stella, wie sie denn spreche. Das ist bei Stellas einzigem Besuch bei Schwester und Mutter in Mallard und sie ist schon Dozentin für Mathematik an einem College. Aber, so berichten die Mitlesenden meines Leseklubs, in der englischen Version seien die kulturellen Räume auch sprachlich zu erkennen. So ist die recht konventionelle Art des Erzählens wohl der Übersetzung geschuldet.

Die Geschichte der vier Frauen erzählt Bennett aus deren jeweiliger Perspektive und nahezu chronologisch. Keine der vier Frauen erlebt eine Katastrophe vom Ausmaß einer griechischen Tragödie, so, wie Philip Roth sie für Coleman Silk erdacht hat. Viel mehr als die Auswirkung der Lebenslüge Desirees zu erforschen scheint Bennett zu interessieren, wie die vier Protagonistinnen sich in ihren Leben zurechtfinden, welche (inneren) Schwierigkeiten sie bewältigen, um ihren jeweils eigenen und selbstbestimmten Weg zu finden. Und das ist eine große Stärke des Romans.

Dabei ist der Rassismus, der immer wieder aufscheint, der immer wieder Steine in den Weg legt und Chancen zunichtemacht, nur eines der Konfliktfelder, denen die vier Frauen ausgesetzt sind. Denn jede von ihnen muss auch für sich selbst und unabhängig von der Frage der Hautfarbe entscheiden, welche Interessen und Fähigkeiten sie haben, welche Wege sie einschlagen wollen, wer sie sind. Im Vergleich also zum tragisch stürzenden Helden, dem am Lebensabend alles genommen wird, was er sich sein Leben lang aufgebaut hat, erkundet Bennett mehr, welche Möglichkeiten die Figuren haben, ein eigenständiges, ein glückliches Leben finden zu können. Da schwingt auf jeden Fall viel Hoffnung mit. Nicht zuletzt durch Reese, den Freund Judes, der auch seine Identität gewechselt hat, als er sich auf seiner Reise nach Los Angeles entschloss, endlich als Mann zu leben.

Eine Katastrophe ist aber auch in Stellas und Desirees Leben passiert. Und ist sicherlich auch der Grund für Stellas Lebensentscheidung. Noch Jahre später, da lebt sie schon das Leben als Weiße in Los Angeles, hat sie einen Baseballschläger hinter dem Bett versteckt. Eines Abends nämlich, die Zwillinge sind noch klein, da schnitzt ihr Vater Leon gerade ein Tischbein, als fünf Weiße sie im eigenen Haus überfallen. Sie treten die Haustüre ein und bringen den Vater nach draußen und lesen ihm die von ihm angeblich verfassten unschicklichen Briefe an eine weiße Frau – Leon ist Analphabet – vor. Dann brechen sie ihm jeden Finger und jedes Gelenk. Viermal schießen sie auf ihn, aber er überlebt. Später suchen die Weißen im Krankenhaus nach Leon und vollenden dort ihr Werk durch zwei Schüsse in seinen Kopf.

Im Ort kann sich niemand erklären, warum dieser Lynchmord passiert ist. Vielleicht ist er einem weißen Handwerker mit einem zu günstigen Preis in die Quere gekommen, vielleicht hat er eine andere Regel übersehen. Ratlosigkeit geht über in Zynismus: so etwas passiert eben, ohne Grund, ohne Sinn.

„In Mallard – dieser seltsamen, abgeschiedenen Ortschaft – sollte man sich sicher fühlen in einer Gemeinschaft aus Gleichen.Aber selbst hier, wo niemand dunkelhäutig heiratete, war man noch immer farbig, und Weiße konnten einen umbringen, weil man nicht schon beim ersten Mal gestorben war.“

Beim Einbruch der Weißen haben Stella und Desiree sich im Schrank versteckt. Stella aber hat durch den Spalt der Tür gesehen, wie die Weißen den Vater hinausschleifen. Und hat für sich die Chance ergriffen, ein anderes Leben zu führen als das, was die Gesellschaft, eine Gesellschaft, in dem solch ein Verbrechen ungesühnt passiert, in der die Mutter dann kaum so viel Geld verdienen kann, dass es für die Schulbildung der Kinder reicht, für sie vorgesehen hat. Dafür zahlt nicht nur sie einen hohen Preis.

Brit Bennett (2020). Die verschwindende Hälfte, aus dem Englischen übersetzt von Isabel Bogdan, Robin Detje, Hamburg, Rowohlt Verlag

David Szalay: Turbulenzen

Als Arthur Schnitzlers Theaterstück „Reigen“ 1920 in Berlin uraufgeführt wurde, führte das zu einem anständigen Skandal. Denn das Drama gibt Einblicke in die Schlafzimmer der Gesellschaft und verhandelt in 10 Dialogen was die Menschen, die sich jeweils getroffen haben, um miteinander zu schlafen, bewegt, was sie antreibt, was sie wünschen und erhoffen. Nicht zuletzt gibt es Einblicke in das Leben, die Einstellungen und Werte der verschiedenen sozialen Gesellschaftsschichten und zeigt am Beispiel des Sex besonders anschaulich auch die herrschenden Machtverhältnisse. Dass der moralische und sexuelle Tabubruch in den 1920er Jahren die Gemüter erhitzte, ist nachvollziehbar.

David Szalays Roman von den „Turbulenzen“ beschwört keinen neuen Skandal herauf. Aber Szalay hat sich bei Schnitzlers Idee des „Reigens“ bedient und sie ins Hier und Heute des 21. Jahrhunderts überführt. Und erzählt hier am Beispiel von flüchtigen Reisebegegnungen von unserer mobilen und globalisierten Welt. Wie in Schnitzlers Reigen wird dabei die Nebenfigur der einen Geschichte zur Hauptfigur der nächsten. So entsteht manchmal ein doppelter Blick auf eine Person, auf eine Situation, ein Blick also aus unterschiedlichen Perspektiven, der für die Leserin ein komplexeres Bild entstehen lässt.

Auf den ersten Flug – von LGW nach MAD – ist eine ältere Frau gebucht. Sie hat für einen Monat ihren Sohn Jamie in London besucht, der sich wegen einer Krebsdiagnose einer Strahlentherapie unterziehen musste. Nun wollen die Ärzte vier Wochen abwarten, um dann zu untersuchen, wie gut die Therapie angeschlagen hat. Fast hat man als Leserin den Eindruck, Jamie wolle nun, bevor die Wochen des Wartens beginnen, seine Mutter möglichst schnell zur Abreise bewegen. Schon hat er einen Flug für sie für den nächsten Tag herausgesucht, schon ist der Flug gebucht – obwohl die Mutter doch eigentlich Flugangst hat und sich überlegt, dass sie lieber mit dem Schiff und dem Zug reisen würde. Als ihr Sohn sie am Flughafen verabschiedet hat, überkommt sie die Ahnung, dass er innerhalb des kommenden Jahres sterben werde. Noch bei der Kontrolle zittert sie.

Im Wartebereich des Flughafens versucht sie ihrer Angst mit zwei Bloody Mary Herr zu werden. Im Flugzeug genehmigt sie sich die nächste. Als das Flugzeug die Biskaya überfliegt, kommt es zu Turbulenzen. Die erste, die steckt sie noch ganz gut weg. Aber die zweite erschüttert sie bis ins Mark. Ihren Sitznachbarn wohl auch, denn der verschüttet seine Cola.

Ja, auch der Sitznachbar, Cheikh, ein Geschäftsreisender, der via Madrid weiter nach Dakar fliegt, hat bei diesen Turbulenzen Angst. Zehn Minuten dauern sie und das fühlt sich, wenn man in diesem zitternden und bebenden, sich scheinbar in sich selbst verwindenden und ächzenden Flugzeug sitzt, wie eine Ewigkeit an. Das sind, so denkt er später, als sein Fahrer ihn am Flughafen abholt, schwere Turbulenzen gewesen. Cheikh ahnt, dass sein Fahrer ihm eine wichtige Nachricht vorenthält, aber noch kann er sich auf die Situation im Wagen nicht richtig einstellen, noch ist er gefangen in der Erinnerung an den Flug über die Biskaya.

Und so erinnert er sich, dass er mit der britischen Sitznachbarin nach den Turbulenzen in ein Gespräch gekommen sei. Darüber, warum sie im Flugzeug sitzen, über die Kinder, er zeigt ihr sogar Bilder auf dem Handy. Und da erst fällt ihm auf, wie blass sie ist und fragt, ob es ihr gutgehe. Eine Ärztin ist an Bord, die sich der älteren Dame annimmt, ein Rettungswagen wird zum Landeplatz der Maschine in Madrid bestellt. Aber damit ist Cheikh noch nicht am Ende mit den Turbulenzen. Denn zu Hause wartet eine schlimme Nachricht auf ihn.

Was es damit auf sich hat, enthüllt dann die dritte Geschichte – DSS – GRU. Da steht Werner, Kapitän einer Frachtmaschine, in seinem Taxi im Stau und fürchtet, zu spät am Flughafen in Dakar zu sein. Er wird es zwar nicht pünktlich zum Kontrollgang schaffen, wird aber die Maschine von Dakar nach Sao Paulo steuern. Weil er die Hotelzimmer hasst, in denen er alleine die Nächte verbringt, sucht er über das Internet nach einer Frau für den Abend. Und verbringt Abend und Nacht bei einer brasilianischen Journalistin.

In zwölf knappen Erzählungen also nimmt David Szalay uns einmal mit auf die Reise rund um die Welt. Immer weiter nach Westen, über fast alle Kontinente fliegen wir. Dabei begleiten wir für eine kurze Zeit Figuren, für die das Fliegen keineswegs Aufbruch zu einer aufregenden Reise ist oder gar Sinnbild ist für die Freiheit. Es sind vielmehr Figuren, für die das Fliegen notwendig ist, um größere Strecken zu bewältigen, weil ihre Lebenswirklichkeit an so weit auseinanderliegenden Orten stattfindet. Es sind Geschäftsreisende, Piloten, Journalistinnen und Schriftstellerinnen, es sind vor allem aber Mitglieder von Familien, die über viele Länder verstreut leben: die Schriftstellerin Marion MacKenzie in Toronto reist quer über den Kontinent zu ihrer Tochter nach Seattle, um bei der Geburt des Enkels in der Nähe zu sein. Jackie, die an der Hochschule von Hongkong lehrt, ist ebenfalls in Seattle zu Besuch, um wiederum ihre Tochter zu besuchen. Anita arbeitet als Haushaltshilfe in Delhi und fliegt, als die Schwester vom Brand in ihrem Haus erzählt, zurück nach Kochi. Dort ist auch ihr Schwager angekommen, der als Gärtner in Doha arbeitet.

Die Erzählstimmen führen uns immer schnell mitten hinein in ihre Reisesituation. Und in die großen Fragen ihrer Leben: Wie umgehen mit Krankheit und Tod, mit Liebe und der Suche nach dem Glück? Wie umgehen mit den mehr oder weniger heftigen Turbulenzen im eigenen Leben? Dass lange Reisen nicht nur der gutsituierten Mittelschicht vorbehalten ist, machen die Erzählungen um die indischen Figuren deutlich, die sich in Delhi, in Doha sogar eine Arbeit suchen müssen.

Es ist ein durchaus melancholischer Ton, der allen Geschichten zugrunde liegt. Der Ausdruck ist der manchmal existenziellen Ereignisse, in die Figuren geraten. Der aber auch Ausdruck sein mag für die Erfahrung, im Grunde unbeheimatet zu sein und vor allem in fluiden Beziehungen zu leben. So ist Szalays Motiv des Fliegens ein starkes Bild unserer mobilen Gesellschaft. Das natürlich keinen Skandal hervorruft, wie Schnitzlers Blick in die Schlafzimmer Wiens der 1920er Jahre. Das aber genauso die Wünsche und Hoffnungen der Figuren transportiert, auch die gesellschaftlichen Verwerfungen. Zum Ende, und damit ähnelt Szalays Dramaturgie der Konzeption von Schnitzlers Drama, führt der Roman dann auch wieder zurück nach London.

David Szalay (2020): Turbulenzen, aus dem Englischen übersetzt von Henning Ahrens, München, Carl Hanser Verlag

Der Februar-Rückblick: Vom Lesen, Hören und Entdecken

Auch der Februar hat sich als guter Lesemonat erweisen mit Lesereisen nach Aleppo und in die Normandie. Und mit den Kentukis an alle möglichen Orte. Und wiederum haben mich auch Beiträge in anderen Medien überrascht, erfreut und inspiriert.

Gelesen und gehört

Nach der Ankündigung des WDR, die tägliche Buchbesprechung im Programm des WDR 3 zu streichen, ging ein Aufschrei durch die Medien. Insa Wilke formulierte eine Petition an den WDR und erklärt in der ZEIT ausführlich ihre Position.

Besonders beeindruckt hat mich in der Diskussion der Beitrag von Hilmar Klute in der SZ , der über die Bedeutung der Literatur im Französischen Fernsehen berichtet. Dort werde, man kann es kaum fassen, am Samstag zur Prime-Time über Bücher diskutiert, während wir hier mit seichten Krimis oder Quizsendungen unterhalten werden, die eigentlich eher ins Kinderprogramm gehören. Dem SWR hat der Artikel wohl auch gefallen, denn er hat gleich noch ein Interview mit Klute geführt, das ihr hier nachhören könnt.

Was für ein Gewinn es sein kann, eine Literatur-Rezension zu hören, die nicht nur 5 Minuten lang ist, sondern sogar an die zwanzig, das lässt sich wunderbar nachhören (oder auf der Seite auch nachlesen) in Shirin Sojitrawallas umfassender Besprechung von Sharon Dodua Otoos Roman „Adas Raum“ im Deutschlandfunk.

Und wer gern wissen möchte, wie die Diskussion im Literaturhaus Köln zwischen den Kulturprogrammchefs von HR und WDR, Alf Menzer und Volker Schaeffer, sowie der KiWi-Verlegerin Kwww.das

erstin Gleba und der Literaturkritierin Insa Wilke verlaufen ist, der kann das hier nachlesen.

Entdeckt

Spannend sind die Podcasts aus der Reihe „She likes Tech“ vom NDR. Hier werden Frauen interviewt, die im Tech-Bereich arbeiten. Sie erzählen von ihrem beruflichen Weg in einen Bereich, der eher von Männern dominiert ist. Und natürlich geben sie auch Einblicke in ihre Arbeit. Nachhören könnt ihr die Interviews hier oder durch Herunterladen in der Podcast-App.

Gelesen

Bei meinen eigenen Lektüren hat mich in diesem Monat besonders begeistert, wie die Autorinnen und der Autor ihre Geschichten erzählt haben: Mehr auf Spannung und einen Weg in die Katastrophe ha Samantha Schweblin ihre Geschichte der „Hundert Augen“ angelegt. Khaled Khalifa dagegen macht uns Leserinnen deutlich, wie schwer und perspektivlos das Leben in der syrischen Diktatur ist. Und Annie Ernaux schafft durch den reflektierenden Blick eine Auseinandersetzung mit der Wirkung von kulturellen Unterschieden in den sozialen Schichten.

Annie Ernaux: Die Scham

Ein Ereignis aus der Kindheit ist es, dass die Ich-Erzählerin in diesem schmalen Buch immer wieder umkreist. Es hat sich am 15. Juni 1952 ereignet und es hat sie zutiefst erschüttert. Es ist das Ereignis, von dem sie sagt, dass es ihr Leben in ein „vorher“ und „nachher“ gliedert, das Ereignis, das ihre Kindheit beendet und ihren Prozess des Loslösens vom Elternhaus einleitet.

An diesem Tag gab es einen Streit zwischen ihren Eltern, das ganze Mittagessen lang. Und ihr Vater, der den Nörgeleien seiner Frau sonst meistens nichts entgegensetzte, wurde so wütend, dass er erst zitterte und keuchte, dann die Mutter packte, in die Vorratskammer schleifte und schrie. Als die Erzählerin, von der Mutter gerufen, hinzukam, hielt er mit der einen Hand die Mutter an Hals oder Schulter fest, mit der anderen hielt er das Beil. So beginnt die Erzählerin ihren Text mit dem Satz:

„An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“

Es sei hier das erste Mal, so berichtet die Erzählerin, dass sie dieses Kindheitsereignis notiere. Es habe ihr unmöglich erschienen, nicht einmal ihrem Tagebuch mochte sie das Ereignis anvertrauen. So, als sei es ihr verboten darüber zu schreiben, so, als würde sie dann bestraft. Auch gesprochen haben die Eltern und sie über den Vorfall nicht mehr. Vielleicht, so überlegt sie nun, haben die Eltern es doch getan, haben dann vereinbart, in Zukunft darüber zu schweigen. Aber in ihrer Anwesenheit sei die Szene nie wieder thematisiert worden. Und so habe sie sie nur den Männern erzählt, in die sie richtig verliebt gewesen sei.

„Alle verstummten, nachdem sie den Satz gehört hatten. Ich merket, dass ich einen Fehler gemacht hatte, dass sie damit nicht umgehen konnten.“

Nun also, so viele Jahre später erst, findet sie die Sprache, die es möglich macht, das traumatische Erlebnis zu schildern. Sie findet dafür eine klare Sprache, ohne Wertungen ohne Gefühle, ohne Verurteilungen. Eine Sprache, die die Szene plastisch vor dem Auge der Leserin erscheinen und so das Entsetzen, das das Kind empfindet, unmittelbar spürbar werden lässt. Für die Schreiberin jedoch ist die Wirkung des Erzählens, der tastenden Suche nach den richtigen Worten, eine ganz andere: sie merkt beim Weiterschreiben, dass sie nicht bestraft wird und dass das Erlebnis seinen Schrecken verliert:

„Mehr noch, seit ich es geschafft habe, davon zu erzählen, habe ich den Eindruck, es handle sich um einen banalen Vorfall, um etwas, das in viel mehr Familien vorkommt, als ich dachte. Vielleicht macht das Erzählen, egal in welcher Form, jede beliebige Tat, sogar die dramatischste, zu etwas Normalem. Aber weil ich die Szene bisher in mir getragen habe wie ein Bild ohne Wörter und Sätze, abgesehen von denen, die ich zu meinen Liebhabern gesagt habe, kommen mir die Worte, mit denen ich sie hier beschrieben habe, fremd vor, beinahe unpassend. Die Szene gehört jetzt anderen.“

Um tiefer in die Bedeutung einzutauchen, die der dramatische Streit der Eltern damals für sie hatte, um näher heranzukommen an ihre Art des Fühlens, Denkens und Sprechens, versucht die Erzählerin, ihrem Alltag im Jahr 1952 nahezukommen. So nähert sie sich dem Jahr und ihren Erinnerungen über zwei Fotos und die Lektüre der Tageszeitung aus der Zeit. Sie erinnert sich an die „Gesetze und Riten, die Glaubenssätze und Werte der verschiedenen Milieus in der Schule, in der Familie, in der Provinz“ und die verschiedenen Sprachen, zwischen denen sie selbstverständlich wechselte, nämlich der Sprache der Religion, der Sprache der Eltern, die meistens an Alltagsgegenstände und Handlungen geknüpft war und der Sprache der Fortsetzungsromane, die sie in Zeitschriften las. Sie versuche, so schreibt sie, eine Ethnologin ihrer selbst zu werden.

Diese wissenschaftliche Herangehensweise, die sich ja auch in der distanzierten, auf das Sachliche bedachten Sprache spiegelt, bestimmt ihren Weg, sich dem Ereignis zu nähern, sich über dessen Voraussetzungen und Gründe klar zu werden. Zwar untersucht sie keine fremde Kultur, sondern ihre eigene, in der ihr eine teilnehmende Perspektive von Natur aus zufällt. Aber indem sie immer wieder ihr Vorgehen und ihre Methoden erklärt und vor allem auch reflektiert, versucht sie am Beispiel ihrer Erlebnisse und Erinnerungen die Lebensbedingungen ihres Milieus sowie die Bedingungen ihres sozialen Aufstiegs zu klären.

Und doch entsteht hier kein wissenschaftlicher Text. Sondern vielmehr ein literarischer, der fast chronologisch von besonderen Ereignissen dieses Sommers 1952 erzählt, als den wichtigen Monaten, in denen die Erzählerin sich ihrer Herkunft schmerzlich bewusst wird. Es sind die Monate, in denen sie die kulturelle und gesellschaftliche Diskrepanz zu ihren Mitschülerinnen am katholischen Gymnasium erkennt. Ein Text, der neben den erzählenden Passagen dann aber auch die reflektierenden Passagen des erwachsenen Ichs beinhaltet sowie die Reflexion der Art der Spurensuche. So entsteht ein ungewöhnlich dichter Text, der gleich aus verschiedenen Perspektiven um das Erwachen der Scham kreist.

Denn Scham empfindet die Erzählerin seit dem Sonntag, an dem ihr Vater ihre Mutter töten wollte. Weil sie in dieser Szene erkennt, dass die Familie nicht zu den anständigen Leuten zählt. Sondern zu denen, die trinken, sich streiten und prügeln. Zu denen, die zur Toilette nach draußen gehen und nachts auf einen Eimer und sich mit dem Nachthemd nach dem Urinieren abwischen. Zu denen, die in beengten Wohnverhältnissen leben, in denen es kein eigenes Zimmer gibt für die Tochter, die ihr Bett im Schlafzimmer der Eltern hat. Seit diesem Ereignis sieht sie die Eltern durch die Augen ihrer Mitschülerinnen und Lehrerinnen. Das führt zu einer starken Erschütterung ihrer selbst, denn alle Gewissheiten geraten ins Wanken.

Der schmale Band Annie Ernaux´ entfaltet eine starke Wirkung. Sie beleuchtet das Problem der sozialen Schichten, das mehr eines der kulturellen Unterschiede ist, als eines der Exklusion. Davon schreibt sie sachlich und distanziert und ohne Verurteilung – aber anschaulich und lebendig und nachfühlbar. So, dass man selbst hinabsteigt in die eigenen Kindheitserinnerungen, auf der Suche nach ähnlichen Erlebnissen, die Scham ausgelöst haben. Und trotz aller Tragik auch dazu beigetragen haben, sich vom Elternhaus zu lösen und erwachsen zu werden.

Annie Ernaux (2020): Die Scham, aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck, Berlin, Suhrkamp Verlag

Khaled Khalifa: Keine Messer in den Küchen dieser Stadt

Khaled Khalifas 2013 erschienener Roman führt mitten hinein in das Leben in Syrien seit den 1960er Jahren. Damit spielt die Geschichte in der Zeit, in der die Baath-Partei nach der Macht gegriffen und Hafiz al-Assad durch einen Putsch an die Spitze der Partei und damit auch der Regierung gelangt ist. Dass diese Jahre bleiern auf den Leben der Familienmitglieder des Erzählers liegen, davon erzählt er uns.

Die Mutter des Erzählers ist gestorben, an einem glühend heißen Junitag des Jahres 2004. Sein Onkel Nisâr hatte ihn angerufen, als er von der Arbeit – er übersetzt für eine Textilfabrik – auf dem Weg nach Hause war. Er solle die Schwester Saussan suchen und ihr Bescheid geben. Spät in der Nacht kommt Saussan zur Wohnung, in der die Mutter zwischen Eisblöcken und unter Decken liegt. Onkel Abdalmunim ist da mit seinem Sohn, und Nariman, die Freundin der Mutter. Zwei Generationen einer Familie treffen hier aufeinander, mit all ihren Animositäten und ihren Konflikten. Die trotz allem für eine respektvolle, für eine würdige Trauerfeier sorgen.

Der Roman setzt ein, als der Ich-Erzähler nach der Beerdigung nach Hause geht. Wie es oft ist nach solchen einschneidenden Erlebnissen, so ist auch der Erzähler nun tief versunken in seinen Erinnerungen. Er erinnert sich an den Anruf des Onkels, erinnert sich die letzten Tage der Mutter, an ihre Notizen und Briefe auf dem besonderen, nach Zimt duftenden Papier, das sie immer im Schreibwarenladen ihres Bruders Abdalmunim besorgt hat. Er erinnert sich, dass der Onkel in einer Ecke seines Ladens das Bild seiner Söhne stehen hat, Hassan und Hussain neben Jacha in der Mitte, die Arme umeinandergelegt. Der Erzähler weiß, dass sein Onkel, wenn er das Bild betrachtet, nur noch Jacha sieht. Ihn hat er zum letzten Mal im Leichenschauhaus der Universitätsklinik gesehen, wohin er gerufen wurde, um ihn zu identifizieren. Die Misshandlungen der Folter hatten Spuren hinterlassen auf seinem Körper. Berühren durfte der Vater, trotz seiner Bitten, den Leichnam nicht mehr. Aber für die Beerdigung muss er sorgen mit der Hilfe seiner Söhne und unter Aufsicht des Militärs. Schon auf den ersten Seiten sind die politischen Verhältnisse klar umrissen.

Das assoziative Erzählen, das das Hin- und Herspringen der Erinnerungen sehr anschaulich abbildet, macht es den Leserinnen und Lesern zu Beginn schwer. Die vielen Familienmitglieder mit den ungewohnten Namen, die sich alle bei der Beerdigung der Mutter versammeln, die Bruchstücke, an die der Erzähler sich erinnert, quer durch die Zeiten, das erscheint zunächst sehr verwirrend. Wer sich aber durch diese ersten Seiten der Lektüre nicht aufhalten lässt, der wird belohnt mit einer Familiengeschichte, bei deren Erzählung vieles im Ungefähren, im Angedeuteten, im Metaphorischen bleibt und die doch so eine dichte Wirkung entfaltet.

Als junge Frau in ihrem letzten Schuljahr lernt die Mutter auf einem Fest der Eisenbahngesellschaft, für die auch ihr Vater gearbeitet hat, einen jungen Eisenbahningenieur kennen. Der stammt aus der Provinz im Norden Aleppos, in der Nähe der Grenze zur Türkei. Dorthin folgt sie ihm, mittlerweile zur Lehrerin ausgebildet, nach der Hochzeit, abschätzig kommentiert von der Schwester Ibtihâl, die den Ideen des Osmanischen Reiches anhängt und nicht verstehen kann, warum die Schwester zu rückständigen Bauern aufs Land zieht. Spätestens nach der Geburt der Tochter Suâd, die behindert zur Welt kommt, weil bei der Geburt nur die Dorfhebamme anwesend war, teilt die Mutter wohl die Vorbehalte gegen die Provinz. Zur Geburt des Erzählers jedenfalls verkauft sie Goldschmuck und sichert sich mit dem Geld eine gute ärztliche Versorgung im Krankenhaus in Aleppo. Und genau in dieser Woche ihres Aufenthaltes kommt es zu Assads Putsch. Die Geburt in dieser Zeit, so erzählt der Erzähler später, scheint ihn wie ein schlechtes Omen sein Leben lang zu begleiten.

Die Mutter zieht mit den vier Kindern wieder zurück nach Aleppo, als der Vater die Familie verlassen und mit einer Amerikanerin in die USA abgereist ist. Voller Hoffnung und Zuversicht macht sie sich, die für die ersten Wochen mit den Kindern im Keller des Hauses ihres Bruders Abdalmunim unterkommt, daran, ein neues Leben aufzubauen.

„Mutter akzeptierte nicht, dass Schatten über ihren Träumen lagen. Sie machte sich voller Enthusiasmus auf den Weg zu ihrer Schule – elegant gekleidet und frisiert, das Notizbuch in eine farbige Hülle gesteckt. Keiner ihrer Schüler würde sie je vergessen können. Eine romantische, träumerische Frau, die sie häufig zu faszinierenden Dingen führte: Musik von Vivaldi und Mozart, Chansons von Mireille Mathieu, Bilder vom Paris der 1960er Jahre, die Stadt, die sie einmal für den einzigen Ort gehalten hatte, an dem ihre Träume verwirklichen könnte – bevor sie bei jener unseligen Party unseren Vater traf.“

Die Mutter scheint die letzte in der Familie zu sein, die sich noch Träumen hingibt und versucht, ein französisch inspiriertes Leben zu führen. Sie verweigert die Parteimitgliedschaft und beschließt, ein „Parallelleben“, wie sie es nennt, zu führen. Ihre Kinder haben weder Träume noch Halt. Am deutlichsten wird das bei der Tochter Saussan, die als Kind die ganze Familie mit ihrer Fröhlichkeit aufgeheitert hat. In ihrer Schulzeit knüpft sie eine Beziehung zu ihrem Französischlehrer Jean. Nach dem Schulabschluss macht sie jedoch eine Ausbildung zur Fallschirmspringerin beim Militär und führt eine Beziehung zu einem höherrangigen Parteimitglied. Als der sie verlässt, um eine Frau aus seinem Dorf zu heiraten, kehrt sie nach Aleppo zurück, wird streng religiös und beginnt ein Studium. Aber auch dieser asketisch-sinnenfeindliche Weg ist auf die Dauer kein Weg für Sausson. Und so kehrt sie auch der Religion den Rücken. Wie dem Erzähler bleiben auch ihr nur kleinere Übersetzungen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Haltlosigkeit, Stillstand, Perspektivlosigkeit – das sind die Begleitumstände der Generation, die unter dem Regime der Baath-Partei leben. Khaled Khalifa zeigt dies nicht nur in den Biografien der Onkel und Tanten und der Geschwister des Erzählers, er zeigt es auch durch starke Motive: Da ist die Stadt Paris, die Stadt der Wünsche und Träume, da ist die europäische Kultur, die Musik vor allem, die für viele Familienmitglieder eine große emotionale Stütze ist. Da ist auf der anderen Seite die Stadt Aleppo, die immer mehr ihr offenes, fröhliches Gesicht verliert, in der korrupte Städteplaner die alten Häuser abreißen, die „wundervollen Örtlichkeiten innerhalb der alten Mauern, hinter denen die Geschichte der Stadt bewahrt wurde“. Die Bewohner werden vertrieben und in „rasch errichteten, billigen Gebäuden unter[gebracht], in Zimmern wie Rattenlöcher.“

Auch das Haus der Mutter, stolz errichtet nach ihrer Rückkehr nach Aleppo mit weißer Fassade und einem Koranvers über der Tür und die weiten Lattichfelder, versinnbildlicht das Leiden seiner Bewohner. Erst werden neue Häuser in unmittelbarer Nähe gebaut, Parteigenossen ziehen dort ein, sodass die Familie sich nicht einmal mehr im eigenen Haus unbeobachtet fühlt. Und dann beginnt das ganze Haus zu schimmeln und zu faulen, alle Möbel werden schäbig, der Geruch von „Moder und Verwesung“ zieht ein. Und doch kehren die Familienmitglieder immer wieder in dieses Haus zurück.

Und es sind die Figuren, die diesen Roman so vielschichtig machen. Da ist der offen homosexuell lebenden Onkel Nisâr, charakterstark und integer, der den anderen immer wieder Stütze ist und Zuflucht gewährt. Da ist die von früher träumende Mutter, die sich ihren Stolz bewahrt und die Realität nicht anerkennen will. Sausson, die sich immer wieder neu erfindet und doch nicht den richtigen Weg für sich sieht. Rashid, der Musikbegeisterte, der dann doch zum islamistischen Terroristen wird. Und einem Erzähler, der sich an die Familiengeschichten erinnert und dabei eine ganz beklemmende Atmosphäre entstehen lässt. Und der, je näher er den Ereignissen der Gegenwart kommt, um so konkreter erzählt. Der sich in seinem Leben und in dieser Geschichte so unsichtbar wie möglich macht, eher zum Chronist der Leben der anderen wird:

„Keine Wünsche, keine Träume. Keine Zukunft, keine Vergangenheit. Das war mein Glaubensbekenntnis geworden.“

Nicht nur die Familienmitglieder verzweifeln. Auch andere Familien sehen keine Hoffnung mehr. So schreit ein Mann, der gerade seine Frau und seine Kinder verbrannt hat, den seelenruhig zuschauenden Nachbarn zu, es sei ehrenwerter, in den Flammen umzukommen, „als aufs Verhungern zu warten. „Gibt es denn keine Messer mehr in den Küchen dieser Stadt?“, fragte er bitter.

Dass Khalifa mit seinen Romanen, die doch auf so vielen Ebenen vom Elend in Syrien erzählen, auch ins Zensur-Visier des Assad-Regimes gerät, verwundert also kaum.

Khaled Khalifa (2020): Keine Messe in den Küchen dieser Stadt, aus dem Arabischen vom Hartmut Fähndrich, Hamburg, Rowohlt Verlag

Samatha Schweblin: Hundert Augen

Samantha Schweblin schickt uns in ihrem neuen Roman mitten hinein in ein faszinierendes Gedankenspiel. Kentukis heißen ihre smarten Spielzeuge. Das sind kleine, nicht einmal besonders ansprechend gestaltete Plüschtierchen, Krähen, Kaninchen, Maulwürfe, Drachen, die sich auf drei Rollen durch die Wohnung bewegen. In ihren Augen sitzen Kameras, wie bei einer Drohne, über ein Mensch, an seinem Bildschirm sitzend, den Kentuki steuert.

Wer bei diesem Spiel mitmachen möchte, muss sich entscheiden: Sie oder er kann die Rolle des „Herrn“ übernehmen und kauft sich solch ein Plüschtier. Oder kauft die Software und einen Code und schlüpft in die Rolle des „Wesens“. Dann können sie oder er am Leben einer Familie irgendwo auf der Welt teilnehmen, bei einem Single einziehen, Begleiter und Spielkamerad*in eines Kindes werden oder in einem Seniorenheim mit den älteren Damen und Herrn in Kontakt treten. Jeder Code ermöglicht den Zugang zu nur einem Kentuki. Diese exklusive Beziehung wird durch den Computer festgelegt, kann also nicht vorab bestimmt werden. Und wenn diese Beziehung beendet wird, dann ist der Kentuki nichts mehr als ein schlecht gemachtes Plüschtier auf drei Rollen. Zwar kann das Wesen sich bewegen und durch die Kameraaugen seine Umgebung beobachten, es kann die Augen öffnen und schließen und ein paar Grunzlaute von sich geben, aber sprechen kann es nicht.

Das also ist die Ausgangssituation von Schweblins Gedankenspiel. Kentukis sind Produkte, von denen man sich schlecht vorstellen kann, dass sie „marktfähig“ sind. Denn wer würde schon freiwillig solch einem Überwachungsgerät die Türen der eigenen Wohnung öffnen? Wer würde sich stundenweise von diesem Spielzeug beobachten lassen? Nicht wissend, wer auf der anderen Seite der Leitung den Kentuki steuert, und wer mit welchen Informationen etwas anfangen und gegen den „Herrn“ unternehmen könnte. Andererseits: Wie viele Menschen lassen die Öffentlichkeit über ihre Social-Media-Kanäle auch an den intimsten Momenten ihres Lebens teilhaben, wie viele folgen solchen Accounts, auf denen das Innerste nach Außen gekehrt wird? Was hat es mit dieser vermeintlichen Nähe, die über die Technik entsteht, auf sich?

So geht es Schweblin in ihrem Roman auch nicht so sehr um Big-Data-Probleme. Sondern viel mehr darum, warum sich Menschen auf dieses Spiel einlassen und wie sich die Beziehungen, die in diesem Falle ganz zufällig entstehen, entwickeln. So ist es das Konzept ihres Romans, verschiedene Figuren zu begleiten, Figuren, die sich entschieden haben, „Herr“ zu sein oder „Wesen“, Männer, Frauen und Kinder, die sich an dieser besonderen Situation erfreuen, mit Wohnorten auf allen Kontinenten. Einigen Figuren begegnen wir immer wieder, ihre Erlebnisse mit den Kentukis oder als Kentukis ziehen sich durch den Roman. Andere wiederum sehen wir nur in einer knappen Episode.

Emilia ist eine der Figuren, von der wir häufiger lesen. Sie ist Rentnerin und lebt in Peru. Ihr Sohn ist mit 19 Jahren nach Hongkong gezogen, weil ein Unternehmen ihn „mit einem obszönen Gehalt verführt“ hat. Immer wieder schickt er seiner Mutter den neuesten technischen Schnickschnack, den sie meistens einmal ausprobiert und dann verkauft, um etwas besser über die Runden zu kommen. Nun hat sie diesen Code bekommen und eine Anleitung, was sie damit anstellen soll. Missmutig macht sie sich an die Arbeit, gibt den Code ein, lädt ein Programm auf ihren Rechner – und schaut plötzlich in eine fremde Wohnung und in das Gesicht einer jungen Frau. Die ersten Kontaktversuche zwischen Emilia und der Frau sind schwierig. Aber Emilia entdeckt auf ihrem Bildschirm Steuertasten und verschiedene Optionen wie „schlafen“ und „aufwecken“. Und so probieren die beiden Frauen sich in ihrer ersten Kommunikation. Emilia findet mehr und mehr Interesse an diesem Spiel. Dann hält die junge Frau eine Schachtel vor die Kamera. Auf der ist ein rosa-schwarzes Plüschtier abgebildet:

„Du bist ein süßes kleines Kaninchen“, sagt die junge Frau. „Magst du Kaninchen?“

Alina ist ihrem Freund Sven zu einem Aufenthaltsstipendium in eine Künstlerresidenz in der Nähe von Oaxaca gefolgt. Mehr aus Langeweile hat sie im Elektronikgeschäft in der Stadt eine Krähe gekauft, ein „ziemlich hässliches Kuscheltier“. Während sie es zu Hause in Betrieb nimmt und wartet, bis es sich angemeldet hat, überlegt sie, wer wohl lieber „Herr“, wer lieber „Wesen“ sein möchte. Und reflektiert darüber, welche Funktion solch ein Wesen für den Herrn hat. Den eines Haustiers?

Enzo lebt in Umbertide und will keinen Kentuki. Solch ein Gerät im Haus zu haben, behagt ihm überhaupt nicht. Aber er lebt in Scheidung und muss alles richtig machen, damit er sich das Sorgerecht für seinen Sohn weiter mit seiner Ex-Frau teilen kann. Und die will, zusammen mit der Psychologin, die den Sohn Luca betreut, unbedingt, dass ein Kentuki in Enzos Haus einzieht. Also kauft Enzo eines der Plüschtiere. Und ist dann derjenige, der mehr und mehr Gefallen findet an der Gesellschaft seines Maulwurfs. Er geht sehr höflich mit dem Spielzeug um, ist sich immer bewusst, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt. Sogar Sightseeing ermöglicht er seinem Kentuki, wenn er ihn auf die Hutablage seines Wagens stellt und mit ihm durch die Stadt fährt. Nur Luca will den Maulwurf nicht in seiner Nähe haben, setzt sogar alles daran, ihn so zu verstecken, dass sein Vater ihn nicht findet, damit dem Spielzeug der Strom ausgeht.

Wir begegnen Schweblins Figuren meistens zu Beginn ihrer Beziehungen zu den Kentukis. Dabei erzählt sie überzeugend davon, wie die zunächst durchaus kritischen, ablehnenden oder auch reflektierenden Haltungen der Figuren zu diesen seltsamen Plüschtieren sich mehr und mehr verändern. Hier entsteht ein Interesse an dem Kennenlernen einer unbekannten Person in einem unbekannten Land, dort entsteht eine Beziehung zu einem fremden Menschen, der mehr und mehr die Position eines Gesprächspartners einnimmt. Und Marvin, ein Schüler, erlebt geradezu ein Abenteuer im norwegischen Schaufenster eines Elektroladens, aus dem er versucht zu entkommen, weil er doch einmal einen Abdruck seiner Spielzeugfigur – hoffentlich ein Drache! – im Schnee hinterlassen möchte.

In den Episoden, die hin und her springen, quer über die Kontinente und von Herr zu Wesen, spielt Schweblin gekonnt mit den verschiedenen Facetten der Faszination an diesem Spielzeug. Sie erzählt von der Kreativität der Menschen, die immer wieder neue Wege finden, miteinander in eine Kommunikation treten zu können. Sie erzählt davon, wie sich die Menschen an ihre Kentukis gewöhnen. Wie normal es wird, dass sie da sind, ihnen folgen oder auch ihre eigenen Wege in der Wohnung gehen. Wie Haustiere. Und von einem weltweiten Hype um diese smarten Spielzeuge, die in Schafenstern stehen, auf kassentresen und in Bars mit am Tisch sitzen und Karten spielen. Und Grigor in Sarajewo ist einer der ersten, der aus dem Spiel ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt. In jeder der Geschichte gibt es aber auch einen Kipppunkt, eine Handlung von Herrn oder Wesen, die das Beziehungskonstrukt verändert. Und dann wird es oft unappetitlich.

So wie direkt in der ersten Episode. Drei Teenager sitzen zusammen und überbieten sich geradezu in Gehässigkeit. Sie zeigen dem Plüschtier, hier ist es ein Panda Fotos von Klassenkameradinnen und lästern ordentlich. Sie zeigen dem Kentuki Filme von der Schultoilette. Und entblößen der Reihe nach ihren Busen. Das ist ein durchaus reißerischer Einstieg: Sex sells. Aber dieser Einstieg gibt auch einen Vorgeschmack darauf, was sich in den anderen Episoden wenn auch langsamer entwickelt.

Es ist also das Problem mit Distanz und Nähe, das Schweblin hier verhandelt. Wie viel Nähe, wie viel Einblick in die privatesten Momente lassen wir zu? Was macht das Wesen, das ja eben kein Plüschtier oder Haustier ist, sondern das von einem (erwachsenen) Menschen gesteuert wird, mit dem, was es sieht? Dabei hat dieser Mensch ja ebenso eigene Interessen, die nicht immer bester Natur sind, so wie einen Schutz durch die Anonymität, mit der sie oder er hier agieren kann.

Auch wenn die Entwicklung in der einen oder anderen Geschichte nicht ganz nachvollziehbar ist, so entwickeln die meisten doch einen Lesesog und Spannung. Und sie sparen nicht mir Gesellschaftskritik, wenn man die verschiedenen Protagonisten betrachtet, ihre Einsamkeit und ihre Hoffnungen, die sie ausgerechnet an das schäbige Plüschtier hängen und die sich daraus entwickelnden verhängnisvollen Vorfälle. So bietet Schweblins Gedankenspiel fesselnde Geschichten und erschreckende Einblicke in das digitale Leben.

Samatha Schweblin (2021): Hundert Augen, Berlin, Suhrkamp Verlag

Der Januar-Rückblick: Vom Lesen, Hören und Entdecken

Der Januar hat sich ja schon einmal als sehr guter Lesemonat entpuppt. Und rechts und links vom Bücher-Lesen habe ich in verschiedenen Medien weitere interessante Dinge gefunden:

Entdeckt:

Den Blog MINDSHELF. Michaela Hanel bringt auf ihrem Blog Romane und ihre eigene psychologische Expertise zusammen. Da liest sie Isabel Bogdans „Laufen“ und führt Forschungen an, die die positiven Wirkungen von Sport und Gehirn aufzeigen. Oder erklärt am Beispiel von Angelika Klüssendorfs Roman „Jahre später“ was es aus psychologischer Sicht mit einer „toxischen Beziehung“ auf sich hat.  

Gehört

Beim Fahrradtraining höre ich gerne Podcasts. Im Januar habe ich beim ewig gleichen Treten auf dem Hometrainer Lisa Herzog im Philosophischen Radio gehört. Jürgen Wiebecke, der Moderator, und die Philosophin haben sich einzelne Aussagen Adam Smiths genauer angeschaut und dabei Interessantes zutage befördert. Nachhören könnt ihr das hier.

Gelesen:

Die Blogger-Jury des Preises für das beste Debüt hat sich entschieden. Aus einer Shortlist von 5 Titeln heraus ist Deniz Ohdes Roman „Streulicht“ als bestes Debüt hervorgegangen. Herzliche Glückwünsche!

Eigene Lektüren:

Die Lektüren im Januar haben mich mit Joachim Meyerhoff auf die Schlaganfall-Station eines Wiener Krankenhauses geführt, mit Julia Deck in ein Neubaugebiet eines Pariser Vorortes und in den Erzählungen Ralf Rothmanns an verschiedene Orte in Deutschland und bis nach Mexiko. Dabei habe ich besonders viel Lesespaß gehabt mit Julia Decks sehr unzuverlässiger Erzählerin und mit den fein gesponnenen Erzählungen Rothmanns.

Mit so guten Lektüren kann der Februar gerne weiter gehen.

Julia Deck: Privateigentum

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Was in den Zeiten Schillers galt, gilt heute immer noch. Diese Erfahrung machen jedenfalls Eva und Charles Caradec, um die fünfzig, in ihrer neuen Doppelhaushälfte in einem Pariser Vorort. Jahrelang lebten sie in einer Mietwohnung in der Innenstadt, geräumig und komfortabel, der Fitnessraum im Haus. Aber dann hatten die Balkonpflanzen zu wenig Platz, brauchten neue, größere Töpfe, die Rosenstöcke beanspruchten mehr Raum für die Zweige.

Es war also Zeit für eine Immobilie vor den Toren der Stadt, mit einem Garten, mit Ruhe und besserer Luft, es war Zeit für: Privateigentum. Auch wenn der Begriff trügerisch ist, denn eigentlich gehört das Haus der Bank, bei der man bis zur Nasenspitze verschuldet ist. Und wirklich privat ist hier im Vergleich zur Anonymität der Großstadt auch keiner. Die Nachbarn kennen sich, besuchen sich zum Aperitif, zur Grillparty. Man beobachtet sich aus den Küchenfenstern, sieht, wann wer in welches Haus geht. Im Garten wird man unabsichtlich Zeuge der Gespräche auf der benachbarten Terrasse. Und das Scheppern jeden Teils, das herunterfällt und jedes Lachen oder Streiten dringt sowieso durch die dünnen Wände.

  In dieser Umgebung siedelt Julia Deck ihren dritten Roman an, der eine bitter-böse Geschichte über die Nachbarschaft und ihre Höhen und Tiefen im sündhaft teuren Vorort ist. Und sie fackelt auch gar nicht lange, um zu zeigen, worum es in ihrer Geschichte geht. Da steht im ersten Satz:

„Ich fand es falsch den Kater zu töten – ganz allgemein und auch in diesem speziellen Fall -, als du mir sagtest, was du mit dem Kadaver anstellen wolltest. Es war schon April, sechs Monate nachdem wir umgezogen waren. Die neuen Häuser glänzten in der Sonne, auf den Dächern glitzerten die Solarzellen, und der Rasen wuchs üppig auf beiden Seiten des Weges.“

Ta-dam! So schnell kanns gehen und schon ist man so verärgert, dass man dem Nachbarskater nach dem Leben trachtet. Dabei leben die Caradecs doch in der bilderbuchschönsten und teuersten Neubausiedlung, alles aus den besten Materialien, alles auch ökologisch tip top. Da sollte man doch meinen, auch die Nachbarschaft könne sich benehmen. Und verhalte sich anders als die Bewohner in den Hochhäusern an der Schnellstraße, die ihre Kühlschränke und Waschmaschinen auch schon mal an der Straße entsorgen.

Aber die Caradecs fremdeln von Anfang an mit ihrem neuen Haus. Charles, ein Lehrer, der aber wegen psychischer Probleme, die ihn seit siebenundzwanzig Jahren immer wieder mal mehr, mal weniger stark befallen, so dass er meistens nicht arbeitet, und Eva, Städteplanerin im Home-Office, müssen sich Freude und Glück mehr einreden, als dass sie etwas davon fühlen.

„Ich betrachtete unser Wohnzimmer, das Parkett aus Massivholz, die schneeweißen Wände, die Fensterfront, die auf den von duftenden Buchsbäumen umsäumten Garten hinausging. Wir hatten von unserem Wohnzimmer noch nie so viel Himmel gesehen. Ich dachte, dass wir wirklich Grund hatten, glücklich zu sein, es sprach einfach alles dafür.“

Und dann ziehen die direkten Nachbarn ein, die Lecoqs. Der Umzugswagen steht vor der eigenen Haustür und den ganzen Morgen werden die Habseligkeiten der Familie ins Haus getragen. Genau in dem Moment, als Eva weinend in der Küche sitzt, klingelt Annabelle Lecoq, den kleinen Sohn auf dem Arm, und verlangt, dass sein Fläschchen in der Mikrowelle erhitzt werde: „Dreißig Sekunden und nicht eine länger.“. Und da sie schon mal da ist, hätte sie auch noch gerne einen Kaffee. Charles erwärmt die Babymilch, macht den Kaffee und geleitet Annabelle schnell zur Haustür hinaus.

„Was für eine blöde Kuh, hoffentlich kriegen wir von ihr und ihrem Kind nicht allzu viel mit“, hast du gesagt und die Tür geschlossen.“

Der erste Kontakt ist also denkbar schlecht. Und dann parkt auch noch Arnaud Lecoq permanent sein Autor vor der Haustür der Caradecs, wäscht es dort sogar. Mittwochs ist Annabelle zuhause und telefoniert den ganzen Tag, in einer Lautstärke, dass die Caradecs nun sämtliche Ereignisse aus der Immobilienagentur der Nachbarn kennen. Ihr dicker roter Kater streift durch alle Gärten und versteckt sich – zum Unwillen Charles´- auch gerne mal im Haus. Und dann, im März, haben die Lecoqs zur ersten Barbecue-Party geladen. Die schöne, neue, verkehrsberuhigte Straße ist komplett zugeparkt, die Champagnerkorken knallen, die Gäste diskutieren lautstark und in der Nacht ist der Lärm der Musik und das Geschrei der Angetrunkenen so laut, dass Eva sich über die Hecke hinweg beschwert.

Und diese lärmenden, irgendwie auch ein bisschen prolligen Nachbarn, sind ja nicht das einzige Ungemach. Im Winter stellt sich heraus, dass das Duschwasser nicht warm wird und die Räume auch nicht. Sachverständige schauen sich die Häuser und die verbaute Technik an und schnell ist klar: das Planungsbüro hat sich verrechnet. Die nagelneue Straße muss noch einmal aufgebaggert werden, damit Gasleitungen verlegt werden können. Und in dieser Baugrube finden sich eines schönen Morgens die übel zugerichteten sterblichen Überreste des roten Katers.

Ja, Julia Deck bedient sich vieler der üblichen Vorstadtkonfliktklischees. Im Vorstadtladen fehlt Eva die vertraute Hähnchenmarke, auch der Schafsmilchjogurth für den kranken Gatten. Und zwischen den Nachbarn gibt es den üblichen Klatsch und Tratsch, es gibt Intrigen und immer wieder neue Allianzen. Es gibt Aperitifs, Grillfeste und Krisensitzungen, Krach und Dreck durch Bauarbeiten an den Leitungen oder den Terrassen, es gibt die unmöglichen Micro-Pants von Annabelle, hinter der die Männer hinterherschwächeln, und immer wieder Gerüchte über Seitensprünge oder Clubbesuche.

Und so entfaltet sich ein großer Lesesog. Das liegt zum einen an den scharfsichtigen Beobachtungen von Charles und Eva und ihren fiesen Kommentaren über die lieben Nachbarn. Das liegt zum anderen in der verdichteten Erzählung, in der kein Wort zu viel ist und keines an der falschen Stelle sitzt. Das liegt nicht zuletzt auch am – voyeuristischen? – Interesse der Leserin an diesem merkwürdigen Ehepaar. Was mag es sein, dass dieses Paar über die vielen Jahre und die Erkrankung Charles zusammenhält? Und: Ist Eva wirklich so tough, so abgeklärt und kontrolliert, wie es sich in ihrer Erzählung gibt?

Denn mehr und mehr wird höchst fragwürdig, ob das, was Eva hier einem Du, wahrscheinlich ihrem Mann, erzählt, stimmt. Bei genauerem Betrachten ist nichts, wie es scheint, vor allem schon einmal nicht so bourgeoise, wie man meinen könnte. So wie Eva beim Erzählen immer mal wieder von ihrer Bildungsbürgersprache in den Jargon abrutscht und wie sich hinter den schönen, glänzenden Neubaufassaden Seitensprünge, Streit und der Mord am roten Kater abspielen. Und dann verschwindet auch noch die Nachbarin Annabelle mit ihrem Sohn Leo. Die Polizei ermittelt und schnell wird Charles zum Hauptverdächtigen und landet im Gefängnis.

Es ist ein großer Spaß, Evas Erzählung zu folgen, immer auf der Hut vor neuen (Bau-)Gruben, die sie aushebt, um abzulenken von dem, was wirklich passiert ist. Und auch wenn es in Julia Decks Geschichte weit und breit keinen „frommen“ Nachbarn gibt, so geht es für die Leserinnen doch um die Rekonstruktion der Geschichte, auf der Suche nach der Wahrheit, also nach der Frage, wer denn wirklich der „böse“ Nachbar resp. die „böse“ Nachbarin ist.

Julia Deck (2020): Privateigentum, Berlin, aus dem Französischen übersetzt von Antje Peter, Klaus Wagenbach Verlag

Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen

Zum Ende der Probe reißt eine Saite über dem Steg von Emilias Geige. Ihr Bruder, der Pianist, möchte eine Passage noch einmal proben, ihm ist ihr Tempo zu schleppend. Aber die Reservesaiten im Geigenkasten musste Emilia am Flughafen in Zürich abgeben. Sie könne die Drähte ja auch als Waffe nutzen, hatte der Beamte der Flugsicherheit gemeint. Sie hat weitere Saiten im Reisegepäck, das schon im Hotel ist. Da die Zeit bis zum Beginn der Matinee reicht, beschließt sie, mit dem Taxi zum Hotel zu fahren.

Die Berliner Straßen sind leer, es ist ein Sonntag im Oktober, zudem ein Feiertag. Der Fahrer, graumeliert und mit leichtem arabischen Dialekt, stellt ihr den kleinen Hund vor, der vorne im Beifahrerfußraum mitfährt, den Hund seiner Tochter, den er immer sonntags beaufsichtigen muss. Und Emilia, die tief den Geruch des Hundes einatmet, erinnert sich an den Hund ihres verstorbenen Mannes. Sie hebt ihn auf die Rückbank, er legt sich neben sie, die Schnauze auf ihrem Oberschenkel.

 Emilia bittet den Fahrer, an einer Kreuzung kurz anzuhalten. Sie kurbelt das Fenster herunter und betrachtet eines der Häuser, damals mit grauer, heute mit vanillefarbener Fassade. In diesem Haus ist sie groß geworden. Und dann, ein paar Straßen weiter, sieht sie das Jugendstilhaus, in dem sie mit ihrer Freundin, Eva, gewohnt hat, deren Freundin wiederum mit Iggy Pop befreundet war. Auf seinen Konzerten haben sie getanzt, seine Lieder und seine Performance haben ihr damals Mut und Zuversicht gegeben, ja, „innere Freiheit“.

„Die Wucht der Akkorde und die Kontur seiner Stimme, einer völlig anderen als in der Küche, voller Kraft und entschiedener Eleganz, strafften sie und ließen sie zittern, als würden alle Glieder, jede Zelle ihres Körpers plötzlich jubilieren. Tränen füllten ihre Augen, während sie sich den Bewegungen um sie herum überließ, der wogenden Enge. Und momentlang war nichts klarer als die Unsterblichkeit.

„Ja, so ist es“, hatte Eva später im Café Central gesagt und ihr die zerlaufende Wimperntusche weggetupft. „So wird´s immer sein, Baby: Wir verlieben uns in die wilden Maler, in die wahrhaften Sänger mit dem Heroin in den Adern, in die Dichter und die schönen Vagabunden, und wir heiraten die Ärzte.“

Es ist die stilistische Stärke dieser ersten Erzählung des Bandes mit dem Titel „Wir im Schilf“, die Entscheidung Emilias in der Schwebe zu halten. Denn Emilia fährt nicht nur ins Hotel, um eine neue Saite zu holen, sie fährt nicht nur durch Berlin auf der Suche nach Jugenderinnerungen. Dies alles gehört für sie zu einem nur angedeuteten Bearbeitungsprozess, in dem sie die Optionen Leben und Tod durchdenkt. Ein paar Tage zuvor nämlich hat sie bei einem Zürcher Arzt eine Krebsdiagnose bekommen. Die Befunde trägt sie, zusammen mit den weißen und blauen Pillen, in ihrer Handtasche, dem Bruder hat sie bisher noch nichts davon erzählt. Und die Erinnerungen an ihren Mann, an die Jugendzeit, das Konzert, ist so gesehen vielleicht schon mehr ein Abschiednehmen. Denn obwohl sie den Taxifahrer vor dem Hotel bezahlt und bittet, auf sie zu warten, steht ihr Entschluss fest, als sie in ihrem Zimmer ist, ein Entschluss, der nicht plötzlich da ist, sondern der sich „von selbst ergab“:

„Ein Hund bellte in der Toreinfahrt, der lohfarbene womöglich, und sie wunderte sich, wie leicht er war, der eine Schritt über alles hinaus. Sie sah ihren Schatten mit unglaublicher Geschwindigkeit die Wand hinabgleiten, ihren wild flatternden, jäh über den Kopf gerissenen Mantel, aus dem das Kleingeld fiel, und stand immer noch im Schilf.“

Wie Emilia, so sind auch die anderen Protagonisten in den weiteren zehn Erzählungen mit existentiellen Situationen und Entscheidungen konfrontiert. Auch wenn es nicht immer um Leben und Tod geht, bei fünf Geschichten spielt der Tod dann doch eine Rolle, so begleiten wir die Protagonisten doch in ganz entscheidenden Phasen ihres Lebens. Und diese Phasen passt Rothmann in seinen Erzählungen ganz genau ab.

Da ist der Maurergeselle, der in der Abendschule das Abitur nachgeholt hat und in den nächsten Wochen zum Studium nach Berlin aufbricht, in eine neue Stadt, ein neues Leben. Ohne die Tochter des Poliers, des dicken Schmitts, die er nach einem anregenden Gespräch bei einem Betriebsfest zum Tanzen aufgefordert hat, weil er nicht gesehen hat, dass sie einen behinderten Fuß hat. Da ist der Professor, den die Tramperin in Tijuana auf Deutsch anspricht, wohin er denn fahre. Nach der Schließung des Flughafens hat er einen Mietwagen besorgt. Und er nimmt sie mit nach La Paz, durch die mexikanische Wüste, die den beiden eine abenteuerliche Nacht einbringen wird und Gregor die Erinnerungen an seine Tochter. Da sind Vater und Sohn im Ruhrgebiet der früher 1960er Jahre, die auf dem Weg zum Spielwarenladen die Abkürzung über den Schulhof nehmen und einem Mann in Morgenmantel begegnen, der sie mit der Pistole bedroht.

Zusammengehalten werden die Erzählungen, die zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten spielen, durch die Variation der Motive Gewalt und Angst. Mal ist die Gewalt unmittelbar da, wenn der Henker scheinbar freundlich mit dem Verurteilten spricht und doch klar ist, was passieren wird. Wenn die Mutter, manchmal ohne jeden Grund, die kleine Tochter schlägt, wenn das Militär die eigene Bevölkerung ausplündert. In anderen Geschichten erzeugt eine Krankheit, eine Trennung und wahrscheinliche Kündigung Angst.

Und nicht nur diese Variationen von Motiven erinnert an die Komposition von Musik. Die einzelnen Erzählungen selbst weisen unterschiedliche Tempi auf, verlangsamen nach einer Einführung in das Setting durch Erinnerungen oder die Beschreibungen besonderer Details oder Handlungen. So entsteht eine dichte Atmosphäre, der sich die Lesenden kaum entziehen können. Und dann nimmt die Handlung wieder Fahrt auf, drängt auf ein spannendes Ende zu, das ein ums andere Mal überraschend, manchmal auch verstörend ist. Diese Rhythmuswechsel finden sich bis in den einzelnen Satz.

Dabei spielen die Geschichten in ganz verschiedenen Milieus. Das zeigt Rothmann durch ganz verschiedene Erzählstimmen. Die als Kind geschlagene Frau spricht eine andere Sprache als die sechzehnjährige Lisa, die ihren Vater auf dem Reiterhof besucht. Der der Vater, weil sie so jung und zart ist, es zwar nicht erlaubt, mit dem Sulky in den Wald zu fahren, der der Vater es aber zutraut, den Hengst, es ist Admiral Frost, zum Decken einer Stute zu führen. Manchmal ist die Erzählung ganz nah an der Figur, bei Lisa, bei Emilia. Manchmal erzählt aber auch ein eher Unbeteiligter, wie in der Geschichte vom siebzigjährigen Bestatter Egon, der eines Tages zur Zeche nach Bottrop gerufen wird, weil mumifizierte Bergleute eines vor Jahrzehnten erfolgten Grubenunglücks zufällig gefunden worden sind. Bei den Leichen ist auch der Vater Egons, gestorben mit dreiundzwanzig Jahren, kurz vor der Geburt des Sohnes. Was dieses ungeheure Ereignis bei Egon auslöst, davon erfahren wir nur, soweit es der Erzähler beobachten kann.

Nun könnte man den Erzählband Rothmanns für eine ziemlich düstere Angelegenheit halten. Das stimmt auf jeden Fall für die Titel gebende und kaum erträgliche Geschichte, in der Issak Babel, schon grausam gefoltert, auf seinen Schwager und Henker Wassili Blochin trifft. Rothmann stellt uns Blochin als absolut zynische und effiziente Tötungsmaschine vor, ein Mann, der im selben Absatz vom Tod des Schwagers durch Genickschuss und von der Zuverlässigkeit seiner Walther PPK spricht.

Alle anderen Erzählungen aber sind wesentlich feiner ausgeführt – und sind so zurückhaltend erzählt, dass es die Aufgabe der Lesenden ist, die Geschichten hinter der Geschichte zu entdecken.  Sicherlich findet in diesem Band jede Leserin und jeder Leser aus diesen vielen beeindruckend erzählten Geschichten, diejenigen, die ihm und ihr am besten gefallen. Das sind dann die, die lange nachhallen.    

Ralf Rothmann (2020). Hotel der Schlaflosen, Berlin, Suhrkamp Verlag

In der Radiosendung zur SWR-Bestenliste wurde der Erzählband von Ralf Rothmann auch besprochen. Dabei gab es, ausgelöst von Martin Ebel, auch eine interessante Kontroverse um die Erzählung „Hotel der Schlaflosen“.

Joachim Meyerhoff: Hamster im hinteren Stromgebiet

Es sind die mittleren Lebensjahre, die 50er, in denen der eine oder die andere plötzlich mit einer Krankheit konfrontiert wird, die doch eher in den späteren Lebensjahren verortet wird, mit denen nicht rechnet, wer so mitten im Leben steht, mitten in Familie und Beruf, gerade so da angekommen, wo sie oder er immer hinwollte. Und dann schlägt er zu, der Gehirn- oder Herzinfarkt, vermeintlich aus heiterem Himmel. Die sich zusetzende Ader bedroht nicht nur die Gesundheit, sondern zeigt auch, wie hilfsbedürftig der Mensch, gerade noch so kompetent, entscheidungssicher und führungsstark, von einem Moment auf den anderen werden kann. Und bringt diejenigen, die so viel Glück hatten, dass sie dieses Mal mit einem blauen Auge davongekommen sind, ganz ordentlich auf den Boden der Tatsachen zurück.

Vom Lesen in Zeiten von Corona – ein Rückblick auf das Lesejahr 2020

Was für ein Jahr! In dem wir kennengelernt haben, was eine Pandemie ist und wie rasend schnell sie sich in einer globalisierten und mobilen Welt bis in die letzte Ecke ausbreitet. An dessen Ende wir nun, nach eigentlich unglaublich kurzer Zeit, aber auch die Hoffnung haben können, durch die verschiedenen Impfstoffe im nächsten Jahr wieder mehr normales Leben leben zu können. Es ist toll, was die Wissenschaft in der kurzen Zeit geleistet hat!

Mein Lesen ist in diesem aufregenden Jahr ziemlich auf der Strecke geblieben. Mein literarisches Lesen jedenfalls. Denn gelesen habe ich mehr als genug: Ich kenne nun die Bedienungsanleitungen von mindestens vier Videokonferenzprogrammen, ich habe mich durch moodle- und logineo-Anleitungen gelesen, durch Padlet-, Oncoo- und Etherpad-Kurzfortbildungen geklickt, mein ganzes Unterrichtsmaterial neu organisiert, sodass es auf alle erdenklichen Lernplattformen hochgeladen werden kann, und Woche für Woche mehr als hundertdrölfundneunzig eingereichte digitale Hausaufgaben gelesen und zum Teil kommentiert. Für literarisches Lesen ist da wenig Muße – und vor allem Lust – geblieben. Fürs Bloggen über meine literarischen Lektüren noch viel weniger.

So gibt es in diesem Jahr einen ganzen Stapel „unverbloggter“ Romane. Vielleicht habe ich ja noch Lust, den einen oder anderen Titel auf dem Blog festzuhalten. Viele Romane haben mich aber auch gar nicht so richtig gepackt. Vielleicht hat mich die ganze Situation ja auch ungnädig gestimmt. Oder das sehr fragmentierte Lesen hat dazu geführt, oft gar nicht in den Text „hinein“ zu kommen.

In Erinnerung bleiben wird mir die kleine Reihe „Beim Lesen reisen“ mit den Romanen von Sarah Jäger „Nach vorn, nach Süden“, Nava Ebrahimi „Das Paradies meines Nachbarn“ und Mathijs Deen Über alte Wege . Und zu diesen Büchern würde auch noch Salman Rushdies „Quichotte“ gehören, auch eine Road Novel und eine Geschichte über die Möglichkeiten der Literatur (und die Macht des Autors!). Bei dessen Lektüre ich schon sehr geschwächelt habe, sodass ich mich zu einem Beitrag so gar nicht motivieren konnte.

Eine andere kleine Reihe hat sich zufällig ergeben und ich könnte sie „Rykestraße“ überschreiben: Enno Stahls Roman über die Gentrifizierung Berliner Quartiere – „Sanierungsgebiete“ – spielt zum Ende der 2000er Jahre in dieser Straße. Und wiederentdeckt habe ich sie mit Carl Bischoff, Lutz Seilers Protagonist in „Stern 111“, der tatsächlich Ende 1989 genau in diese Rykestraße kommt und sich dort in einem der heruntergekommenen Häuser eine leerstehende Wohnung sucht. Zusammen zeigen die beiden Romane die rasante Entwicklung einer Straße innerhalb von nur zwanzig Jahren.

Neben vielen Enttäuschungen gibt es aber auch zwei Lesehighlights: Einmal Thorsten Nagelschmidts Roman „Arbeit“ . Der spielt auch in Berlin, nicht ganz so weit entfernt von der Rykestraße. Innerhalb einer Nacht im März begleitet die Leserin einen Nachtportier, die Frau vom Späti, einen Drogendealer, einen Taxifahrer, den Türsteher vor einer Disko, Polizisten auf Streife und Rettungssanitäter bei ihrer Arbeit. Dabei springt der Blick auf die Protagonisten hin und her, manchmal überlagern sich die Geschichten der einzelnen Figuren. Das ganz großartige Panorama – oder Wimmelbild – einer Nacht in einer Großstadt.

Das zweite Highlight ist Maggie Nelsons „Die roten Stellen. Autobiographie eine Prozesses“. Sie zeichnet in diesem Text über den Gerichtsprozess gegen den vermutlichen Mörder ihrer Tante – der Mord konnte seit 1969 nicht aufgeklärt werden – nicht nur die Ermittlungsarbeit und den Verlauf des Prozesses nach, sondern reflektiert die Folgen des Mordes für ihre Familie insgesamt, für die einzelnen Familienmitglieder, ja auch für die Generation der Kinder. Und schafft es auch, mit durchaus empathischen Blick auf die Angehörigen des Mörders zu schauen. Es ist ein sprachlich beeindruckendes Buch, das die Themen „Mord“ und „Gewalt“ und ihre Folgen aus verschiedenen, manchmal überraschenden, Blickwinkeln beleuchtet.

Und es gibt natürlich auch das Buch mit dem grauslichsten Cover. Davon hat schon Anna Buchpost auf ihrem Blog geschrieben. Und dem ist eigentlich nichts hinzufügen: Es ist das Cover von Sigrid Nunez: Der Freund. Ein Roman, der Anna sehr gut gefallen hat (zum Text hier entlang), mir gar nicht.

Zum Schluss ein Blick auf die Statistik: Bei meinen Lektüren stammt nur ein Titel aus einem unabhängigen Verlag, nämlich Enno Stahls „Sanierungsgebiete“ aus dem Verbrecher Verlag. Ich habe 10 Bücher von Autorinnen gelesen und 6 von Autoren.

Ich bin mir sicher: Auch im kommenden Jahr wird es wieder anregende Bücher und spannende Lektüren geben. So wünsche euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr, Gesundheit und natürlich: jede Menge gute Bücher!


Deniz Ohde: Streulicht

Die Erzählerin kommt zurück in den Ort ihrer Kindheit und Jugend, kommt zurück in den Vorort von Frankfurt, der durch die Chemie-Industrie geprägt ist. Wenn sie jetzt die Wege läuft, dann erinnert sie sich an ihre Abenteuer der Kindheit und Jugend, zusammen mit Sophia und Pikka und immer im Schatten der Chemiefabriken auf der anderen Seite des Flusses. Es ist ein unwirtlicher Ort, aus der Zeit gefallen fast. Denn als, zum Ende der 1980er Jahre, im Ruhrgebiet die Anstregungen des Umweltschutzes längst gegriffen hatten und die Luft schon wieder so gut war, dass weiße Wäsche draußen bedenkenlos getrocknet werden konnte, fällt hier Industrieschnee und es riecht immer sauer.

Die namenlose Ich-Erzählerin, Tochter eines Industriearbeiters und einer Mutter, die der Enge des türkischen Dorfes entkommen wollte und dann in der Enge einer Kleinfamilie in einem Vorort festsitzt, kommt an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück, weil Sophia und Pikka heiraten. Die drei, beste Freunde seit Kindertagen, haben sich voneinander entfernt, als die Erzählerin zum Studium weggezogen ist. Pikka und Sophia dagegen sind geblieben. Pikka hat nach dem Abitur im Chemiepark ein duales Studium begonnen, er ist zufrieden mit dem, was sein Vater vor ihm als Geschäftsführer eines der dort niedergelassenen Unternehmen ihm vorgelebt hat. Auch Sophia, die aus einem gutbürgerlichen Haushalt stammt, die Mutter eine Bankkauffrau, die Ballett- und Reitstunden hatte, ist zufrieden mit dem Leben im Vorort, auch sie geht nicht weg, um anderes kennenzulernen.  

Weggegangen ist die Ich-Erzählerin und hat sich so nicht nur ihrer Herkunftsfamilie entfremdet, sondern auch den Freunden. Die Idee hat sie schon früh gehabt, hat auch immer mal wieder mit Pikka darüber gesprochen, was er „später“ mal machen wolle. Und Pikka hat ihr alle Vorzüge aufgezählt, die dieser Ort hat: die Ausbildungsmöglichkeiten, das Leben im Grünen – so beschreibt er den Ort des sauren Geruchs, des Kunstschnees und der quartalsweisen Übungen beim Probealarm eines Chemieunfalls – die schnellen Verbindungen in die Stadt. Er wolle auch als Erwachsener durch den Ort schlendern, wolle Grillabende machen, „wie heute“ und er freute sich ganz offensichtlich darauf.

Und die Ich-Erzählerin? Warum will sie weg?

„War es nur gewöhnlicher jugendlicher Tatendrang und Erlebnishunger oder lag es an diesem Ort, diesem spezifischen Fleck Erde, an der die Luft einen anderen Geschmack hatte und der Schnee eine andere Beschaffenheit. Lag es daran, dass eine unsichtbare Wand zwischen mir und dem Ort gab, nicht identisch mit den Mauern des Industrieparks, nicht identisch mit der Schneegrenze, aber doch mit ihnen im Zusammenhang stehend. Eine Wand, die Pikka nicht sehen konnte, Sophia nicht sehen konnte und die bewirkte, dass ich nicht dazugehörte,  so sehr ich auch wollte, keine Biergischt hätte mich in ihre Mitte holen können, und später fiel ich zwischen ihnen hindurch, fiel durch die Raster in den Abgrund, während ich eingeklemmt zwischen den Aktentaschen der Pendler im Berufsverkehr mit der S-Bahn in die Stadt fuhr.“

Das Problem ist, dass die Wand, die die Erzählerin zwischen sich und dem Ort wähnt, zwischen sich und den Mauern des Industrieparks, eigentlich um sie herum ist. Sie nimmt sie also mit, wo auch immer sie hingeht. Es ist die Wand, die sich ergibt aus ihrer Herkunft als Tochter eines Arbeiters und Tochter einer aus der Türkei stammenden Mutter. Es ist das Gefühl, immer und überall fremd zu sein und nicht dazuzugehören. Und es fängt mit den ersten Schultagen an, dann, wenn die Lehrerin sie korrigiert bei der Aussprache ihres Namens, wenn es für sie keinen Schulranzen gibt mit ihrem Namen, „weil mein Name nicht dabei war, wie er nie irgendwo dabei war.“

Und es ist ja nicht nur der Name, der sie als fremd und nicht dazugehörig kenntlich macht. Es geht weiter über das Lebensgefühl der Familie, das einerseits geprägt ist vom Arbeitsethos des Vaters, der sein Leben lang Bleche in Säuren tunkt, andererseits von seinem tiefen Misstrauen anderen Menschen gegenüber. So hat die kleine Familie, Vater, Mutter, Kind, außer zum Großvater, der im gleichen Haus wohnt und Messie ist wie sein Sohn, keine weiteren Kontakte. Und für die Tochter gibt es so weder andere Lebensstile zu begutachten noch einen Ausweg aus dem toxischen Fasmilienleben. Und es geht weiter mit dem Vater, der trinkt und dann Streit mit der Mutter bekommt. Dann sitzt sie im Erdgeschoss beim Großvater und hört die Schläge. „Immerhin schlägt er dich nicht“, sagt die Mutter einmal zu ihr. So lernt die Erzählerin, sich klein zu machen, unsichtbar am besten, um dem betrunkenen Vater gar nicht erst aufzufallen, um seine Missgunst nicht auf sich zu ziehen. Später kann sie gut erklären, was es war in seiner Kindheit und Jugend, das das ihn in den 1960er und 1970er Jahren so geprägt hat. Dass er kein eigenes Wünschen und Wollen entwickeln durfte, dass er keine Bürde für die Familie hatte werden dürfen, dass er bescheiden leben sollte. Alles Prägungen, die sich im Krieg entwickelt haben, als die Familie des Vaters gleich zweimal ausgebombt wurde.

So wird die Erzählerin ein ruhiges und stilles Kind, das sich schon in der Grundschule beim Vier-Ecken-Rechnen nicht laut genug zu Wort melden kann, um aus der Ecke, in die es zuerst einmal gelangt ist, wieder herauszukommen. Und am Gymnasium bekommt sie regelmäßig keinen Ton heraus, wenn der Lehrer Kaiser sie anspricht. Wie ein Seismograph nimmt sie alle Zurückweisungen auf, die sie erlebt, als Arbeiterkind, dem die Lehrer nichts zutrauen, als Kind einer Ausländerin, der die älteren Mitschüler Unverschämtheiten hinterherrufen oder ihr auch mal einen Schlag mitgeben. Sie sei so empfindlich, sagt die Lehrerin der Mutter, sie müsse sich ein dickeres Fell zulegen. Das aber gelingt nicht.  

Deniz Ohde setzt ihre Protagonistin in ein inneres Gefägnis, aus dem es kein Entkommen gibt, denn die Wand zu allen anderen nimmt die Ich-Erzählerin ja immer mit. Da, wo Sophia und Pikka ihre Zukunft sehen, sieht die Ich-Erzählerin einen Chemiepark, der weit sichtbar und riechbar ist. Dort, wo die Freunde ganz selbstverständlich die Schule besuchen, erfährt die Ich-Erzählerin verbale und physische Angriffe durch die Mitschülerinnen und Mitschüler und ihre Lehrerinnen und Lehrer. Da beglückwünscht sie ihr Lehrer Kaiser, wahrscheinlich aus aus Gedankenlosigkeit, die trotzdem demütigend ist, auf der Bühne der Aula, auf der sie mit ihren Mitschülerinnen steht, obwohl sie doch den mittleren Abschluss, der sie zum Besuch der Oberstufe berechtigen würde, gar nicht geschafft hat. Da empfindet sie die Fragen des Schulleiters, bei dem sie sich nach einer an einer Abendschule mit besten Noten bestandenen Mittlerer Reife für den Besuch der Oberstufe bewirbt, nach ihrer Motivation als verletztend. Und denkt sich nur, dass ihr doch auch zustehe, eine höhere Bildung zu bekommen. Da erzählt sie, dass ein Referendar in dieser Oberstufe ihre Note abwertet, mit der Begründung, sie sei ja schon älter und deshalb erwarte er mehr von ihr (sicherlich auch in Hessen ein klarer Rechtsbruch).   

So genau die Ich-Erzählerin auf Erlebnisse in ihrer Vergangenheit zurückschaut, so genau sie die Situationen erzählt, sodass die Leserin nachempfinden kann, wie schwer die Erinnerungen und Erfahrungen aus Kindheit und Jugend wiegen, so klar sie auch über die Situation ihrer Eltern reflektieren kann, so gelingt es ihr doch an keiner Stelle, hinter ihrer Wand hervorzukommen. Sie scheint sich auch heute noch selbst nicht viel Wert zu sein, denn sie berichtet zwar knapp vom Studium in einer anderen Stadt, erzählt aber nicht einmal davon, was sie studiert hat und warum sie sich für das Fach entscheiden hat. Tatsächlich nur, weil es ein Fach ist, das keine Praktika verlangt? Womit sie sich wiederum die nächsten Chancen nimmt.

Von diesem Eingesperrtsein hinter der Wand erzählt Deniz Ohde klar und deutlich. Und auch davon, dass es es für ihre Protagonistin kein Entkommen gibt. Da ist kein Lehrer, der sie fördert und ihr positive Rückmeldungen gibt, keine Mitschülerin, keine Kommilitonin, die einen Weg einschlagen, den sie auch gehen kann. Da ist keine Begeisterung für ihr Studienfach oder zumindest Inhalte daraus. Sondern nur eine sehr pessimistische Perspektive.

Das ist für diese Protagonistin nachvollziehbar. In einer Gesellschaft, die mehr auf ein exzentrisches Selbst setzt und in der schon in der Schule auf Kompetenzen zur Bewältigung von Arbeit im Projekt, mehr und mehr auch auf die Anforferungen des agilen Projektes, vorbereitet wird. Da geht es um Kommunikationskompetenzen und Teamfähigkeit, da werden Präsentationen geübt und Phasen selbstgesteuerten Lernens sind üblich. Das hat die so stille und zurückgezogene Ich-Erzählerin kaum eine Chance.

Ob sich aus dieser individuellen Geschichte jedoch – und das ist in einigen Rezensionen ja nachlesbar – verallgemeinernd ableiten lässt, dass in unserer Gesellschaft die Schule keine Aufstiegschancen ermöglicht, die Lehrer sie geradezu aus Boshaftigkeit oder Gründen der Abgrenzung verhindern, ist dann doch sehr pauschalierend. Denn schon die Schüler*innengenerationen der 1950er und 1960er Jahre haben durch die Bildungsexpansion die Möglichkeit zu Abitur und Hochschulstudium bekommen, die Möglichkeit auf anspruchsvolle Jobs und finanziellem Aufstieg. Arbeiterkinder am Gymnsaium sind also schon viele Jahrzehnte ziemlich normal. Da schließen Jahr für Jahr mehr Schüler*innen eines Jahrgangs mit einer Hochschulzugangsberechtigung ab, mehr und mehr auch Schüler*innen mit migrantischen Herkunftsgeschichten. Da gibt es so einen Run auf die akademischen Abschlüsse – und auch ein entsprechendes großes, z.T. privates, also zu bezahlendes, Angebot -, das es zu einem Werteverlust der Abschlüsse kommen wird. Und welche Berufe die Eltern haben, wissen Lehrer*innen meist gar nicht, können also eigentlich gerade dort nicht fördern, wo es nötig wäre.

Dass es aber schwer ist, die Grenzen der eigenen Herkunft zu überwinden, dass das bedeutet, sich von den eingenen Wurzeln zu entfernen, von den Vorstellungen und Ideen, die in den Herkunftsfamilien zum Thema Bildung, Motivation, Strebsamkeit und Ehrgeiz herrschten, davon erzählt Deniz Ohde aber natürlich auch.

Deniz Ohde (2020): Streulicht, Berlin, Suhrkamp Verlag

Live-Literatur bei der Wuppertale Literatur Biennale

Hinweis: Das Programm wird nun online stattfinden. Links dazu findet ihr hier.

Nach den vielen Monaten fast ohne Kino, Konzert, Theater und Lesung ist die Freude auf Kulturabende ganz besonders groß. Und so ist es ja fast nicht zu glauben, dass die ursprünglich für Mai geplante Literatur Biennale nun doch noch stattfinden soll, wenn auch mit gekürztem Programm an nur 4 statt 10 Tagen. Dass trotzdem auch schon zwei Veranstaltungen dieses Programms abgesagt wurden, macht deutlich, dass die steigende Zahl der Corona-Infizierten, die sich bildenden Hot-Spots hier und da, die Bedenken der Beteiligten stärken und ihr Reisen verhindern.  

In dieser Woche haben das Kulturbüro der Stadt Wuppertal und der Koordinierungskreis als vorbereitende Teams der Literatur Biennale zu einer Pressekonferenz geladen und den diesjährigen Themenschwerpunkt und das Programm vorgestellt. Schon vor zweieinhalb Jahren sei das Thema festgezurrt worden, das in diesem Jahr und mit den Erlebnissen und Erfahrungen einer Pandemie ganz besonders aktuell sei: Tier, Mensch, Maschine – Berührungen.

So gebe es auf der einen Seite einen Paradigmenwechsel beim Verhältnis zwischen Mensch und Tier, da das Tier mehr und mehr als Subjekt wahrgenommen und um seine Rechte gestritten werde. Und auf der anderen Seite komme dem Menschen die Künstliche Intelligenz immer näher. So machen auch unsere Lebensgewohnheiten seit einigen Monaten deutlich, dass unsere Aufenthalte in digitalen Räumen berufliche und persönliche Kontakten ermöglichen, die so nicht möglich sind, dass uns jetzt aber gerade auch die analoge, die natürlich Welt fehlt, mit ihren Räumen für persönliche Begegnungen und Berührungen.

<p value="<amp-fit-text layout="fixed-height" min-font-size="6" max-font-size="72" height="80">Es ist eine Besonderheit der Wuppertaler Literatur Biennale, die alle zwei Jahre stattfindet, dass die verschiedenen Veranstaltungen durch das vorangestellte Thema verbunden sind. So wird ein Thema, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, so werden verschiedene Sichtweisen deutlich, so können vielfältige Standpunkte zu Diskussion einladen. Ganz unabhängig davon, ob dieser Roman oder jenes Gedicht in diesem Jahr erschienen ist oder schon vor drei, vier oder fünf Jahren. Das gilt auch für die Texte, die für die Ausschreibung des Preises der Wuppertaler Literatur Biennale eingereicht werden, die insofern also auch Originale sind.Es ist eine Besonderheit der Wuppertaler Literatur Biennale, die alle zwei Jahre stattfindet, dass die verschiedenen Veranstaltungen durch das vorangestellte Thema verbunden sind. So wird ein Thema, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, so werden verschiedene Sichtweisen deutlich, so können vielfältige Standpunkte zu Diskussion einladen. Ganz unabhängig davon, ob dieser Roman oder jenes Gedicht in diesem Jahr erschienen ist oder schon vor drei, vier oder fünf Jahren. Das gilt auch für die Texte, die für die Ausschreibung des Preises der Wuppertaler Literatur Biennale eingereicht werden, die insofern also auch Originale sind.

<p value="<amp-fit-text layout="fixed-height" min-font-size="6" max-font-size="72" height="80">Die Veranstaltungsreihe beginnt am 5.11.2020 mit einer Lesung Martin Walkers aus seinem Zukunftsthriller „Germany 2064“. Hier stehen High-Tech-Städte sogenannten „Freien Gebieten“ gegenüber, das Leben mit selbstfahrenden Autos, hochentwickelten Robotern, aber auch staatlicher Überwachung steht im Kontrast zu einem Leben in enger Verbindung mit der Natur. Eine Seuche spielt eine Rolle (!) und ein Hauptkommissar ermittelt im Dickicht von Werksspionage und organisiertem Verbrechen. Das hört sich spannend an von einem Autor, der nicht nur seinem französischen Kommissar Bruno Fälle im Périgord lösen lässt, sondern auch einem Think Tank in Washington angehört, der sich mit Entwicklungen der Zukunft auseinandersetzt.Die Veranstaltungsreihe beginnt am 5.11.2020 mit einer Lesung Martin Walkers aus seinem Zukunftsthriller „Germany 2064“. Hier stehen High-Tech-Städte sogenannten „Freien Gebieten“ gegenüber, das Leben mit selbstfahrenden Autos, hochentwickelten Robotern, aber auch staatlicher Überwachung steht im Kontrast zu einem Leben in enger Verbindung mit der Natur. Eine Seuche spielt eine Rolle (!) und ein Hauptkommissar ermittelt im Dickicht von Werksspionage und organisiertem Verbrechen. Das hört sich spannend an von einem Autor, der nicht nur seinem französischen Kommissar Bruno Fälle im Périgord lösen lässt, sondern auch einem Think Tank in Washington angehört, der sich mit Entwicklungen der Zukunft auseinandersetzt.

Am zweiten Tag stehen die mit Wuppertal verbundenen Autor*innen im Mittelpunkt. Hier lesen Gedok-Autorinnen ihre Texte zur KI, hier stellen die Schriftsteller*innen des Verbands deutscher Schriftsteller*innen Lyrik und Kurzprosa vor, hier findet eine Textperformace der studentischen Initiative „Fakultät 0“ der Studierenden der Uni Wuppertal statt. Und die neue Ausgabe des „Karussels“, in der auch die Texte der Preisträger der Literatur Biennale 2020 publiziert werden, stellt sich ebenfalls vor.

Der dritte Tag (7.11.2020) steht dann ganz im Zeichen der Romane. Am Morgen liest Norbert Scheuer aus seinem Roman „Winterbienen“, am Abend liest Berit Glanz aus ihrem „Pixeltänzer“, Artur Dziuk aus „Das Ting“ und Emma Braslavsky aus „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“. Während also zum einen die Parallelen zwischen dem Bienenvolk und dem Leben in einem autoritären Staat gezogen werden, also der Blick zwischen Tier und Mensch hin und herwandert, loten die drei jüngeren Autoren das Verhältnis von Mensch und Technik in verschiedenen Settings aus.

Am Sonntag wird, wieder in der schönen Umgebung im Skulpturenpark Waldfrieden, der Preis der Wuppertaler Literatur Biennale vergeben. Als Gastredner konnte John von Düffel gewonnen werden. Svenja Flaßpöhler und Ilija Trojanow werden dann in einer weiteren Veranstaltung über die Frage „Halten unsere Haltungen“ debattieren und in später wird Ilija Trojanow auch noch aus seinem Roman „Eistau“ lesen.

Auch dieses verkürzte Programm kann sich sehen lassen. Und entbindet die eifrigen Lesungsbesucher sogar von der Entscheidung, welcher Vorleserin, welchem Diskutanten der Vorzug gegeben werden soll. Dass die geltenden Hygienevorschriften umgesetzt werden, versteht sich von selbst,. Mit genügend Abstand zueinander und an Orten, an denen die Auslastung auf ein Viertel der grundsätzlich möglichen Plätze reduziert wurde. Auch der Kartenverkauf wird nur online stattfinden (s.u.).

So ist zu hoffen, dass die Mühen der Organisator*innen sich lohnen und alle geplanten Termine auch stattfinden können. Und viele Zuschauer*innen sich trauen, sich mit Abstand, aber doch physisch zu treffen und nach den vielen Zoom-, Teams- oder Skype-Sitzungen nun endlich wieder Literatur live zu erleben.  

Weitere Informationen und das ganze Programm findet ihr hier, Karten gibt es hier.

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

Arthur Galleij ist auf seinem Weg in das Leben als Erwachsener ein einziges Mal falsch abgebogen. Und für sechsundzwanzig Monate im Gefängnis gelandet. Nun ist er entlassen und kann ein Jahr lang in der Wohngemeinschaft von „weitermachen e.V.“ leben, mit Therapiesitzungen bei Konstantin Vogl, genannt Börd, täglichen Gesprächsrunden mit den anderen Jungs auf ihrem Resozalisierungsweg und ständigen Bewerbungen um Praktika oder Ausbildungsstellen. Aber mit diesem Makel im Lebenslauf ist es gar nicht so einfach, in ein Leben zurückzukehren, das auf mehreren Märkten stattfindet: dem Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt, dem Partnermarkt. Mal davon abgesehen, dass Arthur sich ja auch ganz allgemein im Leben nicht so richtig zu Hause fühlt.

Birgit Birnbacher erzählt in ihrem Roman den Weg Arthurs während dieses Resozialisierungsjahres nach seiner Entlassung. Dass am Gefängnistor nicht seine Eltern stehen, sondern die schwer kranke Grazetta, das erklärt schon einige seiner Probleme. Und die zeigen sich im Laufe dieses Jahres in vollem Ausmaß. Dann, wenn sich Arthur zurückerinnert an sein Leben in Hallein in der Eisenbahnersiedlung oder im Hospiz in Spanien. Und wenn er für seine Therapie das so genannte Schwarzsprechen durchführt. Das ist eine der besonderen Therapieansätze Börds, nämlich das Sprechen ohne Gegenüber, das Arthur selbst auf Band aufnimmt und das im Institut dann aufgeschrieben wird und das Börd – vielleicht – liest. So entfaltet sich Stück für Stück und fast chronologisch in Erinnerungen und über die Gesprächsnotate Arthurs Leben.

Arthur ist jedenfalls nicht in die beste Umgebung hineingeboren. Bei seiner Geburt hatte sein Vater schon die Geliebte Jean und die Mutter Marianne muss ihr Glücksgefühl über das Baby „produzieren“, weil sie „von Natur aus“ darüber nicht verfügt. Dass es die Kinder, da ist auch noch der ältere Bruder Klaus, überhaupt gibt, ist auch vielmehr „Unfällen“ zu verdanken, einer Nacht mit viel Alkohol einmal, einer Vergewaltigung beim zweiten Mal. Geplant sind Klaus und Arthur jedenfalls nicht. Und dann gibt es auch noch Streit wegen seines Namens, denn die Mutter möchte ihn Mario nennen. Das aber findet der Vater Ramon Galleij unmöglich, immerhin müsse ein Junge einen richtigen Jungen-Namen haben, nicht so heißen wie die Mutter. Also schreibt er einfach „Arthur“ auf das Geburtsblatt und Marianne nennt ihn noch lange heimlich Mario.

Das ist kein richtig guter Einstieg ins Leben für Arthur. Von dem aber erzählt wird, er sei ein glückliches Kind gewesen, er habe schon bei der Geburt gewusst, was man von ihm erwartet.

„Die Leute sagen oft: Arthur ist ein Kind, das man gar nicht spürt. Marianne lernt, das als Kompliment zu betrachten, und Arthur lernt es auch. Er braucht nicht viel, man spürt ihn nicht, und mit der Zeit trifft es sich ganz gut, denn Marianne hat meistens mehrere Jobs.“

Marianne und Ramon sind mit Selbstständigkeiten zweimal gescheitert. Erst einmal beim Verwalten eines Campingplatzes – Ramon ist doch kein Hausmeister, er war ja bei der Armee! – und dann mit einer Pizzeria. Also landet Marianne mit den beiden Söhnen Klaus und Arthur in der Eisenbahnersiedlung, in sechsstöckigen Häusern in Vierkantanordnung mit „Abstandsgrün, Eisenstangen ohne Wäsche, quadratischer Waschbeton, vier mal vier Meter, theoretisch für Tisch und Bänke. Aber das ist immer nur eine Möglichkeit geblieben.“ 

Arthur ist sieben, als Marianne den Kindern Georg vorstellt. Und mit Georg, der die Nase rümpft über die „Türken“, die mehr und mehr in die Eisenbahnersiedlung ziehen und eigentlich aus Tirana kommen, aus Skopje und Mostar, entwickelt sie den Plan, in Spanien ein Hospiz, oder besser: „ein Zentrum für Palliativpflege im Luxussegment“ aufzubauen. So zieht die Familie 1997 nach La Puerta, in eine sandige Steppe ans Meer, in deren Umgebung Siedlungen mit unbewohnten Häusern entstanden sind, Zeichen der spanischen Immobilienblase. Im Juli schon kommen die Pflegerinnen und Pfleger, die Ärztin, die Krankenschwestern, die Reinigungskräfte und die ersten Patienten, Gäste nennt sie Marianne, ziehen ein. Noch nie hat Arthur so ein schönes Zuhause gehabt wie hier, in einem neugebauten Anwesen, das wirkt wie ein Hotel, alles sauber, geputzt bis in die letzte Ecke. Marianne hat es geschafft, mit einer unerwarteten Selbstverständlichkeit füllt sie die Rolle der Geschäftsführerin aus. Gleich mehrere soziale Schichten ist sie nun aufgestiegen.

Um die Kinder aber kann sie sich nun trotzdem nicht kümmern, wenn sie ständig unterwegs auf dem Gelände ist. Und Arthur lernt das Sterben kennen mit den Gästen, die hier herkommen und oft gar nicht lange bleiben. Da ist aber niemand, der mit dem Neunjährigen über das spricht, was hier passiert, der ihn in der neuen Situation unterstützt, ihm hilft, seine Fremdheit in dem Land, dessen Sprache er nicht kennt, zu überwinden. Immerhin lernt er später in der Schule Princeton und Milla kennen, seine besten Freunde. Mit Princeton steigt er in die leeren Häuser ein, ihm schaut er zu, wie er sich im Darknet bewegt, zusammen mit Milla verbringen sie die Abende am Strand, planen ein Studium in Barcelona, Biologie, weil Milla das so möchte. Und als Milla ertrinkt, genau zu dem Zeitpunkt, als Princeton Arthur unter Wasser zieht, als möchte er ihn töten, da bricht für Arthur alles zusammen. Ob das wirklich ein Badeunfall gewesen sein, fragt er sich. Schuldig fühlt er sich, weil er nicht geholfen hat. Und trösten kann ihn keiner – Marianne und Georg schon gar nicht.

Es ist wie ein Experiment, in das Birgit Birnbacher ihren unscheinbaren, genügsamen, nirgendwo auffallenden und alle an ihn gerichteten Erwartungen erfüllenden Helden schickt. So, als wolle sie ausprobieren, was noch alles passieren muss, bis er sich endlich wehrt. Und wolle sich genau anschauen, wie er das dann macht. Arthur jedenfalls verlässt Spanien nach Millas Beerdigung und reist nach Wien. Er findet Unterschlupf in der Wohnung des Sohnes einer Freundin seiner Mutter. Obwohl er höchst sparsam ist, wird ihm doch das Geld knapp. Die Mutter will er nicht fragen – und sein Konto hat ein Hacker leergeräumt. Das ist der Zeitpunkt, an dem er den falschen Abzweig nimmt: Er nutzt die Kenntnisse, die er bei Princeton abgeschaut hat, und verschafft sich nun seinerseits Zugang zu den Identitäten und Konten anderer. Bis er nach ein paar Wochen festgenommen wird und eben für 26 Monate in Haft kommt.

Es sind immer wieder starke Szenen, die Birnbacher erzählt. Wenn Arthur nur alleine beim Begriff „Mehrfachbelegung“ Angstattacken erleidet und Flashbacks ihn schmerzvoll erinnern an die Machtspiele, die seine Zellenkollegen mit ihm gespielt haben. Wenn er eine zugemüllte Wohnung besichtigt mit einer Wuchermiete, die kein normaler Mensch mieten würde, nur eben einer, in dessen Lebenslauf „Strafvollzug“ steht. Wenn wir Leserinnen von den merkwürdigen Sitzungen mit Börd und seinen therapeutischen Ansätzen erfahren. Einmal fährt Arthur weit mit der Straßenbahn aus der Stadt heraus zu einer Sportanlage, um mit Börd das Purzelbaumschlagen zu üben. Oder in Börd erklärt ihm seine Methode vom Erfinden eines idealen Ichs, an dessen Verhalten man sich in kritischen Momenten möglichst erinnern und es dann, wie eine Rolle, spielen soll. Das alles sind Szenen, die so anschaulich und intensiv oder mit so einem feinen ironischen Blick für das Absurde und Groteske erzählt sind, dass sie lange in Erinnerung bleiben.

Ob dann aber, nachdem der immer ruhige und besonnene Arthur sich schon mit einer ordentlichen Liste gekaperter Konten ins Gefängnis gebracht hat, auch noch die Geschichte mit Lennox, seinem Zimmernachbarn im Resozialisierungsprojekt, nötig ist, um Arthur auch noch die letzte Chance auf eine Praktikumsstelle zu verstellen, ist fraglich. Seine Geschichte hätte auch ohne dieses weitere Spannungsmoment auf die Leser gewirkt. Und hätte auch über die individuelle Geschichte Arthurs hinaus den Blick für die Probleme junger Menschen geöffnet, die weniger durch eigenes Zutun als mehr durch die Fährnisse ihres Lebens, um nicht zu sagen: durch das Versagen der Eltern, auf die schiefe Bahn geraten und da kaum noch wieder wegkommen.

Immerhin: Für Arthur tut sich doch noch eine Chance auf. Davon erzählt der Roman gleich im ersten Kapitel. Dass er nämlich aus St. Pölten nach Wien fährt und den Weg zur Uni nimmt, wahrscheinlich zu einer Vorlesung im Institut für Geowissenschaften, Geografie und Astronomie. Es scheint so, als sei Arthur doch angekommen, in seinem Leben, mit nichts als seinem klugen „Ich“ an seiner Seite.

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite, Wien, Peter Zsolnay Verlag

Birgit Birnbachers Roman war nominiert für die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe, hrsg. von Katharina Raabe und Frank Wegner

Menschen, die sich für Bücher interessieren oder gar etwas mit Büchern zu tun haben, braucht man wohl kaum zu fragen über ihre Gründe des Lesens. Da wundern sich dann eher die Zuhörerinnen ohne besondere Bindung ans Buch, was für eine Argumentationslawine Leserinnen lostreten, wenn sie zu ihrer Passion befragt werden. Und dabei haben doch die Nicht-Leser oft das Gefühl, die Leser entziehen sich mit dem Buch auf den Knien und der Lesebrille auf der Nase schlicht der Realität und den konkreten Aufgaben, die das Leben im allgemeinen und der Alltag im Besonderen an sie stellt.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch die vierundzwanzig Autoren des Suhrkamp-Verlages, darum gebeten, Gründe ihres Lesens offen zu legen, wortgewaltig erklären können, was es mit ihrer Leidenschaft auf sich hat. Da kommen, wenn man genau zählt, viel mehr als vierundzwanzig Gründe zusammen. Denn so unterschiedlich die Autoren sind, die einen schreiben Geschichten, die anderen forschen über das Zusammenleben der Menschen oder über das Gehirn, der eine übersetzt, der andere macht Musik und schreibt Gedichte und der nächste zeichnet Comics, so unterschiedlich, so unterhaltsam, so fesselnd und interessant, so vnachdenkenswert ist ihre Herangehensweise an das „Warum lesen“.

Clemens J. Setz greift gleich zu Beginn des Bandes das Motiv des Lesenden als weltentrückten Sonderling auf. In einer Episode der Fernsehserie Twilight Zone ist es der Bankangestellte Henry Bemis, der seine Nase so gerne Stunde um Stunde in ein Buch steckt und sich damit den Unmut von Frau und Kollegen einhandelt. Dass die Filmaustatter ihm auch noch eine Brille mit richtig dicken Gläsern (Link) verpasst haben, rundet sein kauziges Bild ab. In der Bank schließt Bemis sich dann in der Mittagspause im Tresorraum ein, um endlich in Ruhe lesen zu können. Dort ist er aber so abgeschieden von der Welt, dass er als einziger eine Bombendetonation überlebt, die die gesamte Menschheit vernichtet. Voller Verzweiflung über seine Einsamkeit beschließt Bemis, sich zu erschießen, findet aber genau in diesem Moment die aus der Bibliothek herausgeflatterten Bücher und beschließt, seine Zeit – nun hat er ja genug davon – mit dem Lesen all der Bücher zu verbringen, die er schon immer lesen wollte: Dickens, Shelley, Keats!

„Auf den Stufen der Bibliothek liegt ein Buch im Staub. Der Zuschauer kann nicht erkennen, welches es ist, denn nichts steht auf dem Umschlag. Henry bückt sich nach dem Buch. Und da, ach, fällt ihm natürlich seine Brille vom Gesicht und die Gläser zerbrechen. Er kann nichts mehr erkennen, nichts mehr lesen. Er ist verloren.“

Aber, überlegt Setz, ist Brevis nicht doch eher gerettet durch den Verlust der Brille? Weil er sich – mit Brille – durch die Weltromane lesend, jetzt als letzter und einziger Mensch auf der Welt in jeder Figur, in jeder Handlung und jedem Charakterzug wiedererkannt hätte. Zum Lesen, so Setz, gehören also die Anderen immer mit dazu. Sie besänftigen, so schreibt er, die Fiktionen, die ohne dieses Regulativ zu nächtig werden. Und er empfiehlt dringend:
„Drum wirf, liebe Leserin, solltest du je in eine ähnliche verlockende Falle geraten, die Brille besser fort. Es gibt noch anderes zu tun, jenseits der Menschen.

Alejandro Zambra erzählt die Geschichte vom lesender Vater aus Mexiko, der ein viel konkreteres Leseproblem hat, nämlich ein Übersetzungsproblem. Sein Sohn, mit zwanzig Monaten im schönsten Vorlesealter, will unbedingt die Geschichte vom Maulwurf (ja, wir ahnen es schon, es ist der, dem auf den Kopf gemacht wurde!) hören. Das Buch aber hat die Mutter gekauft, leider auf Französisch. Und diese Sprache beherrscht der Vater kaum. Nun, der Sohn gibt keine Ruhe, der Vater lässt sich ein, denn er möchte diese kostbare Vater-Sohn-Zeit, die längst ein Ritual der beiden geworden ist, nicht aufs Spiel setzen. So liest der Vater vor, stattet jedes Tier mit einer eigenen Stimme aus und übersetzt dabei „so gut er kann“. Das Kind aber, das die Geschichte ja schon kennt, bemerkt jeden Unterschied der Vater-Geschichte im Vergleich zur Mutter-Geschichte

„und mit unverhoffter Liebenswürdigkeit, als verstünde es die Lage und wollte die Gefühle des Vaters nicht verletzten, korrigiert das Kind, feilt an der Übersetzung, und beim Wiederlesen, schon beim ersten Wiederlesen, baut der Vater die neuen Nuancen ein, die ihm sein zwanzig Monate alter Sohn offenbart hat, so dass die Geschichte jetzt glatter fließt und er den Vortrag verbessern kann.“

Später resümiert der Vater, dass die Geschichte vom Maulwurf das erste Buch gewesen sei, dass er komplett auf Französisch gelesen habe. Dass ihm dabei sein Sohn bei der Lektüre geholfen habe, nimmt ihn zusätzlich für das Buch ein. Aber er fragt dann doch die Mutter, warum sie ausgerechnet den Maulwurf auf französisch gekauft habe. Ach, entgegnete sie, er sei auf Spanisch nicht da gewesen undachten, denn sie kenne ihn ohnehin auswendig, ihre Mutter habe ihr das Buch ja auch schon vorgelesen. Was mit dieser spanischen Version passiert sei, fragt er. Ihre Mutter habe die Kinderbücher irgendwann einmal verschenkt. Nein, denkt der Vater, nie werde er die Bücher seines Sohnes verschenken. Und er beschließt auf der Stelle, nun nur noch Kinderbücher zu schreiben.

Von der Magie der Geschichten in der Kindheit erzählt auch Katja Petrwoskaja. Bei ihr ist es „Der blaue Vogel“ von Maurice Maeterlinck, ausgestattet mit zarten Aquarellen. Und es ist diverses Buch, dass ihr immer wieder bestätigt, was Kinder sowieso wissen: „dass alle Gegenstände eine Seele haben – aber nur nachts.“ Petrowskaja denkt in ihrem Beitrag über ihre Entwicklung als Leserin nach, über ihr Lesen während einer rätselhaften Krankheit, die sie ins Krankenhaus brachte. Über die Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“, die sie während dieser Zeit las. Über die Märchen überhaupt, die sie als Kind so interessierten und die ihr Vater aus allen Ecken der Welt gesammelt hatte. Wie sich ihr Lesen und ihr Zugang zur Literatur durch ihr Literaturwissenschaftsstudium veränderte. Und in welche reale Gefahr sich ihr Vater mit seiner Bibliothek und den dort gesammelten Büchern begeben hatte, mit den Büchern, die doch aus dem sozialistischen Alltag heraus Fluchten in die Freiheit ermöglichten. Es ist ein Büchlein mit Gedichten Pasternaks, die der Vater ausgewählt, mit der Schreibmaschine abgeschrieben und selbst geheftet hat, das zum Verhängnis wird. In Russland nämlich gab es zeitlich parallel zum Erscheinen des Doktor Schiwago und des Literaturnobelpreises 1957 eine Kampagne gegen den Autor. Irgendjemand musste Petrowskajas Vater wegen seines im Selbstverlag erstellten Pasternak-Buches denunziert haben. Und so fand er in kommenden 30 Jahren in seiner Heimat Kiew keinen Job mehr.

Neben den Geschichten über das Vorlesen, das Lesen als Flucht vor dem grauen Alltag in Ost und West oder gerade auch über das Lesen als Weltverweigerung, über die Verwunderung von Annie Ernaux darüber, dass das Lesen für sie eine große Bedeutung hat, während es andere Menschen so völlig kalt lässt, über Maria Stepnovas Beschreibung der Verwandlung der Leserin in die Figuren, über die sie liest, bis hin zu Nicolas Mahlers Comic über die unerwartete Wandlung des Ansehens eines Comiczeichners – die vierundzwanzig Gründe des Lesens halten eine Menge an Argumenten, an Lob, an Geschichten vom Lesen und an Liebesbeweisen bereit. Und nicht zuletzt sind es auch die Soziologen, die – aus einer wissenschaftlichen – Perspektive heraus die Bedeutung des Lesens vom Bauch auf den Kopf stellen.

Reckwitz und Illouz, wenn sie über die Arten des Lesens nachdenken, und Nachtwey, wenn er am Beispiel der Lektorin in Ingo Schulze Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ erklärt, dass „Lesen in der regressiven Moderne“ nicht automatisch zur Aufklärung führe und in die Verlage „Matthes & Seitz, diaphanes und Suhrkamp“, sondern die Leser durchaus auch in die Verlagshäuser der neuen Rechten bringen könne.

Hartmut Rosa greift – fast – noch einmal das Motiv des kauzigen Lesers Henry Bemis auf, wenn er in seinem Beitrag über die „Wunder der narrativen Resonnanz“ darlegt, welche bunte Welt Bemis beim Lesen in seinem Inneren erschafft. Rosa erklärt, was Spiegelneuronen in unserem Gehirn anstellen, wenn wir zusammen mit den Figuren der Geschichten lachen und weinen, uns eine Wut ergreift oder eine große Trauer, obwohl wir doch wissen, dass das alles Fiktion ist. Dabei sei Lesen eine nachhaltige Erfahrung, weil das Lesen von uns ja erfordert, dass wir – einem Regisseur gleich – die Schauplätze erschaffen und die handelnden Personen zum Leben erwecken müssen, weil wir gar „Farbe, Gerüche, Wärme, Weite“ imaginieren müssen. Dabei bleibe es nicht bei einer passiven Rezeption, sondern es komme, so Rosa, immer wieder zu einem Dialog, zu einer Beschäftigung mit der Geschichte, der Handlung, dem Protagonisten.

„Da spricht etwas zu mir, das mir neu ist, das anders ist als ich, und ich vermag, es zu hören, darauf zu antworten, damit etwas anzufangen. (…) So entsteht das Neue, im eigenen Leben und in der Welt. So entsteht Lebendigkeit. So können wir durch Literatur mit dem Anderen in uns selbst, in der Geschichte, in der Kunst, vielleicht sogar in der Natur in Resonanz treten. So entwickeln wir tragfähige Beziehungen zur Welt: angstfrei, neugierig, selbstwirksam, lebendig. So lautet meine Eloge auf das Lesen.“

Natürlich, Rosa lässt seine Eloge so nicht stehen. Aber wer seine Gegenrede dazu kennen lernen möchte, der möge: Lesen. Und vielleicht auch noch die vielen anderen Gründe, von denen hier ja gar nicht die Rede sein konnte.

Katharina Raabe, Frank Wegner (Hg.) (2020): Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe, Berlin, Suhrkamp Verlag

Enno Stahl: Sanierungsgebiete

Lynn ist ratlos. Bald ist ihr Architekturstudium zu Ende, es fehlen nur noch die Diplomarbeit und ein mehrmonatiges Praktikum. Aber sie weiß nicht, worüber sie schreiben soll, weiß auch nicht, wie sie an eine Praktikumsstelle kommen soll, nun, da es alle Studenten absolvieren müssen. Warum sie nicht über ihre Straße schreibe, fragt Frank, ihr Kommilitone. Da sei so viel saniert worden seit der Wende, das wäre doch bestimmt ein gutes Thema. Lynn wohnt in der Rykestraße und diese Straße am Prenzlauer Berg ist ausgewiesenes Sanierungsgebiet. Hier, so hat der Senat von Berlin festgelegt, sollen bauliche Maßnahmen an den zu DDR-Zeiten lange nicht modernisierten Gebäuden unterstützt werden. Und ebenso soll die Infrastruktur verbessert werden, durch Spielplätze und Grünflächen beispielsweise und verkehrsberuhigte Zonen.

Lynn nimmt die Idee auf, entwirft ein Konzept und schlägt das Thema ihrem Professor vor. Der akzeptiert es, auch wenn Lynn hier mehr soziologische als bautechnische Forschungsfragen aufwirft. Denn ihr Interesse liegt ja vor allem bei der Frage, wie die Sanierungen auf die dort wohnenden Menschen wirken. Dabei steht Lynn, die Tochter einer Anwältin aus Düsseldorf, die die Wohnung für die Zeit des Studiums der Tochter gekauft hat, prototypisch für die Veränderungen, die hier vor sich gehen: Vermögende Wessis kaufen Eigentum in den gut sanierten Häusern, leben selbst dort oder vermieten die Wohnung. Verdrängt werden die ursprünglichen Bewohner.

So die ältere Dame aus Lynns Hinterhaus. Die hat versucht, sich das Leben zu nehmen, hat das Gas aufgedreht an dem Tag, an dem ihr per Räumungsklage angekündigt wurde, dass sie ausziehen müsse. Über 80 Jahre ist sie und hat vierzig Jahre hier gewohnt. Aber umziehen, auch wenn ein Umzugsunternehmen hilft, in eine neue Wohnung, die der Vermieter besorgt hatt, das wollte sie nicht.

Auch Stone ist schon weggezogen, nach Neukölln. Dort geht er jetzt immer mit seiner Hündin Else in der Hasenheide spazieren. Manchmal bessert er sich seine Einkünfte vom Amt mit kleinkriminellen Tätigkeiten auf. Lynn führt mit ihm ein Interview über seine Zeit in der Rykestraße. So lernen sie sich kennen und bleiben verbunden, auch als er Luzie kennenlernt und die beiden beschließen, aufs Land zu ziehen, dort einen Späti aufzumachen und den Boots-Verleih am Kanal zu betrieben.

Enno Stahl wendet sich in seinem Roman, der am Ende der 2000er Jahre angesiedelt ist, mit dem Blick auf die Immobilienfrage einem – immer noch – aktuellen, einem politischen Thema zu. Ähnlich wie Anke Stelling, die auch schon mehrfach von Gentrifizierung und ihren Auswirkungen erzählt hat, zuletzt so virtuos in „Schäfchen im Trockenen“. Durch Lynns Diplomarbeit, durch ihre Recherchen, durch eigene Erhebungen und Analysen statistischer Daten über die zwei Jahre, die sie für ihre Arbeit benötigt, wird der Verdrängungsprozess und die vielen Einflüsse, die ihn so deutlich befördern, sehr differenziert ausgelotet. Dabei ist der zeitliche Rahmen der Diplomarbeit eben der Zeitraum, von dem hier erzählt wird, so dass die Leser*innen Veränderungen im Kiez hautnah miterleben können, genauso die Leben der Protagonisten. Und ihre charakterlichen Brüche.

Ein Nachbar von Lynn, nur ein paar Häuser weiter wohnend, ist Otti, Ottmar Wieland. Er kommt aus Rostock, lebt aber schon seit dem Studium in den 1980er Jahren in Berlin. Und eigentlich auch nur im engsten Umkreis der Rykestraße. Hier ist sein Umfeld, hier kennt er sich aus, hier kennt er die Menschen, sitzt in den Kneipen, trifft sich mit den alten Freunden, um wieder neue Aktionen zu planen, eine neue Zeitschrift herauszugeben. Gerade arbeiten sie am Konzept einer Zeitschrift mit dem sprechenden Namen „Der Weg nach unten“. Otti ist ein eingefleischter Linker, jedes auftauchende Problem, jede gesellschaftliche Frage kann er einwandfrei marxistisch erklären. Und so wie er sich in der DDR als regimekritisch gezeigt hat, so empfindet er auch jetzt „den Staat“ – vor allem verkörpert durch die Mitarbeiter der Arbeitsagentur – als seinen natürlichen Feind.

Natürlich erst recht die vom Kapitalismus angetrieben Immobilienbesitzer. Denn Otti liegt im Klinsch mit seinem Vermieter Huber, der vor Monaten eine Renovierung angekündigt und dann erst einmal ein Gerüst mit Sichtschutz hat aufbauen lassen. Da sind schon die ersten Mieter ausgezogen, von ganz alleine sozusagen. In der zweiten Stufe haben Hubers Handwerker nun damit begonnen recht viel „Dreck, Lärm und Staub“ zu machen, umdie noch hier wohnenden Mieter zu vergraulen.

„Zur Strafe hat Otti die ohnehin schon spottbillige Miete gekürzt und den politischen Kampf gegen die feindliche Landnahme noch einmal verschärft. Mit einigen Leuten, die in einer ähnlichen Lage sind, hat er eine Initiative aufgebaut, die gegen die Verdrängungsprozesse im Viertel kämpft. Ihre Flugblätter haben – gerade wegen ziemlich radikaler Forderungen, Boykott- und Gewaltaufrufen sowie der Veröffentlichung privater Daten und Details über die hier tätigen Spekulanten – reißenden Absatz in der Szene gefunden.“

Otti war mit Donata verheiratet, sie kennen sich aus der Punk- und Widerstandsszene in Prenzlauer Berg, die sich in der 1980er Jahren entwickelt hat. Als nun alleinerziehende Mutter und Redakteurin beim „Voran“, der Gewerkschaftszeitung, versucht Donata politische Haltung und Lebensunterhalt zu vereinbaren. Als sich Karrierechancen bieten, greift sie zu, erklärt (sich) immer wieder, wie wichtig ein gutes Einkommen ist, um Sohn Jonathan beste Ausbildungschancen zu eröffnen. Oksana, eine Biologie-Studentin und Freundin Lynns, passt immer wieder auf Jonathan auf, wenn die Kita schließt und Donata noch Termine hat. So lernen sich auch Lynn und Donata kennen.

Zwischen diesen vier Personen wechselt die Erzählung hin und her. Und wir lauschen den Figuren zum Teil bei ihren inneren Monologen. Dabei berlinern Otti und Stone ordentlich und bringen so Lokalkolorit in die Erzählung. So wirkt die Erzählung sehr authentisch und realistisch. Kommentierungen der Ereignisse und der Haltungen der Figuren gibt es nur dann, wenn der eine über die andere nachdenkt, wenn Donata mal wieder die Augen zu verdrehen scheint wegen einer Äußerung Ottis.

Der wirklichkeitsnahe, der manchmal dokumentarische Charakter der Erzählung wird zudem unterstützt durch die Interviews, die Lynn und Donata führen. Durch Auszüge aus Archivtexten, Preislisten, Bestandsaufnahmen der Anzahl der Plattenbauten in Berlin, durch Redemanuskripte, Blogbeiträge und Vorlesungsmitschriften. Durch die lebendigen Schilderungen des Gewusels auf den Straßen des Kiezes, dem Gewimmel in den Kneipen.

Während ihrer Recherchen lernt Lynn Daniel kennen, die beiden werden ein Paar, auch wenn Daniel immer mal wieder für ein paar Wochen verschwindet, wenn Lynn ihn oft nicht erreichen kann. Durch ihre Gespräche mit einem Architekten, der an Sanierungen beteiligt gewesen ist, bekommt sie auch eine Idee, wie sie an einen Praktikumsplatz gelangen kann. Und findet tatsächlich eine Stelle im Architekturbüro Schmieder. Dort lernt sie auch die Formen ausbeuterischen Arbeitens kennen, denn nicht nur das Praktikum ist unbezahlt, auch ihre Arbeit, die sie weiterhin leistet, als ihre Zeit als Praktikantin längst vorbei ist. Ihre Mutter, immerhin Anwältin – und dies ist vielleicht eine der weniger plausiblen Ereignisse im Roman – fordert Lynn geradezu dazu auf, die Stelle auch ohne Bezahlung fortzuführen, immerhin lerne sie, könne so bei Bewerbungen Praxiserfahrungen nachweisen. Lynn bleibt also, auch als Schmieder selbst als Investor auftritt, Altbauten abreißt und Luxusapartments baut und somit gegen alles verstößt, was Lynn in ihrer Diplomarbeit, in ihren Zeitungsartikeln und Blogbeiträgen anprangert. Erst als Schmieder zwei Kommilitonen mit Werkverträgen einstellt, rebelliert sie.

„Sanierungsgebiete“ ist ein großartiger (Großstadt-)Roman, der nicht nur die dubiosen Praktiken der Immobilienhaie aufzeigt, sondern auch vom ganz normalen Chaos, von den ganz normalen Fährnissen des Lebens erzählt. Ein Roman, der sich – endlich einmal – um ein ganz wichtiges gesellschaftspolitisches Thema dreht, der das Weggucken von Poltitik und Verwaltung aufzeigt, als Voraussetzung für das ungehemmte Durchsetzen ökonomischer Interessen. Der nebenbei auch noch von den Arbeitsverhältnissen der Generation Praktikum erzählt. Und der dabei immer wieder aufzeigt, wie korrumpierbar der einzelne ist, wie opportunistisch selbst jene sind, die sonst doch immer so viel Wert auf bestimmte Werte legen.

Enno Stahl (2019): Sanierungsgebiete, Berlin, Verbrecher Verlag

Niklas Maak: Technophoria

Die zumeist positiv geführte Diskussion um die fortschreitende Digitalisierung, gerade noch befeuert durch ihre Lösungsansätze während der Corona-Pandemie, erinnert auch an die Technikbegeisterung vergangener Perioden. Die Lösung fast all unserer Probleme scheint durch die Digitalisierung möglich; Smarte Cities beispielsweise sollen durch eine komplette Vernetzung nicht weniger als die Umwelt- und Klimaprobleme lösen und die Sicherheit der Bürger gewährleisten, das smarte Home das Leben für seine Bewohner bei optimaler Ressourcennutzung bequem gestalten und Gadgets zur Messung verschiedener Körperwerte dazu beitragen, fit und gesund zu bleiben.

Niklas Maak lässt in seinem Roman nun nicht die Titanic untergehen, um in den Abgesang auf die Idee der omnipotenten Segnungen der digitalen Technik einzustimmen. Aber er zeigt uns doch die eine oder andere Tücke der Vernetzung auf – mit für einige seiner Figuren desaströsen Ausgängen. Doch diese Probleme bleiben auf der individuellen Ebene, während das technologische Großprojekt, dessen Entwicklung und Entstehung den roten Faden des Romans bildet, umgesetzt wird, wie die Leser schon zu Beginn des Romans erfahren.

Mit Blick auf die vernetzte Stadt, um die es immer wieder geht, siedelt Maak seinen Roman aber nur vermeintlich auf der Grenze zwischen Jetztzeit und einer Science-Fiction-Welt an. Denn Unternehmen bauen auch heute schon smarte Cities – mit Technologien, die zum großen Teil bereits existent sind und genutzt werden, so Google/Alphabet in Toronto, Toyota in Tokio und Siemens will ein solches Viertel in Berlin bauen (Quelle)

Driessen ist in Maaks Roman einer dieser innovativen Stadtentwickler, der ins sandige Berliner Umland ein digitales Testhaus gebaut hat. Die Verhandlungen mit der Stadt Berlin gestalten sich positiv, er bekommt den Zuschlag für den Bau eines smarten Stadtviertels. Das neue Viertel mit Wohnungen, die die Daten ihrer Bewohner sammeln, um sich deren Lebensgewohnheiten anzupassen, mit selbstfahrerenden Elektro-Autos, mit Straßenlaternen, die nur angehen, wenn auch ein Passant daher kommt und mit Kameras überall. Praktisch für Touristen, die am Ende ihrer Stadtbesichtigung ein kleines Album erwerben können mit Bildern, die von ihnen in der Stadt gemacht wurden.

Tatsächlich sind die Wohnungen im neuen Vierteil ein Verkaufsschlager, es gibt fünfmal mehr Bewerber als Wohnungen. Und das Viertel hält, was es verspricht: es wird 60 % Strom eingespart, die Umsätze der Läden steigen um 28 %, weil den Passanten beim Vorbeigehen die Angebote per SMS zugestellt werden, die Luftqualität ist bemerkenswert gut, die Zahl der Diebstähle auf Null gesunken und der Mann, der einen vierjährigen Jungen angesprochen hat, ist durch die Gesichtserkennung identifiziert und von der Polizei befragt worden.

Driessen denkt aber noch viel größer. In Ägypten nämlich wird  eine Idee aufgegriffen, die schon in den 1960er und 1970er Jahren entwickelt, dann jedoch verworfen wurde: die unter dem Meeresspiegel liegende Quattara Depression, eine Senke der Wüste zwischen Ägypten und Libyen, soll mit Wasser aus dem Mittelmeer geflutet werden. Der neu entstehende See mit einer Größe von 80 mal 120 Kilometern werde, so die Erwartung der Befürworter, die Temperatur in der Region abkühlen und für Regen sorgen. Dabei könne nicht nur der Klimaerwärmung vorgebeugt werden, die gerade diese Region unbewohnbar machen und weitere Flüchtlingsströme nach Europa hervorbringen würde. Es könne auch die Meeresspiegelerhöhung insgesamt eingedämmt und somit Überschwemmungen von New York über Mumbai bis Amsterdam und London verhindert werden.

Im Oktober 2019 spricht also eine Delegation der Ägypter bei Elon Musk vor und erklärt das Projekt. Ein paar Wochen später sind weitreichende Verträge unterzeichnet: ein französisch-britisches Konsortium wird den Tunnel bauen, um das Wasser in die Senke zu leiten – und Driessens Unternehmen die Städte am großen Quattara-See. Alles smarte Cities mit „automatisierten Häfen, intelligenten Wohnungen und selbstfahrerenden Autos“.

Sara ist Driessens Mitarbeiterin, die das Quattara-Projekt als Leiterin begleitet. Eine Frau in den 30ern, die souverän mit den Ägyptern verhandelt und den Beduinen, die in der Quattara-Senke leben, die Chinesen mit ins Projekt holt und sie wieder hinaus katapultiert, die sich in den Hotels und Tierparks in Afrika so selbstverständlich bewegt wie bei Hippie-Aussteigern in der Wüste der USA und bei ihrem Yoga-Urlaub in Goa.

Und dann ist da noch Turek, der (Anti-)Held des Romans, der für Driessen die PR macht. Er ist ähnlich unbehaust wie Sara, lebt manchmal in dem Testhaus, reist dorthin, wo er für Driessen Lobbyarbeit betreiben soll, hat später auch eine Wohnung in der neuen smarten Stadt. Eigentlich hat er Architektur studiert und Kunst, hat einige Monate im Auto gewohnt, bis er zu Evangelina gezogen ist. Als die ihn verlassen hat, ist er ein paar Monate später nach New York gegangen und hat bei Doctoreff gearbeitet. Doctoreff und sein Buddy Michael Bloomberg

„hatten die Chance ergriffen, sich als Politiker zu verkleiden und die alte Stadt im Namen von Ökologie und Sicherheit komplett auszuschlachten, so wie man von einem alten Haus nur die Fassaden stehen ließ und alles herausriss, was daran nicht smart war, und das war fast alles – Verkehr, Dämmungen, Versicherungen, die ganze Art, wie Politik gemacht wurde…. (…) Sie hatten aus New York ein Unternehmen gemacht, sie hatten die Stadt so umgebaut, dass sie noch mehr Geld abwerfen, noch mehr Touristen anziehen konnte.“

Jetzt ist Doctoreff bei einer Tochterfirma von Google, die in Torontos Hafengelände eine smarte City baut. Und Turek für das gute Bild Driessens in der Öffentlichkeit zuständig. Als die Öffentlichkeit erfährt – ausgerechnet in der Bauphase des Berliner-Viertels -, dass Driesssens Unternehmen in Afrika auf wenig nachhaltige, auf ausbeuterische und den Bürgerkrieg unterstützende Weise Coltan fördert, ein notwendiges Erz für die Elektrokondensatoren in allen digitalen Geräten, bespielt Turek alle Saiten des Instrumentes Greenwashing. Wenn die Roboter in der smarten City ein menschenfreundlicheres Aussehen bekommen sollen, damit sie von Bewohnern und Touristen positiver wahrgenommen werden, dann reist Turek nach Japan und schaut sich dort die verschiedenen Versionen von menschlich wirkenden Androiden an. Und so sehr Driessen ihn auch lobt und befördert – beim ersten (PR-)Gau, als nämlich doch ein Auto im Berliner Vorzeigeviertel einen Menschen überfährt, als die Stadt sofort alle weiteren Gelder einfriert, da bekommt Turek postwendend die Kündigung.

Im Laufe der Handlung werden einige Probleme der digitalen Entwicklungen ausgelotet und bringen die eine oder andere Person in Bedrängnis. Turek, der gleich mehrmals vor den Eigenwilligkeiten eines smarten Hauses kapitulieren muss, den eine nicht berücksichtigte Müdigkeitsmeldung seines Autos zum Mitschuldigen an einem Unfall macht. Driessen, dessen Seitensprung durch die ungewollten Aufnahmen seines Sprachassistenten an die Öffentlichkeit gelangt. Andere problematische Aspekte – die Fragen um die Gesichtserkennung an allen Orten beispielsweise, um das permanente Saugen und Verarbeiten von Daten, sogar im eigenen Zuhause, dem Ort, der doch eigentlich Schutz bieten sollte – werden zumindestens diskutiert. Und wenn Turek nach Japan reist, um dort den Forschungsstand zu humanoiden Robotern zu begutachten, wenn er beschreibt, wie er einem sehr menschlich wirkenden Gegenüber begegnet, dass manchmal gar nicht mehr erkennbar ist, wer Mensch, wer Androide ist, dann haben diese Begegnungen auch eine Wirkung auf die Leserin, die plötzlich jeder Figur der Erzählung misstraut.

Doch auch dieser Roman zeigt auf, wie schwer es ist, über die unmittelbare Gegenwart und nahe Zukunft zu erzählen: Die Darstellung der Handlungsumgebung, das Erzählen vom Leben in dieser Welt brauchen wohl so viel Energie, dass die Handlung und die Figuren zu kurz kommen. So sind auch Maaks Protagonisten blass, oft nur holzschnittartig gezeichnet, eine charakterliche Tiefe ist kaum zu erkennen. Vielleicht sind die zum Teil zusammenhanglosen Beobachtungen Tureks symptomatisch für sein Erleben, vielleicht zeigt das seine Haltlosigkeit in der Welt, für alle Figuren, die hier auftreten, reicht die Erklärung nicht. Dass Tureks Freundin Aura ausgerechnet über das Verhalten von Gorillas forscht und so die Motive Technik versus Natur in diesem Paar vereint sind, gehört zur oft klischeehaften Gestaltung der Erzählung.

Auch die deutlich konfrontativen Schnitte – die smarte Städteentwicklung auf der einen Seite, die Aussteigercommunities in Frankreich und in den USA auf der anderen Seite – sind sehr plakativ. Einen dritten Weg zwischen Technik-Euphorie und Technik-Phobie, der die Vorteile der Digitalisierung nutzt, die Probleme aber mit in den Blick nimmt und hier Lösungen unter Wahrung der Werte einer demokratischen Gesellschaft erarbeitet, zeigt der Roman leider nicht auf. Dabei berichtet Niklas Maak in einem Interview über solche – europäischen – Ansätze. Es ist schade, dass der Roman nicht auch diese Option mit in den Blick nimmt, denn in Punkto Aktualität ist Maaks Roman ja richtungsweisend.

Niklas Maak (2020): Technophoria, München, Carl Hanser Verlag

Jutta Reichelt: Wie ich Schriftstellerin wurde

„Mein Leben war nicht, wie es war.“ Aus diesem einen Satz, der plötzlich aufgetaucht und da war, dieser Aussage, die, so schreibt Jutta Reichelt, ja nicht einmal plausibel sei, entwickelt sich die Geschichte des Protagonisten Christoph. Denn Christophs Leben ist nicht so geordnet und perfekt, wie es scheint und wie er selbst meint, dass es sei. Er muss erst erkunden, was ihn da, so mitten im Leben, aus der Bahn wirft. Welche Geschichten aus der Vergangenheit ihm noch anhängen und gerade jetzt ans Licht drängen. Und so entwickelt sich aus diesem einen Satz die Geschichte des Romans „Wiederholte Verdächtigungen“.

Als dieser Satz als Samenkorn für eine ganze Geschichte auftauchte, da war Jutta Reichelt längst eine Schriftstellerin. Dass der Weg dahin ein langer und steiniger war, davon erzählt sie in diesem schmalen Band. Das Schreiben als Profession ist lange nicht ihr Ziel gewesen. Als Kind habe sie keine Phantasie gehabt, auch keine vollgeschrieben Tagebücher als ersten Hinweis auf die spätere Schriftstellerei. Jura habe sie erst studiert, später Soziologie. Doch beides waren wohl nicht „ihre“ Themen, vielleicht eher die ihres Umfelds, das erwartete, „dass etwas aus ihr würde“. Statt zum Studienabschluss zu kommen schlitterte sie so in eine veritable Krise. Auch ihr Leben war nicht, wie es war.

Seit einigen Jahren sammelt Jutta Reichelt Geschichten von Menschen, die sich über sich selbst geirrt haben. So, wie sie sich lange über sich geirrt hat. Heute erzählt sie von ihrer Geschichte Und wie sie dann doch Schriftstellerin geworden sei beim Bremer Kultursommer. Dass sie auch eine unermüdliche Ermutigerin ist, das eigene Schreiben zu wagen, davon erzählen zum einen Blog ihr mit dem Titel „Über das Schreiben von Geschichten“ sowie zum anderen die vielen Workshops, die sie leitet,

Wer ihre Geschichte „Wie ich Schriftstellerin wurde“ nachlesen möchte, der kann sie als Sonderdruck über die Seite beziehen www.juttareichelt.com.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Ein Roman mit dem schlichten Titel „Arbeit“ lässt Erinnerungen aufkommenan die Literatur der 1970er Jahre, Literatur über körperlich harte, schwere und schmutzige Arbeit in den Fabrikhallen, den Hütten und Kohlerevieren (des Ruhrgebiets), Literatur auch, in der über die Lebensumstände der Arbeiter erzählt wurde. Mit dieser Assoziation aber liegt man – auf den ersten Blick – gründlich daneben. Thorsten Nagelschmidts Roman spielt im heutigen Berlin, auf den quirligen Straßen Kreuzbergs. Er erzählt von denen, die dafür sorgen, dass das Leben und das Feiern auch nachts weitergehen: von Heinz-Georg Baderzky, dem Taxifahrer, von Anne, der Frau vom Späti, von Felix, dem Dealer, von Tanja und Tarek, den Rettungssanitätern. Von Sabrina, die in aller Herrgottsfrühe am Samstagmorgen aufsteht und mit ihrer Küpperweisser die Spuren der Nacht auf Straße und Gehweg beseitigt.

Und von Ingrid. Sie hat einmal Soziologie studiert, ein Fach, mit dessen Abschluss sie, so erklärt sie ihren Berufsweg, Taxifahrerin werden konnte oder Antiquarin. Sie besaß keinen Führerschein, also wurde es das Antiquariat. Das hat sie mit Harald geführt, ihrem Mann. Es scheint, dass sie alle Bücher kennt, die sie in den Regalen stehen hat. Wer in den Laden kommt, der bekommt eine Buchempfehlung. Auch wenn die oft schroff ist und so manchen Kunden schnell wieder vor die Türe treibt. Zu Rainald Goetz´ “Rave“ meint sie zu einer Kundin ganz unverblümt, der Text sei albern: „Auf Buchlänge aufgeblähte Authentizitätspoesie, im Grunde unlesbar.“ Dem Vater der Kundin, der sich so positiv zu ihrem Laden äußert, empfiehlt sie gleich den halben Meter Suter, den sie hinten im Laden stehen hat: „Greifen Sie zu, billiger kriegen Sie´s nirgends.“

Es sind diese Figuren, die die Leserin geradezu hineinziehen in die vielen verschiedenen Episoden des Romans. Der in einer einzigen Nacht im März spielt, nämlich in der von Freitag auf Samstag, dem Tag der Tag- und Nachtgleiche. Ein bisschen Frühling liegt schon in der Luft, aber nach Mitternacht wird es heftig zu regnen beginnen. Ingrid wird sich dann zum Schutz eine ihrer großen Ikea-Plastiktüten über den Kopf halten.

Die Episoden dieser Nacht spielen alle in einem abgrenzbaren Quartier in Berlin Kreuzberg. Hier ist Annes Späti, nicht weit entfernt das Hostel, in dem Sheriff seinen Nachtdienst macht. Wieder ein Stück weiter ist die Tankstelle, an der sich gegen Samstagmorgen einige der Protagonisten der Episoden treffen, nebenan die Bar, an deren Tür Ten den Besuchern den Zugang zugesteht oder verweigert. Felix, der Dealer, der es nach Knast und einer enthaltsamen Zeit heute wieder einmal richtig krachen lassen möchte, begrüßt Ten als alten Bekannten, den er lange nicht gesehen habe. Dazwischen fahren Christina und Schüngel im Polizeiwagen Streife und Tanja und Tarek mit ihrem Rettungswagen.

Ingrid und Harald sind immer gerne ins Kino gegangen. Als er gestoben ist an Magenkrebs, genau heute vor drei Jahren, da hat sie sich kaum getraut, alleine ins Kino zu gehen. Sie hat befürchtet, dass sie alles an ihn erinnern würde. Aber was erinnert sie nicht an ihn? Die Wohnung, der Laden, überall hat Harald ja auch seine Spuren hinterlassen. Aber heute gönnt sie sich den Kinoabend. Obwohl ihr eigentlich das Geld fehlt für die Karte. Denn das Antiquariat läuft nicht mehr. Erst sind es die Onlinehändler gewesen mit ihren Gebrauchtbuchverkäufen, die ihr die Kunden weggenommen haben, seit neuestem die Sozialläden, die auch Gerauchtbücher verkaufen und in die „ein-Euro-Jobber gesteckt werden, um dort puzzelnd und kreuzworträtselnd ihre Zeit abzusitzen, während die als Sozialvereine deklarierten Betreiber sich die Miete vom Jobcenter bezahlen lassen und eine Aufwandsentschädigung von 500 Euro pro Mann kassieren. Die Kunden aber halten es für eine gute Sache und schleppen kistenweise ihre alten Bücher dahin. Wie da die Beschäftigungsverhältnisse aussehen, das wollen die gar nicht wissen, Hauptsache es steht sozial drauf.“

Nach dem Film fährt Ingrid nicht nach Hause. Sie fährt zu den Stellen, an denen es auch sonst reichlich gibt, was sie nun sucht: Pfandflaschen. Die packt sie in eine ihrer Ikeatschen; die erste ist schnell gefüllt Sie rechnet, wie viel Pfand sie zusammenhat, ob es schon den Wert einer Kinokarte hat. Und nimmt sich vor: „Die Kinokarte bis zur Schlesischen, das wäre schön.“ Und wenn es gut läuft, dann versucht sie auch, Flaschen für zwei Kinokarten zu sammeln, für Filme mit Überlänge.

„Ingrid weiß, dass auch sie die Ideologie der Arbeits- und Leistungsgesellschaft verinnerlicht hat. Sie weiß, was mit protestantischer Ethik gemeint ist, sie hat ihren Max Weber gelesen, Anfang der Achtziger an der FU, in einem wunderbar ziellosen Bummelstudium, bevor sie einsehen musste, dass die Dinge, die sie interessierten, sie niemals ernähren würden.“

Die Kennzeichen der protestantischen Arbeitsethik, das rationale und organisierte Ausführen der Arbeit, das rastlose Streben nach Besitztum und die starke Motivation, in jeder Arbeit Sinn zu sehen, lässt sich bei allen Helden der einzelnen Episoden erkennen. Felix zum Beispiel bezeichnet sich nicht als Dealer, sondern sieht sich mehr als Geschäftsmann. Und hat fast so etwas wie ein unternehmerisches Leitbild:

„Wenn Felix eine Tochter hätte, die nach Berlin kommt und Drogen nehmen will, dann sollte sie an einen wie ihn geraten. Das war immer sein Anspruch, sein Kodex, seine Maxime. Er hat jungen Mädels oft etwas verweigert, GHB zum Beispiel oder Acid, Drogen für Erwachsene.“

Oder Marcela, die Masterstudentin, die verschiedene Jobs ausprobiert und nun aus Not als Fahhradkurierin arbeitet. Sie hat feste Vorgaben zu erfüllen, wöchentliche Performancedaten wie Time at Customer, Reaction Time und Speed. Kategorien, in denen sie es zuletzt regelmäßig unter die „Top-10-Riders of the week“ geschafft hat „und alles in allem mochte sie ihren Job.“

Oder Tanja, die Rettungssanitätern. Sie macht gerade ihr Abitur nach, will Medizin studieren und macht die Wochenendnachtschitten auf dem Rettungswagen, um ihren Unterhalt zu verdienen. Sie wollte schon immer Ärztin werden, schon als Kind. Aber das Gymnasium hat sie nicht durchgehalten, hat die Schule geschwänzt, ist geflogen und hat die Realschule gerade so bestanden. Für das Studium braucht sie ein Abitur mit 1,0 oder es gibt viele Wartesemester. Immerhin kann sie bei den Rettungseinsätzern schon mal den Ärzten über die Schulter schauen. Jeden Handgriff beobachtet sie, den Dr. Gutzeit an der Fahrradkurierin vornimmt, die wohl bei voller Fahrt in die offene Tür eines Autos gerast ist, das in zweiter Reihe geparkt hat.

Es sind lebenspralle Geschichten, die Thorsten Nagelschmidt uns hier von seinem bunten Romanensemble erzählt. Geschichten von Menschen mit ihren Sorgen und Nöten und ihren Träumen. Von ihrer Vergangenheit und wie es kam, dass sie nun in dieser Nacht arbeiten. Von ihren Lebenswegen und ihren Beziehungen. Jede Figur hat eine eigene Stimme, eine eigene Sprache, bekommt – mindestens – ein eigenes Kapitel, in dem wir ihr lesend folgen können. Die Geschichten sind rasant erzählt, voller unerwarteter Wendungen, mit treffenden Dialogen und Situationskomik – der typischen Berliner Schnauze eben. Und sie zeigen immer wieder auch die Traurigkeit der Figuren, die Tragik und Verzweiflung. Und nicht erst als Felix davon erzählt, dass er auch Subutex geschluckt hat, ist die Assoziation zu Virginie Despantes Dreiteiler über Vernon Subutex, vor allem die Erinnerung an ihren Erzählsound ganz präsent.

Und so breitet Nagelschmidt vor uns das Panorama einer Nacht aus, in der es nicht um die Erholung geht oder das Vergnügen, sondern um vertiefte Charakterstudien derjenigen, die dafür sorgen, dass die „Nacht läuft“. Alle die den Betrieb aufrechterhalten sind – und hier schließt sich doch restlos der Kreis zur eingangs erwähnten Arbeiterliteratur – Dienstleister, viele von ihnen in äußerst prekären Arbeits- und Lebensbedingungen. Einige haben den Abstieg schon hinter sich, andere versuchen, sich auf der sozialen Leiter nach oben zu schlängeln.

Aber es ist nicht nur die gute Zeichnung der Figuren, die das Leseerlebnis ausmachen, es ist nicht nur der soziologische Blick. Es ist auch die durchaus spannende Konzeption des Erzählreigens, der zuläuft auf das Aufeinandertreffen einiger der Figuren nach Mitternacht auf der Tankstelle. Wie in einer Filmszenen blicken die Leser*innen auf das Geschehen, sehen die schnellen Bewegungen und wie ein Gegenstand den Besitzer wechselt. Und werden so, weil sie alle Figuren kennen, zu einem – fast – allwissenden Betrachter der Szenerie. Das alles ist glänzend und exzellent erzählt.

Thorsten Nagelschmidt (2020): Arbeit, Frankfurt

Maggie Nelson: Die roten Stellen

Im Herbst 2004 prüft Maggie Nelson die Druckfahnen zu ihrem Gedichtband „Jane: A Murder“. 5 Jahre hat sie daran gearbeitet, hat nach Zeitungsberichten über die Michigan-Morde an mehreren jungen Frauen gesucht, hat Polizeiberichte studiert, in Janes Tagebuch gelesen, Bilder betrachtet. Und ist zu den Orten gefahren, an denen ihre Tante Jane gewesen ist, bevor sie bei einer Autofahrt von ihrer Universität nach Hause im März 1969 ermordet worden ist. Auch zu dem Friedhof, auf dem sie am Morgen nach dem Mord aufgefunden worden ist: erschossen durch zwei Kugeln in den Kopf, tiefeingegraben in den Hals eine Perlonstrumpfhose, die Gegenstände, die sie auf ihrer Reise mit sich führte, ordentlich aufgeschichtet zwischen ihren Beinen. Der Mord wurde nie aufgeklärt, aber natürlich hat er sich tief eingebrannt in das Bewusstsein der Familie Mixer. Und ist auch prägend für die Nichte Maggie, die erst 3 Jahre nach Janes Tod geboren wurde.

Maggie Nelson hat sich in ihrem Gedichtband Jane genähert, hat Gedichte über sie geschrieben, hat ihr selbst eine Stimme gegeben, indem sie – nicht ohne Schuld- und Schamgefühle – Ausschnitte aus Janes Briefen und Tagebucheinträgen eingeflochten hat. Und gerade als diese Arbeit dem Ende entgegengeht, meldet sich bei ihrer Mutter ein Detective der Michigan Police, der berichtet, dass dank neuer DNA-Untersuchungen eine Verhaftung des mutmaßlichen Mörders kurz bevorstehe. Auch Detective Schroeder haben die Michigan-Morde keine Ruhe gelassen. Auch er hat sich in den letzten 5 Jahren mit Janes Fall beschäftigt und nun steht endlich die Festnahme eines Verdächtigen an.

So beginnt im Januar 2005 der Prozess gegen den Tatverdächtigen Gary Earl Leiterman, einem Krankenpfleger, mit einer Anhörung und im Juli folgt die Hauptverhandlung. Maggie wird nun unmittelbar mit dem Verbrechen an ihrer unbekannten Tante konfrontiert, sitzt die ganze Zeit mit ihrer Mutter in der ersten Zuschauerreihe, manchmal sind auch ihr Großvater und ihre Schwester dabei. Das, was dieser Prozess mit ihr macht, versucht sie, schreibend, erzählend, vor allem aus allen erdenklichen Richtungen reflektierend zu ergründen. Und schreibt dabei: die Autobiographie eines Prozesses.

In Ihrem Vorwort erklärt Maggie Nelson ihre Motivation und verweist auf Handkes Werk „Wunschloses Glück“. Wie er durch die Selbsttötung seiner Mutter, so – ähnlich zumindest, denn hier gehe es nicht um den Tod der Mutter, sondern den der unbekannten Tante – habe sie sich während des Prozesses gefühlt. Und habe das dringende Bedürfnis gehabt, alle Details, alle Ideen, alle Überlegungen, die Gefühle der Angst, der Wut und der Depression aufzuschreiben, um dies alles festzuhalten, solange ihr dafür die Worte zur Verfügung stehen,

„einen Drang, mich und mein Material in ein ästhetisches Objekt zu verwandeln – eines, das neben oder anstelle oder zumindest als Hindernis im Weg der stumpfsinnigen Sprachlosigkeit stehen könnte, die Erinnern und Formulieren unmöglich machen.“

Blass bleibt in diesen Reflexionen der vermeintliche Täter, überführt durch seinen genetischen Fingerabdruck auf der Leiche, der nun endlich nach dreißig Jahren zugeordnet werden kann. Leiterman wird ins Gericht geführt, ein vom Leben, von Krankheiten und einer Arzneimittelsucht gekennzeichneter 63-Jähriger, der auf der Anklagebank Platz nimmt, dem Prozess folgt, aber selbst keine Hinweise gibt, kein Geständnis ablegt, die Gründe der Tat nicht beleuchtet. Einen einzigen Hinweis gibt sie, der eine Begründung für die Ungeheuerlichkeit des Mordes sein mag, nämlich den auf die Lehrbücher, die sich zu klinischer Psychologie in ihrer Wohnung stapeln.

Maggie Nelson erzählt chronologisch am Prozessverlauf entlang. Dabei entfaltet sie weniger die Details der üblichen Prozesschoreografie, sondern zeigt nur knapp den jeweiligen Stand der Verhandlungen auf. Ganz genau, bis in die Einzelheiten hinein, beschreibt sie jedoch die Bilder, die im Gerichtssaal vom Leichnam ihrer Tante gezeigt werden. Fünf Fotos sind es, verwaschene Aufnahmen vom Tatort, von der Leiche, von ihren Verletzungen. Sie finden sich, leitmotivisch fast, verstreut im Text. Sie erzählen – auf ihre ganz besondere Art – vom Tod Janes.

Um eine Strafe, um „Gerechtigtkeit“, so meint die Autorin, gehe es den Familienmitgliedern nicht. Sie empfinden es als Glück, dass es im Staat Michigan keine Todesstrafe gibt. Sie habe, so erzählt sie, ihren Großvater mehr als einmal sagen hören, „dass er lieber einem freien Leiterman in die Augen sehen würde, der zugäbe, dass er seine Tochter getötet hatte, als dass Leiterman seine Unschuld beteuert und im Gefägnis vermodert.“ Um Gewissheit geht es ihnen also eher. Der Zusammenbruch der Familienmitglieder nach dem Schuldspruch der Jury lässt erkennen, welche Anspannung und welchen Schmerz der ungeklärte Mord bei allen betroffenen Familienmitgliedern über die vielen Jahre angerichtet haben.

In welchen Formen sich diese Erfahrung in ihr, in ihrer Schwester, ihrer Mutter eingenistet hat, darüber erzählt und reflektiert Nelson immer wieder in ihrem Buch. Sie berichtet von den Schwierigkeiten ihrer Schwester, die sich als Jugendliche dem bürgerlich angepassten Leben einer „guten Tochter“ konsequent verweigerte, die durch die Schulen für „schwererziehbare Mädchen“ wanderte und in die Jugendstrafanstalt, in eine Bootcamp-Schule in der tiefsten Provinz. Die Autorin selbst flog in dieser Zeit „unter dem Radar“, war eine gute Schülerin und gewann erste Preise bei Gedichtwettbewerben. Drogenmissbrauch und desaströse Beziehungen gehören aber auch zu ihrem Leben. Maggies Mutter erzählt, dass ihre Schwester Jane „die rebellische Tochter“ gewesen sei. Und so scheint sich diese Dualität eine Generation später wieder zu ergeben.

Natürlich spielt auch der Tod eine ganz besondere Rolle in der Familie. Die Mutter mag nicht wandern gehen, weil sie Angst hat, eine Leiche am Wegrand zu finden. Sie findet dann auch eine Leiche, nämlich die ihres an einem Herzinfarkt plötzlich und unerwartet verstorbenen Ex-Mannes, als sie die Kinder über das Wochenende zu ihm bringen möchte. Und Maggie? Sie verliert als Kind ihren Vater. Und einmal beobachtet sie aus ihrem Apartment-Fenster, wie um 5 Uhr morgens ein chinesischer Mann auf der Straße mit dem Schlag eines Baseballschlägers gegen den Kopf getötet wird. Sie ruft die Polizei, die kommt, sie befragt „Waren die Angreifer Schwarze oder Hispanics“. (!) Um 8 Uhr morgens öffnen wieder die Geschäfte, die Passanten steigen in Unkenntnis über die dunklen Flecken am Bordstein, die am Nachmittag schon verschwunden sind. „Schreibe, was du gesehen hast, und was da ist, und was geschehen soll danach. Eine rote Stelle.“ Schreibt Maggie Nelson zu diesem Erlebnis.

Zur Autobiographie des Prozesses gehört auch ein Blick auf weitere Beteiligte, auf die Zeugin, die Jane damals auf dem Friedhof liegend gefunden hat und die nun, dreißig Jahre später, immer noch dieselbe Scham zu empfinden scheint. Auf die Familie des Angeklagten, die die Stunden bis zur Urteilsverkündung nicht in einem separaten Raum warten darf. Auf die ermittelnden Polizisten, die der Fall ebenfalls mitnimmt.
Maggie Nelson aber schaut den Fall auch aus einer gesellschaftlichen Perspektive an, wenn sie sich immer wieder mit der Berichterstattung, damals und heute, auseinandersetzt. Wenn sie auf Bücher zum Thema verweist und auf die so beliebten True-Crime-Formate im Fernsehen und den Streaming-Diensten. Und warum springen die Medien gerade auf solche Fälle ganz besonders an, wenn die Opfer junge, gutaussehende Frauen sind?

Und nicht zuletzt bringen die Erfahrungen um den Tod an der Tante Jane Maggie Nelson auch zu ihrer Auseinandersetzung mit der Literatur und ihrer Erklärung dafür, warum sie Geschichten nicht mag:

„Ich war unter anderem deshalb Dichterin geworden, weil ich keine Geschichten erzählen wollte. Ich fand, dass uns geschichten vielleicht befähigen zu leben, unsa ber gleichzeitig auch gefangenhalten, uns umfassbare Schmerzen zufügen. In ihrem Wettlauf darum, im Sinnlosen einen Sinn zu finden, verzerren sie, sie lassen aus, sie verschlüsseln, tadeln, verherrlichen, begrenzen, verraten, mythologisieren – und wer weiß was sonst noch.“

Es sind diese immer wieder überraschenden Blickwinkel, die Maggie Nelson in ihrem Schreiben einnimmt, die ihren Text so interessant und nachdenkenswert machen. Ihre oft alles andere als gängigen Betrachtungen von Details oder größeren Zusammenhängen. Ihr offener und ehrlicher, manchmal schmerzhafter Bericht über ihre eigenen Handlungen und Gefühlen. Der dann aber wieder ein Sprungbrett ist zu Reflexionen über die von ihr ausgebreiteten Themen. Ihr eingangs formuliertes Ziel, sich und ihr Material in ein ästheisches Objekt zu verwandeln, es ist vortrefflich gelungen.

Maggie Nelson (2020): Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses, aus dem Englischen von Jan Wilm, Berlin, Hanser Berlin

Beim Lesen reisen (3) – Mathijs Deen: Über alte Wege

Vielversprechend kündigt Mathijs Deen im Titel seines Buches das Reisen quer durch Europa an, über „alte Wege“ und auch „durch die Geschichte“. Genau die richtige Lektüre also, wenn nicht nur in Europa gerade alles still steht, wenn Reisewarnungen für Fahrten ins Ausland ausgesprochen sind, wenn plötzlich Grenzen in Europa wieder sichtbar werden, die wir schon lange vergessen haben. Wenn sich sogar innerhalb Deutschlands auf einmal Grenzen zwischen den Bundesländern zeigen, sodass man sich ein bisschen erinnert an Gauß´ Reise über die vielen Grenzen nach Berlin – zumindest in der Version von Daniel Kehlmann.

Durch Europa also, auf alten Wegen. Aber zunächst einmal auf die E 8 in den Niederlanden. Da nämlich, so entsinnt Mathijs Deen sich, fuhr die Familie, als er ein Kind war, am Wochenende immer wieder von Twente zu den Großeltern, zum Utrechter Hügelrücken. An einer Abzweigung sei auf der Straße ein Pfeil gewesen, E 8 habe daneben gestanden. Und der Vater habe erklärt: „Das ist die E 8, die führt von London nach Moskau.“ Später wurde eine Autobahn gebaut, die Landstraße wurde zur Nebenstraße, Pfeil und Bezeichnung verschwanden.

Es war ein ambitioniertes Projekt, das die Alliierten schon während des Krieges entwickelten und das zwischen 1947 und 1950 bei den Sitzungen der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen in Genf bearbeitet wurde. Gegenseitige Erreichbarkeit, so das Ziel, sei eine gute Chance, die Zukunft Europas friedlicher zu gestalten – sicherlich auch wirtschaftsfreundlich. 1950 war der Plan eines Straßennetzes, der die ehemaligen Feinde in Europa verbinden sollte, fertig. Und bis 1975 haben 26 europäische Nationen ihn unterzeichnet. Da war der ursprüngliche Plan von der Realität eines schnell wachsenden Straßen- und Autobahnsystems von Irland im Westen bis in die Türkei im Osten und zur Grenze von Syrien längst überholt.

Das alte System, das sich zum Teil noch an historische Routen durch Europa anlehnte, wenn zum Beispiel die E 1 von London durch Paris nach Rom führte, musste überarbeitet werden. Und es kamen dabei Strecken heraus, die eben nicht mehr an historische Wurzeln anknüpfte. So beginnt die neue E 1 im nordirischen Larne und endet in Sevilla, zum großen Teil führt sie über den Atlantik.

Auch wenn es bei der UN immer noch eine Abteilung gibt, die sich mit dem Projekt auseinandersetzt, so richtig hat sich die Idee der transnationalen Trassen nicht durchgesetzt. Und Mathijs Deen denkt darüber nach, warum es in Europa nicht gibt, was in Amerika zum Reisetraum vieler – auch europäischer – Touristen und Suchenden nach dem eigenen Ich völlig selbstverständlich gehört: einmal die USA auf der Route 66 zu durchqueren oder gleich den Doppelkontinent auf der Transamericana von Nord nach Süd zu bereisen. Solche Traum-Fernwege gibt es in Europa nicht.

Ob es, überlegt Deen, daran liegt, dass sich in Europa die Menschen seit jeher kriegerisch begegnet sind. So wie die Römer, die Straßen durch Europa bauten, um darauf ihre Armeen marschieren zu lassen. Deen macht sich „auf den Weg“ in die Geschichte Europas und nimmt die Leser mit auf unterschiedliche Reisen quer durch Europa in unterschiedlichen Zeiten. Und tatsächlich: Gewalt, auch in der abscheulichsten Form spielt immer wieder eine Rolle. Aber auch Pilgerreisen und Autorennen. Und immer wieder kommt es zu kulturellem Austausch, gelangen kunsthandwerkliche Schätze an das andere Ende Europas oder mit den religiös Verfolgten Theaterstücke von der iberischen Halbinsel nach Amsterdam und weiter an den schwedischen Königshof.

Deen besucht die Archäologen in London, die an der Küste Großbritanniens, ungefähr 100 Kilometer nördlich der heutigen Themsemündung, die ältesten Anzeichen von Menschen in Europa gefunden haben. Wie frische, gerade erst entstendene Spuren im Sand sehen sie aus, die Fußabdrücke, die drei Erwachsene und zwei Kinder an der Küste hinterlassen haben – vor 800.000 Jahren. Dies müssen dünn behaarte Menschenaffen gewesen sein, die in einer ersten Welle vor 2 Millionen Jahren aus Afrika nach Norden gewandert sind. Die voran kamen, weil sie rennend Wild verfolgten und dabei ihre Siedlungsgebiete die Mittelmeerküste entlang ausdehnten.

Im Laufe dieser Wanderung über viele Generationen entwickelte sich ihr Hirn weiter. Als Folge mussten nun die Kinder länger umsorgt und ernährt werden, bis sie erwachsen waren. Die Kinder wurden also zu einem wertvollen Gut jeden Familienclans. Bei Streitigkeiten schadete man dem Feind besonders, wenn man seine Kinder erschlug. „Sie wurden fachgerecht geschlachtet“, erklärt Maria, die die 430.000 Jahre alten Knochenfunde in Atapuerca, in Spanien, untersucht. Ebenso fachmännisch, wie sonst ihre Tiere. Da also sind die. die ersten Spuren von Gewalt.

Deen erzählt auch über einen sehr ungewöhnlichen silbernen Kessel, der 1891 beim Torfstechen im Norden Dänemarks gefunden wurde. Es ist ein keltischer Kessel, der offenkundig aus der Grenzregion Rumäniens und Bulgariens, aus Thrakien, stammt. Wir haben sofort den Kessel des Miraculix vor Augen, in dem er seinen Zaubertrank zusammenbraut. Tatsächlich, so erzählt der Leiter des Museums, habe Uderzo, der Zeichner des Asterix, das Museum besucht und diesen Kessel angeschaut.

Und wahrscheinlich ist der Kessel auch schon 100 Jahre vor unserer Zeitrechnung dazu genutzt worden, Kriegern, die in die Schlacht zogen, den Kessel zu zeigen und sie daraus trinken zu lassen. Und Deen klärt nun die möglichen Wege, die dieser Kessel genommen hat. Wie er zu den Kimbern gekommen sein könnte, nachdem sie nach einer Springflut und einer nachfolgenden Hungersnot ihr Siedlungsgebiet in Dänemark verlassen haben. Und die den Flüssen folgend plündernd nach Süden gezogen sind. Erst die Elbe entlang, später an der Donau weiter. Die dann in Thrakien in den Besitz des Silberkessels gelangten und ihn mitnahmen über die Alpen nach Westen und in die Schlachten gegen die Römer, die letztendlich in der Po-Ebene über diese blonden Barbaren siegten. Aber einige Kimbern werden den Rückweg nach Dänemark geschafft haben und den Kessel mit nach Norden genommen haben.

Aus ganz anderem Grund fand die Reise Gudrids zur ersten Jahrtausendwende nach Rom statt. Sie, eine christianisierte Wikingerin, die auch schon nach Amerika gereist war, wollte nach Rom pilgern, um den Papst zu befragen, ob sie im Himmel ihre – heidnischen – Angehörigen wiedersehen würde. So erzählt es Mathijs Deen und schmückt die Grönland-Saga um Gudrid aus. Er zeichnet ihren Weg nach über den Rhein und dann im Frühjahr über die Alpen nach Ittalien. Viel mehr als von der Reise erzählt er aber von ihren Gefühlen des Fremdseins in der Pilgergruppe, von ihren Gedanken und Sorgen um ihre Ahnen. Erzählt also von möglichen inneren Monologen. Die Mönche auf dem Weg, sogar der Papst, der aus höchst egoistischen Gründen mit ihr spricht, machen ihr jedenfalls keine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihren Toten.

Deen erzählt von Reisen durch Europa, weil Menschen fliehen mussten, aus wirtschaftlicher Not, aus religiösen Gründen,. Er erzählt vom kulturellem Austausch, oft von Plünderungen, wenn Armmen von Norden nach Süden, die napoleonische Armee von Westen nach Osten zieht.Er erzählt von einem ersten mafiösen Straßenräuber auf der Via Appia, von einem Rennfahrer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und er wendet seinen Blick mehr und mehr von den historisch belegten Fakten, die er auch in den Gesprächen mit Forschern und Musuemsleitern gewinnt, mehr und mehr seinen Figuren zu, die jeweils eine Geschichte durch Europa tragen. Dann erzählt er aus ihren Perspektive, als personaler Erzähler, von ihren gedanken, ihren Sorgen und Nöten.

Gerade diese Erzählungen, gerade diese Übernahme der Perspektive seiner Protagonisten sind aber die Schwachstelle des Buches. Statt vom Reisen zu erzählen, statt die Bedingungen und Erschwernisse deutlich zu machen, die Landschaften zu schildern, von Herbergen längs der Handelswege zu berichten, vom Reisen zu Fuß oder mit der Postkutsche, versucht Deen uns persönliche Schicksale und charakterliche Entwicklungen nahe zu bringen. Von einer der größten Motivationen des Reisens, dem Handel nämlich, berichtet er gar nicht.

Das Staunen, das er mit der Geschichte über die Besiedelung Europas und über die ältesten Spuren am Strand von England hervorruft, das Wundern darüber, dass ein thrakischer Silberkessel mit keltischen Motiven in Dänemark geunden wurde, das alles erreichen die anderen Geschichten seines Buches nicht mehr.

Mathijs Deen (2019): Über alte Wege. Eine Reise durch die Geschichte Europas, Köln, DuMont Verlag

Beim Lesen reisen (2) – Nava Ebrahimi: Das Paradies meines Nachbarn

Der zweite Roman meiner kleinen Reiseserie spielt in München, in Teheran und in Dubai. Anders als Sarah Jägers Geschichte ist dies aber keine Road-Novel. Die Protagonisten reisen nicht auf der Landstraße, nicht einmal auf der Autobahn und können so auch keine Abenteuer rechts und links der Straßen bestehen. Nava Ebrahimis Figuren nehmen – so wie es sich für Menschen des 21. Jahrhunderts gehört – das Flugzeug, wenn sie eine größere Reise antreten. Und so spielen Landschaften und Sehenswürdigkeiten, nicht einmal in Dubai, eine Rolle. Dass sie aber am Ende der Reise in Dubai alle in den Bars, auf den Zimmern und in den Salons der Hotels doch etwas ganz Neues erleben und mehr über sich erfahren und gelernt haben, verbindet das Setting dieses Romans mit der Road Novel.

Sina Khosbin ist Produktdesigner in einer Münchner Agentur, die schon längst nicht mehr selbstständig arbeitet, sondern von einem Küchengerätehersteller aufgekauft wurde. Sina ist Ende 30, verheiratet mit Katharina, einer Resilienzforscherin, und hat eine Tochter. Seine Entwürfe von Toastern, Smoothie-Makern und Thermoskannen haben keinen Esprit mehr, die hochtrabend formulierten Anforderungen an neue Designs nerven ihn nur noch. Der Job als Kreativchef, für den er sich zwar nicht beworben, auf den er aber irgendwie doch gehofft hat, wird ihm nicht angeboten. Stattdessen wird ein Designer eingestellt, den alle Kollegen schon kennen, außer Sina.

Ali Najjar heißt der neue Vorgesetzte, ein Iraner, der durch die Life-Style-Magazine gereicht wird, weil so toll ist, wie er es geschafft hat, von der Front, an die er als Kindersoldat im Iran-Irak-Krieg geschickt wurde, in Deutschland gleich bis in den Design-Olymp aufzusteigen. Schon nach seiner Abschlussarbeit an der Fachhochschule hat er einer Zeitung in einem Interview erzählt, wie er mit dreißig anderen Jungen seiner Schule zur Front gefahren wurde, nicht für den Krieg ausgebildet, nicht bewaffnet. Und wie er sich dabei erinnert an die große Erzählung in der Schule: „Fürchtet euch nicht“, hatten die Lehrer gesagt, „ihr werdet im Paradies erwachen.“ Die Eltern haben ihm erklärt, das sei Propaganda.

„Trotz allem, als ich aus dem Busfenster die karge Landschaft betrachtete, malte ich mir das Paradies aus. Darin konnte ich den ganzen Tag Fußball spielen oder im Bett liegen, Cola trinken, Eis essen, Knight Rider gucken und Autos zeichnen, die meine Mutter dann, sobald der Entwurf fertig war, vorfuhr und mir übergab. In meinem Paradies besaß ich natürlich einen Führerschein.

Mein Sitznachbar, ein Jahr älter als ich, stellte sich das Paradies ganz anders vor. Sollte es sein, dass jeder sein Paradies selbst gestalten konnte? Ja, schloss ich, schließlich konnte das Paradies meines Nachbarn meine Hölle sein.“ Und umgekehrt, möchte man vor dem Hinterggrund seiner weiteren Geschichte hinzufügen.

Am ersten Tag in Sinas Agentur hält er jedenfalls eine – dem Klischee entsprechend – furchteinflößende Rede. Dann schmeißt er – wiederum dem Klischee entsprechend – alle Mitarbeiter raus, deren Verträge das hergeben. Und natürlich trägt er Gegner ein ein T-Shirt mit der Aufschrift „No Pressure No Diamonds“.

Sina beäugt den neuen Vorgesetzten, der ihn  so einschüchtert, vor dem er sich so fürchtet. Wie Ali mit einem wichtigen Kunden spricht, einem Hersteller für Soundsysteme, ist ja auch auch mehr als beeindruckend. Erst füttert Ali ihn mit den üblichen Begriffen „user experience“, „ikonisch“, „mehr architecture als product“. Und dann verspricht er:

„Wir arbeiten gerade an neuen Entwürfen, die das Thema Licht aufgreifen, (…) an Multi-Facettenentwürfen, triangulierten Körpern, bei denen die Facetten fließend ineinander übergehen, wie das Licht, das den Tag über wandert. Oder treffender, bitte fürs Wording schon einmal notieren: Das Licht tanzt. Zwar ist es der Sound, der sich durch den Raum bewegt, aber wir lassen den Eindruck entstehen, dass sich der Lautsprecher selbst bewegt. Messinge Oberflächenstruktur, schlankes, anmutiges Design, kurvige, dynamische Silhouette. (…) Das wird richtig geil.“

Dieser Ali ist schon ein „Scheißkerl“, das sagt er selbst über sich. Weil sein Credo ist, niemals mehr ein Opfer sein, deshalb, so meint er, müsse er zum Täter werden. Und es dauert auch nicht lange, bis er Sina in sein durchgestyltes Büro bestellt und dort, er hat sein T-Shirt mit den Diamanten-Spruch an, schnell zur Sache kommt. Als „Schlafparalyse“ könne man doch nur bezeichnen, was Sina da als Entwurf einer Thermoskanne für Unternehmen entwickelt habe, die „ducken sich doch nur weg“, sähen aus, als fühlten sie sich ungeliebt. Sina fällt nichts weiter  ein, als um ein Sabbatical zu bitten.

Sina und Ali führen also in München, im Büro oder mittags im Schnitzelhaus, ihre dekadenten Scharmützel. So, wie man es in einer Designagentur ja auch erwartet. Im Wettstreit mit Ali hat Sina ja von Anfang an die schlechteren Karten. Nicht nur, weil er nicht so ohne Rücksicht Karriere macht, sondern vor allem, weil er nicht die richtige Biografie mitbringt, weil er eben nicht als Kindersoldat an der Front verheizt und dann doch in Deutschland seinen Weg gegangen ist. Sina, dessen Nachmane Optimist bedeutet, kann „nur“ einen iranischen Vater aufweisen. Der sich nach Amerika abgesetzt hat und dort für Sina kaum erreichbar ist.

Diesen ersten Kapiteln in der Agentur, wechselseitig erzählt aus der Perspektiven von Sina und Ali,  sind Kapitel zwischengeschaltet, in denen eine weitere Stimme zu hören ist. Es ist die von Ali-Reza, der in Teheran lebt und den Telefonanruf vom Tod seiner Mutter entgegennimmt. Die ihm aber recht fremd geworden ist. Es gibt eine andere Frau, Maryam, die für ihn eine viel wicpflegte, die ihm eine zweite Mutter geworden ist. Die ihn als 13-Jährigen von der Straße gerettet hat, so erinnert er sich zu Beginn des Romans, die ihm aber auch die schlimmste Zeit seines Lebens eingebracht hat, als Kindersoldat an die Front: „Sie war Rettung und Verhängnis für ihn gewesen, aber am Ende mehr Rettung.“

Es sind sicherlich die eindringlichsten Sätze dieses Romans, wenn Ali-Reza sich zurückerinnert an die Front, an die Arbeit der Kinder, die für die nachrückenden Soldaten mit nichts als ihren Körpern die Minen entschärfen. Wenn er sich erinnert, wie er Freund um Freund verliert, kaum dass eine engere Beziehung geknüpft ist, wie er über das Feld rennt und nicht stehenbleiben darf, wie er Schüsse hört und Explosionen und über allem der Geruch nach verbranntem Fleisch hängt. Dass Ali-Reza, der diese Hölle überlebt hat und die psychischen und physischen Traumata dieser menschenverachtenden Kriegspraxis mit sich trägt, davon Ali Najjar endlich erzählen möchte, ist nur zu verständlich.

Die Verbindung zwischen Ali Najjar und Ali-Reza, die sich durch Maryam ergibt, die durchschaut die Leserin, wenn auch nicht in allen Details, sehr schnell. Auch dass der Briefs Maryams, ihr Vermächtnis, der nun von Ali-Reza in Dubai an den anderen Ali überbracht wird, die Aufarbeitung der Schuld an den Sohn delegiert. Es ist aber doch die Frage, ob eine Romankonzeption, die Aufklärung als Ziel und dabei den klassischen auf Spannung setzenden Verlauf hat, für dieses so existentielle, so zynische Thema der Kindersoldaten die richtige ist.

Und weiter: Die so grell ausgeleuchteten Charaktere und die so gegensätzlich konzipierten Milieus schaffen eine plakativ gestaltete Erzählwelt, keine, in der die Figuren, ihre Verletzungen, ihre Identitätssuche mit feinem Strich gezeichnet und entlang den Begebenheiten ihres Lebens erzählt werden. Dabei hätte der Stoff dafür doch die besten Voraussetzungen.

Als Ali-Reza zum Treffen nach Dubai lädt, als Najjar ahnt, dass es unbequem werden könnte, findet er schnell einen Stellvertreter. Schließlich ist Sina Halb-Iraner und hat gerade Zeit: „Hey Khoshbin, ich bin´s Ali. Rasier dir den Schädel und pack deine Sachen, wir fliegen nach Dubai.“ Und Sina rasiert sich den Schädel, packt ein paar Sachen zusammen und besorgt in Dubai, während Najjar im Pool planscht, Geschenke für die Kinder zu Hause.  Und hört sich Ali-Rezas Geschichte an, die er nicht einmal versteht, weil er kein Persisch spricht. Das Paradies meines Nachbarn kann meine Hölle sein.

Nava Ebrahimi (2020): Das Paradies meines Nachbarn, München btb Verlag

Beim Lesen reisen (1) – Sarah Jäger: Nach vorn, nach Süden

Der Blick auf die Bücher, die ich im März gelesen habe und das Buch, das ich gerade angefangen habe zu lesen, zeigt, dass sich so ganz zufällig eine schöne kleine thematische Reihe ergeben hat. Eine Romanreihe, die vom Reisen erzählt und so die Stoffe für die Erlebnisse liefert, die wir gerade in unserer Quarantäne nicht selber erfahren können, sondern nur durch das Miterleben beim Lesen.
Heute geht es erst einmal los mit einem Jugendbuch. Das ist nicht unbedingt das Genre, das oft auf diesem Blog häufig vorkommt. Dafür ist aber die Autorin in der Blogwelt zumindest den meisten schon bekannt, nämlich als eine der Betreiberinnen der Seite www.dasdebuet.com, die in diesem Jahr schon zum fünften Mal „Das Debüt 2020 – Bloggerpreis für Literatur“ ausrichten. Und wie schön, dass sie auch selbst für ihren Erstling Monat für Monat öffentliches Lob einsammelt. So zum Beispiel den von DIE ZEIT und Radio Bremen vergebvergeben von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.

Nach vorne zu gehen, ist nicht jedermanns Sache. Schon gar nicht die der Ich-Erzählerin. Wenn sie zu spät kommt zur Feier im Hinterhof, dann schaut keiner auf, wenn sie einen Witz macht, dann lacht keiner. Und ihren Namen, ihren richtigen Namen, den hat sie auch, so meint sie, am Hinterhofeingang abgegeben. „Entenarsch“ hat Jo sie genannte und die anderen Aushilfen haben es übernommen. Und es trifft sie ins Mark, zieht sie doch immer weite lange T-Shirts an, um ihre Problemzone zu verstecken.

Die Ich-Erzählerin studiert schon ein Jahr, aber sie fragt sich immer öfter, was sie anfangen soll mit „Linguistik I“, mit „Heldenfiguren im Deutschunterricht“ und der „Mündlichen Diskurstheorie“. Und wer weiß schon mit 19 Jahren so genau, ob oder dass er Lehrerin werden möchte? Mit dem Auto, das ihre Eltern ihr zum Abitur geschenkt haben, ist sie kaum gefahren. Und den Koffer, den sie gleich dazu bekommen hat, hat sie auch noch nicht gebraucht. So richtig weiß sie noch nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Aber zu den Aushilfen im Hinterhof möchte sie schon gerne zugehören, auch wenn sie sich mehr als Außenseiterin fühlt.

Den Hinterhof, ein asphaltiertes Quadrat irgendwo im Ruhrgebiet, vielleicht ja in Essen, Mauern an den Seiten, vollgestellt mit den ungenutzten Paletten des Marktes, haben sich die Aushilfen des Penny-Marktes erobert. Für ihre Pausen, mehr noch als Treffpunkt für ihre freien Zeiten, „für Feiertage und Feierabende und alle möglichen anderen Feiern“. Der frühere Filialleiter des Marktes, „der Wendthoff“, hat noch versucht, den Jugendlichen den Hinterhof zu verbieten, der neue Wendthoff, der eigentlich Müller heißt, hat ihn ihnen überlassen. Dort treffen sie sich, sitzen auf den Holzpaletten oder den Stühlen, die Otto mitgebracht hat, und wenn es regnet unter dem Plastikdach, das Pavel im letzten Herbst aus Plastikhüllen gebaut hat. Da sitzen dann Vika, Can, Marie und die Brüder Leroy und Marvin.

Heute feiern sie Maries Realschulabschluss. Can grillt Würstchen, was oft nicht so gut klappt. Otto, der in einer Punkband mit dem denkwürdigen Namen Blümchenschlüpper den Bass spielt, hat seine neue Freundin Yasmin eingeladen, was Vika erzürnt, obwohl sie mit Otto Schluss gemacht hat. Daran hat auch Fine nichts geändert, ihre gemeinsame Tochter. Und Pavel, „unser Pavel“ genannt, erzählt von seinem Plan, einen Aussichtsturm an der Mauer des Hinterhofs bauen zu wollen. Sie brauchten doch eine bessere Sicht in die Ferne, meint er.

Die Ich-Erzählerin kommt zu spät zur Feier und merkt gleich „Niemand hebt den Kopf, nicht jeder wird im Hinterhof vermisst.“ Die Jugendlichen erzählen sich ihren Kummer, spötteln übereinander, wenn einer mal wieder ein Sprichwort vermasselt hat und der Erzählerin entschlüpft, als Can sagt, dass er nächstes Jahr sein Abi machen will: „im zweiten Anlauf“. Vielleicht sind ja ihre immer wieder sehr spitzen Sprüche der Grund, von der Gruppe nicht so recht aufgenommen zu werden. Und nun ist ihr der Satz auch noch ausgerechnet gegen Can herausgerutscht.

Und dann kommt die Rede auf Jo. Jo, der seit ein paar Monaten nicht mehr da ist, abgehauen und keiner weiß so richtig wohin. Marie, die bis kurz vorher seine Freundin war, vermisst ihn schrecklich und macht sich Sorgen. Auch den anderen fallen wieder Jos mit Mullbinden umwickelte Handgelenke ein. Gemeinsam überlegen sie, wie und wo sie Jo suchen könnten und wen sie noch fragen können. Immerhin hat Marie ein paar Postkarten von ihm, man könnte also die Städte abfahren, wo die Karten abgestempelt wurden. Aber wie sollten sie dahin kommen? Keiner ist 18, keiner hat ein Auto.

„Ich hätte ein Auto und einen Führerschein.“ Ich gucke in die Runde, um herauszufinden, wer das gesagt hat. Und stelle dann fest, dass ich es gewesen bin.“

So geht die Reise los, mit Marie und Can im altersschwachen und unklimatisierten Corsa der Ich-Erzählerin. Sie ist eine denkbar schlechte Autofahrerin, die am Anfang den Wagen an jeder Ampel abwürgt, die sich weigert, über die Autobahn zu fahren. Sie haben kaum einen Anhaltspunkt, wo Jo jetzt ist, und wenig Geld: Sarah Jäger schickt ihre jugendlichen Protagonisten auf eine schier aussichtslose Mission, sie sind einfach „scheiße vorbereitet“.

Auf so ein Abenteuer mit ganz ungewissem Ausgang lässt man sich nur ein, wenn man jung ist. Wenn man sich die langen Fahrzeiten im Auto mit witzigen Dialogen vertreibt, von Pavel die Sehenswürdigkeiten am Wegrand gemeldet bekommt – und sie auch ansteuert. Wenn alle, auch die, die zu Hause geblieben sind, ihre Fähigkeitenund Ideen einbringen, um Probleme auf der Reise schnell zu lösen. Um dabei nicht nur eine Reise durch Deutschland zu unternehmen, sondern auch eine durch die Schichten der Gesellschaft, so unvoreingenommen, wie es später, wenn alle älter sind, nicht mehr klappt. Und die Ich-Erzählerin nimmt uns dabei mit, erzählt im Präsens, unmittelbar, ohne Filter. Nur alles erzählt sie uns noch lange nicht.

So wie es Sarah Jäger gelingt, die Ich-Erzählerin und die anderen Protagonisten vom Hinterhof mit einigen wenigen Sätzen ganz lebendig vor dem Auge der Leserin erscheinen zu lassen, so gelingt ihr auch eine rasante Geschichte auf der Landstraße mit unerwarteten Wendungen und viel Witz. Aber eben auch mit den Themen, die ein Erwachsenwerden ausmacht: Freundschaft und Solidarität sind das und Verantwortung, die die die Figuren übernehmen, aus Sorge um den anderen und um einen eigenen großen Fehler wieder gut zu machen. Und für die Ich-Erzählerin mit ihrem unsinnigen Studium und dem despektierlichen Spitznamen geht es auch um ihre Identität:

„Ob Namen Realität schaffen oder Realität nur in Namen ausgedrückt wird. Oder ob Realität und Namen zwei Paar Schuhe sind. Die Realität ist ein Paar ausgelatschter Sneakers, an denen man nicht riechen sollte, und Namen sind High Heels, die den kleinen Zeh einklemmen und an der Hacke böse Blasen machen.“

Die Protagonisten, so jung sie sind, tragen schon jede Menge Last auf ihren Schultern: getrennte Eltern, ein verstorbener Bruder, ein Kind, prekäre wirtschaftliche Verhältnisse und die Aussicht, nicht viel mehr Chancen im Leben zu bekommen, als eine Karriere im Einzelhandel. Aber davon lassen sie sich nun in diesem heißen Sommer nicht entmutigen, sondern gehen die Suche von Jo und die sich bietenden Abenteuer mit viel Herz und Verstand und vor allem Gewitztheit an.

„Nach vorn, nach Süden“ ist eine gut ausbalancierte Geschichte, mit vielen verrückten Ideen, lustig, verrückt und skurril und auch nachdenklich, tragisch und melancholisch. Eine Geschichte, die auch den ganz erwachsenen Lesern noch einmal erzählt, wie es war als junge Erwachsene, mit den vorgeblich unendlichen Möglichkeiten, mit den Hoffnungen auf das kleine Glück und denkrichtigen Platz im Leben. Die Ich-Erzählerin jedenfalls geht dann doch richtig nach vorn. Sie beendet ihre Suche, macht ihren Fehler gut und findet ihren Platz im Hinterhof. Mit allem, was dazugehört.

Sarah Jäger (2020). Nach vorn, nach Süden, Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag

Petra Grimm, Tobias O. Keber, Oliver Zöllner (Hg.): Digitale Ethik. Leben in vernetzten Welten

Neben Sarah Spiekermann bieten auch die Autoren dieses Bandes einen Einblick in die Facetten der digitalen Ethik. Der Blick ins Inhaltsverzeichnis macht deutlich: Hier werden ganz konkrete Probleme verhandelt, die sich aus dem Einzug des Digitalen in mehr und mehr Lebensbereiche ergeben: Privatheit und Datenschutz, das selbstoptimierte Ich, Cyber-Mobbing, Arbeit 4.0 und die Frage der Haltung in der digitalisierten Welt, um nur einige zu nennen. Die Autorinnen und Autoren sind oder waren alle Mitarbeiter am Institut für digitale Ethik an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Dieses Buch, so schreiben sie einleitend, sei entstanden aus ihren Vorträgen und der Bitte der Zuhörer, die doch zum Nachlesen aufzuarbeiten.

Bevor sich die Autorinnen und Autoren den uns alle betreffenden Problemen zuwenden, entwickeln sie einen kurzen theoretischen Unterbau ihrer weiteren Erörterungen. So machen sie zum einen deutlich, dass ethische Fragen nur klären kann, wer über grundlegende Informationen der jeweiligen Sachverhalte und mögliche Konflikte, die aus ihnen erwachsen, verfügt. Auf dieser Grundlage erst können wir immer wieder neu über Normen und Werte verhandeln, können nur so Werte immer wieder neu justieren und festlegen.

Neben dieser sachkundigen Sicht auf die Digitalisierung, benötigen wir, so die Autoren weiter, Hilfestellungen, Maßstäbe und auch Methoden, um abwägen zu können, unter welchen Bedingungen und in welchem Maß wir uns auf die Digitalisierung einlassen können oder wollen. Hier stelle das analytische Instrumentarium der Ethik Angebote zur Verfügung, mit deren Hilfe wir Entscheidungen für unser Leben in einer immer digitalisierter Umwelt treffen können. Die Autoren nennen hier drei Ansätze einer ethischen Betrachtung:

Aus einer teleologischen Perspektive könne die digitale Ethik Antworten auf die Fragen geben, was die ursprüngliche Idee der Anwendung gewesen sei und welche Folgen diese Anwendungen in der Praxis habe. Diese Beurteilung aus der Sicht des Entwicklungsziels eines Programms, einer Innovation oder einer App lote somit die Kosten-Nutzen-Relation aus und gebe Hinweise zur Abschätzung der (finanziellen) Folgen. Wenn in der Altenpflege Roboter eingesetzt werden, dann sicher mit dem Ziel, die gleichen Pflegeleistungen zu erbringen wie Menschen. Dafür aber wesentlich kostengünstiger und somit positiv für die Gemeinschaft der Versicherten. Dass dem kranken oder alten Menschen hier der persönliche Kontakt und die menschliche Zuwendung verloren geht, rückt in den Hintergrund.

Eine zweite Betrachtungsweise erlaubt die deontologische Ethik. Hier werde aus der Perspektive der Pflicht beurteilt, ob die Entscheidung für eine digitale Anwendung oder für den Einsatz einer digitalen Leistung moralisch legitimiert werden kann. So kann, um auf das Beispiel des Pflegeroboters zurückzukommen, aus dieser Perspektive angeführt werden, dass einem kranken oder einem alten Menschen eben genauso solche Wertschätzung zustehe, wie einem gesunden. Und dass es einem Verstoß unserer Pflicht zur Humanität gleichkomme, ihn von einem seelenlosen Roboter zu pflegen.

Als eine dritte Beurteilungsmethode regt die tugendethische Betrachtungsweise uns dazu an, die Möglichkeiten des „guten Zusammenlebens“ mit Hilfe der digitalen Anwendungen zu erproben. Diese Art der ethischen Beurteilung stellt das gute und gelinge Leben, sowohl für den einzelnen als auch für die Gesellschaft, in den Vordergrund. Von diesem Standpunkt aus kann die Frage gestellt werden, ob uns der Einsatz eines Pflegeroboters geeignet erscheint, um ein wertvolles Miteinander auf der einen Seite und die Erhaltung der Würde des Pflegebedürftigen auf der anderen Seite zu fördern.

Nach diesen einleitenden Anmerkungen setzen sich verschiedene Autorinnen und Autoren mit ganz konkreten Problemen und Fragen der Digitalisierung in unserem Alltag auseinander. Sie erläutern das besonders schützenswerte Gut der Privatheit, indem sie aufzeigen, an welchen Stellen unsere privaten Daten entstehen und von digitalen Unternehmen genutzt werden. Ein Leben in Autonomie und Freiheit aber, so die Autoren, könne durch zu viel Zugang zu unseren privatesten Daten in verschiedenen Graden eingeschränkt werden.

Sie setzen sich mit Datenschutz und Überwachung auseinander, mit dem „zwanglosen Zwang“, immer online sein zu müssen, mit den verschiedenen digitalen Gadgets, die uns statt der Verbesserung von Gesundheit oder Fitness doch nur gängeln oder gar an sich ständig steigernden Zielen scheitern lassen. Sie zeigen die Probleme auf, die Fake News in demokratischen Gesellschaften anrichten, erläutern Formen der Online-Gewalt und die verschiedenen Facetten des Gamings.

Im letzten Drittel des Bandes wenden sich die Autoren komplexen Problemen zu, wenn sie sich mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI), mit den Veränderungen unserer Arbeit, der Arbeit 4.0, und unserer Mobilität – Stichwort „selbstfahrerende Autos“ – auseinandersetzen. Dass das letzte Kapital sich dann mit dem Thema der „Haltung“ beschäftigt, mit einer Haltung, die sich eben der Vorteile der Digitalisierung durchaus bewusst ist, die aber auch ihre Grenzen kennt und ihre Auswirkungen auf die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft, ist dann nur folgerichtig. Und so steht am Ende des Bandes, wofür die einzelnen vorangegangenen Beiträge auf die Folgen und Wirkungen der Digitalisierung schon ihre Beiträge geleistet haben, nämlich mit Hilfe dieser Haltung auch für unsere Zivilität einzustehen.

Wenn auch die diversen Beiträge verschiedene Aspekte der Digitalisierung beleuchten, wenn auch die Autoren versuchen, so konkret wie möglich zu sein, so kann der Band insgesamt so recht nicht überzeugen. Schon die als Grundlage dargelegten ethischen Betrachtungsweisen, die teleologische, die deontologische, die tugendethische Perspektive, sind äußerst knapp formuliert, sind soweit „didaktisch reduziert“, dass kaum noch die philosophischen Kernideen der Konzepte zu erkennen sind. Vor allem aber finden sie sich kaum mehr in den einzelnen Beiträgen wieder, um so eine auf diesen drei Grundlagen ethischer Herangehensweisen vertiefte Auseinandersetzung führen zu können. Das mag dem Erscheinen des Bandes in der Reihe „Kompaktwissen“ geschuldet zu sein, ist aber trotzdem schade.

Schade ist auch, dass dem vollmundigen Hinweis auf eine „narrative“ Ethik mit ihren Möglichkeiten, aus Geschichten lernen zu können, lediglich Textschnipsel aus Zeitungen folgen. Natürlich: die konkreten Beispiele machen die Probleme anschaulich, zeigen die Dilemmata am und im gelebten Leben auf. Als Leserin, die gewohnt ist, aus Geschichten – und ich meine hier explizit die fiktionalen Geschichten – auch ethische Fragestellungen ableiten und abwägen zu können, ist der Begriff in diesem hier verwendeten Zusammenhang doch ein wenig übertrieben.

Die einzelnen Beiträge sind in ihrer Qualität und inhaltlichen Tiefe wiederum sehr unterschiedlich. Manche der Beiträge scheinen mehr das Ziel zu haben, einen fachlichen Aufriss darlegen zu wollen, statt einen ethischen Diskurs anzuzetteln. Hier können Leserinnen und Leser, die sich noch nicht mit den Themen beschäftigt haben, einen zusammenfassenden Überblick bekommen. Andere Beiträge dagegen loten zumindest im Ansatz ethische Fragen aus. So ist der Band für Leserinnen und Leser, die an einer vertieften ethischen Auseinandersetzung Interesse haben, die auch lernen möchten, wie sich die Fragen der Digitalisierung aus den eingangs dargelegten philosophischen Perspektiven diskutieren lassen, kaum empfehlenswert.

Petra Grimm, Tobias O. Kerker, Oliver Zöllner (Hg.) (2019): Digitale Ethik.Leben in vernetzten Welten, Stuttgart, Reclam Verlag

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Die Reportage ist eine ganz besondere journalistische Textsorte. Damit die Leser bedeutsame Situationen miterleben und nachempfinden, damit sie das Gefühl haben, bei den Ereignissen mit vor Ort zu sein, dort zu sehen und hören, was passiert, wird der Reporter zu einem übermittelnden Medium. Er schreibt auf, was er am Schauplatz der wissenswerten und aufregenden, vielleicht auch erstaunlichen Vorgänge erlebt hat, er notiert, mit wem er gesprochen und was er beobachtet hat, er erzählt die Geschichte einer Betroffenen. Er übermittelt also die Situation so lebensnah wie möglich, mit dem Ziel, beim Leser ein „Kopfkino“ zum Laufen zu bringen.

Damit diese eine Situation, die hier für ein vertieftes Verständnis beim Leser sorgen soll, aber auch umfassend verstanden werden kann, bedarf es einer Einordnung der erzählten Szenen in einen faktenorientierten Hintergrund. Hier kommt also die journalistische Recherche zum Zug, hier werden Daten vermittelt, hier wird reflektiert und analysiert. Und es geht natürlich auch immer um die Frage nach der Wahrheit, der Überprüfbarkeit und der Echtheit – sowohl der erzählten Situation als auch der dazugehörenden Informationen.

Da löste der Spiegel im Dezember 2018 ein mittelschweres journalistisches Beben aus, als er mit der Nachricht an die Öffentlichkeit ging, dass einer seiner Reporter, der mit vielen Preisen ausgezeichnete Claas Relotius, es mit der Wahrheit und der Nachprüfbarkeit der Fakten nicht ernst genommen habe. Dass Relotius über Jahre hinweg die Redaktion und die Dokumentation, das ist die Abteilung, die die Inhalte der Reportagen überprüft, getäuscht habe. Dass vieler seiner Texte nicht auf wahren Begebenheiten beruhen, sondern mehr oder weniger ausgedachte Figuren oder Situationen enthalten.

Entdeckt hat diese Unwahrheiten in den Reportagen Claas Relotius´ der Spiegel-Kollege Juan Moreno. Der im November 2018, er war gerade wegen einer anderen Recherche in Mexiko, aus Hamburg den Auftrag erhielt, eine Geschichte aus dem Flüchtlingstreck durch Mexiko Richtung USA zu einer größeren Reportage beizusteuern. Den anderen Part solle Claas Relotius liefern, der in den Süden der USA, an die Grenze reisen würde, um dort Kontakt zu den Bürgerwehren aufzunehmen.

„Die Geschichte kann man machen, dachte ich. Ein klassischer Konflikt, Protagonist und Antagonist, um anhand von ihnen den großen Zusammenhang zu verdeutlichen. Mir gefiel gerade, dass sie erwartbar klang. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass solche Schreibtischplots meist in einem vollen Notizbuch enden, in dem die anfangs zurecht gelegten Klischees implodieren. Zwar kann man sich am Schreibtisch die Welt zusammenphantasieren, wie man will, doch irgendwann fährt man los und stellt fest, dass es ganz anders ist. Es ist unmöglich, zwei Wochen ernsthaft zu recherchieren und nichts Neues zu lernen.“

Auch wenn Moreno viel interessantere Menschen auf dem Treck sieht, „eine Gruppe guatemaltekische Drag-Queens“ beispielsweise, so kommt er dem ganz konkreten Auftrag seines Ressortleiters, Matthias Geyer, nach und sucht nach einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren Kindern reist. Er findet Aleyda aus Honduras und begleitet sie vier Tage. Dabei erzählt sie ihm, dass sie zu Hause abgehauen ist, weil ihr Mann trinkt und sie schlägt, weil sie hofft, bei einer ihrer Tanten in den USA eine Arbeit zu finden und ein besseres Leben.

Während Moreno das alles herausfindet und – mit aller Vorsicht, weil er nicht weiß, ob Aleyda die Wahrheit erzählt – im Notizbuch notiert, versucht Relotius in den USA an eine der Bürgerwehren heranzukommen. Es sei schwer, so mailt er immer wieder, zu einer solchen Gruppe Vertrauen aufzubauen, sodass die ihn dann mitnehme. Und auch Moreno hat so seine Vorbehalte, ob solch ein Kontakt sich in der kurzen Zeit, die die beiden mit Blick auf das geplante Erscheinungsdatum des Artikels zur Recherche haben, herstellen lässt. Immerhin ist er mit den Gruppen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze vertraut und kennt ihre Scheu vor Journalisten. Vorbehalte gegen eine Kooperation mit Relotius scheint er jetzt schon zu haben und spricht sie auch gegenüber seinem Chef an. Schließlich entschuldigt sich Moreno bei Geyer und schiebt seine Bedenken wegen der Kooperation auf seine gekränkte Eitelkeit.

Trotzdem: Es gibt zu viele denkwürdige Vorfälle im Prozess der Zusammenarbeit, die Moreno immer wieder überraschen, weil sie ihm einfach unglaubwürdig erscheinen. Dass Relotius dann doch so schnell einen Zugang zu einer Gruppe findet, dass die ihn nachts mitnimmt, ihn Bilder machen lässt, aber keinen professionellen Fotografen dabei haben wollen. Dass einer der Mitglieder der Gruppe, obwohl ein Journalist dabei  ist, einfach in die Wüste schießt, nicht wissend, ob die Bewegung, die eine der Überwachungskameras aufgenommen hat, von einem Tier oder einem Menschen stammt. Und nicht zuletzt ärgert er sich auch, wenn Relotius, der demnächst sein Chef werden wird und den Artikel federführend „zusammenschreibt“, ihm seine analysierenden und reflektierenden Passagen wegstreicht und ihn auffordert, mehr zu erzählen, näher an Aleyda und ihre Kinder zu rücken. Der Konflikt um die Sache vermischt sich also mit persönlichen Animositäten.

Moreno schreibt packend über den Verlauf seiner Nachforschungen, über seine Hinweise in die Spiegel-Redaktion, die ihm aber nicht abgenommen werden, über seine Reise in die USA, seine Interviews mit den vermeintlichen Protagonisten. Er erzählt über sich, seine Geschichte als Journalist mit spanischen Wurzeln in einer Redaktion mit Kolleginnen und Kollegen, die zumeist einem akademischen Milieu entstammen. Er erklärt seine Situation als fester Freier, dem wegen seiner Hinweise, Relotius´ habe bewusst getäuscht und gelogen, die sofortige Kündigung seines Vertrags angedroht wird. Er zitiert den Mitarbeiter aus der Dokumentation, der sagt, er würde auf jeden Fall Relotius glauben – und damit meint, dass Moreno die Unwahrheit sagt. Und zeichnet nach, wie es Relotius immer wieder gelingt, die Vorwürfe zu entkräften, den Spieß umzudrehen. Moreno schreibt also eine Reportage über den Fall Relotius. Der auch sein eigener ist, auch wenn er das nie wollte.

Die Geschichte um den Betrugsfall der Arbeiten von Claas Relotius ist, so im Zusammenhang gelesen, noch einmal spannend. Die immer wieder erfolgenden Einschübe, in denen Moreno Hintergründe über die Arbeit beim Spiegel darstellt oder die Reaktionen von Relotius und seinen Chefs im Detail darlegt, machen die ganze komplexe Geschichte erfahrbar. Es wird hier auch noch einmal sehr deutlich, in welche Gefahr sich Whistleblower begeben. Natürlich, denn bis ein Hinweis auch tatsächlich bewiesen ist, kann es sich ja schließlich auch um üble Nachrede handeln, um Denunziation.

Moreno reflektiert zum Schluss seiner Geschichte aber auch über die Aufgaben des Journalismus in Zeiten von Fake News und über die Reportage und die Anforderungen an nachweisbare Fakten. Und hier liest sich sein Buch als flammendes Plädoyer für einen Journalismus, der sich – natürlich – am Ort des Geschehens umschaut und dem Leser seine Erfahrungen nahe bringt. Der dann auch wertet, deutet und interpretiert, der einordnet und Schlüsse zieht. Weil jeder Internetnutzer die reine Information jederzeit erhalten kann. Um die Information aber einordnen zu können, um sie werten zu können, braucht er den Journalisten, der diese Einordnung mitliefert. All das aber muss auf Tatsachen beruhen, auf Fakten, die überprüfbar sind. Es ist anzunehmen, dass Moreno beim Niederschreiben seiner Story diese Anforderungen an eine „gute“ Reportage umgesetzt hat.

Natürlich hat Relotius Moreno verklagt, ungefähr 20 Textstellen seien falsch. Die meisten scheinen eher unwichtiger Natur zu sein. Es wäre wirklich schade, wenn Moreno bei seiner engagierten Aufarbeitung schwerwiegende Fehler passiert wären. Wegen des Auftrags, den der Journalismus hat, wegen seiner großen Bedeutung bei gleichzeitig schwindenden Geldquellen. Und weil Moreno sich in seinem Buch ja genau für diesen Journalismus so einsetzt.
Juan Moreno (2019): Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus, Berlin, rowohlt Berlin

Artikel zur Reaktion Relotius´ auf Morenoas Buch findet ihr hier und hier

Den Abschlussbericht des Spiegel zur Relotius-Affäre könnt ihr hier lesen.

Ulrike Draesner: Kanalschwimmer

Die Fakten sind denkbar klar: Die Luftlinie zwischen Dover und Calais beträgt ca. 32 km, doch wer den Kanal schwimmend durchquert, legt wegen der starken Strömung und der Gezeiten oft eine längere Strecke zurück. Dabei gilt: Je schwächer der Schwimmer ist, desto mehr wird er abgetrieben und desto länger wird die Strecke. Und das bei Wassertemperaturen selbst im Hochsommer von ca 17 Grad. Dabei wird ein Swim nur gewertet, wenn man ihn so bewältigt, wie es der Pionier dieses Langstreckenschwimmens, Captain Matthew Webb, 1875 vorgemacht hat, nämlich mit Badehose oder Badeanzug, Schwimmbrille und Schwimmhaube, alle anderen Hilfsmittel sind tabu. Ein Mitglied eines der Verbände, der die Überquerung festhält und protokolliert – und der Versicherung gegenüber im Fall der Fälle erklärt, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist – sitzt im Beiboot. Das wird gesteuert von einem „Piloten“, dieser hier heißt Brendan, der dafür sorgt, dass der Schwimmer regelmäßig isst und trinkt, der darauf achtet, nicht in die Fahrrinne der Schiffe zu gelangen und der seinen Schützling im Falle einer totalen Erschöpfung frühzeitig aus dem Wasser holt.

Was treibt, so fragt man sich recht ratlos, die Menschen an, die sich auf diese Tortur einlassen. Die unfassbare 15, 19 oder gar 25 Stunden schwimmend diesen Kanal durchqueren, zusammen mit unzähligen Frachtschiffen und Fähren, vom Müll in der Zone Z mal ganz abgesehen? Bei Charles, dem Anfang 60-jährigen Protagonisten, einem Biochemie-Professor, mag es ein Lebenstraum gewesen sein, denn er schwimmt schon im Verein, seit er ein kleiner Junge ist, angetrieben von der Liebe zur See, die sein Großvater ihm mitgegeben hat. Bisher aber hat Charles keine Anstrengungen unternommen, sich auf die lange Strecke vorzubereiten. Nun aber, nun da Maude, seine Ehefrau seit fast vierzig Jahren, erst aus Düsseldorf nach London zurückkehren wollte und ihm dann dort noch eröffnet hat, dass sie das schöne viktorianische Haus auch mit Silas, dem Freund seit Jugendtagen, teilen möchte, nun macht er sein Vorhaben einer Ärmelkanaldurchquerung wahr.

Ein Jahr lang, in dem er das Haus in London weitestgehend meidet, bereitet er sich in Oxford, wo er wieder an der Uni lehrt und auch wohnt, vor. Er engagiert einen Coach, härtet sich den Winter über frühmorgens vor der Arbeit im kalten Flusswasser der Isis, so heißt hier die Themse, ab, eine viertel Stunde schwimmt er zuerst, dann eine halbe, später eine ganze Stunde. Er isst so viel, dass er trotz des Trainings 8 kg zunimmt, eine Fettschicht gegen die Kälte, so wie die Robben sie haben.

Mit Brendan spricht er am Tag vor seinem Swim. Der gibt ihm letzte Hinweise. Vor allem aber legt er ihm eine Liste vor mit den Namen derjenigen, die die Kanaldurchquerung in den letzten Jahren nicht überlebt haben. Und noch etwas anderes zeigt ihm die Liste: Die letzte Meile ist die heikelste. Brendan spricht mit Charles auch über die große Enttäuschung, wenn es nicht klappt. Denn damit müsse jeder rechnen. Charles aber denkt längst daran, wie es losgehen wird am nächsten Morgen:

„Ihn im Schlepptau, würden sie ausfahren. Die Klippen fast durchsichtig in der Morgendämmerung. Richtung Südosten Schlitze im Firmament von körnigem Blaugrau. Brendan würde entscheiden, ob Charles´ Versuch stattfand. Last-minute-Nachrichten, Wetterkontrollen auf www.windy.com.

 Ihn im Schlepptau. So sähe das aus. In Wirklichkeit wären sie durch nichts miteinander verbunden.

Antwortetet man dem Piloten nicht oder trat man nur auf der Stelle, zog die Crew einen heraus. Das Recht auf eine eigene Entscheidung gab man ab. Das Recht auf Gegenwehr.

Wann brach eine Zukunft zusammen?

Wann entschied sich, dass ein Wunsch sich nie erfüllen würde?“

Doppeldeutig sind seine Überlegungen. Denn es ist nicht nur die Entscheidung, ob er den Kanal schwimmend durchmessen wird, die er an den Piloten abgibt. Auch die Entscheidung darüber, wie er in Zukunft leben wird, hat längst eine andere getroffen. Es ist Maud, die sich entschieden hat und die damit auch über seine Zukunft bestimmt. Charles, dem offensichtlich bisher alles so einfach gelang, die viele Jahre währende Ehe mit Maud, eine Tochter, die Professur in Düsseldorf, dann in Oxford, ist nun die Zukunft zusammengebrochen. Mehrfach wiederholt er diesen Satz. Immerhin: Er hat mit strenger Disziplin sein Schwimmprojekt vorangetrieben, hat seinen Körper und seinen Geist auf die stundenlange Prozedur vorbereitet, hat hier – wenigstens – die volle Kontrolle gehabt.

Es könnte eine langatmig-ermüdende Lektüre werden, Charles bei seinen Armzügen zu begleiten: „Eintauchen, Armzug, Armzug, Armzug etc. Auf sechs hoch, Luft“. Ist es aber nicht. Denn Ulrike Draesner findet in Charles Innen- und Außenwelt so vieles Bemerkenswertes, weiß die beiden Ebenen so geschickt zueinander in Beziehung zu setzen, dass hier gleich mehrere Spannungsbögen entstehen, Cliffhanger inklusive. Denn da ist ja zunächst die Frage, ob Charles es bis auf den französischen Strand schafft, ob er seinen Traum umsetzen kann oder Brendan, der Menschenfischer, ihn irgendwann aus dem Wasser herauszieht.

Dann ist da ja auch noch die Frage, wie es weitergehen soll im viktorianischen Haus mit Maud und Silas und Charles. Während er schwimmt, durchlebt Charles noch einmal die Sommer in den 1970er Jahren, als er mit Silas auf Sylt die Ferien verbrachte und sie dort die Schwestern Abigail und Maud kennenlernten und sich schnell zwei Paare bildeten: Charles und Abigail, Silas und Maud. Und er denkt nach über einen Brief, den er damals Maud geschrieben hat und der eine Lüge enthielt, „Sein Lügenbrief. Nein. Sein Liebes-Lügenbrief. Sein Liebesbrief. Mit Notlüge.“

Langatmig und ermüdend wird es aber eben auch nicht, weil hier Ulrike Draesner erzählt, die Lyrikerin, die in ihren Text Sprachbilder hinein webt und so der Leserin einen ganz neuen Blick auf die Natur vermittelt. Da gibt es den Bereich der „stillen See“, wenn die Wellen in sich zusammenfallen und sich das Wasser „entspannt“, da gibt es ein „Sausen, unendlich flach, das sich strudelteigdünn ausbreitet zwischen der flüssigen Weite und der über ihr stehenden Luft“, da rollen, kurz vor einem Gewitter, „graugrüne Zäune über den Himmel, im Kanal flackerten silberne Striemen.“ Charles´ Blick, schon im Londoner Haus in der Souterrain-Küche, eingeschränkt durch die bewachsene Böschung vor dem Küchenfenster, lässt ihm auch hier, beim Schwimmen und beim abwechselnden Blick nach rechts und links, seine Umgebung nicht vollständig wahrnehmen, sondern ermöglicht immer kurze Blicke, Blitzlichtern gleich, auf seine äußere Umwelt. So wie Charles der unverstellt freie Blick auf seine äußere Umgebung fehlt, so fehlt ihm eben auch der „Durchblick“ in seiner inneren Welt.

Und dann ist da auch noch die Kälte, die ihn beim Schwimmen begleitet, ihm manchmal gar wie Hitze vorkommt, und die auf einer anderen Deutungsebene dafür steht, dass seine Beziehungen zu Maud, zu Abigail und zu Silas kalt sind, auf Rationalität und Funktionalität gebaut. Überhaupt sind es eine Handvoll Motive, die der „Kanalschwimmer“ immer wieder aufgreift: das Meer als Ursprungsort allen Lebens, die Nordsee mit ihren Fossilien tief unten am Boden, die Wale, die Charles im Naturkundemuseum in Oxford betrachtet hat, dann ja auch Ahab, der im Meer den Wal besiegen wollte – und Odysseus, der die Meere bereist hat, bis ihn zu Hause niemand mehr erkannte.

 Trotz all dieser literarischen Bezüge und auch wenn Charles´ Leben und seine Beziehungen ein bisschen blutleer wirken: die kunstvolle Verbindung der existentiellen Schwimmerfahrung mit einer ganz ausgefallenen Naturbeschreibung, das Hin und Her zwischen Charles´ innerem und äußerem Erleben und vor allem die Frage, ob er an der französischen Küste ankommt, das alles macht diesen knappen Roman zu einer außergewöhnlichen Lektüre. Die aber, dies sei hier explizit erwähnt, keineswegs dazu motiviert, es Charles nachtun zu wollen.

Ulrike Draesner (2019): Kanalschwimmer, Hamburg, Mare Verlag

Zur Besprechung des Romans bei Literatur leuchtet geht es hier entlang.

Isabel Bogdan: Laufen

Wer durch den Band „Die Philosophie des Laufens“ blättert, der wird dort zwischen Überlegungen zum Laufen mit Sokrates, Aristoteles, Platon und Kant, den Reflexionen über die Veränderungen von Physis und Psyche auf dem Weg zum Läufer und den kritischen Betrachtungen zum Laufen als Instrument der Selbstoptimierung auch einen Beitrag von Isabel Bogdan finden. Darin erzählt sie über ihre sehr leichtfertige Anmeldung zum Alster-Lauf, genau einen Monat, bevor der Lauf startet. Ein Monat bleibt also nur für das Training, denn sie läuft zwar, hat aber noch nie 10 Kilometer hinter sich gebracht.

Den Roman „Laufen“ schreibt also eine Autorin, die sich auskennt mit dem Laufen, mit der Überwindung des inneren Schweinehundes, der immer wichtige Argumente ins Feld führt, um sich nicht auf den Weg machen zu müssen. Die um die Anstrengungen weiß und die Verlockungen des Aufgebens, die aber auch den Stolz und die Zufriedenheit kennt, wenn sie den Laufparcours bewältigt hat. Und die sich auskennt mit dem, was sich da beim gleichmäßigen Trab über die Straßen, durch die Parks und an der Alster entlang alles im Kopf abspielen kann.

Isabel Bogdan schickt also ihre namenlose Ich-Erzählerin zum Laufen und die muss schon auf den ersten Metern mit den Strapazen des Loslaufens kämpfens:

„Ich kann nicht mehr. Das ist natürlich Quatsch, ich bin gerade erst losgelaufen, aber schon an der Ampel glaube ich, ich kann nicht mehr, nach nicht mal hundert Metern. Meine Beine sind wie Sandsäcke, bin ich wirklich jemals länger gelaufen? Lange her. Vielleicht fällt mir ein Grund ein, warum ich doch nicht laufen kann, warum ich jetzt sofort umkehren muss, obwohl heute der beste Tag ist, um wieder mit dem Laufen anzufangen, Laufen ist mit Sicherheit gut, außer dass ich nicht mehr kann, vielleicht ist heute aber auch gar nicht der beste, sondern der schlechteste Tag. Regnet es?“

Es ist den aneinandergereihten Sätzen anzumerken, wie atemlos die Läuferin von diesen ersten Schritten der ungewohnten Bewegung ist. Immer wieder wiederholt sie leise für sich den Atemrhythmus: „Ein ein aus aus aus.“ Und mitfühlend, und ein bisschen lächelnd wegen dieses inneren Kampfes, laufen wir Leser mit der Läuferin dann weiter. Wir hören ihr bei ihren Überlegungen über die richtige Laufkleidung zu, spüren ihren knackenden Fuß und begleiten sie Stück für Stück, vom Grünstreifen zur Laterne, von der Laterne bis zur Hecke und so weiter. Schnell bleibt uns aber das Lächeln über die Tücken der körperlichen Anstrengung im Hals stecken, denn hier läuft ganz offensichtlich eine los, die eine ganz andere Last trägt, als die des ersten Laufens seit ein paar Jahren. Hier hadert eine nicht nur mit der Qual der Anstrengung, sondern mit einem anderen, wesentlich schwerer wiegenden Ereignis. Denn es ist, wir werden es sehr viel später erst lesen, heute, am Tag ihres ersten Laufens, der erste Todestag ihres Mannes.

Und dabei darf sie ihn im offiziellen Wortlaut nicht einmal ihren Mann nennen, sich selbst nicht Witwe. Für ihre Situation fehlt es schlicht an einem passenden Wort, „ledig“ ist sie ja nun schon gar nicht. Aber verheiratet gewesen sind sie eben nicht, hatten einen nicht existententen Status vor Recht und Gesetz. Das sehen auch ihre Schwiegereltern so, die sie als Freundin des Sohnes nie akzeptiert und respektiert haben. Statt einem handfesten Beruf, wie der Sohn, der eine Oldtimer-Werkstatt führte, spielt die Läuferin Bratsche in einem Orchester. Das ist doch kein Beruf, ein Hobby höchstens.

Die Schwiegereltern haben dann auch die Entscheidungen getroffen, über den Ablauf der Beerdigung, über den Friedhof, auch über die Musik, die gespielt wird:

„(…) sie sind gar nicht auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich auf der Beerdigung spielen möchte, das hätte ich auch gar nicht gekommt, aber ich hätte gewusst, welche Musik du hättest hören wollen, und ich hätte die anderen aus meinem Quartett fragen können, ob sie etwas spielen, und Bettina, ob sie singt, aber das wollten sie alles nicht und ich war zu gelähmt, um mich durchzusetzen und deshalb hast du eine Spießerbeerdigung bekommen.“

Seine Sachen haben die Eltern auch abgeholt, seine Kleidung aus dem Schrank gesucht und in Kisten verpackt, die Hälfte der Möbel mitgenommen, sich bei jeder Tasse, jedem Buch und jeder CD erklären lassen, ob sie ihrem Sohn gehört habe oder ihr. Seinen Laptop haben sie ihr nur kurz gelassen, damit sie Bilder und Musik herunterladen konnte. Und das Auto, einen Buckelvolvo, haben sie auch gleich mitgenommen.

Zum Ärger über seine Eltern kommen die Schuldgefühle hinzu. Denn ihr Mann ist depressiv gewesen und hat sich selbst getötet. Nun fragt sie sich natürlich, was sie hätte anders machen können, wo sie hätte helfen können, ob sie nicht doch hätte erkennen müssen, welchen bitteren Entschluss er gefasst hat. Wahrscheinlich gerade zu der Zeit, als sie den Eindruck hatte, dass es ihm wieder besser geht. So sind ihre Gefühle ein stetes auf und ab: Einmal erinnert sie sich an die schönen Momente , dann wieder ist sie wütend auf ihn oder verzweifelt, weil sie nicht weiß, wie es weitergehen soll. Weil er sie allein gelassen hat, weil sie ihn vermisst, sogar in der neuen Wohnung, in der er ja nie gewesen ist.

Ein Jahr, so sagt man, dauere das Trauerjahr. Die Erzählerin aber macht deutlich, dass es wesentlich länger dauert nach solch einem dramatischen Ereignis, in ein eigenes Leben zurückzufinden. Das schafft sie während dieses Jahres, in dem wir sie monatlich einmal bei ihrem Laufen begleiten. Und dabei miterleben, wie der Prozess, selbst wieder Boden unter die Füße zu bekommen, quasi die Lähmung des Schocks zu überwinden, voranschreitet. So wie sie ihre Fitness trainiert und weniger kurzatmig ist, so werden ihre Sätze ruhiger, ihre Überlegungen differenzierter. Bis sie ihren inneren Monolog nicht mehr an ein „du“ adressiert, sondern über ein „er“ reflektieren kann. Bis sie nicht mehr in seinen Schlafanzügen schläft, ein neues Bett kauft, sich mehr und mehr freut, wenn sie mit den Musikern ihres Quartetts übt, bis sie ein neues Soloprogramm auf die Füße stellt. Bis ihre beste Freundin Rike sie zum Alsterlauf anmeldet. Obwohl sie doch noch nie 10 Kilometer gelaufen ist.

Der Lauf ist so, wie Isabel Bogdan ihre eigenen Erlebnisse in der „Philosophie des Laufens“ erzählt hat. Wie sie selbst läuft ihre Ich-Erzählerin erst schwerfällig, dann beschwingt – angespornt von den Trommeln einer Zuschauergruppe, den Anfeuerungen der Zuschauer – um sich dann die letzten Kilometer richtig erarbeiten zu müssen. Isabel Bogdan wird am Ziel von ihrem Mann in Empfang genommen. Die Ich-Erzählerin sucht in der Menge der Zieleinläufer nach dem Mann, den sie schon einmal beim Training getroffen, mit dem sie am Ende ein Eis gegessen hat.

Die Läuferin erobert sich im zweiten Trauerjahr laufend ein Stück eigenes Leben zurück. Deshalb ist Bogdans Roman keine nur traurige Angelegenheit. Sondern eine ungemein kraftvolle und eine lebensbejahende. So, wie sie sich schon beim ersten Lauf nicht aufs Aufgeben einlässt, so kämpft sich die Ich-Erzählerin durch ihre unterschiedlichen Gefühle und ringt darum, eine Distanz zu ihren Erlebnissen zu bekommen. Und dabei hat sie zuweilen auch einen wunderbar frechen und (selbst-)ironischen Blick auf die Dinge.

Michael W. Austin weist in seinem Vorwort in der „Philosophie des Laufens“ darauf hin, dass das lateinische Wort „diskursus“ „umherlaufen“ bedeutet. Und der philosophische „Diskurs“ wird auch als hin und her gehendes Gespräch verstanden. Da haben Läufer und Philosophen, so fährt Austin fort, schon eine Gemeinsamkeit. Und über die „großen Fragen des Lebens“ – „Wie soll ich leben?“, „Was ist wahres Glück“ – sinniert auch Bogdans Ich-Erzählerin. So ist auch ihr Umherlaufen nicht nur ein physischer Vorgang, sondern stiftet eben auch an zu philosophischen Betrachtungen.

Isabel Bogdan (2019): Laufen, Köln, Verlag Kiepenheuer & Witsch

M.W. Austen, P. Reichenbach (Hg.) (2015): Die Philosophie des Laufens, mairisch Verlag

Zu Isabel Bogdans Homepage geht es hier entlang.

Sarah Spiekermann: Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite www.bingereader.org in der Rubrik „Women in Science„. Dort sind viele weitere interessante Artikel über Frauen und ihre Forschungen zusammengetragen. Also: Unbedingt vorbeischeuen!

In ihren Seminaren zum Thema Innovationsmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien stellt Sarah Spiekermann ihre Studierenden vor die Aufgabe, eine Produkt-Roadmap für den fiktiven Lieferdienst FoodIS, dessen Geschäftsmodell an denen von Foodora und Deliveroo angelehnt ist, zu erstellen. Hier setzen die Studierenden um, was sie gelernt haben, wenn sie die technischen Raffinessen eines selbstlernenden, eines intelligenten Systems mit Blick auf die verschiedenen Nutzer – die Kunden, die Restaurants und Fahrradkuriere, den Betreiber der App – erarbeiten und darlegen. Sie denken daran, dass die Handy-App den Kurieren immer den schnellsten Weg weist, über ihre Ortung aber auch erkannt werden kann, wie lange sie Pausen machen. Sie wollen eine App entwickeln, die Aufträge mit einer nach einem Menschen klingenden Stimme weitergibt und sie so bearbeitet und bündelt, dass eine hohe Effizienz entsteht. Und weil sie im Seminar von Sarah Spiekermann sitzen, denken die Studenten auch daran, Werte wie Datensicherheit und Privatheit mit einzubinden.

Aber, so erklärt die Autorin, die Studierenden überlegen nicht eine Sekunde, ob solch eine App überhaupt nötig ist. Ob Digitalisierung wirklich immer sofort eine bessere Lösung erzielt, „weil technische Entwicklungen schlichtweg die Zukunft sind“. Und sie denken überhaupt gar nicht – und das haben eigene Erfahrungen mit einer ähnlichen Aufgabenstellung gezeigt – darüber nach, welche Folgen diese digitalen Leistungen haben, wiederum für die Kunden, die Fahrradkuriere, die Mitarbeiter der App, wenn sie nämlich zu Services ohne Wert, ja, ohne Herz werden.

Mit ihrem Fallbeispiel zielt Sarah Spiekermann ins Herz einer Debatte, die sie in ihrem Buch vor allem mit Blick auf die technische Entwicklung führt  – die aber ebenso für unser Wirtschaftsgeschehen insgesamt geführt werden sollte. Indem sie mit ihren Studenten zu einem gedanklichen Ausflug in die Welt der Philosophie startet, indem sie mit ihnen die Frage vom „guten Handeln“ auslotet und Einblicke in die Diskussion um Werte gewährt, ermöglicht sie ihren Studenten einen anderen Blick auf die ursprüngliche Aufgabenstellung. Die dann, in einem zweiten Durchgang, sehr viel mehr kreatives Potenzial und entsprechend auch mehr Lösungsvorschläge für die Konzeption einer Liefer-App einbringen: „Was jedoch eine solche kurze Einführung in die Ethik zu kreativen und menschenfreundlichen Ideen für den Innovationsprozess bewirken kann, hat selbst mich überrascht.“

So ist es Sarah Spiekermanns erklärtes Ziel, den digitalen Entwicklungsprozess, der ja unausweichlich sein wird, durch eine werteorientiertes Debatte zu begleiten. Nicht, wie sie schreibt, um den Unternehmen ein „ethisches Feigenblatt“ zu gewähren, nicht, um ihnen zu zeigen, wie sie „noch mehr Geld mit der Digitalisierung machen können“, sondern um „besser und weiser“ diese Entwicklungen zu steuern: „Meine Zielfunktion ist also nicht das Geld. Meine Zielfunktion ist ein gutes Leben, die Eudaimonia, bei der das Geld nur eine Randbedingung ist.“

Dass sich mit dieser Haltung, nämlich werthaltige (digitale) Produkte zu erstellen und anzubieten, durchaus auch Geld verdienen lässt, hat schon Michael Porter 1980 mit seinem Modell zur Wettbewerbsstrategie und der Strategie der Qualitätsführerschaft, herausgestellt.

Sarah Spiekermann hat das „digitale Fieber“ 1996 gepackt, als sie – mehr aus Zufall – einen Praktikumsplatz bei 3com im Silicon-Valley antrat. 3com galt damals als Marktführer von Netzwerktechnologien, war mit seinen Produkten einer der Pioniere beim Aufbau der ersten Datenautobahnen. Sie verstand erst nicht, was die blinken Plastikplatten ermöglichten, doch dann holte sie nach, was die Welt der IT ausmacht. Und blieb auch nach dem Studium voller Begeisterung und Enthusiasmus in der IT-Welt, promovierte in diesem Bereich auch.

Doch dann kam der 11.9.2001, den sie als Wendepunkt in ihrem Blick auf die Entwicklung des Internets betrachtet. Ihr schwirrten Ideen durch den Kopf, wie Künstliche Intelligenz geschaffen werden könnte, wie KI die Menschen tagtäglich unterstützen, wie die Kommunikation und der Umgang mit ihr gestaltet werden könnte. Ihr Stipendium für ein Forschungsjahr in Berkeley wurde nicht genehmigt, weil ihre Forschungsfrage plötzlich obsolet war. Sie wollte darüber forschen, wie der Wert der digitalen Privatheit zu erreichen sei, wenn KI zu unseren alltäglichen Begleiter wird. Tatsächlich aber zeigte sich nach den Anschlägen in New York, dass das Internet genutzt wurde, um die Täter zu identifizieren. Die amerikanische Regierung gründete das Department of Homeland Security und brachte fast über Nacht den Patriot Act durch das Parlament. Nun konnten die Behörden ihren Bürgern auch ohne richterlichen Beschluss auf ihren digitalen Spuren im Internet folgen: „Der Wert der Privatheit schien durch die Ereignisse des 11. September erloschen.“

Seit dieser Zeit wohl treibt Sarah Spiekermann die Frage nach einem Konzept von digitaler Ethik um. Um die gesellschaftlichen Folgen der einen oder anderen Fehlentwicklung im Umgang mit Daten analysieren und auch die Konzeption von Programmen kritisch auszuloten arbeitet und forscht Sarah Spiekermann derzeit am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre fachlichen Kenntnisse der Informatik kann sie nun ergänzen durch ihre Suche nach philosophischen Fragestellungen und Denkansätzen, die zu einem anderen Verständnis des Einsatzes der Technik führen können.

Diesem zweifachen Ansatz folgt sie auch in ihrem Buch zur digitalen Ethik. Indem sie nämlich zunächst einmal die verschiedenen Besonderheiten der digitalen Güter beschreibt und analysiert. Hier spricht sie von der „Big-Data-Illusion“, weil die komplexe reale Welt eben auch durch die beste Datenanalyse nicht abgebildet werden könne. Hier weist sie auf die „Fehleranfälligkeit des Digitalen“ hin, weil der Code Fehler hat und für Fehleranalysen oft keine Zeit bleibt, weil der Code nicht über genügend Daten verfügt – oder sich schlicht ein Hacker seiner bemächtigt hat. Hier setzt sie sich damit auseinander, wie schnell wir uns in die digitalen Welten „verstricken“ lassen und durch die Aufmerksamkeit, die wir eher unseren digitalen Geräten und den darauf eingehenden Push-Nachrichten schenken zu „seichten“ Persönlichkeiten werden können. Mit der Forderung nach einer besonders ausgeprägten Bildung im Umgang mit der Technik versucht sie, Fehlentwicklungen einzuhegen.

Forscht sie einmal den Charakteristika des Digitalen im Detail nach, so weitet sie im nächsten Kapitel den Blick und betrachtet die Geschichte des Fortschrittsdenkens über die letzten 900 Jahre. Lange galt das „klassische“ Streben nach dem „persönlichen Fortschritt“ als Ideal der menschlichen Entwicklung, die Suche nach einem kultivierten Leben, die Suche nach dem Glück, die „Sorge um sich“. Erst im Hochmittelalter änderte sich diese Sicht langsam, festzumachen am Begriff des „Fortschreitens“, den Albertus Magnus (1200 – 1280) erstmals nutzte, als er davon sprach, dass wir nach Weisheit streben und uns dabei von dem, was bereits bekannt oder erfunden ist „fortschreiten“.

Dass das Neue gerne als das Bessere angesehen wird, das weist Spiekermann nach in den Schriften der Philosophen, Erfinder und Wissenschaftler der kommenden Jahrhunderte, in der immer deutlicher werdenden wissenschaftlichen Entwicklung weg von der Philosophie hin zu Mathematik und Naturwissenschaften und damit zu einem Denken in Modellen. Ja, bis hin zu der Vorstellung, dass sich die Zukunft prognostizieren lasse, wenn man nur die Vergangenheit kenne (Condorcet, 1793). Damit sind wir bei den heute gängigen Prognose- und Wachstumsmodellen, die sich durch die Vielzahl der jetzt vorliegenden Daten und Algorithmen noch viel schneller, einfacher und vermeintlich besser berechnen lassen. Dass das eben nicht klappt, dass sich daraus geradezu erschreckende Fehlentscheidungen ergeben können, das weist Spiekermann an der seit sieben Jahren plötzlich, unerwartet und überhaupt nicht prognostizierten Steigerung der Geburtenzahlen nach – und den daraus folgenden fehlenden Kita-Plätzen und Schulangeboten. Trotzdem: Die Idee, dass das Neue immer besser ist als das Alte und dass die neue Technik so viel zu leisten vermag als der Mensch, das ist in unserem Denken fest verankert. Und führt, zumindest bei denjenigen, die dieser Idee anhängen, den Transhumanisten, dazu, den Menschen als durch Maschinen zu optimierendes Wesen anzusehen.

Dem stellt Spiekermann ihren Ansatz der digitalen Ethik entgegen und fordert alle Beteiligten dazu auf, Werte zu leben. Die „Kunst des Weglassens“ könnte zum Beispiel eingesetzt werden, um den Wert der Gesundheit zu stärken. Dann nämlich, wenn gesammelte Gesundheitsdaten nicht weiter verkauft werden, sondern alleine der wissenschaftlichen Forschung dienen. In dieser Form setzt sich die Autorin mit weiteren Werten auseinander, mit den Werten des Wissens und der Freiheit. Gerade bei diesen Argumentationen in den abschließenden Kapiteln macht Sarah Spiekermann deutlich, welche Chancen in der Digitalisierung liegen, wenn ihre Nutzung werteorientiert ist und der Mensch zum Zielpunkt ihres Einsatzes wird.

Vermutlich werden die digitalen Güter, die Werte beinhalten, einen höheren Preis haben, als diejenigen, die Privatheit und Freiheit beispielsweise nicht berücksichtigen, so dass Werte eben nur den Nutzern zugänglich sein werden, die sie sich leisten können. Vielleicht erscheint die eine oder andere Forderung Spiekermanns auch unrealistisch, wenn sie vom „Willen zum Guten spricht“, vom „guten Leben“, von der gelungenen Lebensführung. Und fordert, dass Werte eben nicht durch „finanzielle Anreize“ eingeschränkt werden dürfen. Welche Anbieter werden sich an diese hehren Ziele halten? Welche werden tatsächlich werthaltige digitale Dienste für alle anbieten und ihr Angebot nicht nach Preisen differenzieren? Trotzdem: „Digitale Ethik“ ist ein ungemein anregendes und vielschichtiges – und nebenbei auch noch gut verständlich geschriebenes – Buch darüber, wie das Verhältnis von Mensch und IT in Zukunft sein könnte. Ein Buch, das die losen wissenschaftlichen Fäden vom technischen Fortschritt und von den Werten wieder zusammenbringt.

Sarah Spiekermann (2019): Digitale Ethik. Das Wertesystem für das 21. Jahrhundert, München, Droemer/Knaur

Wer mag, kann sich hier und hier über die Autorin informieren und sie in Videos auch als Sprecherin bei Konferenzen sehen.

Fast schon das Ende des Jahres: Mein Lesejahr 2019

Wenn ich mein Lesejahr Revue passieren lasse, dann lassen sich zunächst einmal paar Zahlen festhalten: Gelesen habe ich zwar ein paar Bücher mehr, auf dem Blog berichtet habe ich jedoch nur über 20 Romane und Sachbücher: Der ganz normale Alltag hat wohl in diesem Jahr mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich gedacht hätte. Wenn ich den kommenden Artikel zur „Digitalen Ethik“ von Sarah Spiekermann mitrechne, dann ist mit 10:10 die Geschlechterverteilung meiner Lektüren – ohne dass ich es darauf angelegt hätte – ausgeglichen. Und aus den Indie-Verlagen stammen immerhin auch 9 Titel.

Ein neuer Leseschwerpunkt hat sich auf dem Blog ergeben, weil ich neugierig bin, wie die Digitalisierung in die Erzählungen einzieht, wie die Wissenschaft sich damit auseinander setzt. In der fiktionalen Literatur wird die Digitalisierung bisher eher als Dystopie erzählt, dann, wenn ein problematischer Aspekt in die Zukunft fortgeschrieben wird. Aber es gibt ja auch auch Berit Glanz´ „Pixeltänzer“ , einen Roman aus der Gegenwart, der das Widerstandspotential der Digitalisierung und der dazu gehörenden Arbeitsprozesse auf spannende Weise auslotet.

Und was ist sonst noch in Erinnerung vom Lesejahr 2019? Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ habe ich zu Beginn des Jahres gelesen, die Diskussion in meinem Literaturkreis ist sehr kontrovers ausgefallen. Den Preis der Leipziger Buchmesse hat sie dann im März bekommen. Den deutschen Buchpreis zur Frankfurter Buchmesse erhielt Saša Stanišić mit „Herkunft“, ein Buch, das hier noch im Regal der ungelesenen Bücher steht (ja, es gibt tatsächlich ein Regal der ungelesenen Bücher, allerdings eines mit Freiflächen, auf dem auch Bücher mit schönen Covern zur Zierde ausgestellt werden können :-). Und das ist seit der letzten Woche auch tipp-topp sortiert, auch wenn es Unkenrufen nach so leicht nicht geht). Von der Shortlist habe ich nur Norbert Scheuers „Winterbienen“ gelesen (vielleicht kommt dazu noch ein Beitrag), ein Roman, der mich sehr beeindruckt hat. Und beeindruckt hat der Roman auch alle anderen Leser meines Literaturkreises.

„Beeindrucken“ ist dann auch die Kategorie, die ich in diesem Jahr als Aufhänger für meinen ganz persönlichen Rückblick gewählt habe. Zwei Autorinnen und ein Autor gab es in diesem Jahr, die mich mit ihren Geschichten, ihren Erzählarrangements und ihrer Sprache ganz besonders in ihren Bann gezogen , die mich also besonders beeindruckt haben. Das sind Autoren, von denen sicherlich noch der eine und der andere Roman auf meinem Lesezettel landen werden.

Im Februar mogelte sich Richard Russos Erzählband „Immergleiche Wege“ aus dem Regal der ungelesenen Bücher auf das Lesesofa. Erzählungen sind ja eigentlich nicht so mein Lieblingsgenre. Aber Richard Russo schreibt seine kurzen Geschichten so lebendig, zeigt im Kleinen das große Ganze und lässt so die Leben der verschiedenen Protagonisten lange im Gedächtnis bleiben: Die Professorin Janet Moore, die einen Studenten bei seiner Hausarbeit beim Abschreiben erwischt hat und die sich nun an ein wichtiges Ereignis ihrer Studentenzeit erinnert. Den emeritierten Professor Nate, der auf seiner Reise nach Venedig nicht nur mit seinem Bruder hadert, sondern auch mit seinem unprofessionellen Umgang mit der autistischen Studentin Opal Mauntz. Die Kommentare der von Russo schon infizierten Blogger zu meinem Artikel haben mich dann auch gleich in den Sommerferien zum Roman über Empire Falls, zu den „Gottverdammten Träumen“ greifen lassen.

Im März habe ich A. L. Kennedys Roman „Süßer Ernst“ gelesen und habe mich versenkt in die Geschichte um das an einem einzigen Tag immer wieder verschobene Treffen von Meg und John. Schon alleine die Geschichte, wie die beiden sich kennen lernen, ist spektakulär: John, der als Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit in einem Ministerium die Sprache sehr zielorientiert nutzen muss, bietet in seiner Freizeit des außergewöhnlichen Service an, Liebesbriefe zu schreiben. Meg ist eine seiner Kundinnen, eine, die ihm auch zurückschreibt. So entspinnt sich eine kleine Korrespondenz zwischen ihnen. Und Meg ist neugierig, wer dieser Typ ist, der unbekannten Frauen solche schönen Liebesbriefe schreiben kann. Also fängt sie ihn vor den Postfächern ab. Nun haben sie sich für diesen Tag, den 14.4.2015 verabredet und Kennedy begleitet sie in ihren Stunden vor dem Treffen und in den vielen Stunden, die vergehen, bis sie sich endlich treffen werden. Und zeigt dabei die beruflichen, die gesellschaftlichen und die politischen Zumutungen der modernen Welt. Das ist ein toller Roman, der Lust macht, noch viel mehr von Kennedy zu lesen.

In den Sommerferien ist dann Terézia Moras „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ mit in den Urlaub gereist. Von ihr habe ich ja im letzten Jahr den Erzählband (wieder ein Erzählband als Einstieg!) „Die Liebe unter Aliens“ gelesen und beschlossen, auch die Romane noch nachfolgen zu lassen. „Der einzige Mann“, das Darius Kopp, der mutterseelenallein in seinem Büro in Berlin sitzt und von dort aus den Vertrieb drahtloser Netzwerke für das US-amerikanische Unternehmen „Fidelis“ betreibt. Mehr schlecht, als recht, denn die Konkurrenz ist immer billiger. Und besonders fleißig ist Darius angesichts der vielen Möglichkeiten, sich durch Recherchen im Internet von der Arbeit ablenken zu lassen, auch nicht. Im Sommer des Jahres nimmt er dann auch, ohne ihn anzumelden, einen Monat Urlaub und verbringt die Zeit essend und trinkend mit seinem Kumpel Juri. Und dann ist da ja auch noch Flora, seine Frau, die er zwar als Liebe seines Lebens bezeichnet, die aber mehr und mehr an seiner Unzuverlässigkeit verzweifelt. Und diesem unfassbaren Darius, den ich eigentlich manchmal wegen seiner Naivität schütteln wollte, über den ich aber auch immer wieder schmunzeln musste, folgte ich gespannt auf seinem Weg durch den Herbst, der auch, aber nicht nur, wegen der Finanzkrise 2008 schnurstraks zu Darius Verderben führt.

Das alles erzählt Terézia Mora so elegant, immer wieder zwischen der Innen- und Außenperspektive Darius´ wechselnd, so humorvoll und entlarvend, dass ich natürlich die anderen beiden Romane dieses Zyklus um Darius Kopp („Das Ungeheuer“ (2013), „Auf dem Seil“ (2019)) auch lesen werde: genau das richtige Vorhaben für diese Weihnachtsferien. Ich werde berichten.    

Übrigens: Wer sich wundert, wie bei mir die Bücher aussehen und sich fragt, seit wann ich die Papierecken abkaue: Ich war es nicht! Der Übeltäter heißt Paulchen, war zum Zeitpunkt seiner Tat knapp 1 Jahr alt und hat ganz offensichtlich in diesem Sommer seine besondere Liebe für die Bücher entdeckt… Jedenfalls für den Stapel, der mit in den Urlaub reisen sollte.

Ich freue mich also auf gleich zwei Romane von Terézia Mora – und die vielen anderen guten Geschichten, die das Jahr 2020  bestimmt bringen wird.  

Und euch wünsche ich schöne Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

Berit Glanz: Pixeltänzer

Berit Glanz´ Debütroman reiht sich schon vom Titel her nahtlos ein in die Reihe aktueller Romane, die davon erzählen, was Digitalisierung alles bedeuten kann. Und ist – zum Glück – ganz anders. Denn Glanz entwirft keine dystopische Zukunftsgesellschaft, in der KI und Algorithmen längst das Kommando übernommen haben, so, wie wir es in den jüngsten Romanen von Schönthaler und Braslavsky lesen können. Glanz siedelt ihren Roman im Hier und Jetzt an und lässt ihre angepasst-unangepasste Protagonistin Beta von ihrem Leben erzählen. Davon, dass sie sich als Junior-Quality-Assurance-Testerin bei der Fehleranalyse mit Gorilla- und Monkey-Tests ein wenig langweilt. Und sich deshalb gerne auf ein Detektivspiel einlässt, das sie in die Theaterszene der 1920er Jahre führt. Dort experimentiert das Künstlerpaar Lavinia und Walter mit freiem Tanz und fantasievollen Masken und Kostümen, angetrieben von einer großen Lust auf Veränderung, ja, auf Revolution. Gegensätzlicher könnten die heutige IT- und die Theaterwelt vor hundert Jahren gar nicht sein. Aber genau aus diesem Spannungsverhältnis bezieht der Roman seinen ganz besonderen Reiz.

Beta hat alles, was zu einer Erfolgsbiografie der heute 30-Jährigen gehört: Sie lebt in Berlin und verdient so gut, dass sie sich allen aktuell modischen Schnick-Schnack kaufen könnte. Natürlich arbeitet sie in einem Start-up, das sich mit der Programmierung von Apps beschäftigt. Die Mitarbeiter sind top-motiviert, sie arbeiten auch samstags, wenn es nötig ist. Und wenn die App so gut wird, dass ein finanzstarker Investor sie aufkauft, dann können sie alle über ihre Beteiligung am Unternehmen Kasse machen.

Die Büros sind in moderner Betonoptik gehalten, es gibt Getränketresen, den unvermeidlichen Kicker und natürlich Superfood. An Wochenenden winken Gruppenaktivitäten, im Hochseilgarten, beim Gokart-Fahren, bei einer Schokoladenverkostung oder einer Weihnachtsparty schon im November. Und wenn den Chefs die aberwitzige Idee kommt, dass es toll für die Teams wäre, in einem Co-Workingspace in Barcelona zu arbeiten, dann setzt sich der ganze Tross eben nach Barcelona in Bewegung. Und macht dort, was sonst in Berlin gemacht worden wäre, nur mit besserem Ausblick von der Dachterrasse. Was die Teams hier gerade programmieren, an welcher App sie arbeiten, das wird nie genannt.

Beta geht mit den Umständen dieses besonderen Biotops recht gelassen und reflektiert um. Auch sie hat Rubiks Zauberwürfel auf dem Schreibtisch, aber er zeigt ihr an der Farbe einer Seite den Tag an. Die Kollegen und Kolleginnen vom Development kommen dann vorbei und erklären ihr, dass es nicht funktioniere, sie könne nicht sofort mit einer Seite in einer Farbe beginnen. Beta aber dreht ungerührt weiter, denn sie will eine perfekte Seite, die ihr den neuen Wochentag anzeigt. Es ist ja nur ein kleines bisschen Widerstand, das sie sich hier erlaubt. Aber die Inszenierungen der Digitalarbeit durchschaut sie sofort:

„Es ist Montag, und die weiße Seite des Rubik-Würfels liegt vor mir, als Martin das Team zusammenruft. Er habe ein Memo, sagt Martin und macht ein aufgeregtes Gesicht, von Alex, unserem CEO. Der trägt immer einen silbergrauen Cashmerepullover zu seinem schwarzen Vollbart. Martin liest uns das Memo vor. Alex hat beschlossen, dass nun alle Angestellten zwei Teams bilden: gelb und rot. Wir sind jetzt Teil des roten Teams. Martin ist ganz fiebrig und benutzt ab jetzt nur noch die roten Posts-its, um uns zu motivieren.“

Klar, dass es bei der Einteilung in zwei Teams nicht bleiben wird. Schon am nächsten Tag erscheint Alex höchstpersönlich im betongrauen Büro und ruft einen Wettbewerb zwischen den beiden Teams aus: Wer gewinnt, der wird mit Anteilen belohnt. Bei solchen hinter Gamification versteckten Formen der Konkurrenz und des Wettbewerbs sind doch alle noch motivierter.

Immerhin: Es gibt einen Entspannungsraum. Dort steht ein großes Aquarium, in dem rote und gelbe Schleierschwänze in den Farben des Firmenlogos ihre Kreise ziehen. Wer Ruhe sucht, der kann hier sitzen, mit schallreduzierenden Kopfhörern die Geräusche des Büros ausblenden und „zum Runterkommen“ den Fischen zuschauen. Nun lässt Alex einen Roboterfisch ins Wasser, so gut gemacht, dass er von den echten kaum zu unterscheiden ist. Der aber eine winzige Kamera zwischen den Augen trägt und damit Bilder aus dem Wasser auf den Bildschirm an der Wand projiziert. Wer nun vor dem Aquarium sitzt, um zur Ruhe zu kommen, kann das eigene, verschwommene Bild auf dem Bildschirm sehen, wenn er sich umwendet. Beta, die diesen Spionfisch an einem Nachmittag alleine im Ruheraum beobachtet, entscheidet sich, ihn auszuwildern, entnimmt ihm dem Aquarium und setzt ihn in das Wasser der Spree. Noch Tage wird er seine Bilder in dunkelgrün-blau an den Bildschirm senden und niemandem fällt auf, dass sie nicht aus dem Aquarium, sondern aus der Spree gesendet werden.

In ihrer Freizeit fotografiert Beta gerne Tiere und druckt sie dann mit ihrem 3-D-Drucker aus. Für diesen Sommer hat sie sich eine eigene Challenge auf ihre ganz persönliche To-do-Liste geschrieben, nämlich in jeder Eisdiele im Viertel das Erdbeereis zu probieren. Manchmal verabredet sie sich über Tinder und geht dann mit dem Date nach Hause, auch wenn sie den Mann merkwürdig findet, mit seinem Kosten-Nutzen-Denken und der Kleidung, die farblich genau auf die Dekoration der Bar abgestimmt zu sein scheint.

Und sie probiert gerne etwas Neues aus. Eine App namens Dawntastic zum Beispiel, die den Nutzern das Aufwachen erleichtern möchte, indem sie nämlich zum gewünschten Zeitpunkt einen Anruf vermittelt, der von irgendeinem anderen Nutzer auf der Welt kommt. Im schönsten App-Sprech kommt das Story-Telling von Dawntastic daher:

„Morgens mit geschwollenen Augen auf den Wecker einschlagen? Immer wieder die Snooze-Funktion drücken? You snooze, you loose! So sieht so auch dein Morgen aus? Hast du schon wichtige Meetings und einzigartige Gelegenheiten verpasst, weil dich dein Kopfkissen nicht losgelassen hat?
Dann haben wir die Lösung für dich: Zahlreiche Untersuchungen renommierter Schlafforscher haben uns gezeigt, dass es am besten ist, mit einem spannenden Gespräch aufzuwachen. Unsere App Dawntastic verbindet dich mit gleichgesinnten Langschläfern auf der ganzen Welt. Du kannst einen verschlafenen Schüler aus Schanghai mit deinem Lieblingswitz wecken oder dich morgens von einem unserer unzähligen freundlichen User sanft aus dem Schlaf holen lassen. Es gibt nur zwei Regeln: Das Aufweckgespräch darf maximal drei Minuten dauern und ein Gesprächspartner bleibt anonym.
Guten Morgen!“

Beta probiert die App sofort. Und stößt bald auf einen interessanten Anrufer, der sie morgens aus den USA anruft und ein ungewöhnliches Profilbild hat: „Ein anthropomorphes Wesen in einem körperbetonten Anzug, der mit rostroter und blasslila Farbe bemalt ist, dazu eine Maske mit übergroßen Augen und lange Drähte, die aus der Taille und dem Kopf des Wesens ragen.“

Es ist das angenehme Gespräch mit dem Anrufer aus Palo Alto, es ist sein ungewöhnliches Profilbild und sein ebenso ungewöhnlicher Namen – „Toboggan“ – die Beta nicht mehr loslassen. Und so fängt sie an, Informationen über den anonymen Anrufer zu sammeln. Beta stellt die Seite „Toboggan.eu“ ins Netz, auf die der Anrufer, wenn er nur seinen Profilnamen googelt, stoßen muss. Und tatsächlich: „Toboggan“ findet Betas Seite und hinterlässt Nachrichten in ihrem Quellcode. So beginnt eine mitreißende digitale Schnitzeljagd, bei der der Leser es irgendwann nicht lassen kann, selbst im Netz zu recherchieren. Um nachzuprüfen, ob es dieses Künstlerpaar, Lavinia Schulz und Walter Holdt, tatsächlich gegeben hat und ob es im Berlin der 1920er Jahre ihr Ansinnen war, mit ihren freien Tanz in fantastischen Kostümen und ganz besonders gestalteten Masken nichts weniger als das Theater zu revolutionieren.

Berit Glanz´ auf den ersten Blick spielerisch-leichtfüßiger Roman, der nicht nur mitten in der Start-up-Szene angesiedelt ist und den Leser mit Informationen über die Arbeitsmöglichkeiten bei coolen App-Programmierern versorgt, spielt auf gleich mehreren Ebenen mit den Eigenarten des Internets. In einer Weise, die ich bisher so noch nicht gelesen habe. Dabei ist sie sprachlich mittendrin im modernen Wortgeklimper der neusten Methoden des Projektmanagements und der Start-ups. Und führt doch tief in die alte Welt vor hundert Jahren, in eine durch und durch analoge Welt. Aber zu Schauspielern, und hier steht Lavinia im besonderen Fokus, die ihre Welt verändern wollen. Die Masken, die Lavinia für ihr revolutionierendes Tanztheater kreiert, sind dann auch ein ganz wesentliches Motiv des Romans, ein Motiv, das wieder in unsere heutige Zeit weist. Und bei Beta und ihren Freunden zu einem Akt des geschickten Widerstands führt.

Das ist er also möglicherweise, der Roman zur Zeit, der die Digitalisierung nicht per se in ihren dystopischen Aspekten ausleuchtet. Der statt dessen ihre Begleiterscheinungen in den Personen, in den bis in den letzten Winkel durchdachten wettbewerbsorientierten Arbeitsbedingungen und in der Sprache eher entlarvt. Und dabei auf vergnügliche Weise – nämlich während der völlig absurden Arbeitsreise in einem Bus – die Möglichkeiten des Widersetzens auslotet, durchaus angeregt durch die ausdrucksstarken Maskierungen von Schulz und Holdt. Es ist ein starker und ein vielschichtiger (Debüt-)Roman, den Berit Glanz uns hier vorlegt.

Berit Glanz (2019): Pixeltänzer, Frankfurt am Main, Schöffling & Co

Philipp Schönthaler: Der Weg aller Wellen

Wie Emma Braslavsky in ihrer Erzählung „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ beschäftigt sich auch Philipp Schönthaler in seinem neuen Roman mit einer Identitätssuche. Und wie Braslavsky siedelt auch Schönthaler seine Geschichte in einer nicht so fernen Zukunft an, in einer gesellschaftlichen Umgebung, die fast der unseren entspricht. Bei Braslavsky gehört die Künstliche Intelligenz in Form von Androiden zum normalen Alltag, Androiden, die sich kaum mehr von Menschen unterscheiden lassen. Ihre Welt scheint, auch wenn die digitalen Unternehmen in unserer Realität mit Nachdruck die mentalen Prozesse der Menschen erforschen, um sie ihren Rechnern zufügen zu können, mehr in einer Science-Fiction-Welt zu liegen, als die von Schönthaler kreierte Welt.

Bei Schönthaler nämlich ist die Künstliche Intelligenz immer noch in den Computern und den „Devices“ zu finden, die seine Figuren mit sich tragen. Über Laptop und Phone können Informationen recherchiert und Nachrichten gesendet werden, Eingangskontrollen – hier über eine Handerkennung – zum Arbeitsplatz, zum Firmenshuttle und zur Wohnung machen das Leben ohne Schlüsselbund und Ausweis bequem. Das alles ist ja für uns kaum eine allzu exotische Zukunft.

Was aber passiert, wenn es in dieser schönen digitalen Welt zu Fehlern kommt? Wenn sich die Künstliche Intelligenz, die sich selbstlernend weiterentwickelt hat, auf einmal die falschen Schlüsse zieht – oder gar etwas vergisst. Weil die Abfolgen von 1 und 0 nur geringfügig in Unordnung gekommen ist? Und wenn dann niemand – vor allem kein Mensch – mehr da ist, der diesen Fehler korrigieren kann oder will? Das mag nicht so problematisch sein, wenn das falsche Essen geliefert oder der Platz im Flugzeug nicht gebucht ist. Wenn es die digitale Identität ist, die plötzlich verloren gegangen scheint, dann sind die Folgen tatsächlich existentiell. Vor allem in einer Gesellschaft, die den Zugang nicht nur zu den wichtigen Orten des Lebens, sondern auch zu sozialen Kontakten über genau diese digitale Identität steuert.

So einen digitalen Identitätsverlust erleidet der Ich-Erzähler eines Morgens auf dem Werg zu seinem Arbeitsplatz. Er arbeitet in einem dieser architektonischen Wunderwerke, die Tech-Unternehmen schon aus Gründen ihrer Corporate Identity bewohnen, in einem dieser Glaspaläste, die von außen Einblick in alle möglichen Formen des modernen Arbeitens geben und Transparenz symbolisieren sollen. Sein Unternehmen wird, der Form des Gebäudes entsprechend, „Ring“ genannt, die Mitarbeiter sind die „Ringer“. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Umgebung ganz stark an Dave Eggers „Circle“ erinnert.

An der Schleuse zum Campus seines Arbeitgebers wird dem Ich-Erzähler der Zugang verweigert: Trotz mehrmaligen Scannens seiner Hand – einmal wischt er sie sogar an der Hose ab – leuchten die roten Dioden auf, ein Warnhinweis ertönt, die transparenten Sicherheitstore bleiben an Ort und Stelle. In der Schlange hinter ihm fangen die ersten an zu murren. Der Kollege Vitali dagegen, der in der Reihe neben ihm steht, schlägt ihm kumpelhaft auf die Schulter, ruft ihm „Game over“ in der Computerstimme der 1990er Jahre zu und scheint seinen Spaß zu haben über den verwehrten Zugang. Wirklich ernst nehmen kann keiner diese Verweigerung der Schleuse, immerhin trifft hier Technik eine Entscheidung und die ist üblicherweise fehlerfrei. Sowohl die False-Acception-Rate als auch die False-Rejection-Rate sind verschwindend gering, so sind sich die Kollegen sicher. Diese klugen Fachsimpeleien helfen dem Erzähler aber auch nicht aus seiner misslichen Situation.

„Ich mimte ein Lachen, gab vor, den Polycarbonat-Dom zu punchen, als säße ich vor dem Riesenbuzzer einer trashigen Vorabend TV-Quizshow, die Antwort fieberhaft auf der Zunge. Eine lange Sekunde betrachtete ich, wie er mit halb nachlässigem, halb sorglosem Schritt davonlatschte, die Fußspitzen seitwärts minimal ausgestellt, das über dem behaarten Nacken pendelnde Zöpfchen, mit dem einfachen Haushaltsgummi zusammengehalten, sah kacke aus.“

In den ersten Tagen nach seinem Scheitern an der Schleuse kann der Ich-Erzähler seine Arbeit noch fortführen, er macht eine Geschäftsreise, hat Kundentermine. Aber er kommt nicht mehr auf das Firmengelände. Und dann funktioniert auch das Einchecken im Firmen-Shuttle nicht mehr. Mehr und mehr Zugänge werden in den kommenden Wochen gesperrt, die Rückzahlungskonditionen seines Kredites verschlechtern sich, die Personalabteilung moniert seine unentschuldigten Abwesenheiten, schließlich kann er nicht einmal mehr in seine Wohnung gelangen. Eine Lösung scheint es nicht zu geben: Im eigenen Unternehmen wird sein Problem von Abteilung zu Abteilung weiter gereicht, in der Personalabteilung wiegelt ihn ein Computerprogramm ab, als er schließlich seinen Chef Rheimer erreicht – möglicherweise nur, weil er seine Nummer unterdrückt hat – versucht der ihn auch zu beruhigen:

„Mach dir keinen Kopf. Das ist nur pro forma. (…)An deiner Stelle würde ich das nicht zu hoch hängen. (…) Wie gesagt, bei mir ist es gerade ganz schlecht. Warum sprechen wir nicht einfach Anfang nächster Woche in Ruhe. (…) Dann mach doch erst einmal Wochenende. Und relax.“ Und dann: „Verstehe, ich kann mich momentan leider weder positiv noch negativ zu dem Ganzen äußern, du verstehst.“    

Diesen Satz wird er häufig hören, wenn er hartnäckig bleibt und in der Personalabteilung oder bei der Bank Klarheit über seinen Status einfordert. Dabei scheint er bei diesem grotesken, ja: kafkaesken Verlauf seiner Geschichte recht ruhig zu bleiben. Das mag an seiner Sprache liegen, in der er alle menschlichen Regungen und Überlegungen in eine Technologie-Sprache übersetzt, in der ür Gefühlsregungen offensichtlich kein Code vorhanden ist. So sinkt er in den „Ruhemodus“, er „ruft“ zur Erinnerung ein Gesicht „auf“, er benennt exakt die Sekunden, die es dauert, bis das Flugzeug von der Startbahn abhebt,und er erkennt wie sich bei seinem Gesprächspartner „die Helligkeitswerte der voluminösen Gesichtszüge […] um einen Skalenstrich und mehr verdunkelt [hatten].“ Dass es in ihm hoch her geht, lässt sich alleine am hohen Puls erkennen, den er auf seinen digitalen Geräten abliest, an den Alpträumen, die ihn immer öfter heimsuchen, an seinen nächtlichen exzessiven Trainingseinheiten und an seinem permanenten Medikamentenkonsum. Hier ist Ritalin oft das erste Mittel seiner Wahl.

So wie mehr und mehr Systeme die Identität des Ich-Erzählers vergessen und den Zutritt verweigern, so büßt er auch mehr und mehr soziale Kontakte ein. Das wirkt sehr beunruhigend, denn ganz offensichtlich kümmert sich weder der Chef noch seine Kollegen darum, dass er nicht an seinen Arbeitsplatz kommt. Keiner ruft ihn an, keiner versucht, aus dem Ring heraus das Problem zu lösen. Und auch der Anwalt, den er irgendwann aufsucht, um ihn mit seinem Fall zu betrauen, kennt keinen Lösungsweg, sagt ihm keine konkrete Hilfe zu.

Es ist, als würde der Ich-Erzähler nicht nur seine digitale, sondern auch seine tatsächliche Identität verlieren. Und so wird auch das letzte Kapitel des Romans nicht mehr aus seiner Sicht erzählt, sondern aus der Perspektive einer Journalistin, die sich einer Hippie-Gemeinschaft in einer ausgedienten Serverfarm des Nachrichtendienstes an einem See in der Wüste niedergelassen hat. Auch dies ist keine Idylle, denn die Umgebung ist durch eine Landwirtschaft mit hohem Einsatz von Chemie verseucht. Und auch die Menschen, die hier eine Alternative leben wollten, scharen sich gerade hinter Ransom oder Tyler zusammen, den einstmaligen Freunden, die nun aber zu Anführern zweier Gruppen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen werden – die Anhänger von Ransom reißen die alten Zäune ab, die Gefolgschaft von Tyler baut sie wieder auf. Der Konflikt zwischen ihnen eskaliert mehr und mehr, erste Opfer sind die Kojoten, die hier leben.

In dieser Gesellschaft lebt auch der Ich-Erzähler sechs Monate lang. Auch hier bleibt er ohne Namen, auch hier verschwindet er eines Tages wieder, eine Suche nach ihm hat keinen Erfolg; er geht tatsächlich „den Weg aller Wellen“. Im Prinzip bleibt nichts von ihm zurück als sein altes Auto und die Papiere, auf denen er die Ereignisse seines Identitätsverlustes für den Anwalt zusammengetragen hat. Und die Journalistin überlegt nun, in ihr altes Leben zurückzukehren und aus diesen Notizen ein Buch zu machen.

Ransom aber, der charismatische Wortführer, der, wenn er nicht zu Vorträgen durch die ganze Welt reist, einmal in der Woche seine Anhänger um sich versammelt, hat eine vage Lösung für das Identitätsproblem:

„Das Problem der Identität lässt sich nicht dadurch lösen, dass man sie biologisch oder ontologisch festschreibt. Sie ist ein Risiko, das gemanagt werden muss.  […] Wir müssen die Identität als einen Schlüssel begreifen. Die einzelnen Transaktionen verknüpfen sich zu einem Code, der darin so etwas wie eine Erzählung über die jeweilige Entität bildet. Als solche lässt sie sich jeder Zeit zurückverfolgen. Gleichzeitig wird dieser Schlüssel für jede Tranbsaktion herangezogen und beglaubigt sie im Abgleich mit dezentralen Datenbanken. Mit jeder neuen Transaktion wächst die Historie der einzelnen Entität, je länger sie wird, desto unwahrscheinlicher werden Verwechslungen oder die Möglichkeit zur Manipulation.“

Philipp Schönthaler hat seinen Ich-Erzähler in eine dystopische Welt geschickt. Und ausgelotet, was passiert, wenn allgegenwärtige Algorithmen Fehler machen. Mit dem Thema der (digitalen) Identität hat er sich dabei eines besonders brisanten Themas angenommen. Und spielt damit – nicht zuletzt im dritten Teil, in dem er eine neue Erzählstimme zu Wort kommen lässt. Und in gewohnter Philipp-Schönthaler-Manier bleibt genug Spielraum für den Leser, sich von den Leerstellen und auch den (literarischen) Assoziationsangeboten zu Deutungen inspirieren zu lassen.

Philipp Schönthaler (2019): Der Weg aller Wellen, Berlin, Verlag Matthes und Seitz

Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten

Emma Braslavskys Roman knüpft da an, wo Ian McEwans Geschichte aufhört. In ihrer Welt nämlich sind die Androiden zur Marktreife gelangt und jeder, der sich eine Recheneinheit leisten kann, lässt sich einen Partner nach individuellen Vorstellungen programmieren. Der eine möchte eine Partnerin, die die Wohnung in bester Ordnung hält und gerne kocht, die andere lieber einen Gefährten, der sie umarmt und küsst und Lust auf Sex hat; die eine geht gerne mit Mads Mikkelsen aus, der andere mit Pedro Almodóvar. Im Berliner Nachtleben ist kaum noch zu unterscheiden, wer Mensch, wer Recheneinheit ist. Es wird gegessen, getrunken, geflirtet und getanzt und wem das noch nicht reicht für das gute Gefühl, der versucht es auf der Toilette mit schnellem Sex oder mit Amphetaminen.

„Die Liebe 3.0 stillt endlich alle menschlichen Sehnsüchte. Alle. Lust? Anerkennung? Unverbindlicher Kontakt? Ekstase? Geborgenheit? Schutz und Sicherheit? Selbstbestätigung? Abenteuer? Hunger nach exotischen Erfahrungen? Platonische Freundschaft? Trans? Homo? Hertero? Poly? Zwischenartlich? Es gab keine Verbindung, die es nicht mehr geben konnte. Die Entfaltung des Ichs hatte jetzt eine neue soziale Bühne, auf der es bewundert werden konnte.“

Wer keine Recheneinheit will oder sich keine leisten kann, dem steht immerhin die Möglichkeit offen, Liebesbriefe zu abonnieren, die fleißige Bots schreiben und die die Nachtpostbotendrohne Gert im Postschlitz neben dem Wohnzimmerfenster zustellt, egal in welchem Stockwerk.

Trotz dieser schier paradiesischen Zustände: Die Menschen sind unglücklich. Allein in Berlin wählen Tag für Tag um die 50 Einwohner den Freitod. Sie nehmen Tabletten und sterben in ihren Wohnungen, sie stürzen sich von Dächern vor die Eingänge der Nachtbars, ertrinken in Kanälen und Seen. Denn so weit ist es doch nicht her mit den Versprechungen der neuen Liebe. Auch die nach eigenen Vorstellungen personalisierte Recheneinheit kann den Menschen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er im Grunde seiner Seele „alleine“ ist, „isoliert“, „weil kaum einer hier mehr Anschluss an andere fand.“

Und die vielen Suizide machen der Stadt Probleme. Nicht so sehr aus ethischen Gründen, sondern vielmehr aus finanziellen. Weil die Bürger ja alleine leben, finden sich meistens keine Angehörigen, die sich um die Bestattung kümmern und sie vor allem bezahlen. So muss die Stadt ermitteln, ob es Angehörige gibt, muss diese zur Bezahlung der Rechnungen zwingen – oder bleibt auf den Bestattungskosten sitzen. Und das passiert immer öfter und wird über kurz oder lang zu einem finanziellen Desaster für die öffentlichen Haushalte sorgen. Diese mühsame Detektivarbeit führt zu einer Überlastung der mit dieser Aufgabe betrauten Polizisten im eigens eingerichteten Suizid-Dezernat.

So kommt Roberta ins Spiel. Roberta ist eine Recheneinheit und stammt vom Start-up Intellabour GmbH, das Androiden für den umkämpften Arbeitsmarkt zur Verfügung stellt. Roberta ist keine Haushaltshilfe und keine „Sexpuppe“. Sie ist programmiert für die Polizeiarbeit, für das Aufspüren der Angehörigen der durch Suizid gestorbenen Menschen. Dazu kann sie natürlich auf alle Informationen aus den Daten der Verwaltung, dem Internet und auch den Programmen anderer Recheneinheiten zugreifen Sie kennt alle Vorschriften für die Polizeiarbeit, ihr fallen die kleinsten Veränderungen auf, Blicke und Gesten und die winzigen Veränderungen der Gesichtsfarbe oder der Körpertemperatur der Menschen in ihrer Umgebung, und sie kann daraus blitzschnell Schlüsse ziehen. Und wenn es sein muss, dann wandert sie auch über den Grund eines Sees, um Beweisstücke zu finden.

Robertas erste Aufgabe ist die Ermittlung der Eltern von Lennard Fischer. Lennard ist Profitaucher und Workshopleiter für Aufmerksamkeitsentflechtung. Er lebt zusammen mit der Recheneinheit Beata, die er übernommen hat, weil ihr Vorbesitzer sich in einen anderen Mann verliebt und Beata und die eigene Wohnung zurückgelassen hat. Einen Monat hat Lennard gebraucht, um Beata das Küssen und das Umarmen beizubringen, denn ihr Vorbesitzer hat sie zum Kochen, Aufräumen und Putzen programmiert. Nun ist Lennard in einem See ertrunken und Roberta betrachtet seinen Leichnam am Ufer. Glücklich wie ein Baby sieht er aus, findet Roberta, zufrieden, weil er seinen letzten Atemzug unter Wasser gemacht hat. Robertas Sensoren untersuchen eine Vielzahl von Messwerten und sie weiß sofort, dass Lennard vor dem Gang ins Wasser Kokain genommen hat und andere halluzinogene Drogen:

„Auch Einwirkungen von außen waren nicht erkennbar. Sie legte eine Hand flach auf seinen Brustkorb. Selbsttötung war der menschlichste Ausweg, kein Gott und kein Tier hatte dieses Privileg, und vielleicht auch Roberta nicht.“

So beginnt Robertas Suche nach Familienmitgliedern Lennards, die zur Bezahlung seiner Bestattung herangezogen werden können. Stundenlang fährt sie mit der U-Bahn durch Berlin und Umgebung, setzt sich mit dem Bestatter auseinander und mit Mitarbeitern der Behörden, deren Verhalten – obwohl die Geschichte ja in der Zukunft spielt – wie ein Rückfall in die Mitte des 20. Jahrhunderts wirkt. Diese Kooperations(un)willigkeit fordert Roberta zu immer neuen Überrumpelungsstrategien heraus und bringt den Leser ein ums andere Mal zum Lachen. KI meets Bürokratie – das Thema gibt wohl auch in der Zukunft noch einiges her und ist in vielen Situationen, wenn nicht für Roberta, dann aber für den Leser, ein großer Spaß.

Der Strang, der von Robertas Recherche erzählt, bringt uns tief in eine Gesellschaft, die auf der einen Seite der unseren so ähnlich ist, dass die Geschichte auch jetzt und hier spielen könnte. Es ist aber auch eine Gesellschaft, in der die Menschen sich Roboter als Lebenspartner nach eigenen Wünschen kreieren und in der Roboter auf den Arbeitsmarkt drängen. Eine Gesellschaft, in der die Suizidrate ständig steigt und als Todesursache die üblichen Krankheiten abzulösen droht. Und eine Gesellschaft, in der die Angehörigen sich nicht um ihre Toten kümmern. Eine dystopische Gesellschaft also wieder einmal, in der die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz die Menschen nicht bereichert, sondern die durchaus problematischen Entwicklungen vorantreibt.

Braslavsky hat sich für ihre Geschichte eine interessante Erzählerperspektive ausgesucht. Der weitaus größere Teil nämlich wird aus der Perspektive Robertas erzählt. Das ist ein Problem – und gleichzeitig ein Gewinn für den Roman. Kritisch ist die Wahl dieser Erzählperspektive, weil die Erzählstimme einer Künstlichen Intelligenz, die dann doch erzählt wie ein Mensch, zumindest zweifelhaft ist. Es ist nun einmal problematisch, einem Computer eine Stimme zu geben, ihm sozusagen mentale Prozesse zuzuschreiben, wenn er seine Umgebung beobachtet und deutet, wenn er aus den Beobachtungen lernt, wenn er diese Beobachtungen auch gedanklich in Sprache umsetzt, genauso, wie wir Menschen es tun.    

Diese Perspektive ist aber andererseits auch sehr reizvoll. Roberta, die gerade erst programmiert und eingeschaltet wurde, versucht, einen – sozusagen eingebauten – Mangel zu beheben. Sie beklagt, dass sie keine eigenen Erfahrungen habe, keine Gefühlsregungen, ja, dass ihr eine Identität fehle. Und indem sie nun ihre Umgebung beobachtet, indem sie schaut, was Menschen tun, wie sie sich verhalten und wie sie sprechen, versucht sie diesen Mangel zu beseitigen, versucht sie, eine (eigene?) Identität zu erlangen.

Identität ist also ein Thema, das Braslavsky am Roboter Roberta ausleuchtet. Bei der Identitätssuche hat Roberta jedenfalls Unterstützung durch ihre Programmierung. „Sie war der Verstandesersatz in Zeiten zunehmender menschlicher Geistes- und Gefühllosigkeit“, sinniert sie einmal über sich. Und tatsächlich: Den menschlichen Ermittlern ist die Identität der Suizidopfer über die biographischen Daten hinaus egal. Roberta aber ermittelt weiter und sucht im Leben Lennards nach seinen wahren Interessen, Wünschen und Begabungen. Sie versucht, ihn zu verstehen, und kommt eine Seite Lennards auf die Spur, die er seinem sozialen Umfeld gegenüber immer versteckt hat. Sie scheint auch die einzige im ganzen Umfeld Lennards zu sein, der es wichtig ist, dass er eine würdige Beerdigung bekommt.

Ein irrwitziges Setting hat Emma Braslavsky sich also für ihren neuen Roman ausgedacht, überdreht, komisch, erschreckend. Es ist eine Großstadtgeschichte, in der der Mensch kaum mehr vom Roboter zu unterscheiden ist. In der sich aber der Roboter bei der Suche nach sich selbst am Menschen orientieren – und manchmal gar der bessere Mensch ist.

Emma Braslavsky (2019): Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten, Berlin, Suhrkamp Verlag

Bits und Bytes, Digitalisierung und KI

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Wir streamen Musik und Videos, lesen und lernen online, kommunizieren auf digitalen Plattformen. Wir lassen unsere Schritte zählen, haben jederzeit unseren Puls im Blick und vermessen sogar Länge und Qualität unseres Schlafes. Elektronische Rezeptbücher inspirieren uns zum nächsten Gericht, Apps verraten uns die billigsten Tankstellen in der Nähe und unsere Wohnungen und Häuser werden vermeintlich  intelligent – so das interessanteVersprechen der Werbung -, wenn wir beim Einbruch live per SMS dabei sein können, wenn wir schon auf der heimfahrt die Heizung einstellen oder per Sprachsteuerung das Licht dimmen können.  

Von der Schule 4.0 ist allerorts zu lesen – frei nach dem Motto: je digitaler, umso besser die Bildung -, denn der Digitalpakt der Bundesregierung ermöglicht den Ausbau der technischen Infrastruktur der Schulen. Lehrer haben in Zukunft kein Papier mehr in der Tasche, dafür Laptop oder Tablet. Sie unterrichten mit Erklärfilmen, Youtube-Videos und bunten Apps. So werden Schülerinnen und Schüler zum Lernen bei ihren vermeintlichen Digitalkompetenzen abgeholt und bekommen durch Tests, die sich zeitsparend automatisch auswerten lassen, immer wieder ein Feedback über ihren Lernstand. Und die Eltern sind jederzeit via Datenbank über die Leistung ihrer Sprösslinge informiert.

Nach der dritten industriellen Revolution, die den Einsatz von Elektronik und Informationstechnologie beschreibt, wird uns nun eine Industrie 4.0 angekündigt. Alle Prozesse in Unternehmen sollen digitalisiert, alle Beteiligten miteinander vernetzt werden: Mitarbeiter und Maschinen und Sensoren und Produkte. 3-D-Drucker fertigen Maschinenteile und Werkzeuge – auch wunderbar filigrane Schokoladenkreationen auf Kuchen – standardisierbare Dienstleistungsprozesse werden digital aufgesetzt, sodass die Kunden sie selber durchlaufen können. In der Folge bekommen die Themen Datensicherheit und Datenschutz eine immer größere Bedeutung.

Auch auf diesem Gebiet ist die Bundesregierung nicht untätig, sondern hat die Strategie „Digitaler Wandel“ auf den Weg gebracht. Und mit Dorothee Bär eine Staatsministerin implementiert, die die Digitalisierung vorantreiben soll. Die sitzt wahrscheinlich immer noch daran, die in den ersten Tagen ihres Amtsantritts vorgestellte Idee für Flugtaxis zur Entlastung der Verkehre in den Großstädten endgültig fertigzustellen.

Wer sich noch an die Fantastereien rund um die New Economy vor ungefähr zwanzig Jahren erinnert, dem wird die eine oder andere in Politik, Medien und Unternehmen, durch Vertriebler oder im Freundeskreis vorgestellte digitale Zukunftsprojektion ähnlich aufgeplustert und übertrieben vorkommen. Trotzdem lässt sich wohl – bei aller Ironie, die sich beim Blick auf das Begriffsgeklapper unmittelbar einstellt – nicht leugnen, dass unsere Alltags- und Berufswelt immer mehr von digitalen Leistungen durchdrungen, immer mehr Prozesse elektronisch abgebildet werden.

Und so stellt sich die Frage, wie die Literatur mit diesen Entwicklungen umgeht? Wie betrachten die zeitgenössischen Erzählungen diese Prozesse, welchen Blick werfen sie auf die Menschen, die sich in diesen elektronischen Welten bewegen, welche Gestaltungsspielräume erkennen sie, welche Deformationen? Welche Wirkungen hat die Technologie auf den einzelnen Menschen, welche auf die Gesellschaft? Spannende Fragen, die die Literatur verhandeln kann.

Mit verschiedenen Facetten dieses Themas beschäftigen sich die Romane auch. Da hat im vergangenen Jahr Julia von Lucadou mit der „Hochhausspringerin“ eine Gesellschaft skizziert, in der ein wirtschaftlich-soziales Ranking die Währung ist, die dem Individuum den Wohnort zuordnet, die Wohnung, die Arbeit, die Sexualpartner. Philipp Schönthaler beschäftigt sich in seinem Erzählband „Vor Anbruch der Morgenröte“ mit den Wirkungen der Technologien, wenn er von dem allein durch die Inszenierung der Product Placements gestalteten Lebens der Familienbloggerin erzählt oder von einem Neubauprojekt, in dem alle Prozesse digital gesteuert werden – und jeder Bewohner nicht nur Sicherheit bekommt, sondern auch gläsern wird.

Im gerade erschienen Roman „Der Weg aller Wellen“ erzählt er von dem Mitarbeiter des „Ringes“, eines High-Tech-Konzerns, der eines Morgens nicht mehr ins Unternehmen gelangen kann, weil der Handscanner an der Schleuse seine Hand nicht mehr erkennt. Und Emma Braslavsky führt Ian McEwans Idee eines Privat-Androiden fort und erschafft eine Welt, in der die Menschen sich individualisierte Recheneinheiten als Partner bestellen.  

Er lohnt sich also, der Blick auf die Literatur, auch wenn in den Erzählungen momentan (noch?) die Dystopien vorherrschen. Allemal Grund genug, hier genauer hinzuschauen und einen neuen, einen dritten Schwerpunkt auf dem Blog zu installieren. Der eine oder andere Sachbuchtitel zum Thema wird den Schwerpunkt abrunden.

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume (#backlistlesen 3)

In Empire Falls hat Richard Russo diesen außergewöhnlichen Roman angesiedelt, für den er 2002 den Pulitzer Preis bekommen hat – und damit Jonathan Franzens „Korrekturen“ auf die Plätze verwies. Empire Falls, das ist eine Kleinstadt in Maine, die – ganz anders, als es der stolze Name verspricht – vor sich hinsiecht, seit die Familie Whiting ihre Textilfabriken verkauft haben, die dann umgehend geschlossen wurden. Arbeitsplätze gingen verloren, viele Bewohner zogen weg, den Jobs hinterher. Die Menschen, die geblieben sind, versuchen, den schleichenden Verfall ihrer Stadt mehr schlecht als recht zu bekämpfen, fechten ihre großen und kleinen Kämpfe miteinander aus und gehen ihren „gottverdammten Träumen“ von ein bisschen mehr Glück im Leben nach.

„Bargen nicht alle Menschen auf der Welt die unmöglichsten Wünsche in ihren Herzen, Wünsche, an denen sie stur festhielten entgegen aller Vernuft, Plausibilität und sogar entgegen dem Verfließen aller Zeit, hartnäckig und ausdauernd wie geschliffener Marmor?“

Einer von ihnen ist Miles Roby, Geschäftsführer des Diners „Empire Grill“, der wiederum zum Immobilienbesitz von Francine Whiting gehört. Miles fragt sich, warum sie, mittlerweile eine alte Dame und Erbin des Vermögens der Familie, das Diner nicht schon längst geschlossen hat, denn kostendeckend arbeitet es durchaus nicht. David, Miles Bruder, möchte die Öffnungszeiten des Diners mit Themenabenden erweitern, denn dann kommen bestimmt auch die Dozenten und Stundenten des im benachbarten Ort beheimateten Colleges in den Empire Grill. Daran aber scheint, den Eindruck hat Miles jedenfalls, Mrs Whiting gar nicht interessiert zu sein.

Am Morgen und am Mittag sitzen Stammgäste aus Empire Falls im Diner: Horace Weymouth, Reporter der Empire Falls Gazette, pflegt hier sein Mittagessen einzunehmen, gerne eine Burgerfrikadelle mit noch blutigem Fleisch. Walt Comeau, der aufgeblasene Angeber und Besitzer des Fitnessclubs, kommt jeden Tag vorbei. Auf ihn könnte Miles gerne verzichten, denn Walt ist der neue Mann seiner zukünftigen Ex-Frau Janine. Jeden Tag nervt Walt mit neuen Vorschlägen, was Miles im Diner alles besser machen könnte, jeden Tag will er Miles beim Armdrücken besiegen, jeden Tag verliert er beim Rommé haushoch gegen Horace. Und dann kommt noch Janine vorbei und spielt vor aller interessierten Augen die bald glücklich verheiratete Ehefrau des vermeintlich vermögenden Fitnessstudiobesitzers. Miles nimmt das alles mit stoischer Gelassenheit. Er macht sich seinen eigenen Reim darauf, warum sie sind, wie sie sind und warum sie genau so und gar nicht anders sein können.

Wenn seine Mutter Grace ihn hier so sehen würde, dann wäre sie sicher unglücklich. Sie hat früher in einer der Fabriken der Whitings gearbeitet und ihr Ziel ist es immer gewesen, Miles ein besseres Leben außerhalb von Empire Falls zu ermöglichen. Ihr Mann Max, der als Anstreicher oft wochenlang unterwegs war und sein Geld zuverlässig beim nächsten Bier versoff, war dabei keine Hilfe. Als die Fabriken schlossen, stand sie ohne Arbeit da. Sie nahm das Angebot von Mrs Whiting an, ihr im Haushalt, im Garten, bei der Korrespondenz und mit der durch einen Autounfall gehandicapten Tochter Cindy zu helfen. So hält sie die Familie über Wasser, so schafft sie es, Miles auf ein College weit weg von Empire Falls zu bringen. Und steht doch in einem ganz eigentümlichen Abhängigkeitsverhältnis zu Francine Whiting.

Aber: Miles kommt zurück, als Grace an Krebs erkrankt. Er arbeitet im Diner und kompensiert so die Behandlungskosten seiner Mutter, die Francine – großzügig? – übernimmt. Er schließt sein Studium nie ab und bleibt in Empire Falls, abhängig von den Launen Mrs Whitings, die immerhin versprochen hat, ihm das Diner zu vererben, wenn sie stirbt. Dann, das ist Miles Traum, wird er den Grill verkaufen und auf die Insel Martha´s Vineyard ziehen. Aber wird der heruntergewirtschaftete Laden dann noch etwas abwerfen?

Russo erzählt die Geschichte der Menschen im von der Globalisierung gebeutelten Empire Falls um das Jahr 2000, erzählt von ihren Problemen, Konflikten und Träumen, von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen in diesem irgendwie abgehängten Ort. Auf diesem Nährboden entwickeln sich auch Hass und Gewalt, in einem Fall gar in einer ganz besonderes üblen Spielart. Das alles erzählt Russo realistisch, oft mit einem ironischen Augenzwinkern, ganz nah an den Figuren und aus ihren verschiedenen Perspektiven, oft in Dialogform und in solch eindrücklichen Szenen, das sie vor dem inneren Auge des Lesers Gestalt annehmen und zu leben beginnen.

Dabei ist vielleicht die eine oder andere Figur ein Stück überzeichnet: Janine ist schon recht schlicht in ihren Wünschen und ihrer Sicht auf die Realitäten. Und Francine Whiting als Inkarnation des Intriganten und Bösen deutlich als Hexe gezeichnet (natürlich mit Katze!), die im übrigen auch eine Formulierungsmarotte hat, die einfach nervt. Insgesamt aber haben Russos Figuren alle auch etwas Liebenswertes und der Leser sieht die Figuren, wie Miles sie sieht: Sie sind eben, wie sie sind, auch weil sie gar nicht anders sein können.

Russo nimmt sich Zeit für die Entwicklungen in seiner Geschichte, schaut ganz genau hin und erzählt, minutiös fast, was im Diner passiert, was in der Schule, was im Fitnessstudio. Er bleibt bei seinen Figuren, hört ihnen zu, wenn sie über ihre Träume nachdenken, wenn sie sich an ihre Vergangenheit erinnern – und damit ihre Charaktereigenschaften klären – und wenn sie über ihre Gegenwart reflektieren. So lässt er auch seine Handlungsstränge ganz langsam in Gang kommen bis sie schließlich zulaufen auf sich fast gleichzeitig überschlagende, schreckliche Ereignisse. Tick, Miles Tochter, erklärt dieses Erzählprinzip, auch wenn sie es eher als Prinzip des Lebens begreift:

„Langsam, beschließt Tick. Die Dinge geschehen nicht schnell, sondern langsam. Sie weiß zwar nicht, warum der Faktor Zeit eine Rolle spielt, aber sie glaubt es jedenfalls. (…) Und genau das ist der Punkt, folgert sie. Nur weil Dinge langsam geschehen, heißt das noch lange nicht, dass man vorbereitet ist. Wenn sie in der Regel schnell geschehen würden, wäre man gewappnet gegen jähe Ereignisse und man wüsste, dass Geschwindigkeit Trumpf ist. Die Langsamkeit der Dinge hingegen funktioniert nach einem völlig anderen Prinzip, basiert auf dem trügerischen Eindruck, dass man jede Menge Zeit hat, sich vorzubereiten, dabei ist es im Gegenteil so, dass man, egal wie langsam sich etwas vollzieht, man immer noch langsamer ist.“

Zugegeben, Russos an der Realität und an den Dialogen orientierte Sprache ist nicht besonders poetisch. Aber er spielt virtuos mit verschiedenen, oft aus dem christlichen Kontext stammenden Motiven, die immer wieder in seiner Erzählung auftauchen: Da ist der Fluss, der Knox, der durch Empire Falls fließt und die Grundlage für die Textil- und Papierfabriken der Familie Whiting war. Bei seiner Erschaffung, so wird erzählt, hat Gott sich nicht gerade viel Mühe gegeben, denn an ganz bestimmten Stellen lagert er den Müll ab, den er im Oberlauf einsammelt. Dort, ausgerechnet auf dem Grundstück der Whitings, liegen dann stinkende Verpackungen, verwesende Tierkadaver sogar. Charles Beaumont Whiting, genannt C.B. und Enkel des Fabrikgründers, greift in den Flusslauf ein, um die Ablagerungen auf seinem Grundstück zu verhindern. Aber der Fluss ist wie das Leben, er lässt sich eben nicht nach den Vorstellungen C.B. kontrollieren und bändigen.

Und Miles hat dem Pfarrer versprochen, den in die Jahre gekommene Anstrich der Holzkirche zu erneuern. Um dafür eine gute Grundlage zu schaffen, kratzt er erst die Farbreste der alten Anstriche ab. Aber er kratzt nicht nur die alte Farbpartikel von der Kirche, sondern legt auch in seinem Leben die Stellen frei, die bisher seinen Blick auf die Geschichte seiner Mutter Grace verstellt haben. Und damit auch auf sein eigenes Leben.

Und dann ist da ja auch noch dieser Fluch von geradezu biblischem Ausmaß, der über den Männern der Familie Whiting liegt. Ihrem wirtschaftlichen Erfolg zum Trotz haben sie umso mehr Pech mit ihren Ehefrauen. Sie alle geraten an Frauen, die sich als schwer erträglich erweisen.   

„Die Whiting-Männer mit ihrem ausgeprägten Geschäftssinn schienen sich ausnahmslos wie die Motten vom Licht zu der jeweils einzigen Frau auf der Welt hingezogen zu fühlen, die es als ihre Lebensaufgabe betrachtet, ihnen das Leben zur Hölle zu machen, eine Frau, die mit der gleichen grimmigen Inbrunst an sie gebunden bliebe wie eine Nonne an den leidenden Christus.“

Hatten Elijah und Honus, Großvater und Vater, sich noch einigermaßen in ihr Schicksal gefügt – von Elijah wird berichtet, dass er seine Frau mit einer Schaufel erschlagen wollte, es ihm aber nie geglückt sei, – so versucht der Enkel C.B. sich diesem Schicksal auf verschiedene Weise zu entziehen. Unter anderem durch ein Verhältnis mit Grace. Grace aber, eine gute Christin, wird den Rest ihres Lebens damit verbringen, diese Schuld zu sühnen.

Russo also erzählt in dieser so brillant mäandernden Geschichte aus Empire Falls von den klassischen, den großen Themen der Literatur. Er erzählt von Liebe und Hass, von Schuld und Sühne, von Macht und Kontrolle, ganz viel von Einsamkeit und vor allem den merkwürdigen, unplanbaren Windungen des ganz normalen Lebens. Das ist lehrreich und klug und so wunderbar erzählt, dass man das Buch, hat man sich einmal auf Empire Falls eingelassen, nicht mehr zur Seite legen möchte. Genau die richtige Lektüre für ein paar freie (Urlaubs-)Tage.

Richard Russo (2016): Diese gottverdammten Träume, aus dem Englischen übersetzt von Monika Köpfer, Köln, Dumont Buchverlag

Auf dem Blog Nordbreze findet in diesem Sommer wieder das #dickebuechercamp statt. Dafür ist Russos Roman wie gemacht!

Michael Asderis: Das Tor zur Glückseligkeit

#indiebookchallenge, #ibc, #glücksbuch

Für den Monat Juli suchte die diesjährige #indiebookchallenge nach Büchern, die das „Glück“ im Titel tragen. Michael Asderis´ Titel wartet nicht nur mit dem „Glück“ auf, sondern gar mit der „Glückseligkeit“. Das „Tor zur Glückseligkeit“, so erklärt der Untertitel, erzählt von einer Instanbuler Familie und von „Migration, Heimat und Vertreibung“. Es erzählt von den wechselvollen Erlebnissen der Familie von Michael Andiris, seit die Ururgroßväter Mitte des 19. Jahrhunderts nach Istanbul gezogen sind. Bis ins Jahr 1964 reicht die Erzählung, denn in dem Jahr zogen seine Eltern mit ihm nach Frankfurt, ausgewandert, besser: vertrieben, aus der Stadt, in der seine Großeltern, seine Eltern und er selbst auch geboren sind.

„Meine Geburtsstadt hat viele Namen. Wir, die Romyi, nennen sie schlicht Polis, die Stadt. Die Frage welche, stellt sich für uns nicht. Für uns gibt es keine, nur diese;

auf Griechisch heißt sie Konstantinoupolis, das heißt: Stadt des Konstantin;

auf Russisch, Zarigrad, die Kaiserstadt;

auf Türkisch, Istanbul,

auf Osmanisch wurde sie oft Der-i-Saadet genannt: Tor zur Glückseligkeit.“

Die vielen Namen der Stadt geben schon Auskunft über ihre bewegte, 2600 Jahre andauernde Geschichte und verweisen darauf, dass sie Hauptstadt verschiedener Reiche gewesen ist, Lebensmittelpunkt für Menschen unterschiedlicher Ethnien, unterschiedlicher Sprachen und verschiedener Religionen. Sie war eine der Zentren des Römischen Reiches, dessen Kaiser Constantinus sie zur Hauptstadt ausbauen ließ. Auf ihn geht auch der Name Konstantinopolis zurück. Sie war Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, das sich um 395 n. Chr. durch die Teilung des Römischen Reiches im östlichen Mittelmeerraum gebildet hat. „Ostrom“ wurde Byzanz auch genannt, seine Einwohner entsprechend „Romyos“, Römer. Dieser Begriff galt über die Jahrhunderte für alle Bewohner, die griechisch-orthodox waren, also für Bulgaren, Rumänen, Griechen oder Albaner. Später dann, seit es den türkischen Nationalstaat zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab, wurden mit Romyi allein die griechischstämmigen Einwohner bezeichnet.

Der osmanische Name für die Stadt – Der-i-Saadet: Tor zur Glückseligkeit – macht geradezu auf poetische Art deutlich, welche Hoffnungen Konstantinopel/Istanbul bei vielen Menschen hervorgerufen hat. Als die wichtige und große Stadt im Bereich des östlichen Mittelmeers, als Stadt des Handels, der Baukunst und des Handwerks ist Istanbul immer ein Magnet für Zuwanderer gewesen. So erklärt auch Asderis, dass es kaum alteingesessene Familien in Istanbul gebe, dass im Türkischen gar ein Ausdruck für diejenigen existiere, deren Vorfahren seit mindestens sieben Generationen in Istanbul leben: Das nämlich seien die „Istanbuler aus sieben Bäuchen“.

Dieser Anziehungskraft Istanbuls erlagen auch die Ururgroßväter Andiris´. Der eine, Antonio Poldrugo, lebte in Triest unter habsburgisch-ungarischer Verwaltung. Als sich 1848 italienische Unabhängigkeitsbewegungen entwickelten, die Österreich-Ungarn aus Norditalien vertrieben wollten, schloss sich ihnen auch Poldrugo an. Nachdem diese Aufstände jedoch niedergeschlagen waren, entließ und inhaftierte das Habsburger Reich auch in der Triester Verwaltung diejenigen, die sich auf die Seite der Aufständischen geschlagen hatten. Um einer Haft zu entgehen, floh Poldrugo, so wie viele andere Gleichgesinnte auch. Dabei war Istanbul ein gutes Ziel, denn dort hatten sich schon vor Jahrhunderten genuesische und venezianische Familien niedergelassen, in jüngerer Zeit auch solche aus Triest. Es gab italienischsprachige karitative Vereine, die Neuankömmlingen mit Rat und Tat zur Seite standen. Und auch die Sprache schien kein Problem zu sein, denn in den von Europäern bewohnten Stadtvierteln, in Galata und in Pera, brauchten die Einwohner nicht osmanisch sprechen zu können, sondern kamen mit Griechisch und den verschiedenen italienischen Dialekten gut zurecht.

Auch Perikles Asderis machte sich ein paar Jahre später auf nach Istanbul. Er stammte aus der bitterarmen Gegend Epirus, in der Nähe zur albanischen Grenze, einem Gebiet also, das um 1870 nicht zu Griechenland, sondern zum Osmanischen Reich gehörte. Für ihn übten die Geschichten von Griechen, die es in Konstantinopel und Smyrna zu Wohlstand gebracht hatten, eine hohe Anziehungskraft aus. Über den Pfarrer wird er möglicherweise davon gehört haben, dass seine Landsmänner in Konstantinopel Vereine gegründet hatten, die den Zugewanderten halfen. Zwar kontrollierte das griechisch-orthodoxe Patriarchat die neu Ankommenden, die jeweils zwei Bürgen benötigten, um nach Istanbul ziehen zu können. Mit der Hilfe der Pfarrer vor Ort stellte das aber keine große Hürde dar. Und so fand auch Perikles sich dank der griechischen Vereine, die das gesamte gesellschaftliche Leben organisierten, schnell in der neuen Umgebung von Istanbul zurecht. Hier lernte er Eurydike, seine Frau kennen, fand Wohnung und Arbeit.

Ausgehend von Antonio und Theresa Poldrugo und Perikles und Eurydike Andiris zeichnet Michael Andiris die Geschichte seiner Familie in Istanbul nach. Dazu nutzt er die Erzählungen, die er aus der Familie kennt, sowie Dokumente, die in Familienbesitz sind oder die er in Archiven eingesehen hat. Gerade im Leben seiner Ururgroßeltern gibt es natürlich viele Leerstellen, die er kaum füllen kann. Immerhin kann er Institutionen aufzeigen, eben die Vereine, die sich um die Einwanderer kümmerten, und die damals geltenden gesetzlichen Regelungen. Da gab es zum einen für die europäischen Einwanderer, also die Poldrugos, eine rechtliche Stellung, die, bei Beibehaltung der europäischen Staatsangehörigkeit, quasi einem diplomatischen Schutz gleich kam. Und für die Bevölkerung des Osmanischen Reichs, also die Asderis, galt das System der Millet.

Zu einem Millet gehörten die Menschen einer Religion. Hier herrschte eine gewisse Autonomie, indem der religiöse Führer Vorgaben machen und Rechtskonflikte lösen konnte. So lebten die Menschen zusammen in Istanbul aber trotzdem nach Religionen geteilt in ihren Stadtvierteln, in denen sie ihre Sprachen sprechen, ihr kulturelles Leben leben konnten und ihrer Arbeit nachgingen. Auf diese Art scheint ein friedliches Zusammenleben der Menschen der verschiedenen Religionen, Ethnien und Sprachen gut funktioniert zu haben. Zu Problemen kam es aber dann, wenn es Berührungspunkte, womöglich noch konfliktäre, zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen gab. Denn dann galt das islamische Recht, dann wurden die islamischen Gerichte eingeschaltet, an denen Aussagen von Nicht-Muslimen gegenüber Muslimen nichts galten. Eine wirklich rechtliche Gleichstellung der Bürger gab es also nicht.

Während Asderis die Familiengeschichte weiter erzählt, stellt er auch immer wieder den historischen Kontext dar. Er erklärt immer wieder die sich ändernden rechtlichen Rahmenbedingungen der verschiedenen Religionsgruppen und bettet vor allem die Situation in Istanbul auch in die Entwicklungen zu einem türkischen Nationalstaat und in die Weltpolitik ein. So erklärt sich dann auch die Kategorisierung des Buches als „Erzählenden Sachbuchs“, einer Form, mit der die persönlich-private, also subjektiv, erfahrenen Erlebniswelt immer wieder mit einer objektiven Geschichtsschreibung verknüpft wird.   

Die Situation der Nicht-Muslime verschlechtert sich in Istanbul während der Zeit des 1. Weltkrieges deutlich. Bestrebungen, einen türkischen Nationalstaat zu gründen die Unterstützung der Armenier durch die Kriegsgegner England und Frankreich, die Auseinandersetzung mit Griechenland um Territorien, das alles erschwerte das Leben der Minderheiten in Istanbul. Und dann kam es am sogenannten „roten Sonntag“, dem 25. April 1915, zu den gut vorbereiteten Deportationen der armenischen Intellektuellen aus Istanbul. Dies war der Auftakt für die Vertreibung der Armenier, über die möglichst keiner der Istanbuler Journalisten, Professoren und Schriftsteller nach Europa berichten sollte.

In den 1920er Jahren, als die Minderheiten als Ursache für den Krieg zwischen Griechenland und der Türkei ausgemacht worden waren, als sich die Idee von Nationalstaaten mit einheitlicher Bevölkerung in Griechenland und in der Türkei durchsetzte, nahm auch die Ausgrenzung der Romyi zu:

„Armenier und Romyi, als Instrument der Einführung von Korruption und Illoyalität in unserem Land werden wir nicht übrig lassen.“ (So wird der spätere Staatspräsident der Türkei zitiert.)

Immerhin: Im Vertrag von Lausanne von 1923 wurden Armenier und Romyi als Minderheiten anerkannt und es wurden ihnen die gleichen Rechte zuerkannt, wie sie auch für die türkische Bevölkerung galten. Das hatte vor allem auch damit zu tun, dass es das wirtschaftliche Interesse der europäischen Verhandlungsmächte war, allen voran Großbritannien und Frankreich, die verbliebenen Romyi in der Türkei zu halten, denn die waren mit ihren Sprachkenntnissen und ihrer kaufmännischen Bildung vor allem die Handelspartner.

Ab der Generation der Großeltern, erst recht bei seinen Eltern, kann der Autor natürlich auf detailliertere Berichte und Schilderungen bestimmter Ereignisse zurückgreifen. Auch hier flankiert er seine zum Teil sehr detaillierten Erzählungen immer wieder mit Zusammenfassungen der politischen Ereignisse, der innenpolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen genauso wie der außenpolitischen. Gerade dieser zweifache Blick auf die wichtigen Ereignisse, dieser Blick aus verschiedenen Perspektiven auf das, was seine Familie über die Jahrzehnte erlebt hat, macht die Lektüre besonders. Denn hier wird deutlich, dass das Tor zur Glückseligkeit vor allem aus politischem Kalkül, immer dann nämlich, wenn die Romyi beispielsweise zur Verhandlungsmasse bei Auseinandersetzungen mit den europäischen Ländern wurden, häufig auch zum Tor zu großer Verunsicherung, zu großem Unglück werden kann. 1964 dann wandern auch Asderis Eltern aus. Der Vater, ein Stoffhändler, steht neben Tausenden anderen Romyi auf der in der Zeitung veröffentlichten Liste der Auszuweisenden.

Bis zu diesem Ereignis hat die Familie in den letzten Jahren vieles erlebt: Es gab Schilder an den Geschäften mit der Aufschrift: „Kauft nicht bei Griechen“, es gab Steuernachzahlungen für die Romyi, zum Teil so hoch, dass sie in den wirtschaftlichen Totalschaden führten, es gab die rassistische Hetze in den Tageszeitungen haben. Und am Abend des 6.9.1955 mussten sie, auch hier wieder nach einer politischen Auseinandersetzung mit Griechenland, einen Angriff des Mobs auf ihr Stadtviertel erleben, bei dem gezielt die Geschäfte von Griechen geplündert, ihre Wohnungen ausgeraubt und Menschen bedroht wurden. Asderis beschreibt dieses Ereignis aus der Sicht der Eltern, führt Dokumente an, die die Planungen der Regierung verdeutlichen, schreibt aber nie, was in anderen Quellen zu lesen steht, dass es sich um ein Pogrom handelte.

Asderis hat ein interessantes, ein vielschichtiges Buch geschrieben über die Geschichte seiner Familie in Istanbul. Ich habe nicht viel gewusst über Byzanz, über das Osmanische Reich, über die Gründung der Türkei und die vielen Ethnien, die in Istanbul lebten. Am Beispiel der lebendigen Erlebnisse seiner Familie, die für die Erfahrungen und Erlebnisse der vielen anderen Romyi in Istanbul steht, lässt sich die Geschichte von Migration, Heimat und Vertreibung sehr gut lesen. Die Stammbäume der Familien seines Vaters und seiner Mutter, die dem Buch zugefügt sind, helfen dabei immer wieder, sich in den Familien und Zeiten zurechtzufinden. Dass dabei auch der Blick frei wird auf die Auswirkungen des Nationalismus, auf die abwegige Idee, Staaten zu entwickeln, die aus einer homogenen Bevölkerung bestehen, ist ein weiteres Verdienst des Buches.

Michael Asderis (2018): Das Tor zur Glückseligkeit. Migration, Heimat, Vertreibung – die Geschichte einer Istanbuler Familie, Berlin, binooki

Ian MacEwan: Maschinen wie ich

Charlie Friend sitzt im Wartezimmer seines Arztes, denn ein eingewachsener Zehennagel am Fuß quält ihn. Und während er dort sehr lange warten muss, philosophiert er darüber, wie es denn zu diesem einzigartigen Augenblick gekommen ist:

„Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein. Das gilt für das kleinste wie für das größte. Wie leicht, eine Welt heraufzubeschwören, in der mein Zehennagel nicht eingewachsen war; eine Welt, in der ich, nach dem Erfolg eines meiner kleinen Projekte reich geworden, nördlich der Themse lebte; eine Welt, in der Shakespeare als Kind gestorben war und von niemandem vermisst wurde, eine Welt, in der die Vereinigten Staaten die Entscheidung getroffen hatten, ihre bis zur Perfektion getestete Atombombe über einer japanischen Stadt abzuwerfen; oder einer Welt, in der die Falklandtruppen nicht in den Krieg gezogen oder siegreich heimgekehrt waren, weshalb das Land jetzt nicht trauerte (…).“

Charlie Friends tief greifende Überlegungen beschreiben treffend Ian McEwans poetologisches Prinzip für seinen Roman: McEwan beschwört nämlich eine Welt herauf, die wir genau zu kennen und in der wir uns ohne weitere Schwierigkeiten zurechtzufinden meinen. Und doch lebt Charlie im Großbritannien des Jahres 1982, in dem die britischen Truppen beim Krieg um die Falklandinseln geschlagen werden. Margret Thatcher muss darauf hin zurücktreten, ihr Nachfolger fällt einem Attentat zum Opfer und die die britische Wirtschaft erleidet einen üblen Einbruch. Demonstrationen verschiedener Gruppierungen sind an der Tagesordnung. Trotz der bedrohlichen Nachrichten aus der politischen Welt aber zeigen weder Charlie noch seine Freundin Miranda auffällige Anzeichen von Angst und Besorgnis.

Und McEwan hat deutlich Spaß an dieser Version der Vergangenheit. Er malt sich aus, wie sich ein Album der Beatles anhören könnte, hätten sie sich zu Beginn der 1980er Jahre wieder zusammengefunden. Und er erzählt von ein paar kolossalen Staus – unter anderem im Ruhrgebiet! –, die entstanden sind, als sich Hacker der Rechenzentren für selbstfahrende Autos bemächtigt haben. Es dauert Tage, bis sich die Schlangen auf den Autobahnen entwirrt haben. Die Digitalisierung der Welt scheint doch so ihre Macken zu haben.

 In McEwans Welt ist Alan Turing, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Dechiffrierung verschlüsselter deutscher Funksprüche beteiligt gewesen ist und die Grundlagen der modernen Informations- und Computertechnologie entwickelt hat, nicht, wie in unserer Realität, durch eine aberwitzige Hormontherapie zur „Heilung“ seiner Homosexualität in den Tod getrieben worden. Er ist quicklebendig, lebt mit seinem Partner zusammen und arbeitet und forscht noch immer. Aus seinen Arbeiten ist ein neues und aufregendes Produkt hervorgegangen: Androiden, die dem Menschen bis aufs Haar gleichen, die lernen und sich weiterentwickeln, die moralische Entscheidungen treffen und immer der Wahrheit verpflichtet sind. Perfekte Maschinen also, die besser sind als der Mensch.

Charlie Friend hat sich einen dieser ersten Serie von 25 Androiden gekauft. Für seinen Adam hat er den stolzen Betrag von 82.000 Pfund hingeblättert. Dabei ist Charlie notorisch klamm. Er hat einmal Anthropologie studiert, hat als Steueranwalt gearbeitet und einen veritablen Steuerbetrug hingelegt. Einen schmalen Band über künstliche Intelligenz hat er verfasst, darin auch die Arbeiten seines Idols Alan Turing nachgezeichnet. Nach mal glücklichen, in der Summe aber gescheiterten Investitionen in diverse Finanzprojekte verdient er nun vom Schreibtisch im Arbeitszimmer seiner ziemlich maroden Zweizimmerwohnung durch den Handel mit Aktien gerade soviel Geld, dass er sich mehr schlecht als recht über Wasser hält.

Als er das Haus seiner Mutter verkauft hat, zögert er jedoch nicht und erwirbt Adam. Aus reiner Neugierde, wie er sich selbst eingesteht, weil er immer alle technischen Neuerungen sofort ausprobieren muss. Aber auch, um mit Miranda, seiner Mitmieterin, in die er sich verliebt hat, mit der Programmierung Adams ein gemeinsames Projekt zu haben. Denn schließlich braucht ihr Androide auch einen Charakter, dessen Parameter die Erwerber – angeblich – selbst gestalten können.

Und damit haben sich Charlie und Miranda ein Problem ins Haus geholt. Denn wie lebt man zusammen mit einer KI, die aussieht wie ein Mensch, sich bewegt wie ein Mensch und den Menschen in ein paar Tagen, wenn sie sich erst mit dem Wissen der Bibliothek Internet vollgesogen hat, intellektuell weit überlegen ist? Ist es dann noch in Ordnung, Adam den Abwasch machen zu lassen und das Unkraut zu jäten? Und wie soll Charlie damit umgehen, dass Miranda sich Adam ins Bett holt? So richtig überzeugend findet er ihr Argument, dass sie den Unterschied zwischen Adam und einem Vibrator nicht sehe, jedenfalls nicht. Adam seinerseits behauptet, er habe sich in Miranda verliebt und schreibt ihr Haikus. Ist es denkbar, rätselt Charlie, dass diese neuen Androiden die Mensch–Maschine–Grenze überschritten haben, dass sie eitel sind, stolz, wenn sie mit „Sir“ angeredet werden, dass sie sich gar verlieben können? Oder lernen sie so gut von den Menschen oder aus der Literatur – Adam versucht immer wieder, mit Charlie über die Figuren der Dramen Shakespeares zu diskutieren –, dass sie Gefühle in Algorithmen umsetzen können?

Beim Versuch Charlies, an Adams Ausschaltknopf am Hinterkopf zu gelangen, bricht Adam ihm die Hand. Nicht nur intellektuell, auch körperlich ist der Androide seinem Besitzer weit überlegen. Immerhin: Als Adam Charlies Aktienhandel übernimmt, wächst in kurzer Zeit ein schöner Gewinn an. Vielleicht kann Charlie seinen Traum vom Hauskauf endlich realisieren. Adam aber meint, dass ihm auch Geld zustehe, greift in Charlies Portemonnaie und kauft sich neue Kleidung.

Das Zusammenleben mit Adam wirft für alle Seiten einige problematische, durchaus auch moralische, Fragen auf. Für Charlie und Miranda an erster Stelle, die die Rahmenbedingungen für Adams Existenz vorgeben. Für den Hersteller der Androiden auch, denn der ist sicherlich mehr als überrascht, dass sich alle Exemplare der Reihe nach selbst so programmieren, dass sie sich nach ein paar Wochen schon irreparabel abschalten. Die beiden Eves, die in die für Frauen massiv einschränkende Gesellschaft Riads verkauft wurden, zuerst, aber auch der Adam, der in Kanada lebt, bei einem Holzunternehmer, der immer wieder in Konflikte mit Aktivisten gerät, die sich dem Abholzen des jungen Urwalds entgegenstellen. Ist Selbstmord bei Androiden denkbar?

Der Ich-Erzähler Charlie erzählt die Geschichte um sein Zusammenleben mit Adam chronologisch auf das Finale zu. Auch wenn er das offensichtlich aus einem gehörigen zeitlichen Abstand tut, vielleicht von heute aus, so bleibt er doch ganz eng beim Erleben seines jüngeren Ich, bleibt ganz eng bei seinen damaligen Beobachtungen und Reflexionen. Charlie ist – im Gegensatz zu Adam – mehr naturwissenschaftlich interessiert. Seine Ausführungen über einige Forscher der letzten Jahrhunderte und ihren Forschungsergebnissen mögen dieses Interessensgebiet belegen, mögen den charakterlichen Unterschied zwischen Charlie und Adam besonders herausstellen, sind manchmal aber auch langatmig und für die Geschichte selbst nicht wichtig.

Trotzdem: McEwan erzählt dem Leser eine unterhaltsame, eine manchmal vorhersehbare, oft aber auch unerwartbare Geschichte um den Androiden Adam. Und es wäre kein Roman von McEwan, wenn nicht wiederum ein moralisches Dilemma (*) auftauchen würde. Dabei handelt es sich um ein ganz aktuelles Thema, denn autonom fahrende Autos beispielsweise müssen Entscheidungen treffen, wie sie unter bestimmten Umständen reagieren. Während wir Menschen in diesen gefährlichen Situationen so schnell gar nicht rational entscheiden können, sondern dies „aus dem Bauch“ heraus tun, hat die künstliche Intelligenz durchaus Zeit genug, Alternativen durchzuspielen (**). Es kommt dann auf ihre Programmierung an, wie sie entscheiden. Auch Adam nutzt in der Dilemma-Situation, in der er sich befindet, seine Programmierungen und wirbelt damit ganz ordentlich Charlies und Mirandas Leben und ihre Pläne für die Zukunft durcheinander.

Wer also trifft die bessere, die moralisch integere Entscheidung, Adam oder Charlie? Wer ist gar der bessere Mensch, der Mensch oder die Maschine? Adam jedenfalls kann moralische Entscheidungen unabhängig von Sympathie und Liebe treffen, er kann Hände brechen, um sich zu schützen, er kann Haikus schreiben und behauptet zu lieben. Aber: Er kann weder so verrückt toben, wie es kleine Kinder tun und er kann schon gar nicht „die Welt so heraufbeschwören“, dass daraus ein Roman entsteht. Ein Roman, der in einer merkwürdig veränderten Vergangenheit spielt, aber die Fragen unserer Zukunft stellt und verhandelt.

Ian McEwan (2019). Maschinen wir ich, Zürich, Diogenes Verlag

(*) Zum Trolley-Problem hier entlang.

(**) Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar hat weltweit in den Entwicklungslaboren der KI untersucht, nach welchen Kriterien Programmierungen vorgenommen werden, damit z.B. autonom fahrende Autos oder auch autonome Waffen Entscheidungen treffen können. Den Radiobeitrag könnt ihr hier hören.

Am MIT ist ein Forschungsprojekt entstanden, mit dessen Hilfe untersucht wird, welche Anforderungen die Menschen an die Entscheidunegn der KI haben. Ein Ergebnis, darauf verweist auch Yogeshwar in seinem Radiobeitrag, ist, dass die Menschen unterschiedlicher Kultur auch unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie die KI sich entscheiden soll. Informationen erhaltet ihr hier, mitmachen könnt ihr auch.

Dave Eggers: Der Circle (#backlistlesen 2)

Mit der Lektüre von Dave Eggers Roman „Der Circle“ bin ich tatsächlich spät dran. 2014 ist der Roman schon in Deutschland erschienen, da bin ich irgendwie noch an ihm vorbeigekommen. Nun aber konnte ich mich nicht mehr entziehen, denn mein Literaturkreis hat sich für den „Circle“ entschieden. Ich bin schon gespannt, ob er meine Mitlesenden überzeugt hat. Mich jedenfalls nicht. Und das, obwohl er, wenn die gegenwärtige Facebook-Debatte berücksichtigt wird, so aktuell ist wie vor 5 Jahren.

Dave Eggers siedelt seinen Roman dort an, wo spannende Themen durchaus zu erwarten sind, nämlich mitten in der schönen, neuen Arbeitswelt eines Tech-Konzerns in Kalifornien. Dort ergattert Mae Holland durch Unterstützung ihrer Studienkollegin Annie einen Job und fühlt sich nach ihren Erfahrungen beim langweiligen Strom- und Gasversorger ihrer Heimatstadt wie im siebten Himmel, als sie an ihrem ersten Arbeitstag über den Unternehmens-Campus schlendert. Überall junge Leute, die in ungezwungener Atmosphäre auf dem park-ähnlichen Gelände arbeiten und gemeinsam Spaß haben, alles ist sauber und ordentlich und in den Pflastersteinen sind die wundervollsten Inspirationsbotschaften verewigt: „ Träumt“, „Bringt euch ein“, „Sucht Gemeinschaft“, „Seid innovativ“, „Seid fantasievoll“ – und – ja tatsächlich auch: „Atmet“. Und es wird ja noch besser: Es gibt einen Pool, den Sportbereich, die Cafeteria, es gibt Filmvorführungen um zwölf Uhr, um eins eine Selbstmassage-Demonstration, um drei Uhr einen Kurs zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur. Abends kommen Kongressabgeordnete vorbei, um sich vorzustellen, es gibt Live-Bands, die auf dem Campus auftreten, Kollegen veranstalten Themen-Partys und manchmal gastiert auch ein Zirkus. Natürlich gibt es ein Gesundheitszentrum, eine Notfallklinik, Bowlingbahnen und einen Supermarkt – und wer mal länger arbeitet oder feiert, wer tagsüber mal einen Rückzugsort für ein Mittagsschläfchen braucht, der kann sich im Wohnheim kostenlos ein Zimmer mieten, neue Kleidung zum Umziehen steht selbstverständlich auch zur Verfügung. Wer will bei einem solchen Angebot schon beim notorisch klammen und kein bisschen coolen städtischen Stromversorger arbeiten?

Mae ist natürlich völlig beeindruckt von diesem Angebot ihres hippen Arbeitgebers. Dass der sich, sie sitzt kaum am Schreibtisch, schon mal ein paar Papiere unterschreiben lässt, ja wirklich: echtes Papier mit einer echten Unterschrift, ohne dass Mae weiß, was sie unterschreibt, dass der ihr ein Tablet und ein superschickes neues Handy zur Verfügung stellt und dabei mal eben alle Daten ihres alten Handys auf das Tablet überträgt – „und es gibt außerdem ein Back-up in der Cloud und auf unseren Servern“ -, das alles verursacht dem Leser, der sich seit einem Jahr und in allen Lebenslagen mit der Datenschutzgrundverordnung befreundet hat, wesentlich mehr Schaudern als Mae.

Und auch ihre Arbeit vergrätzt Mae kein bisschen. Der „Customer Experience“ ist sie zugeteilt, der Abteilung, in der die Anfragen der Werbekunden landen. Ihr Job ist bestens vorbereitet, denn es gibt Antworten für die zwanzig häufigsten Wünsche und Fragen. Maes Aufgabe ist es, diese Vorgaben so umzuformulieren, dass jeder Kunde den Eindruck hat, dass er eine ganz und gar persönliche Antwort bekommen hat, eine ganz und gar menschliche Antwort. Schließlich arbeiten beim Circle ja Menschen, keine Roboter. Und Mae wird auch umgehend belohnt. Denn der Kunde bekommt, kaum hat er seine Antwort von Mae, einen Feedbackbogen, um Maes Arbeit zu beurteilen. Der erste Kunde gibt ihr gleich 100 Punkte – von 100 möglichen – und am Ende der Woche hat sie einen Durchschnittswert von 97. Glückwünsche von hunderten von Kollegen über das firmeninterne Netzwerk wirken besser als jedes Stück Schokolade. Diese ständige Punkte-Belohnung bei jeder ihrer Tätigkeiten vernebeln ihr, immerhin eine studierte Wirtschaftspsychologin, so scheint es, völlig das Hirn.

So startet Mae auf ihre „Heldenreise“, die sie geradewegs auf die dunkle Seite der Macht und in das Innere des Circle führt. Und währenddessen erhält der Leser eine Lektion in dem, was heute als Framing bezeichnet wird. Wenn Mae vergisst, sich bei der Werksärztin vorzustellen, dann schaut die ihr tief in die Augen und fragt, ob es denn tatsächlich nötig sei, die Arbeit so wichtig zu nehmen, dass Mae sich nicht einmal mehr Zeit für ihre Gesundheit nehmen könne. Die 14-tägigen Check-ups mit Blutbild, Ernährungsberatung und Überwachung des körperlichen Zustands seien Wellness-Komponenten, die das Unternehmen extra für die Mitarbeiter zur Verfügung stelle. Schon hat Mae ein Armband um, das sämtliche Körperfunktionen weiterleitet. Und in dem Smoothie, den sie dann trinkt, befindet sich auch der Sensor, der sich mit dem Handgelenksmonitor verbindet und die Daten misst. So erklärt es die Ärztin, nachdem Mae getrunken hat. Und natürlich werden sämtliche Daten in der Cloud gesammelt. Prophylaxe sei immer noch billiger als Krankheiten zu behandeln.

Wenn Mae ein Wochenende zu ihren Eltern fährt, wenn sie zum Kajak-Fahren geht und nicht in regelmäßigen Abständen in den sozialen Medien des Unternehmens postet und kommentiert, dann muss sie bei einem Gespräch mit ihrem Chef erklären, ob sie sich nicht wohl fühle im Unternehmen, ob sie sich nicht angenommen und akzeptiert fühle. Anders sei doch nicht zu erklären, dass sie die Circler so wenig an ihrem Leben teilhaben lasse. Ob sie sich nicht vorstellen könne, dass ihre Kolleginnen und Kollegen interessiert daran seien, was sie beim Paddeln durch die Bucht erlebe, warum sie keine Bilder des Seehundes poste, von dem sie erzählt habe, warum sie sich nicht mit anderen Kajakfahrern treffe und gemeinsam mit ihnen Touren unternehme. Sie sei doch für die anderen so wertvoll.

„Transparenz bringt Seelenfrieden.“ Und „Alles, was passiert, muss bekannt sein.“ So lauten die weiteren Leitsätze des Circle. Und in diesem Kontext werden auch die neuen Produkte des Unternehmens betrachtet: SeeChange zum Beispiel, winzig kleine Kameras, die nur einen Spott-Preis kosten und allerbeste Bilder liefern. Die hängen Circle-Anhänger gerade überall in der Welt auf. Alles wird nun überwacht, in jeder Ecke hängt nun eine Kamera, nichts entgeht den Beobachtungsaugen. Und mit einer Gesichtserkennung ist es für jeden möglich, diejenigen zu benennen, die sich vermeintlich oder tatsächlich unkorrekt oder gar illegal verhalten haben. Der Selbstjustiz, dem eifrigen Mob sind Tür und Tor geöffnet.

Oder ChildTrack, ein winziges Implantat, das schon ins Knochenmark Neugeborener eingesetzt werden kann, damit die Eltern immer wissen, wo ihr Kind ist, damit vor allem Kindesentführung gar nicht mehr möglich ist. Entfernen können die Kinder die Implantate später, wenn sie selbst über ihren Körper entscheiden können nicht mehr. Aber viele Unglücke durch verlorengegangene Kinder können verhindert werden. Und auch diese daten werden natürlich in der Cloud gesammelt.

Die Technologien, die hier in kürzester Zeit entstehen, sind erschreckend. Erschreckend ist auch, wie schnell sie die Gemeinschaft der Circler – innerhalb und außerhalb des Unternehmens – durchdringen und zum gesellschaftlichen Standard werden. Ohne dass es eine kritische Öffentlichkeit gibt und die Politiker, die sich dem Unternehmen noch entgegenstellen, sind so schnell mundtot, wie es in jeder guten Diktatur auch der Fall wäre. Das macht, parallel zu Maes kontinuierlicher Gehirnwäsche, den Spannungsbogen – oder besser: die Eskalation des Erschreckens – aus.

Zu einem wirklich spannenden Roman, zu einem Roman mit gut gestalteten Charakteren, zu einem Roman, der seine Thematik oder seinen Konflikt in verschiedenen Ebenen beleuchtet und reflektiert, reicht das aber eben nicht. Das mag daran liegen, dass es hier keinen wirklichen Gegenpart gibt zu den kruden Ideen des Circle und seinen nur vermeintlich gutmeinenden Leitsätzen, hinter denen gerade eine besonders perfide Art steht, Geld und Macht zu erlangen. Mae ist eben nicht die Gegenspielerin, aus ihrem Konflikt ergeben sich eben keine Reibungsflächen, die der Thematik Tiefe geben könnten – und richtige Spannung.

Auch Maes Charakter ist zu glatt, ihre Motivation, sich so schnell so sehr auf den Circle einzulassen, wird nicht klar. Reichen etwa ihre Rating-„Erfolge“ für eine dermaßen stupide und anspruchslose Arbeit, für die keine studierte Wirtschaftspsychologin nötig ist, um sie zu einem überzeugten Sektenmitglied zu machen? Die nicht einmal mehr merkt, wenn ihr Körper rebelliert von all dem Stress mit sieben Bildschirmen, die gleichmäßig und gleichzeitig mit völlig belanglosen Informationen gefüttert werden müssen, von der ganzen Überwachung und dem daraus folgenden Anpassungsdruck, von all ihrem sinnlosen Tun? Die nicht einmal die Probleme, die ihr selbst durch die Transparenz widerfahren einen Anlass geben, einmal nur nachzudenken und Konsequenzen auszuloten? Auch hier also ist keine Tiefe zu finden. Und über literarische Besonderheiten gibt es auch nichts zu berichten.

Nein, mich konnte der „Circle“ nicht überzeugen. Die Technik des Framings in so vielen, oft völlig durchsichtigen Varianten darzustellen, dem großen Vereinnahmer „Circle“ so gar keinen Widerstand entgegenzusetzen und allein auf die Wirkung von Schrecken und Grauen zu setzen – das ist einfach zu wenig.

Dave Eggers (2014): Der Circle, übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Köln, Verlag Kiepenheuer und Witsch

Francesca Melandri: Eva schläft (#backlistlesen 1)

Dieser Roman, so stellt die Autorin ihrem Buch voran, sei der erste Band einer Väter-Trilogie. „Alle, außer mir“, der im letzten Jahr erschienene Roman, der auch dieser Trilogie angehört, hat große Aufmerksamkeit erfahren, sodass die Autorin nun auch in Deutschland bekannt ist. So hat nun der Wagenbach-Verlag auch den älteren Titel „Eva schläft“ in sein Programm aufgenommen, den Roman, der eine andere Facette italienischer Geschichte erzählt, nämlich die Geschichte Südtirols, die den Rahmen gibt für die Suche nach dem verlorenen Vater, die – wie auch in „Alle, außer mir“ ebenfalls eine Suche ist nach dem Vaterland.

Gerade ist Eva aus New York nach Hause zurückgekehrt, ins Pustertal nach Südtirol, als sie der Anruf von Vito erreicht. Vito bittet sie, zu ihm zu kommen, ganz in den Süden Italiens, denn er möchte sie vor seinem Tod noch einmal sehen und sprechen. Und so macht Eva sich an einem Osterwochenende auf die Zugreise quer durch Italien. Dabei ist Vito nicht ihr leiblicher Vater. Vito ist einer der Carabinieri, die das Innenministerium zu Zeiten des bewaffneten Widerstands von Teilen der Südtiroler Bevölkerung gegen den italienischen Staat in den 1960er Jahren aus dem Süden der Republik in die Alpenprovinz beordert hat, um dort für Ruhe zu sorgen. Während Eva den italienischen Stiefel von Nord nach Süd durchquert, während sie dabei ihren Erinnerungen nachhängt und ihren (Lebens-)Reflexionen, gibt ein paralleler, historisch-chronologisch verlaufender Erzählstrang die Geschichte von Evas Familie wieder, angefangen bei ihrem Großvater Herrmann und fortgeführt bei Gerda, ihrer Mutter.

Herrmann verliert seine Eltern in einer Nacht des Jahres 1919 an die spanische Grippe. Da ist er 11 Jahre alt. Der erstgeborene Sohn Hans erbt den Hof, der so steil am Hang liegt, dass man bei starken Regenfällen die Erde aus dem Tal mit Tragekörben wieder nach oben holen muss. Herrmann muss sich nun als Tagelöhner verdingen bei den reicheren Bauern, die eine Hand brauchen können, die mit anfasst. So in ein hartes und einsames Leben entlassen, lässt er sich Jahre später schnell auf den Faschismus ein, erst den italienischen. Das verschafft ihm zumindest einmal eine Stelle als Lkw-Fahrer. Als er dann zum ersten Mal SA-Leute sieht, Goldfasane werden sie genannt, da verfällt er dem deutschen Faschismus und schließt sich ihnen an. Es ist die Zeit der „Option“, die Hitler und Mussolini den deutschsprachigen Südtirolern gewähren, die 1919 durch eine Laune der Nachkriegsverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich abgetrennt und Italien zugeschlagen wurden: Dass die Deutschen nämlich, wenn sie denn ihre Südtiroler Höfe aufgeben und ins Reich ziehen, dort einen vergleichbar großen Hof mit derselben Anzahl von Vieh bekommen werden, vielleicht in der Ukraine, einem Gebiet, das nun ja germanisiert werden muss. Herrmann entscheidet sich für Deutschland – und er traktiert seine ehemaligen Schulkameraden und Nachbarn, die die Option „Bleiben“ wählen, auf das Übelste.

Es ist eine überaus gelungene Erzählstrategie, die Geschichte Herrmanns und die Geschichte Südtirols so zu spiegeln, dass die persönliche Geschichte durch die politische erklärt wird und die politische durch die persönliche. So sind beide, das Land und die Figur, zum gleichen Zeitpunkt vater(land)los, zurückgewiesen, fremd und zu Bittstellern degradiert im vermeintlich eigenen Land, in dem auf einmal die eigene Herkunft und die eigene Sprache wertlos sind, weil Staat und Ämter auf eine schnelle Italianisierung drängen. Da sind Unverständnis, Groll und Wut, die sich irgendwann entladen werden.

Als Herrmann 1945 aus Deutschland zurückkehrt, wird seine Tochter Gerda geboren. Um den sozialen Frieden zu sichern, sprechen Dableiber und Zurückgekommene nicht mehr über ihre Entscheidungen. Aber die Rückkehrerfamilien haben es schwer, wieder Tritt zu fassen. Wohnungen finden sie nur da, wo die anderen nicht wohnen möchten, an den feuchten und – vor allem im Winter – sonnenarmen Hängen des Tals. „Schanghai“ werden diese Teile des Dorfes genannt – so trägt der Wohnort schnell zur Stigmatisierung der Familie und der Kinder bei. Überhaupt ist die Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren hart. Die Kinder müssen vor allem „funktionieren“ im Alltag, liebevolle Zuwendung von den Eltern lernen sie nicht kennen. So wächst auch Gerda zwar mit ihrem Vater zusammen, aber doch ohne seinen Zuspruch auf. Als dann in den 1960er Jahren die Anwerber der Meraner Hotels durch die Täler gehen, da stimmt Herrmann ohne Bedenken zu, dass Gerda als Hilfskraft in einer Hotelküche selbst für ihr Auskommen sorgt. Dass diese jungen Frauen „Matratzen“ genannt werden, das stört ihn nicht. Zum Glück hat Gerda keinen übergriffigen Küchenchef, der anderen Köche und Hilfsarbeiter kann sie sich locker erwehren. Dem Sohn des mittlerweile durch den Tourismus zu viel Geld gekommenen Klassenkameraden ihres Vaters, von dem sie glaubt, dass er sie liebt, dem erwehrt sie sich allerdings nicht. Zur Geburt ihrer Tochter landet Gerda bei den Nonnen.

So wird auch ihre Tochter Eva ohne Vater auswachsen. Den großen Teil des Jahres gar ohne Mutter, denn die arbeitet und lebt zehn Monate des Jahres im Hotel in Meran. Kinder sind da nicht vorgesehen. Eine Familie aus ihrem Dorf nimmt sich Evas an. Und Gerda kann nun auch ein bisschen ihr Leben genießen, wenn sie mit den italienischen Polizisten zum Tanzen ausgeht. Die Polizisten sind in großer Zahl in Südtirol stationiert, denn der Widerstand gegen die italienische Regierung wird zunehmend gewalttätig. Immer wieder gibt es Bombenattentate, gegen die Infrastruktur, gegen Denkmäler – und mehr und mehr auch gegen die Polizisten. Gerda lernt Vito beim Tanzen kennen, einen Mann, der es ernst meint, der sie mit ihrer Tochter akzeptiert, der Evas ältere Rechte beim Einschlafen bei der Mutter anerkennt, sie erst in ihr Bettchen trägt, wenn „Eva schläft“. Eva und Vito würden gerne heiraten – aber für eine richtige Beziehung zwischen einer Südtirolerin und einem italienischen Polizisten ist es für Gerda und Vitos Umgebung viel zu früh. Auch Eva wird ohne Vater aufwachsen.

  Melandris Geschichte um Gerda und Eva, um Gerdas Vater und ihren Bruder Peter, der den Weg in den Untergrund, den Weg zu den Attentätern wählt, ist lebendig und lebhaft erzählt. Vor Gerdas Durchhaltewillen, vor ihrer Disziplin, ihrer Neugier und Stärke muss der Leser wohl den Hut ziehen. Und nicht nur das: Gerda wird als so schön geschildert, dass die Männer ihr immer wieder reihenweise verfallen. Dann wird die Geschichte allerdings so kitschig, dass die Leserin meint, in einer rührseligen Schmonzette gelandet zu sein. Das ist schade, denn wenn der Roman auch nicht mit ganz besonderen literarischen Finessen aufwartet, so ist die Verknüpfung von Gerdas und Evas Geschichte mit den Auseinandersetzungen in Südtirol doch eine Lehrstunde in italienischer Geschichte. So, wie Melandri ja auch in „Alle, außer mir“ am Beispiel der Familie Profeti den Kolonialismus und Rassismus der Faschisten in Afrika erzählt.

Eine Stärke des Romans wiederum liegt in der Vielschichtigkeit der Perspektiven auf die konfliktreiche politische Situation. Da ist Herrmann, der sich nach 1919 als deutschsprachiger Südtiroler mehr und mehr als Fremder in der Heimat fühlt und sich schnell vom Faschismus einwickeln lässt. Seine Schulkameraden aber, die immerhin die Höfe der Eltern geerbt und insofern ein Auskommen haben, akzeptieren die Situation. Oder nutzen die touristische Entwicklung des Tales gar zu eigenen Geschäftsideen. Da ist Herrmanns Sohn Peter, der wegen des Makels seiner Herkunft in den 1950er und 1960er Jahren keine Arbeit findet in den Bozner Fabriken. Die stellen vor allem Italiener ein, bekommen dafür eine mehrjährige Steuerfreiheit und tragen so dazu bei, die Bevölkerungsanteile zu ändern. Peter wendet sich dem bewaffneten Widerstand zu, mit dem Ziel für die vermeintliche Familie der deutschsprachigen Südtiroler zu kämpfen. Die deutsche Familie aber denkt aber gar nicht so familiär, denn Gerdas Chefin beutet ohne mit der Wimper zu zucken ihre deutschsprachigen Mitarbeiter in Hotelküche und Service aus, so gut sie es kann.

Eine zusätzliche Perspektive gewinnt Melandri durch den weiteren Erzählstrang, der sich der politischen Arbeit Silvius Magnanos widmet. Der ist Südtiroler Landeshauptmanns und spricht sich in den 1960er Jahren gegen die Gewalt durch Anschläge aus. Im Gegenzug verhandelt er lange Jahre und mit unendlich viel Geduld für die weitreichende Autonomierechte Südtirols in Rom. Als die endlich Zuspruch in seiner Partei finden, das ist 1969, hört auch der bewaffnete Widerstand auf. Es dauert dann aber noch bis zu Beginn der 1990er Jahre, bis diese Autonomierechte auch rechtlich bindend werden.

Eva, die im 21. Jahrhundert als Eventmanagerin ihr Auskommen gefunden hat und als Kosmopolitin ganz selbstverständlich über die Kontinente reist und die – 2010 ja tatsächlich – unsichtbaren Grenzen der europäischen Länder überquert, kommt immer wieder nach Hause ins Pustertal zurück. Sie ist die moderne Europäerin, die sich in ihrem deutschsprachigen Tal ebenso zurechtfindet wie in Rom oder in New York. Und sie besucht auch Vito, den Süditaliener, der beinahe ihr Stiefvater geworden wäre.

Francesca Melandri (2010/2018): Eva schläft, aus dem Italienischen von Bruno Genzler, Berlin, Verlag Klaus Wagenbach

Elizabeth Strout: Alles ist möglich

„Alles ist möglich“, meint die Beratungslehrerin Patty und verspricht der fünfzehnjährigen Schülerin Lila Lane, ihr einen Platz am College zu beschaffen und das Geld für ein Studium, wenn Lila das möchte. Lilas Noten seien so gut, da könne sie ein Studium beginnen. Lila fängt an zu weinen. Weil sie immer weinen muss, wenn jemand nett ist zu ihr. Und das kommt in ihrer Familie nicht oft vor.

Schon vor ein paar Tagen hat Lila in Pattys Büro gesessen. Das Gespräch ist jedoch völlig anders verlaufen, denn Lila war arrogant und respektlos. Sie hat sich über Pattys ernsthaftes Lob lustig gemacht, hat Pattys Fragen nach ihren Berufswünschen nicht beantwortet, sondern Patty stattdessen gefragt, ob die Bilder der Kinder, die auf der Kommode stehen, ihre eigenen seien. Und das obwohl sie doch ganz genau weiß, dass Patty keine eigenen Kinder hat. Und erklärt hat Lila:

„Weil Sie und Ihr Mann nie zusammen in der Liste waren, stimmt´s?“ Das Mädchen stieß ein Lachen aus; ihre Zähne waren schlecht. „Das heißt es nämlich über Sie, wussten Sie das? Fatty Patty und ihr Mann waren nie zusammen in der Kiste, und überhaupt hat sie´s noch nie mit einem gemacht. Sie sind immer noch Jungfrau heißt es.“ „Raus hier, du mieses Stück Abschaum“, ist Pattys Reaktion.

In Elizabeth Strouts Roman wird gelästert und gedroht, es wird gelogen und betrogen, es gibt sexuellen Missbrauch in verschiedener Gestalt, die Gewalt durch die Macht der Eltern, die Gewalt der Armut, die von einer wenig Anteil nehmenden Nachbarschaft zu Stigmatisierung und Ausgrenzung führt. Strout erzählt also in vielen Facetten von den Dingen, die Menschen anderen Menschen antun können. Das könnte eine sehr deprimierende und niederschmetternde Lektüre sein. Aber das ist das Lesen ihres Romans ganz und gar nicht: Das Gegenteil ist der Fall.

Und das liegt nicht nur daran, dass sie den vielen üblen Erfahrungen, die ihre Figuren machen, auch das Streben nach Glück und Liebe entgegensetzt, die Suche nach einem besseren Leben. Und ein besseres Leben kann sich schon einstellen, wenn man ein gutes Buch liest, wenn man verzeihen kann, wenn man eine Situation annehmen kann, wie sie ist. Oder wenn man es eben nicht hat mit dem Verzeihen, wenn es für die eigene Seele besser ist, den Konflikt beim Namen zu nennen.

Patty ruft nach dem denkbar schlecht gelaufenen Gespräch mit Lila, der sie doch mit ihrem Studien-Angebot einen Weg aus der Armut weisen wollte, ihre Schwester Linda an. Ein bisschen Beistand hat sie sich wohl gewünscht, ein bisschen Verständnis für ihren Ausspruch vom Abschaum, für den sie sich jetzt schon schämt. Die Unterstützung kommt sofort, macht es Patty aber auch nicht leichter:

„Erinnerst du dich denn nicht? Sie waren Gesocks, Patty. Gott, mir fällt gerade wieder ein, dass sie diese – was waren das? Irgendwelche Verwandten von ihnen eben. Der Junge hieß jedenfalls Abel. Grundgütiger, war das ein Früchtchen. Er ist immer in den Müllcontainer hinter Chatwin´s Café gestiegen und hat da die Abfälle nach Essensresten durchgewühlt. Ich meine, so hungrig kann doch kein Mensch sein. Warum macht jemand so was? Aber er hat sich ja nicht einmal geschämt, das weiß ich noch. Mir ist immer ganz schlecht geworden bei dem Anblick. Offen gesagt wird mir jetzt noch schlecht.“

So abfällig und unreflektiert spricht also Linda. Von der Patty aber bei ihrem Telefongespräch den Eindruck hat, dass sie nicht zuhöre, sich gar nicht für ihren Streit mit Lila interessiert. Patty hat oft den Eindruck, dass Menschen einander nicht zuhören, weil sie oft nur mit sich selbst und ihren eigenen Problemen beschäftigt sind und sich nicht auf ihr Gegenüber einlassen. In einem späteren Kapitel erfahren wir dann, dass Patty Recht hat mit ihrem Eindruck, denn Linda steckt gerade in einem großen Gewissenskonflikt. Sie weiß nämlich genau darüber Bescheid, dass ihr Mann das Gästezimmer des Hauses mit Kameras ausgestattet hat, um am Laptop seine Kundinnen ungestört zu beobachten. Und auch Linda schaute dabei früher ganz gerne zu. Linda weiß auch, dass er den weiblichen Gästen gerne mal nachstellt. Gerade hat er eine der Frauen in ihrem Zimmer überrascht, sodass sie, nur noch in Unterwäsche bekleidet, auf die Straße geflohen ist. Nun liegt bei der Polizei eine Anzeige gegen ihren Mann vor. Auf Linda und ihre Aussage kommt es jetzt an. Linda aber, die doch so trefflich über Armut urteilen kann, wird ihren Mann nicht belasten.

Wie in einem Episodenfilm erzählt Strout ihren Roman in neun Erzählungen, in denen jeweils eine andere Protagonistin, ein anderer Protagonist im Vordergrund stehen. So gibt es auch keinen richtigen Plot, kein spannendes Finale, auf das der Roman zusteuert. Stattdessen zeigen die Geschichten nicht mehr und nicht weniger als Freud´ und Leid des normalen Lebens. Strout erzählt mitten aus dem Alltags-Leben ihrer Protagonisten und doch ist das kein bisschen langweilig, kein bisschen schleppend oder betulich. Denn Strout schaut genau hin, entwickelt ihre Figuren in den Situationen bis ins kleinste Detail und zeigt die Fülle an Erlebnissen in den Leben ihrer Figuren, ohne dass dies konstruiert wirkt. Und Strout verrät keine ihrer Figuren, denn selbst die Figuren, die die eine oder andere charakterliche Tugend vermissen lassen, sind so gezeichnet, dass wir für diesen Mangel Verständnis entwickeln können.

So lernen wir diese Menschen aus der amerikanischen Provinz mit all ihrem oft erschreckend engen und ausgrenzenden Denken und ihren Vorurteilen gut kennen. Und wir sehen Elizabeth Strout uns geradezu zuzwinkern, wenn sie zwar eine ihrer Erzählungen über die Exklusion von Homosexualität im bäuerlichen Milieu ansiedelt, dann aber erzählt von der lesbischen Pastorin, die neu in ihr Amt eingeführt wird.

Zusammengehalten wird der Roman dadurch, dass die Figuren, mit einer Ausnahme, alle aus der Kleinstadt Amgash stammen, die der ehemalige Hausmeister der Schule Tommy Guptill als „heruntergewirtschaftet“ bezeichnet und die inmitten von Mais- und Sojabohnenfeldern rund eine Autostunde von Chicago entfernt liegt. Die meisten Figuren leben in gesicherten finanziellen Verhältnissen, aber sie tragen eben die diversen Traumata ihrer Kindheit oder die grausamen Erinnerungen an die Erlebnisse im Krieg in Europa oder Vietnam mit sich. Durch die episodische Konstruktion und dadurch, dass die Figuren sich untereinander kennen, erfahren wir im Laufe des Romans dann immer wieder, wie die eine oder andere Geschichte sich weiterentwickelt hat.

Ein weiterer roter Faden ergibt sich durch Lucy Barton und ihr neu erschienenes Buch. Das liegt in den Buchhandlungen im Ort natürlich gut sichtbar auf einem Extra-Tisch. Ein bisschen Stolz auf die ehemalige Nachbarin – auch wenn sie und ihre Familie früher einen willkommenen Anlass für Klatsch und Tratsch boten –, die nun eine berühmte New Yorker Schriftstellerin ist, spielt sicher eine Rolle. Und so kommt Lucy Barton und ihr Buch in den Gesprächen der verschiedenen Figuren auch immer mal wieder vor.

Patty, die gerne in den Buchhandlungen stöbert, findet am Nachmittag ihres Streitgesprächs mit Lila dieses Buch und kauft es. Es stellt sich als eine Biografie heraus, in der Lucy auch über ihre Kindheitserlebnisse erzählt. Und Patty hat die Lektüre zutiefst beeindruckt:

„In ihrem Buch sprach Lucy Barton von den Wegen, die die Menschen sich suchten, um auf andere herabblicken zu können, und Patty hatte das Gefühl, dass das stimmte. […] Lucy Bartons Buch hatte sie verstanden. Das war es – das Buch hatte sie verstanden. Diese Süße wie von einem gelbfarbenen Bonbon füllte ihr immer noch den Mund. Lucy Barton wusste, was Scham hieß, o Gott, wie gut wusste sie das. Und sie hatte diese Scham hinter sich gelassen. „Puh!“, sagte Patty, als sie den Motor abstellte. Und sie blieb noch eine Weile im Auto sitzen, bevor sie schließlich ausstieg und hineinging.“

Auch Patty überwindet ihre Scham und ihren Groll. Und sucht noch einmal das Gespräch mit Lila. Sie erklärt und entschuldigt ihren bösen Ausspruch über den „Abschaum“. Und bietet Lila erneut an, ihr bei der Studienplatz- und Geldsuche zu helfen.

Es sind diese Szenen in den Erzählungen, in denen uns auch Elizabeth Stouts Roman vorkommt, wie ein süßes gelbfarbenes Bonbon, das langsam auf der Zunge zergeht.

Elizabeth Strout (2018): Alles ist möglich, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, München, Luchterhand Literaturverlag

Aufmerksam geworden bin ich auf Strouts Roman durch Petras Besprechung auf ihrem Blog literaturreich.

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer

Wie brüchig eine Existenz sein kann, das erfährt Sonja Bräuning mit über sechzig. Fast geflohen ist sie vom Bodensee nach Wales, ans Ende der Welt, könnte man meinen, dorthin, wo der Blick aufs meistens wild tosende Meer Weite und Grenzenlosigkeit und Ewigkeit verspricht – und die größtmögliche Freiheit, weil sie sich hier Tag für Tag für oder gegen das Leben entscheiden kann.

Zu einem Zeitpunkt, zu dem Menschen ihres Alters darüber nachdenken, wie sie die Zeit ohne Arbeitsverpflichtung verbringen wollen, steht Sonja da mit einem in die Jahre gekommenen Hotel, das dringend renoviert werden müsste, und so hohen Schulden, dass die Banken im Ort, deren Vertreter jahrelang bei ihr ein- und ausgegangen sind, ihr kein weiteres Geld mehr leihen. Selbst Arno, ihr Schwager, der in besseren Zeiten mit seinem Bruder und dessen Michelin-Stern geprahlt hat, gewährt ihr keinen Kredit mehr. Er drängt sie aus dem Haus, das früher einmal die Gaststätte seiner Eltern gewesen ist, eines der „bodenständigen“ Häuser, in denen die Sauce zum Braten aus der Tüte kam.

Bruno und sie haben Restaurant und Hotel in ganz andere Bereiche geführt. Dafür hat Bruno einen Michelin-Stern bekommen. Jahrelang haben die nobelsten Fahrzeuge aus Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern auf ihrem Parkplatz geparkt, haben die Gäste den exquisiten, jeden Tag frisch aus Paris eintreffenden Fisch gegessen und die im Weinkeller eingelagerten edlen Tropfen getrunken. Und Bundeskanzler Kohl hat seinen Staatsgast Chirac nicht zum Essen von Saumagen in die Pfalz geführt, sondern ist bei ihnen eingekehrt. Bruno hat gekocht, um die Gäste mochte er sich nicht kümmern. Von Tisch zu Tisch zu gehen, das war nicht sein Ding. Das hat Sonja übernommen, hat sich mit den Gästen unterhalten, hat sich um ihr Wohlergehen gekümmert, hat überhaupt alle Aufgaben übernommen, die nicht zum Hoheitsgebiet des Chefkochs gehörten.
Und nun liegt das alles, liegen dreißig Jahre Arbeit in Scherben vor ihr. Als Brunos Stern abhandengekommen war – und er war nicht schnell, nicht geistesgegenwärtig genug, um ihn selbst zurückzugeben, wie andere in seiner Situation es tun – , und die Kosten für das gute Essen und die guten Getränke schon gar nicht mehr über die Stern-angemessenen-Preise zurückfließen konnten, als sich zur persönlichen Schmach auch die kaum noch aufzufangenden finanziellen Probleme gesellten, da zog Bruno sich mehr und mehr in den Weinkeller zurück. Und nun ist Bruno gestorben, vielleicht wegen des Alkohols, vielleicht war es auch Selbstmord.

Die Versuche Sonjas, in anderen Hotels unterzukommen, scheitern, vor allem wegen ihres Alters und weil ihre Kenntnisse im modernen Hotelmanagement nicht auf den aktuellen Stand sind. Auch der Schwager macht Druck und so ergreift Sonja den Strohhalm, den ihr der englische Stammgast, Mr Pettibone, angeboten hat: sie will das Hotel seines Onkels an der walisischen Küste führen, in Abydyr. Dort lebt Sonja nun schon seit drei Jahren. Viele Tage stehen alle Zimmer leer, an manchen Tagen kommen ein paar Fernwanderer vorbei, manchmal ein paar Urlauber. In die Hotelkneipe sitzen des Abends immer ein paar Menschen aus dem Ort, um ihr Bier zu trinken. Mit dem ehemaligen Glamour ihres Hauses und ihrer Gäste am Bodensee hat dies hier wahrlich nichts zu tun: „Gegen freie Logis und ein besseres Trinkgeld verwaltet sie den schieren Stillstand.“

Karl-Heinz Otts Roman ist auf den ersten Blick die Geschichte des Niedergangs des hochdekorierten Restaurants der Bräunings am Bodensee. Das – aus vielen möglichen Gründen – die Auszeichnung verliert und das Ehepaar in einen langsamen, aber stetigen Abstiegsstrudel gerät. Eine Geschichte darüber, wie nah Erfolg und Misserfolg nebeneinanderliegen, welche verheerenden Konsequenzen diese von außen erst zugewiesene und dann entzogene Auszeichnung auch und vor allen Dingen auf das Innere der Menschen hat.

Auf den zweiten Blick aber ist dieser Roman aber auch eine Meditation über Verluste. Sonjas ganzes Leben ist davon geprägt: Erst hat sie ihre Eltern verloren, die es zurück in die USA zog, wo der Vater herstammte, und die das Baby lieber der Großmutter abgaben. Dann wurde die Großmutter vergesslich, Sonja musste ins von Nonnen geführte Internat ins Voralpenland ziehen. Zur Beerdigung der Großmutter durfte sie nicht fahren. Dann vermittelten die Nonnen ihr eine Ausbildung im Hotel in St. Moritz. Schon bei der Hinfahrt fühlte sie sich von den Bergen und Felsen eingesperrt, bekam Atemnot von der Enge der Täler. Aber sie lernte Bruno dort kennen, dem sie sich sofort nah fühlte, wegen seiner Zurückhaltung, seiner Scheu. Und so kam sie in den Lindenhof, wieder in eine Gegend mit Blick auf die Berge, wohin sie doch nie mehr wollte. Mit einer Schwiegermutter, die nicht begeistert war von der Wahl des Sohnes und sie als Aschenputtel bezeichnete. Und dann, in der Zeit des langsamen Abstiegs, als Bruno immer öfter seine Abende alleine im Keller verbrachte, verlor sie auch ihn – oder hatte ihn vielleicht auch schon früher verloren, in den immerwährenden Anstrengungen, um aus der Dorfkneipe ein angesehenes Haus zu machen.

„Sicherlich hatte sie ihn sogar geliebt, ohne zu wissen, wo wahre Liebe beginnt und bloßes Mögen endet. Jedenfalls hatten sie sich sofort gut vertragen, wie auch später noch, mal mehr, mal weniger, wie es die Tage eben mit sich brachten. Sie war froh, jemanden um sich zu haben, mit dem man sich vertraut fühlte und den man bestens zu kennen meinte, auch wenn er wenig redete. Seine Treue besaß etwas so Selbstverständliches, dass man gar nicht von Treue reden musste. Man gehörte zusammen durch die Arbeit und überhaupt, auch in Zeiten, die ihn von ihr wegrückten.“

Es ist ein melancholischer Erzählton, der Sonjas Gedanken, Erinnerungen und Reflexionen ausbreitet. Der deutlich macht, dass sie ihre Situation nun, mit dem zeitlichen und räumlichen Abstand, sehr genau zu analysieren weiß, der aber auch ihre innere Leere zeigt, zeigt, dass sie sich selbst verloren, dass sie lange Jahre schon mehr funktioniert als gelebt hat, sich nun nur noch als „man“ betrachtet. Als Kontrapunkt dazu dienen die Beschreibungen der rauen und tosenden See in Wales. Und wirklich ist Sonja vor allem nach Wales gezogen, weil sie so eine Sehnsucht hatte nach dem Meer. Beim ersten sintflutartigen Regen zieht sie ein Regencape über ihr Nachthemd,

„schlüpfte in ihre Sandalen, stiegt die drei Stockwerke hinab zum Ausgang, kämpfte sich über die Straße, krallte sich am Küstengeländer fest und ließ die Brecher auf sich einstürzen. Die Brandung schlug ihr ins Gesicht, ihre Augen brannten, sie konnte nichts mehr sehen. Sie wusste nicht, was stärker war, ihr Wille zu überleben oder ihr Wille aufzugeben.“

Den Verlusten stellt Sonja Lebensentwürfe entgegen, in denen Menschen sich ihre Freiheit zurückerobert haben. Einer ihrer hochbetagten Gäste hat sich eine Woche aus seinem Altersheim hinausgestohlen, ein Kollege aus dem Hotelgewerbe führt nun sein eigenes Haus, in dem er seine Philosophie umsetzte, jedem Gast ehrlich zu sagen, was er vom ihm hält. Und jeden Morgen macht Sonja ihren Spaziergang auf den Klippen am Meer, jeden Morgen betrachtet sie die Wellen, den Horizont, den Himmel und die Möwen und jeden Morgen genießt sie den Luxus der Freiheit, entscheiden zu können, ob sie den Tag leben möchte oder nicht.

In seinem knappen Roman leuchtet Karl-Heinz Ott grandios die Biografie einer Frau aus, die im Alter und erst nach sehr schmerzlichen Erlebnissen zu ihrer Autonomie zurückfindet. So eine Geschichte könnte schnell im kitschigen Selbstfindungsjargon enden. Dem entgeht Ott aber durch seine allen Verlusten zum Trotz starke Frauenfigur, die ebenso leicht und fein erzählend sowie klar beobachtend und reflektierend ihrer Lebensgeschichte auf den Grund geht. Und dabei einige Mechanismen zu Tage fördert, die auch die Leser nachdenklich stimmt.

Karl-Heinz Ott (2018): Und jeden Morgen das Meer, München, Carl Hanser Verlag

A.L. Kennedy: Süßer Ernst

Über Meg und Jon sind schon einige Lebensstürme hinweggefegt. Und haben mit Kratzern, Verletzungen und tiefen Wunden ihre Spuren hinterlassen. Meg Williams, Mitte Vierzig, ist als Wirtschaftsprüferin in eine Insolvenz geraten. Nun lebt sie, seit ziemlich genau einem Jahr trockene Alkoholikerin, im ererbten Haus ihrer Eltern, das die besten Tage schon lange hinter sich hat, und kümmert sich im Tierheim halbtags um die Rechnungen. Sie ist traurig, hält sich die Menschen in ihrer Umgebung auf Abstand und beurteilt alles mit spitzer Zunge. Jon, Ende Fünfzig, ist geschieden und in ein Einzimmerapartment in einem heruntergekommenen Stadtteil gezogen, auch wenn er sich eine andere Umgebung durchaus leisten könnte. Er arbeitet als Vize-Direktor in der PR-Abteilung eines Ministeriums und lässt die Skandale der Politiker sowie die nicht weniger skandalträchtigen politischen Entwicklungen durch eine elegante Wortwahl immer wieder in einen positiveren Rahmen stellen. Die Erfahrungen seines Lebens haben ihn wütend gemacht – und zynisch. Die Nähe zu anderen Menschen meidet er.


A.L. Kennedy hat für die Rollen der Protagonisten ihres Romans zwei Figuren ausgewählt, die nicht gerade als strahlende Helden erscheinen. Damit sind sie uns Lesern ja nicht unähnlich: mehr oder weniger gezeichnet vom Leben, aber mit dem Willen, es doch noch besser hinzukriegen. Und so begleiten wir Meg und Jon an diesem Tag, es ist Freitag, der 14.4.2015, der ein besonderer Tag für sie werden soll. Denn sie haben sich für den Nachmittag zum Essen verabredet. Und beide sind sie ungeheuer aufgeregt wegen dieser Verabredung, sind gleichermaßen nervös wie voller Freude, so wie es eben ist, wenn man sich verliebt hat – den Erfahrungen des Lebens zum Trotz.

Dass das überhaupt passiert ist, ist schon eine großartige Geschichte. Jon nämlich bietet über Zeitungsannoncen Frauen an, ihnen Liebesbriefe zu schreiben. Zehn Briefe werden es sein. Und wenn sie mögen, können sie zurückschreiben. Meg ist eine von Jons „Kundinnen“, die auf ihre Briefe Antworten verfasst. Und über diese Korrespondenz, allein über den völlig altmodischen Austausch von handgeschriebenen Worten, ist das Verlieben passiert. Das würde nicht weiter führen, denn Jon hat sich für diese ausgefallene Autorenschaft nicht nur ein Pseudonym zugelegt, sondern auch ein Postfach aus dem er wöchentlich die lagernden Liebesbriefe abholt. Im Café gegenüber beobachtet Meg den Eingang zur Postfiliale, wägt ab, welcher der Männer „ihr“ Mr August sein könnte – erkennt ihn und spricht ihn an. Sie trinken einen Kaffee zusammen, reden erste Sätze, aber Jon, völlig überrumpelt, hält das Treffen kaum aus, flieht fast. Aber sie halten Kontakt, schreiben Handynachrichten, telefonieren – und verabreden sich wieder: am Bahnhof London Bridge, am Freitagnachmittag.

An diesem Morgen wandert Meg um 6:42 Uhr, weil sie nicht mehr schlafen kann, in Gummistiefeln und einem Mantel über dem Pyjama durch den Park oben auf dem Telegraph Hill in der Nähe ihres Hauses. Mit dem zunehmenden Licht der aufgehenden Sonne hat sie die Gebäude in der Umgebung angeschaut, viktorianische Gebäude, nebeneinander aufgereiht, mit Lücken, die durch die V-1- und V-2-Raketen entstanden sind und in denen neue, geschmacklose, wie sie findet, Gebäude gebaut wurden. Meg vermutet, dass sich heute niemand mehr für die Schäden interessiert, auch wenn irgendwo eine Gedenktafel daran erinnern soll. Sie allerdings, so denkt sie, interessiert sich genau auf diese Schäden, „für Schäden und Lücken. Konnte beides lehrreich sein.“ Als die Sonne höher steigt, kann sie auch die Londoner Skyline an der Themse betrachten mit ihren auffälligen architektonischen Orientierungspunkten: der „komplizierte Metallzylinder“ in der Nähe von Vauxhall, die Turbinen, die „unsicher über Elephant & Castle aufragen“, der „riesige Glaszapfen bei der London Bridge“. Dort wird sie heute Nachmittag sein, dort wird sie Jon wieder treffen, „am Bahnhof London Bridge“, hat er gesagt.

Während Meg durch den Park wandert, gießt Jon die Blumen seiner Ex-Frau in seinem Ex-Haus. Und entdeckt dabei einen kleinen Vogel, der sich in den Maschen eines Netzes verfangen hat. Er befreit ihn, unter den wachsamen Augen der Vogelmutter. Doch dann passiert das Missgeschick: Vogelkot landet auf seiner Anzughose. So kann er auf keinen Fall ins Ministerium. So kann er nicht zur Arbeit gehen, nach Hause fahren scheidet ebenfalls aus, er ist jetzt schon spät dran. Vom Berufsverkehr ganz zu schweigen.

Und dann kommt zu allem Unglück der Anruf von Samson, dem Sonderberater aus einem anderen Ministerium, der Jons Hilfe einfordert. Einer der Abgeordneten hat mal wieder über die Stränge geschlagen und einer farbigen Aktivistin aus der eigenen Partei „I like Big Butts“ zugerufen. Das ist der Abgeordnete, der letztens auf einer Reise nach Leipzig schon einen markigen Spruch über die Deutschen auf Lager hatte. Dieses Mal ist er gefilmt worden. Und das im Wahlkampf. Jon denkt aber im Traum nicht daran, Samson zu helfen und freut sich diebisch, als der fluchend auflegt. Das Hosenproblem wird er lösen, wenn er sich mit dem Taxi erst zu einem Laden und dann zum Ministerium bringen lässt.

Kennedy versteht es auf exzellente Weise, uns Leser am Leben ihrer Protagonisten teilhaben zu lassen. Parallel erleben wir die Geschichten von Jon und Meg im Verlauf des Tages. Die distanzierte Sie- bzw. Er-Perspektive wechselt dabei ständig mit dem nicht aufhörenden Gedankenfluss Jons und Megs. Die Erzählperspektiven verzahnen sich so miteinander, dass auch für den Leser eine Atemlosigkeit entsteht, die sehr genau das gehetzte Leben dieser beiden Protagonisten bei ihren Wegen von Termin zu Termin, von Ort zu Ort mitempfinden lässt.

Es sind jeweils Alltagsszenen, von denen Kennedy erzählt: Megs Untersuchung beim Arzt, Jons kurzfristig einberaumter Termin bei Samsons Minister, Megs Arbeit im Tierheim, Jons Treffen mit einem Journalisten, Megs Besuch bei den anonymen Alkoholikern und so weiter, bis sie sich schließlich mitten in der Nacht doch endlich treffen. Und alle diese alltäglichen Szenen, alle normalen Tagesroutinen sind dann doch wieder Anlässe für Erinnerungen an die eigenen Lebensgeschichten, Anlässe für genaue gesellschaftliche Analysen, bieten vor allem ein ums andere Mal den Anlass, im privaten Erleben das Politische zu entdecken. Dabei durchleben wir, wie auf einer Achterbahnfahrt, alle Gefühlslagen der Protagonisten mit: Das euphorische Verliebtsein, die kritisch kreisenden Gedanken, ob das Treffen zustande kommt, manchmal die abgrundtiefe Traurigkeit, die zehrende Einsamkeit. Und immer wieder Gegenwartswertungen, bei denen beide sich ebenso scharfsichtig wie spitzzüngig erweisen, sodass der Leser wieder und wieder in lautes Lachen ausbricht, das ihm aber oft schnell im Hals stecken bleibt.

„Mir wird schlecht, wenn ich den Eaton Square überquere – tu ich seit Jahren – und das neue Bürgersteigmobiliar sehe, diese Männer, die wie Butler gekleidet sind und vor den Häusern herumstehen müssen. Als gäbe es nicht genug Möglichkeiten, das viele geld, so viel, zu viel Geld auszugeben, das den Haueigentümern drinnen zur Verfügung steht, oder vielleicht auch nicht drinnen, sondern woanders, aber potenziell drinnen; darum muss das Personal sichtbar gemacht werden, und zwar als unterbeschäftigt: ganze Menschen stehen auf Abruf bereit, wenn jemand aus dem Taxie steigt, oder eine Tür geschlossen vorgefunden wird und daher geöffnet werden muss.“

Zwischen den Kapiteln sind kleine Erzählungen, Miniaturen, eingeschoben. Wie durch ein Blitzlicht erleuchtet scheinen Situationen des öffentlichen Lebens auf, aus der U-Bahn, von der Rolltreppe, einem Platz, dem Park. Wildfremde Menschen begegnen sich, passen aufeinander auf, helfen sich, sind freundlich zueinander. Hier bekommt das laute, feindselige und oft ungehobelte Leben in einer modernen Großstadt plötzlich eine zusätzliche Facette der Ruhe und der Fürsorge. Meg hat diese Situationen beobachtet und notiert, weil sie doch den heilenden Auftrag hat, gute Momente zu sammeln, statt ständig mit den gleichen Gedanken über die Dinge nachzudenken, die sie wütend machen. Es sind aber auch die Szenen, die den Erlebnissen von Meg und Jon, ihren Erinnerungen, ihren Sorgen und Verletzungen etwas Positives entgegenstellen.

„Süßer Ernst“ hat A. L. Kennedy ihren großartigen, an Ideen überquellenden und in einer wirkungsvollen Sprache erzählten Roman genannt. „Süß“ – aber nie kitschig – ist die zarte, moderne Liebesgeschichte, die sich anbahnt und für so viel Gefühlsaufruhr sorgt. Aber „ernst“ ist das Leben eben auch, mit dem Kampf gegen den Alkoholismus, die Erinnerungen an Missbrauch und vielleicht eine schwere Erkrankung. „Ernst“ sind ebenfalls die Missstände im politischen System Großbritanniens. Es ist nicht konkret der Brexit, der hier verhandelt wird, sondern Machtmissbrauch, wie er auch in anderen Ländern vorkommen kann oder vorkommt. Und den Jon nicht mehr hinnimmt. Wir werden nicht wissen, zu welchem Konsequenzen Jons Handeln in diesem Fall führt. Immerhin: Am Samstagmorgen sitzen Meg und Jon im Telegraph Park und beobachten gemeinsam den Sonnenaufgang.

A. L. Kennedy (2018): Süßer Ernst, aus dem Englischen von Ingo Herzke und Susanne Höbel, München, Carl Hanser Verlag

Joachim Zelter: Im Feld. Roman einer Obsession

Joachim Zelter ist Rennradfahrer. Beim Videodreh anlässlich der Literatour Nord steht das Fahrrad erst im Hintergrund, später sieht man ihn darauf fahren. Er kennt sich aus mit dem Rennrad, ist vermutlich einer derjenigen, die auf den Landstraßen unterwegs sind, Kilometer um Kilometer und die Hügel und Berge gerne im Sattel erklimmen. Die sich, allen Anstrengungen zum Trotz, voller Motivation immer daran machen, Kilometer zu fressen, die sich an freien Tagen mit Gleichgesinnten treffen und die Strecken gemeinsam bewältigen – „im Feld“ fällt es leichter. Und so ist er für die Geschichte, die in seinem jüngsten Roman erzählt wird, offensichtlich ein Experte. Frank, der Protagonist, nimmt uns Leser mit zu seinem Radrenntreff an Christi Himmelfahrt. Als Teilnehmer der Trainingsfahrt, die wirklich eine Art Himmelfahrt wird, als einer, der, wann immer er dazu in der Lage ist, genau beobachtet, was um ihn herum passiert, gewährt er uns Einblicke in all das, was sich im Feld ereignet. Und auch in sein eigenes Leben, das er bei dieser Fahrt immer wieder reflektiert.

Susan und Frank sind aus Göttingen nach Freiburg gezogen, weil Frank endlich richtige Berge fahren und nicht mehr nur die Rampen der Parkhäuser bewältigen will. Die Landschaft des Breisgaus mit den fordernden Anstiegen ist offenbar der einzige Grund für den Umzug, denn weder Arbeit noch Freunde oder Familie haben die beiden nach Freiburg gelockt. Noch sind nicht alle Kisten ausgepackt, aber die Einladung des hiesigen Fahrradklubs zum Radrenntreff an Christi Himmelfahrt – auch für Nicht-Mitglieder – kommt für Frank wie gerufen. Er holt also eines seiner Räder aus dem Keller und fährt zum Treffpunkt am Heidegger-Denkmal. Dort haben sich schon Teilnehmer versammelt, weitere kommen hinzu. Der Vereinsvorsitzende begrüßt die Fahrer, stellt ein paar Regeln auf und gibt Ratschläge und schnell werden drei Leistungsgruppen gebildet. Frank fährt in der mittleren Gruppe mit, der mit dem 27er Schnitt. Die Gruppenführer stellen die Touren vor:

„Wörter wie Warmfahren, kleinere Anstiege und: je nachdem. Je nach Lust und Laune und Verfassung der Gruppe. Und schon hörte man von allen Seiten das Einrasten der Radschuhe in die Klickpedale. Klack, klack, klack. Und es bildeten sich – all die Räder nun kreuz und quer fahrend – die drei Gruppen.“

Langsam setzt der Zug sich in Bewegung, Heidegger, so scheint es Frank, winkt ihnen nach. Gemächlich fahren sie durch die Straßen Freiburgs, Frank ganz hinten, wie ein Zuschauer. Es gibt erste Kontakte, einzelne Fahrer lassen sich zurückfallen, um Frank, sein Rad, sein Trikot vom Göttinger Fahrradtreff, zu begutachten. Auf Franks Computer werden 30 Stundenkilometer angezeigt, eine gemächliche Fahrt durch die Vororte.

Und erstes Geraune über Landauer dringt zu Frank vor. Landauer, das ist der wahre Gruppenführer, Karl, der da im Moment vorneweg radelt, nur sein Assistent. Landauer werde später zur Gruppe kommen, werde sie dann „persönlich übernehmen“. Er sei ein viel beschäftigter Mensch und betreue an so einem Feiertag mehrere Gruppen. Morgens sei er schon mit einer unterwegs gewesen, da spare er sich das gemächliche Einrollen auf den ersten 20 Kilometern. Landauer, das sei ein Hochgeschwindigkeitsfahrer, der fahre einen 35er Schnitt und es sei eine Leichtigkeit für ihn, sie einzuholen. Und ein Langstreckenfahrer ist er, so wird erzählt, denn Landauer fahre gerne Rennen, vor allem die mit den langen Strecken, „die über Tausende von Kilometern gehen und über Zehntausende von Höhenmetern“.

Dann ist Landauer da, in einem alten weißen Trikot aus den 70er Jahren fährt er zur Gruppe auf, er schwitzt nicht einmal. Und scheint zunächst die Visite abzunehmen, indem er an allen Mitfahrern vorbeifährt, hier grüßt, dort aufmuntert. Da werden die vorderen Fahrer hibbelig, denn sie haben die schnelle Gruppe nur wenige Hundert Meter voraus entdeckt – die Gruppe, die früher gestartet und mit einer höheren Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs ist.

Schon beginnt der erste Parforceritt. Das Feld strafft sich, wird schneller, erst 32 Kilometer pro Stunde, dann 35, 37, 40. Zu zweit fahren sie nebeneinander her, beginnen das Windschattenfahren, sodass die beiden vorderen Fahrer immer nur ein paar Sekunden im Wind stehen, sich dann zurückfallen lassen und hinten wieder einreihen. Wie ein Zug nehmen sie weiter Tempo auf, fahren 43, fahren 45 Stundenkilometer.

„Und plötzlich bin ich völlig nackt. Ohne irgendjemanden vor mir. An der Spitze des Feldes. Im Wind! Ein Schlag ins Gesicht. Eine unsichtbare Wand, gegen die man fährt. Als würde jemand in die Räder greifen und mit aller Macht bremsen. Und ich versuche das irgendwie auszugleichen. Unter dem wütenden Rufen Landauers. Mehr in die Pedale gehen. Mehr. Mehr! Gegen die Bremswand irgendwie aufzubegehren. Ein Zerren am Lenker. An der Grenze zur Besinnungslosigkeit. Bis der Fahrer neben mir das Zeichen gibt. Genug. Sich zurückfallen lassen. Was einem Kollaps gleicht!“

Als das schnelle Peloton die Aufholjagd bemerkt, zieht es seinerseits das Tempo an. So rasen zwei Teams durch die Landschaft, führen einen unerbittlichen Konkurrenzkampf – bis die mittlere Gruppe die schnelle eingeholt hat. Bei Tempo 35 fahren die Teams nebeneinander her, man plaudert, Trinkflaschen werden gehoben, als proste man sich zu. Und dann wird zum Abschied gewunken, Landauer biegt mit seiner Truppe rechts ab, die schnelle Gruppe fährt geradeaus weiter.

 Es ist während dieser Tempoverschärfung, also noch zu Beginn der Trainingsfahrt, dass Frank zum ersten Mal darüber nachdenkt, wie wohltuend es wäre aufzuhören. „Und zum ersten Mal der Gedanke: einfach eine Pedalumdrehung auszulassen. Oder aus dem Peloton unbemerkt auszuscheren. Sich aufrechten Sitzes zurückfallen zu lassen mit dem Satz: ohne mich. Ich entschwinde. Ich lass das Rad ausrollen, lege mich in die Wiese und schaue in den Himmel.“

Er will aber nicht der Erste sein, der aufgibt. Er wartet darauf, dass ein anderer Fahrer langsamer wird und abreißen lässt. Aber keiner lässt sich auch nur eine Schwäche anmerken. Es ist durchaus möglich, dass, genau wie Frank, auch andere Fahrer sich die Frage stellen: „Warum?“, aber kein Fahrer, auch nicht aus dem anderen Team will sich eine Blöße geben.

Die kleine Tempoverschärfung, der Kampf um den Schnelligkeitssieg, ist ja bei Weitem nicht das Ende der Fahrt. Denn nun kommt erst einmal der höchste Berg der Vogesen. Frank quält sich über die steilen Rampen, durch die Serpentinen, rechnet für jeden Höhenmeter die Länge der Strecke nach. Aber er hört nicht auf. Er hört aber auch nicht auf, als ihm klar wird, dass Landauer nicht zurück nach Freiburg fährt, sondern die Strecke so wählt, dass die Gruppe wirklich jeden Berg überquert, der in der Nähe liegt.

Am Ende der Ausfahrt, abends um 21 Uhr am Heidegger-Denkmal, hat Frank 345 Kilometer auf dem Tacho und 4367 Höhenmeter. Von 30 Fahrern sind nur noch 8 völlig erschöpft angekommen. Genauso erschöpft wie der Leser, der die Tour ja aus Franks Sicht mitgefahren ist. Der uns in langen Sätzen berichtet, in langen Sätzen seinen beruflichen Abstieg reflektiert, wann immer es ein wenig ruhiger zugeht. Der in kurzen, prägnanten, manchmal unvollständigen Sätzen, die sich fast so schnell drehen wie die Räder seines Fahrrads, von der Schinderei erzählt, die er erlebt und die anderen Fahrer auch.

Wie kann es sein, dass jemand sich so derartig quält, plagt und schuftet? Selbst für einen ambitionierten Freizeit-Sportler scheint dieses Pensum weder sinnvoll noch gesund. Und doch machen alle solange mit, bis sie – sprichwörtlich – vom Rad fallen. Den ständig meckernden inneren Schweinehund zu überwinden und die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit auszutesten, gehört zum sportlichen Training sicherlich dazu. Aber wo ist das Limit? Wann ist es besser, aufzuhören, auszusteigen, abzubrechen, sich die Ruhe anzutun, sich auszuruhen?

Und ist es nur im Sport so, dass wir ständig auf dem schmalen Grat des gerade eben noch Machbaren balancieren? Ist es nicht überall in unserer Gesellschaft so, dass wir in höchstem Tempo unterwegs sind und vor keiner „Herausforderung“ zurückschrecken? Dass wir, wenn wir einmal den Spurt angezogen oder das Problem oder gar die „Challenge“ bewältigt haben voller Stolz auf unser Werk schauen: Wir haben ja die eigene Willensschwäche überwunden und dem müden, abgespannten und erschöpften Körper gezeigt, wer der Herr im Haus ist.

Zelter hat also keineswegs nur die Geschichte einer verrückten Trainingsfahrt erzählt. Er erzählt uns mit dieser mühseligen Trainingsfahrt eine treffende Parabel über unsere Gesellschaft, erzählt mit seiner Geschichte über die Trainingsfahrt auch darüber, wie wir arbeiten, uns trainieren und selbstoptimieren und selbst unsere Freizeit noch so gestalten, dass wir sie ständig in perfekter Inszenierung veröffentlichen können. Er erzählt nicht nur von Frank und seinen Herausforderungen sondern auch von den Anforderungen, die uns von außen auferlegt werden, aber auch von denen, die wir uns gerne selbst aufbürden. Das macht sehr nachdenklich.

Am 26.3.2019 wird Joachim Zelter den Preis der Literatour Nord in Hannover entgegennehmen. Nicht zuletzt auch für den Roman „Im Feld“.

Joachim Zelter (2018): Im Feld. Roman einer Obsession, Tübingen, Klöpfer & Meyer

Richard Russo: Immergleiche Wege

Vier Erzählungen sind versammelt in diesem Band, vier Erzählungen von Protagonisten in den mittleren Jahren, die darüber nachdenken, wie es zu den Schrammen, Kratzern und Wunden gekommen ist, die sie im Laufe des Lebens erhalten haben, manchmal durchaus mit eigenem Zutun. Es sind alles keine wirklichen Helden, die Russo uns vorstellt, keine Figuren, die sich in schwierigsten Situationen bewähren müssen und daran wachsen und reifen. Es sind eher die sprichwörtlich ganz normalen Menschen, die in ihrem ganz normalen Leben gezeigt werden, in Leben, die so verlaufen sind, wie auch die Leben der Leser verlaufen können. Alles ganz normal also – und doch zeigt sich in jedem der Geschichten nach und nach ein persönliches Drama.

Die Professorin Janet Moore sitzt in ihrem Büro auf dem Campus und ihr gegenüber der Student James Cox, der einen Essay mit überzeugender Argumentation abgegeben hat – der aber, daran erinnert Janet sich, vor ein paar Jahren schon einmal eingereicht worden ist. Die alte Arbeit hat sie gesucht, vier Stunden hat es sie gekostet, sich durch die archivierten Texte in die Vergangenheit zu arbeiten, bis sie fand, wonach sie suchte. Und während sie nun hier sitzt und den Studenten mit ihren Recherchen konfrontiert, ärgert sie sich gleichzeitig, dass sie immer eine wasserdichte Überführung haben will. Ihr Professorenkollege Tony Hope aber macht sich nie die Mühe des Suchens. Sie weiß, dass er in solchen Fällen zockt, wenn er ein wissendes Gesicht aufsetzt und den Stundenten einfach zwei Fragen stellt: „Ist das Ihre Arbeit?“ Und „Wären Sie in der Lage, den Essay unter meiner Aufsicht zu reproduzieren?“

Während Janet hier sitzt, braut sich ein Unwetter zusammen und Janet denkt an Zeilen aus dem Kindergedicht vom „Reitersmann“, dass ihr Mann Robbie jeden Abend dem behinderten Sohn Marcus vorliest:

„Wenn weder Mond noch Stern vom Himmel lacht,
es draußen stürmt und braust,
jagt Mal ums Mal aus finstrer Nacht
Ein Reitersmann vorbei am Haus.“

Das Gewitter, die Strophen des Gedichtes, der Student, der eine Arbeit plagiiert hat – für Janet ist das alles der Stimulus, der eine alte Erinnerung zum Vorschein bringt. Die Erinnerung an ein Gespräch vor ungefähr zehn Jahren, das für sie zu einem Schlüsselereignis geworden ist. Damals saß sie als Doktorandin bei ihrem Professor Bellamy und er hat ihren Text beurteilt mit dem Satz:

„Es ist einfach nicht wirklich Ihre [Arbeit].“

Dabei meinte er gar nicht, dass sie abgeschrieben hätte, er meinte vielmehr, dass er sie nicht selbst erkennen könne in ihrem Text: „Es ist, als existierten Sie nicht…“ Er forderte sie auf, mehr Leidenschaft in ihre Analysen fließen zu lassen, mehr ihre persönliche Verbindung mit den Romanen erkennbar zu machen, mehr das in akademischen Kreisen so verpönte „Ich“ herauszustellen. Und bemerkte abschließend:

„Oh, erfolgreich werden Sie schon sein“, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Nur eben nicht gut.“

Es ist das Bemerkenswerte, das Beeindruckende an Russos Erzählungen, dass er aus einer Alltagssituation heraus eine Geschichte entwickelt, in der die Protagonistin gleich auf mehreren Ebenen gegenwärtig ist, indem sie handelt, sich erinnert, reflektiert. So entstehen ungeheuer dichte Erzählsituationen mit vielschichtigen Charakteren und ihren Leben im Hier und Jetzt. Aber auch mit ihren Gedanken an die Erlebnisse, die sie lieber im Keller ihrer Erinnerungen aufbewahren. Und in diese persönlichen Lebensgeschichten hinein werden Themen der Gesellschaft verwoben – in Janet Moores Erzählung das Plagiieren der Studenten und die im akademischen Kontext immer noch grassierenden bemerkenswert geistlosen Sprüche über Frauen.

Der pensionierte Professor Nate, der Protagonist der zweiten und längsten Erzählung „Stimme“, ist mit einer Reisegruppe zur Biennale nach Venedig gereist. Zur Gruppe gehört auch sein Bruder Julian, mit dem er seit Jahren ständig überkreuz liegt:

„Merkwürdig, dachte Nate. Kaum eine Minute war nach ihrem ersten Wiedersehen vergangen, und schon hätte er seinen Bruder erwürgen können.“

Julian bezeichnet ihn ein ums andere Mal als vertrottelt oder Verspult und sieht sich selbst als cleveren und erfolgreichen Geschäftsmann. Leider ist Julian im Moment so klamm, dass er Nate um Unterstützung beim Bezahlen des Hotels bitten müsste, was er aber nicht über sich bringt, deshalb abreist und Nate wortlos seine Rechnung überlässt. Nate belastet aber nicht nur dieser alte Zank mit dem Bruder, nicht nur die Schrullen und Marotten seiner Mitreisenden, die Unübersichtlichkeit der venezianischen Gassen, in denen er sich verirrt, sondern auch und vor allen Dingen die unsägliche Geschichte mit seiner Studentin Opal Mauntz, die vor einem Jahr passiert ist. Der ist er zu nahe gekommen, aber nicht aus einer übergriffigen sexuellen Laune heraus, sondern mehr aus einer väterlichen Sorge, als sie mit den von einem Sturz herrührenden Verletzungen im Gesicht in seinem Jane-Austen-Kurs stand.

Als Opal Mauntz in sein Seminar kam, hatte ihm der universitäre Gesundheitsdienst Opals Diagnose „Autismus“ übermittelt und genaue Anweisung gegeben, dass niemand sie anspreche oder gar berühre. Tatsächlich ergriff sie im Seminar nie das Wort, nahm keinen Kontakt zu ihm oder ihren Kommilitonen auf und saß immer weit abgerückt von den anderen. Aber sie schrieb die bei weitem besten Texte. Weitaus besser als die „verschwommene Prosa“ ihrer Studienkollegen, in deren Arbeiten die „Argumente irgendwo herumlungerten, wo sie der Leser mühsam suchen musste, als läge Koherenz ebenso in seiner Verantwortung wie in der des Autors.“

Er hatte Opal Mauntz` violett angeschwollenes Gesicht berührt, „so leicht er es vermochte“. Und während er die Geste ausführt, weiß er, dass er den schlimmsten Fehler in seiner Professorentätigkeit begeht und meint auch zu wissen, dass diese Karriere „ebenfalls ein Fehler war“.

Es ist mithin nicht nur die Frage der Protagonisten in allen Erzählungen immer gleich – die Frage also, ob sie das richtige Leben gewählt haben – sondern auch die Struktur aller Erzählungen folgt dem immergleichen Weg. Russo hat für alle vier Geschichten einen analytischen Aufbau gewählt, und enthüllt in der Jetztzeit das Ereignis der Vorgeschichte, das seine Protagonisten zweifeln lässt über ihrem Lebensweg. Und dass obwohl sie doch alle dem Leben ein wenig mehr abgeluchst haben, als sie meinen, dass es ihnen zustehe.

So wie Ray, der durch die Finanzkrise der späten 2000er Jahre gebeutelte Makler, der selbst auf die windigen Formulierungen eines Exposés hineingefallen ist. Eine Doppelgarage wurde dort angepriesen, die sich aber bei Inaugenscheinnahme als so klein erwies, dass höchstens zwei Coupés hinein passten. Nun hat Ray endlich wieder einmal Kunden, die sich für eines seiner Häuser interessieren, eines mit „Winteraussicht“, denn im Winter kann man durch die blattlosen Bäume hindurch das Meer sehen. Und während er hier alles tut, um den Kauf abzuwickeln, erinnert er sich an den ständigen Streit seines Vaters mit dessen Bruder – und an die Krebsdiagnose, die er bekommen hat. Die Krankheit selber fürchte er ja gar nicht so sehr, vermutlich ist sie auch gut heilbar. Aber: Er hat keine Krankenversicherung, die Einnahmen der letzten Zeit waren gering und seine Frau hat mit ihrer Galerie ebenfalls eine finanzielle Schieflage.

Es sind amerikanische Geschichten, die Richard Russo uns erzählt. Von den Genderdiskussionen an den Universitäten, der Immobilienkrise, den fehlenden Krankenversicherungen, den Verhältnissen in Hollywood. Das ist einerseits sehr unterhaltsam zu lesen, zumal Russo seinen Erzählungen nicht nur die nachdenkliche Schwere einschreibt, sondern immer auch die komischen Momente, die bizarren Dialoge und kuriosen Figuren, miterzählt. Und andererseits ist das Drama seiner Figuren, sind ihre existenziellen Fragen, die sich in der Erzählreihung durchaus steigern, auch unsere Fragen an das Leben. Und sind wir nicht alle, wie der alternde Drehbuchautor Ryan, auf der Suche nach dem Glück, wollen wir nicht alle gerne bekommen, was wir begehren? Auch, wenn das Streben nach Glück in unserer Verfassung nicht niedergeschrieben ist.

Richard Russo (2018): immergleiche Wege, aus dem Englischen von Monika Köpfer, Köln, DuMont Buchverlag

David Fuchs: Bevor wir verschwinden

Als Praxisschock bezeichnet man die Erschütterungen des Berufsanfangs. Wenn endlich das ganze Gelernte in der Praxis angewendet werden soll, stattdessen aber Kenntnisse gefordert sind, die auf keinem schulischen oder universitären Lehrplan standen. Weil es auf einmal Berufsrollen und Hierarchien zu beachten gibt, weil Leistungen ständig gefordert, überprüft und bewertet werden, weil Disziplin über acht Stunden notwendig ist und der Arbeitsalltag in hohem Maße fremdbestimmt ist. Wenn vom Praxisschock schon in den technischen und wirtschaftlichen Bereichen berichtet wird, wie ist es erst, wenn Medizinstudenten mit dem Krankenhausalltag konfrontiert werden? Wenn sie gar auf eine Station gelangen, auf der weniger das Gesundwerden Ziel der Behandlung ist, sondern den Weg bis zum unvermeidlichen Tod zu gut wie möglich zu gestalten? Und wenn dann noch einer der Patienten der Ex-Freund ist, gerade Mitte Zwanzig und viel zu jung zum Sterben?

Auf diese Station, der Onkologie, hat es Benjamin, Ben, verschlagen, Medizinstudent kurz vor den universitären Abschlussprüfungen. Im Keller der Klinik arbeitet er an Versuchen, Schweine zu defibrillieren, nachdem sie narkotisiert sind und bei ihnen Kammerflimmern ausgelöst worden ist. Die Daten, die dabei entstehen, werden in Bens Dissertation einfließen. Und dort hat er die Krankenschwester Edna, genannt Ed, kennengelernt, die auf der Onkologie arbeitet. So ist Ben an sein letztes Pflichtpraktikum gekommen. Dabei interessiert ihn die Krebstherapie gar nicht:

„Es war mir immer egal, wie sich die Chemotherapien von achtzig verschiedenen Lymphomarten voneinander unterscheiden. Falls überhaupt.“

Am ersten Morgen auf der Station lernt Ben die Patienten kennen: den toten Kobicek, der seit drei Monaten nicht sterben will, Frau Follert mit dem Zungengrundkarzinom und dem Loch in der Wange. Von Ed bekommt er gleich den Auftrag, Blut abzunehmen. Ein Name steht auf dem Blutröhrchen, Ambros Wegener, und ein Geburtsdatum. Ben starrt auf den Namen und weiß sofort: Diesen Ambros kennt er, es ist sein Ex-Freund aus Schultagen. Zum letzten Mal gesehen haben sie sich vor fünf Jahren, in dem Wald beim Erdbeerfeld, wo man selber pflücken kann und nicht bezahlen muss für die Erdbeeren, die man dabei isst. Und nun trifft Ben Ambros wieder, ausgerechnet hier, auf der Krebsstation, und mit einer ganz schlechten Diagnose: einem Melanom auf dem linken Schulterblatt und Metastasen in Leber, Lunge, den Hirnhäuten.

„Stimmt was mit den Röhrchen nicht?, fragt Ed. Nein, sage ich, ich kenne nur den Patienten. Woher kennst du den Wegener? fragt sie und ich sage, aus der Schule. Im Ernst, sagt sie, ist ja lustig.“

Es ist dieser vermeintlich lapidare Umgang mit dem Unerträglichen, den Ed hier zeigt, der beim Lesen so eine eigentümliche Wirkung entfaltet. Da ist der übliche Ablauf eines an Effizienz und manchmal auch bizarren Vorschriften orientierten Krankenhausalltags, da sind die Routinen und die Behandlungen. Und auf der anderen Seite sind es die schwerkranken, oft sterbenden Menschen, die dem ausgesetzt sind. Da hat die Krankenschwester Ed, genau wie der Stationsarzt Dr. Pomp, einen erstaunlich abgeklärten, einen distanzierten, manchmal gar einen harschen Ton. Und trotzdem sind alle darum bemüht, die Momente zu pflegen, an denen sie alle den Kranken etwas Gutes tun können: Die Schwestern frieren an den Urinprobenröhrchen Eis mit Zitronen-, Himbeer- und Colageschmack ein und wenn die Patienten wünschen, dann auch Bier, Prosecco oder Milch. Herr Otto wird im Krankenhaus aufgenommen, weil seine Frau ein paar Tage für sich braucht: soziale Indikation. Und den tote Kobicek, der so gar nicht sterben kann, den holt Dr. Pomp schnell von der Intensivstation zurück, auf den ihn ein übermotivierter Assistenzarzt verlegt hat – damit er auf der Onkologie seine Ruhe hat.

Ben erzählt von den Arbeiten auf der Station und von seiner Freizeit in einem ähnlich gleichmütigen Ton wie Ed und Dr. Pomp sprechen. Und in einer radikal verknappten Form. So kommt seine Geschichte mit nur wenigen weiteren Personen aus – fast wirkt es, als arbeiteten auf der Station nur Dr. Pomp und Ed -, und es entsteht der Eindruck, dass sie alle isoliert und einsam sind. Bens Eltern sind in den Urlaub geflogen, von Freunden spricht Ben nie. Und auch Ambros bekommt keinen Besuch, weder Freunde noch Geschwister sitzen an seinem Bett, und seine Mutter, so heißt es einmal, sei irgendwohin nach Deutschland gezogen. Da sind wenig soziale Kontakte, die helfen könnten.

Auch Bens Sprache ist völlig verknappt. In dürren, knappen Sätzen, in denen das „Ich“ nur in Handlungen benannt, nie aber mit den Gefühlen gezeigt wird, führt er uns unmittelbar durch die Tage seines Praktikums, die immer mehr auch zu den Tagen einer Wiederannäherung und einer Sterbebegleitung von Ambros werden. Und Anlass sind, sich zu erinnern, wie sie sich während einer Schulfahrt nach Rom nahegekommen sind und wie sie sich wieder verloren haben. Es ist eine Besonderheit und auch eine Stärke des Textes, dass wir alles das, was sich hinter den Handlungen und Erinnerungen in Bens Inneren verbirgt, nur ahnen können.
Ambros lädt Ben ein, mit seinem Auto zu fahren, Fridolin nennt er es, und in seiner Wohnung zu wohnen. Dort entdeckt Ben Polaroid-Bilder, auf denen Gegenstände zu sehen sind. Darauf angesprochen erklärt Ambros, dass er ein Foto-Projekt begonnen und die Gegenstände, die er weggegeben, verkauft oder weggeschmissen hat, fotografiert habe. Nun, im Krankenhaus, hat er sein Projekt erweitert, indem er die Menschen fotografiert, bevor sie sterben. Auch den toten Kobicek im Bett neben ihm fotografiert er.

Ben will es wissen, als sie einen Stapel der Polaroids durchschauen: „Was ist mit den Leuten auf den Fotos, frage ich, sind die alle tot?“

„Ja, sagt er, sind alle tot. Mehr oder weniger gleich nach dem Foto. Der hier, er zeigt mir das Foto von dem gelben Mann, hat noch drei Tage gelebt. Die hier, sagt er und zeigt mir die jungen Frau mit den großen Augen, noch drei Wochen. Bei dem anderen weiß ich es nicht sicher, der ist nach Hause gegangen. Aber ich habe schon versucht, sagt er, dem Verschwinden möglichst nahe zu kommen. (…) Ambros sage ich, warum überhaupt Menschen fotografieren? Weil es ihnen sagt er, weniger weh tut, wenn es ein Foto gibt. Das Verschwinden tut dann weniger weh.“

So ist es eben doch nicht, das werden Ambros und Ben schmerzlich erfahren. Den Schock, den das Sterben Ambros´ bei Ben auslöst und ihn zu ungewöhnlichen Handlungen führt, wird er wohl so schnell nicht los. Und auch den Leser und die Leserin beschäftigt die Erzählung von der Onkologie noch länger. Nicht nur wegen der Geschichten vom Sterben, sondern, weil sich in dieser Erzählung aus dem Krankenhaus auch immer wieder sehr menschliche und sehr tröstliche Momente zeigen.

David Fuchs (2018): Bevor wir verschwinden, Innsbruck -Wien, Haymon Verlag

FO: Aus Isager Highland und Isager Alpaka wird Nala

Ich habe schon lange kein fertiges Strick-Objekt mehr vorgestellt. Und tatsächlich hat es auch lange gedauert, bis meine Nala-Jacke endlich fertig war. Immer wieder habe ich sie zur Seite gelegt, im letzten Jahr fast nur Schals gestrickt, weil die sich so einfach „herunternadeln“. Dabei haben mir bei diesem Design verschiedene Dinge so gut gefallen, dass ich es nachstricken wollte: die offene Form der Jacke und die schönen dicken Zöpfe an Körper und Ärmeln. Beim Stricken sind mir dann noch weitere besondere Details aufgefallen, die sich vor allem auch daraus ergeben, dass die Jacke in einem Zug von oben nach unten gestrickt wird, wodurch sich besonders schöne Lösungen für die Übergänge zu den Ärmeln ergeben haben.

Durch das Top-Down-Stricken ergibt sich eine schöne betonte Schulterpasse und der Schalkragen wird auch direkt mitgestrickt, sodass es später keiner weiteren Maschenaufnahme aus der Strickstück bedarf. Die Zunahmen für die Ärmel ergeben einen zwar deutlichen Übergang, der wird aber viel schöner, als wenn die Ärmel angenäht werden. Muss ich ja wirklich zugeben, obwohl ich ja den von oben gestrickten Teilen solange nicht traue und mich immer wieder frage, ob das Stück denn wohl passen wird, bis es dann (fast) fertig ist und ich es anprobieren kann. Das ganze Hin- und Hergestricke im oberen Bereich kommt mir immer wieder sehr mekrwürdig vor, ich bin eben mit dem separaten Stricken von Vorder- und Rückenteil, Ärmeln und Kragen und Blenden sozialisiert. Dafür aber braucht man nichts zusammennähen und es gilt, nur 6 Fäden zu vernähen. Ein echter Vorteil, denn wenn man mit dem Stricken fertig ist, ist man auch wirklich fertig.

Und dann auch noch die englisch/amerikanischen Anleitungen, in denen doch tatsächlich fast jede Reihe beschrieben wird, statt, wie in deutschen Anleitungen üblich, die knappen Zusammenfassungen: und nun 15 Mal abnehmen/zunehmen… So kommt die Nala-Anleitung auf 10 Seiten. Aber trotzdem: sie ist sehr gut beschrieben, ich musste kein einziges Mal etwas auftrennen, hat alles super geklappt. Und das Jäckchen passt auch wunderbar. Die Anleitung würde ich auf jeden Fall noch einmal stricken.

Gestrickt habe ich mit doppeltem Faden aus Isager Highlandwool Wine und Isager Alpaca 1 Farbe 60. Das ergibt eine super weiche Textur, die aber – ich habe da wegen des Alpaca-Garns schon Sorgen gehabt – überhaupt nicht krazt, kitzelt oder sonstwie auf der Haut stört. Gestrickt habe ich mit Nadeln Nr. 3,5, ich stricke ja gerne eher fest. Und nun bin ich richtig froh, dass ich mich dem fast fertigen Teil doch noch angenommen und es zu Ende gebracht habe. Eine echte Lieblingsjacke.

Modell:

Nala von Regina Moessmer: hier oder hier.

Wolle: Highland Wool Wine von Isager, Alpaca 1, Farbe 60 von Isager (weil ich schon so lange an dem Objekt stricke, weiß ich nicht mehr, wie viele Knäuel ich von den Garnen gebraucht habe).

 

 

Verena Mermer: Autobus Ultima Speranza

Es ist ein paar Tage vor Weihnachten am Busbahnhof in Wien. Die Fahrer bereiten die Busse für die nächsten langen Fahrten vor oder machen eine Pause, erste Fahrgäste für die nächsten Touren treffen ein. Hier, am Busbahnhof, kommen die zusammen, die sich auf eine Reise begeben. Aber die, die hier eintreffen, fahren nicht in den Urlaub oder starten zu einer Besichtigungstour. Die, die hier losfahren, pendeln zwischen ihrer Arbeit und ihren Familien. Die meisten der Passagiere des Busses mit dem pinken Logo der Gesellschaft Speranza fahren über die Weihnachtstage nach Cluj in Rumänien. Sie besuchen dort ihre Familien, die sie das Jahr über kaum sehen, weil sie in Österreich, in Deutschland, in Großbritannien arbeiten. Nur wenige Mitreisende fahren zurück nach Cluj, weil sie ihre Familien schon besucht haben und sie mit Kommilitonen oder Freunden feiern werden.

Verena Mermer erzählt in ihrem Roman von dieser einen Fahrt von Wien nach Cluj im Autobus der Linie Speranza. Wir lernen Fahrer und Passagiere kennen, manche kurz nur, manche länger und genauer. Und dabei bekommen wir Einblicke in die verschiedenen Lebensgeschichten der Reisenden, in ihre unterschiedlichen Gefühlslagen und Träume. Und werden oft Zeuge der ganz besonderen Form der Einsamkeit, die sich ergibt, wenn die Menschen fern von zu Hause arbeiten müssen, weil es zu Hause keine Arbeit gibt. Weil nach der Wende die Fabriken, die es früher gab, geschlossen haben, die Kolchosen aufgelöst wurden und die finanzielle Situation der Menschen so erbärmlich ist, dass sie weggehen müssen von zu Hause, um in der Fremde eine Möglichkeit zu finden, sich das Leben leisten zu können.

Ioan, der ältere Fahrer steht neben dem Bus und raucht eine Zigarette raucht. Er hängt seinen Gedanken nach und erinnert sich, wie er vor über 30 Jahren durch den Eisernen Vorhang aus Rumänien geflohen ist, weil er wissen wollte, wie es sich lebte im westlichen Ausland. Jetzt fährt er zwei- bis viermal in der Woche über diese Grenze, die er damals unter Lebensgefahr überwand und die heute kaum mehr erkennbar ist. Adrian, der zweite Fahrer, kehrt währenddessen den Boden des Busses, hebt Papier auf, wischt Krümel von den Sitzen und stellt die Lehnen wieder steil. Er überprüft den Fahrplan und ärgert sich. Es wird Verwechslungen geben, denn 10 Minuten vor ihnen wird ein weiterer Bus nach Cluj losfahren, von Abfahrtsplatz 13. Er gehört zu der ungarischen Busgesellschaft, deren Fahrpreise oft nur die Hälfte von dem betragen, was üblicherweise auf den Langstrecken verlangt wird. Dafür bleiben die Busse dann auch mal liegen oder fahren bereits mit defekten Scheiben los. Gleich, so ahnt Adrian, werden die Fahrgäste ihnen mehrere falsche Tickets vorweisen, Tickets für den weißen Bus. Er hat noch eine dreiviertel Stunde Zeit und zieht sich in die Schlafkoje zurück.

Und dann steigen sie alle ein in den Bus und suchen sich einen Platz:

Petru, der in Großbritannien als Lkw-Fahrer arbeitet und zu seiner Familie nach Bukarest reist, 4 Mal Umsteigen inbegriffen. Andrej, der Erntehelfer, den die Eltern aus der Schar der Kinder ausgewählt haben, um Geld im Ausland zu verdienen, monatlich etwas nach Hause zu schicken, einen Rest könne er behalten. Wenn er doch nur eine Ausbildung erhalten hätte, dann würde er jetzt vielleicht auch hier sitzen, aber mit von einem Friseur geschnittenen Haaren, mit einem Duft, der seine Jugend und Männlichkeit unterstützte und mit Markenkleidung.

Tudor, der einen Job in einem Schlachthof in Westfalen gefunden hat. Früher hat er in einer Geflügelfabrik gearbeitet, hat den Job aber gekündigt, als seine Frau Mihaela eines Tages angerufen hat und ihm erzählte, dass es Anca, der kleinen Tochter so schlecht gehe und welche Diagnose der Arzt gestellt habe. Er fuhr sofort nach Hause.

„War anwesend und konnte trotzdem nicht wirklich da sein. Der Gedanke, seiner Frau keine Hilfe zu sein zwischen den Krankenhausbesuchen, der Geldsammlung für die Behandlung und dem Warten, was passieren würde. Die Distanz als erste Ahnung der späten Gewissheit. Dass es unmöglich ist, sein Weggehen und all die damit zusammenhängenden Versäumnisse auf irgendeine Art wiedergutzumachen.“

Tudor darf bei seinem Job nicht zimperlich sein, auch nicht, wenn die Rinder vor Angst und Panik mit den Vorderbeinen um sich schlagen. Zwölf Stunden arbeitet er, tötet die Tiere, lässt sie ausbluten, zerlegt sie, als Hilfsarbeiter in der Fabrik. Den Gedanken, dass er die Arbeit nicht mehr aushält, verdrängt er. Dass er sich mit drei anderen Arbeitern ein Zimmer teilt, macht die Sache sicher nicht besser. Aber er weiß, dass es sonst nichts zu arbeiten gibt für ihn, denn die Kolchosen sind längst aufgelöst worden und sein Traum, Kosmonaut zu werden, war ein Kindheitstraum.

Es sitzen eine Menge weiterer Menschen im Bus: Elena, die schon lange in Wien lebt und sich so eine kleine Rente erarbeitet hat, die ihr das Bleiben ermöglicht und Lucia, die sich viel zu spät für die Reise ins Ausland entschieden hat und nun als sechzigjährige klapperige 80- und 90-jährige als 24-Stunden-Pflegerin betreut. Den Job haben auch Alexandru und Oana. Da sitzt Silviu, der in Ingolstadt als ausgebildeter Mechaniker bei Audi arbeitet und Cornel, der etwas mit Computern zu tun hat und Markenkleidung trägt. Florin, der früher einmal als Bergarbeiter gearbeitet hat und nun im Gewächshaus Tomaten erntet und Daiana, mit dem abgeschlossenen Masterstudium in Psychologie, fährt mit, die sich beim Putzen von Privatwohnungen das Geld zusammenspart, um zu Hause in eine Praxis einsteigen zu können. Da sind auch Matei, seine Frau Codruţa und Susana, ihre Tochter, die gleich argwöhnisch beäugt werden und in deren Nähe sich keiner freiwillig setzt, denn jeder sieht, dass sie Roma sind.

Lisa kommt aus Linz. Sie hat dort ihre Eltern besucht und fährt jetzt wieder nach Cluj, wo sie lebt und Deutsch unterrichtet. Ihrer Familie hat sie von Paul erzählt und dass sie wegen ihm die Feiertage in Cluj verbringen möchte. Dabei ist das eine Lüge gewesen, denn Paul wird sie nicht mehr treffen. Aber immerhin ist sie so ihrer Familie entkommen und dem Weihnachtsfest mit Geschenken und Truthahn, Wein, Kaffee und Christstollen. Lisa ist es, die über die Busfahrt und die Fahrgäste nachdenkt und dabei die Konzeption des Romans auf den Kopf stellt:

„Jede Reisegesellschaft ist eine Konstellation, die nur eine Nacht lang besteht – ein absehbares Ende macht vieles erträglich. Was zählt ist das Abreisen und das Ankommen, das Davor und das Danach.“

In Mermers Roman ist es genau anders: die Zeit des Fahrens zählt, denn sie ist die Zeit, etwas über die vielen Menschen, die zufällig hier versammelt sind und kaum miteinander in Kontakt treten, zu erfahren. In dieser Zeit, in der sie zur Untätigkeit gezwungen sind, in der es eben nur die Gedanken, Erinnerungen und Reflexionen gibt, erfahren wir Leser etwas über sie. Auch wenn es manchmal nur Blitzlichter sind, die uns die einzelnen Menschen einen kurzen Augenblick erhellen, so erahnen wird doch, welche unterschiedlichen Schicksale sich in solch einem Bus versammeln, welche verschiedenen Lebenswege hier verborgen sind, welche vielschichtigen Gründe es für die Arbeitsmigration gibt. Und welche Bürde diese Menschen tragen, die sich eben von ihren Familien, ihren Männern und Frauen, ja, sogar von den Kindern, durch ihre physische Entfernung gleichermaßen psychisch entfernen und entfremden.

Dabei springt die Erzählerin mal zu dem einen Passagier mal zu der anderen Reisenden, sodass die vielen Namen und Geschichten, die vielen Meinungen und Erinnerungen verwirrend wirken auf den Leser. Auch den Charakteren der Reisenden kommen Leserin und Leser so nicht richtig nahe. Dafür ist, wären wir Leser mit im Bus, die Zeit der Busfahrt wohl auch zu kurz. Trotzdem entfalten sich durch die vielen individuellen Geschichten unterschiedliche und eindrucksvolle Lebenswege, unterschiedliche – und doch zeitlose – Motive zur Arbeitsmigration.

Doch stimmt Lisas Satz auch, weil Mermer nur während der Fahrt bei ihren Figuren bleibt, weil sie nicht erzählt, was vorher passiert und wohin sie sich nach ihrer Ankunft wenden werden. Und so gehen sie dann am Ende ihrer Reise in unterschiedliche Richtungen davon, die gemeinsame Fahrt hat kein Band zwischen ihnen gespannt. Und so ist es eine handlungsarme Geschichte – alleine der Bus bewegt sich durch die winterliche Landschaft –, die Mermer erzählt, weil die Figuren in dieser Zeit wie in einer Zwischenwelt leben, sie sind nicht mehr hier und noch nicht da.

Mermer verknüpft ihre Erzählungen immer wieder mit verschiedenen Medien, mit Liedzeilen aus Popsongs, Seiten im Internet, die die Reisenden sich während der Fahrt anschauen, mit Filmen, die über das Bordkino laufen. Und schafft so oft eine zusätzliche Tiefe ihrer Erzählungen. Zum Ende der Reise haben die Fahrer die ET-DVD eingelegt. Die Passagiere erkennen vielleicht in der rührseligen Geschichte des Außerirdischen, der doch nichts mehr will, als wieder nach Hause zu kommen, da er in der ungewohnten Umgebung auf der Erde krank und matt wird, eine Parallele zu ihrer eigenen Lebensgeschichte. Dabei geraten jedoch die Nacherzählungen der Filmhandlung zu lang, die Figuren der Reisegesellschaft rücken in den Hintergrund und das Erzählkonzept des Romans zerfranst.

Während also der Bus Speranza, der in beide Richtungen, in die er fährt, für seine Passagiere so etwas symbolisiert, wie die letzte Hoffnung, so gewinnt der Leser einen neu justierten Blick auf die Menschen, die in unseren Gesellschaften die unangenehmen Arbeiten zu unwürdigen Konditionen übernehmen. Und das ist doch im besten Sinne eine der Aufgaben der Literatur.

Verena Mermer (2018): Autobus Ultima Speranza, Salzburg – Wien, Residenz Verlag