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Live-Literatur bei der Wuppertale Literatur Biennale

Nach den vielen Monaten fast ohne Kino, Konzert, Theater und Lesung ist die Freude auf Kulturabende ganz besonders groß. Und so ist es ja fast nicht zu glauben, dass die ursprünglich für Mai geplante Literatur Biennale nun doch noch stattfinden soll, wenn auch mit gekürztem Programm an nur 4 statt 10 Tagen. Dass trotzdem auch schon zwei Veranstaltungen dieses Programms abgesagt wurden, macht deutlich, dass die steigende Zahl der Corona-Infizierten, die sich bildenden Hot-Spots hier und da, die Bedenken der Beteiligten stärken und ihr Reisen verhindern.  

In dieser Woche haben das Kulturbüro der Stadt Wuppertal und der Koordinierungskreis als vorbereitende Teams der Literatur Biennale zu einer Pressekonferenz geladen und den diesjährigen Themenschwerpunkt und das Programm vorgestellt. Schon vor zweieinhalb Jahren sei das Thema festgezurrt worden, das in diesem Jahr und mit den Erlebnissen und Erfahrungen einer Pandemie ganz besonders aktuell sei: Tier, Mensch, Maschine – Berührungen.

So gebe es auf der einen Seite einen Paradigmenwechsel beim Verhältnis zwischen Mensch und Tier, da das Tier mehr und mehr als Subjekt wahrgenommen und um seine Rechte gestritten werde. Und auf der anderen Seite komme dem Menschen die Künstliche Intelligenz immer näher. So machen auch unsere Lebensgewohnheiten seit einigen Monaten deutlich, dass unsere Aufenthalte in digitalen Räumen berufliche und persönliche Kontakten ermöglichen, die so nicht möglich sind, dass uns jetzt aber gerade auch die analoge, die natürlich Welt fehlt, mit ihren Räumen für persönliche Begegnungen und Berührungen.

Es ist eine Besonderheit der Wuppertaler Literatur Biennale, die alle zwei Jahre stattfindet, dass die verschiedenen Veranstaltungen durch das vorangestellte Thema verbunden sind. So wird ein Thema, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, so werden verschiedene Sichtweisen deutlich, so können vielfältige Standpunkte zu Diskussion einladen. Ganz unabhängig davon, ob dieser Roman oder jenes Gedicht in diesem Jahr erschienen ist oder schon vor drei, vier oder fünf Jahren. Das gilt auch für die Texte, die für die Ausschreibung des Preises der Wuppertaler Literatur Biennale eingereicht werden, die insofern also auch Originale sind.

Die Veranstaltungsreihe beginnt am 5.11.2020 mit einer Lesung Martin Walkers aus seinem Zukunftsthriller „Germany 2064“. Hier stehen High-Tech-Städte sogenannten „Freien Gebieten“ gegenüber, das Leben mit selbstfahrenden Autos, hochentwickelten Robotern, aber auch staatlicher Überwachung steht im Kontrast zu einem Leben in enger Verbindung mit der Natur. Eine Seuche spielt eine Rolle (!) und ein Hauptkommissar ermittelt im Dickicht von Werksspionage und organisiertem Verbrechen. Das hört sich spannend an von einem Autor, der nicht nur seinem französischen Kommissar Bruno Fälle im Périgord lösen lässt, sondern auch einem Think Tank in Washington angehört, der sich mit Entwicklungen der Zukunft auseinandersetzt.

Am zweiten Tag stehen die mit Wuppertal verbundenen Autor*innen im Mittelpunkt. Hier lesen Gedok-Autorinnen ihre Texte zur KI, hier stellen die Schriftsteller*innen des Verbands deutscher Schriftsteller*innen Lyrik und Kurzprosa vor, hier findet eine Textperformace der studentischen Initiative „Fakultät 0“ der Studierenden der Uni Wuppertal statt. Und die neue Ausgabe des „Karussels“, in der auch die Texte der Preisträger der Literatur Biennale 2020 publiziert werden, stellt sich ebenfalls vor.

Der dritte Tag (7.11.2020) steht dann ganz im Zeichen der Romane. Am Morgen liest Norbert Scheuer aus seinem Roman „Winterbienen“, am Abend liest Berit Glanz aus ihrem „Pixeltänzer“, Artur Dziuk aus „Das Ting“ und Emma Braslavsky aus „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“. Während also zum einen die Parallelen zwischen dem Bienenvolk und dem Leben in einem autoritären Staat gezogen werden, also der Blick zwischen Tier und Mensch hin und herwandert, loten die drei jüngeren Autoren das Verhältnis von Mensch und Technik in verschiedenen Settings aus.

Am Sonntag wird, wieder in der schönen Umgebung im Skulpturenpark Waldfrieden, der Preis der Wuppertaler Literatur Biennale vergeben. Als Gastredner konnte John von Düffel gewonnen werden. Svenja Flaßpöhler und Ilija Trojanow werden dann in einer weiteren Veranstaltung über die Frage „Halten unsere Haltungen“ debattieren und in später wird Ilija Trojanow auch noch aus seinem Roman „Eistau“ lesen.

Auch dieses verkürzte Programm kann sich sehen lassen. Und entbindet die eifrigen Lesungsbesucher sogar von der Entscheidung, welcher Vorleserin, welchem Diskutanten der Vorzug gegeben werden soll. Dass die geltenden Hygienevorschriften umgesetzt werden, versteht sich von selbst,. Mit genügend Abstand zueinander und an Orten, an denen die Auslastung auf ein Viertel der grundsätzlich möglichen Plätze reduziert wurde. Auch der Kartenverkauf wird nur online stattfinden (s.u.).

So ist zu hoffen, dass die Mühen der Organisator*innen sich lohnen und alle geplanten Termine auch stattfinden können. Und viele Zuschauer*innen sich trauen, sich mit Abstand, aber doch physisch zu treffen und nach den vielen Zoom-, Teams- oder Skype-Sitzungen nun endlich wieder Literatur live zu erleben.  

Weitere Informationen und das ganze Programm findet ihr hier, Karten gibt es hier.

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

Arthur Galleij ist auf seinem Weg in das Leben als Erwachsener ein einziges Mal falsch abgebogen. Und für sechsundzwanzig Monate im Gefängnis gelandet. Nun ist er entlassen und kann ein Jahr lang in der Wohngemeinschaft von „weitermachen e.V.“ leben, mit Therapiesitzungen bei Konstantin Vogl, genannt Börd, täglichen Gesprächsrunden mit den anderen Jungs auf ihrem Resozalisierungsweg und ständigen Bewerbungen um Praktika oder Ausbildungsstellen. Aber mit diesem Makel im Lebenslauf ist es gar nicht so einfach, in ein Leben zurückzukehren, das auf mehreren Märkten stattfindet: dem Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt, dem Partnermarkt. Mal davon abgesehen, dass Arthur sich ja auch ganz allgemein im Leben nicht so richtig zu Hause fühlt.

Birgit Birnbacher erzählt in ihrem Roman den Weg Arthurs während dieses Resozialisierungsjahres nach seiner Entlassung. Dass am Gefängnistor nicht seine Eltern stehen, sondern die schwer kranke Grazetta, das erklärt schon einige seiner Probleme. Und die zeigen sich im Laufe dieses Jahres in vollem Ausmaß. Dann, wenn sich Arthur zurückerinnert an sein Leben in Hallein in der Eisenbahnersiedlung oder im Hospiz in Spanien. Und wenn er für seine Therapie das so genannte Schwarzsprechen durchführt. Das ist eine der besonderen Therapieansätze Börds, nämlich das Sprechen ohne Gegenüber, das Arthur selbst auf Band aufnimmt und das im Institut dann aufgeschrieben wird und das Börd – vielleicht – liest. So entfaltet sich Stück für Stück und fast chronologisch in Erinnerungen und über die Gesprächsnotate Arthurs Leben.

Arthur ist jedenfalls nicht in die beste Umgebung hineingeboren. Bei seiner Geburt hatte sein Vater schon die Geliebte Jean und die Mutter Marianne muss ihr Glücksgefühl über das Baby „produzieren“, weil sie „von Natur aus“ darüber nicht verfügt. Dass es die Kinder, da ist auch noch der ältere Bruder Klaus, überhaupt gibt, ist auch vielmehr „Unfällen“ zu verdanken, einer Nacht mit viel Alkohol einmal, einer Vergewaltigung beim zweiten Mal. Geplant sind Klaus und Arthur jedenfalls nicht. Und dann gibt es auch noch Streit wegen seines Namens, denn die Mutter möchte ihn Mario nennen. Das aber findet der Vater Ramon Galleij unmöglich, immerhin müsse ein Junge einen richtigen Jungen-Namen haben, nicht so heißen wie die Mutter. Also schreibt er einfach „Arthur“ auf das Geburtsblatt und Marianne nennt ihn noch lange heimlich Mario.

Das ist kein richtig guter Einstieg ins Leben für Arthur. Von dem aber erzählt wird, er sei ein glückliches Kind gewesen, er habe schon bei der Geburt gewusst, was man von ihm erwartet.

„Die Leute sagen oft: Arthur ist ein Kind, das man gar nicht spürt. Marianne lernt, das als Kompliment zu betrachten, und Arthur lernt es auch. Er braucht nicht viel, man spürt ihn nicht, und mit der Zeit trifft es sich ganz gut, denn Marianne hat meistens mehrere Jobs.“

Marianne und Ramon sind mit Selbstständigkeiten zweimal gescheitert. Erst einmal beim Verwalten eines Campingplatzes – Ramon ist doch kein Hausmeister, er war ja bei der Armee! – und dann mit einer Pizzeria. Also landet Marianne mit den beiden Söhnen Klaus und Arthur in der Eisenbahnersiedlung, in sechsstöckigen Häusern in Vierkantanordnung mit „Abstandsgrün, Eisenstangen ohne Wäsche, quadratischer Waschbeton, vier mal vier Meter, theoretisch für Tisch und Bänke. Aber das ist immer nur eine Möglichkeit geblieben.“ 

Arthur ist sieben, als Marianne den Kindern Georg vorstellt. Und mit Georg, der die Nase rümpft über die „Türken“, die mehr und mehr in die Eisenbahnersiedlung ziehen und eigentlich aus Tirana kommen, aus Skopje und Mostar, entwickelt sie den Plan, in Spanien ein Hospiz, oder besser: „ein Zentrum für Palliativpflege im Luxussegment“ aufzubauen. So zieht die Familie 1997 nach La Puerta, in eine sandige Steppe ans Meer, in deren Umgebung Siedlungen mit unbewohnten Häusern entstanden sind, Zeichen der spanischen Immobilienblase. Im Juli schon kommen die Pflegerinnen und Pfleger, die Ärztin, die Krankenschwestern, die Reinigungskräfte und die ersten Patienten, Gäste nennt sie Marianne, ziehen ein. Noch nie hat Arthur so ein schönes Zuhause gehabt wie hier, in einem neugebauten Anwesen, das wirkt wie ein Hotel, alles sauber, geputzt bis in die letzte Ecke. Marianne hat es geschafft, mit einer unerwarteten Selbstverständlichkeit füllt sie die Rolle der Geschäftsführerin aus. Gleich mehrere soziale Schichten ist sie nun aufgestiegen.

Um die Kinder aber kann sie sich nun trotzdem nicht kümmern, wenn sie ständig unterwegs auf dem Gelände ist. Und Arthur lernt das Sterben kennen mit den Gästen, die hier herkommen und oft gar nicht lange bleiben. Da ist aber niemand, der mit dem Neunjährigen über das spricht, was hier passiert, der ihn in der neuen Situation unterstützt, ihm hilft, seine Fremdheit in dem Land, dessen Sprache er nicht kennt, zu überwinden. Immerhin lernt er später in der Schule Princeton und Milla kennen, seine besten Freunde. Mit Princeton steigt er in die leeren Häuser ein, ihm schaut er zu, wie er sich im Darknet bewegt, zusammen mit Milla verbringen sie die Abende am Strand, planen ein Studium in Barcelona, Biologie, weil Milla das so möchte. Und als Milla ertrinkt, genau zu dem Zeitpunkt, als Princeton Arthur unter Wasser zieht, als möchte er ihn töten, da bricht für Arthur alles zusammen. Ob das wirklich ein Badeunfall gewesen sein, fragt er sich. Schuldig fühlt er sich, weil er nicht geholfen hat. Und trösten kann ihn keiner – Marianne und Georg schon gar nicht.

Es ist wie ein Experiment, in das Birgit Birnbacher ihren unscheinbaren, genügsamen, nirgendwo auffallenden und alle an ihn gerichteten Erwartungen erfüllenden Helden schickt. So, als wolle sie ausprobieren, was noch alles passieren muss, bis er sich endlich wehrt. Und wolle sich genau anschauen, wie er das dann macht. Arthur jedenfalls verlässt Spanien nach Millas Beerdigung und reist nach Wien. Er findet Unterschlupf in der Wohnung des Sohnes einer Freundin seiner Mutter. Obwohl er höchst sparsam ist, wird ihm doch das Geld knapp. Die Mutter will er nicht fragen – und sein Konto hat ein Hacker leergeräumt. Das ist der Zeitpunkt, an dem er den falschen Abzweig nimmt: Er nutzt die Kenntnisse, die er bei Princeton abgeschaut hat, und verschafft sich nun seinerseits Zugang zu den Identitäten und Konten anderer. Bis er nach ein paar Wochen festgenommen wird und eben für 26 Monate in Haft kommt.

Es sind immer wieder starke Szenen, die Birnbacher erzählt. Wenn Arthur nur alleine beim Begriff „Mehrfachbelegung“ Angstattacken erleidet und Flashbacks ihn schmerzvoll erinnern an die Machtspiele, die seine Zellenkollegen mit ihm gespielt haben. Wenn er eine zugemüllte Wohnung besichtigt mit einer Wuchermiete, die kein normaler Mensch mieten würde, nur eben einer, in dessen Lebenslauf „Strafvollzug“ steht. Wenn wir Leserinnen von den merkwürdigen Sitzungen mit Börd und seinen therapeutischen Ansätzen erfahren. Einmal fährt Arthur weit mit der Straßenbahn aus der Stadt heraus zu einer Sportanlage, um mit Börd das Purzelbaumschlagen zu üben. Oder in Börd erklärt ihm seine Methode vom Erfinden eines idealen Ichs, an dessen Verhalten man sich in kritischen Momenten möglichst erinnern und es dann, wie eine Rolle, spielen soll. Das alles sind Szenen, die so anschaulich und intensiv oder mit so einem feinen ironischen Blick für das Absurde und Groteske erzählt sind, dass sie lange in Erinnerung bleiben.

Ob dann aber, nachdem der immer ruhige und besonnene Arthur sich schon mit einer ordentlichen Liste gekaperter Konten ins Gefängnis gebracht hat, auch noch die Geschichte mit Lennox, seinem Zimmernachbarn im Resozialisierungsprojekt, nötig ist, um Arthur auch noch die letzte Chance auf eine Praktikumsstelle zu verstellen, ist fraglich. Seine Geschichte hätte auch ohne dieses weitere Spannungsmoment auf die Leser gewirkt. Und hätte auch über die individuelle Geschichte Arthurs hinaus den Blick für die Probleme junger Menschen geöffnet, die weniger durch eigenes Zutun als mehr durch die Fährnisse ihres Lebens, um nicht zu sagen: durch das Versagen der Eltern, auf die schiefe Bahn geraten und da kaum noch wieder wegkommen.

Immerhin: Für Arthur tut sich doch noch eine Chance auf. Davon erzählt der Roman gleich im ersten Kapitel. Dass er nämlich aus St. Pölten nach Wien fährt und den Weg zur Uni nimmt, wahrscheinlich zu einer Vorlesung im Institut für Geowissenschaften, Geografie und Astronomie. Es scheint so, als sei Arthur doch angekommen, in seinem Leben, mit nichts als seinem klugen „Ich“ an seiner Seite.

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite, Wien, Peter Zsolnay Verlag

Birgit Birnbachers Roman war nominiert für die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe, hrsg. von Katharina Raabe und Frank Wegner

Menschen, die sich für Bücher interessieren oder gar etwas mit Büchern zu tun haben, braucht man wohl kaum zu fragen über ihre Gründe des Lesens. Da wundern sich dann eher die Zuhörerinnen ohne besondere Bindung ans Buch, was für eine Argumentationslawine Leserinnen lostreten, wenn sie zu ihrer Passion befragt werden. Und dabei haben doch die Nicht-Leser oft das Gefühl, die Leser entziehen sich mit dem Buch auf den Knien und der Lesebrille auf der Nase schlicht der Realität und den konkreten Aufgaben, die das Leben im allgemeinen und der Alltag im Besonderen an sie stellt.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch die vierundzwanzig Autoren des Suhrkamp-Verlages, darum gebeten, Gründe ihres Lesens offen zu legen, wortgewaltig erklären können, was es mit ihrer Leidenschaft auf sich hat. Da kommen, wenn man genau zählt, viel mehr als vierundzwanzig Gründe zusammen. Denn so unterschiedlich die Autoren sind, die einen schreiben Geschichten, die anderen forschen über das Zusammenleben der Menschen oder über das Gehirn, der eine übersetzt, der andere macht Musik und schreibt Gedichte und der nächste zeichnet Comics, so unterschiedlich, so unterhaltsam, so fesselnd und interessant, so vnachdenkenswert ist ihre Herangehensweise an das „Warum lesen“.

Clemens J. Setz greift gleich zu Beginn des Bandes das Motiv des Lesenden als weltentrückten Sonderling auf. In einer Episode der Fernsehserie Twilight Zone ist es der Bankangestellte Henry Bemis, der seine Nase so gerne Stunde um Stunde in ein Buch steckt und sich damit den Unmut von Frau und Kollegen einhandelt. Dass die Filmaustatter ihm auch noch eine Brille mit richtig dicken Gläsern (Link) verpasst haben, rundet sein kauziges Bild ab. In der Bank schließt Bemis sich dann in der Mittagspause im Tresorraum ein, um endlich in Ruhe lesen zu können. Dort ist er aber so abgeschieden von der Welt, dass er als einziger eine Bombendetonation überlebt, die die gesamte Menschheit vernichtet. Voller Verzweiflung über seine Einsamkeit beschließt Bemis, sich zu erschießen, findet aber genau in diesem Moment die aus der Bibliothek herausgeflatterten Bücher und beschließt, seine Zeit – nun hat er ja genug davon – mit dem Lesen all der Bücher zu verbringen, die er schon immer lesen wollte: Dickens, Shelley, Keats!

„Auf den Stufen der Bibliothek liegt ein Buch im Staub. Der Zuschauer kann nicht erkennen, welches es ist, denn nichts steht auf dem Umschlag. Henry bückt sich nach dem Buch. Und da, ach, fällt ihm natürlich seine Brille vom Gesicht und die Gläser zerbrechen. Er kann nichts mehr erkennen, nichts mehr lesen. Er ist verloren.“

Aber, überlegt Setz, ist Brevis nicht doch eher gerettet durch den Verlust der Brille? Weil er sich – mit Brille – durch die Weltromane lesend, jetzt als letzter und einziger Mensch auf der Welt in jeder Figur, in jeder Handlung und jedem Charakterzug wiedererkannt hätte. Zum Lesen, so Setz, gehören also die Anderen immer mit dazu. Sie besänftigen, so schreibt er, die Fiktionen, die ohne dieses Regulativ zu nächtig werden. Und er empfiehlt dringend:
„Drum wirf, liebe Leserin, solltest du je in eine ähnliche verlockende Falle geraten, die Brille besser fort. Es gibt noch anderes zu tun, jenseits der Menschen.

Alejandro Zambra erzählt die Geschichte vom lesender Vater aus Mexiko, der ein viel konkreteres Leseproblem hat, nämlich ein Übersetzungsproblem. Sein Sohn, mit zwanzig Monaten im schönsten Vorlesealter, will unbedingt die Geschichte vom Maulwurf (ja, wir ahnen es schon, es ist der, dem auf den Kopf gemacht wurde!) hören. Das Buch aber hat die Mutter gekauft, leider auf Französisch. Und diese Sprache beherrscht der Vater kaum. Nun, der Sohn gibt keine Ruhe, der Vater lässt sich ein, denn er möchte diese kostbare Vater-Sohn-Zeit, die längst ein Ritual der beiden geworden ist, nicht aufs Spiel setzen. So liest der Vater vor, stattet jedes Tier mit einer eigenen Stimme aus und übersetzt dabei „so gut er kann“. Das Kind aber, das die Geschichte ja schon kennt, bemerkt jeden Unterschied der Vater-Geschichte im Vergleich zur Mutter-Geschichte

„und mit unverhoffter Liebenswürdigkeit, als verstünde es die Lage und wollte die Gefühle des Vaters nicht verletzten, korrigiert das Kind, feilt an der Übersetzung, und beim Wiederlesen, schon beim ersten Wiederlesen, baut der Vater die neuen Nuancen ein, die ihm sein zwanzig Monate alter Sohn offenbart hat, so dass die Geschichte jetzt glatter fließt und er den Vortrag verbessern kann.“

Später resümiert der Vater, dass die Geschichte vom Maulwurf das erste Buch gewesen sei, dass er komplett auf Französisch gelesen habe. Dass ihm dabei sein Sohn bei der Lektüre geholfen habe, nimmt ihn zusätzlich für das Buch ein. Aber er fragt dann doch die Mutter, warum sie ausgerechnet den Maulwurf auf französisch gekauft habe. Ach, entgegnete sie, er sei auf Spanisch nicht da gewesen undachten, denn sie kenne ihn ohnehin auswendig, ihre Mutter habe ihr das Buch ja auch schon vorgelesen. Was mit dieser spanischen Version passiert sei, fragt er. Ihre Mutter habe die Kinderbücher irgendwann einmal verschenkt. Nein, denkt der Vater, nie werde er die Bücher seines Sohnes verschenken. Und er beschließt auf der Stelle, nun nur noch Kinderbücher zu schreiben.

Von der Magie der Geschichten in der Kindheit erzählt auch Katja Petrwoskaja. Bei ihr ist es „Der blaue Vogel“ von Maurice Maeterlinck, ausgestattet mit zarten Aquarellen. Und es ist diverses Buch, dass ihr immer wieder bestätigt, was Kinder sowieso wissen: „dass alle Gegenstände eine Seele haben – aber nur nachts.“ Petrowskaja denkt in ihrem Beitrag über ihre Entwicklung als Leserin nach, über ihr Lesen während einer rätselhaften Krankheit, die sie ins Krankenhaus brachte. Über die Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“, die sie während dieser Zeit las. Über die Märchen überhaupt, die sie als Kind so interessierten und die ihr Vater aus allen Ecken der Welt gesammelt hatte. Wie sich ihr Lesen und ihr Zugang zur Literatur durch ihr Literaturwissenschaftsstudium veränderte. Und in welche reale Gefahr sich ihr Vater mit seiner Bibliothek und den dort gesammelten Büchern begeben hatte, mit den Büchern, die doch aus dem sozialistischen Alltag heraus Fluchten in die Freiheit ermöglichten. Es ist ein Büchlein mit Gedichten Pasternaks, die der Vater ausgewählt, mit der Schreibmaschine abgeschrieben und selbst geheftet hat, das zum Verhängnis wird. In Russland nämlich gab es zeitlich parallel zum Erscheinen des Doktor Schiwago und des Literaturnobelpreises 1957 eine Kampagne gegen den Autor. Irgendjemand musste Petrowskajas Vater wegen seines im Selbstverlag erstellten Pasternak-Buches denunziert haben. Und so fand er in kommenden 30 Jahren in seiner Heimat Kiew keinen Job mehr.

Neben den Geschichten über das Vorlesen, das Lesen als Flucht vor dem grauen Alltag in Ost und West oder gerade auch über das Lesen als Weltverweigerung, über die Verwunderung von Annie Ernaux darüber, dass das Lesen für sie eine große Bedeutung hat, während es andere Menschen so völlig kalt lässt, über Maria Stepnovas Beschreibung der Verwandlung der Leserin in die Figuren, über die sie liest, bis hin zu Nicolas Mahlers Comic über die unerwartete Wandlung des Ansehens eines Comiczeichners – die vierundzwanzig Gründe des Lesens halten eine Menge an Argumenten, an Lob, an Geschichten vom Lesen und an Liebesbeweisen bereit. Und nicht zuletzt sind es auch die Soziologen, die – aus einer wissenschaftlichen – Perspektive heraus die Bedeutung des Lesens vom Bauch auf den Kopf stellen.

Reckwitz und Illouz, wenn sie über die Arten des Lesens nachdenken, und Nachtwey, wenn er am Beispiel der Lektorin in Ingo Schulze Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ erklärt, dass „Lesen in der regressiven Moderne“ nicht automatisch zur Aufklärung führe und in die Verlage „Matthes & Seitz, diaphanes und Suhrkamp“, sondern die Leser durchaus auch in die Verlagshäuser der neuen Rechten bringen könne.

Hartmut Rosa greift – fast – noch einmal das Motiv des kauzigen Lesers Henry Bemis auf, wenn er in seinem Beitrag über die „Wunder der narrativen Resonnanz“ darlegt, welche bunte Welt Bemis beim Lesen in seinem Inneren erschafft. Rosa erklärt, was Spiegelneuronen in unserem Gehirn anstellen, wenn wir zusammen mit den Figuren der Geschichten lachen und weinen, uns eine Wut ergreift oder eine große Trauer, obwohl wir doch wissen, dass das alles Fiktion ist. Dabei sei Lesen eine nachhaltige Erfahrung, weil das Lesen von uns ja erfordert, dass wir – einem Regisseur gleich – die Schauplätze erschaffen und die handelnden Personen zum Leben erwecken müssen, weil wir gar „Farbe, Gerüche, Wärme, Weite“ imaginieren müssen. Dabei bleibe es nicht bei einer passiven Rezeption, sondern es komme, so Rosa, immer wieder zu einem Dialog, zu einer Beschäftigung mit der Geschichte, der Handlung, dem Protagonisten.

„Da spricht etwas zu mir, das mir neu ist, das anders ist als ich, und ich vermag, es zu hören, darauf zu antworten, damit etwas anzufangen. (…) So entsteht das Neue, im eigenen Leben und in der Welt. So entsteht Lebendigkeit. So können wir durch Literatur mit dem Anderen in uns selbst, in der Geschichte, in der Kunst, vielleicht sogar in der Natur in Resonanz treten. So entwickeln wir tragfähige Beziehungen zur Welt: angstfrei, neugierig, selbstwirksam, lebendig. So lautet meine Eloge auf das Lesen.“

Natürlich, Rosa lässt seine Eloge so nicht stehen. Aber wer seine Gegenrede dazu kennen lernen möchte, der möge: Lesen. Und vielleicht auch noch die vielen anderen Gründe, von denen hier ja gar nicht die Rede sein konnte.

Katharina Raabe, Frank Wegner (Hg.) (2020): Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe, Berlin, Suhrkamp Verlag

Enno Stahl: Sanierungsgebiete

Lynn ist ratlos. Bald ist ihr Architekturstudium zu Ende, es fehlen nur noch die Diplomarbeit und ein mehrmonatiges Praktikum. Aber sie weiß nicht, worüber sie schreiben soll, weiß auch nicht, wie sie an eine Praktikumsstelle kommen soll, nun, da es alle Studenten absolvieren müssen. Warum sie nicht über ihre Straße schreibe, fragt Frank, ihr Kommilitone. Da sei so viel saniert worden seit der Wende, das wäre doch bestimmt ein gutes Thema. Lynn wohnt in der Rykestraße und diese Straße am Prenzlauer Berg ist ausgewiesenes Sanierungsgebiet. Hier, so hat der Senat von Berlin festgelegt, sollen bauliche Maßnahmen an den zu DDR-Zeiten lange nicht modernisierten Gebäuden unterstützt werden. Und ebenso soll die Infrastruktur verbessert werden, durch Spielplätze und Grünflächen beispielsweise und verkehrsberuhigte Zonen.

Lynn nimmt die Idee auf, entwirft ein Konzept und schlägt das Thema ihrem Professor vor. Der akzeptiert es, auch wenn Lynn hier mehr soziologische als bautechnische Forschungsfragen aufwirft. Denn ihr Interesse liegt ja vor allem bei der Frage, wie die Sanierungen auf die dort wohnenden Menschen wirken. Dabei steht Lynn, die Tochter einer Anwältin aus Düsseldorf, die die Wohnung für die Zeit des Studiums der Tochter gekauft hat, prototypisch für die Veränderungen, die hier vor sich gehen: Vermögende Wessis kaufen Eigentum in den gut sanierten Häusern, leben selbst dort oder vermieten die Wohnung. Verdrängt werden die ursprünglichen Bewohner.

So die ältere Dame aus Lynns Hinterhaus. Die hat versucht, sich das Leben zu nehmen, hat das Gas aufgedreht an dem Tag, an dem ihr per Räumungsklage angekündigt wurde, dass sie ausziehen müsse. Über 80 Jahre ist sie und hat vierzig Jahre hier gewohnt. Aber umziehen, auch wenn ein Umzugsunternehmen hilft, in eine neue Wohnung, die der Vermieter besorgt hatt, das wollte sie nicht.

Auch Stone ist schon weggezogen, nach Neukölln. Dort geht er jetzt immer mit seiner Hündin Else in der Hasenheide spazieren. Manchmal bessert er sich seine Einkünfte vom Amt mit kleinkriminellen Tätigkeiten auf. Lynn führt mit ihm ein Interview über seine Zeit in der Rykestraße. So lernen sie sich kennen und bleiben verbunden, auch als er Luzie kennenlernt und die beiden beschließen, aufs Land zu ziehen, dort einen Späti aufzumachen und den Boots-Verleih am Kanal zu betrieben.

Enno Stahl wendet sich in seinem Roman, der am Ende der 2000er Jahre angesiedelt ist, mit dem Blick auf die Immobilienfrage einem – immer noch – aktuellen, einem politischen Thema zu. Ähnlich wie Anke Stelling, die auch schon mehrfach von Gentrifizierung und ihren Auswirkungen erzählt hat, zuletzt so virtuos in „Schäfchen im Trockenen“. Durch Lynns Diplomarbeit, durch ihre Recherchen, durch eigene Erhebungen und Analysen statistischer Daten über die zwei Jahre, die sie für ihre Arbeit benötigt, wird der Verdrängungsprozess und die vielen Einflüsse, die ihn so deutlich befördern, sehr differenziert ausgelotet. Dabei ist der zeitliche Rahmen der Diplomarbeit eben der Zeitraum, von dem hier erzählt wird, so dass die Leser*innen Veränderungen im Kiez hautnah miterleben können, genauso die Leben der Protagonisten. Und ihre charakterlichen Brüche.

Ein Nachbar von Lynn, nur ein paar Häuser weiter wohnend, ist Otti, Ottmar Wieland. Er kommt aus Rostock, lebt aber schon seit dem Studium in den 1980er Jahren in Berlin. Und eigentlich auch nur im engsten Umkreis der Rykestraße. Hier ist sein Umfeld, hier kennt er sich aus, hier kennt er die Menschen, sitzt in den Kneipen, trifft sich mit den alten Freunden, um wieder neue Aktionen zu planen, eine neue Zeitschrift herauszugeben. Gerade arbeiten sie am Konzept einer Zeitschrift mit dem sprechenden Namen „Der Weg nach unten“. Otti ist ein eingefleischter Linker, jedes auftauchende Problem, jede gesellschaftliche Frage kann er einwandfrei marxistisch erklären. Und so wie er sich in der DDR als regimekritisch gezeigt hat, so empfindet er auch jetzt „den Staat“ – vor allem verkörpert durch die Mitarbeiter der Arbeitsagentur – als seinen natürlichen Feind.

Natürlich erst recht die vom Kapitalismus angetrieben Immobilienbesitzer. Denn Otti liegt im Klinsch mit seinem Vermieter Huber, der vor Monaten eine Renovierung angekündigt und dann erst einmal ein Gerüst mit Sichtschutz hat aufbauen lassen. Da sind schon die ersten Mieter ausgezogen, von ganz alleine sozusagen. In der zweiten Stufe haben Hubers Handwerker nun damit begonnen recht viel „Dreck, Lärm und Staub“ zu machen, umdie noch hier wohnenden Mieter zu vergraulen.

„Zur Strafe hat Otti die ohnehin schon spottbillige Miete gekürzt und den politischen Kampf gegen die feindliche Landnahme noch einmal verschärft. Mit einigen Leuten, die in einer ähnlichen Lage sind, hat er eine Initiative aufgebaut, die gegen die Verdrängungsprozesse im Viertel kämpft. Ihre Flugblätter haben – gerade wegen ziemlich radikaler Forderungen, Boykott- und Gewaltaufrufen sowie der Veröffentlichung privater Daten und Details über die hier tätigen Spekulanten – reißenden Absatz in der Szene gefunden.“

Otti war mit Donata verheiratet, sie kennen sich aus der Punk- und Widerstandsszene in Prenzlauer Berg, die sich in der 1980er Jahren entwickelt hat. Als nun alleinerziehende Mutter und Redakteurin beim „Voran“, der Gewerkschaftszeitung, versucht Donata politische Haltung und Lebensunterhalt zu vereinbaren. Als sich Karrierechancen bieten, greift sie zu, erklärt (sich) immer wieder, wie wichtig ein gutes Einkommen ist, um Sohn Jonathan beste Ausbildungschancen zu eröffnen. Oksana, eine Biologie-Studentin und Freundin Lynns, passt immer wieder auf Jonathan auf, wenn die Kita schließt und Donata noch Termine hat. So lernen sich auch Lynn und Donata kennen.

Zwischen diesen vier Personen wechselt die Erzählung hin und her. Und wir lauschen den Figuren zum Teil bei ihren inneren Monologen. Dabei berlinern Otti und Stone ordentlich und bringen so Lokalkolorit in die Erzählung. So wirkt die Erzählung sehr authentisch und realistisch. Kommentierungen der Ereignisse und der Haltungen der Figuren gibt es nur dann, wenn der eine über die andere nachdenkt, wenn Donata mal wieder die Augen zu verdrehen scheint wegen einer Äußerung Ottis.

Der wirklichkeitsnahe, der manchmal dokumentarische Charakter der Erzählung wird zudem unterstützt durch die Interviews, die Lynn und Donata führen. Durch Auszüge aus Archivtexten, Preislisten, Bestandsaufnahmen der Anzahl der Plattenbauten in Berlin, durch Redemanuskripte, Blogbeiträge und Vorlesungsmitschriften. Durch die lebendigen Schilderungen des Gewusels auf den Straßen des Kiezes, dem Gewimmel in den Kneipen.

Während ihrer Recherchen lernt Lynn Daniel kennen, die beiden werden ein Paar, auch wenn Daniel immer mal wieder für ein paar Wochen verschwindet, wenn Lynn ihn oft nicht erreichen kann. Durch ihre Gespräche mit einem Architekten, der an Sanierungen beteiligt gewesen ist, bekommt sie auch eine Idee, wie sie an einen Praktikumsplatz gelangen kann. Und findet tatsächlich eine Stelle im Architekturbüro Schmieder. Dort lernt sie auch die Formen ausbeuterischen Arbeitens kennen, denn nicht nur das Praktikum ist unbezahlt, auch ihre Arbeit, die sie weiterhin leistet, als ihre Zeit als Praktikantin längst vorbei ist. Ihre Mutter, immerhin Anwältin – und dies ist vielleicht eine der weniger plausiblen Ereignisse im Roman – fordert Lynn geradezu dazu auf, die Stelle auch ohne Bezahlung fortzuführen, immerhin lerne sie, könne so bei Bewerbungen Praxiserfahrungen nachweisen. Lynn bleibt also, auch als Schmieder selbst als Investor auftritt, Altbauten abreißt und Luxusapartments baut und somit gegen alles verstößt, was Lynn in ihrer Diplomarbeit, in ihren Zeitungsartikeln und Blogbeiträgen anprangert. Erst als Schmieder zwei Kommilitonen mit Werkverträgen einstellt, rebelliert sie.

„Sanierungsgebiete“ ist ein großartiger (Großstadt-)Roman, der nicht nur die dubiosen Praktiken der Immobilienhaie aufzeigt, sondern auch vom ganz normalen Chaos, von den ganz normalen Fährnissen des Lebens erzählt. Ein Roman, der sich – endlich einmal – um ein ganz wichtiges gesellschaftspolitisches Thema dreht, der das Weggucken von Poltitik und Verwaltung aufzeigt, als Voraussetzung für das ungehemmte Durchsetzen ökonomischer Interessen. Der nebenbei auch noch von den Arbeitsverhältnissen der Generation Praktikum erzählt. Und der dabei immer wieder aufzeigt, wie korrumpierbar der einzelne ist, wie opportunistisch selbst jene sind, die sonst doch immer so viel Wert auf bestimmte Werte legen.

Enno Stahl (2019): Sanierungsgebiete, Berlin, Verbrecher Verlag

Niklas Maak: Technophoria

Die zumeist positiv geführte Diskussion um die fortschreitende Digitalisierung, gerade noch befeuert durch ihre Lösungsansätze während der Corona-Pandemie, erinnert auch an die Technikbegeisterung vergangener Perioden. Die Lösung fast all unserer Probleme scheint durch die Digitalisierung möglich; Smarte Cities beispielsweise sollen durch eine komplette Vernetzung nicht weniger als die Umwelt- und Klimaprobleme lösen und die Sicherheit der Bürger gewährleisten, das smarte Home das Leben für seine Bewohner bei optimaler Ressourcennutzung bequem gestalten und Gadgets zur Messung verschiedener Körperwerte dazu beitragen, fit und gesund zu bleiben.

Niklas Maak lässt in seinem Roman nun nicht die Titanic untergehen, um in den Abgesang auf die Idee der omnipotenten Segnungen der digitalen Technik einzustimmen. Aber er zeigt uns doch die eine oder andere Tücke der Vernetzung auf – mit für einige seiner Figuren desaströsen Ausgängen. Doch diese Probleme bleiben auf der individuellen Ebene, während das technologische Großprojekt, dessen Entwicklung und Entstehung den roten Faden des Romans bildet, umgesetzt wird, wie die Leser schon zu Beginn des Romans erfahren.

Mit Blick auf die vernetzte Stadt, um die es immer wieder geht, siedelt Maak seinen Roman aber nur vermeintlich auf der Grenze zwischen Jetztzeit und einer Science-Fiction-Welt an. Denn Unternehmen bauen auch heute schon smarte Cities – mit Technologien, die zum großen Teil bereits existent sind und genutzt werden, so Google/Alphabet in Toronto, Toyota in Tokio und Siemens will ein solches Viertel in Berlin bauen (Quelle)

Driessen ist in Maaks Roman einer dieser innovativen Stadtentwickler, der ins sandige Berliner Umland ein digitales Testhaus gebaut hat. Die Verhandlungen mit der Stadt Berlin gestalten sich positiv, er bekommt den Zuschlag für den Bau eines smarten Stadtviertels. Das neue Viertel mit Wohnungen, die die Daten ihrer Bewohner sammeln, um sich deren Lebensgewohnheiten anzupassen, mit selbstfahrerenden Elektro-Autos, mit Straßenlaternen, die nur angehen, wenn auch ein Passant daher kommt und mit Kameras überall. Praktisch für Touristen, die am Ende ihrer Stadtbesichtigung ein kleines Album erwerben können mit Bildern, die von ihnen in der Stadt gemacht wurden.

Tatsächlich sind die Wohnungen im neuen Vierteil ein Verkaufsschlager, es gibt fünfmal mehr Bewerber als Wohnungen. Und das Viertel hält, was es verspricht: es wird 60 % Strom eingespart, die Umsätze der Läden steigen um 28 %, weil den Passanten beim Vorbeigehen die Angebote per SMS zugestellt werden, die Luftqualität ist bemerkenswert gut, die Zahl der Diebstähle auf Null gesunken und der Mann, der einen vierjährigen Jungen angesprochen hat, ist durch die Gesichtserkennung identifiziert und von der Polizei befragt worden.

Driessen denkt aber noch viel größer. In Ägypten nämlich wird  eine Idee aufgegriffen, die schon in den 1960er und 1970er Jahren entwickelt, dann jedoch verworfen wurde: die unter dem Meeresspiegel liegende Quattara Depression, eine Senke der Wüste zwischen Ägypten und Libyen, soll mit Wasser aus dem Mittelmeer geflutet werden. Der neu entstehende See mit einer Größe von 80 mal 120 Kilometern werde, so die Erwartung der Befürworter, die Temperatur in der Region abkühlen und für Regen sorgen. Dabei könne nicht nur der Klimaerwärmung vorgebeugt werden, die gerade diese Region unbewohnbar machen und weitere Flüchtlingsströme nach Europa hervorbringen würde. Es könne auch die Meeresspiegelerhöhung insgesamt eingedämmt und somit Überschwemmungen von New York über Mumbai bis Amsterdam und London verhindert werden.

Im Oktober 2019 spricht also eine Delegation der Ägypter bei Elon Musk vor und erklärt das Projekt. Ein paar Wochen später sind weitreichende Verträge unterzeichnet: ein französisch-britisches Konsortium wird den Tunnel bauen, um das Wasser in die Senke zu leiten – und Driessens Unternehmen die Städte am großen Quattara-See. Alles smarte Cities mit „automatisierten Häfen, intelligenten Wohnungen und selbstfahrerenden Autos“.

Sara ist Driessens Mitarbeiterin, die das Quattara-Projekt als Leiterin begleitet. Eine Frau in den 30ern, die souverän mit den Ägyptern verhandelt und den Beduinen, die in der Quattara-Senke leben, die Chinesen mit ins Projekt holt und sie wieder hinaus katapultiert, die sich in den Hotels und Tierparks in Afrika so selbstverständlich bewegt wie bei Hippie-Aussteigern in der Wüste der USA und bei ihrem Yoga-Urlaub in Goa.

Und dann ist da noch Turek, der (Anti-)Held des Romans, der für Driessen die PR macht. Er ist ähnlich unbehaust wie Sara, lebt manchmal in dem Testhaus, reist dorthin, wo er für Driessen Lobbyarbeit betreiben soll, hat später auch eine Wohnung in der neuen smarten Stadt. Eigentlich hat er Architektur studiert und Kunst, hat einige Monate im Auto gewohnt, bis er zu Evangelina gezogen ist. Als die ihn verlassen hat, ist er ein paar Monate später nach New York gegangen und hat bei Doctoreff gearbeitet. Doctoreff und sein Buddy Michael Bloomberg

„hatten die Chance ergriffen, sich als Politiker zu verkleiden und die alte Stadt im Namen von Ökologie und Sicherheit komplett auszuschlachten, so wie man von einem alten Haus nur die Fassaden stehen ließ und alles herausriss, was daran nicht smart war, und das war fast alles – Verkehr, Dämmungen, Versicherungen, die ganze Art, wie Politik gemacht wurde…. (…) Sie hatten aus New York ein Unternehmen gemacht, sie hatten die Stadt so umgebaut, dass sie noch mehr Geld abwerfen, noch mehr Touristen anziehen konnte.“

Jetzt ist Doctoreff bei einer Tochterfirma von Google, die in Torontos Hafengelände eine smarte City baut. Und Turek für das gute Bild Driessens in der Öffentlichkeit zuständig. Als die Öffentlichkeit erfährt – ausgerechnet in der Bauphase des Berliner-Viertels -, dass Driesssens Unternehmen in Afrika auf wenig nachhaltige, auf ausbeuterische und den Bürgerkrieg unterstützende Weise Coltan fördert, ein notwendiges Erz für die Elektrokondensatoren in allen digitalen Geräten, bespielt Turek alle Saiten des Instrumentes Greenwashing. Wenn die Roboter in der smarten City ein menschenfreundlicheres Aussehen bekommen sollen, damit sie von Bewohnern und Touristen positiver wahrgenommen werden, dann reist Turek nach Japan und schaut sich dort die verschiedenen Versionen von menschlich wirkenden Androiden an. Und so sehr Driessen ihn auch lobt und befördert – beim ersten (PR-)Gau, als nämlich doch ein Auto im Berliner Vorzeigeviertel einen Menschen überfährt, als die Stadt sofort alle weiteren Gelder einfriert, da bekommt Turek postwendend die Kündigung.

Im Laufe der Handlung werden einige Probleme der digitalen Entwicklungen ausgelotet und bringen die eine oder andere Person in Bedrängnis. Turek, der gleich mehrmals vor den Eigenwilligkeiten eines smarten Hauses kapitulieren muss, den eine nicht berücksichtigte Müdigkeitsmeldung seines Autos zum Mitschuldigen an einem Unfall macht. Driessen, dessen Seitensprung durch die ungewollten Aufnahmen seines Sprachassistenten an die Öffentlichkeit gelangt. Andere problematische Aspekte – die Fragen um die Gesichtserkennung an allen Orten beispielsweise, um das permanente Saugen und Verarbeiten von Daten, sogar im eigenen Zuhause, dem Ort, der doch eigentlich Schutz bieten sollte – werden zumindestens diskutiert. Und wenn Turek nach Japan reist, um dort den Forschungsstand zu humanoiden Robotern zu begutachten, wenn er beschreibt, wie er einem sehr menschlich wirkenden Gegenüber begegnet, dass manchmal gar nicht mehr erkennbar ist, wer Mensch, wer Androide ist, dann haben diese Begegnungen auch eine Wirkung auf die Leserin, die plötzlich jeder Figur der Erzählung misstraut.

Doch auch dieser Roman zeigt auf, wie schwer es ist, über die unmittelbare Gegenwart und nahe Zukunft zu erzählen: Die Darstellung der Handlungsumgebung, das Erzählen vom Leben in dieser Welt brauchen wohl so viel Energie, dass die Handlung und die Figuren zu kurz kommen. So sind auch Maaks Protagonisten blass, oft nur holzschnittartig gezeichnet, eine charakterliche Tiefe ist kaum zu erkennen. Vielleicht sind die zum Teil zusammenhanglosen Beobachtungen Tureks symptomatisch für sein Erleben, vielleicht zeigt das seine Haltlosigkeit in der Welt, für alle Figuren, die hier auftreten, reicht die Erklärung nicht. Dass Tureks Freundin Aura ausgerechnet über das Verhalten von Gorillas forscht und so die Motive Technik versus Natur in diesem Paar vereint sind, gehört zur oft klischeehaften Gestaltung der Erzählung.

Auch die deutlich konfrontativen Schnitte – die smarte Städteentwicklung auf der einen Seite, die Aussteigercommunities in Frankreich und in den USA auf der anderen Seite – sind sehr plakativ. Einen dritten Weg zwischen Technik-Euphorie und Technik-Phobie, der die Vorteile der Digitalisierung nutzt, die Probleme aber mit in den Blick nimmt und hier Lösungen unter Wahrung der Werte einer demokratischen Gesellschaft erarbeitet, zeigt der Roman leider nicht auf. Dabei berichtet Niklas Maak in einem Interview über solche – europäischen – Ansätze. Es ist schade, dass der Roman nicht auch diese Option mit in den Blick nimmt, denn in Punkto Aktualität ist Maaks Roman ja richtungsweisend.

Niklas Maak (2020): Technophoria, München, Carl Hanser Verlag

Jutta Reichelt: Wie ich Schriftstellerin wurde

„Mein Leben war nicht, wie es war.“ Aus diesem einen Satz, der plötzlich aufgetaucht und da war, dieser Aussage, die, so schreibt Jutta Reichelt, ja nicht einmal plausibel sei, entwickelt sich die Geschichte des Protagonisten Christoph. Denn Christophs Leben ist nicht so geordnet und perfekt, wie es scheint und wie er selbst meint, dass es sei. Er muss erst erkunden, was ihn da, so mitten im Leben, aus der Bahn wirft. Welche Geschichten aus der Vergangenheit ihm noch anhängen und gerade jetzt ans Licht drängen. Und so entwickelt sich aus diesem einen Satz die Geschichte des Romans „Wiederholte Verdächtigungen“.

Als dieser Satz als Samenkorn für eine ganze Geschichte auftauchte, da war Jutta Reichelt längst eine Schriftstellerin. Dass der Weg dahin ein langer und steiniger war, davon erzählt sie in diesem schmalen Band. Das Schreiben als Profession ist lange nicht ihr Ziel gewesen. Als Kind habe sie keine Phantasie gehabt, auch keine vollgeschrieben Tagebücher als ersten Hinweis auf die spätere Schriftstellerei. Jura habe sie erst studiert, später Soziologie. Doch beides waren wohl nicht „ihre“ Themen, vielleicht eher die ihres Umfelds, das erwartete, „dass etwas aus ihr würde“. Statt zum Studienabschluss zu kommen schlitterte sie so in eine veritable Krise. Auch ihr Leben war nicht, wie es war.

Seit einigen Jahren sammelt Jutta Reichelt Geschichten von Menschen, die sich über sich selbst geirrt haben. So, wie sie sich lange über sich geirrt hat. Heute erzählt sie von ihrer Geschichte Und wie sie dann doch Schriftstellerin geworden sei beim Bremer Kultursommer. Dass sie auch eine unermüdliche Ermutigerin ist, das eigene Schreiben zu wagen, davon erzählen zum einen Blog ihr mit dem Titel „Über das Schreiben von Geschichten“ sowie zum anderen die vielen Workshops, die sie leitet,

Wer ihre Geschichte „Wie ich Schriftstellerin wurde“ nachlesen möchte, der kann sie als Sonderdruck über die Seite beziehen www.juttareichelt.com.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Ein Roman mit dem schlichten Titel „Arbeit“ lässt Erinnerungen aufkommenan die Literatur der 1970er Jahre, Literatur über körperlich harte, schwere und schmutzige Arbeit in den Fabrikhallen, den Hütten und Kohlerevieren (des Ruhrgebiets), Literatur auch, in der über die Lebensumstände der Arbeiter erzählt wurde. Mit dieser Assoziation aber liegt man – auf den ersten Blick – gründlich daneben. Thorsten Nagelschmidts Roman spielt im heutigen Berlin, auf den quirligen Straßen Kreuzbergs. Er erzählt von denen, die dafür sorgen, dass das Leben und das Feiern auch nachts weitergehen: von Heinz-Georg Baderzky, dem Taxifahrer, von Anne, der Frau vom Späti, von Felix, dem Dealer, von Tanja und Tarek, den Rettungssanitätern. Von Sabrina, die in aller Herrgottsfrühe am Samstagmorgen aufsteht und mit ihrer Küpperweisser die Spuren der Nacht auf Straße und Gehweg beseitigt.

Und von Ingrid. Sie hat einmal Soziologie studiert, ein Fach, mit dessen Abschluss sie, so erklärt sie ihren Berufsweg, Taxifahrerin werden konnte oder Antiquarin. Sie besaß keinen Führerschein, also wurde es das Antiquariat. Das hat sie mit Harald geführt, ihrem Mann. Es scheint, dass sie alle Bücher kennt, die sie in den Regalen stehen hat. Wer in den Laden kommt, der bekommt eine Buchempfehlung. Auch wenn die oft schroff ist und so manchen Kunden schnell wieder vor die Türe treibt. Zu Rainald Goetz´ “Rave“ meint sie zu einer Kundin ganz unverblümt, der Text sei albern: „Auf Buchlänge aufgeblähte Authentizitätspoesie, im Grunde unlesbar.“ Dem Vater der Kundin, der sich so positiv zu ihrem Laden äußert, empfiehlt sie gleich den halben Meter Suter, den sie hinten im Laden stehen hat: „Greifen Sie zu, billiger kriegen Sie´s nirgends.“

Es sind diese Figuren, die die Leserin geradezu hineinziehen in die vielen verschiedenen Episoden des Romans. Der in einer einzigen Nacht im März spielt, nämlich in der von Freitag auf Samstag, dem Tag der Tag- und Nachtgleiche. Ein bisschen Frühling liegt schon in der Luft, aber nach Mitternacht wird es heftig zu regnen beginnen. Ingrid wird sich dann zum Schutz eine ihrer großen Ikea-Plastiktüten über den Kopf halten.

Die Episoden dieser Nacht spielen alle in einem abgrenzbaren Quartier in Berlin Kreuzberg. Hier ist Annes Späti, nicht weit entfernt das Hostel, in dem Sheriff seinen Nachtdienst macht. Wieder ein Stück weiter ist die Tankstelle, an der sich gegen Samstagmorgen einige der Protagonisten der Episoden treffen, nebenan die Bar, an deren Tür Ten den Besuchern den Zugang zugesteht oder verweigert. Felix, der Dealer, der es nach Knast und einer enthaltsamen Zeit heute wieder einmal richtig krachen lassen möchte, begrüßt Ten als alten Bekannten, den er lange nicht gesehen habe. Dazwischen fahren Christina und Schüngel im Polizeiwagen Streife und Tanja und Tarek mit ihrem Rettungswagen.

Ingrid und Harald sind immer gerne ins Kino gegangen. Als er gestoben ist an Magenkrebs, genau heute vor drei Jahren, da hat sie sich kaum getraut, alleine ins Kino zu gehen. Sie hat befürchtet, dass sie alles an ihn erinnern würde. Aber was erinnert sie nicht an ihn? Die Wohnung, der Laden, überall hat Harald ja auch seine Spuren hinterlassen. Aber heute gönnt sie sich den Kinoabend. Obwohl ihr eigentlich das Geld fehlt für die Karte. Denn das Antiquariat läuft nicht mehr. Erst sind es die Onlinehändler gewesen mit ihren Gebrauchtbuchverkäufen, die ihr die Kunden weggenommen haben, seit neuestem die Sozialläden, die auch Gerauchtbücher verkaufen und in die „ein-Euro-Jobber gesteckt werden, um dort puzzelnd und kreuzworträtselnd ihre Zeit abzusitzen, während die als Sozialvereine deklarierten Betreiber sich die Miete vom Jobcenter bezahlen lassen und eine Aufwandsentschädigung von 500 Euro pro Mann kassieren. Die Kunden aber halten es für eine gute Sache und schleppen kistenweise ihre alten Bücher dahin. Wie da die Beschäftigungsverhältnisse aussehen, das wollen die gar nicht wissen, Hauptsache es steht sozial drauf.“

Nach dem Film fährt Ingrid nicht nach Hause. Sie fährt zu den Stellen, an denen es auch sonst reichlich gibt, was sie nun sucht: Pfandflaschen. Die packt sie in eine ihrer Ikeatschen; die erste ist schnell gefüllt Sie rechnet, wie viel Pfand sie zusammenhat, ob es schon den Wert einer Kinokarte hat. Und nimmt sich vor: „Die Kinokarte bis zur Schlesischen, das wäre schön.“ Und wenn es gut läuft, dann versucht sie auch, Flaschen für zwei Kinokarten zu sammeln, für Filme mit Überlänge.

„Ingrid weiß, dass auch sie die Ideologie der Arbeits- und Leistungsgesellschaft verinnerlicht hat. Sie weiß, was mit protestantischer Ethik gemeint ist, sie hat ihren Max Weber gelesen, Anfang der Achtziger an der FU, in einem wunderbar ziellosen Bummelstudium, bevor sie einsehen musste, dass die Dinge, die sie interessierten, sie niemals ernähren würden.“

Die Kennzeichen der protestantischen Arbeitsethik, das rationale und organisierte Ausführen der Arbeit, das rastlose Streben nach Besitztum und die starke Motivation, in jeder Arbeit Sinn zu sehen, lässt sich bei allen Helden der einzelnen Episoden erkennen. Felix zum Beispiel bezeichnet sich nicht als Dealer, sondern sieht sich mehr als Geschäftsmann. Und hat fast so etwas wie ein unternehmerisches Leitbild:

„Wenn Felix eine Tochter hätte, die nach Berlin kommt und Drogen nehmen will, dann sollte sie an einen wie ihn geraten. Das war immer sein Anspruch, sein Kodex, seine Maxime. Er hat jungen Mädels oft etwas verweigert, GHB zum Beispiel oder Acid, Drogen für Erwachsene.“

Oder Marcela, die Masterstudentin, die verschiedene Jobs ausprobiert und nun aus Not als Fahhradkurierin arbeitet. Sie hat feste Vorgaben zu erfüllen, wöchentliche Performancedaten wie Time at Customer, Reaction Time und Speed. Kategorien, in denen sie es zuletzt regelmäßig unter die „Top-10-Riders of the week“ geschafft hat „und alles in allem mochte sie ihren Job.“

Oder Tanja, die Rettungssanitätern. Sie macht gerade ihr Abitur nach, will Medizin studieren und macht die Wochenendnachtschitten auf dem Rettungswagen, um ihren Unterhalt zu verdienen. Sie wollte schon immer Ärztin werden, schon als Kind. Aber das Gymnasium hat sie nicht durchgehalten, hat die Schule geschwänzt, ist geflogen und hat die Realschule gerade so bestanden. Für das Studium braucht sie ein Abitur mit 1,0 oder es gibt viele Wartesemester. Immerhin kann sie bei den Rettungseinsätzern schon mal den Ärzten über die Schulter schauen. Jeden Handgriff beobachtet sie, den Dr. Gutzeit an der Fahrradkurierin vornimmt, die wohl bei voller Fahrt in die offene Tür eines Autos gerast ist, das in zweiter Reihe geparkt hat.

Es sind lebenspralle Geschichten, die Thorsten Nagelschmidt uns hier von seinem bunten Romanensemble erzählt. Geschichten von Menschen mit ihren Sorgen und Nöten und ihren Träumen. Von ihrer Vergangenheit und wie es kam, dass sie nun in dieser Nacht arbeiten. Von ihren Lebenswegen und ihren Beziehungen. Jede Figur hat eine eigene Stimme, eine eigene Sprache, bekommt – mindestens – ein eigenes Kapitel, in dem wir ihr lesend folgen können. Die Geschichten sind rasant erzählt, voller unerwarteter Wendungen, mit treffenden Dialogen und Situationskomik – der typischen Berliner Schnauze eben. Und sie zeigen immer wieder auch die Traurigkeit der Figuren, die Tragik und Verzweiflung. Und nicht erst als Felix davon erzählt, dass er auch Subutex geschluckt hat, ist die Assoziation zu Virginie Despantes Dreiteiler über Vernon Subutex, vor allem die Erinnerung an ihren Erzählsound ganz präsent.

Und so breitet Nagelschmidt vor uns das Panorama einer Nacht aus, in der es nicht um die Erholung geht oder das Vergnügen, sondern um vertiefte Charakterstudien derjenigen, die dafür sorgen, dass die „Nacht läuft“. Alle die den Betrieb aufrechterhalten sind – und hier schließt sich doch restlos der Kreis zur eingangs erwähnten Arbeiterliteratur – Dienstleister, viele von ihnen in äußerst prekären Arbeits- und Lebensbedingungen. Einige haben den Abstieg schon hinter sich, andere versuchen, sich auf der sozialen Leiter nach oben zu schlängeln.

Aber es ist nicht nur die gute Zeichnung der Figuren, die das Leseerlebnis ausmachen, es ist nicht nur der soziologische Blick. Es ist auch die durchaus spannende Konzeption des Erzählreigens, der zuläuft auf das Aufeinandertreffen einiger der Figuren nach Mitternacht auf der Tankstelle. Wie in einer Filmszenen blicken die Leser*innen auf das Geschehen, sehen die schnellen Bewegungen und wie ein Gegenstand den Besitzer wechselt. Und werden so, weil sie alle Figuren kennen, zu einem – fast – allwissenden Betrachter der Szenerie. Das alles ist glänzend und exzellent erzählt.

Thorsten Nagelschmidt (2020): Arbeit, Frankfurt

Maggie Nelson: Die roten Stellen

Im Herbst 2004 prüft Maggie Nelson die Druckfahnen zu ihrem Gedichtband „Jane: A Murder“. 5 Jahre hat sie daran gearbeitet, hat nach Zeitungsberichten über die Michigan-Morde an mehreren jungen Frauen gesucht, hat Polizeiberichte studiert, in Janes Tagebuch gelesen, Bilder betrachtet. Und ist zu den Orten gefahren, an denen ihre Tante Jane gewesen ist, bevor sie bei einer Autofahrt von ihrer Universität nach Hause im März 1969 ermordet worden ist. Auch zu dem Friedhof, auf dem sie am Morgen nach dem Mord aufgefunden worden ist: erschossen durch zwei Kugeln in den Kopf, tiefeingegraben in den Hals eine Perlonstrumpfhose, die Gegenstände, die sie auf ihrer Reise mit sich führte, ordentlich aufgeschichtet zwischen ihren Beinen. Der Mord wurde nie aufgeklärt, aber natürlich hat er sich tief eingebrannt in das Bewusstsein der Familie Mixer. Und ist auch prägend für die Nichte Maggie, die erst 3 Jahre nach Janes Tod geboren wurde.

Maggie Nelson hat sich in ihrem Gedichtband Jane genähert, hat Gedichte über sie geschrieben, hat ihr selbst eine Stimme gegeben, indem sie – nicht ohne Schuld- und Schamgefühle – Ausschnitte aus Janes Briefen und Tagebucheinträgen eingeflochten hat. Und gerade als diese Arbeit dem Ende entgegengeht, meldet sich bei ihrer Mutter ein Detective der Michigan Police, der berichtet, dass dank neuer DNA-Untersuchungen eine Verhaftung des mutmaßlichen Mörders kurz bevorstehe. Auch Detective Schroeder haben die Michigan-Morde keine Ruhe gelassen. Auch er hat sich in den letzten 5 Jahren mit Janes Fall beschäftigt und nun steht endlich die Festnahme eines Verdächtigen an.

So beginnt im Januar 2005 der Prozess gegen den Tatverdächtigen Gary Earl Leiterman, einem Krankenpfleger, mit einer Anhörung und im Juli folgt die Hauptverhandlung. Maggie wird nun unmittelbar mit dem Verbrechen an ihrer unbekannten Tante konfrontiert, sitzt die ganze Zeit mit ihrer Mutter in der ersten Zuschauerreihe, manchmal sind auch ihr Großvater und ihre Schwester dabei. Das, was dieser Prozess mit ihr macht, versucht sie, schreibend, erzählend, vor allem aus allen erdenklichen Richtungen reflektierend zu ergründen. Und schreibt dabei: die Autobiographie eines Prozesses.

In Ihrem Vorwort erklärt Maggie Nelson ihre Motivation und verweist auf Handkes Werk „Wunschloses Glück“. Wie er durch die Selbsttötung seiner Mutter, so – ähnlich zumindest, denn hier gehe es nicht um den Tod der Mutter, sondern den der unbekannten Tante – habe sie sich während des Prozesses gefühlt. Und habe das dringende Bedürfnis gehabt, alle Details, alle Ideen, alle Überlegungen, die Gefühle der Angst, der Wut und der Depression aufzuschreiben, um dies alles festzuhalten, solange ihr dafür die Worte zur Verfügung stehen,

„einen Drang, mich und mein Material in ein ästhetisches Objekt zu verwandeln – eines, das neben oder anstelle oder zumindest als Hindernis im Weg der stumpfsinnigen Sprachlosigkeit stehen könnte, die Erinnern und Formulieren unmöglich machen.“

Blass bleibt in diesen Reflexionen der vermeintliche Täter, überführt durch seinen genetischen Fingerabdruck auf der Leiche, der nun endlich nach dreißig Jahren zugeordnet werden kann. Leiterman wird ins Gericht geführt, ein vom Leben, von Krankheiten und einer Arzneimittelsucht gekennzeichneter 63-Jähriger, der auf der Anklagebank Platz nimmt, dem Prozess folgt, aber selbst keine Hinweise gibt, kein Geständnis ablegt, die Gründe der Tat nicht beleuchtet. Einen einzigen Hinweis gibt sie, der eine Begründung für die Ungeheuerlichkeit des Mordes sein mag, nämlich den auf die Lehrbücher, die sich zu klinischer Psychologie in ihrer Wohnung stapeln.

Maggie Nelson erzählt chronologisch am Prozessverlauf entlang. Dabei entfaltet sie weniger die Details der üblichen Prozesschoreografie, sondern zeigt nur knapp den jeweiligen Stand der Verhandlungen auf. Ganz genau, bis in die Einzelheiten hinein, beschreibt sie jedoch die Bilder, die im Gerichtssaal vom Leichnam ihrer Tante gezeigt werden. Fünf Fotos sind es, verwaschene Aufnahmen vom Tatort, von der Leiche, von ihren Verletzungen. Sie finden sich, leitmotivisch fast, verstreut im Text. Sie erzählen – auf ihre ganz besondere Art – vom Tod Janes.

Um eine Strafe, um „Gerechtigtkeit“, so meint die Autorin, gehe es den Familienmitgliedern nicht. Sie empfinden es als Glück, dass es im Staat Michigan keine Todesstrafe gibt. Sie habe, so erzählt sie, ihren Großvater mehr als einmal sagen hören, „dass er lieber einem freien Leiterman in die Augen sehen würde, der zugäbe, dass er seine Tochter getötet hatte, als dass Leiterman seine Unschuld beteuert und im Gefägnis vermodert.“ Um Gewissheit geht es ihnen also eher. Der Zusammenbruch der Familienmitglieder nach dem Schuldspruch der Jury lässt erkennen, welche Anspannung und welchen Schmerz der ungeklärte Mord bei allen betroffenen Familienmitgliedern über die vielen Jahre angerichtet haben.

In welchen Formen sich diese Erfahrung in ihr, in ihrer Schwester, ihrer Mutter eingenistet hat, darüber erzählt und reflektiert Nelson immer wieder in ihrem Buch. Sie berichtet von den Schwierigkeiten ihrer Schwester, die sich als Jugendliche dem bürgerlich angepassten Leben einer „guten Tochter“ konsequent verweigerte, die durch die Schulen für „schwererziehbare Mädchen“ wanderte und in die Jugendstrafanstalt, in eine Bootcamp-Schule in der tiefsten Provinz. Die Autorin selbst flog in dieser Zeit „unter dem Radar“, war eine gute Schülerin und gewann erste Preise bei Gedichtwettbewerben. Drogenmissbrauch und desaströse Beziehungen gehören aber auch zu ihrem Leben. Maggies Mutter erzählt, dass ihre Schwester Jane „die rebellische Tochter“ gewesen sei. Und so scheint sich diese Dualität eine Generation später wieder zu ergeben.

Natürlich spielt auch der Tod eine ganz besondere Rolle in der Familie. Die Mutter mag nicht wandern gehen, weil sie Angst hat, eine Leiche am Wegrand zu finden. Sie findet dann auch eine Leiche, nämlich die ihres an einem Herzinfarkt plötzlich und unerwartet verstorbenen Ex-Mannes, als sie die Kinder über das Wochenende zu ihm bringen möchte. Und Maggie? Sie verliert als Kind ihren Vater. Und einmal beobachtet sie aus ihrem Apartment-Fenster, wie um 5 Uhr morgens ein chinesischer Mann auf der Straße mit dem Schlag eines Baseballschlägers gegen den Kopf getötet wird. Sie ruft die Polizei, die kommt, sie befragt „Waren die Angreifer Schwarze oder Hispanics“. (!) Um 8 Uhr morgens öffnen wieder die Geschäfte, die Passanten steigen in Unkenntnis über die dunklen Flecken am Bordstein, die am Nachmittag schon verschwunden sind. „Schreibe, was du gesehen hast, und was da ist, und was geschehen soll danach. Eine rote Stelle.“ Schreibt Maggie Nelson zu diesem Erlebnis.

Zur Autobiographie des Prozesses gehört auch ein Blick auf weitere Beteiligte, auf die Zeugin, die Jane damals auf dem Friedhof liegend gefunden hat und die nun, dreißig Jahre später, immer noch dieselbe Scham zu empfinden scheint. Auf die Familie des Angeklagten, die die Stunden bis zur Urteilsverkündung nicht in einem separaten Raum warten darf. Auf die ermittelnden Polizisten, die der Fall ebenfalls mitnimmt.
Maggie Nelson aber schaut den Fall auch aus einer gesellschaftlichen Perspektive an, wenn sie sich immer wieder mit der Berichterstattung, damals und heute, auseinandersetzt. Wenn sie auf Bücher zum Thema verweist und auf die so beliebten True-Crime-Formate im Fernsehen und den Streaming-Diensten. Und warum springen die Medien gerade auf solche Fälle ganz besonders an, wenn die Opfer junge, gutaussehende Frauen sind?

Und nicht zuletzt bringen die Erfahrungen um den Tod an der Tante Jane Maggie Nelson auch zu ihrer Auseinandersetzung mit der Literatur und ihrer Erklärung dafür, warum sie Geschichten nicht mag:

„Ich war unter anderem deshalb Dichterin geworden, weil ich keine Geschichten erzählen wollte. Ich fand, dass uns geschichten vielleicht befähigen zu leben, unsa ber gleichzeitig auch gefangenhalten, uns umfassbare Schmerzen zufügen. In ihrem Wettlauf darum, im Sinnlosen einen Sinn zu finden, verzerren sie, sie lassen aus, sie verschlüsseln, tadeln, verherrlichen, begrenzen, verraten, mythologisieren – und wer weiß was sonst noch.“

Es sind diese immer wieder überraschenden Blickwinkel, die Maggie Nelson in ihrem Schreiben einnimmt, die ihren Text so interessant und nachdenkenswert machen. Ihre oft alles andere als gängigen Betrachtungen von Details oder größeren Zusammenhängen. Ihr offener und ehrlicher, manchmal schmerzhafter Bericht über ihre eigenen Handlungen und Gefühlen. Der dann aber wieder ein Sprungbrett ist zu Reflexionen über die von ihr ausgebreiteten Themen. Ihr eingangs formuliertes Ziel, sich und ihr Material in ein ästheisches Objekt zu verwandeln, es ist vortrefflich gelungen.

Maggie Nelson (2020): Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses, aus dem Englischen von Jan Wilm, Berlin, Hanser Berlin

Beim Lesen reisen (3) – Mathijs Deen: Über alte Wege

Vielversprechend kündigt Mathijs Deen im Titel seines Buches das Reisen quer durch Europa an, über „alte Wege“ und auch „durch die Geschichte“. Genau die richtige Lektüre also, wenn nicht nur in Europa gerade alles still steht, wenn Reisewarnungen für Fahrten ins Ausland ausgesprochen sind, wenn plötzlich Grenzen in Europa wieder sichtbar werden, die wir schon lange vergessen haben. Wenn sich sogar innerhalb Deutschlands auf einmal Grenzen zwischen den Bundesländern zeigen, sodass man sich ein bisschen erinnert an Gauß´ Reise über die vielen Grenzen nach Berlin – zumindest in der Version von Daniel Kehlmann.

Durch Europa also, auf alten Wegen. Aber zunächst einmal auf die E 8 in den Niederlanden. Da nämlich, so entsinnt Mathijs Deen sich, fuhr die Familie, als er ein Kind war, am Wochenende immer wieder von Twente zu den Großeltern, zum Utrechter Hügelrücken. An einer Abzweigung sei auf der Straße ein Pfeil gewesen, E 8 habe daneben gestanden. Und der Vater habe erklärt: „Das ist die E 8, die führt von London nach Moskau.“ Später wurde eine Autobahn gebaut, die Landstraße wurde zur Nebenstraße, Pfeil und Bezeichnung verschwanden.

Es war ein ambitioniertes Projekt, das die Alliierten schon während des Krieges entwickelten und das zwischen 1947 und 1950 bei den Sitzungen der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen in Genf bearbeitet wurde. Gegenseitige Erreichbarkeit, so das Ziel, sei eine gute Chance, die Zukunft Europas friedlicher zu gestalten – sicherlich auch wirtschaftsfreundlich. 1950 war der Plan eines Straßennetzes, der die ehemaligen Feinde in Europa verbinden sollte, fertig. Und bis 1975 haben 26 europäische Nationen ihn unterzeichnet. Da war der ursprüngliche Plan von der Realität eines schnell wachsenden Straßen- und Autobahnsystems von Irland im Westen bis in die Türkei im Osten und zur Grenze von Syrien längst überholt.

Das alte System, das sich zum Teil noch an historische Routen durch Europa anlehnte, wenn zum Beispiel die E 1 von London durch Paris nach Rom führte, musste überarbeitet werden. Und es kamen dabei Strecken heraus, die eben nicht mehr an historische Wurzeln anknüpfte. So beginnt die neue E 1 im nordirischen Larne und endet in Sevilla, zum großen Teil führt sie über den Atlantik.

Auch wenn es bei der UN immer noch eine Abteilung gibt, die sich mit dem Projekt auseinandersetzt, so richtig hat sich die Idee der transnationalen Trassen nicht durchgesetzt. Und Mathijs Deen denkt darüber nach, warum es in Europa nicht gibt, was in Amerika zum Reisetraum vieler – auch europäischer – Touristen und Suchenden nach dem eigenen Ich völlig selbstverständlich gehört: einmal die USA auf der Route 66 zu durchqueren oder gleich den Doppelkontinent auf der Transamericana von Nord nach Süd zu bereisen. Solche Traum-Fernwege gibt es in Europa nicht.

Ob es, überlegt Deen, daran liegt, dass sich in Europa die Menschen seit jeher kriegerisch begegnet sind. So wie die Römer, die Straßen durch Europa bauten, um darauf ihre Armeen marschieren zu lassen. Deen macht sich „auf den Weg“ in die Geschichte Europas und nimmt die Leser mit auf unterschiedliche Reisen quer durch Europa in unterschiedlichen Zeiten. Und tatsächlich: Gewalt, auch in der abscheulichsten Form spielt immer wieder eine Rolle. Aber auch Pilgerreisen und Autorennen. Und immer wieder kommt es zu kulturellem Austausch, gelangen kunsthandwerkliche Schätze an das andere Ende Europas oder mit den religiös Verfolgten Theaterstücke von der iberischen Halbinsel nach Amsterdam und weiter an den schwedischen Königshof.

Deen besucht die Archäologen in London, die an der Küste Großbritanniens, ungefähr 100 Kilometer nördlich der heutigen Themsemündung, die ältesten Anzeichen von Menschen in Europa gefunden haben. Wie frische, gerade erst entstendene Spuren im Sand sehen sie aus, die Fußabdrücke, die drei Erwachsene und zwei Kinder an der Küste hinterlassen haben – vor 800.000 Jahren. Dies müssen dünn behaarte Menschenaffen gewesen sein, die in einer ersten Welle vor 2 Millionen Jahren aus Afrika nach Norden gewandert sind. Die voran kamen, weil sie rennend Wild verfolgten und dabei ihre Siedlungsgebiete die Mittelmeerküste entlang ausdehnten.

Im Laufe dieser Wanderung über viele Generationen entwickelte sich ihr Hirn weiter. Als Folge mussten nun die Kinder länger umsorgt und ernährt werden, bis sie erwachsen waren. Die Kinder wurden also zu einem wertvollen Gut jeden Familienclans. Bei Streitigkeiten schadete man dem Feind besonders, wenn man seine Kinder erschlug. „Sie wurden fachgerecht geschlachtet“, erklärt Maria, die die 430.000 Jahre alten Knochenfunde in Atapuerca, in Spanien, untersucht. Ebenso fachmännisch, wie sonst ihre Tiere. Da also sind die. die ersten Spuren von Gewalt.

Deen erzählt auch über einen sehr ungewöhnlichen silbernen Kessel, der 1891 beim Torfstechen im Norden Dänemarks gefunden wurde. Es ist ein keltischer Kessel, der offenkundig aus der Grenzregion Rumäniens und Bulgariens, aus Thrakien, stammt. Wir haben sofort den Kessel des Miraculix vor Augen, in dem er seinen Zaubertrank zusammenbraut. Tatsächlich, so erzählt der Leiter des Museums, habe Uderzo, der Zeichner des Asterix, das Museum besucht und diesen Kessel angeschaut.

Und wahrscheinlich ist der Kessel auch schon 100 Jahre vor unserer Zeitrechnung dazu genutzt worden, Kriegern, die in die Schlacht zogen, den Kessel zu zeigen und sie daraus trinken zu lassen. Und Deen klärt nun die möglichen Wege, die dieser Kessel genommen hat. Wie er zu den Kimbern gekommen sein könnte, nachdem sie nach einer Springflut und einer nachfolgenden Hungersnot ihr Siedlungsgebiet in Dänemark verlassen haben. Und die den Flüssen folgend plündernd nach Süden gezogen sind. Erst die Elbe entlang, später an der Donau weiter. Die dann in Thrakien in den Besitz des Silberkessels gelangten und ihn mitnahmen über die Alpen nach Westen und in die Schlachten gegen die Römer, die letztendlich in der Po-Ebene über diese blonden Barbaren siegten. Aber einige Kimbern werden den Rückweg nach Dänemark geschafft haben und den Kessel mit nach Norden genommen haben.

Aus ganz anderem Grund fand die Reise Gudrids zur ersten Jahrtausendwende nach Rom statt. Sie, eine christianisierte Wikingerin, die auch schon nach Amerika gereist war, wollte nach Rom pilgern, um den Papst zu befragen, ob sie im Himmel ihre – heidnischen – Angehörigen wiedersehen würde. So erzählt es Mathijs Deen und schmückt die Grönland-Saga um Gudrid aus. Er zeichnet ihren Weg nach über den Rhein und dann im Frühjahr über die Alpen nach Ittalien. Viel mehr als von der Reise erzählt er aber von ihren Gefühlen des Fremdseins in der Pilgergruppe, von ihren Gedanken und Sorgen um ihre Ahnen. Erzählt also von möglichen inneren Monologen. Die Mönche auf dem Weg, sogar der Papst, der aus höchst egoistischen Gründen mit ihr spricht, machen ihr jedenfalls keine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihren Toten.

Deen erzählt von Reisen durch Europa, weil Menschen fliehen mussten, aus wirtschaftlicher Not, aus religiösen Gründen,. Er erzählt vom kulturellem Austausch, oft von Plünderungen, wenn Armmen von Norden nach Süden, die napoleonische Armee von Westen nach Osten zieht.Er erzählt von einem ersten mafiösen Straßenräuber auf der Via Appia, von einem Rennfahrer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und er wendet seinen Blick mehr und mehr von den historisch belegten Fakten, die er auch in den Gesprächen mit Forschern und Musuemsleitern gewinnt, mehr und mehr seinen Figuren zu, die jeweils eine Geschichte durch Europa tragen. Dann erzählt er aus ihren Perspektive, als personaler Erzähler, von ihren gedanken, ihren Sorgen und Nöten.

Gerade diese Erzählungen, gerade diese Übernahme der Perspektive seiner Protagonisten sind aber die Schwachstelle des Buches. Statt vom Reisen zu erzählen, statt die Bedingungen und Erschwernisse deutlich zu machen, die Landschaften zu schildern, von Herbergen längs der Handelswege zu berichten, vom Reisen zu Fuß oder mit der Postkutsche, versucht Deen uns persönliche Schicksale und charakterliche Entwicklungen nahe zu bringen. Von einer der größten Motivationen des Reisens, dem Handel nämlich, berichtet er gar nicht.

Das Staunen, das er mit der Geschichte über die Besiedelung Europas und über die ältesten Spuren am Strand von England hervorruft, das Wundern darüber, dass ein thrakischer Silberkessel mit keltischen Motiven in Dänemark geunden wurde, das alles erreichen die anderen Geschichten seines Buches nicht mehr.

Mathijs Deen (2019): Über alte Wege. Eine Reise durch die Geschichte Europas, Köln, DuMont Verlag

Beim Lesen reisen (2) – Nava Ebrahimi: Das Paradies meines Nachbarn

Der zweite Roman meiner kleinen Reiseserie spielt in München, in Teheran und in Dubai. Anders als Sarah Jägers Geschichte ist dies aber keine Road-Novel. Die Protagonisten reisen nicht auf der Landstraße, nicht einmal auf der Autobahn und können so auch keine Abenteuer rechts und links der Straßen bestehen. Nava Ebrahimis Figuren nehmen – so wie es sich für Menschen des 21. Jahrhunderts gehört – das Flugzeug, wenn sie eine größere Reise antreten. Und so spielen Landschaften und Sehenswürdigkeiten, nicht einmal in Dubai, eine Rolle. Dass sie aber am Ende der Reise in Dubai alle in den Bars, auf den Zimmern und in den Salons der Hotels doch etwas ganz Neues erleben und mehr über sich erfahren und gelernt haben, verbindet das Setting dieses Romans mit der Road Novel.

Sina Khosbin ist Produktdesigner in einer Münchner Agentur, die schon längst nicht mehr selbstständig arbeitet, sondern von einem Küchengerätehersteller aufgekauft wurde. Sina ist Ende 30, verheiratet mit Katharina, einer Resilienzforscherin, und hat eine Tochter. Seine Entwürfe von Toastern, Smoothie-Makern und Thermoskannen haben keinen Esprit mehr, die hochtrabend formulierten Anforderungen an neue Designs nerven ihn nur noch. Der Job als Kreativchef, für den er sich zwar nicht beworben, auf den er aber irgendwie doch gehofft hat, wird ihm nicht angeboten. Stattdessen wird ein Designer eingestellt, den alle Kollegen schon kennen, außer Sina.

Ali Najjar heißt der neue Vorgesetzte, ein Iraner, der durch die Life-Style-Magazine gereicht wird, weil so toll ist, wie er es geschafft hat, von der Front, an die er als Kindersoldat im Iran-Irak-Krieg geschickt wurde, in Deutschland gleich bis in den Design-Olymp aufzusteigen. Schon nach seiner Abschlussarbeit an der Fachhochschule hat er einer Zeitung in einem Interview erzählt, wie er mit dreißig anderen Jungen seiner Schule zur Front gefahren wurde, nicht für den Krieg ausgebildet, nicht bewaffnet. Und wie er sich dabei erinnert an die große Erzählung in der Schule: „Fürchtet euch nicht“, hatten die Lehrer gesagt, „ihr werdet im Paradies erwachen.“ Die Eltern haben ihm erklärt, das sei Propaganda.

„Trotz allem, als ich aus dem Busfenster die karge Landschaft betrachtete, malte ich mir das Paradies aus. Darin konnte ich den ganzen Tag Fußball spielen oder im Bett liegen, Cola trinken, Eis essen, Knight Rider gucken und Autos zeichnen, die meine Mutter dann, sobald der Entwurf fertig war, vorfuhr und mir übergab. In meinem Paradies besaß ich natürlich einen Führerschein.

Mein Sitznachbar, ein Jahr älter als ich, stellte sich das Paradies ganz anders vor. Sollte es sein, dass jeder sein Paradies selbst gestalten konnte? Ja, schloss ich, schließlich konnte das Paradies meines Nachbarn meine Hölle sein.“ Und umgekehrt, möchte man vor dem Hinterggrund seiner weiteren Geschichte hinzufügen.

Am ersten Tag in Sinas Agentur hält er jedenfalls eine – dem Klischee entsprechend – furchteinflößende Rede. Dann schmeißt er – wiederum dem Klischee entsprechend – alle Mitarbeiter raus, deren Verträge das hergeben. Und natürlich trägt er Gegner ein ein T-Shirt mit der Aufschrift „No Pressure No Diamonds“.

Sina beäugt den neuen Vorgesetzten, der ihn  so einschüchtert, vor dem er sich so fürchtet. Wie Ali mit einem wichtigen Kunden spricht, einem Hersteller für Soundsysteme, ist ja auch auch mehr als beeindruckend. Erst füttert Ali ihn mit den üblichen Begriffen „user experience“, „ikonisch“, „mehr architecture als product“. Und dann verspricht er:

„Wir arbeiten gerade an neuen Entwürfen, die das Thema Licht aufgreifen, (…) an Multi-Facettenentwürfen, triangulierten Körpern, bei denen die Facetten fließend ineinander übergehen, wie das Licht, das den Tag über wandert. Oder treffender, bitte fürs Wording schon einmal notieren: Das Licht tanzt. Zwar ist es der Sound, der sich durch den Raum bewegt, aber wir lassen den Eindruck entstehen, dass sich der Lautsprecher selbst bewegt. Messinge Oberflächenstruktur, schlankes, anmutiges Design, kurvige, dynamische Silhouette. (…) Das wird richtig geil.“

Dieser Ali ist schon ein „Scheißkerl“, das sagt er selbst über sich. Weil sein Credo ist, niemals mehr ein Opfer sein, deshalb, so meint er, müsse er zum Täter werden. Und es dauert auch nicht lange, bis er Sina in sein durchgestyltes Büro bestellt und dort, er hat sein T-Shirt mit den Diamanten-Spruch an, schnell zur Sache kommt. Als „Schlafparalyse“ könne man doch nur bezeichnen, was Sina da als Entwurf einer Thermoskanne für Unternehmen entwickelt habe, die „ducken sich doch nur weg“, sähen aus, als fühlten sie sich ungeliebt. Sina fällt nichts weiter  ein, als um ein Sabbatical zu bitten.

Sina und Ali führen also in München, im Büro oder mittags im Schnitzelhaus, ihre dekadenten Scharmützel. So, wie man es in einer Designagentur ja auch erwartet. Im Wettstreit mit Ali hat Sina ja von Anfang an die schlechteren Karten. Nicht nur, weil er nicht so ohne Rücksicht Karriere macht, sondern vor allem, weil er nicht die richtige Biografie mitbringt, weil er eben nicht als Kindersoldat an der Front verheizt und dann doch in Deutschland seinen Weg gegangen ist. Sina, dessen Nachmane Optimist bedeutet, kann „nur“ einen iranischen Vater aufweisen. Der sich nach Amerika abgesetzt hat und dort für Sina kaum erreichbar ist.

Diesen ersten Kapiteln in der Agentur, wechselseitig erzählt aus der Perspektiven von Sina und Ali,  sind Kapitel zwischengeschaltet, in denen eine weitere Stimme zu hören ist. Es ist die von Ali-Reza, der in Teheran lebt und den Telefonanruf vom Tod seiner Mutter entgegennimmt. Die ihm aber recht fremd geworden ist. Es gibt eine andere Frau, Maryam, die für ihn eine viel wicpflegte, die ihm eine zweite Mutter geworden ist. Die ihn als 13-Jährigen von der Straße gerettet hat, so erinnert er sich zu Beginn des Romans, die ihm aber auch die schlimmste Zeit seines Lebens eingebracht hat, als Kindersoldat an die Front: „Sie war Rettung und Verhängnis für ihn gewesen, aber am Ende mehr Rettung.“

Es sind sicherlich die eindringlichsten Sätze dieses Romans, wenn Ali-Reza sich zurückerinnert an die Front, an die Arbeit der Kinder, die für die nachrückenden Soldaten mit nichts als ihren Körpern die Minen entschärfen. Wenn er sich erinnert, wie er Freund um Freund verliert, kaum dass eine engere Beziehung geknüpft ist, wie er über das Feld rennt und nicht stehenbleiben darf, wie er Schüsse hört und Explosionen und über allem der Geruch nach verbranntem Fleisch hängt. Dass Ali-Reza, der diese Hölle überlebt hat und die psychischen und physischen Traumata dieser menschenverachtenden Kriegspraxis mit sich trägt, davon Ali Najjar endlich erzählen möchte, ist nur zu verständlich.

Die Verbindung zwischen Ali Najjar und Ali-Reza, die sich durch Maryam ergibt, die durchschaut die Leserin, wenn auch nicht in allen Details, sehr schnell. Auch dass der Briefs Maryams, ihr Vermächtnis, der nun von Ali-Reza in Dubai an den anderen Ali überbracht wird, die Aufarbeitung der Schuld an den Sohn delegiert. Es ist aber doch die Frage, ob eine Romankonzeption, die Aufklärung als Ziel und dabei den klassischen auf Spannung setzenden Verlauf hat, für dieses so existentielle, so zynische Thema der Kindersoldaten die richtige ist.

Und weiter: Die so grell ausgeleuchteten Charaktere und die so gegensätzlich konzipierten Milieus schaffen eine plakativ gestaltete Erzählwelt, keine, in der die Figuren, ihre Verletzungen, ihre Identitätssuche mit feinem Strich gezeichnet und entlang den Begebenheiten ihres Lebens erzählt werden. Dabei hätte der Stoff dafür doch die besten Voraussetzungen.

Als Ali-Reza zum Treffen nach Dubai lädt, als Najjar ahnt, dass es unbequem werden könnte, findet er schnell einen Stellvertreter. Schließlich ist Sina Halb-Iraner und hat gerade Zeit: „Hey Khoshbin, ich bin´s Ali. Rasier dir den Schädel und pack deine Sachen, wir fliegen nach Dubai.“ Und Sina rasiert sich den Schädel, packt ein paar Sachen zusammen und besorgt in Dubai, während Najjar im Pool planscht, Geschenke für die Kinder zu Hause.  Und hört sich Ali-Rezas Geschichte an, die er nicht einmal versteht, weil er kein Persisch spricht. Das Paradies meines Nachbarn kann meine Hölle sein.

Nava Ebrahimi (2020): Das Paradies meines Nachbarn, München btb Verlag

Beim Lesen reisen (1) – Sarah Jäger: Nach vorn, nach Süden

Der Blick auf die Bücher, die ich im März gelesen habe und das Buch, das ich gerade angefangen habe zu lesen, zeigt, dass sich so ganz zufällig eine schöne kleine thematische Reihe ergeben hat. Eine Romanreihe, die vom Reisen erzählt und so die Stoffe für die Erlebnisse liefert, die wir gerade in unserer Quarantäne nicht selber erfahren können, sondern nur durch das Miterleben beim Lesen.
Heute geht es erst einmal los mit einem Jugendbuch. Das ist nicht unbedingt das Genre, das oft auf diesem Blog häufig vorkommt. Dafür ist aber die Autorin in der Blogwelt zumindest den meisten schon bekannt, nämlich als eine der Betreiberinnen der Seite www.dasdebuet.com, die in diesem Jahr schon zum fünften Mal „Das Debüt 2020 – Bloggerpreis für Literatur“ ausrichten. Und wie schön, dass sie auch selbst für ihren Erstling Monat für Monat öffentliches Lob einsammelt. So zum Beispiel den von DIE ZEIT und Radio Bremen vergebvergeben von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.

Nach vorne zu gehen, ist nicht jedermanns Sache. Schon gar nicht die der Ich-Erzählerin. Wenn sie zu spät kommt zur Feier im Hinterhof, dann schaut keiner auf, wenn sie einen Witz macht, dann lacht keiner. Und ihren Namen, ihren richtigen Namen, den hat sie auch, so meint sie, am Hinterhofeingang abgegeben. „Entenarsch“ hat Jo sie genannte und die anderen Aushilfen haben es übernommen. Und es trifft sie ins Mark, zieht sie doch immer weite lange T-Shirts an, um ihre Problemzone zu verstecken.

Die Ich-Erzählerin studiert schon ein Jahr, aber sie fragt sich immer öfter, was sie anfangen soll mit „Linguistik I“, mit „Heldenfiguren im Deutschunterricht“ und der „Mündlichen Diskurstheorie“. Und wer weiß schon mit 19 Jahren so genau, ob oder dass er Lehrerin werden möchte? Mit dem Auto, das ihre Eltern ihr zum Abitur geschenkt haben, ist sie kaum gefahren. Und den Koffer, den sie gleich dazu bekommen hat, hat sie auch noch nicht gebraucht. So richtig weiß sie noch nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Aber zu den Aushilfen im Hinterhof möchte sie schon gerne zugehören, auch wenn sie sich mehr als Außenseiterin fühlt.

Den Hinterhof, ein asphaltiertes Quadrat irgendwo im Ruhrgebiet, vielleicht ja in Essen, Mauern an den Seiten, vollgestellt mit den ungenutzten Paletten des Marktes, haben sich die Aushilfen des Penny-Marktes erobert. Für ihre Pausen, mehr noch als Treffpunkt für ihre freien Zeiten, „für Feiertage und Feierabende und alle möglichen anderen Feiern“. Der frühere Filialleiter des Marktes, „der Wendthoff“, hat noch versucht, den Jugendlichen den Hinterhof zu verbieten, der neue Wendthoff, der eigentlich Müller heißt, hat ihn ihnen überlassen. Dort treffen sie sich, sitzen auf den Holzpaletten oder den Stühlen, die Otto mitgebracht hat, und wenn es regnet unter dem Plastikdach, das Pavel im letzten Herbst aus Plastikhüllen gebaut hat. Da sitzen dann Vika, Can, Marie und die Brüder Leroy und Marvin.

Heute feiern sie Maries Realschulabschluss. Can grillt Würstchen, was oft nicht so gut klappt. Otto, der in einer Punkband mit dem denkwürdigen Namen Blümchenschlüpper den Bass spielt, hat seine neue Freundin Yasmin eingeladen, was Vika erzürnt, obwohl sie mit Otto Schluss gemacht hat. Daran hat auch Fine nichts geändert, ihre gemeinsame Tochter. Und Pavel, „unser Pavel“ genannt, erzählt von seinem Plan, einen Aussichtsturm an der Mauer des Hinterhofs bauen zu wollen. Sie brauchten doch eine bessere Sicht in die Ferne, meint er.

Die Ich-Erzählerin kommt zu spät zur Feier und merkt gleich „Niemand hebt den Kopf, nicht jeder wird im Hinterhof vermisst.“ Die Jugendlichen erzählen sich ihren Kummer, spötteln übereinander, wenn einer mal wieder ein Sprichwort vermasselt hat und der Erzählerin entschlüpft, als Can sagt, dass er nächstes Jahr sein Abi machen will: „im zweiten Anlauf“. Vielleicht sind ja ihre immer wieder sehr spitzen Sprüche der Grund, von der Gruppe nicht so recht aufgenommen zu werden. Und nun ist ihr der Satz auch noch ausgerechnet gegen Can herausgerutscht.

Und dann kommt die Rede auf Jo. Jo, der seit ein paar Monaten nicht mehr da ist, abgehauen und keiner weiß so richtig wohin. Marie, die bis kurz vorher seine Freundin war, vermisst ihn schrecklich und macht sich Sorgen. Auch den anderen fallen wieder Jos mit Mullbinden umwickelte Handgelenke ein. Gemeinsam überlegen sie, wie und wo sie Jo suchen könnten und wen sie noch fragen können. Immerhin hat Marie ein paar Postkarten von ihm, man könnte also die Städte abfahren, wo die Karten abgestempelt wurden. Aber wie sollten sie dahin kommen? Keiner ist 18, keiner hat ein Auto.

„Ich hätte ein Auto und einen Führerschein.“ Ich gucke in die Runde, um herauszufinden, wer das gesagt hat. Und stelle dann fest, dass ich es gewesen bin.“

So geht die Reise los, mit Marie und Can im altersschwachen und unklimatisierten Corsa der Ich-Erzählerin. Sie ist eine denkbar schlechte Autofahrerin, die am Anfang den Wagen an jeder Ampel abwürgt, die sich weigert, über die Autobahn zu fahren. Sie haben kaum einen Anhaltspunkt, wo Jo jetzt ist, und wenig Geld: Sarah Jäger schickt ihre jugendlichen Protagonisten auf eine schier aussichtslose Mission, sie sind einfach „scheiße vorbereitet“.

Auf so ein Abenteuer mit ganz ungewissem Ausgang lässt man sich nur ein, wenn man jung ist. Wenn man sich die langen Fahrzeiten im Auto mit witzigen Dialogen vertreibt, von Pavel die Sehenswürdigkeiten am Wegrand gemeldet bekommt – und sie auch ansteuert. Wenn alle, auch die, die zu Hause geblieben sind, ihre Fähigkeitenund Ideen einbringen, um Probleme auf der Reise schnell zu lösen. Um dabei nicht nur eine Reise durch Deutschland zu unternehmen, sondern auch eine durch die Schichten der Gesellschaft, so unvoreingenommen, wie es später, wenn alle älter sind, nicht mehr klappt. Und die Ich-Erzählerin nimmt uns dabei mit, erzählt im Präsens, unmittelbar, ohne Filter. Nur alles erzählt sie uns noch lange nicht.

So wie es Sarah Jäger gelingt, die Ich-Erzählerin und die anderen Protagonisten vom Hinterhof mit einigen wenigen Sätzen ganz lebendig vor dem Auge der Leserin erscheinen zu lassen, so gelingt ihr auch eine rasante Geschichte auf der Landstraße mit unerwarteten Wendungen und viel Witz. Aber eben auch mit den Themen, die ein Erwachsenwerden ausmacht: Freundschaft und Solidarität sind das und Verantwortung, die die die Figuren übernehmen, aus Sorge um den anderen und um einen eigenen großen Fehler wieder gut zu machen. Und für die Ich-Erzählerin mit ihrem unsinnigen Studium und dem despektierlichen Spitznamen geht es auch um ihre Identität:

„Ob Namen Realität schaffen oder Realität nur in Namen ausgedrückt wird. Oder ob Realität und Namen zwei Paar Schuhe sind. Die Realität ist ein Paar ausgelatschter Sneakers, an denen man nicht riechen sollte, und Namen sind High Heels, die den kleinen Zeh einklemmen und an der Hacke böse Blasen machen.“

Die Protagonisten, so jung sie sind, tragen schon jede Menge Last auf ihren Schultern: getrennte Eltern, ein verstorbener Bruder, ein Kind, prekäre wirtschaftliche Verhältnisse und die Aussicht, nicht viel mehr Chancen im Leben zu bekommen, als eine Karriere im Einzelhandel. Aber davon lassen sie sich nun in diesem heißen Sommer nicht entmutigen, sondern gehen die Suche von Jo und die sich bietenden Abenteuer mit viel Herz und Verstand und vor allem Gewitztheit an.

„Nach vorn, nach Süden“ ist eine gut ausbalancierte Geschichte, mit vielen verrückten Ideen, lustig, verrückt und skurril und auch nachdenklich, tragisch und melancholisch. Eine Geschichte, die auch den ganz erwachsenen Lesern noch einmal erzählt, wie es war als junge Erwachsene, mit den vorgeblich unendlichen Möglichkeiten, mit den Hoffnungen auf das kleine Glück und denkrichtigen Platz im Leben. Die Ich-Erzählerin jedenfalls geht dann doch richtig nach vorn. Sie beendet ihre Suche, macht ihren Fehler gut und findet ihren Platz im Hinterhof. Mit allem, was dazugehört.

Sarah Jäger (2020). Nach vorn, nach Süden, Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag

Petra Grimm, Tobias O. Keber, Oliver Zöllner (Hg.): Digitale Ethik. Leben in vernetzten Welten

Neben Sarah Spiekermann bieten auch die Autoren dieses Bandes einen Einblick in die Facetten der digitalen Ethik. Der Blick ins Inhaltsverzeichnis macht deutlich: Hier werden ganz konkrete Probleme verhandelt, die sich aus dem Einzug des Digitalen in mehr und mehr Lebensbereiche ergeben: Privatheit und Datenschutz, das selbstoptimierte Ich, Cyber-Mobbing, Arbeit 4.0 und die Frage der Haltung in der digitalisierten Welt, um nur einige zu nennen. Die Autorinnen und Autoren sind oder waren alle Mitarbeiter am Institut für digitale Ethik an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Dieses Buch, so schreiben sie einleitend, sei entstanden aus ihren Vorträgen und der Bitte der Zuhörer, die doch zum Nachlesen aufzuarbeiten.

Bevor sich die Autorinnen und Autoren den uns alle betreffenden Problemen zuwenden, entwickeln sie einen kurzen theoretischen Unterbau ihrer weiteren Erörterungen. So machen sie zum einen deutlich, dass ethische Fragen nur klären kann, wer über grundlegende Informationen der jeweiligen Sachverhalte und mögliche Konflikte, die aus ihnen erwachsen, verfügt. Auf dieser Grundlage erst können wir immer wieder neu über Normen und Werte verhandeln, können nur so Werte immer wieder neu justieren und festlegen.

Neben dieser sachkundigen Sicht auf die Digitalisierung, benötigen wir, so die Autoren weiter, Hilfestellungen, Maßstäbe und auch Methoden, um abwägen zu können, unter welchen Bedingungen und in welchem Maß wir uns auf die Digitalisierung einlassen können oder wollen. Hier stelle das analytische Instrumentarium der Ethik Angebote zur Verfügung, mit deren Hilfe wir Entscheidungen für unser Leben in einer immer digitalisierter Umwelt treffen können. Die Autoren nennen hier drei Ansätze einer ethischen Betrachtung:

Aus einer teleologischen Perspektive könne die digitale Ethik Antworten auf die Fragen geben, was die ursprüngliche Idee der Anwendung gewesen sei und welche Folgen diese Anwendungen in der Praxis habe. Diese Beurteilung aus der Sicht des Entwicklungsziels eines Programms, einer Innovation oder einer App lote somit die Kosten-Nutzen-Relation aus und gebe Hinweise zur Abschätzung der (finanziellen) Folgen. Wenn in der Altenpflege Roboter eingesetzt werden, dann sicher mit dem Ziel, die gleichen Pflegeleistungen zu erbringen wie Menschen. Dafür aber wesentlich kostengünstiger und somit positiv für die Gemeinschaft der Versicherten. Dass dem kranken oder alten Menschen hier der persönliche Kontakt und die menschliche Zuwendung verloren geht, rückt in den Hintergrund.

Eine zweite Betrachtungsweise erlaubt die deontologische Ethik. Hier werde aus der Perspektive der Pflicht beurteilt, ob die Entscheidung für eine digitale Anwendung oder für den Einsatz einer digitalen Leistung moralisch legitimiert werden kann. So kann, um auf das Beispiel des Pflegeroboters zurückzukommen, aus dieser Perspektive angeführt werden, dass einem kranken oder einem alten Menschen eben genauso solche Wertschätzung zustehe, wie einem gesunden. Und dass es einem Verstoß unserer Pflicht zur Humanität gleichkomme, ihn von einem seelenlosen Roboter zu pflegen.

Als eine dritte Beurteilungsmethode regt die tugendethische Betrachtungsweise uns dazu an, die Möglichkeiten des „guten Zusammenlebens“ mit Hilfe der digitalen Anwendungen zu erproben. Diese Art der ethischen Beurteilung stellt das gute und gelinge Leben, sowohl für den einzelnen als auch für die Gesellschaft, in den Vordergrund. Von diesem Standpunkt aus kann die Frage gestellt werden, ob uns der Einsatz eines Pflegeroboters geeignet erscheint, um ein wertvolles Miteinander auf der einen Seite und die Erhaltung der Würde des Pflegebedürftigen auf der anderen Seite zu fördern.

Nach diesen einleitenden Anmerkungen setzen sich verschiedene Autorinnen und Autoren mit ganz konkreten Problemen und Fragen der Digitalisierung in unserem Alltag auseinander. Sie erläutern das besonders schützenswerte Gut der Privatheit, indem sie aufzeigen, an welchen Stellen unsere privaten Daten entstehen und von digitalen Unternehmen genutzt werden. Ein Leben in Autonomie und Freiheit aber, so die Autoren, könne durch zu viel Zugang zu unseren privatesten Daten in verschiedenen Graden eingeschränkt werden.

Sie setzen sich mit Datenschutz und Überwachung auseinander, mit dem „zwanglosen Zwang“, immer online sein zu müssen, mit den verschiedenen digitalen Gadgets, die uns statt der Verbesserung von Gesundheit oder Fitness doch nur gängeln oder gar an sich ständig steigernden Zielen scheitern lassen. Sie zeigen die Probleme auf, die Fake News in demokratischen Gesellschaften anrichten, erläutern Formen der Online-Gewalt und die verschiedenen Facetten des Gamings.

Im letzten Drittel des Bandes wenden sich die Autoren komplexen Problemen zu, wenn sie sich mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI), mit den Veränderungen unserer Arbeit, der Arbeit 4.0, und unserer Mobilität – Stichwort „selbstfahrerende Autos“ – auseinandersetzen. Dass das letzte Kapital sich dann mit dem Thema der „Haltung“ beschäftigt, mit einer Haltung, die sich eben der Vorteile der Digitalisierung durchaus bewusst ist, die aber auch ihre Grenzen kennt und ihre Auswirkungen auf die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft, ist dann nur folgerichtig. Und so steht am Ende des Bandes, wofür die einzelnen vorangegangenen Beiträge auf die Folgen und Wirkungen der Digitalisierung schon ihre Beiträge geleistet haben, nämlich mit Hilfe dieser Haltung auch für unsere Zivilität einzustehen.

Wenn auch die diversen Beiträge verschiedene Aspekte der Digitalisierung beleuchten, wenn auch die Autoren versuchen, so konkret wie möglich zu sein, so kann der Band insgesamt so recht nicht überzeugen. Schon die als Grundlage dargelegten ethischen Betrachtungsweisen, die teleologische, die deontologische, die tugendethische Perspektive, sind äußerst knapp formuliert, sind soweit „didaktisch reduziert“, dass kaum noch die philosophischen Kernideen der Konzepte zu erkennen sind. Vor allem aber finden sie sich kaum mehr in den einzelnen Beiträgen wieder, um so eine auf diesen drei Grundlagen ethischer Herangehensweisen vertiefte Auseinandersetzung führen zu können. Das mag dem Erscheinen des Bandes in der Reihe „Kompaktwissen“ geschuldet zu sein, ist aber trotzdem schade.

Schade ist auch, dass dem vollmundigen Hinweis auf eine „narrative“ Ethik mit ihren Möglichkeiten, aus Geschichten lernen zu können, lediglich Textschnipsel aus Zeitungen folgen. Natürlich: die konkreten Beispiele machen die Probleme anschaulich, zeigen die Dilemmata am und im gelebten Leben auf. Als Leserin, die gewohnt ist, aus Geschichten – und ich meine hier explizit die fiktionalen Geschichten – auch ethische Fragestellungen ableiten und abwägen zu können, ist der Begriff in diesem hier verwendeten Zusammenhang doch ein wenig übertrieben.

Die einzelnen Beiträge sind in ihrer Qualität und inhaltlichen Tiefe wiederum sehr unterschiedlich. Manche der Beiträge scheinen mehr das Ziel zu haben, einen fachlichen Aufriss darlegen zu wollen, statt einen ethischen Diskurs anzuzetteln. Hier können Leserinnen und Leser, die sich noch nicht mit den Themen beschäftigt haben, einen zusammenfassenden Überblick bekommen. Andere Beiträge dagegen loten zumindest im Ansatz ethische Fragen aus. So ist der Band für Leserinnen und Leser, die an einer vertieften ethischen Auseinandersetzung Interesse haben, die auch lernen möchten, wie sich die Fragen der Digitalisierung aus den eingangs dargelegten philosophischen Perspektiven diskutieren lassen, kaum empfehlenswert.

Petra Grimm, Tobias O. Kerker, Oliver Zöllner (Hg.) (2019): Digitale Ethik.Leben in vernetzten Welten, Stuttgart, Reclam Verlag

Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Die Reportage ist eine ganz besondere journalistische Textsorte. Damit die Leser bedeutsame Situationen miterleben und nachempfinden, damit sie das Gefühl haben, bei den Ereignissen mit vor Ort zu sein, dort zu sehen und hören, was passiert, wird der Reporter zu einem übermittelnden Medium. Er schreibt auf, was er am Schauplatz der wissenswerten und aufregenden, vielleicht auch erstaunlichen Vorgänge erlebt hat, er notiert, mit wem er gesprochen und was er beobachtet hat, er erzählt die Geschichte einer Betroffenen. Er übermittelt also die Situation so lebensnah wie möglich, mit dem Ziel, beim Leser ein „Kopfkino“ zum Laufen zu bringen.

Damit diese eine Situation, die hier für ein vertieftes Verständnis beim Leser sorgen soll, aber auch umfassend verstanden werden kann, bedarf es einer Einordnung der erzählten Szenen in einen faktenorientierten Hintergrund. Hier kommt also die journalistische Recherche zum Zug, hier werden Daten vermittelt, hier wird reflektiert und analysiert. Und es geht natürlich auch immer um die Frage nach der Wahrheit, der Überprüfbarkeit und der Echtheit – sowohl der erzählten Situation als auch der dazugehörenden Informationen.

Da löste der Spiegel im Dezember 2018 ein mittelschweres journalistisches Beben aus, als er mit der Nachricht an die Öffentlichkeit ging, dass einer seiner Reporter, der mit vielen Preisen ausgezeichnete Claas Relotius, es mit der Wahrheit und der Nachprüfbarkeit der Fakten nicht ernst genommen habe. Dass Relotius über Jahre hinweg die Redaktion und die Dokumentation, das ist die Abteilung, die die Inhalte der Reportagen überprüft, getäuscht habe. Dass vieler seiner Texte nicht auf wahren Begebenheiten beruhen, sondern mehr oder weniger ausgedachte Figuren oder Situationen enthalten.

Entdeckt hat diese Unwahrheiten in den Reportagen Claas Relotius´ der Spiegel-Kollege Juan Moreno. Der im November 2018, er war gerade wegen einer anderen Recherche in Mexiko, aus Hamburg den Auftrag erhielt, eine Geschichte aus dem Flüchtlingstreck durch Mexiko Richtung USA zu einer größeren Reportage beizusteuern. Den anderen Part solle Claas Relotius liefern, der in den Süden der USA, an die Grenze reisen würde, um dort Kontakt zu den Bürgerwehren aufzunehmen.

„Die Geschichte kann man machen, dachte ich. Ein klassischer Konflikt, Protagonist und Antagonist, um anhand von ihnen den großen Zusammenhang zu verdeutlichen. Mir gefiel gerade, dass sie erwartbar klang. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass solche Schreibtischplots meist in einem vollen Notizbuch enden, in dem die anfangs zurecht gelegten Klischees implodieren. Zwar kann man sich am Schreibtisch die Welt zusammenphantasieren, wie man will, doch irgendwann fährt man los und stellt fest, dass es ganz anders ist. Es ist unmöglich, zwei Wochen ernsthaft zu recherchieren und nichts Neues zu lernen.“

Auch wenn Moreno viel interessantere Menschen auf dem Treck sieht, „eine Gruppe guatemaltekische Drag-Queens“ beispielsweise, so kommt er dem ganz konkreten Auftrag seines Ressortleiters, Matthias Geyer, nach und sucht nach einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren Kindern reist. Er findet Aleyda aus Honduras und begleitet sie vier Tage. Dabei erzählt sie ihm, dass sie zu Hause abgehauen ist, weil ihr Mann trinkt und sie schlägt, weil sie hofft, bei einer ihrer Tanten in den USA eine Arbeit zu finden und ein besseres Leben.

Während Moreno das alles herausfindet und – mit aller Vorsicht, weil er nicht weiß, ob Aleyda die Wahrheit erzählt – im Notizbuch notiert, versucht Relotius in den USA an eine der Bürgerwehren heranzukommen. Es sei schwer, so mailt er immer wieder, zu einer solchen Gruppe Vertrauen aufzubauen, sodass die ihn dann mitnehme. Und auch Moreno hat so seine Vorbehalte, ob solch ein Kontakt sich in der kurzen Zeit, die die beiden mit Blick auf das geplante Erscheinungsdatum des Artikels zur Recherche haben, herstellen lässt. Immerhin ist er mit den Gruppen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze vertraut und kennt ihre Scheu vor Journalisten. Vorbehalte gegen eine Kooperation mit Relotius scheint er jetzt schon zu haben und spricht sie auch gegenüber seinem Chef an. Schließlich entschuldigt sich Moreno bei Geyer und schiebt seine Bedenken wegen der Kooperation auf seine gekränkte Eitelkeit.

Trotzdem: Es gibt zu viele denkwürdige Vorfälle im Prozess der Zusammenarbeit, die Moreno immer wieder überraschen, weil sie ihm einfach unglaubwürdig erscheinen. Dass Relotius dann doch so schnell einen Zugang zu einer Gruppe findet, dass die ihn nachts mitnimmt, ihn Bilder machen lässt, aber keinen professionellen Fotografen dabei haben wollen. Dass einer der Mitglieder der Gruppe, obwohl ein Journalist dabei  ist, einfach in die Wüste schießt, nicht wissend, ob die Bewegung, die eine der Überwachungskameras aufgenommen hat, von einem Tier oder einem Menschen stammt. Und nicht zuletzt ärgert er sich auch, wenn Relotius, der demnächst sein Chef werden wird und den Artikel federführend „zusammenschreibt“, ihm seine analysierenden und reflektierenden Passagen wegstreicht und ihn auffordert, mehr zu erzählen, näher an Aleyda und ihre Kinder zu rücken. Der Konflikt um die Sache vermischt sich also mit persönlichen Animositäten.

Moreno schreibt packend über den Verlauf seiner Nachforschungen, über seine Hinweise in die Spiegel-Redaktion, die ihm aber nicht abgenommen werden, über seine Reise in die USA, seine Interviews mit den vermeintlichen Protagonisten. Er erzählt über sich, seine Geschichte als Journalist mit spanischen Wurzeln in einer Redaktion mit Kolleginnen und Kollegen, die zumeist einem akademischen Milieu entstammen. Er erklärt seine Situation als fester Freier, dem wegen seiner Hinweise, Relotius´ habe bewusst getäuscht und gelogen, die sofortige Kündigung seines Vertrags angedroht wird. Er zitiert den Mitarbeiter aus der Dokumentation, der sagt, er würde auf jeden Fall Relotius glauben – und damit meint, dass Moreno die Unwahrheit sagt. Und zeichnet nach, wie es Relotius immer wieder gelingt, die Vorwürfe zu entkräften, den Spieß umzudrehen. Moreno schreibt also eine Reportage über den Fall Relotius. Der auch sein eigener ist, auch wenn er das nie wollte.

Die Geschichte um den Betrugsfall der Arbeiten von Claas Relotius ist, so im Zusammenhang gelesen, noch einmal spannend. Die immer wieder erfolgenden Einschübe, in denen Moreno Hintergründe über die Arbeit beim Spiegel darstellt oder die Reaktionen von Relotius und seinen Chefs im Detail darlegt, machen die ganze komplexe Geschichte erfahrbar. Es wird hier auch noch einmal sehr deutlich, in welche Gefahr sich Whistleblower begeben. Natürlich, denn bis ein Hinweis auch tatsächlich bewiesen ist, kann es sich ja schließlich auch um üble Nachrede handeln, um Denunziation.

Moreno reflektiert zum Schluss seiner Geschichte aber auch über die Aufgaben des Journalismus in Zeiten von Fake News und über die Reportage und die Anforderungen an nachweisbare Fakten. Und hier liest sich sein Buch als flammendes Plädoyer für einen Journalismus, der sich – natürlich – am Ort des Geschehens umschaut und dem Leser seine Erfahrungen nahe bringt. Der dann auch wertet, deutet und interpretiert, der einordnet und Schlüsse zieht. Weil jeder Internetnutzer die reine Information jederzeit erhalten kann. Um die Information aber einordnen zu können, um sie werten zu können, braucht er den Journalisten, der diese Einordnung mitliefert. All das aber muss auf Tatsachen beruhen, auf Fakten, die überprüfbar sind. Es ist anzunehmen, dass Moreno beim Niederschreiben seiner Story diese Anforderungen an eine „gute“ Reportage umgesetzt hat.

Natürlich hat Relotius Moreno verklagt, ungefähr 20 Textstellen seien falsch. Die meisten scheinen eher unwichtiger Natur zu sein. Es wäre wirklich schade, wenn Moreno bei seiner engagierten Aufarbeitung schwerwiegende Fehler passiert wären. Wegen des Auftrags, den der Journalismus hat, wegen seiner großen Bedeutung bei gleichzeitig schwindenden Geldquellen. Und weil Moreno sich in seinem Buch ja genau für diesen Journalismus so einsetzt.
Juan Moreno (2019): Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus, Berlin, rowohlt Berlin

Artikel zur Reaktion Relotius´ auf Morenoas Buch findet ihr hier und hier

Den Abschlussbericht des Spiegel zur Relotius-Affäre könnt ihr hier lesen.

Ulrike Draesner: Kanalschwimmer

Die Fakten sind denkbar klar: Die Luftlinie zwischen Dover und Calais beträgt ca. 32 km, doch wer den Kanal schwimmend durchquert, legt wegen der starken Strömung und der Gezeiten oft eine längere Strecke zurück. Dabei gilt: Je schwächer der Schwimmer ist, desto mehr wird er abgetrieben und desto länger wird die Strecke. Und das bei Wassertemperaturen selbst im Hochsommer von ca 17 Grad. Dabei wird ein Swim nur gewertet, wenn man ihn so bewältigt, wie es der Pionier dieses Langstreckenschwimmens, Captain Matthew Webb, 1875 vorgemacht hat, nämlich mit Badehose oder Badeanzug, Schwimmbrille und Schwimmhaube, alle anderen Hilfsmittel sind tabu. Ein Mitglied eines der Verbände, der die Überquerung festhält und protokolliert – und der Versicherung gegenüber im Fall der Fälle erklärt, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist – sitzt im Beiboot. Das wird gesteuert von einem „Piloten“, dieser hier heißt Brendan, der dafür sorgt, dass der Schwimmer regelmäßig isst und trinkt, der darauf achtet, nicht in die Fahrrinne der Schiffe zu gelangen und der seinen Schützling im Falle einer totalen Erschöpfung frühzeitig aus dem Wasser holt.

Was treibt, so fragt man sich recht ratlos, die Menschen an, die sich auf diese Tortur einlassen. Die unfassbare 15, 19 oder gar 25 Stunden schwimmend diesen Kanal durchqueren, zusammen mit unzähligen Frachtschiffen und Fähren, vom Müll in der Zone Z mal ganz abgesehen? Bei Charles, dem Anfang 60-jährigen Protagonisten, einem Biochemie-Professor, mag es ein Lebenstraum gewesen sein, denn er schwimmt schon im Verein, seit er ein kleiner Junge ist, angetrieben von der Liebe zur See, die sein Großvater ihm mitgegeben hat. Bisher aber hat Charles keine Anstrengungen unternommen, sich auf die lange Strecke vorzubereiten. Nun aber, nun da Maude, seine Ehefrau seit fast vierzig Jahren, erst aus Düsseldorf nach London zurückkehren wollte und ihm dann dort noch eröffnet hat, dass sie das schöne viktorianische Haus auch mit Silas, dem Freund seit Jugendtagen, teilen möchte, nun macht er sein Vorhaben einer Ärmelkanaldurchquerung wahr.

Ein Jahr lang, in dem er das Haus in London weitestgehend meidet, bereitet er sich in Oxford, wo er wieder an der Uni lehrt und auch wohnt, vor. Er engagiert einen Coach, härtet sich den Winter über frühmorgens vor der Arbeit im kalten Flusswasser der Isis, so heißt hier die Themse, ab, eine viertel Stunde schwimmt er zuerst, dann eine halbe, später eine ganze Stunde. Er isst so viel, dass er trotz des Trainings 8 kg zunimmt, eine Fettschicht gegen die Kälte, so wie die Robben sie haben.

Mit Brendan spricht er am Tag vor seinem Swim. Der gibt ihm letzte Hinweise. Vor allem aber legt er ihm eine Liste vor mit den Namen derjenigen, die die Kanaldurchquerung in den letzten Jahren nicht überlebt haben. Und noch etwas anderes zeigt ihm die Liste: Die letzte Meile ist die heikelste. Brendan spricht mit Charles auch über die große Enttäuschung, wenn es nicht klappt. Denn damit müsse jeder rechnen. Charles aber denkt längst daran, wie es losgehen wird am nächsten Morgen:

„Ihn im Schlepptau, würden sie ausfahren. Die Klippen fast durchsichtig in der Morgendämmerung. Richtung Südosten Schlitze im Firmament von körnigem Blaugrau. Brendan würde entscheiden, ob Charles´ Versuch stattfand. Last-minute-Nachrichten, Wetterkontrollen auf www.windy.com.

 Ihn im Schlepptau. So sähe das aus. In Wirklichkeit wären sie durch nichts miteinander verbunden.

Antwortetet man dem Piloten nicht oder trat man nur auf der Stelle, zog die Crew einen heraus. Das Recht auf eine eigene Entscheidung gab man ab. Das Recht auf Gegenwehr.

Wann brach eine Zukunft zusammen?

Wann entschied sich, dass ein Wunsch sich nie erfüllen würde?“

Doppeldeutig sind seine Überlegungen. Denn es ist nicht nur die Entscheidung, ob er den Kanal schwimmend durchmessen wird, die er an den Piloten abgibt. Auch die Entscheidung darüber, wie er in Zukunft leben wird, hat längst eine andere getroffen. Es ist Maud, die sich entschieden hat und die damit auch über seine Zukunft bestimmt. Charles, dem offensichtlich bisher alles so einfach gelang, die viele Jahre währende Ehe mit Maud, eine Tochter, die Professur in Düsseldorf, dann in Oxford, ist nun die Zukunft zusammengebrochen. Mehrfach wiederholt er diesen Satz. Immerhin: Er hat mit strenger Disziplin sein Schwimmprojekt vorangetrieben, hat seinen Körper und seinen Geist auf die stundenlange Prozedur vorbereitet, hat hier – wenigstens – die volle Kontrolle gehabt.

Es könnte eine langatmig-ermüdende Lektüre werden, Charles bei seinen Armzügen zu begleiten: „Eintauchen, Armzug, Armzug, Armzug etc. Auf sechs hoch, Luft“. Ist es aber nicht. Denn Ulrike Draesner findet in Charles Innen- und Außenwelt so vieles Bemerkenswertes, weiß die beiden Ebenen so geschickt zueinander in Beziehung zu setzen, dass hier gleich mehrere Spannungsbögen entstehen, Cliffhanger inklusive. Denn da ist ja zunächst die Frage, ob Charles es bis auf den französischen Strand schafft, ob er seinen Traum umsetzen kann oder Brendan, der Menschenfischer, ihn irgendwann aus dem Wasser herauszieht.

Dann ist da ja auch noch die Frage, wie es weitergehen soll im viktorianischen Haus mit Maud und Silas und Charles. Während er schwimmt, durchlebt Charles noch einmal die Sommer in den 1970er Jahren, als er mit Silas auf Sylt die Ferien verbrachte und sie dort die Schwestern Abigail und Maud kennenlernten und sich schnell zwei Paare bildeten: Charles und Abigail, Silas und Maud. Und er denkt nach über einen Brief, den er damals Maud geschrieben hat und der eine Lüge enthielt, „Sein Lügenbrief. Nein. Sein Liebes-Lügenbrief. Sein Liebesbrief. Mit Notlüge.“

Langatmig und ermüdend wird es aber eben auch nicht, weil hier Ulrike Draesner erzählt, die Lyrikerin, die in ihren Text Sprachbilder hinein webt und so der Leserin einen ganz neuen Blick auf die Natur vermittelt. Da gibt es den Bereich der „stillen See“, wenn die Wellen in sich zusammenfallen und sich das Wasser „entspannt“, da gibt es ein „Sausen, unendlich flach, das sich strudelteigdünn ausbreitet zwischen der flüssigen Weite und der über ihr stehenden Luft“, da rollen, kurz vor einem Gewitter, „graugrüne Zäune über den Himmel, im Kanal flackerten silberne Striemen.“ Charles´ Blick, schon im Londoner Haus in der Souterrain-Küche, eingeschränkt durch die bewachsene Böschung vor dem Küchenfenster, lässt ihm auch hier, beim Schwimmen und beim abwechselnden Blick nach rechts und links, seine Umgebung nicht vollständig wahrnehmen, sondern ermöglicht immer kurze Blicke, Blitzlichtern gleich, auf seine äußere Umwelt. So wie Charles der unverstellt freie Blick auf seine äußere Umgebung fehlt, so fehlt ihm eben auch der „Durchblick“ in seiner inneren Welt.

Und dann ist da auch noch die Kälte, die ihn beim Schwimmen begleitet, ihm manchmal gar wie Hitze vorkommt, und die auf einer anderen Deutungsebene dafür steht, dass seine Beziehungen zu Maud, zu Abigail und zu Silas kalt sind, auf Rationalität und Funktionalität gebaut. Überhaupt sind es eine Handvoll Motive, die der „Kanalschwimmer“ immer wieder aufgreift: das Meer als Ursprungsort allen Lebens, die Nordsee mit ihren Fossilien tief unten am Boden, die Wale, die Charles im Naturkundemuseum in Oxford betrachtet hat, dann ja auch Ahab, der im Meer den Wal besiegen wollte – und Odysseus, der die Meere bereist hat, bis ihn zu Hause niemand mehr erkannte.

 Trotz all dieser literarischen Bezüge und auch wenn Charles´ Leben und seine Beziehungen ein bisschen blutleer wirken: die kunstvolle Verbindung der existentiellen Schwimmerfahrung mit einer ganz ausgefallenen Naturbeschreibung, das Hin und Her zwischen Charles´ innerem und äußerem Erleben und vor allem die Frage, ob er an der französischen Küste ankommt, das alles macht diesen knappen Roman zu einer außergewöhnlichen Lektüre. Die aber, dies sei hier explizit erwähnt, keineswegs dazu motiviert, es Charles nachtun zu wollen.

Ulrike Draesner (2019): Kanalschwimmer, Hamburg, Mare Verlag

Zur Besprechung des Romans bei Literatur leuchtet geht es hier entlang.

Isabel Bogdan: Laufen

Wer durch den Band „Die Philosophie des Laufens“ blättert, der wird dort zwischen Überlegungen zum Laufen mit Sokrates, Aristoteles, Platon und Kant, den Reflexionen über die Veränderungen von Physis und Psyche auf dem Weg zum Läufer und den kritischen Betrachtungen zum Laufen als Instrument der Selbstoptimierung auch einen Beitrag von Isabel Bogdan finden. Darin erzählt sie über ihre sehr leichtfertige Anmeldung zum Alster-Lauf, genau einen Monat, bevor der Lauf startet. Ein Monat bleibt also nur für das Training, denn sie läuft zwar, hat aber noch nie 10 Kilometer hinter sich gebracht.

Den Roman „Laufen“ schreibt also eine Autorin, die sich auskennt mit dem Laufen, mit der Überwindung des inneren Schweinehundes, der immer wichtige Argumente ins Feld führt, um sich nicht auf den Weg machen zu müssen. Die um die Anstrengungen weiß und die Verlockungen des Aufgebens, die aber auch den Stolz und die Zufriedenheit kennt, wenn sie den Laufparcours bewältigt hat. Und die sich auskennt mit dem, was sich da beim gleichmäßigen Trab über die Straßen, durch die Parks und an der Alster entlang alles im Kopf abspielen kann.

Isabel Bogdan schickt also ihre namenlose Ich-Erzählerin zum Laufen und die muss schon auf den ersten Metern mit den Strapazen des Loslaufens kämpfens:

„Ich kann nicht mehr. Das ist natürlich Quatsch, ich bin gerade erst losgelaufen, aber schon an der Ampel glaube ich, ich kann nicht mehr, nach nicht mal hundert Metern. Meine Beine sind wie Sandsäcke, bin ich wirklich jemals länger gelaufen? Lange her. Vielleicht fällt mir ein Grund ein, warum ich doch nicht laufen kann, warum ich jetzt sofort umkehren muss, obwohl heute der beste Tag ist, um wieder mit dem Laufen anzufangen, Laufen ist mit Sicherheit gut, außer dass ich nicht mehr kann, vielleicht ist heute aber auch gar nicht der beste, sondern der schlechteste Tag. Regnet es?“

Es ist den aneinandergereihten Sätzen anzumerken, wie atemlos die Läuferin von diesen ersten Schritten der ungewohnten Bewegung ist. Immer wieder wiederholt sie leise für sich den Atemrhythmus: „Ein ein aus aus aus.“ Und mitfühlend, und ein bisschen lächelnd wegen dieses inneren Kampfes, laufen wir Leser mit der Läuferin dann weiter. Wir hören ihr bei ihren Überlegungen über die richtige Laufkleidung zu, spüren ihren knackenden Fuß und begleiten sie Stück für Stück, vom Grünstreifen zur Laterne, von der Laterne bis zur Hecke und so weiter. Schnell bleibt uns aber das Lächeln über die Tücken der körperlichen Anstrengung im Hals stecken, denn hier läuft ganz offensichtlich eine los, die eine ganz andere Last trägt, als die des ersten Laufens seit ein paar Jahren. Hier hadert eine nicht nur mit der Qual der Anstrengung, sondern mit einem anderen, wesentlich schwerer wiegenden Ereignis. Denn es ist, wir werden es sehr viel später erst lesen, heute, am Tag ihres ersten Laufens, der erste Todestag ihres Mannes.

Und dabei darf sie ihn im offiziellen Wortlaut nicht einmal ihren Mann nennen, sich selbst nicht Witwe. Für ihre Situation fehlt es schlicht an einem passenden Wort, „ledig“ ist sie ja nun schon gar nicht. Aber verheiratet gewesen sind sie eben nicht, hatten einen nicht existententen Status vor Recht und Gesetz. Das sehen auch ihre Schwiegereltern so, die sie als Freundin des Sohnes nie akzeptiert und respektiert haben. Statt einem handfesten Beruf, wie der Sohn, der eine Oldtimer-Werkstatt führte, spielt die Läuferin Bratsche in einem Orchester. Das ist doch kein Beruf, ein Hobby höchstens.

Die Schwiegereltern haben dann auch die Entscheidungen getroffen, über den Ablauf der Beerdigung, über den Friedhof, auch über die Musik, die gespielt wird:

„(…) sie sind gar nicht auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich auf der Beerdigung spielen möchte, das hätte ich auch gar nicht gekommt, aber ich hätte gewusst, welche Musik du hättest hören wollen, und ich hätte die anderen aus meinem Quartett fragen können, ob sie etwas spielen, und Bettina, ob sie singt, aber das wollten sie alles nicht und ich war zu gelähmt, um mich durchzusetzen und deshalb hast du eine Spießerbeerdigung bekommen.“

Seine Sachen haben die Eltern auch abgeholt, seine Kleidung aus dem Schrank gesucht und in Kisten verpackt, die Hälfte der Möbel mitgenommen, sich bei jeder Tasse, jedem Buch und jeder CD erklären lassen, ob sie ihrem Sohn gehört habe oder ihr. Seinen Laptop haben sie ihr nur kurz gelassen, damit sie Bilder und Musik herunterladen konnte. Und das Auto, einen Buckelvolvo, haben sie auch gleich mitgenommen.

Zum Ärger über seine Eltern kommen die Schuldgefühle hinzu. Denn ihr Mann ist depressiv gewesen und hat sich selbst getötet. Nun fragt sie sich natürlich, was sie hätte anders machen können, wo sie hätte helfen können, ob sie nicht doch hätte erkennen müssen, welchen bitteren Entschluss er gefasst hat. Wahrscheinlich gerade zu der Zeit, als sie den Eindruck hatte, dass es ihm wieder besser geht. So sind ihre Gefühle ein stetes auf und ab: Einmal erinnert sie sich an die schönen Momente , dann wieder ist sie wütend auf ihn oder verzweifelt, weil sie nicht weiß, wie es weitergehen soll. Weil er sie allein gelassen hat, weil sie ihn vermisst, sogar in der neuen Wohnung, in der er ja nie gewesen ist.

Ein Jahr, so sagt man, dauere das Trauerjahr. Die Erzählerin aber macht deutlich, dass es wesentlich länger dauert nach solch einem dramatischen Ereignis, in ein eigenes Leben zurückzufinden. Das schafft sie während dieses Jahres, in dem wir sie monatlich einmal bei ihrem Laufen begleiten. Und dabei miterleben, wie der Prozess, selbst wieder Boden unter die Füße zu bekommen, quasi die Lähmung des Schocks zu überwinden, voranschreitet. So wie sie ihre Fitness trainiert und weniger kurzatmig ist, so werden ihre Sätze ruhiger, ihre Überlegungen differenzierter. Bis sie ihren inneren Monolog nicht mehr an ein „du“ adressiert, sondern über ein „er“ reflektieren kann. Bis sie nicht mehr in seinen Schlafanzügen schläft, ein neues Bett kauft, sich mehr und mehr freut, wenn sie mit den Musikern ihres Quartetts übt, bis sie ein neues Soloprogramm auf die Füße stellt. Bis ihre beste Freundin Rike sie zum Alsterlauf anmeldet. Obwohl sie doch noch nie 10 Kilometer gelaufen ist.

Der Lauf ist so, wie Isabel Bogdan ihre eigenen Erlebnisse in der „Philosophie des Laufens“ erzählt hat. Wie sie selbst läuft ihre Ich-Erzählerin erst schwerfällig, dann beschwingt – angespornt von den Trommeln einer Zuschauergruppe, den Anfeuerungen der Zuschauer – um sich dann die letzten Kilometer richtig erarbeiten zu müssen. Isabel Bogdan wird am Ziel von ihrem Mann in Empfang genommen. Die Ich-Erzählerin sucht in der Menge der Zieleinläufer nach dem Mann, den sie schon einmal beim Training getroffen, mit dem sie am Ende ein Eis gegessen hat.

Die Läuferin erobert sich im zweiten Trauerjahr laufend ein Stück eigenes Leben zurück. Deshalb ist Bogdans Roman keine nur traurige Angelegenheit. Sondern eine ungemein kraftvolle und eine lebensbejahende. So, wie sie sich schon beim ersten Lauf nicht aufs Aufgeben einlässt, so kämpft sich die Ich-Erzählerin durch ihre unterschiedlichen Gefühle und ringt darum, eine Distanz zu ihren Erlebnissen zu bekommen. Und dabei hat sie zuweilen auch einen wunderbar frechen und (selbst-)ironischen Blick auf die Dinge.

Michael W. Austin weist in seinem Vorwort in der „Philosophie des Laufens“ darauf hin, dass das lateinische Wort „diskursus“ „umherlaufen“ bedeutet. Und der philosophische „Diskurs“ wird auch als hin und her gehendes Gespräch verstanden. Da haben Läufer und Philosophen, so fährt Austin fort, schon eine Gemeinsamkeit. Und über die „großen Fragen des Lebens“ – „Wie soll ich leben?“, „Was ist wahres Glück“ – sinniert auch Bogdans Ich-Erzählerin. So ist auch ihr Umherlaufen nicht nur ein physischer Vorgang, sondern stiftet eben auch an zu philosophischen Betrachtungen.

Isabel Bogdan (2019): Laufen, Köln, Verlag Kiepenheuer & Witsch

M.W. Austen, P. Reichenbach (Hg.) (2015): Die Philosophie des Laufens, mairisch Verlag

Zu Isabel Bogdans Homepage geht es hier entlang.

Sarah Spiekermann: Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite www.bingereader.org in der Rubrik „Women in Science„. Dort sind viele weitere interessante Artikel über Frauen und ihre Forschungen zusammengetragen. Also: Unbedingt vorbeischeuen!

In ihren Seminaren zum Thema Innovationsmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien stellt Sarah Spiekermann ihre Studierenden vor die Aufgabe, eine Produkt-Roadmap für den fiktiven Lieferdienst FoodIS, dessen Geschäftsmodell an denen von Foodora und Deliveroo angelehnt ist, zu erstellen. Hier setzen die Studierenden um, was sie gelernt haben, wenn sie die technischen Raffinessen eines selbstlernenden, eines intelligenten Systems mit Blick auf die verschiedenen Nutzer – die Kunden, die Restaurants und Fahrradkuriere, den Betreiber der App – erarbeiten und darlegen. Sie denken daran, dass die Handy-App den Kurieren immer den schnellsten Weg weist, über ihre Ortung aber auch erkannt werden kann, wie lange sie Pausen machen. Sie wollen eine App entwickeln, die Aufträge mit einer nach einem Menschen klingenden Stimme weitergibt und sie so bearbeitet und bündelt, dass eine hohe Effizienz entsteht. Und weil sie im Seminar von Sarah Spiekermann sitzen, denken die Studenten auch daran, Werte wie Datensicherheit und Privatheit mit einzubinden.

Aber, so erklärt die Autorin, die Studierenden überlegen nicht eine Sekunde, ob solch eine App überhaupt nötig ist. Ob Digitalisierung wirklich immer sofort eine bessere Lösung erzielt, „weil technische Entwicklungen schlichtweg die Zukunft sind“. Und sie denken überhaupt gar nicht – und das haben eigene Erfahrungen mit einer ähnlichen Aufgabenstellung gezeigt – darüber nach, welche Folgen diese digitalen Leistungen haben, wiederum für die Kunden, die Fahrradkuriere, die Mitarbeiter der App, wenn sie nämlich zu Services ohne Wert, ja, ohne Herz werden.

Mit ihrem Fallbeispiel zielt Sarah Spiekermann ins Herz einer Debatte, die sie in ihrem Buch vor allem mit Blick auf die technische Entwicklung führt  – die aber ebenso für unser Wirtschaftsgeschehen insgesamt geführt werden sollte. Indem sie mit ihren Studenten zu einem gedanklichen Ausflug in die Welt der Philosophie startet, indem sie mit ihnen die Frage vom „guten Handeln“ auslotet und Einblicke in die Diskussion um Werte gewährt, ermöglicht sie ihren Studenten einen anderen Blick auf die ursprüngliche Aufgabenstellung. Die dann, in einem zweiten Durchgang, sehr viel mehr kreatives Potenzial und entsprechend auch mehr Lösungsvorschläge für die Konzeption einer Liefer-App einbringen: „Was jedoch eine solche kurze Einführung in die Ethik zu kreativen und menschenfreundlichen Ideen für den Innovationsprozess bewirken kann, hat selbst mich überrascht.“

So ist es Sarah Spiekermanns erklärtes Ziel, den digitalen Entwicklungsprozess, der ja unausweichlich sein wird, durch eine werteorientiertes Debatte zu begleiten. Nicht, wie sie schreibt, um den Unternehmen ein „ethisches Feigenblatt“ zu gewähren, nicht, um ihnen zu zeigen, wie sie „noch mehr Geld mit der Digitalisierung machen können“, sondern um „besser und weiser“ diese Entwicklungen zu steuern: „Meine Zielfunktion ist also nicht das Geld. Meine Zielfunktion ist ein gutes Leben, die Eudaimonia, bei der das Geld nur eine Randbedingung ist.“

Dass sich mit dieser Haltung, nämlich werthaltige (digitale) Produkte zu erstellen und anzubieten, durchaus auch Geld verdienen lässt, hat schon Michael Porter 1980 mit seinem Modell zur Wettbewerbsstrategie und der Strategie der Qualitätsführerschaft, herausgestellt.

Sarah Spiekermann hat das „digitale Fieber“ 1996 gepackt, als sie – mehr aus Zufall – einen Praktikumsplatz bei 3com im Silicon-Valley antrat. 3com galt damals als Marktführer von Netzwerktechnologien, war mit seinen Produkten einer der Pioniere beim Aufbau der ersten Datenautobahnen. Sie verstand erst nicht, was die blinken Plastikplatten ermöglichten, doch dann holte sie nach, was die Welt der IT ausmacht. Und blieb auch nach dem Studium voller Begeisterung und Enthusiasmus in der IT-Welt, promovierte in diesem Bereich auch.

Doch dann kam der 11.9.2001, den sie als Wendepunkt in ihrem Blick auf die Entwicklung des Internets betrachtet. Ihr schwirrten Ideen durch den Kopf, wie Künstliche Intelligenz geschaffen werden könnte, wie KI die Menschen tagtäglich unterstützen, wie die Kommunikation und der Umgang mit ihr gestaltet werden könnte. Ihr Stipendium für ein Forschungsjahr in Berkeley wurde nicht genehmigt, weil ihre Forschungsfrage plötzlich obsolet war. Sie wollte darüber forschen, wie der Wert der digitalen Privatheit zu erreichen sei, wenn KI zu unseren alltäglichen Begleiter wird. Tatsächlich aber zeigte sich nach den Anschlägen in New York, dass das Internet genutzt wurde, um die Täter zu identifizieren. Die amerikanische Regierung gründete das Department of Homeland Security und brachte fast über Nacht den Patriot Act durch das Parlament. Nun konnten die Behörden ihren Bürgern auch ohne richterlichen Beschluss auf ihren digitalen Spuren im Internet folgen: „Der Wert der Privatheit schien durch die Ereignisse des 11. September erloschen.“

Seit dieser Zeit wohl treibt Sarah Spiekermann die Frage nach einem Konzept von digitaler Ethik um. Um die gesellschaftlichen Folgen der einen oder anderen Fehlentwicklung im Umgang mit Daten analysieren und auch die Konzeption von Programmen kritisch auszuloten arbeitet und forscht Sarah Spiekermann derzeit am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre fachlichen Kenntnisse der Informatik kann sie nun ergänzen durch ihre Suche nach philosophischen Fragestellungen und Denkansätzen, die zu einem anderen Verständnis des Einsatzes der Technik führen können.

Diesem zweifachen Ansatz folgt sie auch in ihrem Buch zur digitalen Ethik. Indem sie nämlich zunächst einmal die verschiedenen Besonderheiten der digitalen Güter beschreibt und analysiert. Hier spricht sie von der „Big-Data-Illusion“, weil die komplexe reale Welt eben auch durch die beste Datenanalyse nicht abgebildet werden könne. Hier weist sie auf die „Fehleranfälligkeit des Digitalen“ hin, weil der Code Fehler hat und für Fehleranalysen oft keine Zeit bleibt, weil der Code nicht über genügend Daten verfügt – oder sich schlicht ein Hacker seiner bemächtigt hat. Hier setzt sie sich damit auseinander, wie schnell wir uns in die digitalen Welten „verstricken“ lassen und durch die Aufmerksamkeit, die wir eher unseren digitalen Geräten und den darauf eingehenden Push-Nachrichten schenken zu „seichten“ Persönlichkeiten werden können. Mit der Forderung nach einer besonders ausgeprägten Bildung im Umgang mit der Technik versucht sie, Fehlentwicklungen einzuhegen.

Forscht sie einmal den Charakteristika des Digitalen im Detail nach, so weitet sie im nächsten Kapitel den Blick und betrachtet die Geschichte des Fortschrittsdenkens über die letzten 900 Jahre. Lange galt das „klassische“ Streben nach dem „persönlichen Fortschritt“ als Ideal der menschlichen Entwicklung, die Suche nach einem kultivierten Leben, die Suche nach dem Glück, die „Sorge um sich“. Erst im Hochmittelalter änderte sich diese Sicht langsam, festzumachen am Begriff des „Fortschreitens“, den Albertus Magnus (1200 – 1280) erstmals nutzte, als er davon sprach, dass wir nach Weisheit streben und uns dabei von dem, was bereits bekannt oder erfunden ist „fortschreiten“.

Dass das Neue gerne als das Bessere angesehen wird, das weist Spiekermann nach in den Schriften der Philosophen, Erfinder und Wissenschaftler der kommenden Jahrhunderte, in der immer deutlicher werdenden wissenschaftlichen Entwicklung weg von der Philosophie hin zu Mathematik und Naturwissenschaften und damit zu einem Denken in Modellen. Ja, bis hin zu der Vorstellung, dass sich die Zukunft prognostizieren lasse, wenn man nur die Vergangenheit kenne (Condorcet, 1793). Damit sind wir bei den heute gängigen Prognose- und Wachstumsmodellen, die sich durch die Vielzahl der jetzt vorliegenden Daten und Algorithmen noch viel schneller, einfacher und vermeintlich besser berechnen lassen. Dass das eben nicht klappt, dass sich daraus geradezu erschreckende Fehlentscheidungen ergeben können, das weist Spiekermann an der seit sieben Jahren plötzlich, unerwartet und überhaupt nicht prognostizierten Steigerung der Geburtenzahlen nach – und den daraus folgenden fehlenden Kita-Plätzen und Schulangeboten. Trotzdem: Die Idee, dass das Neue immer besser ist als das Alte und dass die neue Technik so viel zu leisten vermag als der Mensch, das ist in unserem Denken fest verankert. Und führt, zumindest bei denjenigen, die dieser Idee anhängen, den Transhumanisten, dazu, den Menschen als durch Maschinen zu optimierendes Wesen anzusehen.

Dem stellt Spiekermann ihren Ansatz der digitalen Ethik entgegen und fordert alle Beteiligten dazu auf, Werte zu leben. Die „Kunst des Weglassens“ könnte zum Beispiel eingesetzt werden, um den Wert der Gesundheit zu stärken. Dann nämlich, wenn gesammelte Gesundheitsdaten nicht weiter verkauft werden, sondern alleine der wissenschaftlichen Forschung dienen. In dieser Form setzt sich die Autorin mit weiteren Werten auseinander, mit den Werten des Wissens und der Freiheit. Gerade bei diesen Argumentationen in den abschließenden Kapiteln macht Sarah Spiekermann deutlich, welche Chancen in der Digitalisierung liegen, wenn ihre Nutzung werteorientiert ist und der Mensch zum Zielpunkt ihres Einsatzes wird.

Vermutlich werden die digitalen Güter, die Werte beinhalten, einen höheren Preis haben, als diejenigen, die Privatheit und Freiheit beispielsweise nicht berücksichtigen, so dass Werte eben nur den Nutzern zugänglich sein werden, die sie sich leisten können. Vielleicht erscheint die eine oder andere Forderung Spiekermanns auch unrealistisch, wenn sie vom „Willen zum Guten spricht“, vom „guten Leben“, von der gelungenen Lebensführung. Und fordert, dass Werte eben nicht durch „finanzielle Anreize“ eingeschränkt werden dürfen. Welche Anbieter werden sich an diese hehren Ziele halten? Welche werden tatsächlich werthaltige digitale Dienste für alle anbieten und ihr Angebot nicht nach Preisen differenzieren? Trotzdem: „Digitale Ethik“ ist ein ungemein anregendes und vielschichtiges – und nebenbei auch noch gut verständlich geschriebenes – Buch darüber, wie das Verhältnis von Mensch und IT in Zukunft sein könnte. Ein Buch, das die losen wissenschaftlichen Fäden vom technischen Fortschritt und von den Werten wieder zusammenbringt.

Sarah Spiekermann (2019): Digitale Ethik. Das Wertesystem für das 21. Jahrhundert, München, Droemer/Knaur

Wer mag, kann sich hier und hier über die Autorin informieren und sie in Videos auch als Sprecherin bei Konferenzen sehen.

Fast schon das Ende des Jahres: Mein Lesejahr 2019

Wenn ich mein Lesejahr Revue passieren lasse, dann lassen sich zunächst einmal paar Zahlen festhalten: Gelesen habe ich zwar ein paar Bücher mehr, auf dem Blog berichtet habe ich jedoch nur über 20 Romane und Sachbücher: Der ganz normale Alltag hat wohl in diesem Jahr mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich gedacht hätte. Wenn ich den kommenden Artikel zur „Digitalen Ethik“ von Sarah Spiekermann mitrechne, dann ist mit 10:10 die Geschlechterverteilung meiner Lektüren – ohne dass ich es darauf angelegt hätte – ausgeglichen. Und aus den Indie-Verlagen stammen immerhin auch 9 Titel.

Ein neuer Leseschwerpunkt hat sich auf dem Blog ergeben, weil ich neugierig bin, wie die Digitalisierung in die Erzählungen einzieht, wie die Wissenschaft sich damit auseinander setzt. In der fiktionalen Literatur wird die Digitalisierung bisher eher als Dystopie erzählt, dann, wenn ein problematischer Aspekt in die Zukunft fortgeschrieben wird. Aber es gibt ja auch auch Berit Glanz´ „Pixeltänzer“ , einen Roman aus der Gegenwart, der das Widerstandspotential der Digitalisierung und der dazu gehörenden Arbeitsprozesse auf spannende Weise auslotet.

Und was ist sonst noch in Erinnerung vom Lesejahr 2019? Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ habe ich zu Beginn des Jahres gelesen, die Diskussion in meinem Literaturkreis ist sehr kontrovers ausgefallen. Den Preis der Leipziger Buchmesse hat sie dann im März bekommen. Den deutschen Buchpreis zur Frankfurter Buchmesse erhielt Saša Stanišić mit „Herkunft“, ein Buch, das hier noch im Regal der ungelesenen Bücher steht (ja, es gibt tatsächlich ein Regal der ungelesenen Bücher, allerdings eines mit Freiflächen, auf dem auch Bücher mit schönen Covern zur Zierde ausgestellt werden können :-). Und das ist seit der letzten Woche auch tipp-topp sortiert, auch wenn es Unkenrufen nach so leicht nicht geht). Von der Shortlist habe ich nur Norbert Scheuers „Winterbienen“ gelesen (vielleicht kommt dazu noch ein Beitrag), ein Roman, der mich sehr beeindruckt hat. Und beeindruckt hat der Roman auch alle anderen Leser meines Literaturkreises.

„Beeindrucken“ ist dann auch die Kategorie, die ich in diesem Jahr als Aufhänger für meinen ganz persönlichen Rückblick gewählt habe. Zwei Autorinnen und ein Autor gab es in diesem Jahr, die mich mit ihren Geschichten, ihren Erzählarrangements und ihrer Sprache ganz besonders in ihren Bann gezogen , die mich also besonders beeindruckt haben. Das sind Autoren, von denen sicherlich noch der eine und der andere Roman auf meinem Lesezettel landen werden.

Im Februar mogelte sich Richard Russos Erzählband „Immergleiche Wege“ aus dem Regal der ungelesenen Bücher auf das Lesesofa. Erzählungen sind ja eigentlich nicht so mein Lieblingsgenre. Aber Richard Russo schreibt seine kurzen Geschichten so lebendig, zeigt im Kleinen das große Ganze und lässt so die Leben der verschiedenen Protagonisten lange im Gedächtnis bleiben: Die Professorin Janet Moore, die einen Studenten bei seiner Hausarbeit beim Abschreiben erwischt hat und die sich nun an ein wichtiges Ereignis ihrer Studentenzeit erinnert. Den emeritierten Professor Nate, der auf seiner Reise nach Venedig nicht nur mit seinem Bruder hadert, sondern auch mit seinem unprofessionellen Umgang mit der autistischen Studentin Opal Mauntz. Die Kommentare der von Russo schon infizierten Blogger zu meinem Artikel haben mich dann auch gleich in den Sommerferien zum Roman über Empire Falls, zu den „Gottverdammten Träumen“ greifen lassen.

Im März habe ich A. L. Kennedys Roman „Süßer Ernst“ gelesen und habe mich versenkt in die Geschichte um das an einem einzigen Tag immer wieder verschobene Treffen von Meg und John. Schon alleine die Geschichte, wie die beiden sich kennen lernen, ist spektakulär: John, der als Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit in einem Ministerium die Sprache sehr zielorientiert nutzen muss, bietet in seiner Freizeit des außergewöhnlichen Service an, Liebesbriefe zu schreiben. Meg ist eine seiner Kundinnen, eine, die ihm auch zurückschreibt. So entspinnt sich eine kleine Korrespondenz zwischen ihnen. Und Meg ist neugierig, wer dieser Typ ist, der unbekannten Frauen solche schönen Liebesbriefe schreiben kann. Also fängt sie ihn vor den Postfächern ab. Nun haben sie sich für diesen Tag, den 14.4.2015 verabredet und Kennedy begleitet sie in ihren Stunden vor dem Treffen und in den vielen Stunden, die vergehen, bis sie sich endlich treffen werden. Und zeigt dabei die beruflichen, die gesellschaftlichen und die politischen Zumutungen der modernen Welt. Das ist ein toller Roman, der Lust macht, noch viel mehr von Kennedy zu lesen.

In den Sommerferien ist dann Terézia Moras „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ mit in den Urlaub gereist. Von ihr habe ich ja im letzten Jahr den Erzählband (wieder ein Erzählband als Einstieg!) „Die Liebe unter Aliens“ gelesen und beschlossen, auch die Romane noch nachfolgen zu lassen. „Der einzige Mann“, das Darius Kopp, der mutterseelenallein in seinem Büro in Berlin sitzt und von dort aus den Vertrieb drahtloser Netzwerke für das US-amerikanische Unternehmen „Fidelis“ betreibt. Mehr schlecht, als recht, denn die Konkurrenz ist immer billiger. Und besonders fleißig ist Darius angesichts der vielen Möglichkeiten, sich durch Recherchen im Internet von der Arbeit ablenken zu lassen, auch nicht. Im Sommer des Jahres nimmt er dann auch, ohne ihn anzumelden, einen Monat Urlaub und verbringt die Zeit essend und trinkend mit seinem Kumpel Juri. Und dann ist da ja auch noch Flora, seine Frau, die er zwar als Liebe seines Lebens bezeichnet, die aber mehr und mehr an seiner Unzuverlässigkeit verzweifelt. Und diesem unfassbaren Darius, den ich eigentlich manchmal wegen seiner Naivität schütteln wollte, über den ich aber auch immer wieder schmunzeln musste, folgte ich gespannt auf seinem Weg durch den Herbst, der auch, aber nicht nur, wegen der Finanzkrise 2008 schnurstraks zu Darius Verderben führt.

Das alles erzählt Terézia Mora so elegant, immer wieder zwischen der Innen- und Außenperspektive Darius´ wechselnd, so humorvoll und entlarvend, dass ich natürlich die anderen beiden Romane dieses Zyklus um Darius Kopp („Das Ungeheuer“ (2013), „Auf dem Seil“ (2019)) auch lesen werde: genau das richtige Vorhaben für diese Weihnachtsferien. Ich werde berichten.    

Übrigens: Wer sich wundert, wie bei mir die Bücher aussehen und sich fragt, seit wann ich die Papierecken abkaue: Ich war es nicht! Der Übeltäter heißt Paulchen, war zum Zeitpunkt seiner Tat knapp 1 Jahr alt und hat ganz offensichtlich in diesem Sommer seine besondere Liebe für die Bücher entdeckt… Jedenfalls für den Stapel, der mit in den Urlaub reisen sollte.

Ich freue mich also auf gleich zwei Romane von Terézia Mora – und die vielen anderen guten Geschichten, die das Jahr 2020  bestimmt bringen wird.  

Und euch wünsche ich schöne Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

Berit Glanz: Pixeltänzer

Berit Glanz´ Debütroman reiht sich schon vom Titel her nahtlos ein in die Reihe aktueller Romane, die davon erzählen, was Digitalisierung alles bedeuten kann. Und ist – zum Glück – ganz anders. Denn Glanz entwirft keine dystopische Zukunftsgesellschaft, in der KI und Algorithmen längst das Kommando übernommen haben, so, wie wir es in den jüngsten Romanen von Schönthaler und Braslavsky lesen können. Glanz siedelt ihren Roman im Hier und Jetzt an und lässt ihre angepasst-unangepasste Protagonistin Beta von ihrem Leben erzählen. Davon, dass sie sich als Junior-Quality-Assurance-Testerin bei der Fehleranalyse mit Gorilla- und Monkey-Tests ein wenig langweilt. Und sich deshalb gerne auf ein Detektivspiel einlässt, das sie in die Theaterszene der 1920er Jahre führt. Dort experimentiert das Künstlerpaar Lavinia und Walter mit freiem Tanz und fantasievollen Masken und Kostümen, angetrieben von einer großen Lust auf Veränderung, ja, auf Revolution. Gegensätzlicher könnten die heutige IT- und die Theaterwelt vor hundert Jahren gar nicht sein. Aber genau aus diesem Spannungsverhältnis bezieht der Roman seinen ganz besonderen Reiz.

Beta hat alles, was zu einer Erfolgsbiografie der heute 30-Jährigen gehört: Sie lebt in Berlin und verdient so gut, dass sie sich allen aktuell modischen Schnick-Schnack kaufen könnte. Natürlich arbeitet sie in einem Start-up, das sich mit der Programmierung von Apps beschäftigt. Die Mitarbeiter sind top-motiviert, sie arbeiten auch samstags, wenn es nötig ist. Und wenn die App so gut wird, dass ein finanzstarker Investor sie aufkauft, dann können sie alle über ihre Beteiligung am Unternehmen Kasse machen.

Die Büros sind in moderner Betonoptik gehalten, es gibt Getränketresen, den unvermeidlichen Kicker und natürlich Superfood. An Wochenenden winken Gruppenaktivitäten, im Hochseilgarten, beim Gokart-Fahren, bei einer Schokoladenverkostung oder einer Weihnachtsparty schon im November. Und wenn den Chefs die aberwitzige Idee kommt, dass es toll für die Teams wäre, in einem Co-Workingspace in Barcelona zu arbeiten, dann setzt sich der ganze Tross eben nach Barcelona in Bewegung. Und macht dort, was sonst in Berlin gemacht worden wäre, nur mit besserem Ausblick von der Dachterrasse. Was die Teams hier gerade programmieren, an welcher App sie arbeiten, das wird nie genannt.

Beta geht mit den Umständen dieses besonderen Biotops recht gelassen und reflektiert um. Auch sie hat Rubiks Zauberwürfel auf dem Schreibtisch, aber er zeigt ihr an der Farbe einer Seite den Tag an. Die Kollegen und Kolleginnen vom Development kommen dann vorbei und erklären ihr, dass es nicht funktioniere, sie könne nicht sofort mit einer Seite in einer Farbe beginnen. Beta aber dreht ungerührt weiter, denn sie will eine perfekte Seite, die ihr den neuen Wochentag anzeigt. Es ist ja nur ein kleines bisschen Widerstand, das sie sich hier erlaubt. Aber die Inszenierungen der Digitalarbeit durchschaut sie sofort:

„Es ist Montag, und die weiße Seite des Rubik-Würfels liegt vor mir, als Martin das Team zusammenruft. Er habe ein Memo, sagt Martin und macht ein aufgeregtes Gesicht, von Alex, unserem CEO. Der trägt immer einen silbergrauen Cashmerepullover zu seinem schwarzen Vollbart. Martin liest uns das Memo vor. Alex hat beschlossen, dass nun alle Angestellten zwei Teams bilden: gelb und rot. Wir sind jetzt Teil des roten Teams. Martin ist ganz fiebrig und benutzt ab jetzt nur noch die roten Posts-its, um uns zu motivieren.“

Klar, dass es bei der Einteilung in zwei Teams nicht bleiben wird. Schon am nächsten Tag erscheint Alex höchstpersönlich im betongrauen Büro und ruft einen Wettbewerb zwischen den beiden Teams aus: Wer gewinnt, der wird mit Anteilen belohnt. Bei solchen hinter Gamification versteckten Formen der Konkurrenz und des Wettbewerbs sind doch alle noch motivierter.

Immerhin: Es gibt einen Entspannungsraum. Dort steht ein großes Aquarium, in dem rote und gelbe Schleierschwänze in den Farben des Firmenlogos ihre Kreise ziehen. Wer Ruhe sucht, der kann hier sitzen, mit schallreduzierenden Kopfhörern die Geräusche des Büros ausblenden und „zum Runterkommen“ den Fischen zuschauen. Nun lässt Alex einen Roboterfisch ins Wasser, so gut gemacht, dass er von den echten kaum zu unterscheiden ist. Der aber eine winzige Kamera zwischen den Augen trägt und damit Bilder aus dem Wasser auf den Bildschirm an der Wand projiziert. Wer nun vor dem Aquarium sitzt, um zur Ruhe zu kommen, kann das eigene, verschwommene Bild auf dem Bildschirm sehen, wenn er sich umwendet. Beta, die diesen Spionfisch an einem Nachmittag alleine im Ruheraum beobachtet, entscheidet sich, ihn auszuwildern, entnimmt ihm dem Aquarium und setzt ihn in das Wasser der Spree. Noch Tage wird er seine Bilder in dunkelgrün-blau an den Bildschirm senden und niemandem fällt auf, dass sie nicht aus dem Aquarium, sondern aus der Spree gesendet werden.

In ihrer Freizeit fotografiert Beta gerne Tiere und druckt sie dann mit ihrem 3-D-Drucker aus. Für diesen Sommer hat sie sich eine eigene Challenge auf ihre ganz persönliche To-do-Liste geschrieben, nämlich in jeder Eisdiele im Viertel das Erdbeereis zu probieren. Manchmal verabredet sie sich über Tinder und geht dann mit dem Date nach Hause, auch wenn sie den Mann merkwürdig findet, mit seinem Kosten-Nutzen-Denken und der Kleidung, die farblich genau auf die Dekoration der Bar abgestimmt zu sein scheint.

Und sie probiert gerne etwas Neues aus. Eine App namens Dawntastic zum Beispiel, die den Nutzern das Aufwachen erleichtern möchte, indem sie nämlich zum gewünschten Zeitpunkt einen Anruf vermittelt, der von irgendeinem anderen Nutzer auf der Welt kommt. Im schönsten App-Sprech kommt das Story-Telling von Dawntastic daher:

„Morgens mit geschwollenen Augen auf den Wecker einschlagen? Immer wieder die Snooze-Funktion drücken? You snooze, you loose! So sieht so auch dein Morgen aus? Hast du schon wichtige Meetings und einzigartige Gelegenheiten verpasst, weil dich dein Kopfkissen nicht losgelassen hat?
Dann haben wir die Lösung für dich: Zahlreiche Untersuchungen renommierter Schlafforscher haben uns gezeigt, dass es am besten ist, mit einem spannenden Gespräch aufzuwachen. Unsere App Dawntastic verbindet dich mit gleichgesinnten Langschläfern auf der ganzen Welt. Du kannst einen verschlafenen Schüler aus Schanghai mit deinem Lieblingswitz wecken oder dich morgens von einem unserer unzähligen freundlichen User sanft aus dem Schlaf holen lassen. Es gibt nur zwei Regeln: Das Aufweckgespräch darf maximal drei Minuten dauern und ein Gesprächspartner bleibt anonym.
Guten Morgen!“

Beta probiert die App sofort. Und stößt bald auf einen interessanten Anrufer, der sie morgens aus den USA anruft und ein ungewöhnliches Profilbild hat: „Ein anthropomorphes Wesen in einem körperbetonten Anzug, der mit rostroter und blasslila Farbe bemalt ist, dazu eine Maske mit übergroßen Augen und lange Drähte, die aus der Taille und dem Kopf des Wesens ragen.“

Es ist das angenehme Gespräch mit dem Anrufer aus Palo Alto, es ist sein ungewöhnliches Profilbild und sein ebenso ungewöhnlicher Namen – „Toboggan“ – die Beta nicht mehr loslassen. Und so fängt sie an, Informationen über den anonymen Anrufer zu sammeln. Beta stellt die Seite „Toboggan.eu“ ins Netz, auf die der Anrufer, wenn er nur seinen Profilnamen googelt, stoßen muss. Und tatsächlich: „Toboggan“ findet Betas Seite und hinterlässt Nachrichten in ihrem Quellcode. So beginnt eine mitreißende digitale Schnitzeljagd, bei der der Leser es irgendwann nicht lassen kann, selbst im Netz zu recherchieren. Um nachzuprüfen, ob es dieses Künstlerpaar, Lavinia Schulz und Walter Holdt, tatsächlich gegeben hat und ob es im Berlin der 1920er Jahre ihr Ansinnen war, mit ihren freien Tanz in fantastischen Kostümen und ganz besonders gestalteten Masken nichts weniger als das Theater zu revolutionieren.

Berit Glanz´ auf den ersten Blick spielerisch-leichtfüßiger Roman, der nicht nur mitten in der Start-up-Szene angesiedelt ist und den Leser mit Informationen über die Arbeitsmöglichkeiten bei coolen App-Programmierern versorgt, spielt auf gleich mehreren Ebenen mit den Eigenarten des Internets. In einer Weise, die ich bisher so noch nicht gelesen habe. Dabei ist sie sprachlich mittendrin im modernen Wortgeklimper der neusten Methoden des Projektmanagements und der Start-ups. Und führt doch tief in die alte Welt vor hundert Jahren, in eine durch und durch analoge Welt. Aber zu Schauspielern, und hier steht Lavinia im besonderen Fokus, die ihre Welt verändern wollen. Die Masken, die Lavinia für ihr revolutionierendes Tanztheater kreiert, sind dann auch ein ganz wesentliches Motiv des Romans, ein Motiv, das wieder in unsere heutige Zeit weist. Und bei Beta und ihren Freunden zu einem Akt des geschickten Widerstands führt.

Das ist er also möglicherweise, der Roman zur Zeit, der die Digitalisierung nicht per se in ihren dystopischen Aspekten ausleuchtet. Der statt dessen ihre Begleiterscheinungen in den Personen, in den bis in den letzten Winkel durchdachten wettbewerbsorientierten Arbeitsbedingungen und in der Sprache eher entlarvt. Und dabei auf vergnügliche Weise – nämlich während der völlig absurden Arbeitsreise in einem Bus – die Möglichkeiten des Widersetzens auslotet, durchaus angeregt durch die ausdrucksstarken Maskierungen von Schulz und Holdt. Es ist ein starker und ein vielschichtiger (Debüt-)Roman, den Berit Glanz uns hier vorlegt.

Berit Glanz (2019): Pixeltänzer, Frankfurt am Main, Schöffling & Co

Philipp Schönthaler: Der Weg aller Wellen

Wie Emma Braslavsky in ihrer Erzählung „Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten“ beschäftigt sich auch Philipp Schönthaler in seinem neuen Roman mit einer Identitätssuche. Und wie Braslavsky siedelt auch Schönthaler seine Geschichte in einer nicht so fernen Zukunft an, in einer gesellschaftlichen Umgebung, die fast der unseren entspricht. Bei Braslavsky gehört die Künstliche Intelligenz in Form von Androiden zum normalen Alltag, Androiden, die sich kaum mehr von Menschen unterscheiden lassen. Ihre Welt scheint, auch wenn die digitalen Unternehmen in unserer Realität mit Nachdruck die mentalen Prozesse der Menschen erforschen, um sie ihren Rechnern zufügen zu können, mehr in einer Science-Fiction-Welt zu liegen, als die von Schönthaler kreierte Welt.

Bei Schönthaler nämlich ist die Künstliche Intelligenz immer noch in den Computern und den „Devices“ zu finden, die seine Figuren mit sich tragen. Über Laptop und Phone können Informationen recherchiert und Nachrichten gesendet werden, Eingangskontrollen – hier über eine Handerkennung – zum Arbeitsplatz, zum Firmenshuttle und zur Wohnung machen das Leben ohne Schlüsselbund und Ausweis bequem. Das alles ist ja für uns kaum eine allzu exotische Zukunft.

Was aber passiert, wenn es in dieser schönen digitalen Welt zu Fehlern kommt? Wenn sich die Künstliche Intelligenz, die sich selbstlernend weiterentwickelt hat, auf einmal die falschen Schlüsse zieht – oder gar etwas vergisst. Weil die Abfolgen von 1 und 0 nur geringfügig in Unordnung gekommen ist? Und wenn dann niemand – vor allem kein Mensch – mehr da ist, der diesen Fehler korrigieren kann oder will? Das mag nicht so problematisch sein, wenn das falsche Essen geliefert oder der Platz im Flugzeug nicht gebucht ist. Wenn es die digitale Identität ist, die plötzlich verloren gegangen scheint, dann sind die Folgen tatsächlich existentiell. Vor allem in einer Gesellschaft, die den Zugang nicht nur zu den wichtigen Orten des Lebens, sondern auch zu sozialen Kontakten über genau diese digitale Identität steuert.

So einen digitalen Identitätsverlust erleidet der Ich-Erzähler eines Morgens auf dem Werg zu seinem Arbeitsplatz. Er arbeitet in einem dieser architektonischen Wunderwerke, die Tech-Unternehmen schon aus Gründen ihrer Corporate Identity bewohnen, in einem dieser Glaspaläste, die von außen Einblick in alle möglichen Formen des modernen Arbeitens geben und Transparenz symbolisieren sollen. Sein Unternehmen wird, der Form des Gebäudes entsprechend, „Ring“ genannt, die Mitarbeiter sind die „Ringer“. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Umgebung ganz stark an Dave Eggers „Circle“ erinnert.

An der Schleuse zum Campus seines Arbeitgebers wird dem Ich-Erzähler der Zugang verweigert: Trotz mehrmaligen Scannens seiner Hand – einmal wischt er sie sogar an der Hose ab – leuchten die roten Dioden auf, ein Warnhinweis ertönt, die transparenten Sicherheitstore bleiben an Ort und Stelle. In der Schlange hinter ihm fangen die ersten an zu murren. Der Kollege Vitali dagegen, der in der Reihe neben ihm steht, schlägt ihm kumpelhaft auf die Schulter, ruft ihm „Game over“ in der Computerstimme der 1990er Jahre zu und scheint seinen Spaß zu haben über den verwehrten Zugang. Wirklich ernst nehmen kann keiner diese Verweigerung der Schleuse, immerhin trifft hier Technik eine Entscheidung und die ist üblicherweise fehlerfrei. Sowohl die False-Acception-Rate als auch die False-Rejection-Rate sind verschwindend gering, so sind sich die Kollegen sicher. Diese klugen Fachsimpeleien helfen dem Erzähler aber auch nicht aus seiner misslichen Situation.

„Ich mimte ein Lachen, gab vor, den Polycarbonat-Dom zu punchen, als säße ich vor dem Riesenbuzzer einer trashigen Vorabend TV-Quizshow, die Antwort fieberhaft auf der Zunge. Eine lange Sekunde betrachtete ich, wie er mit halb nachlässigem, halb sorglosem Schritt davonlatschte, die Fußspitzen seitwärts minimal ausgestellt, das über dem behaarten Nacken pendelnde Zöpfchen, mit dem einfachen Haushaltsgummi zusammengehalten, sah kacke aus.“

In den ersten Tagen nach seinem Scheitern an der Schleuse kann der Ich-Erzähler seine Arbeit noch fortführen, er macht eine Geschäftsreise, hat Kundentermine. Aber er kommt nicht mehr auf das Firmengelände. Und dann funktioniert auch das Einchecken im Firmen-Shuttle nicht mehr. Mehr und mehr Zugänge werden in den kommenden Wochen gesperrt, die Rückzahlungskonditionen seines Kredites verschlechtern sich, die Personalabteilung moniert seine unentschuldigten Abwesenheiten, schließlich kann er nicht einmal mehr in seine Wohnung gelangen. Eine Lösung scheint es nicht zu geben: Im eigenen Unternehmen wird sein Problem von Abteilung zu Abteilung weiter gereicht, in der Personalabteilung wiegelt ihn ein Computerprogramm ab, als er schließlich seinen Chef Rheimer erreicht – möglicherweise nur, weil er seine Nummer unterdrückt hat – versucht der ihn auch zu beruhigen:

„Mach dir keinen Kopf. Das ist nur pro forma. (…)An deiner Stelle würde ich das nicht zu hoch hängen. (…) Wie gesagt, bei mir ist es gerade ganz schlecht. Warum sprechen wir nicht einfach Anfang nächster Woche in Ruhe. (…) Dann mach doch erst einmal Wochenende. Und relax.“ Und dann: „Verstehe, ich kann mich momentan leider weder positiv noch negativ zu dem Ganzen äußern, du verstehst.“    

Diesen Satz wird er häufig hören, wenn er hartnäckig bleibt und in der Personalabteilung oder bei der Bank Klarheit über seinen Status einfordert. Dabei scheint er bei diesem grotesken, ja: kafkaesken Verlauf seiner Geschichte recht ruhig zu bleiben. Das mag an seiner Sprache liegen, in der er alle menschlichen Regungen und Überlegungen in eine Technologie-Sprache übersetzt, in der ür Gefühlsregungen offensichtlich kein Code vorhanden ist. So sinkt er in den „Ruhemodus“, er „ruft“ zur Erinnerung ein Gesicht „auf“, er benennt exakt die Sekunden, die es dauert, bis das Flugzeug von der Startbahn abhebt,und er erkennt wie sich bei seinem Gesprächspartner „die Helligkeitswerte der voluminösen Gesichtszüge […] um einen Skalenstrich und mehr verdunkelt [hatten].“ Dass es in ihm hoch her geht, lässt sich alleine am hohen Puls erkennen, den er auf seinen digitalen Geräten abliest, an den Alpträumen, die ihn immer öfter heimsuchen, an seinen nächtlichen exzessiven Trainingseinheiten und an seinem permanenten Medikamentenkonsum. Hier ist Ritalin oft das erste Mittel seiner Wahl.

So wie mehr und mehr Systeme die Identität des Ich-Erzählers vergessen und den Zutritt verweigern, so büßt er auch mehr und mehr soziale Kontakte ein. Das wirkt sehr beunruhigend, denn ganz offensichtlich kümmert sich weder der Chef noch seine Kollegen darum, dass er nicht an seinen Arbeitsplatz kommt. Keiner ruft ihn an, keiner versucht, aus dem Ring heraus das Problem zu lösen. Und auch der Anwalt, den er irgendwann aufsucht, um ihn mit seinem Fall zu betrauen, kennt keinen Lösungsweg, sagt ihm keine konkrete Hilfe zu.

Es ist, als würde der Ich-Erzähler nicht nur seine digitale, sondern auch seine tatsächliche Identität verlieren. Und so wird auch das letzte Kapitel des Romans nicht mehr aus seiner Sicht erzählt, sondern aus der Perspektive einer Journalistin, die sich einer Hippie-Gemeinschaft in einer ausgedienten Serverfarm des Nachrichtendienstes an einem See in der Wüste niedergelassen hat. Auch dies ist keine Idylle, denn die Umgebung ist durch eine Landwirtschaft mit hohem Einsatz von Chemie verseucht. Und auch die Menschen, die hier eine Alternative leben wollten, scharen sich gerade hinter Ransom oder Tyler zusammen, den einstmaligen Freunden, die nun aber zu Anführern zweier Gruppen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen werden – die Anhänger von Ransom reißen die alten Zäune ab, die Gefolgschaft von Tyler baut sie wieder auf. Der Konflikt zwischen ihnen eskaliert mehr und mehr, erste Opfer sind die Kojoten, die hier leben.

In dieser Gesellschaft lebt auch der Ich-Erzähler sechs Monate lang. Auch hier bleibt er ohne Namen, auch hier verschwindet er eines Tages wieder, eine Suche nach ihm hat keinen Erfolg; er geht tatsächlich „den Weg aller Wellen“. Im Prinzip bleibt nichts von ihm zurück als sein altes Auto und die Papiere, auf denen er die Ereignisse seines Identitätsverlustes für den Anwalt zusammengetragen hat. Und die Journalistin überlegt nun, in ihr altes Leben zurückzukehren und aus diesen Notizen ein Buch zu machen.

Ransom aber, der charismatische Wortführer, der, wenn er nicht zu Vorträgen durch die ganze Welt reist, einmal in der Woche seine Anhänger um sich versammelt, hat eine vage Lösung für das Identitätsproblem:

„Das Problem der Identität lässt sich nicht dadurch lösen, dass man sie biologisch oder ontologisch festschreibt. Sie ist ein Risiko, das gemanagt werden muss.  […] Wir müssen die Identität als einen Schlüssel begreifen. Die einzelnen Transaktionen verknüpfen sich zu einem Code, der darin so etwas wie eine Erzählung über die jeweilige Entität bildet. Als solche lässt sie sich jeder Zeit zurückverfolgen. Gleichzeitig wird dieser Schlüssel für jede Tranbsaktion herangezogen und beglaubigt sie im Abgleich mit dezentralen Datenbanken. Mit jeder neuen Transaktion wächst die Historie der einzelnen Entität, je länger sie wird, desto unwahrscheinlicher werden Verwechslungen oder die Möglichkeit zur Manipulation.“

Philipp Schönthaler hat seinen Ich-Erzähler in eine dystopische Welt geschickt. Und ausgelotet, was passiert, wenn allgegenwärtige Algorithmen Fehler machen. Mit dem Thema der (digitalen) Identität hat er sich dabei eines besonders brisanten Themas angenommen. Und spielt damit – nicht zuletzt im dritten Teil, in dem er eine neue Erzählstimme zu Wort kommen lässt. Und in gewohnter Philipp-Schönthaler-Manier bleibt genug Spielraum für den Leser, sich von den Leerstellen und auch den (literarischen) Assoziationsangeboten zu Deutungen inspirieren zu lassen.

Philipp Schönthaler (2019): Der Weg aller Wellen, Berlin, Verlag Matthes und Seitz

Emma Braslavsky: Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten

Emma Braslavskys Roman knüpft da an, wo Ian McEwans Geschichte aufhört. In ihrer Welt nämlich sind die Androiden zur Marktreife gelangt und jeder, der sich eine Recheneinheit leisten kann, lässt sich einen Partner nach individuellen Vorstellungen programmieren. Der eine möchte eine Partnerin, die die Wohnung in bester Ordnung hält und gerne kocht, die andere lieber einen Gefährten, der sie umarmt und küsst und Lust auf Sex hat; die eine geht gerne mit Mads Mikkelsen aus, der andere mit Pedro Almodóvar. Im Berliner Nachtleben ist kaum noch zu unterscheiden, wer Mensch, wer Recheneinheit ist. Es wird gegessen, getrunken, geflirtet und getanzt und wem das noch nicht reicht für das gute Gefühl, der versucht es auf der Toilette mit schnellem Sex oder mit Amphetaminen.

„Die Liebe 3.0 stillt endlich alle menschlichen Sehnsüchte. Alle. Lust? Anerkennung? Unverbindlicher Kontakt? Ekstase? Geborgenheit? Schutz und Sicherheit? Selbstbestätigung? Abenteuer? Hunger nach exotischen Erfahrungen? Platonische Freundschaft? Trans? Homo? Hertero? Poly? Zwischenartlich? Es gab keine Verbindung, die es nicht mehr geben konnte. Die Entfaltung des Ichs hatte jetzt eine neue soziale Bühne, auf der es bewundert werden konnte.“

Wer keine Recheneinheit will oder sich keine leisten kann, dem steht immerhin die Möglichkeit offen, Liebesbriefe zu abonnieren, die fleißige Bots schreiben und die die Nachtpostbotendrohne Gert im Postschlitz neben dem Wohnzimmerfenster zustellt, egal in welchem Stockwerk.

Trotz dieser schier paradiesischen Zustände: Die Menschen sind unglücklich. Allein in Berlin wählen Tag für Tag um die 50 Einwohner den Freitod. Sie nehmen Tabletten und sterben in ihren Wohnungen, sie stürzen sich von Dächern vor die Eingänge der Nachtbars, ertrinken in Kanälen und Seen. Denn so weit ist es doch nicht her mit den Versprechungen der neuen Liebe. Auch die nach eigenen Vorstellungen personalisierte Recheneinheit kann den Menschen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er im Grunde seiner Seele „alleine“ ist, „isoliert“, „weil kaum einer hier mehr Anschluss an andere fand.“

Und die vielen Suizide machen der Stadt Probleme. Nicht so sehr aus ethischen Gründen, sondern vielmehr aus finanziellen. Weil die Bürger ja alleine leben, finden sich meistens keine Angehörigen, die sich um die Bestattung kümmern und sie vor allem bezahlen. So muss die Stadt ermitteln, ob es Angehörige gibt, muss diese zur Bezahlung der Rechnungen zwingen – oder bleibt auf den Bestattungskosten sitzen. Und das passiert immer öfter und wird über kurz oder lang zu einem finanziellen Desaster für die öffentlichen Haushalte sorgen. Diese mühsame Detektivarbeit führt zu einer Überlastung der mit dieser Aufgabe betrauten Polizisten im eigens eingerichteten Suizid-Dezernat.

So kommt Roberta ins Spiel. Roberta ist eine Recheneinheit und stammt vom Start-up Intellabour GmbH, das Androiden für den umkämpften Arbeitsmarkt zur Verfügung stellt. Roberta ist keine Haushaltshilfe und keine „Sexpuppe“. Sie ist programmiert für die Polizeiarbeit, für das Aufspüren der Angehörigen der durch Suizid gestorbenen Menschen. Dazu kann sie natürlich auf alle Informationen aus den Daten der Verwaltung, dem Internet und auch den Programmen anderer Recheneinheiten zugreifen Sie kennt alle Vorschriften für die Polizeiarbeit, ihr fallen die kleinsten Veränderungen auf, Blicke und Gesten und die winzigen Veränderungen der Gesichtsfarbe oder der Körpertemperatur der Menschen in ihrer Umgebung, und sie kann daraus blitzschnell Schlüsse ziehen. Und wenn es sein muss, dann wandert sie auch über den Grund eines Sees, um Beweisstücke zu finden.

Robertas erste Aufgabe ist die Ermittlung der Eltern von Lennard Fischer. Lennard ist Profitaucher und Workshopleiter für Aufmerksamkeitsentflechtung. Er lebt zusammen mit der Recheneinheit Beata, die er übernommen hat, weil ihr Vorbesitzer sich in einen anderen Mann verliebt und Beata und die eigene Wohnung zurückgelassen hat. Einen Monat hat Lennard gebraucht, um Beata das Küssen und das Umarmen beizubringen, denn ihr Vorbesitzer hat sie zum Kochen, Aufräumen und Putzen programmiert. Nun ist Lennard in einem See ertrunken und Roberta betrachtet seinen Leichnam am Ufer. Glücklich wie ein Baby sieht er aus, findet Roberta, zufrieden, weil er seinen letzten Atemzug unter Wasser gemacht hat. Robertas Sensoren untersuchen eine Vielzahl von Messwerten und sie weiß sofort, dass Lennard vor dem Gang ins Wasser Kokain genommen hat und andere halluzinogene Drogen:

„Auch Einwirkungen von außen waren nicht erkennbar. Sie legte eine Hand flach auf seinen Brustkorb. Selbsttötung war der menschlichste Ausweg, kein Gott und kein Tier hatte dieses Privileg, und vielleicht auch Roberta nicht.“

So beginnt Robertas Suche nach Familienmitgliedern Lennards, die zur Bezahlung seiner Bestattung herangezogen werden können. Stundenlang fährt sie mit der U-Bahn durch Berlin und Umgebung, setzt sich mit dem Bestatter auseinander und mit Mitarbeitern der Behörden, deren Verhalten – obwohl die Geschichte ja in der Zukunft spielt – wie ein Rückfall in die Mitte des 20. Jahrhunderts wirkt. Diese Kooperations(un)willigkeit fordert Roberta zu immer neuen Überrumpelungsstrategien heraus und bringt den Leser ein ums andere Mal zum Lachen. KI meets Bürokratie – das Thema gibt wohl auch in der Zukunft noch einiges her und ist in vielen Situationen, wenn nicht für Roberta, dann aber für den Leser, ein großer Spaß.

Der Strang, der von Robertas Recherche erzählt, bringt uns tief in eine Gesellschaft, die auf der einen Seite der unseren so ähnlich ist, dass die Geschichte auch jetzt und hier spielen könnte. Es ist aber auch eine Gesellschaft, in der die Menschen sich Roboter als Lebenspartner nach eigenen Wünschen kreieren und in der Roboter auf den Arbeitsmarkt drängen. Eine Gesellschaft, in der die Suizidrate ständig steigt und als Todesursache die üblichen Krankheiten abzulösen droht. Und eine Gesellschaft, in der die Angehörigen sich nicht um ihre Toten kümmern. Eine dystopische Gesellschaft also wieder einmal, in der die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz die Menschen nicht bereichert, sondern die durchaus problematischen Entwicklungen vorantreibt.

Braslavsky hat sich für ihre Geschichte eine interessante Erzählerperspektive ausgesucht. Der weitaus größere Teil nämlich wird aus der Perspektive Robertas erzählt. Das ist ein Problem – und gleichzeitig ein Gewinn für den Roman. Kritisch ist die Wahl dieser Erzählperspektive, weil die Erzählstimme einer Künstlichen Intelligenz, die dann doch erzählt wie ein Mensch, zumindest zweifelhaft ist. Es ist nun einmal problematisch, einem Computer eine Stimme zu geben, ihm sozusagen mentale Prozesse zuzuschreiben, wenn er seine Umgebung beobachtet und deutet, wenn er aus den Beobachtungen lernt, wenn er diese Beobachtungen auch gedanklich in Sprache umsetzt, genauso, wie wir Menschen es tun.    

Diese Perspektive ist aber andererseits auch sehr reizvoll. Roberta, die gerade erst programmiert und eingeschaltet wurde, versucht, einen – sozusagen eingebauten – Mangel zu beheben. Sie beklagt, dass sie keine eigenen Erfahrungen habe, keine Gefühlsregungen, ja, dass ihr eine Identität fehle. Und indem sie nun ihre Umgebung beobachtet, indem sie schaut, was Menschen tun, wie sie sich verhalten und wie sie sprechen, versucht sie diesen Mangel zu beseitigen, versucht sie, eine (eigene?) Identität zu erlangen.

Identität ist also ein Thema, das Braslavsky am Roboter Roberta ausleuchtet. Bei der Identitätssuche hat Roberta jedenfalls Unterstützung durch ihre Programmierung. „Sie war der Verstandesersatz in Zeiten zunehmender menschlicher Geistes- und Gefühllosigkeit“, sinniert sie einmal über sich. Und tatsächlich: Den menschlichen Ermittlern ist die Identität der Suizidopfer über die biographischen Daten hinaus egal. Roberta aber ermittelt weiter und sucht im Leben Lennards nach seinen wahren Interessen, Wünschen und Begabungen. Sie versucht, ihn zu verstehen, und kommt eine Seite Lennards auf die Spur, die er seinem sozialen Umfeld gegenüber immer versteckt hat. Sie scheint auch die einzige im ganzen Umfeld Lennards zu sein, der es wichtig ist, dass er eine würdige Beerdigung bekommt.

Ein irrwitziges Setting hat Emma Braslavsky sich also für ihren neuen Roman ausgedacht, überdreht, komisch, erschreckend. Es ist eine Großstadtgeschichte, in der der Mensch kaum mehr vom Roboter zu unterscheiden ist. In der sich aber der Roboter bei der Suche nach sich selbst am Menschen orientieren – und manchmal gar der bessere Mensch ist.

Emma Braslavsky (2019): Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten, Berlin, Suhrkamp Verlag

Bits und Bytes, Digitalisierung und KI

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Wir streamen Musik und Videos, lesen und lernen online, kommunizieren auf digitalen Plattformen. Wir lassen unsere Schritte zählen, haben jederzeit unseren Puls im Blick und vermessen sogar Länge und Qualität unseres Schlafes. Elektronische Rezeptbücher inspirieren uns zum nächsten Gericht, Apps verraten uns die billigsten Tankstellen in der Nähe und unsere Wohnungen und Häuser werden vermeintlich  intelligent – so das interessanteVersprechen der Werbung -, wenn wir beim Einbruch live per SMS dabei sein können, wenn wir schon auf der heimfahrt die Heizung einstellen oder per Sprachsteuerung das Licht dimmen können.  

Von der Schule 4.0 ist allerorts zu lesen – frei nach dem Motto: je digitaler, umso besser die Bildung -, denn der Digitalpakt der Bundesregierung ermöglicht den Ausbau der technischen Infrastruktur der Schulen. Lehrer haben in Zukunft kein Papier mehr in der Tasche, dafür Laptop oder Tablet. Sie unterrichten mit Erklärfilmen, Youtube-Videos und bunten Apps. So werden Schülerinnen und Schüler zum Lernen bei ihren vermeintlichen Digitalkompetenzen abgeholt und bekommen durch Tests, die sich zeitsparend automatisch auswerten lassen, immer wieder ein Feedback über ihren Lernstand. Und die Eltern sind jederzeit via Datenbank über die Leistung ihrer Sprösslinge informiert.

Nach der dritten industriellen Revolution, die den Einsatz von Elektronik und Informationstechnologie beschreibt, wird uns nun eine Industrie 4.0 angekündigt. Alle Prozesse in Unternehmen sollen digitalisiert, alle Beteiligten miteinander vernetzt werden: Mitarbeiter und Maschinen und Sensoren und Produkte. 3-D-Drucker fertigen Maschinenteile und Werkzeuge – auch wunderbar filigrane Schokoladenkreationen auf Kuchen – standardisierbare Dienstleistungsprozesse werden digital aufgesetzt, sodass die Kunden sie selber durchlaufen können. In der Folge bekommen die Themen Datensicherheit und Datenschutz eine immer größere Bedeutung.

Auch auf diesem Gebiet ist die Bundesregierung nicht untätig, sondern hat die Strategie „Digitaler Wandel“ auf den Weg gebracht. Und mit Dorothee Bär eine Staatsministerin implementiert, die die Digitalisierung vorantreiben soll. Die sitzt wahrscheinlich immer noch daran, die in den ersten Tagen ihres Amtsantritts vorgestellte Idee für Flugtaxis zur Entlastung der Verkehre in den Großstädten endgültig fertigzustellen.

Wer sich noch an die Fantastereien rund um die New Economy vor ungefähr zwanzig Jahren erinnert, dem wird die eine oder andere in Politik, Medien und Unternehmen, durch Vertriebler oder im Freundeskreis vorgestellte digitale Zukunftsprojektion ähnlich aufgeplustert und übertrieben vorkommen. Trotzdem lässt sich wohl – bei aller Ironie, die sich beim Blick auf das Begriffsgeklapper unmittelbar einstellt – nicht leugnen, dass unsere Alltags- und Berufswelt immer mehr von digitalen Leistungen durchdrungen, immer mehr Prozesse elektronisch abgebildet werden.

Und so stellt sich die Frage, wie die Literatur mit diesen Entwicklungen umgeht? Wie betrachten die zeitgenössischen Erzählungen diese Prozesse, welchen Blick werfen sie auf die Menschen, die sich in diesen elektronischen Welten bewegen, welche Gestaltungsspielräume erkennen sie, welche Deformationen? Welche Wirkungen hat die Technologie auf den einzelnen Menschen, welche auf die Gesellschaft? Spannende Fragen, die die Literatur verhandeln kann.

Mit verschiedenen Facetten dieses Themas beschäftigen sich die Romane auch. Da hat im vergangenen Jahr Julia von Lucadou mit der „Hochhausspringerin“ eine Gesellschaft skizziert, in der ein wirtschaftlich-soziales Ranking die Währung ist, die dem Individuum den Wohnort zuordnet, die Wohnung, die Arbeit, die Sexualpartner. Philipp Schönthaler beschäftigt sich in seinem Erzählband „Vor Anbruch der Morgenröte“ mit den Wirkungen der Technologien, wenn er von dem allein durch die Inszenierung der Product Placements gestalteten Lebens der Familienbloggerin erzählt oder von einem Neubauprojekt, in dem alle Prozesse digital gesteuert werden – und jeder Bewohner nicht nur Sicherheit bekommt, sondern auch gläsern wird.

Im gerade erschienen Roman „Der Weg aller Wellen“ erzählt er von dem Mitarbeiter des „Ringes“, eines High-Tech-Konzerns, der eines Morgens nicht mehr ins Unternehmen gelangen kann, weil der Handscanner an der Schleuse seine Hand nicht mehr erkennt. Und Emma Braslavsky führt Ian McEwans Idee eines Privat-Androiden fort und erschafft eine Welt, in der die Menschen sich individualisierte Recheneinheiten als Partner bestellen.  

Er lohnt sich also, der Blick auf die Literatur, auch wenn in den Erzählungen momentan (noch?) die Dystopien vorherrschen. Allemal Grund genug, hier genauer hinzuschauen und einen neuen, einen dritten Schwerpunkt auf dem Blog zu installieren. Der eine oder andere Sachbuchtitel zum Thema wird den Schwerpunkt abrunden.

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume (#backlistlesen 3)

In Empire Falls hat Richard Russo diesen außergewöhnlichen Roman angesiedelt, für den er 2002 den Pulitzer Preis bekommen hat – und damit Jonathan Franzens „Korrekturen“ auf die Plätze verwies. Empire Falls, das ist eine Kleinstadt in Maine, die – ganz anders, als es der stolze Name verspricht – vor sich hinsiecht, seit die Familie Whiting ihre Textilfabriken verkauft haben, die dann umgehend geschlossen wurden. Arbeitsplätze gingen verloren, viele Bewohner zogen weg, den Jobs hinterher. Die Menschen, die geblieben sind, versuchen, den schleichenden Verfall ihrer Stadt mehr schlecht als recht zu bekämpfen, fechten ihre großen und kleinen Kämpfe miteinander aus und gehen ihren „gottverdammten Träumen“ von ein bisschen mehr Glück im Leben nach.

„Bargen nicht alle Menschen auf der Welt die unmöglichsten Wünsche in ihren Herzen, Wünsche, an denen sie stur festhielten entgegen aller Vernuft, Plausibilität und sogar entgegen dem Verfließen aller Zeit, hartnäckig und ausdauernd wie geschliffener Marmor?“

Einer von ihnen ist Miles Roby, Geschäftsführer des Diners „Empire Grill“, der wiederum zum Immobilienbesitz von Francine Whiting gehört. Miles fragt sich, warum sie, mittlerweile eine alte Dame und Erbin des Vermögens der Familie, das Diner nicht schon längst geschlossen hat, denn kostendeckend arbeitet es durchaus nicht. David, Miles Bruder, möchte die Öffnungszeiten des Diners mit Themenabenden erweitern, denn dann kommen bestimmt auch die Dozenten und Stundenten des im benachbarten Ort beheimateten Colleges in den Empire Grill. Daran aber scheint, den Eindruck hat Miles jedenfalls, Mrs Whiting gar nicht interessiert zu sein.

Am Morgen und am Mittag sitzen Stammgäste aus Empire Falls im Diner: Horace Weymouth, Reporter der Empire Falls Gazette, pflegt hier sein Mittagessen einzunehmen, gerne eine Burgerfrikadelle mit noch blutigem Fleisch. Walt Comeau, der aufgeblasene Angeber und Besitzer des Fitnessclubs, kommt jeden Tag vorbei. Auf ihn könnte Miles gerne verzichten, denn Walt ist der neue Mann seiner zukünftigen Ex-Frau Janine. Jeden Tag nervt Walt mit neuen Vorschlägen, was Miles im Diner alles besser machen könnte, jeden Tag will er Miles beim Armdrücken besiegen, jeden Tag verliert er beim Rommé haushoch gegen Horace. Und dann kommt noch Janine vorbei und spielt vor aller interessierten Augen die bald glücklich verheiratete Ehefrau des vermeintlich vermögenden Fitnessstudiobesitzers. Miles nimmt das alles mit stoischer Gelassenheit. Er macht sich seinen eigenen Reim darauf, warum sie sind, wie sie sind und warum sie genau so und gar nicht anders sein können.

Wenn seine Mutter Grace ihn hier so sehen würde, dann wäre sie sicher unglücklich. Sie hat früher in einer der Fabriken der Whitings gearbeitet und ihr Ziel ist es immer gewesen, Miles ein besseres Leben außerhalb von Empire Falls zu ermöglichen. Ihr Mann Max, der als Anstreicher oft wochenlang unterwegs war und sein Geld zuverlässig beim nächsten Bier versoff, war dabei keine Hilfe. Als die Fabriken schlossen, stand sie ohne Arbeit da. Sie nahm das Angebot von Mrs Whiting an, ihr im Haushalt, im Garten, bei der Korrespondenz und mit der durch einen Autounfall gehandicapten Tochter Cindy zu helfen. So hält sie die Familie über Wasser, so schafft sie es, Miles auf ein College weit weg von Empire Falls zu bringen. Und steht doch in einem ganz eigentümlichen Abhängigkeitsverhältnis zu Francine Whiting.

Aber: Miles kommt zurück, als Grace an Krebs erkrankt. Er arbeitet im Diner und kompensiert so die Behandlungskosten seiner Mutter, die Francine – großzügig? – übernimmt. Er schließt sein Studium nie ab und bleibt in Empire Falls, abhängig von den Launen Mrs Whitings, die immerhin versprochen hat, ihm das Diner zu vererben, wenn sie stirbt. Dann, das ist Miles Traum, wird er den Grill verkaufen und auf die Insel Martha´s Vineyard ziehen. Aber wird der heruntergewirtschaftete Laden dann noch etwas abwerfen?

Russo erzählt die Geschichte der Menschen im von der Globalisierung gebeutelten Empire Falls um das Jahr 2000, erzählt von ihren Problemen, Konflikten und Träumen, von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen in diesem irgendwie abgehängten Ort. Auf diesem Nährboden entwickeln sich auch Hass und Gewalt, in einem Fall gar in einer ganz besonderes üblen Spielart. Das alles erzählt Russo realistisch, oft mit einem ironischen Augenzwinkern, ganz nah an den Figuren und aus ihren verschiedenen Perspektiven, oft in Dialogform und in solch eindrücklichen Szenen, das sie vor dem inneren Auge des Lesers Gestalt annehmen und zu leben beginnen.

Dabei ist vielleicht die eine oder andere Figur ein Stück überzeichnet: Janine ist schon recht schlicht in ihren Wünschen und ihrer Sicht auf die Realitäten. Und Francine Whiting als Inkarnation des Intriganten und Bösen deutlich als Hexe gezeichnet (natürlich mit Katze!), die im übrigen auch eine Formulierungsmarotte hat, die einfach nervt. Insgesamt aber haben Russos Figuren alle auch etwas Liebenswertes und der Leser sieht die Figuren, wie Miles sie sieht: Sie sind eben, wie sie sind, auch weil sie gar nicht anders sein können.

Russo nimmt sich Zeit für die Entwicklungen in seiner Geschichte, schaut ganz genau hin und erzählt, minutiös fast, was im Diner passiert, was in der Schule, was im Fitnessstudio. Er bleibt bei seinen Figuren, hört ihnen zu, wenn sie über ihre Träume nachdenken, wenn sie sich an ihre Vergangenheit erinnern – und damit ihre Charaktereigenschaften klären – und wenn sie über ihre Gegenwart reflektieren. So lässt er auch seine Handlungsstränge ganz langsam in Gang kommen bis sie schließlich zulaufen auf sich fast gleichzeitig überschlagende, schreckliche Ereignisse. Tick, Miles Tochter, erklärt dieses Erzählprinzip, auch wenn sie es eher als Prinzip des Lebens begreift:

„Langsam, beschließt Tick. Die Dinge geschehen nicht schnell, sondern langsam. Sie weiß zwar nicht, warum der Faktor Zeit eine Rolle spielt, aber sie glaubt es jedenfalls. (…) Und genau das ist der Punkt, folgert sie. Nur weil Dinge langsam geschehen, heißt das noch lange nicht, dass man vorbereitet ist. Wenn sie in der Regel schnell geschehen würden, wäre man gewappnet gegen jähe Ereignisse und man wüsste, dass Geschwindigkeit Trumpf ist. Die Langsamkeit der Dinge hingegen funktioniert nach einem völlig anderen Prinzip, basiert auf dem trügerischen Eindruck, dass man jede Menge Zeit hat, sich vorzubereiten, dabei ist es im Gegenteil so, dass man, egal wie langsam sich etwas vollzieht, man immer noch langsamer ist.“

Zugegeben, Russos an der Realität und an den Dialogen orientierte Sprache ist nicht besonders poetisch. Aber er spielt virtuos mit verschiedenen, oft aus dem christlichen Kontext stammenden Motiven, die immer wieder in seiner Erzählung auftauchen: Da ist der Fluss, der Knox, der durch Empire Falls fließt und die Grundlage für die Textil- und Papierfabriken der Familie Whiting war. Bei seiner Erschaffung, so wird erzählt, hat Gott sich nicht gerade viel Mühe gegeben, denn an ganz bestimmten Stellen lagert er den Müll ab, den er im Oberlauf einsammelt. Dort, ausgerechnet auf dem Grundstück der Whitings, liegen dann stinkende Verpackungen, verwesende Tierkadaver sogar. Charles Beaumont Whiting, genannt C.B. und Enkel des Fabrikgründers, greift in den Flusslauf ein, um die Ablagerungen auf seinem Grundstück zu verhindern. Aber der Fluss ist wie das Leben, er lässt sich eben nicht nach den Vorstellungen C.B. kontrollieren und bändigen.

Und Miles hat dem Pfarrer versprochen, den in die Jahre gekommene Anstrich der Holzkirche zu erneuern. Um dafür eine gute Grundlage zu schaffen, kratzt er erst die Farbreste der alten Anstriche ab. Aber er kratzt nicht nur die alte Farbpartikel von der Kirche, sondern legt auch in seinem Leben die Stellen frei, die bisher seinen Blick auf die Geschichte seiner Mutter Grace verstellt haben. Und damit auch auf sein eigenes Leben.

Und dann ist da ja auch noch dieser Fluch von geradezu biblischem Ausmaß, der über den Männern der Familie Whiting liegt. Ihrem wirtschaftlichen Erfolg zum Trotz haben sie umso mehr Pech mit ihren Ehefrauen. Sie alle geraten an Frauen, die sich als schwer erträglich erweisen.   

„Die Whiting-Männer mit ihrem ausgeprägten Geschäftssinn schienen sich ausnahmslos wie die Motten vom Licht zu der jeweils einzigen Frau auf der Welt hingezogen zu fühlen, die es als ihre Lebensaufgabe betrachtet, ihnen das Leben zur Hölle zu machen, eine Frau, die mit der gleichen grimmigen Inbrunst an sie gebunden bliebe wie eine Nonne an den leidenden Christus.“

Hatten Elijah und Honus, Großvater und Vater, sich noch einigermaßen in ihr Schicksal gefügt – von Elijah wird berichtet, dass er seine Frau mit einer Schaufel erschlagen wollte, es ihm aber nie geglückt sei, – so versucht der Enkel C.B. sich diesem Schicksal auf verschiedene Weise zu entziehen. Unter anderem durch ein Verhältnis mit Grace. Grace aber, eine gute Christin, wird den Rest ihres Lebens damit verbringen, diese Schuld zu sühnen.

Russo also erzählt in dieser so brillant mäandernden Geschichte aus Empire Falls von den klassischen, den großen Themen der Literatur. Er erzählt von Liebe und Hass, von Schuld und Sühne, von Macht und Kontrolle, ganz viel von Einsamkeit und vor allem den merkwürdigen, unplanbaren Windungen des ganz normalen Lebens. Das ist lehrreich und klug und so wunderbar erzählt, dass man das Buch, hat man sich einmal auf Empire Falls eingelassen, nicht mehr zur Seite legen möchte. Genau die richtige Lektüre für ein paar freie (Urlaubs-)Tage.

Richard Russo (2016): Diese gottverdammten Träume, aus dem Englischen übersetzt von Monika Köpfer, Köln, Dumont Buchverlag

Auf dem Blog Nordbreze findet in diesem Sommer wieder das #dickebuechercamp statt. Dafür ist Russos Roman wie gemacht!

Michael Asderis: Das Tor zur Glückseligkeit

#indiebookchallenge, #ibc, #glücksbuch

Für den Monat Juli suchte die diesjährige #indiebookchallenge nach Büchern, die das „Glück“ im Titel tragen. Michael Asderis´ Titel wartet nicht nur mit dem „Glück“ auf, sondern gar mit der „Glückseligkeit“. Das „Tor zur Glückseligkeit“, so erklärt der Untertitel, erzählt von einer Instanbuler Familie und von „Migration, Heimat und Vertreibung“. Es erzählt von den wechselvollen Erlebnissen der Familie von Michael Andiris, seit die Ururgroßväter Mitte des 19. Jahrhunderts nach Istanbul gezogen sind. Bis ins Jahr 1964 reicht die Erzählung, denn in dem Jahr zogen seine Eltern mit ihm nach Frankfurt, ausgewandert, besser: vertrieben, aus der Stadt, in der seine Großeltern, seine Eltern und er selbst auch geboren sind.

„Meine Geburtsstadt hat viele Namen. Wir, die Romyi, nennen sie schlicht Polis, die Stadt. Die Frage welche, stellt sich für uns nicht. Für uns gibt es keine, nur diese;

auf Griechisch heißt sie Konstantinoupolis, das heißt: Stadt des Konstantin;

auf Russisch, Zarigrad, die Kaiserstadt;

auf Türkisch, Istanbul,

auf Osmanisch wurde sie oft Der-i-Saadet genannt: Tor zur Glückseligkeit.“

Die vielen Namen der Stadt geben schon Auskunft über ihre bewegte, 2600 Jahre andauernde Geschichte und verweisen darauf, dass sie Hauptstadt verschiedener Reiche gewesen ist, Lebensmittelpunkt für Menschen unterschiedlicher Ethnien, unterschiedlicher Sprachen und verschiedener Religionen. Sie war eine der Zentren des Römischen Reiches, dessen Kaiser Constantinus sie zur Hauptstadt ausbauen ließ. Auf ihn geht auch der Name Konstantinopolis zurück. Sie war Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, das sich um 395 n. Chr. durch die Teilung des Römischen Reiches im östlichen Mittelmeerraum gebildet hat. „Ostrom“ wurde Byzanz auch genannt, seine Einwohner entsprechend „Romyos“, Römer. Dieser Begriff galt über die Jahrhunderte für alle Bewohner, die griechisch-orthodox waren, also für Bulgaren, Rumänen, Griechen oder Albaner. Später dann, seit es den türkischen Nationalstaat zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab, wurden mit Romyi allein die griechischstämmigen Einwohner bezeichnet.

Der osmanische Name für die Stadt – Der-i-Saadet: Tor zur Glückseligkeit – macht geradezu auf poetische Art deutlich, welche Hoffnungen Konstantinopel/Istanbul bei vielen Menschen hervorgerufen hat. Als die wichtige und große Stadt im Bereich des östlichen Mittelmeers, als Stadt des Handels, der Baukunst und des Handwerks ist Istanbul immer ein Magnet für Zuwanderer gewesen. So erklärt auch Asderis, dass es kaum alteingesessene Familien in Istanbul gebe, dass im Türkischen gar ein Ausdruck für diejenigen existiere, deren Vorfahren seit mindestens sieben Generationen in Istanbul leben: Das nämlich seien die „Istanbuler aus sieben Bäuchen“.

Dieser Anziehungskraft Istanbuls erlagen auch die Ururgroßväter Andiris´. Der eine, Antonio Poldrugo, lebte in Triest unter habsburgisch-ungarischer Verwaltung. Als sich 1848 italienische Unabhängigkeitsbewegungen entwickelten, die Österreich-Ungarn aus Norditalien vertrieben wollten, schloss sich ihnen auch Poldrugo an. Nachdem diese Aufstände jedoch niedergeschlagen waren, entließ und inhaftierte das Habsburger Reich auch in der Triester Verwaltung diejenigen, die sich auf die Seite der Aufständischen geschlagen hatten. Um einer Haft zu entgehen, floh Poldrugo, so wie viele andere Gleichgesinnte auch. Dabei war Istanbul ein gutes Ziel, denn dort hatten sich schon vor Jahrhunderten genuesische und venezianische Familien niedergelassen, in jüngerer Zeit auch solche aus Triest. Es gab italienischsprachige karitative Vereine, die Neuankömmlingen mit Rat und Tat zur Seite standen. Und auch die Sprache schien kein Problem zu sein, denn in den von Europäern bewohnten Stadtvierteln, in Galata und in Pera, brauchten die Einwohner nicht osmanisch sprechen zu können, sondern kamen mit Griechisch und den verschiedenen italienischen Dialekten gut zurecht.

Auch Perikles Asderis machte sich ein paar Jahre später auf nach Istanbul. Er stammte aus der bitterarmen Gegend Epirus, in der Nähe zur albanischen Grenze, einem Gebiet also, das um 1870 nicht zu Griechenland, sondern zum Osmanischen Reich gehörte. Für ihn übten die Geschichten von Griechen, die es in Konstantinopel und Smyrna zu Wohlstand gebracht hatten, eine hohe Anziehungskraft aus. Über den Pfarrer wird er möglicherweise davon gehört haben, dass seine Landsmänner in Konstantinopel Vereine gegründet hatten, die den Zugewanderten halfen. Zwar kontrollierte das griechisch-orthodoxe Patriarchat die neu Ankommenden, die jeweils zwei Bürgen benötigten, um nach Istanbul ziehen zu können. Mit der Hilfe der Pfarrer vor Ort stellte das aber keine große Hürde dar. Und so fand auch Perikles sich dank der griechischen Vereine, die das gesamte gesellschaftliche Leben organisierten, schnell in der neuen Umgebung von Istanbul zurecht. Hier lernte er Eurydike, seine Frau kennen, fand Wohnung und Arbeit.

Ausgehend von Antonio und Theresa Poldrugo und Perikles und Eurydike Andiris zeichnet Michael Andiris die Geschichte seiner Familie in Istanbul nach. Dazu nutzt er die Erzählungen, die er aus der Familie kennt, sowie Dokumente, die in Familienbesitz sind oder die er in Archiven eingesehen hat. Gerade im Leben seiner Ururgroßeltern gibt es natürlich viele Leerstellen, die er kaum füllen kann. Immerhin kann er Institutionen aufzeigen, eben die Vereine, die sich um die Einwanderer kümmerten, und die damals geltenden gesetzlichen Regelungen. Da gab es zum einen für die europäischen Einwanderer, also die Poldrugos, eine rechtliche Stellung, die, bei Beibehaltung der europäischen Staatsangehörigkeit, quasi einem diplomatischen Schutz gleich kam. Und für die Bevölkerung des Osmanischen Reichs, also die Asderis, galt das System der Millet.

Zu einem Millet gehörten die Menschen einer Religion. Hier herrschte eine gewisse Autonomie, indem der religiöse Führer Vorgaben machen und Rechtskonflikte lösen konnte. So lebten die Menschen zusammen in Istanbul aber trotzdem nach Religionen geteilt in ihren Stadtvierteln, in denen sie ihre Sprachen sprechen, ihr kulturelles Leben leben konnten und ihrer Arbeit nachgingen. Auf diese Art scheint ein friedliches Zusammenleben der Menschen der verschiedenen Religionen, Ethnien und Sprachen gut funktioniert zu haben. Zu Problemen kam es aber dann, wenn es Berührungspunkte, womöglich noch konfliktäre, zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen gab. Denn dann galt das islamische Recht, dann wurden die islamischen Gerichte eingeschaltet, an denen Aussagen von Nicht-Muslimen gegenüber Muslimen nichts galten. Eine wirklich rechtliche Gleichstellung der Bürger gab es also nicht.

Während Asderis die Familiengeschichte weiter erzählt, stellt er auch immer wieder den historischen Kontext dar. Er erklärt immer wieder die sich ändernden rechtlichen Rahmenbedingungen der verschiedenen Religionsgruppen und bettet vor allem die Situation in Istanbul auch in die Entwicklungen zu einem türkischen Nationalstaat und in die Weltpolitik ein. So erklärt sich dann auch die Kategorisierung des Buches als „Erzählenden Sachbuchs“, einer Form, mit der die persönlich-private, also subjektiv, erfahrenen Erlebniswelt immer wieder mit einer objektiven Geschichtsschreibung verknüpft wird.   

Die Situation der Nicht-Muslime verschlechtert sich in Istanbul während der Zeit des 1. Weltkrieges deutlich. Bestrebungen, einen türkischen Nationalstaat zu gründen die Unterstützung der Armenier durch die Kriegsgegner England und Frankreich, die Auseinandersetzung mit Griechenland um Territorien, das alles erschwerte das Leben der Minderheiten in Istanbul. Und dann kam es am sogenannten „roten Sonntag“, dem 25. April 1915, zu den gut vorbereiteten Deportationen der armenischen Intellektuellen aus Istanbul. Dies war der Auftakt für die Vertreibung der Armenier, über die möglichst keiner der Istanbuler Journalisten, Professoren und Schriftsteller nach Europa berichten sollte.

In den 1920er Jahren, als die Minderheiten als Ursache für den Krieg zwischen Griechenland und der Türkei ausgemacht worden waren, als sich die Idee von Nationalstaaten mit einheitlicher Bevölkerung in Griechenland und in der Türkei durchsetzte, nahm auch die Ausgrenzung der Romyi zu:

„Armenier und Romyi, als Instrument der Einführung von Korruption und Illoyalität in unserem Land werden wir nicht übrig lassen.“ (So wird der spätere Staatspräsident der Türkei zitiert.)

Immerhin: Im Vertrag von Lausanne von 1923 wurden Armenier und Romyi als Minderheiten anerkannt und es wurden ihnen die gleichen Rechte zuerkannt, wie sie auch für die türkische Bevölkerung galten. Das hatte vor allem auch damit zu tun, dass es das wirtschaftliche Interesse der europäischen Verhandlungsmächte war, allen voran Großbritannien und Frankreich, die verbliebenen Romyi in der Türkei zu halten, denn die waren mit ihren Sprachkenntnissen und ihrer kaufmännischen Bildung vor allem die Handelspartner.

Ab der Generation der Großeltern, erst recht bei seinen Eltern, kann der Autor natürlich auf detailliertere Berichte und Schilderungen bestimmter Ereignisse zurückgreifen. Auch hier flankiert er seine zum Teil sehr detaillierten Erzählungen immer wieder mit Zusammenfassungen der politischen Ereignisse, der innenpolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen genauso wie der außenpolitischen. Gerade dieser zweifache Blick auf die wichtigen Ereignisse, dieser Blick aus verschiedenen Perspektiven auf das, was seine Familie über die Jahrzehnte erlebt hat, macht die Lektüre besonders. Denn hier wird deutlich, dass das Tor zur Glückseligkeit vor allem aus politischem Kalkül, immer dann nämlich, wenn die Romyi beispielsweise zur Verhandlungsmasse bei Auseinandersetzungen mit den europäischen Ländern wurden, häufig auch zum Tor zu großer Verunsicherung, zu großem Unglück werden kann. 1964 dann wandern auch Asderis Eltern aus. Der Vater, ein Stoffhändler, steht neben Tausenden anderen Romyi auf der in der Zeitung veröffentlichten Liste der Auszuweisenden.

Bis zu diesem Ereignis hat die Familie in den letzten Jahren vieles erlebt: Es gab Schilder an den Geschäften mit der Aufschrift: „Kauft nicht bei Griechen“, es gab Steuernachzahlungen für die Romyi, zum Teil so hoch, dass sie in den wirtschaftlichen Totalschaden führten, es gab die rassistische Hetze in den Tageszeitungen haben. Und am Abend des 6.9.1955 mussten sie, auch hier wieder nach einer politischen Auseinandersetzung mit Griechenland, einen Angriff des Mobs auf ihr Stadtviertel erleben, bei dem gezielt die Geschäfte von Griechen geplündert, ihre Wohnungen ausgeraubt und Menschen bedroht wurden. Asderis beschreibt dieses Ereignis aus der Sicht der Eltern, führt Dokumente an, die die Planungen der Regierung verdeutlichen, schreibt aber nie, was in anderen Quellen zu lesen steht, dass es sich um ein Pogrom handelte.

Asderis hat ein interessantes, ein vielschichtiges Buch geschrieben über die Geschichte seiner Familie in Istanbul. Ich habe nicht viel gewusst über Byzanz, über das Osmanische Reich, über die Gründung der Türkei und die vielen Ethnien, die in Istanbul lebten. Am Beispiel der lebendigen Erlebnisse seiner Familie, die für die Erfahrungen und Erlebnisse der vielen anderen Romyi in Istanbul steht, lässt sich die Geschichte von Migration, Heimat und Vertreibung sehr gut lesen. Die Stammbäume der Familien seines Vaters und seiner Mutter, die dem Buch zugefügt sind, helfen dabei immer wieder, sich in den Familien und Zeiten zurechtzufinden. Dass dabei auch der Blick frei wird auf die Auswirkungen des Nationalismus, auf die abwegige Idee, Staaten zu entwickeln, die aus einer homogenen Bevölkerung bestehen, ist ein weiteres Verdienst des Buches.

Michael Asderis (2018): Das Tor zur Glückseligkeit. Migration, Heimat, Vertreibung – die Geschichte einer Istanbuler Familie, Berlin, binooki

Ian MacEwan: Maschinen wie ich

Charlie Friend sitzt im Wartezimmer seines Arztes, denn ein eingewachsener Zehennagel am Fuß quält ihn. Und während er dort sehr lange warten muss, philosophiert er darüber, wie es denn zu diesem einzigartigen Augenblick gekommen ist:

„Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein. Das gilt für das kleinste wie für das größte. Wie leicht, eine Welt heraufzubeschwören, in der mein Zehennagel nicht eingewachsen war; eine Welt, in der ich, nach dem Erfolg eines meiner kleinen Projekte reich geworden, nördlich der Themse lebte; eine Welt, in der Shakespeare als Kind gestorben war und von niemandem vermisst wurde, eine Welt, in der die Vereinigten Staaten die Entscheidung getroffen hatten, ihre bis zur Perfektion getestete Atombombe über einer japanischen Stadt abzuwerfen; oder einer Welt, in der die Falklandtruppen nicht in den Krieg gezogen oder siegreich heimgekehrt waren, weshalb das Land jetzt nicht trauerte (…).“

Charlie Friends tief greifende Überlegungen beschreiben treffend Ian McEwans poetologisches Prinzip für seinen Roman: McEwan beschwört nämlich eine Welt herauf, die wir genau zu kennen und in der wir uns ohne weitere Schwierigkeiten zurechtzufinden meinen. Und doch lebt Charlie im Großbritannien des Jahres 1982, in dem die britischen Truppen beim Krieg um die Falklandinseln geschlagen werden. Margret Thatcher muss darauf hin zurücktreten, ihr Nachfolger fällt einem Attentat zum Opfer und die die britische Wirtschaft erleidet einen üblen Einbruch. Demonstrationen verschiedener Gruppierungen sind an der Tagesordnung. Trotz der bedrohlichen Nachrichten aus der politischen Welt aber zeigen weder Charlie noch seine Freundin Miranda auffällige Anzeichen von Angst und Besorgnis.

Und McEwan hat deutlich Spaß an dieser Version der Vergangenheit. Er malt sich aus, wie sich ein Album der Beatles anhören könnte, hätten sie sich zu Beginn der 1980er Jahre wieder zusammengefunden. Und er erzählt von ein paar kolossalen Staus – unter anderem im Ruhrgebiet! –, die entstanden sind, als sich Hacker der Rechenzentren für selbstfahrende Autos bemächtigt haben. Es dauert Tage, bis sich die Schlangen auf den Autobahnen entwirrt haben. Die Digitalisierung der Welt scheint doch so ihre Macken zu haben.

 In McEwans Welt ist Alan Turing, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Dechiffrierung verschlüsselter deutscher Funksprüche beteiligt gewesen ist und die Grundlagen der modernen Informations- und Computertechnologie entwickelt hat, nicht, wie in unserer Realität, durch eine aberwitzige Hormontherapie zur „Heilung“ seiner Homosexualität in den Tod getrieben worden. Er ist quicklebendig, lebt mit seinem Partner zusammen und arbeitet und forscht noch immer. Aus seinen Arbeiten ist ein neues und aufregendes Produkt hervorgegangen: Androiden, die dem Menschen bis aufs Haar gleichen, die lernen und sich weiterentwickeln, die moralische Entscheidungen treffen und immer der Wahrheit verpflichtet sind. Perfekte Maschinen also, die besser sind als der Mensch.

Charlie Friend hat sich einen dieser ersten Serie von 25 Androiden gekauft. Für seinen Adam hat er den stolzen Betrag von 82.000 Pfund hingeblättert. Dabei ist Charlie notorisch klamm. Er hat einmal Anthropologie studiert, hat als Steueranwalt gearbeitet und einen veritablen Steuerbetrug hingelegt. Einen schmalen Band über künstliche Intelligenz hat er verfasst, darin auch die Arbeiten seines Idols Alan Turing nachgezeichnet. Nach mal glücklichen, in der Summe aber gescheiterten Investitionen in diverse Finanzprojekte verdient er nun vom Schreibtisch im Arbeitszimmer seiner ziemlich maroden Zweizimmerwohnung durch den Handel mit Aktien gerade soviel Geld, dass er sich mehr schlecht als recht über Wasser hält.

Als er das Haus seiner Mutter verkauft hat, zögert er jedoch nicht und erwirbt Adam. Aus reiner Neugierde, wie er sich selbst eingesteht, weil er immer alle technischen Neuerungen sofort ausprobieren muss. Aber auch, um mit Miranda, seiner Mitmieterin, in die er sich verliebt hat, mit der Programmierung Adams ein gemeinsames Projekt zu haben. Denn schließlich braucht ihr Androide auch einen Charakter, dessen Parameter die Erwerber – angeblich – selbst gestalten können.

Und damit haben sich Charlie und Miranda ein Problem ins Haus geholt. Denn wie lebt man zusammen mit einer KI, die aussieht wie ein Mensch, sich bewegt wie ein Mensch und den Menschen in ein paar Tagen, wenn sie sich erst mit dem Wissen der Bibliothek Internet vollgesogen hat, intellektuell weit überlegen ist? Ist es dann noch in Ordnung, Adam den Abwasch machen zu lassen und das Unkraut zu jäten? Und wie soll Charlie damit umgehen, dass Miranda sich Adam ins Bett holt? So richtig überzeugend findet er ihr Argument, dass sie den Unterschied zwischen Adam und einem Vibrator nicht sehe, jedenfalls nicht. Adam seinerseits behauptet, er habe sich in Miranda verliebt und schreibt ihr Haikus. Ist es denkbar, rätselt Charlie, dass diese neuen Androiden die Mensch–Maschine–Grenze überschritten haben, dass sie eitel sind, stolz, wenn sie mit „Sir“ angeredet werden, dass sie sich gar verlieben können? Oder lernen sie so gut von den Menschen oder aus der Literatur – Adam versucht immer wieder, mit Charlie über die Figuren der Dramen Shakespeares zu diskutieren –, dass sie Gefühle in Algorithmen umsetzen können?

Beim Versuch Charlies, an Adams Ausschaltknopf am Hinterkopf zu gelangen, bricht Adam ihm die Hand. Nicht nur intellektuell, auch körperlich ist der Androide seinem Besitzer weit überlegen. Immerhin: Als Adam Charlies Aktienhandel übernimmt, wächst in kurzer Zeit ein schöner Gewinn an. Vielleicht kann Charlie seinen Traum vom Hauskauf endlich realisieren. Adam aber meint, dass ihm auch Geld zustehe, greift in Charlies Portemonnaie und kauft sich neue Kleidung.

Das Zusammenleben mit Adam wirft für alle Seiten einige problematische, durchaus auch moralische, Fragen auf. Für Charlie und Miranda an erster Stelle, die die Rahmenbedingungen für Adams Existenz vorgeben. Für den Hersteller der Androiden auch, denn der ist sicherlich mehr als überrascht, dass sich alle Exemplare der Reihe nach selbst so programmieren, dass sie sich nach ein paar Wochen schon irreparabel abschalten. Die beiden Eves, die in die für Frauen massiv einschränkende Gesellschaft Riads verkauft wurden, zuerst, aber auch der Adam, der in Kanada lebt, bei einem Holzunternehmer, der immer wieder in Konflikte mit Aktivisten gerät, die sich dem Abholzen des jungen Urwalds entgegenstellen. Ist Selbstmord bei Androiden denkbar?

Der Ich-Erzähler Charlie erzählt die Geschichte um sein Zusammenleben mit Adam chronologisch auf das Finale zu. Auch wenn er das offensichtlich aus einem gehörigen zeitlichen Abstand tut, vielleicht von heute aus, so bleibt er doch ganz eng beim Erleben seines jüngeren Ich, bleibt ganz eng bei seinen damaligen Beobachtungen und Reflexionen. Charlie ist – im Gegensatz zu Adam – mehr naturwissenschaftlich interessiert. Seine Ausführungen über einige Forscher der letzten Jahrhunderte und ihren Forschungsergebnissen mögen dieses Interessensgebiet belegen, mögen den charakterlichen Unterschied zwischen Charlie und Adam besonders herausstellen, sind manchmal aber auch langatmig und für die Geschichte selbst nicht wichtig.

Trotzdem: McEwan erzählt dem Leser eine unterhaltsame, eine manchmal vorhersehbare, oft aber auch unerwartbare Geschichte um den Androiden Adam. Und es wäre kein Roman von McEwan, wenn nicht wiederum ein moralisches Dilemma (*) auftauchen würde. Dabei handelt es sich um ein ganz aktuelles Thema, denn autonom fahrende Autos beispielsweise müssen Entscheidungen treffen, wie sie unter bestimmten Umständen reagieren. Während wir Menschen in diesen gefährlichen Situationen so schnell gar nicht rational entscheiden können, sondern dies „aus dem Bauch“ heraus tun, hat die künstliche Intelligenz durchaus Zeit genug, Alternativen durchzuspielen (**). Es kommt dann auf ihre Programmierung an, wie sie entscheiden. Auch Adam nutzt in der Dilemma-Situation, in der er sich befindet, seine Programmierungen und wirbelt damit ganz ordentlich Charlies und Mirandas Leben und ihre Pläne für die Zukunft durcheinander.

Wer also trifft die bessere, die moralisch integere Entscheidung, Adam oder Charlie? Wer ist gar der bessere Mensch, der Mensch oder die Maschine? Adam jedenfalls kann moralische Entscheidungen unabhängig von Sympathie und Liebe treffen, er kann Hände brechen, um sich zu schützen, er kann Haikus schreiben und behauptet zu lieben. Aber: Er kann weder so verrückt toben, wie es kleine Kinder tun und er kann schon gar nicht „die Welt so heraufbeschwören“, dass daraus ein Roman entsteht. Ein Roman, der in einer merkwürdig veränderten Vergangenheit spielt, aber die Fragen unserer Zukunft stellt und verhandelt.

Ian McEwan (2019). Maschinen wir ich, Zürich, Diogenes Verlag

(*) Zum Trolley-Problem hier entlang.

(**) Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar hat weltweit in den Entwicklungslaboren der KI untersucht, nach welchen Kriterien Programmierungen vorgenommen werden, damit z.B. autonom fahrende Autos oder auch autonome Waffen Entscheidungen treffen können. Den Radiobeitrag könnt ihr hier hören.

Am MIT ist ein Forschungsprojekt entstanden, mit dessen Hilfe untersucht wird, welche Anforderungen die Menschen an die Entscheidunegn der KI haben. Ein Ergebnis, darauf verweist auch Yogeshwar in seinem Radiobeitrag, ist, dass die Menschen unterschiedlicher Kultur auch unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie die KI sich entscheiden soll. Informationen erhaltet ihr hier, mitmachen könnt ihr auch.

Dave Eggers: Der Circle (#backlistlesen 2)

Mit der Lektüre von Dave Eggers Roman „Der Circle“ bin ich tatsächlich spät dran. 2014 ist der Roman schon in Deutschland erschienen, da bin ich irgendwie noch an ihm vorbeigekommen. Nun aber konnte ich mich nicht mehr entziehen, denn mein Literaturkreis hat sich für den „Circle“ entschieden. Ich bin schon gespannt, ob er meine Mitlesenden überzeugt hat. Mich jedenfalls nicht. Und das, obwohl er, wenn die gegenwärtige Facebook-Debatte berücksichtigt wird, so aktuell ist wie vor 5 Jahren.

Dave Eggers siedelt seinen Roman dort an, wo spannende Themen durchaus zu erwarten sind, nämlich mitten in der schönen, neuen Arbeitswelt eines Tech-Konzerns in Kalifornien. Dort ergattert Mae Holland durch Unterstützung ihrer Studienkollegin Annie einen Job und fühlt sich nach ihren Erfahrungen beim langweiligen Strom- und Gasversorger ihrer Heimatstadt wie im siebten Himmel, als sie an ihrem ersten Arbeitstag über den Unternehmens-Campus schlendert. Überall junge Leute, die in ungezwungener Atmosphäre auf dem park-ähnlichen Gelände arbeiten und gemeinsam Spaß haben, alles ist sauber und ordentlich und in den Pflastersteinen sind die wundervollsten Inspirationsbotschaften verewigt: „ Träumt“, „Bringt euch ein“, „Sucht Gemeinschaft“, „Seid innovativ“, „Seid fantasievoll“ – und – ja tatsächlich auch: „Atmet“. Und es wird ja noch besser: Es gibt einen Pool, den Sportbereich, die Cafeteria, es gibt Filmvorführungen um zwölf Uhr, um eins eine Selbstmassage-Demonstration, um drei Uhr einen Kurs zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur. Abends kommen Kongressabgeordnete vorbei, um sich vorzustellen, es gibt Live-Bands, die auf dem Campus auftreten, Kollegen veranstalten Themen-Partys und manchmal gastiert auch ein Zirkus. Natürlich gibt es ein Gesundheitszentrum, eine Notfallklinik, Bowlingbahnen und einen Supermarkt – und wer mal länger arbeitet oder feiert, wer tagsüber mal einen Rückzugsort für ein Mittagsschläfchen braucht, der kann sich im Wohnheim kostenlos ein Zimmer mieten, neue Kleidung zum Umziehen steht selbstverständlich auch zur Verfügung. Wer will bei einem solchen Angebot schon beim notorisch klammen und kein bisschen coolen städtischen Stromversorger arbeiten?

Mae ist natürlich völlig beeindruckt von diesem Angebot ihres hippen Arbeitgebers. Dass der sich, sie sitzt kaum am Schreibtisch, schon mal ein paar Papiere unterschreiben lässt, ja wirklich: echtes Papier mit einer echten Unterschrift, ohne dass Mae weiß, was sie unterschreibt, dass der ihr ein Tablet und ein superschickes neues Handy zur Verfügung stellt und dabei mal eben alle Daten ihres alten Handys auf das Tablet überträgt – „und es gibt außerdem ein Back-up in der Cloud und auf unseren Servern“ -, das alles verursacht dem Leser, der sich seit einem Jahr und in allen Lebenslagen mit der Datenschutzgrundverordnung befreundet hat, wesentlich mehr Schaudern als Mae.

Und auch ihre Arbeit vergrätzt Mae kein bisschen. Der „Customer Experience“ ist sie zugeteilt, der Abteilung, in der die Anfragen der Werbekunden landen. Ihr Job ist bestens vorbereitet, denn es gibt Antworten für die zwanzig häufigsten Wünsche und Fragen. Maes Aufgabe ist es, diese Vorgaben so umzuformulieren, dass jeder Kunde den Eindruck hat, dass er eine ganz und gar persönliche Antwort bekommen hat, eine ganz und gar menschliche Antwort. Schließlich arbeiten beim Circle ja Menschen, keine Roboter. Und Mae wird auch umgehend belohnt. Denn der Kunde bekommt, kaum hat er seine Antwort von Mae, einen Feedbackbogen, um Maes Arbeit zu beurteilen. Der erste Kunde gibt ihr gleich 100 Punkte – von 100 möglichen – und am Ende der Woche hat sie einen Durchschnittswert von 97. Glückwünsche von hunderten von Kollegen über das firmeninterne Netzwerk wirken besser als jedes Stück Schokolade. Diese ständige Punkte-Belohnung bei jeder ihrer Tätigkeiten vernebeln ihr, immerhin eine studierte Wirtschaftspsychologin, so scheint es, völlig das Hirn.

So startet Mae auf ihre „Heldenreise“, die sie geradewegs auf die dunkle Seite der Macht und in das Innere des Circle führt. Und währenddessen erhält der Leser eine Lektion in dem, was heute als Framing bezeichnet wird. Wenn Mae vergisst, sich bei der Werksärztin vorzustellen, dann schaut die ihr tief in die Augen und fragt, ob es denn tatsächlich nötig sei, die Arbeit so wichtig zu nehmen, dass Mae sich nicht einmal mehr Zeit für ihre Gesundheit nehmen könne. Die 14-tägigen Check-ups mit Blutbild, Ernährungsberatung und Überwachung des körperlichen Zustands seien Wellness-Komponenten, die das Unternehmen extra für die Mitarbeiter zur Verfügung stelle. Schon hat Mae ein Armband um, das sämtliche Körperfunktionen weiterleitet. Und in dem Smoothie, den sie dann trinkt, befindet sich auch der Sensor, der sich mit dem Handgelenksmonitor verbindet und die Daten misst. So erklärt es die Ärztin, nachdem Mae getrunken hat. Und natürlich werden sämtliche Daten in der Cloud gesammelt. Prophylaxe sei immer noch billiger als Krankheiten zu behandeln.

Wenn Mae ein Wochenende zu ihren Eltern fährt, wenn sie zum Kajak-Fahren geht und nicht in regelmäßigen Abständen in den sozialen Medien des Unternehmens postet und kommentiert, dann muss sie bei einem Gespräch mit ihrem Chef erklären, ob sie sich nicht wohl fühle im Unternehmen, ob sie sich nicht angenommen und akzeptiert fühle. Anders sei doch nicht zu erklären, dass sie die Circler so wenig an ihrem Leben teilhaben lasse. Ob sie sich nicht vorstellen könne, dass ihre Kolleginnen und Kollegen interessiert daran seien, was sie beim Paddeln durch die Bucht erlebe, warum sie keine Bilder des Seehundes poste, von dem sie erzählt habe, warum sie sich nicht mit anderen Kajakfahrern treffe und gemeinsam mit ihnen Touren unternehme. Sie sei doch für die anderen so wertvoll.

„Transparenz bringt Seelenfrieden.“ Und „Alles, was passiert, muss bekannt sein.“ So lauten die weiteren Leitsätze des Circle. Und in diesem Kontext werden auch die neuen Produkte des Unternehmens betrachtet: SeeChange zum Beispiel, winzig kleine Kameras, die nur einen Spott-Preis kosten und allerbeste Bilder liefern. Die hängen Circle-Anhänger gerade überall in der Welt auf. Alles wird nun überwacht, in jeder Ecke hängt nun eine Kamera, nichts entgeht den Beobachtungsaugen. Und mit einer Gesichtserkennung ist es für jeden möglich, diejenigen zu benennen, die sich vermeintlich oder tatsächlich unkorrekt oder gar illegal verhalten haben. Der Selbstjustiz, dem eifrigen Mob sind Tür und Tor geöffnet.

Oder ChildTrack, ein winziges Implantat, das schon ins Knochenmark Neugeborener eingesetzt werden kann, damit die Eltern immer wissen, wo ihr Kind ist, damit vor allem Kindesentführung gar nicht mehr möglich ist. Entfernen können die Kinder die Implantate später, wenn sie selbst über ihren Körper entscheiden können nicht mehr. Aber viele Unglücke durch verlorengegangene Kinder können verhindert werden. Und auch diese daten werden natürlich in der Cloud gesammelt.

Die Technologien, die hier in kürzester Zeit entstehen, sind erschreckend. Erschreckend ist auch, wie schnell sie die Gemeinschaft der Circler – innerhalb und außerhalb des Unternehmens – durchdringen und zum gesellschaftlichen Standard werden. Ohne dass es eine kritische Öffentlichkeit gibt und die Politiker, die sich dem Unternehmen noch entgegenstellen, sind so schnell mundtot, wie es in jeder guten Diktatur auch der Fall wäre. Das macht, parallel zu Maes kontinuierlicher Gehirnwäsche, den Spannungsbogen – oder besser: die Eskalation des Erschreckens – aus.

Zu einem wirklich spannenden Roman, zu einem Roman mit gut gestalteten Charakteren, zu einem Roman, der seine Thematik oder seinen Konflikt in verschiedenen Ebenen beleuchtet und reflektiert, reicht das aber eben nicht. Das mag daran liegen, dass es hier keinen wirklichen Gegenpart gibt zu den kruden Ideen des Circle und seinen nur vermeintlich gutmeinenden Leitsätzen, hinter denen gerade eine besonders perfide Art steht, Geld und Macht zu erlangen. Mae ist eben nicht die Gegenspielerin, aus ihrem Konflikt ergeben sich eben keine Reibungsflächen, die der Thematik Tiefe geben könnten – und richtige Spannung.

Auch Maes Charakter ist zu glatt, ihre Motivation, sich so schnell so sehr auf den Circle einzulassen, wird nicht klar. Reichen etwa ihre Rating-„Erfolge“ für eine dermaßen stupide und anspruchslose Arbeit, für die keine studierte Wirtschaftspsychologin nötig ist, um sie zu einem überzeugten Sektenmitglied zu machen? Die nicht einmal mehr merkt, wenn ihr Körper rebelliert von all dem Stress mit sieben Bildschirmen, die gleichmäßig und gleichzeitig mit völlig belanglosen Informationen gefüttert werden müssen, von der ganzen Überwachung und dem daraus folgenden Anpassungsdruck, von all ihrem sinnlosen Tun? Die nicht einmal die Probleme, die ihr selbst durch die Transparenz widerfahren einen Anlass geben, einmal nur nachzudenken und Konsequenzen auszuloten? Auch hier also ist keine Tiefe zu finden. Und über literarische Besonderheiten gibt es auch nichts zu berichten.

Nein, mich konnte der „Circle“ nicht überzeugen. Die Technik des Framings in so vielen, oft völlig durchsichtigen Varianten darzustellen, dem großen Vereinnahmer „Circle“ so gar keinen Widerstand entgegenzusetzen und allein auf die Wirkung von Schrecken und Grauen zu setzen – das ist einfach zu wenig.

Dave Eggers (2014): Der Circle, übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Köln, Verlag Kiepenheuer und Witsch

Francesca Melandri: Eva schläft (#backlistlesen 1)

Dieser Roman, so stellt die Autorin ihrem Buch voran, sei der erste Band einer Väter-Trilogie. „Alle, außer mir“, der im letzten Jahr erschienene Roman, der auch dieser Trilogie angehört, hat große Aufmerksamkeit erfahren, sodass die Autorin nun auch in Deutschland bekannt ist. So hat nun der Wagenbach-Verlag auch den älteren Titel „Eva schläft“ in sein Programm aufgenommen, den Roman, der eine andere Facette italienischer Geschichte erzählt, nämlich die Geschichte Südtirols, die den Rahmen gibt für die Suche nach dem verlorenen Vater, die – wie auch in „Alle, außer mir“ ebenfalls eine Suche ist nach dem Vaterland.

Gerade ist Eva aus New York nach Hause zurückgekehrt, ins Pustertal nach Südtirol, als sie der Anruf von Vito erreicht. Vito bittet sie, zu ihm zu kommen, ganz in den Süden Italiens, denn er möchte sie vor seinem Tod noch einmal sehen und sprechen. Und so macht Eva sich an einem Osterwochenende auf die Zugreise quer durch Italien. Dabei ist Vito nicht ihr leiblicher Vater. Vito ist einer der Carabinieri, die das Innenministerium zu Zeiten des bewaffneten Widerstands von Teilen der Südtiroler Bevölkerung gegen den italienischen Staat in den 1960er Jahren aus dem Süden der Republik in die Alpenprovinz beordert hat, um dort für Ruhe zu sorgen. Während Eva den italienischen Stiefel von Nord nach Süd durchquert, während sie dabei ihren Erinnerungen nachhängt und ihren (Lebens-)Reflexionen, gibt ein paralleler, historisch-chronologisch verlaufender Erzählstrang die Geschichte von Evas Familie wieder, angefangen bei ihrem Großvater Herrmann und fortgeführt bei Gerda, ihrer Mutter.

Herrmann verliert seine Eltern in einer Nacht des Jahres 1919 an die spanische Grippe. Da ist er 11 Jahre alt. Der erstgeborene Sohn Hans erbt den Hof, der so steil am Hang liegt, dass man bei starken Regenfällen die Erde aus dem Tal mit Tragekörben wieder nach oben holen muss. Herrmann muss sich nun als Tagelöhner verdingen bei den reicheren Bauern, die eine Hand brauchen können, die mit anfasst. So in ein hartes und einsames Leben entlassen, lässt er sich Jahre später schnell auf den Faschismus ein, erst den italienischen. Das verschafft ihm zumindest einmal eine Stelle als Lkw-Fahrer. Als er dann zum ersten Mal SA-Leute sieht, Goldfasane werden sie genannt, da verfällt er dem deutschen Faschismus und schließt sich ihnen an. Es ist die Zeit der „Option“, die Hitler und Mussolini den deutschsprachigen Südtirolern gewähren, die 1919 durch eine Laune der Nachkriegsverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich abgetrennt und Italien zugeschlagen wurden: Dass die Deutschen nämlich, wenn sie denn ihre Südtiroler Höfe aufgeben und ins Reich ziehen, dort einen vergleichbar großen Hof mit derselben Anzahl von Vieh bekommen werden, vielleicht in der Ukraine, einem Gebiet, das nun ja germanisiert werden muss. Herrmann entscheidet sich für Deutschland – und er traktiert seine ehemaligen Schulkameraden und Nachbarn, die die Option „Bleiben“ wählen, auf das Übelste.

Es ist eine überaus gelungene Erzählstrategie, die Geschichte Herrmanns und die Geschichte Südtirols so zu spiegeln, dass die persönliche Geschichte durch die politische erklärt wird und die politische durch die persönliche. So sind beide, das Land und die Figur, zum gleichen Zeitpunkt vater(land)los, zurückgewiesen, fremd und zu Bittstellern degradiert im vermeintlich eigenen Land, in dem auf einmal die eigene Herkunft und die eigene Sprache wertlos sind, weil Staat und Ämter auf eine schnelle Italianisierung drängen. Da sind Unverständnis, Groll und Wut, die sich irgendwann entladen werden.

Als Herrmann 1945 aus Deutschland zurückkehrt, wird seine Tochter Gerda geboren. Um den sozialen Frieden zu sichern, sprechen Dableiber und Zurückgekommene nicht mehr über ihre Entscheidungen. Aber die Rückkehrerfamilien haben es schwer, wieder Tritt zu fassen. Wohnungen finden sie nur da, wo die anderen nicht wohnen möchten, an den feuchten und – vor allem im Winter – sonnenarmen Hängen des Tals. „Schanghai“ werden diese Teile des Dorfes genannt – so trägt der Wohnort schnell zur Stigmatisierung der Familie und der Kinder bei. Überhaupt ist die Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren hart. Die Kinder müssen vor allem „funktionieren“ im Alltag, liebevolle Zuwendung von den Eltern lernen sie nicht kennen. So wächst auch Gerda zwar mit ihrem Vater zusammen, aber doch ohne seinen Zuspruch auf. Als dann in den 1960er Jahren die Anwerber der Meraner Hotels durch die Täler gehen, da stimmt Herrmann ohne Bedenken zu, dass Gerda als Hilfskraft in einer Hotelküche selbst für ihr Auskommen sorgt. Dass diese jungen Frauen „Matratzen“ genannt werden, das stört ihn nicht. Zum Glück hat Gerda keinen übergriffigen Küchenchef, der anderen Köche und Hilfsarbeiter kann sie sich locker erwehren. Dem Sohn des mittlerweile durch den Tourismus zu viel Geld gekommenen Klassenkameraden ihres Vaters, von dem sie glaubt, dass er sie liebt, dem erwehrt sie sich allerdings nicht. Zur Geburt ihrer Tochter landet Gerda bei den Nonnen.

So wird auch ihre Tochter Eva ohne Vater auswachsen. Den großen Teil des Jahres gar ohne Mutter, denn die arbeitet und lebt zehn Monate des Jahres im Hotel in Meran. Kinder sind da nicht vorgesehen. Eine Familie aus ihrem Dorf nimmt sich Evas an. Und Gerda kann nun auch ein bisschen ihr Leben genießen, wenn sie mit den italienischen Polizisten zum Tanzen ausgeht. Die Polizisten sind in großer Zahl in Südtirol stationiert, denn der Widerstand gegen die italienische Regierung wird zunehmend gewalttätig. Immer wieder gibt es Bombenattentate, gegen die Infrastruktur, gegen Denkmäler – und mehr und mehr auch gegen die Polizisten. Gerda lernt Vito beim Tanzen kennen, einen Mann, der es ernst meint, der sie mit ihrer Tochter akzeptiert, der Evas ältere Rechte beim Einschlafen bei der Mutter anerkennt, sie erst in ihr Bettchen trägt, wenn „Eva schläft“. Eva und Vito würden gerne heiraten – aber für eine richtige Beziehung zwischen einer Südtirolerin und einem italienischen Polizisten ist es für Gerda und Vitos Umgebung viel zu früh. Auch Eva wird ohne Vater aufwachsen.

  Melandris Geschichte um Gerda und Eva, um Gerdas Vater und ihren Bruder Peter, der den Weg in den Untergrund, den Weg zu den Attentätern wählt, ist lebendig und lebhaft erzählt. Vor Gerdas Durchhaltewillen, vor ihrer Disziplin, ihrer Neugier und Stärke muss der Leser wohl den Hut ziehen. Und nicht nur das: Gerda wird als so schön geschildert, dass die Männer ihr immer wieder reihenweise verfallen. Dann wird die Geschichte allerdings so kitschig, dass die Leserin meint, in einer rührseligen Schmonzette gelandet zu sein. Das ist schade, denn wenn der Roman auch nicht mit ganz besonderen literarischen Finessen aufwartet, so ist die Verknüpfung von Gerdas und Evas Geschichte mit den Auseinandersetzungen in Südtirol doch eine Lehrstunde in italienischer Geschichte. So, wie Melandri ja auch in „Alle, außer mir“ am Beispiel der Familie Profeti den Kolonialismus und Rassismus der Faschisten in Afrika erzählt.

Eine Stärke des Romans wiederum liegt in der Vielschichtigkeit der Perspektiven auf die konfliktreiche politische Situation. Da ist Herrmann, der sich nach 1919 als deutschsprachiger Südtiroler mehr und mehr als Fremder in der Heimat fühlt und sich schnell vom Faschismus einwickeln lässt. Seine Schulkameraden aber, die immerhin die Höfe der Eltern geerbt und insofern ein Auskommen haben, akzeptieren die Situation. Oder nutzen die touristische Entwicklung des Tales gar zu eigenen Geschäftsideen. Da ist Herrmanns Sohn Peter, der wegen des Makels seiner Herkunft in den 1950er und 1960er Jahren keine Arbeit findet in den Bozner Fabriken. Die stellen vor allem Italiener ein, bekommen dafür eine mehrjährige Steuerfreiheit und tragen so dazu bei, die Bevölkerungsanteile zu ändern. Peter wendet sich dem bewaffneten Widerstand zu, mit dem Ziel für die vermeintliche Familie der deutschsprachigen Südtiroler zu kämpfen. Die deutsche Familie aber denkt aber gar nicht so familiär, denn Gerdas Chefin beutet ohne mit der Wimper zu zucken ihre deutschsprachigen Mitarbeiter in Hotelküche und Service aus, so gut sie es kann.

Eine zusätzliche Perspektive gewinnt Melandri durch den weiteren Erzählstrang, der sich der politischen Arbeit Silvius Magnanos widmet. Der ist Südtiroler Landeshauptmanns und spricht sich in den 1960er Jahren gegen die Gewalt durch Anschläge aus. Im Gegenzug verhandelt er lange Jahre und mit unendlich viel Geduld für die weitreichende Autonomierechte Südtirols in Rom. Als die endlich Zuspruch in seiner Partei finden, das ist 1969, hört auch der bewaffnete Widerstand auf. Es dauert dann aber noch bis zu Beginn der 1990er Jahre, bis diese Autonomierechte auch rechtlich bindend werden.

Eva, die im 21. Jahrhundert als Eventmanagerin ihr Auskommen gefunden hat und als Kosmopolitin ganz selbstverständlich über die Kontinente reist und die – 2010 ja tatsächlich – unsichtbaren Grenzen der europäischen Länder überquert, kommt immer wieder nach Hause ins Pustertal zurück. Sie ist die moderne Europäerin, die sich in ihrem deutschsprachigen Tal ebenso zurechtfindet wie in Rom oder in New York. Und sie besucht auch Vito, den Süditaliener, der beinahe ihr Stiefvater geworden wäre.

Francesca Melandri (2010/2018): Eva schläft, aus dem Italienischen von Bruno Genzler, Berlin, Verlag Klaus Wagenbach

Elizabeth Strout: Alles ist möglich

„Alles ist möglich“, meint die Beratungslehrerin Patty und verspricht der fünfzehnjährigen Schülerin Lila Lane, ihr einen Platz am College zu beschaffen und das Geld für ein Studium, wenn Lila das möchte. Lilas Noten seien so gut, da könne sie ein Studium beginnen. Lila fängt an zu weinen. Weil sie immer weinen muss, wenn jemand nett ist zu ihr. Und das kommt in ihrer Familie nicht oft vor.

Schon vor ein paar Tagen hat Lila in Pattys Büro gesessen. Das Gespräch ist jedoch völlig anders verlaufen, denn Lila war arrogant und respektlos. Sie hat sich über Pattys ernsthaftes Lob lustig gemacht, hat Pattys Fragen nach ihren Berufswünschen nicht beantwortet, sondern Patty stattdessen gefragt, ob die Bilder der Kinder, die auf der Kommode stehen, ihre eigenen seien. Und das obwohl sie doch ganz genau weiß, dass Patty keine eigenen Kinder hat. Und erklärt hat Lila:

„Weil Sie und Ihr Mann nie zusammen in der Liste waren, stimmt´s?“ Das Mädchen stieß ein Lachen aus; ihre Zähne waren schlecht. „Das heißt es nämlich über Sie, wussten Sie das? Fatty Patty und ihr Mann waren nie zusammen in der Kiste, und überhaupt hat sie´s noch nie mit einem gemacht. Sie sind immer noch Jungfrau heißt es.“ „Raus hier, du mieses Stück Abschaum“, ist Pattys Reaktion.

In Elizabeth Strouts Roman wird gelästert und gedroht, es wird gelogen und betrogen, es gibt sexuellen Missbrauch in verschiedener Gestalt, die Gewalt durch die Macht der Eltern, die Gewalt der Armut, die von einer wenig Anteil nehmenden Nachbarschaft zu Stigmatisierung und Ausgrenzung führt. Strout erzählt also in vielen Facetten von den Dingen, die Menschen anderen Menschen antun können. Das könnte eine sehr deprimierende und niederschmetternde Lektüre sein. Aber das ist das Lesen ihres Romans ganz und gar nicht: Das Gegenteil ist der Fall.

Und das liegt nicht nur daran, dass sie den vielen üblen Erfahrungen, die ihre Figuren machen, auch das Streben nach Glück und Liebe entgegensetzt, die Suche nach einem besseren Leben. Und ein besseres Leben kann sich schon einstellen, wenn man ein gutes Buch liest, wenn man verzeihen kann, wenn man eine Situation annehmen kann, wie sie ist. Oder wenn man es eben nicht hat mit dem Verzeihen, wenn es für die eigene Seele besser ist, den Konflikt beim Namen zu nennen.

Patty ruft nach dem denkbar schlecht gelaufenen Gespräch mit Lila, der sie doch mit ihrem Studien-Angebot einen Weg aus der Armut weisen wollte, ihre Schwester Linda an. Ein bisschen Beistand hat sie sich wohl gewünscht, ein bisschen Verständnis für ihren Ausspruch vom Abschaum, für den sie sich jetzt schon schämt. Die Unterstützung kommt sofort, macht es Patty aber auch nicht leichter:

„Erinnerst du dich denn nicht? Sie waren Gesocks, Patty. Gott, mir fällt gerade wieder ein, dass sie diese – was waren das? Irgendwelche Verwandten von ihnen eben. Der Junge hieß jedenfalls Abel. Grundgütiger, war das ein Früchtchen. Er ist immer in den Müllcontainer hinter Chatwin´s Café gestiegen und hat da die Abfälle nach Essensresten durchgewühlt. Ich meine, so hungrig kann doch kein Mensch sein. Warum macht jemand so was? Aber er hat sich ja nicht einmal geschämt, das weiß ich noch. Mir ist immer ganz schlecht geworden bei dem Anblick. Offen gesagt wird mir jetzt noch schlecht.“

So abfällig und unreflektiert spricht also Linda. Von der Patty aber bei ihrem Telefongespräch den Eindruck hat, dass sie nicht zuhöre, sich gar nicht für ihren Streit mit Lila interessiert. Patty hat oft den Eindruck, dass Menschen einander nicht zuhören, weil sie oft nur mit sich selbst und ihren eigenen Problemen beschäftigt sind und sich nicht auf ihr Gegenüber einlassen. In einem späteren Kapitel erfahren wir dann, dass Patty Recht hat mit ihrem Eindruck, denn Linda steckt gerade in einem großen Gewissenskonflikt. Sie weiß nämlich genau darüber Bescheid, dass ihr Mann das Gästezimmer des Hauses mit Kameras ausgestattet hat, um am Laptop seine Kundinnen ungestört zu beobachten. Und auch Linda schaute dabei früher ganz gerne zu. Linda weiß auch, dass er den weiblichen Gästen gerne mal nachstellt. Gerade hat er eine der Frauen in ihrem Zimmer überrascht, sodass sie, nur noch in Unterwäsche bekleidet, auf die Straße geflohen ist. Nun liegt bei der Polizei eine Anzeige gegen ihren Mann vor. Auf Linda und ihre Aussage kommt es jetzt an. Linda aber, die doch so trefflich über Armut urteilen kann, wird ihren Mann nicht belasten.

Wie in einem Episodenfilm erzählt Strout ihren Roman in neun Erzählungen, in denen jeweils eine andere Protagonistin, ein anderer Protagonist im Vordergrund stehen. So gibt es auch keinen richtigen Plot, kein spannendes Finale, auf das der Roman zusteuert. Stattdessen zeigen die Geschichten nicht mehr und nicht weniger als Freud´ und Leid des normalen Lebens. Strout erzählt mitten aus dem Alltags-Leben ihrer Protagonisten und doch ist das kein bisschen langweilig, kein bisschen schleppend oder betulich. Denn Strout schaut genau hin, entwickelt ihre Figuren in den Situationen bis ins kleinste Detail und zeigt die Fülle an Erlebnissen in den Leben ihrer Figuren, ohne dass dies konstruiert wirkt. Und Strout verrät keine ihrer Figuren, denn selbst die Figuren, die die eine oder andere charakterliche Tugend vermissen lassen, sind so gezeichnet, dass wir für diesen Mangel Verständnis entwickeln können.

So lernen wir diese Menschen aus der amerikanischen Provinz mit all ihrem oft erschreckend engen und ausgrenzenden Denken und ihren Vorurteilen gut kennen. Und wir sehen Elizabeth Strout uns geradezu zuzwinkern, wenn sie zwar eine ihrer Erzählungen über die Exklusion von Homosexualität im bäuerlichen Milieu ansiedelt, dann aber erzählt von der lesbischen Pastorin, die neu in ihr Amt eingeführt wird.

Zusammengehalten wird der Roman dadurch, dass die Figuren, mit einer Ausnahme, alle aus der Kleinstadt Amgash stammen, die der ehemalige Hausmeister der Schule Tommy Guptill als „heruntergewirtschaftet“ bezeichnet und die inmitten von Mais- und Sojabohnenfeldern rund eine Autostunde von Chicago entfernt liegt. Die meisten Figuren leben in gesicherten finanziellen Verhältnissen, aber sie tragen eben die diversen Traumata ihrer Kindheit oder die grausamen Erinnerungen an die Erlebnisse im Krieg in Europa oder Vietnam mit sich. Durch die episodische Konstruktion und dadurch, dass die Figuren sich untereinander kennen, erfahren wir im Laufe des Romans dann immer wieder, wie die eine oder andere Geschichte sich weiterentwickelt hat.

Ein weiterer roter Faden ergibt sich durch Lucy Barton und ihr neu erschienenes Buch. Das liegt in den Buchhandlungen im Ort natürlich gut sichtbar auf einem Extra-Tisch. Ein bisschen Stolz auf die ehemalige Nachbarin – auch wenn sie und ihre Familie früher einen willkommenen Anlass für Klatsch und Tratsch boten –, die nun eine berühmte New Yorker Schriftstellerin ist, spielt sicher eine Rolle. Und so kommt Lucy Barton und ihr Buch in den Gesprächen der verschiedenen Figuren auch immer mal wieder vor.

Patty, die gerne in den Buchhandlungen stöbert, findet am Nachmittag ihres Streitgesprächs mit Lila dieses Buch und kauft es. Es stellt sich als eine Biografie heraus, in der Lucy auch über ihre Kindheitserlebnisse erzählt. Und Patty hat die Lektüre zutiefst beeindruckt:

„In ihrem Buch sprach Lucy Barton von den Wegen, die die Menschen sich suchten, um auf andere herabblicken zu können, und Patty hatte das Gefühl, dass das stimmte. […] Lucy Bartons Buch hatte sie verstanden. Das war es – das Buch hatte sie verstanden. Diese Süße wie von einem gelbfarbenen Bonbon füllte ihr immer noch den Mund. Lucy Barton wusste, was Scham hieß, o Gott, wie gut wusste sie das. Und sie hatte diese Scham hinter sich gelassen. „Puh!“, sagte Patty, als sie den Motor abstellte. Und sie blieb noch eine Weile im Auto sitzen, bevor sie schließlich ausstieg und hineinging.“

Auch Patty überwindet ihre Scham und ihren Groll. Und sucht noch einmal das Gespräch mit Lila. Sie erklärt und entschuldigt ihren bösen Ausspruch über den „Abschaum“. Und bietet Lila erneut an, ihr bei der Studienplatz- und Geldsuche zu helfen.

Es sind diese Szenen in den Erzählungen, in denen uns auch Elizabeth Stouts Roman vorkommt, wie ein süßes gelbfarbenes Bonbon, das langsam auf der Zunge zergeht.

Elizabeth Strout (2018): Alles ist möglich, aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, München, Luchterhand Literaturverlag

Aufmerksam geworden bin ich auf Strouts Roman durch Petras Besprechung auf ihrem Blog literaturreich.

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer

Wie brüchig eine Existenz sein kann, das erfährt Sonja Bräuning mit über sechzig. Fast geflohen ist sie vom Bodensee nach Wales, ans Ende der Welt, könnte man meinen, dorthin, wo der Blick aufs meistens wild tosende Meer Weite und Grenzenlosigkeit und Ewigkeit verspricht – und die größtmögliche Freiheit, weil sie sich hier Tag für Tag für oder gegen das Leben entscheiden kann.

Zu einem Zeitpunkt, zu dem Menschen ihres Alters darüber nachdenken, wie sie die Zeit ohne Arbeitsverpflichtung verbringen wollen, steht Sonja da mit einem in die Jahre gekommenen Hotel, das dringend renoviert werden müsste, und so hohen Schulden, dass die Banken im Ort, deren Vertreter jahrelang bei ihr ein- und ausgegangen sind, ihr kein weiteres Geld mehr leihen. Selbst Arno, ihr Schwager, der in besseren Zeiten mit seinem Bruder und dessen Michelin-Stern geprahlt hat, gewährt ihr keinen Kredit mehr. Er drängt sie aus dem Haus, das früher einmal die Gaststätte seiner Eltern gewesen ist, eines der „bodenständigen“ Häuser, in denen die Sauce zum Braten aus der Tüte kam.

Bruno und sie haben Restaurant und Hotel in ganz andere Bereiche geführt. Dafür hat Bruno einen Michelin-Stern bekommen. Jahrelang haben die nobelsten Fahrzeuge aus Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern auf ihrem Parkplatz geparkt, haben die Gäste den exquisiten, jeden Tag frisch aus Paris eintreffenden Fisch gegessen und die im Weinkeller eingelagerten edlen Tropfen getrunken. Und Bundeskanzler Kohl hat seinen Staatsgast Chirac nicht zum Essen von Saumagen in die Pfalz geführt, sondern ist bei ihnen eingekehrt. Bruno hat gekocht, um die Gäste mochte er sich nicht kümmern. Von Tisch zu Tisch zu gehen, das war nicht sein Ding. Das hat Sonja übernommen, hat sich mit den Gästen unterhalten, hat sich um ihr Wohlergehen gekümmert, hat überhaupt alle Aufgaben übernommen, die nicht zum Hoheitsgebiet des Chefkochs gehörten.
Und nun liegt das alles, liegen dreißig Jahre Arbeit in Scherben vor ihr. Als Brunos Stern abhandengekommen war – und er war nicht schnell, nicht geistesgegenwärtig genug, um ihn selbst zurückzugeben, wie andere in seiner Situation es tun – , und die Kosten für das gute Essen und die guten Getränke schon gar nicht mehr über die Stern-angemessenen-Preise zurückfließen konnten, als sich zur persönlichen Schmach auch die kaum noch aufzufangenden finanziellen Probleme gesellten, da zog Bruno sich mehr und mehr in den Weinkeller zurück. Und nun ist Bruno gestorben, vielleicht wegen des Alkohols, vielleicht war es auch Selbstmord.

Die Versuche Sonjas, in anderen Hotels unterzukommen, scheitern, vor allem wegen ihres Alters und weil ihre Kenntnisse im modernen Hotelmanagement nicht auf den aktuellen Stand sind. Auch der Schwager macht Druck und so ergreift Sonja den Strohhalm, den ihr der englische Stammgast, Mr Pettibone, angeboten hat: sie will das Hotel seines Onkels an der walisischen Küste führen, in Abydyr. Dort lebt Sonja nun schon seit drei Jahren. Viele Tage stehen alle Zimmer leer, an manchen Tagen kommen ein paar Fernwanderer vorbei, manchmal ein paar Urlauber. In die Hotelkneipe sitzen des Abends immer ein paar Menschen aus dem Ort, um ihr Bier zu trinken. Mit dem ehemaligen Glamour ihres Hauses und ihrer Gäste am Bodensee hat dies hier wahrlich nichts zu tun: „Gegen freie Logis und ein besseres Trinkgeld verwaltet sie den schieren Stillstand.“

Karl-Heinz Otts Roman ist auf den ersten Blick die Geschichte des Niedergangs des hochdekorierten Restaurants der Bräunings am Bodensee. Das – aus vielen möglichen Gründen – die Auszeichnung verliert und das Ehepaar in einen langsamen, aber stetigen Abstiegsstrudel gerät. Eine Geschichte darüber, wie nah Erfolg und Misserfolg nebeneinanderliegen, welche verheerenden Konsequenzen diese von außen erst zugewiesene und dann entzogene Auszeichnung auch und vor allen Dingen auf das Innere der Menschen hat.

Auf den zweiten Blick aber ist dieser Roman aber auch eine Meditation über Verluste. Sonjas ganzes Leben ist davon geprägt: Erst hat sie ihre Eltern verloren, die es zurück in die USA zog, wo der Vater herstammte, und die das Baby lieber der Großmutter abgaben. Dann wurde die Großmutter vergesslich, Sonja musste ins von Nonnen geführte Internat ins Voralpenland ziehen. Zur Beerdigung der Großmutter durfte sie nicht fahren. Dann vermittelten die Nonnen ihr eine Ausbildung im Hotel in St. Moritz. Schon bei der Hinfahrt fühlte sie sich von den Bergen und Felsen eingesperrt, bekam Atemnot von der Enge der Täler. Aber sie lernte Bruno dort kennen, dem sie sich sofort nah fühlte, wegen seiner Zurückhaltung, seiner Scheu. Und so kam sie in den Lindenhof, wieder in eine Gegend mit Blick auf die Berge, wohin sie doch nie mehr wollte. Mit einer Schwiegermutter, die nicht begeistert war von der Wahl des Sohnes und sie als Aschenputtel bezeichnete. Und dann, in der Zeit des langsamen Abstiegs, als Bruno immer öfter seine Abende alleine im Keller verbrachte, verlor sie auch ihn – oder hatte ihn vielleicht auch schon früher verloren, in den immerwährenden Anstrengungen, um aus der Dorfkneipe ein angesehenes Haus zu machen.

„Sicherlich hatte sie ihn sogar geliebt, ohne zu wissen, wo wahre Liebe beginnt und bloßes Mögen endet. Jedenfalls hatten sie sich sofort gut vertragen, wie auch später noch, mal mehr, mal weniger, wie es die Tage eben mit sich brachten. Sie war froh, jemanden um sich zu haben, mit dem man sich vertraut fühlte und den man bestens zu kennen meinte, auch wenn er wenig redete. Seine Treue besaß etwas so Selbstverständliches, dass man gar nicht von Treue reden musste. Man gehörte zusammen durch die Arbeit und überhaupt, auch in Zeiten, die ihn von ihr wegrückten.“

Es ist ein melancholischer Erzählton, der Sonjas Gedanken, Erinnerungen und Reflexionen ausbreitet. Der deutlich macht, dass sie ihre Situation nun, mit dem zeitlichen und räumlichen Abstand, sehr genau zu analysieren weiß, der aber auch ihre innere Leere zeigt, zeigt, dass sie sich selbst verloren, dass sie lange Jahre schon mehr funktioniert als gelebt hat, sich nun nur noch als „man“ betrachtet. Als Kontrapunkt dazu dienen die Beschreibungen der rauen und tosenden See in Wales. Und wirklich ist Sonja vor allem nach Wales gezogen, weil sie so eine Sehnsucht hatte nach dem Meer. Beim ersten sintflutartigen Regen zieht sie ein Regencape über ihr Nachthemd,

„schlüpfte in ihre Sandalen, stiegt die drei Stockwerke hinab zum Ausgang, kämpfte sich über die Straße, krallte sich am Küstengeländer fest und ließ die Brecher auf sich einstürzen. Die Brandung schlug ihr ins Gesicht, ihre Augen brannten, sie konnte nichts mehr sehen. Sie wusste nicht, was stärker war, ihr Wille zu überleben oder ihr Wille aufzugeben.“

Den Verlusten stellt Sonja Lebensentwürfe entgegen, in denen Menschen sich ihre Freiheit zurückerobert haben. Einer ihrer hochbetagten Gäste hat sich eine Woche aus seinem Altersheim hinausgestohlen, ein Kollege aus dem Hotelgewerbe führt nun sein eigenes Haus, in dem er seine Philosophie umsetzte, jedem Gast ehrlich zu sagen, was er vom ihm hält. Und jeden Morgen macht Sonja ihren Spaziergang auf den Klippen am Meer, jeden Morgen betrachtet sie die Wellen, den Horizont, den Himmel und die Möwen und jeden Morgen genießt sie den Luxus der Freiheit, entscheiden zu können, ob sie den Tag leben möchte oder nicht.

In seinem knappen Roman leuchtet Karl-Heinz Ott grandios die Biografie einer Frau aus, die im Alter und erst nach sehr schmerzlichen Erlebnissen zu ihrer Autonomie zurückfindet. So eine Geschichte könnte schnell im kitschigen Selbstfindungsjargon enden. Dem entgeht Ott aber durch seine allen Verlusten zum Trotz starke Frauenfigur, die ebenso leicht und fein erzählend sowie klar beobachtend und reflektierend ihrer Lebensgeschichte auf den Grund geht. Und dabei einige Mechanismen zu Tage fördert, die auch die Leser nachdenklich stimmt.

Karl-Heinz Ott (2018): Und jeden Morgen das Meer, München, Carl Hanser Verlag

A.L. Kennedy: Süßer Ernst

Über Meg und Jon sind schon einige Lebensstürme hinweggefegt. Und haben mit Kratzern, Verletzungen und tiefen Wunden ihre Spuren hinterlassen. Meg Williams, Mitte Vierzig, ist als Wirtschaftsprüferin in eine Insolvenz geraten. Nun lebt sie, seit ziemlich genau einem Jahr trockene Alkoholikerin, im ererbten Haus ihrer Eltern, das die besten Tage schon lange hinter sich hat, und kümmert sich im Tierheim halbtags um die Rechnungen. Sie ist traurig, hält sich die Menschen in ihrer Umgebung auf Abstand und beurteilt alles mit spitzer Zunge. Jon, Ende Fünfzig, ist geschieden und in ein Einzimmerapartment in einem heruntergekommenen Stadtteil gezogen, auch wenn er sich eine andere Umgebung durchaus leisten könnte. Er arbeitet als Vize-Direktor in der PR-Abteilung eines Ministeriums und lässt die Skandale der Politiker sowie die nicht weniger skandalträchtigen politischen Entwicklungen durch eine elegante Wortwahl immer wieder in einen positiveren Rahmen stellen. Die Erfahrungen seines Lebens haben ihn wütend gemacht – und zynisch. Die Nähe zu anderen Menschen meidet er.


A.L. Kennedy hat für die Rollen der Protagonisten ihres Romans zwei Figuren ausgewählt, die nicht gerade als strahlende Helden erscheinen. Damit sind sie uns Lesern ja nicht unähnlich: mehr oder weniger gezeichnet vom Leben, aber mit dem Willen, es doch noch besser hinzukriegen. Und so begleiten wir Meg und Jon an diesem Tag, es ist Freitag, der 14.4.2015, der ein besonderer Tag für sie werden soll. Denn sie haben sich für den Nachmittag zum Essen verabredet. Und beide sind sie ungeheuer aufgeregt wegen dieser Verabredung, sind gleichermaßen nervös wie voller Freude, so wie es eben ist, wenn man sich verliebt hat – den Erfahrungen des Lebens zum Trotz.

Dass das überhaupt passiert ist, ist schon eine großartige Geschichte. Jon nämlich bietet über Zeitungsannoncen Frauen an, ihnen Liebesbriefe zu schreiben. Zehn Briefe werden es sein. Und wenn sie mögen, können sie zurückschreiben. Meg ist eine von Jons „Kundinnen“, die auf ihre Briefe Antworten verfasst. Und über diese Korrespondenz, allein über den völlig altmodischen Austausch von handgeschriebenen Worten, ist das Verlieben passiert. Das würde nicht weiter führen, denn Jon hat sich für diese ausgefallene Autorenschaft nicht nur ein Pseudonym zugelegt, sondern auch ein Postfach aus dem er wöchentlich die lagernden Liebesbriefe abholt. Im Café gegenüber beobachtet Meg den Eingang zur Postfiliale, wägt ab, welcher der Männer „ihr“ Mr August sein könnte – erkennt ihn und spricht ihn an. Sie trinken einen Kaffee zusammen, reden erste Sätze, aber Jon, völlig überrumpelt, hält das Treffen kaum aus, flieht fast. Aber sie halten Kontakt, schreiben Handynachrichten, telefonieren – und verabreden sich wieder: am Bahnhof London Bridge, am Freitagnachmittag.

An diesem Morgen wandert Meg um 6:42 Uhr, weil sie nicht mehr schlafen kann, in Gummistiefeln und einem Mantel über dem Pyjama durch den Park oben auf dem Telegraph Hill in der Nähe ihres Hauses. Mit dem zunehmenden Licht der aufgehenden Sonne hat sie die Gebäude in der Umgebung angeschaut, viktorianische Gebäude, nebeneinander aufgereiht, mit Lücken, die durch die V-1- und V-2-Raketen entstanden sind und in denen neue, geschmacklose, wie sie findet, Gebäude gebaut wurden. Meg vermutet, dass sich heute niemand mehr für die Schäden interessiert, auch wenn irgendwo eine Gedenktafel daran erinnern soll. Sie allerdings, so denkt sie, interessiert sich genau auf diese Schäden, „für Schäden und Lücken. Konnte beides lehrreich sein.“ Als die Sonne höher steigt, kann sie auch die Londoner Skyline an der Themse betrachten mit ihren auffälligen architektonischen Orientierungspunkten: der „komplizierte Metallzylinder“ in der Nähe von Vauxhall, die Turbinen, die „unsicher über Elephant & Castle aufragen“, der „riesige Glaszapfen bei der London Bridge“. Dort wird sie heute Nachmittag sein, dort wird sie Jon wieder treffen, „am Bahnhof London Bridge“, hat er gesagt.

Während Meg durch den Park wandert, gießt Jon die Blumen seiner Ex-Frau in seinem Ex-Haus. Und entdeckt dabei einen kleinen Vogel, der sich in den Maschen eines Netzes verfangen hat. Er befreit ihn, unter den wachsamen Augen der Vogelmutter. Doch dann passiert das Missgeschick: Vogelkot landet auf seiner Anzughose. So kann er auf keinen Fall ins Ministerium. So kann er nicht zur Arbeit gehen, nach Hause fahren scheidet ebenfalls aus, er ist jetzt schon spät dran. Vom Berufsverkehr ganz zu schweigen.

Und dann kommt zu allem Unglück der Anruf von Samson, dem Sonderberater aus einem anderen Ministerium, der Jons Hilfe einfordert. Einer der Abgeordneten hat mal wieder über die Stränge geschlagen und einer farbigen Aktivistin aus der eigenen Partei „I like Big Butts“ zugerufen. Das ist der Abgeordnete, der letztens auf einer Reise nach Leipzig schon einen markigen Spruch über die Deutschen auf Lager hatte. Dieses Mal ist er gefilmt worden. Und das im Wahlkampf. Jon denkt aber im Traum nicht daran, Samson zu helfen und freut sich diebisch, als der fluchend auflegt. Das Hosenproblem wird er lösen, wenn er sich mit dem Taxi erst zu einem Laden und dann zum Ministerium bringen lässt.

Kennedy versteht es auf exzellente Weise, uns Leser am Leben ihrer Protagonisten teilhaben zu lassen. Parallel erleben wir die Geschichten von Jon und Meg im Verlauf des Tages. Die distanzierte Sie- bzw. Er-Perspektive wechselt dabei ständig mit dem nicht aufhörenden Gedankenfluss Jons und Megs. Die Erzählperspektiven verzahnen sich so miteinander, dass auch für den Leser eine Atemlosigkeit entsteht, die sehr genau das gehetzte Leben dieser beiden Protagonisten bei ihren Wegen von Termin zu Termin, von Ort zu Ort mitempfinden lässt.

Es sind jeweils Alltagsszenen, von denen Kennedy erzählt: Megs Untersuchung beim Arzt, Jons kurzfristig einberaumter Termin bei Samsons Minister, Megs Arbeit im Tierheim, Jons Treffen mit einem Journalisten, Megs Besuch bei den anonymen Alkoholikern und so weiter, bis sie sich schließlich mitten in der Nacht doch endlich treffen. Und alle diese alltäglichen Szenen, alle normalen Tagesroutinen sind dann doch wieder Anlässe für Erinnerungen an die eigenen Lebensgeschichten, Anlässe für genaue gesellschaftliche Analysen, bieten vor allem ein ums andere Mal den Anlass, im privaten Erleben das Politische zu entdecken. Dabei durchleben wir, wie auf einer Achterbahnfahrt, alle Gefühlslagen der Protagonisten mit: Das euphorische Verliebtsein, die kritisch kreisenden Gedanken, ob das Treffen zustande kommt, manchmal die abgrundtiefe Traurigkeit, die zehrende Einsamkeit. Und immer wieder Gegenwartswertungen, bei denen beide sich ebenso scharfsichtig wie spitzzüngig erweisen, sodass der Leser wieder und wieder in lautes Lachen ausbricht, das ihm aber oft schnell im Hals stecken bleibt.

„Mir wird schlecht, wenn ich den Eaton Square überquere – tu ich seit Jahren – und das neue Bürgersteigmobiliar sehe, diese Männer, die wie Butler gekleidet sind und vor den Häusern herumstehen müssen. Als gäbe es nicht genug Möglichkeiten, das viele geld, so viel, zu viel Geld auszugeben, das den Haueigentümern drinnen zur Verfügung steht, oder vielleicht auch nicht drinnen, sondern woanders, aber potenziell drinnen; darum muss das Personal sichtbar gemacht werden, und zwar als unterbeschäftigt: ganze Menschen stehen auf Abruf bereit, wenn jemand aus dem Taxie steigt, oder eine Tür geschlossen vorgefunden wird und daher geöffnet werden muss.“

Zwischen den Kapiteln sind kleine Erzählungen, Miniaturen, eingeschoben. Wie durch ein Blitzlicht erleuchtet scheinen Situationen des öffentlichen Lebens auf, aus der U-Bahn, von der Rolltreppe, einem Platz, dem Park. Wildfremde Menschen begegnen sich, passen aufeinander auf, helfen sich, sind freundlich zueinander. Hier bekommt das laute, feindselige und oft ungehobelte Leben in einer modernen Großstadt plötzlich eine zusätzliche Facette der Ruhe und der Fürsorge. Meg hat diese Situationen beobachtet und notiert, weil sie doch den heilenden Auftrag hat, gute Momente zu sammeln, statt ständig mit den gleichen Gedanken über die Dinge nachzudenken, die sie wütend machen. Es sind aber auch die Szenen, die den Erlebnissen von Meg und Jon, ihren Erinnerungen, ihren Sorgen und Verletzungen etwas Positives entgegenstellen.

„Süßer Ernst“ hat A. L. Kennedy ihren großartigen, an Ideen überquellenden und in einer wirkungsvollen Sprache erzählten Roman genannt. „Süß“ – aber nie kitschig – ist die zarte, moderne Liebesgeschichte, die sich anbahnt und für so viel Gefühlsaufruhr sorgt. Aber „ernst“ ist das Leben eben auch, mit dem Kampf gegen den Alkoholismus, die Erinnerungen an Missbrauch und vielleicht eine schwere Erkrankung. „Ernst“ sind ebenfalls die Missstände im politischen System Großbritanniens. Es ist nicht konkret der Brexit, der hier verhandelt wird, sondern Machtmissbrauch, wie er auch in anderen Ländern vorkommen kann oder vorkommt. Und den Jon nicht mehr hinnimmt. Wir werden nicht wissen, zu welchem Konsequenzen Jons Handeln in diesem Fall führt. Immerhin: Am Samstagmorgen sitzen Meg und Jon im Telegraph Park und beobachten gemeinsam den Sonnenaufgang.

A. L. Kennedy (2018): Süßer Ernst, aus dem Englischen von Ingo Herzke und Susanne Höbel, München, Carl Hanser Verlag

Joachim Zelter: Im Feld. Roman einer Obsession

Joachim Zelter ist Rennradfahrer. Beim Videodreh anlässlich der Literatour Nord steht das Fahrrad erst im Hintergrund, später sieht man ihn darauf fahren. Er kennt sich aus mit dem Rennrad, ist vermutlich einer derjenigen, die auf den Landstraßen unterwegs sind, Kilometer um Kilometer und die Hügel und Berge gerne im Sattel erklimmen. Die sich, allen Anstrengungen zum Trotz, voller Motivation immer daran machen, Kilometer zu fressen, die sich an freien Tagen mit Gleichgesinnten treffen und die Strecken gemeinsam bewältigen – „im Feld“ fällt es leichter. Und so ist er für die Geschichte, die in seinem jüngsten Roman erzählt wird, offensichtlich ein Experte. Frank, der Protagonist, nimmt uns Leser mit zu seinem Radrenntreff an Christi Himmelfahrt. Als Teilnehmer der Trainingsfahrt, die wirklich eine Art Himmelfahrt wird, als einer, der, wann immer er dazu in der Lage ist, genau beobachtet, was um ihn herum passiert, gewährt er uns Einblicke in all das, was sich im Feld ereignet. Und auch in sein eigenes Leben, das er bei dieser Fahrt immer wieder reflektiert.

Susan und Frank sind aus Göttingen nach Freiburg gezogen, weil Frank endlich richtige Berge fahren und nicht mehr nur die Rampen der Parkhäuser bewältigen will. Die Landschaft des Breisgaus mit den fordernden Anstiegen ist offenbar der einzige Grund für den Umzug, denn weder Arbeit noch Freunde oder Familie haben die beiden nach Freiburg gelockt. Noch sind nicht alle Kisten ausgepackt, aber die Einladung des hiesigen Fahrradklubs zum Radrenntreff an Christi Himmelfahrt – auch für Nicht-Mitglieder – kommt für Frank wie gerufen. Er holt also eines seiner Räder aus dem Keller und fährt zum Treffpunkt am Heidegger-Denkmal. Dort haben sich schon Teilnehmer versammelt, weitere kommen hinzu. Der Vereinsvorsitzende begrüßt die Fahrer, stellt ein paar Regeln auf und gibt Ratschläge und schnell werden drei Leistungsgruppen gebildet. Frank fährt in der mittleren Gruppe mit, der mit dem 27er Schnitt. Die Gruppenführer stellen die Touren vor:

„Wörter wie Warmfahren, kleinere Anstiege und: je nachdem. Je nach Lust und Laune und Verfassung der Gruppe. Und schon hörte man von allen Seiten das Einrasten der Radschuhe in die Klickpedale. Klack, klack, klack. Und es bildeten sich – all die Räder nun kreuz und quer fahrend – die drei Gruppen.“

Langsam setzt der Zug sich in Bewegung, Heidegger, so scheint es Frank, winkt ihnen nach. Gemächlich fahren sie durch die Straßen Freiburgs, Frank ganz hinten, wie ein Zuschauer. Es gibt erste Kontakte, einzelne Fahrer lassen sich zurückfallen, um Frank, sein Rad, sein Trikot vom Göttinger Fahrradtreff, zu begutachten. Auf Franks Computer werden 30 Stundenkilometer angezeigt, eine gemächliche Fahrt durch die Vororte.

Und erstes Geraune über Landauer dringt zu Frank vor. Landauer, das ist der wahre Gruppenführer, Karl, der da im Moment vorneweg radelt, nur sein Assistent. Landauer werde später zur Gruppe kommen, werde sie dann „persönlich übernehmen“. Er sei ein viel beschäftigter Mensch und betreue an so einem Feiertag mehrere Gruppen. Morgens sei er schon mit einer unterwegs gewesen, da spare er sich das gemächliche Einrollen auf den ersten 20 Kilometern. Landauer, das sei ein Hochgeschwindigkeitsfahrer, der fahre einen 35er Schnitt und es sei eine Leichtigkeit für ihn, sie einzuholen. Und ein Langstreckenfahrer ist er, so wird erzählt, denn Landauer fahre gerne Rennen, vor allem die mit den langen Strecken, „die über Tausende von Kilometern gehen und über Zehntausende von Höhenmetern“.

Dann ist Landauer da, in einem alten weißen Trikot aus den 70er Jahren fährt er zur Gruppe auf, er schwitzt nicht einmal. Und scheint zunächst die Visite abzunehmen, indem er an allen Mitfahrern vorbeifährt, hier grüßt, dort aufmuntert. Da werden die vorderen Fahrer hibbelig, denn sie haben die schnelle Gruppe nur wenige Hundert Meter voraus entdeckt – die Gruppe, die früher gestartet und mit einer höheren Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs ist.

Schon beginnt der erste Parforceritt. Das Feld strafft sich, wird schneller, erst 32 Kilometer pro Stunde, dann 35, 37, 40. Zu zweit fahren sie nebeneinander her, beginnen das Windschattenfahren, sodass die beiden vorderen Fahrer immer nur ein paar Sekunden im Wind stehen, sich dann zurückfallen lassen und hinten wieder einreihen. Wie ein Zug nehmen sie weiter Tempo auf, fahren 43, fahren 45 Stundenkilometer.

„Und plötzlich bin ich völlig nackt. Ohne irgendjemanden vor mir. An der Spitze des Feldes. Im Wind! Ein Schlag ins Gesicht. Eine unsichtbare Wand, gegen die man fährt. Als würde jemand in die Räder greifen und mit aller Macht bremsen. Und ich versuche das irgendwie auszugleichen. Unter dem wütenden Rufen Landauers. Mehr in die Pedale gehen. Mehr. Mehr! Gegen die Bremswand irgendwie aufzubegehren. Ein Zerren am Lenker. An der Grenze zur Besinnungslosigkeit. Bis der Fahrer neben mir das Zeichen gibt. Genug. Sich zurückfallen lassen. Was einem Kollaps gleicht!“

Als das schnelle Peloton die Aufholjagd bemerkt, zieht es seinerseits das Tempo an. So rasen zwei Teams durch die Landschaft, führen einen unerbittlichen Konkurrenzkampf – bis die mittlere Gruppe die schnelle eingeholt hat. Bei Tempo 35 fahren die Teams nebeneinander her, man plaudert, Trinkflaschen werden gehoben, als proste man sich zu. Und dann wird zum Abschied gewunken, Landauer biegt mit seiner Truppe rechts ab, die schnelle Gruppe fährt geradeaus weiter.

 Es ist während dieser Tempoverschärfung, also noch zu Beginn der Trainingsfahrt, dass Frank zum ersten Mal darüber nachdenkt, wie wohltuend es wäre aufzuhören. „Und zum ersten Mal der Gedanke: einfach eine Pedalumdrehung auszulassen. Oder aus dem Peloton unbemerkt auszuscheren. Sich aufrechten Sitzes zurückfallen zu lassen mit dem Satz: ohne mich. Ich entschwinde. Ich lass das Rad ausrollen, lege mich in die Wiese und schaue in den Himmel.“

Er will aber nicht der Erste sein, der aufgibt. Er wartet darauf, dass ein anderer Fahrer langsamer wird und abreißen lässt. Aber keiner lässt sich auch nur eine Schwäche anmerken. Es ist durchaus möglich, dass, genau wie Frank, auch andere Fahrer sich die Frage stellen: „Warum?“, aber kein Fahrer, auch nicht aus dem anderen Team will sich eine Blöße geben.

Die kleine Tempoverschärfung, der Kampf um den Schnelligkeitssieg, ist ja bei Weitem nicht das Ende der Fahrt. Denn nun kommt erst einmal der höchste Berg der Vogesen. Frank quält sich über die steilen Rampen, durch die Serpentinen, rechnet für jeden Höhenmeter die Länge der Strecke nach. Aber er hört nicht auf. Er hört aber auch nicht auf, als ihm klar wird, dass Landauer nicht zurück nach Freiburg fährt, sondern die Strecke so wählt, dass die Gruppe wirklich jeden Berg überquert, der in der Nähe liegt.

Am Ende der Ausfahrt, abends um 21 Uhr am Heidegger-Denkmal, hat Frank 345 Kilometer auf dem Tacho und 4367 Höhenmeter. Von 30 Fahrern sind nur noch 8 völlig erschöpft angekommen. Genauso erschöpft wie der Leser, der die Tour ja aus Franks Sicht mitgefahren ist. Der uns in langen Sätzen berichtet, in langen Sätzen seinen beruflichen Abstieg reflektiert, wann immer es ein wenig ruhiger zugeht. Der in kurzen, prägnanten, manchmal unvollständigen Sätzen, die sich fast so schnell drehen wie die Räder seines Fahrrads, von der Schinderei erzählt, die er erlebt und die anderen Fahrer auch.

Wie kann es sein, dass jemand sich so derartig quält, plagt und schuftet? Selbst für einen ambitionierten Freizeit-Sportler scheint dieses Pensum weder sinnvoll noch gesund. Und doch machen alle solange mit, bis sie – sprichwörtlich – vom Rad fallen. Den ständig meckernden inneren Schweinehund zu überwinden und die Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit auszutesten, gehört zum sportlichen Training sicherlich dazu. Aber wo ist das Limit? Wann ist es besser, aufzuhören, auszusteigen, abzubrechen, sich die Ruhe anzutun, sich auszuruhen?

Und ist es nur im Sport so, dass wir ständig auf dem schmalen Grat des gerade eben noch Machbaren balancieren? Ist es nicht überall in unserer Gesellschaft so, dass wir in höchstem Tempo unterwegs sind und vor keiner „Herausforderung“ zurückschrecken? Dass wir, wenn wir einmal den Spurt angezogen oder das Problem oder gar die „Challenge“ bewältigt haben voller Stolz auf unser Werk schauen: Wir haben ja die eigene Willensschwäche überwunden und dem müden, abgespannten und erschöpften Körper gezeigt, wer der Herr im Haus ist.

Zelter hat also keineswegs nur die Geschichte einer verrückten Trainingsfahrt erzählt. Er erzählt uns mit dieser mühseligen Trainingsfahrt eine treffende Parabel über unsere Gesellschaft, erzählt mit seiner Geschichte über die Trainingsfahrt auch darüber, wie wir arbeiten, uns trainieren und selbstoptimieren und selbst unsere Freizeit noch so gestalten, dass wir sie ständig in perfekter Inszenierung veröffentlichen können. Er erzählt nicht nur von Frank und seinen Herausforderungen sondern auch von den Anforderungen, die uns von außen auferlegt werden, aber auch von denen, die wir uns gerne selbst aufbürden. Das macht sehr nachdenklich.

Am 26.3.2019 wird Joachim Zelter den Preis der Literatour Nord in Hannover entgegennehmen. Nicht zuletzt auch für den Roman „Im Feld“.

Joachim Zelter (2018): Im Feld. Roman einer Obsession, Tübingen, Klöpfer & Meyer

Richard Russo: Immergleiche Wege

Vier Erzählungen sind versammelt in diesem Band, vier Erzählungen von Protagonisten in den mittleren Jahren, die darüber nachdenken, wie es zu den Schrammen, Kratzern und Wunden gekommen ist, die sie im Laufe des Lebens erhalten haben, manchmal durchaus mit eigenem Zutun. Es sind alles keine wirklichen Helden, die Russo uns vorstellt, keine Figuren, die sich in schwierigsten Situationen bewähren müssen und daran wachsen und reifen. Es sind eher die sprichwörtlich ganz normalen Menschen, die in ihrem ganz normalen Leben gezeigt werden, in Leben, die so verlaufen sind, wie auch die Leben der Leser verlaufen können. Alles ganz normal also – und doch zeigt sich in jedem der Geschichten nach und nach ein persönliches Drama.

Die Professorin Janet Moore sitzt in ihrem Büro auf dem Campus und ihr gegenüber der Student James Cox, der einen Essay mit überzeugender Argumentation abgegeben hat – der aber, daran erinnert Janet sich, vor ein paar Jahren schon einmal eingereicht worden ist. Die alte Arbeit hat sie gesucht, vier Stunden hat es sie gekostet, sich durch die archivierten Texte in die Vergangenheit zu arbeiten, bis sie fand, wonach sie suchte. Und während sie nun hier sitzt und den Studenten mit ihren Recherchen konfrontiert, ärgert sie sich gleichzeitig, dass sie immer eine wasserdichte Überführung haben will. Ihr Professorenkollege Tony Hope aber macht sich nie die Mühe des Suchens. Sie weiß, dass er in solchen Fällen zockt, wenn er ein wissendes Gesicht aufsetzt und den Stundenten einfach zwei Fragen stellt: „Ist das Ihre Arbeit?“ Und „Wären Sie in der Lage, den Essay unter meiner Aufsicht zu reproduzieren?“

Während Janet hier sitzt, braut sich ein Unwetter zusammen und Janet denkt an Zeilen aus dem Kindergedicht vom „Reitersmann“, dass ihr Mann Robbie jeden Abend dem behinderten Sohn Marcus vorliest:

„Wenn weder Mond noch Stern vom Himmel lacht,
es draußen stürmt und braust,
jagt Mal ums Mal aus finstrer Nacht
Ein Reitersmann vorbei am Haus.“

Das Gewitter, die Strophen des Gedichtes, der Student, der eine Arbeit plagiiert hat – für Janet ist das alles der Stimulus, der eine alte Erinnerung zum Vorschein bringt. Die Erinnerung an ein Gespräch vor ungefähr zehn Jahren, das für sie zu einem Schlüsselereignis geworden ist. Damals saß sie als Doktorandin bei ihrem Professor Bellamy und er hat ihren Text beurteilt mit dem Satz:

„Es ist einfach nicht wirklich Ihre [Arbeit].“

Dabei meinte er gar nicht, dass sie abgeschrieben hätte, er meinte vielmehr, dass er sie nicht selbst erkennen könne in ihrem Text: „Es ist, als existierten Sie nicht…“ Er forderte sie auf, mehr Leidenschaft in ihre Analysen fließen zu lassen, mehr ihre persönliche Verbindung mit den Romanen erkennbar zu machen, mehr das in akademischen Kreisen so verpönte „Ich“ herauszustellen. Und bemerkte abschließend:

„Oh, erfolgreich werden Sie schon sein“, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Nur eben nicht gut.“

Es ist das Bemerkenswerte, das Beeindruckende an Russos Erzählungen, dass er aus einer Alltagssituation heraus eine Geschichte entwickelt, in der die Protagonistin gleich auf mehreren Ebenen gegenwärtig ist, indem sie handelt, sich erinnert, reflektiert. So entstehen ungeheuer dichte Erzählsituationen mit vielschichtigen Charakteren und ihren Leben im Hier und Jetzt. Aber auch mit ihren Gedanken an die Erlebnisse, die sie lieber im Keller ihrer Erinnerungen aufbewahren. Und in diese persönlichen Lebensgeschichten hinein werden Themen der Gesellschaft verwoben – in Janet Moores Erzählung das Plagiieren der Studenten und die im akademischen Kontext immer noch grassierenden bemerkenswert geistlosen Sprüche über Frauen.

Der pensionierte Professor Nate, der Protagonist der zweiten und längsten Erzählung „Stimme“, ist mit einer Reisegruppe zur Biennale nach Venedig gereist. Zur Gruppe gehört auch sein Bruder Julian, mit dem er seit Jahren ständig überkreuz liegt:

„Merkwürdig, dachte Nate. Kaum eine Minute war nach ihrem ersten Wiedersehen vergangen, und schon hätte er seinen Bruder erwürgen können.“

Julian bezeichnet ihn ein ums andere Mal als vertrottelt oder Verspult und sieht sich selbst als cleveren und erfolgreichen Geschäftsmann. Leider ist Julian im Moment so klamm, dass er Nate um Unterstützung beim Bezahlen des Hotels bitten müsste, was er aber nicht über sich bringt, deshalb abreist und Nate wortlos seine Rechnung überlässt. Nate belastet aber nicht nur dieser alte Zank mit dem Bruder, nicht nur die Schrullen und Marotten seiner Mitreisenden, die Unübersichtlichkeit der venezianischen Gassen, in denen er sich verirrt, sondern auch und vor allen Dingen die unsägliche Geschichte mit seiner Studentin Opal Mauntz, die vor einem Jahr passiert ist. Der ist er zu nahe gekommen, aber nicht aus einer übergriffigen sexuellen Laune heraus, sondern mehr aus einer väterlichen Sorge, als sie mit den von einem Sturz herrührenden Verletzungen im Gesicht in seinem Jane-Austen-Kurs stand.

Als Opal Mauntz in sein Seminar kam, hatte ihm der universitäre Gesundheitsdienst Opals Diagnose „Autismus“ übermittelt und genaue Anweisung gegeben, dass niemand sie anspreche oder gar berühre. Tatsächlich ergriff sie im Seminar nie das Wort, nahm keinen Kontakt zu ihm oder ihren Kommilitonen auf und saß immer weit abgerückt von den anderen. Aber sie schrieb die bei weitem besten Texte. Weitaus besser als die „verschwommene Prosa“ ihrer Studienkollegen, in deren Arbeiten die „Argumente irgendwo herumlungerten, wo sie der Leser mühsam suchen musste, als läge Koherenz ebenso in seiner Verantwortung wie in der des Autors.“

Er hatte Opal Mauntz` violett angeschwollenes Gesicht berührt, „so leicht er es vermochte“. Und während er die Geste ausführt, weiß er, dass er den schlimmsten Fehler in seiner Professorentätigkeit begeht und meint auch zu wissen, dass diese Karriere „ebenfalls ein Fehler war“.

Es ist mithin nicht nur die Frage der Protagonisten in allen Erzählungen immer gleich – die Frage also, ob sie das richtige Leben gewählt haben – sondern auch die Struktur aller Erzählungen folgt dem immergleichen Weg. Russo hat für alle vier Geschichten einen analytischen Aufbau gewählt, und enthüllt in der Jetztzeit das Ereignis der Vorgeschichte, das seine Protagonisten zweifeln lässt über ihrem Lebensweg. Und dass obwohl sie doch alle dem Leben ein wenig mehr abgeluchst haben, als sie meinen, dass es ihnen zustehe.

So wie Ray, der durch die Finanzkrise der späten 2000er Jahre gebeutelte Makler, der selbst auf die windigen Formulierungen eines Exposés hineingefallen ist. Eine Doppelgarage wurde dort angepriesen, die sich aber bei Inaugenscheinnahme als so klein erwies, dass höchstens zwei Coupés hinein passten. Nun hat Ray endlich wieder einmal Kunden, die sich für eines seiner Häuser interessieren, eines mit „Winteraussicht“, denn im Winter kann man durch die blattlosen Bäume hindurch das Meer sehen. Und während er hier alles tut, um den Kauf abzuwickeln, erinnert er sich an den ständigen Streit seines Vaters mit dessen Bruder – und an die Krebsdiagnose, die er bekommen hat. Die Krankheit selber fürchte er ja gar nicht so sehr, vermutlich ist sie auch gut heilbar. Aber: Er hat keine Krankenversicherung, die Einnahmen der letzten Zeit waren gering und seine Frau hat mit ihrer Galerie ebenfalls eine finanzielle Schieflage.

Es sind amerikanische Geschichten, die Richard Russo uns erzählt. Von den Genderdiskussionen an den Universitäten, der Immobilienkrise, den fehlenden Krankenversicherungen, den Verhältnissen in Hollywood. Das ist einerseits sehr unterhaltsam zu lesen, zumal Russo seinen Erzählungen nicht nur die nachdenkliche Schwere einschreibt, sondern immer auch die komischen Momente, die bizarren Dialoge und kuriosen Figuren, miterzählt. Und andererseits ist das Drama seiner Figuren, sind ihre existenziellen Fragen, die sich in der Erzählreihung durchaus steigern, auch unsere Fragen an das Leben. Und sind wir nicht alle, wie der alternde Drehbuchautor Ryan, auf der Suche nach dem Glück, wollen wir nicht alle gerne bekommen, was wir begehren? Auch, wenn das Streben nach Glück in unserer Verfassung nicht niedergeschrieben ist.

Richard Russo (2018): immergleiche Wege, aus dem Englischen von Monika Köpfer, Köln, DuMont Buchverlag

David Fuchs: Bevor wir verschwinden

Als Praxisschock bezeichnet man die Erschütterungen des Berufsanfangs. Wenn endlich das ganze Gelernte in der Praxis angewendet werden soll, stattdessen aber Kenntnisse gefordert sind, die auf keinem schulischen oder universitären Lehrplan standen. Weil es auf einmal Berufsrollen und Hierarchien zu beachten gibt, weil Leistungen ständig gefordert, überprüft und bewertet werden, weil Disziplin über acht Stunden notwendig ist und der Arbeitsalltag in hohem Maße fremdbestimmt ist. Wenn vom Praxisschock schon in den technischen und wirtschaftlichen Bereichen berichtet wird, wie ist es erst, wenn Medizinstudenten mit dem Krankenhausalltag konfrontiert werden? Wenn sie gar auf eine Station gelangen, auf der weniger das Gesundwerden Ziel der Behandlung ist, sondern den Weg bis zum unvermeidlichen Tod zu gut wie möglich zu gestalten? Und wenn dann noch einer der Patienten der Ex-Freund ist, gerade Mitte Zwanzig und viel zu jung zum Sterben?

Auf diese Station, der Onkologie, hat es Benjamin, Ben, verschlagen, Medizinstudent kurz vor den universitären Abschlussprüfungen. Im Keller der Klinik arbeitet er an Versuchen, Schweine zu defibrillieren, nachdem sie narkotisiert sind und bei ihnen Kammerflimmern ausgelöst worden ist. Die Daten, die dabei entstehen, werden in Bens Dissertation einfließen. Und dort hat er die Krankenschwester Edna, genannt Ed, kennengelernt, die auf der Onkologie arbeitet. So ist Ben an sein letztes Pflichtpraktikum gekommen. Dabei interessiert ihn die Krebstherapie gar nicht:

„Es war mir immer egal, wie sich die Chemotherapien von achtzig verschiedenen Lymphomarten voneinander unterscheiden. Falls überhaupt.“

Am ersten Morgen auf der Station lernt Ben die Patienten kennen: den toten Kobicek, der seit drei Monaten nicht sterben will, Frau Follert mit dem Zungengrundkarzinom und dem Loch in der Wange. Von Ed bekommt er gleich den Auftrag, Blut abzunehmen. Ein Name steht auf dem Blutröhrchen, Ambros Wegener, und ein Geburtsdatum. Ben starrt auf den Namen und weiß sofort: Diesen Ambros kennt er, es ist sein Ex-Freund aus Schultagen. Zum letzten Mal gesehen haben sie sich vor fünf Jahren, in dem Wald beim Erdbeerfeld, wo man selber pflücken kann und nicht bezahlen muss für die Erdbeeren, die man dabei isst. Und nun trifft Ben Ambros wieder, ausgerechnet hier, auf der Krebsstation, und mit einer ganz schlechten Diagnose: einem Melanom auf dem linken Schulterblatt und Metastasen in Leber, Lunge, den Hirnhäuten.

„Stimmt was mit den Röhrchen nicht?, fragt Ed. Nein, sage ich, ich kenne nur den Patienten. Woher kennst du den Wegener? fragt sie und ich sage, aus der Schule. Im Ernst, sagt sie, ist ja lustig.“

Es ist dieser vermeintlich lapidare Umgang mit dem Unerträglichen, den Ed hier zeigt, der beim Lesen so eine eigentümliche Wirkung entfaltet. Da ist der übliche Ablauf eines an Effizienz und manchmal auch bizarren Vorschriften orientierten Krankenhausalltags, da sind die Routinen und die Behandlungen. Und auf der anderen Seite sind es die schwerkranken, oft sterbenden Menschen, die dem ausgesetzt sind. Da hat die Krankenschwester Ed, genau wie der Stationsarzt Dr. Pomp, einen erstaunlich abgeklärten, einen distanzierten, manchmal gar einen harschen Ton. Und trotzdem sind alle darum bemüht, die Momente zu pflegen, an denen sie alle den Kranken etwas Gutes tun können: Die Schwestern frieren an den Urinprobenröhrchen Eis mit Zitronen-, Himbeer- und Colageschmack ein und wenn die Patienten wünschen, dann auch Bier, Prosecco oder Milch. Herr Otto wird im Krankenhaus aufgenommen, weil seine Frau ein paar Tage für sich braucht: soziale Indikation. Und den tote Kobicek, der so gar nicht sterben kann, den holt Dr. Pomp schnell von der Intensivstation zurück, auf den ihn ein übermotivierter Assistenzarzt verlegt hat – damit er auf der Onkologie seine Ruhe hat.

Ben erzählt von den Arbeiten auf der Station und von seiner Freizeit in einem ähnlich gleichmütigen Ton wie Ed und Dr. Pomp sprechen. Und in einer radikal verknappten Form. So kommt seine Geschichte mit nur wenigen weiteren Personen aus – fast wirkt es, als arbeiteten auf der Station nur Dr. Pomp und Ed -, und es entsteht der Eindruck, dass sie alle isoliert und einsam sind. Bens Eltern sind in den Urlaub geflogen, von Freunden spricht Ben nie. Und auch Ambros bekommt keinen Besuch, weder Freunde noch Geschwister sitzen an seinem Bett, und seine Mutter, so heißt es einmal, sei irgendwohin nach Deutschland gezogen. Da sind wenig soziale Kontakte, die helfen könnten.

Auch Bens Sprache ist völlig verknappt. In dürren, knappen Sätzen, in denen das „Ich“ nur in Handlungen benannt, nie aber mit den Gefühlen gezeigt wird, führt er uns unmittelbar durch die Tage seines Praktikums, die immer mehr auch zu den Tagen einer Wiederannäherung und einer Sterbebegleitung von Ambros werden. Und Anlass sind, sich zu erinnern, wie sie sich während einer Schulfahrt nach Rom nahegekommen sind und wie sie sich wieder verloren haben. Es ist eine Besonderheit und auch eine Stärke des Textes, dass wir alles das, was sich hinter den Handlungen und Erinnerungen in Bens Inneren verbirgt, nur ahnen können.
Ambros lädt Ben ein, mit seinem Auto zu fahren, Fridolin nennt er es, und in seiner Wohnung zu wohnen. Dort entdeckt Ben Polaroid-Bilder, auf denen Gegenstände zu sehen sind. Darauf angesprochen erklärt Ambros, dass er ein Foto-Projekt begonnen und die Gegenstände, die er weggegeben, verkauft oder weggeschmissen hat, fotografiert habe. Nun, im Krankenhaus, hat er sein Projekt erweitert, indem er die Menschen fotografiert, bevor sie sterben. Auch den toten Kobicek im Bett neben ihm fotografiert er.

Ben will es wissen, als sie einen Stapel der Polaroids durchschauen: „Was ist mit den Leuten auf den Fotos, frage ich, sind die alle tot?“

„Ja, sagt er, sind alle tot. Mehr oder weniger gleich nach dem Foto. Der hier, er zeigt mir das Foto von dem gelben Mann, hat noch drei Tage gelebt. Die hier, sagt er und zeigt mir die jungen Frau mit den großen Augen, noch drei Wochen. Bei dem anderen weiß ich es nicht sicher, der ist nach Hause gegangen. Aber ich habe schon versucht, sagt er, dem Verschwinden möglichst nahe zu kommen. (…) Ambros sage ich, warum überhaupt Menschen fotografieren? Weil es ihnen sagt er, weniger weh tut, wenn es ein Foto gibt. Das Verschwinden tut dann weniger weh.“

So ist es eben doch nicht, das werden Ambros und Ben schmerzlich erfahren. Den Schock, den das Sterben Ambros´ bei Ben auslöst und ihn zu ungewöhnlichen Handlungen führt, wird er wohl so schnell nicht los. Und auch den Leser und die Leserin beschäftigt die Erzählung von der Onkologie noch länger. Nicht nur wegen der Geschichten vom Sterben, sondern, weil sich in dieser Erzählung aus dem Krankenhaus auch immer wieder sehr menschliche und sehr tröstliche Momente zeigen.

David Fuchs (2018): Bevor wir verschwinden, Innsbruck -Wien, Haymon Verlag

FO: Aus Isager Highland und Isager Alpaka wird Nala

Ich habe schon lange kein fertiges Strick-Objekt mehr vorgestellt. Und tatsächlich hat es auch lange gedauert, bis meine Nala-Jacke endlich fertig war. Immer wieder habe ich sie zur Seite gelegt, im letzten Jahr fast nur Schals gestrickt, weil die sich so einfach „herunternadeln“. Dabei haben mir bei diesem Design verschiedene Dinge so gut gefallen, dass ich es nachstricken wollte: die offene Form der Jacke und die schönen dicken Zöpfe an Körper und Ärmeln. Beim Stricken sind mir dann noch weitere besondere Details aufgefallen, die sich vor allem auch daraus ergeben, dass die Jacke in einem Zug von oben nach unten gestrickt wird, wodurch sich besonders schöne Lösungen für die Übergänge zu den Ärmeln ergeben haben.

Durch das Top-Down-Stricken ergibt sich eine schöne betonte Schulterpasse und der Schalkragen wird auch direkt mitgestrickt, sodass es später keiner weiteren Maschenaufnahme aus der Strickstück bedarf. Die Zunahmen für die Ärmel ergeben einen zwar deutlichen Übergang, der wird aber viel schöner, als wenn die Ärmel angenäht werden. Muss ich ja wirklich zugeben, obwohl ich ja den von oben gestrickten Teilen solange nicht traue und mich immer wieder frage, ob das Stück denn wohl passen wird, bis es dann (fast) fertig ist und ich es anprobieren kann. Das ganze Hin- und Hergestricke im oberen Bereich kommt mir immer wieder sehr mekrwürdig vor, ich bin eben mit dem separaten Stricken von Vorder- und Rückenteil, Ärmeln und Kragen und Blenden sozialisiert. Dafür aber braucht man nichts zusammennähen und es gilt, nur 6 Fäden zu vernähen. Ein echter Vorteil, denn wenn man mit dem Stricken fertig ist, ist man auch wirklich fertig.

Und dann auch noch die englisch/amerikanischen Anleitungen, in denen doch tatsächlich fast jede Reihe beschrieben wird, statt, wie in deutschen Anleitungen üblich, die knappen Zusammenfassungen: und nun 15 Mal abnehmen/zunehmen… So kommt die Nala-Anleitung auf 10 Seiten. Aber trotzdem: sie ist sehr gut beschrieben, ich musste kein einziges Mal etwas auftrennen, hat alles super geklappt. Und das Jäckchen passt auch wunderbar. Die Anleitung würde ich auf jeden Fall noch einmal stricken.

Gestrickt habe ich mit doppeltem Faden aus Isager Highlandwool Wine und Isager Alpaca 1 Farbe 60. Das ergibt eine super weiche Textur, die aber – ich habe da wegen des Alpaca-Garns schon Sorgen gehabt – überhaupt nicht krazt, kitzelt oder sonstwie auf der Haut stört. Gestrickt habe ich mit Nadeln Nr. 3,5, ich stricke ja gerne eher fest. Und nun bin ich richtig froh, dass ich mich dem fast fertigen Teil doch noch angenommen und es zu Ende gebracht habe. Eine echte Lieblingsjacke.

Modell:

Nala von Regina Moessmer: hier oder hier.

Wolle: Highland Wool Wine von Isager, Alpaca 1, Farbe 60 von Isager (weil ich schon so lange an dem Objekt stricke, weiß ich nicht mehr, wie viele Knäuel ich von den Garnen gebraucht habe).

 

 

Verena Mermer: Autobus Ultima Speranza

Es ist ein paar Tage vor Weihnachten am Busbahnhof in Wien. Die Fahrer bereiten die Busse für die nächsten langen Fahrten vor oder machen eine Pause, erste Fahrgäste für die nächsten Touren treffen ein. Hier, am Busbahnhof, kommen die zusammen, die sich auf eine Reise begeben. Aber die, die hier eintreffen, fahren nicht in den Urlaub oder starten zu einer Besichtigungstour. Die, die hier losfahren, pendeln zwischen ihrer Arbeit und ihren Familien. Die meisten der Passagiere des Busses mit dem pinken Logo der Gesellschaft Speranza fahren über die Weihnachtstage nach Cluj in Rumänien. Sie besuchen dort ihre Familien, die sie das Jahr über kaum sehen, weil sie in Österreich, in Deutschland, in Großbritannien arbeiten. Nur wenige Mitreisende fahren zurück nach Cluj, weil sie ihre Familien schon besucht haben und sie mit Kommilitonen oder Freunden feiern werden.

Verena Mermer erzählt in ihrem Roman von dieser einen Fahrt von Wien nach Cluj im Autobus der Linie Speranza. Wir lernen Fahrer und Passagiere kennen, manche kurz nur, manche länger und genauer. Und dabei bekommen wir Einblicke in die verschiedenen Lebensgeschichten der Reisenden, in ihre unterschiedlichen Gefühlslagen und Träume. Und werden oft Zeuge der ganz besonderen Form der Einsamkeit, die sich ergibt, wenn die Menschen fern von zu Hause arbeiten müssen, weil es zu Hause keine Arbeit gibt. Weil nach der Wende die Fabriken, die es früher gab, geschlossen haben, die Kolchosen aufgelöst wurden und die finanzielle Situation der Menschen so erbärmlich ist, dass sie weggehen müssen von zu Hause, um in der Fremde eine Möglichkeit zu finden, sich das Leben leisten zu können.

Ioan, der ältere Fahrer steht neben dem Bus und raucht eine Zigarette raucht. Er hängt seinen Gedanken nach und erinnert sich, wie er vor über 30 Jahren durch den Eisernen Vorhang aus Rumänien geflohen ist, weil er wissen wollte, wie es sich lebte im westlichen Ausland. Jetzt fährt er zwei- bis viermal in der Woche über diese Grenze, die er damals unter Lebensgefahr überwand und die heute kaum mehr erkennbar ist. Adrian, der zweite Fahrer, kehrt währenddessen den Boden des Busses, hebt Papier auf, wischt Krümel von den Sitzen und stellt die Lehnen wieder steil. Er überprüft den Fahrplan und ärgert sich. Es wird Verwechslungen geben, denn 10 Minuten vor ihnen wird ein weiterer Bus nach Cluj losfahren, von Abfahrtsplatz 13. Er gehört zu der ungarischen Busgesellschaft, deren Fahrpreise oft nur die Hälfte von dem betragen, was üblicherweise auf den Langstrecken verlangt wird. Dafür bleiben die Busse dann auch mal liegen oder fahren bereits mit defekten Scheiben los. Gleich, so ahnt Adrian, werden die Fahrgäste ihnen mehrere falsche Tickets vorweisen, Tickets für den weißen Bus. Er hat noch eine dreiviertel Stunde Zeit und zieht sich in die Schlafkoje zurück.

Und dann steigen sie alle ein in den Bus und suchen sich einen Platz:

Petru, der in Großbritannien als Lkw-Fahrer arbeitet und zu seiner Familie nach Bukarest reist, 4 Mal Umsteigen inbegriffen. Andrej, der Erntehelfer, den die Eltern aus der Schar der Kinder ausgewählt haben, um Geld im Ausland zu verdienen, monatlich etwas nach Hause zu schicken, einen Rest könne er behalten. Wenn er doch nur eine Ausbildung erhalten hätte, dann würde er jetzt vielleicht auch hier sitzen, aber mit von einem Friseur geschnittenen Haaren, mit einem Duft, der seine Jugend und Männlichkeit unterstützte und mit Markenkleidung.

Tudor, der einen Job in einem Schlachthof in Westfalen gefunden hat. Früher hat er in einer Geflügelfabrik gearbeitet, hat den Job aber gekündigt, als seine Frau Mihaela eines Tages angerufen hat und ihm erzählte, dass es Anca, der kleinen Tochter so schlecht gehe und welche Diagnose der Arzt gestellt habe. Er fuhr sofort nach Hause.

„War anwesend und konnte trotzdem nicht wirklich da sein. Der Gedanke, seiner Frau keine Hilfe zu sein zwischen den Krankenhausbesuchen, der Geldsammlung für die Behandlung und dem Warten, was passieren würde. Die Distanz als erste Ahnung der späten Gewissheit. Dass es unmöglich ist, sein Weggehen und all die damit zusammenhängenden Versäumnisse auf irgendeine Art wiedergutzumachen.“

Tudor darf bei seinem Job nicht zimperlich sein, auch nicht, wenn die Rinder vor Angst und Panik mit den Vorderbeinen um sich schlagen. Zwölf Stunden arbeitet er, tötet die Tiere, lässt sie ausbluten, zerlegt sie, als Hilfsarbeiter in der Fabrik. Den Gedanken, dass er die Arbeit nicht mehr aushält, verdrängt er. Dass er sich mit drei anderen Arbeitern ein Zimmer teilt, macht die Sache sicher nicht besser. Aber er weiß, dass es sonst nichts zu arbeiten gibt für ihn, denn die Kolchosen sind längst aufgelöst worden und sein Traum, Kosmonaut zu werden, war ein Kindheitstraum.

Es sitzen eine Menge weiterer Menschen im Bus: Elena, die schon lange in Wien lebt und sich so eine kleine Rente erarbeitet hat, die ihr das Bleiben ermöglicht und Lucia, die sich viel zu spät für die Reise ins Ausland entschieden hat und nun als sechzigjährige klapperige 80- und 90-jährige als 24-Stunden-Pflegerin betreut. Den Job haben auch Alexandru und Oana. Da sitzt Silviu, der in Ingolstadt als ausgebildeter Mechaniker bei Audi arbeitet und Cornel, der etwas mit Computern zu tun hat und Markenkleidung trägt. Florin, der früher einmal als Bergarbeiter gearbeitet hat und nun im Gewächshaus Tomaten erntet und Daiana, mit dem abgeschlossenen Masterstudium in Psychologie, fährt mit, die sich beim Putzen von Privatwohnungen das Geld zusammenspart, um zu Hause in eine Praxis einsteigen zu können. Da sind auch Matei, seine Frau Codruţa und Susana, ihre Tochter, die gleich argwöhnisch beäugt werden und in deren Nähe sich keiner freiwillig setzt, denn jeder sieht, dass sie Roma sind.

Lisa kommt aus Linz. Sie hat dort ihre Eltern besucht und fährt jetzt wieder nach Cluj, wo sie lebt und Deutsch unterrichtet. Ihrer Familie hat sie von Paul erzählt und dass sie wegen ihm die Feiertage in Cluj verbringen möchte. Dabei ist das eine Lüge gewesen, denn Paul wird sie nicht mehr treffen. Aber immerhin ist sie so ihrer Familie entkommen und dem Weihnachtsfest mit Geschenken und Truthahn, Wein, Kaffee und Christstollen. Lisa ist es, die über die Busfahrt und die Fahrgäste nachdenkt und dabei die Konzeption des Romans auf den Kopf stellt:

„Jede Reisegesellschaft ist eine Konstellation, die nur eine Nacht lang besteht – ein absehbares Ende macht vieles erträglich. Was zählt ist das Abreisen und das Ankommen, das Davor und das Danach.“

In Mermers Roman ist es genau anders: die Zeit des Fahrens zählt, denn sie ist die Zeit, etwas über die vielen Menschen, die zufällig hier versammelt sind und kaum miteinander in Kontakt treten, zu erfahren. In dieser Zeit, in der sie zur Untätigkeit gezwungen sind, in der es eben nur die Gedanken, Erinnerungen und Reflexionen gibt, erfahren wir Leser etwas über sie. Auch wenn es manchmal nur Blitzlichter sind, die uns die einzelnen Menschen einen kurzen Augenblick erhellen, so erahnen wird doch, welche unterschiedlichen Schicksale sich in solch einem Bus versammeln, welche verschiedenen Lebenswege hier verborgen sind, welche vielschichtigen Gründe es für die Arbeitsmigration gibt. Und welche Bürde diese Menschen tragen, die sich eben von ihren Familien, ihren Männern und Frauen, ja, sogar von den Kindern, durch ihre physische Entfernung gleichermaßen psychisch entfernen und entfremden.

Dabei springt die Erzählerin mal zu dem einen Passagier mal zu der anderen Reisenden, sodass die vielen Namen und Geschichten, die vielen Meinungen und Erinnerungen verwirrend wirken auf den Leser. Auch den Charakteren der Reisenden kommen Leserin und Leser so nicht richtig nahe. Dafür ist, wären wir Leser mit im Bus, die Zeit der Busfahrt wohl auch zu kurz. Trotzdem entfalten sich durch die vielen individuellen Geschichten unterschiedliche und eindrucksvolle Lebenswege, unterschiedliche – und doch zeitlose – Motive zur Arbeitsmigration.

Doch stimmt Lisas Satz auch, weil Mermer nur während der Fahrt bei ihren Figuren bleibt, weil sie nicht erzählt, was vorher passiert und wohin sie sich nach ihrer Ankunft wenden werden. Und so gehen sie dann am Ende ihrer Reise in unterschiedliche Richtungen davon, die gemeinsame Fahrt hat kein Band zwischen ihnen gespannt. Und so ist es eine handlungsarme Geschichte – alleine der Bus bewegt sich durch die winterliche Landschaft –, die Mermer erzählt, weil die Figuren in dieser Zeit wie in einer Zwischenwelt leben, sie sind nicht mehr hier und noch nicht da.

Mermer verknüpft ihre Erzählungen immer wieder mit verschiedenen Medien, mit Liedzeilen aus Popsongs, Seiten im Internet, die die Reisenden sich während der Fahrt anschauen, mit Filmen, die über das Bordkino laufen. Und schafft so oft eine zusätzliche Tiefe ihrer Erzählungen. Zum Ende der Reise haben die Fahrer die ET-DVD eingelegt. Die Passagiere erkennen vielleicht in der rührseligen Geschichte des Außerirdischen, der doch nichts mehr will, als wieder nach Hause zu kommen, da er in der ungewohnten Umgebung auf der Erde krank und matt wird, eine Parallele zu ihrer eigenen Lebensgeschichte. Dabei geraten jedoch die Nacherzählungen der Filmhandlung zu lang, die Figuren der Reisegesellschaft rücken in den Hintergrund und das Erzählkonzept des Romans zerfranst.

Während also der Bus Speranza, der in beide Richtungen, in die er fährt, für seine Passagiere so etwas symbolisiert, wie die letzte Hoffnung, so gewinnt der Leser einen neu justierten Blick auf die Menschen, die in unseren Gesellschaften die unangenehmen Arbeiten zu unwürdigen Konditionen übernehmen. Und das ist doch im besten Sinne eine der Aufgaben der Literatur.

Verena Mermer (2018): Autobus Ultima Speranza, Salzburg – Wien, Residenz Verlag

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen

Anke Stellings Roman führt uns mitten hinein in den modern-alternativen und trotzdem konservativen Großstadtkiez, in dem die sozialen Unterschiede von früher nur auf den ersten Blick aufgelöst sind. Da ist Resi, Schriftstellerin und Journalistin, mit ihrem Mann Sven, einem Künstler und den Kindern Bea (14), Jack (11), Kieran (8) und Lynn (5). Resi stammt aus einer Familie, die einmal als bildungsnah, als guter Mittelstand bezeichnet wurde. Sie verfügt über eine gute Schulbildung und ein Studium. Sven natürlich auch, er hat es im Gymnasium sogar zu den Alten Sprachen geschafft. Doch bei der Berufswahl sind sie irgendwie falsch abgebogen, haben sich gleich beide für Jobs entschieden, die zwar selbstbestimmt und kreativ sind, keineswegs aber eine soziale Sicherheit, geschweige denn einen finanziellen Aufstieg garantieren. Anders als die Freunde aus Schulzeiten, die als Architekten und Ärzte längst ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Und dann auch noch vier Kinder, die zusätzlich zum Armutsrisiko beitragen.

Trotz der langen Ausbildungen, trotz einer anspruchsvollen Arbeit können Resi und Sven sich die Mietwohnung innerhalb des Berliner U-Bahn-Ringes kaum mehr leisten, den Musikunterricht der Kinder finanziert das für sozial schwache Familien aufgelegte Teilhabepaket und wenn die anderen Kinder in den Ferien in Urlaub fahren, dann müssen Resi und Sven ihre Kinder in der heimischen Wohnung bei Laune halten. Wenn ein Auftrag für Resi hereinkommt, dann läuft alles gut für die nächsten Wochen, vielleicht Monate, wenn keiner kommt, dann sieht es mau aus. Als prekär kann die finanzielle Situation der Familie durchaus beschrieben werden.

Und nun zieht es Resi komplett den Boden unter den Füßen weg. Denn Frank hat seine Wohnung gekündigt. Die Wohnung in der Berliner Innenstadt, die er bewohnte, bevor er mit seiner Frau Vera in das Haus der Bauprojektgruppe eingezogen ist, der Gruppe, die der Freundeskreis um Resi und Sven gegründet hat, um auf einem begehrten Grundstück in der Innenstadt ihren Traum vom Wohnen zu realisieren. Auch Resi und Sven sollten mit ins Haus ziehen. Ingmar, der Arzt, wollte ihnen Geld leihen, damit sie damit der Bank Eigenkapital nachweisen konnten als Grundlage für die Finanzierung. Über das verlockende Angebot haben Resi und Sven lange nachgedacht. Es dann aber ausgeschlagen. Frank hat immerhin vorgeschlagen, dass sie dann doch wenigstens seine Mietwohnung übernehmen sollten, mit der billigen Miete aus dem schon lange bestehenden Mietvertrag. Und die hat er nun gekündigt. Weil er und die Freunde aus der Baugruppe ordentlich sauer sind auf Resi.

Früher, in der Schule waren sich die Freunde einig darüber, dass die sozialen Grenzen abgebaut werden müssten, „dass Geld nicht glücklich macht, Besitz belastet, Reiche nicht in den Himmel kommen“. Dass gerade die Reichen mit ihren Privilegien dafür verantwortlich seien, dass es der sogenannten Dritten Welt so schlecht gehe, dass alle daran teilhaben wollten, „Leid und Ungleichheit zu mindern“.

„Schön ist es, sich in solchen Kreisen zu bewegen.

Bis man feststellt, dass irgendwas faul ist.“

Faul ist für Resi die Sache, seit die Clique beschlossen hat, das Bauprojekt umzusetzen. Früher wollten sie zusammenwohnen, wie in einer Kommune und so, wie sie zusammengelebt haben nach dem Abitur, als fünf Freunde aus Stuttgart zum Studium nach Berlin gezogen sind in das Haus von Christians Vater, in dem sie gemeinsam eine Etage bewohnten. Nun aber entsteht ein Haus, dem man den gediegenen Wohlstand ansieht: die Fassade im Vanilleton, die Wohnungen mit den modernen Küchen, den besonderen Bodenfliesen, den maßgefertigten Einbauschränken, den begehbaren Kleiderschränken, dem Gemeinschaftsgarten mit Schilf am Mülltonnenplatz und nur zartblättrigen Pflanzen wie Birken, Flieder, Bambus und Wein.

Vielleicht aber ist die Stimmung in der Clique schon viel länger faul. Vielleicht schon, seit sie und Sven die Kinder bekommen haben, als Erste in der Gruppe. Immer haben die Freunde sie gefragt: „Wie schafft ihr das?“. Zuerst hat Resi Bewunderung herausgehört, auch Achtung vor der vielen Arbeit und dem unvermeidlichen Chaos mit den vier Kindern. Im Laufe der Zeit hört sie aber auch Abwehr – und vor allem Schuldzuweisung. Wenn sie nämlich klagt über die hohen Ausgaben von Kitaausflug und Klassenfahrt in einem Monat, dann hört sie immer häufiger: „Weiß man doch.“ Was ja nichts anderes heißt, übersetzt sich Resi, dass „man weiß, dass Kinder Geld kosten und man sich nichts zulegt, was man sich nicht leisten kann.“ Schon gar nicht vier Kinder. „Selber schuld, Katapult“, haben die Freunde immer gesagt, als sie noch jünger waren. Ja, „es ist größenwahnsinnig, ohne Großeltern und Großraumwagen und Großverdienst eine Großfamilie zu gründen. Es ist unbedacht. Es ist asozial.“

Aber vielleicht ist auch damals schon etwas faul gewesen, als sie noch jung waren, Schüler am Gymnasium. Linke Ideen waren ihnen allen selbstverständlich, auch den Freunden aus den reichen Elternhäusern der Fabrikanten und Immobilienbesitzer. Und Geld von den Eltern wollten sie alle nicht, das war ihr moralisches Credo. Aber als die Freunde sich überlegt haben, ein Wochenende ins Berner Oberland zu fahren, wo Christians Eltern ein Ferienhaus haben, da ist Resi zu Hause geblieben, denn sie konnte nicht Ski fahren. Und keinen der Freunde hat es irgendwie gekümmert.

Nun, nach Franks Kündigung, schreibt Resi für Bea, die älteste Tochter, die ungerechte Geschichte auf. An ihrem alten Laptop in ihrem kleinen Schreibkämmerchen, in dem in anderen Wohnungen die Waschmaschine steht. Resi denkt darüber nach, wie die sozialen Verhältnisse bei ihren Eltern gewesen sind, wie bei ihr und ihren Freunden, wie bei ihren Kindern, bei denen gleichzeitig Gruppenzwang und Individualisierungsdruck die Heruaforderungen sind. Und ist so wütend darüber, in drei Monaten auf der Straße zu stehen. Denn wer wird in Berlin schon eine bezahlbare Wohnung für eine Familie mit vier Kindern haben?! Schon gar nicht im Innenstadtbereich. Sie werden in die Platte müssen, fürchtet Resi, nach Marzahn.

Umgangssprachliche Weisheiten leiten die Erzählungen und Reflexionen, fassen zusammen, und erklären. So, als hätte schon ewig festgestanden, dass auch dieses Freundschaftsprojekt scheitern muss:

„Nichts währt ewig.“

„Kinder kosten Geld.“

„Der Mensch ist des Menschen Wolf.“

„Man muss seine Schäfchen ins Trockene bringen.“

Und auch: „Beim Geld hört die Freundschaft auf.“

Anke Stellings Geschichte um Resi und ihre Familie bebildert diese Redensarten. Dafür hat die Autorin eine starke Erzählfigur geschaffen, eine höchst lebendige, eine ziemlich erzürnte, eine, die hemmungslos überspitzt, und gnadenlos die Mechanismen ihres sozialen Umfeldes seziert. Eine, die mit ihrem Klassenbewusstsein nicht nur ihr Umfeld nervt, sondern manchmal auch den Leser, eine, die so auf den Punkt formuliert, dass auch der Leser in schallendes Lachen ausbricht. Und eine Protagonistin, die ihre Geschichten und Deutungen nicht nur im heimischen Kämmerchen für die Tochter aufschreibt, sondern eine, die immer wieder Texte über die Lebensweisen und Werte in ihrem Kiez veröffentlicht, in der Zeitung, in einem Roman. Das zieht natürlich den Zorn der Freunde auf sich, die sich bloßgestellt fühlen und verraten. Die dann als Reaktion die Freundschaft kündigen und die Wohnung, die sie gar für verrückt erklären. Das ist rasant zu lesen, fordert manchmal Widerspruch heraus und gibt jede Menge Fragen auf. Stellings Roman liest sich so, als würden sie die Thesen Oliver Nachtweys aus seinem Band „Abstiegsgesellschaft“ in einen Roman übersetzen.

Zum Ende wendet sich fast alles noch zum Guten. Die Freunde sind zwar verloren, dafür wird der Umzug in die Randgebiete Berlins – und es muss ja auch nicht gerade Marzahn sein – gar nicht so schlimm. Resi bekommt einen Preis für ihren Roman und Sven, dem die Freundesclique wohl schon länger quer liegt, kommentiert die Kündigung ganz lässig:

„Man kann gar nicht weit genug wegkommen von diesen Arschgeigen.“

Anke Stellings Roman ist für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert , er wird im Februar auch auf der SWR-Bestenliste geführt.

Anke Stelling (2018): Schäfchen im Trockenen, Berlin, Verbrecher Verlag

Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne

Die gesamtwirtschaftlichen Daten sahen zum Jahresende so gut aus, dass sich Angela Merkels Einschätzung „Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut“ (hier und hier, beide Links von 2018) wiederum zu bewahrheiten schien. Da verwundert ein Essay mit dem doch ganz anders konnotierten Titel „Abstiegsgesellschaft“ sehr. An der Universität Basel beschäftigt sich Oliver Nachtwey mit der Auswertung von gesamtwirtschaftlichen Daten, um damit der sozialen Verfasstheit unserer Gesellschaft und den Veränderungen im Ablauf der vergangenen Jahrzehnte auf die Spur zu kommen. Als Professor für Sozialstrukturanalyse erforscht er die Sozialstruktur von Gesellschaften, erforscht ihre sozialen Milieus und die dabei gelebten Lebensstile der verschiedenen Milieus. Und auch wenn seine Thesen aus dem Band „Abstiegsgesellschaft“ von 2016 stammen, so wird, wenn man die neueren Daten noch einmal genauer recherchiert, schnell deutlich, dass seine Thesen auch für 2018 keineswegs überholt sind. Und manches, was er im Text dargelegt hat, z.B. die Entwicklungen am rechten Rand des Parteienspektrums, haben sich im Laufe der fast drei Jahre nach Erscheinen des Essays noch deutlicher herausgebildet.

Vor ein paar Monaten schon hat Katharina Herrmann über Oliver Nachtweys Auseinandersetzung mit der „Abstiegsgesellschaft“ geschrieben. Ihre Vorstellung des Buches hat mich neugierig gemacht. Dass Nachtwey seine Motivation für den genaueren Blick auf die Daten und Fakten auch damit begründet, dass sowohl die Angst vor dem sozialen Abstieg oder der Abstieg selbst auch mehr und mehr Eingang in die Literatur finde, hat mein Interesse noch mehr geweckt. So verweist Nachtwey u.a. auf Robert Kischs „Möbelhaus“ (2015), in dem ein Journalist von seinem Weg aus der Redaktionsstube in den Möbelverkauf erzählt. Von Heike Geißlers Arbeit im Lager von Amazon, von der sie in ihrem Band „Saisonarbeit“ (2014) berichtet. Und von Thomas Melles Roman „3000 Euro“ (2014), von Georg M. Oswalds „Alles was zählt“ (2000) und von Silke Scheuermanns „Die Häuser der anderen“ (2012).

Nachtwey weiß selbst darum, dass die These von der „Abstiegsgesellschaft“ den Leser erst einmal irritiert. Denn unsere Gesellschaft lebe ja gerade vom Ideal des Aufstiegs. Für die soziale Moderne, also die Zeit zwischen den 1950er Jahren und dem Beginn der 1970er Jahre, lasse sich dieses Phänomen auch nachweisen: Der Sozialstaat sorgte für eine zuverlässige Milderung der Lebensrisiken durch Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter, genauso aber auch dafür, dass die Arbeitsfähigkeit erhalten wurde. Ein unbefristeter und sozialversicherungspflichtiger Arbeitsvertrag mit einer 40-Stunden-Woche sei eine Selbstverständlichkeit gewesen, selbst für ungelernte Arbeitnehmer. In dieser Zeit der Produktivitätssteigerung seien für alle Arbeitnehmer die Löhne kontinuierlich gestiegen, sodass sich insgesamt der Lebensstandard verbessert habe. Der gesetzliche Anspruch auf Urlaub (seit 1963!) und die Einführung der Fünftagewoche habe allen Arbeitnehmern eine selbstbestimmte Freizeit und so manche Fernreise ermöglicht. Und die Bildungsexpansion, die eine bessere Bildung auch für die Kinder bildungsferner Schichten ermöglicht habe, sei für Aufstiege in höhere soziale Schichten genutzt worden. Insgesamt, so konstatiert Nachtwey, sei in diesen Jahren gesamtgesellschaftlich ein sogenannter Fahrstuhleffekt, ein Begriff, den der Soziologe Ulrich Beck in seinem Buch „Risikogesellschaft“ 1986 geprägt hat, zu beobachten gewesen:

„In der Wachstumsgesellschaft standen – so die Metapher – alle Schichten, von Arbeitnehmern bis zu Vermögensbesitzern, zusammen im Fahrstuhl und fuhren gemeinsam nach oben. Die Ungleichheiten zwischen den Schichten bzw. sozialen Klassen wurden dadurch zwar nicht beseitigt, sie spielten aber insofern keine große Rolle mehr, als es allen besser ging.“

Als dann die Zeit der wirtschaftlichen Stagnation begann, änderten sich auch die (sozial-)politischen Vorstellungen und machten mehr und mehr dem Platz, was heute als Neoliberalismus bezeichnet wird. Nachtwey erklärt hier einige Entwicklungen, durch die verschiedene Institutionen versucht haben, bei niedrigen Wachstumsraten der Wirtschaft trotzdem die Renditen für das Kapital zu sichern. Stichpunkte hier sind die Deregulierung der Finanzmärkte durch die Regierung, die Erschließung öffentlicher Märkte, hier nennt der Autor vor allem die Gesundheitsbranche, durch Kapitalgesellschaften, die Politik des billigen Geldes durch die Zentralbanken und damit einhergehend immer wieder platzende Finanzblasen, z.B. im Immobilienmarkt.

Als Folge dieses Postwachstumskapitalimus, so zieht der Autor das Fazit, ergeben sich größere gesellschaftliche Spannungen. Diese Zeit bezeichnet Nachtwey als „regressive Moderne“:

„Das Adjektiv regressiv bezieht sich auf den Umstand, dass Gegenwartsgesellschaften hinter das in der sozialen Moderne erreichte Niveau der Integration zurückfallen. Modernisierung impliziert, dass wir nicht Zeugen eines eindeutigen Rückschrittes hinter das in den vermeintlich besseren Zeiten Erreichte werden.“

So macht Nachtwey deutlich, dass in einigen Bereichen durchaus weiterhin emanzipatorische Fortschritte erzielt werden. Diese Fortschritte tragen häufig aber auch Rückschritte in sich. Als eines von mehreren gesamtgesellschaftlichen Beispielen, die er betrachtet, sei hier auf die Bildung verweisen. So erklärt der Autor, dass sich der Zugang zur Bildung vereinfacht habe. Tatsächlich erreichen Kinder sozial schwächerer Schichten heute leichter eine Fachhochschulreife oder eine Allgemeine Hochschulreife, beginnen ein Studium und erlangen akademische Abschlüsse. Durch diesen leichteren Zugang aber und die steigenden Absolventenzahlen entwerten sich die Abschlüsse gleichzeitig, sodass die Konkurrenz und Verdrängung steigen. Friederike Gösweiner erzählt in ihrem Roman „Traurige Freiheit“ genau davon: Mit allen akademischen Abschlüssen in der Tasche ist sie auf der Suche nach einem Job als Journalistin. Und tingelt doch nur von einem Volontariat zum nächsten. Wenn ihre Zeit vorbei ist, wird sie mit großem Bahnhof verabschiedet, doch weiß sie genau, dass die nächsten willfährigen Volontäre längst warten, dass sie ihren Schreibtisch freiräumt.

Eine weitere Veränderung sieht der Autor u.a. im Bereich der Arbeit selbst. Hier erhalte der einzelne Arbeitnehmer immer mehr Freiheiten und Möglichkeiten, eigene Entscheidungen zu treffen. Er werde so immer mehr zum „Unternehmer seiner selbst“. Das aber sei letztendlich ein faustischer Pakt, denn im Gegenzug dazu werde die “Arbeit entgrenzt und subjektiviert, der Markt buchstäblich in die Unternehmen hinein verschoben“, um so eine höhere Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter zu erreichen. Diese Entwicklung werde in solchen Bereichen zusätzlich anstrengend, in denen „emotionale“ Arbeit geleistet wird, in denen also die Empathie der Mitarbeiter eine wesentliche Rolle im Arbeitsprozess spielt, so wie in allen Berufen, die sich (sozial) um Menschen kümmern. Welche Wirkungen Angst davor, die eigene Leistungsfähigkeit nicht auf den Punkt bringen zu können, haben kann, davon erzählt Kristine Bilkau in „Die Glücklichen“. Da ist es Isabell, die Cellistin, die nach der Geburt ihres Sohnes, als sie ins Orchester zurückkehrt, kaum mehr ihr Solo fehlerfrei spielen kann. Natürlich bekommt sie irgendwann die Kündigung. Später wird das gesamte Orchester entlassen, die Musik vom Band reicht für die Musical-Vorstellungen auch.

Nachtwey zeigt hier weitere Entwicklungen auf, die seine These von der regressiven Moderne belegen. Und verweist auf den „Rolltreppeneffekt“, der sich zum einen durch individuelle Abstiege oder Abstürze zeige. Der Rollentreppeneffekt zeige sich aber zum anderen gerade bei der genauen Analyse gesamtwirtschaftlicher Daten, weil nämlich die Nettoeinkommen seit Jahren eher fallen. Auch sei zu beobachten, dass die Abstände zwischen den besseren Einkommen und den schwächeren sich wieder stärker auseinanderentwickeln. Nachtwey erklärt hier ausführlich, wie fehlende Möglichkeiten des Aufstiegs bzw. sogar soziale Abstiege gerade Teile der Mittelschicht treffen und hier für Verunsicherung sorgen, wie es gerade auch jüngere Akademiker treffen kann, sich von einem befristeten Job zum nächsten zu hangeln und wie dies auch mit der Berufswahl zu tun hat.

Oliver Nachtweys Essay zeigt eine differenzierte Analyse der Gegenwart. Er argumentiert auf der Basis von Zahlen, die seinem Text auch zugefügt sind, aber nicht in einem solchen Maß, dass der Leser vor lauter Daten, Tabellen und komplizierten statistischen Berechnungen den Überblick verliert. Auch wenn der Autor, man erkennt es an seiner „Neoliberalismuskritik“, einen kritischen und auf Probleme aufmerksam machenden Blick hat, wenn er also aus einer „linken“ Position heraus argumentiert, so verliert er sich nicht in einer Negativitätssuada, die der gegenwärtigen Situation ja auch nicht gerecht werden würde, sondern zeigt gerade durch den genauen Blick auf, wo Fortschritte zu verorten sind, wo Rückschritte. Auch die Möglichkeiten, die Menschen bisher genutzt haben, sich zu empören und aufzubegehren, stellt er vor. Dass er keine Lösungswege skizziert, hat auch etwas zu tun mit der Anlage des Textes, der eine Diagnose sein soll.

Für diejenigen also, die einen genauen Blick bekommen wollen auf die manchmal auch entgegengesetzten Veränderungen in unserer Gesellschaft, für diejenigen, die nach Erklärungen suchen für ihre divergierenden Eindrücke und auch für diejenigen, die diesen Entwicklungen immer wieder in den Geschichten der aktuellen Romane begegnen, ist die Lektüre ein Gewinn.

Oliver Nachtwey (2016): Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegheren in der regressiven Moderne, Berlin, edition suhrkamp

Juli Zeh: Neujahr

In erstaunlich vielen jüngst veröffentlichten Romanen spielt Angst eine zentrale Rolle: In Kathrin Gerlofs Roman „Nenn mich November“ hat Marthes Angst vor der finanziellen Zukunft dazu geführt, dass sie einen ihrer Arme nicht mehr als zu sich gehörend empfindet. In Andreas Lehmanns Roman „Über Tage“ trägt Joscha Farnbach auch als Erwachsener noch schwer am Trauma des Unfalltodes seiner Eltern. Und auch in Juli Zehs „Neujahr“ kämpft Henning mit immer wiederkehrenden Panikattacken. Im Unterschied zu Joscha Farnbach aber hat er keine Idee, woher die Angst kommt.

Es fing mit den Attacken vor ungefähr zwei Jahren an, kurz nachdem das zweite Kind, die Tochter Bibbi, geboren wurde. Zuerst kamen sie nur nachts, mittlerweile aber auch am Tag. Zuerst hat er seine Frau Theresa nachts geweckt und sie hat versucht, ihm zu helfen. Hat vorgelesen, seine Hand gehalten, einen Tee gemacht, die Wärmflasche gebracht, den Fernseher eingeschaltet und sie haben es auch mit Sex versucht. Aber nichts von alledem konnte Henning beruhigen. Und seit Henning weiß, dass Theresa ihm gar nicht helfen kann, ist es noch schlimmer.

„Seitdem verbirgt Henning die Attacken. Nachts tigert er durchs Haus und bemüht sich, niemanden zu wecken. Seit es auch tagsüber passiert, hat er gelernt, sich äußerlich normal zu verhalten. Sein Herz rast und stolpert, er schwitzt, alle Muskeln verspannen sich. Aber er tut so, als wäre nichts, redet, isst, spielt mit den Kindern, telefoniert. Manchmal geht er ins Bad und guckt in den Spiegel. Unfassbar, dass man ES nicht sieht. Während das Herz einen irrsinnigen Tanz mit tödlichen Pausen tanzt, sieht sein Gesicht aus wie immer. Vielleicht sind die Augen ein bisschen rot. Natürlich merkt Theresa, was mit ihm los ist. Aber sie sagt nichts dazu. ES ist Hennings Privatsache geworden.“

Auch nun, im Weihnachtsurlaub mit der Familie auf Lanzarote, bleibt er nicht verschont von seiner Angst. Dabei hatte Henning sich diese Reise gewünscht, denn er wollte einfach mal weg von zu Hause in eine andere Umgebung. Aber statt den Urlaub mit den beiden kleinen Kindern zu genießen, schauen er und Theresa aus ihrem Reihenhaus sehnsüchtig nach den schönen Urlaubsvillen, die sie sich nicht leisten können, und Theresa beschwert sich über den kalten Wind, da können die Kinder nicht draußen spielen. Überhaupt ist es schwer, mit den Kindern den Urlaub zu genießen, es scheint so als, wäre „das Leben noch anstrengender als sonst“.

Am gestrigen Silvesterabend haben sie Sitzplätze in einem Hotel gebucht für ein 4-Gang-Menü in der ersten Schicht von 18 bis 20:30 Uhr. Henning hat das als als „demütigend“ empfunden, aber zum Tagesablauf mit zwei kleinen Kindern passt die Zeit gut. Eigentlich ist auch alles gut gelaufen an diesem Abend, zum Schluss ist Henning sogar noch mit mit beiden Kindern auf die Tanzfläche gegangen. Dort aber hat er Theresa entdeckt, tanzend mit einem Franzosen, an dessen Tisch sie im Laufe des Abends öfter mal gestanden und geredet hat. Da ist es dann auch nicht verwunderlich, dass ihn in dieser Nacht wieder eine Panikattacke heimsucht. So schlimm dieses Mal, dass er doch Theresa weckt. Und Theresa, sagt nur, bevor sie sich herumdreht und weiter schläft:

„Ich habe die Schnauze voll von diesem Theater. Glaubst du, es dreht sich alles nur um dich.“ Und weiter: „Deine Neurosen belasten die ganze Familie. Reiß dich endlich zusammen.“

Am Neujahrsmorgen setzt er sich dann endlich aufs Fahrrad mit dem Ziel, den nächsten Berg zu erklimmen. Für den Urlaub hat er sich vorgenommen, endlich wieder öfter Fahrrad zu fahren, als er es zuletzt zu Hause geschafft hat. Er hat extra ein Mountainbike gemietet, dessen Miete eigentlich viel zu teuer ist für das Familienbudget. Nach der verkorksten Nacht und ohne Frühstück, ohne Proviant und Wasser, macht er sich mit seinem Mountainbike über asphaltierte Straßen auf den Weg. Und hängt auf dem Rad, während er zunächst flach durch die Ebene auf den Berg zu gleitet, seinen Gedanken nach.

Und so erfahren wir Leser etwas über sein Leben: Er arbeitet als Lektor in einem Sachbuchverlag, Theresa ist Steuerberaterin. Seit die Kinder da sind, haben sie beide Teilzeitjobs, teilen sich die Hausarbeit, vor allem die Betreuung der Kinder, denn genau das ist ihnen besonders wichtig. Bei dem Konzept verdient Theresa aber mehr als Henning – Wirtschaftsjob schlägt eben Job in Kultur und Wissenschaft. Jedenfalls weiß Henning, „dass er ihr dafür etwas schuldet. Um den gerechten Ausgleich wiederherzustellen, müsste er etwas Zusätzliches für Theresa beziehungsweise für die Familie tun.“

Einmal mehr erweist sich hier, so wie in der Szene bei der nächtlichen Panikattacke, dass es eine merkwürdige Ehe ist, die die beiden da führen, dass Hennings Einschätzung, dass sie als Paar „ziemlich gut funktionieren“, eine sehr zutreffende, eine fast schon zu wohlwollende Beschreibung, eine wenig romantische ist. Und auch wenn seine Gedanken immer wieder darum kreisen, wie sie als Paar miteinander umgehen, welche Beziehung die Kinder zu ihm haben und zu Theresa, und wie wichtig es ihm ist, dass es den Kindern mehr als gut geht, so ist Hennings Konflikt, so ist der Ursprung seiner Panikattacken, keineswegs in seiner wenn auch anstrengenden Rolle als teilzeitbeschäftigter Familienvater und finanziell abgehängter Ehemann zu sehen.

Vielmehr lotet „Neujahr“ aus, wie wir diejenigen geworden sind, die wir sind. Vor Jahren nämlich hat Henning als Lektor einen Autor betreut, der sich mit dieser Frage auseinandergesetzt hat. Der Autor hat in seinem Buch die These vertreten, dass Kinder von ihrer Umwelt, vor allem von den Eltern, in bestimmte Rollen – und er meinte hier die geschlechtsspezifischen Rollen – gedrängt werden. Sein Buch mit dem schönen Titel „Das gemachte Ich“ war so erfolgreich, dass es „bis heute seine Stelle finanziert“. Seit Henning selbst Kinder hat, sieht er die Thesen und Argumente des Autors jedoch höchst kritisch. Er meint: „Kinder sind, was sie sind“, sie verhalten sich so, wie sie es für richtig halten, egal, welche Rollenbilder ihnen ihre Eltern anbieten.

Henning wird, am Ende seiner Fahrradtour in Femés und dann, als er bei einem Haus oberhalb des Ortes, zu dem es ihn unerklärlicherweise hinzieht, angekommen ist, seine Erinnerung an ein Erlebnis aus seiner frühen Kindheit wiederfinden. Damit findet er endlich die Ursache seiner Angst, ausgelöst durch ein völlig verantwortungsloses und egoistisches Verhalten seiner Eltern. Und es bietet sich direkt an, den Faden weiter zu spinnen und in diesem Erlebnis auch die Ursache dafür zu erkennen, dass Henning Theresa und ihrer ätzenden Art so wenig entgegensetzt.

Dass Schriftsteller sich in jüngster Zeit in ihren Romanen mit der Angst auseinandersetzen, dass sie Formen der Angst so anschaulich beschreiben, dass sie die Geschichten dahinter erzählen, die verschiedenen Gründe für die Angst aufdecken – von der Angst, die sich aus der ausweglosen Situation der Privatinsolvenz ergibt, bis zur Angst, die durch die Missachtung von Kindern durch die eigenen Eltern ausgelöst wird -, das ist wichtig, zum Nachfühlen, zum Verständnis bekommen, ja, um das Thema in die Gesellschaft zu tragen und für die Akzeptanz derjenigen werben, die davon betroffen sind und nicht nur mit der Angst, sondern auch mit ihrer Scham umgehen müssen.

Juli Zeh erzählt nah am Leben mit einer klaren und präzisen Sprache. Ihre Figuren meinen wir aus dem Freundeskreis zu kennen, manches haben wir vielleicht sogar selbst so erlebt. Hennings genaue Reflexionen, die er beim Fahrradfahren entwickelt, jedenfalls verweisen doch auf die Überforderungen so vielen junger Eltern, die doch mindestens richtig, wenn nicht perfekt machen wollen. Auch den scharfen Ton, der sich in der letzten Zeit schon einmal bei Theresa und Henning einschleicht, können wir ja gut erklären, es ist ja nicht einfach mit den zwei kleinen, manchmal eben auch quengeligen Kindern, dem halben Job und dem reduzierten Geld, dem großen Wunsch, den Kindern eine gute Kindheit zu bereiten und einen guten Start ins Leben und der gleichzeitigen Sehnsucht nach mehr Luxus. Als sich zeigt, welches Drama Henning in seiner eigenen Kindheit erlebt hat, welche Lieblosigkeit die Beziehung seiner Mutter zu ihren Kindern kennzeichnet, da kann man schon verstehen, dass Henning von ständigen Angstattacken heimgesucht wird. Das ist dann keine Angst vor einer (finanziellen) Zukunft, das sind die Auswirkungen von einem einschneidenden Erlebnis und seinem Verdrängen.

Und trotzdem: Es ist alles so glatt in diesem Roman. Die Sprache so wenig poetisch, der Spannungsbogen so vorhersehbar, die Motive und Bilder und Geschehnisse so deutlich geformt, oft als Spiegel zwischen zwei Zeitebenen, dass ihre Funktion zum Fortschritt der dramatischen Handlung so klar erkennbar ist. Wie eben die schwarzen Steine, die Hennings Mutter bemalt hat, seit er ein Kind war. Die als ein Beweis dafür fungieren, dass er mit seiner Familie schon einmal in dem Haus oberhalb von Femés gewesen ist. Genau so ist der überhastete Aufbruch am Morgen konstruiert, ausgelöst durch den Silvesterabend und die desaströse Nacht, der dazu führt, dass Henning völlig entkräftet und dehydriert der Besitzerin des Hauses vor die Füße sackt. Das wird einem Radfahrer  nicht passieren, denn der weiß um den üblen „Hungerast“ oder auch „den Mann mit dem Hammer“. Hier ist der körperliche Zusammenbruch aber nötig, damit die Besitzerin ihn ins Haus einlädt und wieder aufpäppelt. Und ihm dort, beim Gang durch das Haus, endlich alles wieder einfällt. Und so liest der Roman sich glatt und funktional und läuft auf eine Aufklärung zu wie ein Krimi – und ist doch das schmerzhafte Wiederentdecken eines alten Traumas.

Juli Zeh (2018): Neujahr, München, Luchterhand Verlag  

Céline Minard (2014): Mit heiler Haut (#backlist 1)

Im letzten Jahr hat Céline Minard mit „Das große Spiel“, einer philosophischen Abenteuergeschichten im hohen Gebirge, einen ganz außergewöhnlichen Roman geschrieben. Der machte auf jeden Fall neugierig auf die anderen Bücher Minards. Schon das Cover des 2014 erschienen Romans macht deutlich: „Mit heiler Haut“ ist ein Western. Kann das denn gut gehen, kann das „gute Literatur“ sein? Immerhin ist der Western eher bekannt für seine immer gleichen Klischees, den Postkutschen und Banken, die gerne mal überfallen werden, dem Saloon und dem Gefängnis, den Planwagen und Eisenbahnen, den Siedlern und Indianern, den Glücks- und Goldsuchern, den Ganoven und den Cowboys und ihren immer gleichen Konflikten, die manchmal mit der Hilfe des Sheriffs und der Gesetze gelöst, manchmal aber durch den schnellsten Schützen entschieden werden.

Und tatsächlich: Minard bedient sich all dieser Klischees – und erzählt sie doch alle wieder neu. „Unablässig rollte der Planwagen voran.“ So beginnt der Roman mit der Geschichte von den Brüdern Brad und Jeffrey, die zusammen mit Brads Sohn Josh und ihrer Mutter im Planwagen gen Westen reisen, weil vor allem Brad davon träumt, sich dort eine Farm aufzubauen, am liebsten in der Nähe einer friedlichen Stadt mit ein oder zwei Saloons, wo er auch mal ein Glas trinken gehen kann. In den Monaten ihrer Reise aber haben sie einige Beschwernisse: „Hinten lag die Großmutter und schrie mit aller Kraft gegen die Erde und die Stöße an, gegen die Luft in ihren Lungen.“ Diese Großmutter, die vor siebzig Jahren ihr Dorf in Schottland verlassen hat und nun, hochbetagt, monatelang in diesem unkomfortablen Planwagen „ins letzte Exil“ fährt, ist wütend. Wahrscheinlich völlig zu Recht, wenn die Söhne das Weite suchen mussten, um dem aufgebrachten Nachbarn zu entkommen, dem zwölf Silbertaler entwendet wurden. Erst auf dem Wagen sitzend, nun nur mehr liegend, schreit die Großmutter ihre Mutter nun während langer Passagen der Fahrt um die Erlaubnis an, „endlich das Reich betreten“ zu dürfen. Erst als sich die Indianerin Über-die-Ebene-fließendes-Wasser, eine bei den verschiedenen Indianerstämmen hoch angesehene Heilerin, ihrer annimmt, kann sie endlich in Frieden sterben.

Nicht nur Brad, Jeffrey und Josh reisen durch diese Gegend. Auch Zebulon durchwandert die Prärie, zu Fuß, weil er vor zwei Wochen beschlossen hat, seine Pferde in Owensboro stehen zu lassen und nur noch nachts weiterzugehen. So liegt er auch mal unter einem Salbeibusch beim Mittagsschläfchen, während Männer eine Herde Pferde nahe an ihm vorbei treiben. Zebulon träumt davon, endlich einen Ort zu finden, an dem es etwas zu trinken gibt, ein richtiges Bett mit richtigen Laken, Decken und Kissen – und ein Bad.

Bird Boisverd ist auf seinem Pferd ebenfalls in der Nähe angekommen. Er hat im letzten Winter im Norden zusammen mit Richmond, einem Trapper, „der die feinsten Kniffe seines Berufs kannte“ Fallen gestellt und den Winter über Leder gegerbt. Und dann ist Richmond im Frühjahr, Bird hatte alles schon für die Reise zusammengepackt, einfach des Nachts alleine abgehauen, zum nächsten Markt, wo er die gesamte Arbeit des Winters verkauft hat. Bird ist ihm nachgereist, ist aber zu spät zum Markt gekommen. Seinem Leitspruch folgend, einen Ort immer reicher zu verlassen, als er ihn betreten hat, schärft er ein Messer ohne Griff, das er irgendwo gefunden hat, solange, bis es ein Haar in der Luft spalten kann. Dann sucht er weiter, findet Richmond „und war dann auf eine Art und Weise mit ihm umgesprungen, dass der andere sich nicht mehr daran erinnern konnte.“ Bird hat dann den Norden verlassen, denn der ist keine gute Gegend mehr gewesen für diejenigen, die Selbstjustiz üben.

Auch Elie Coulter, der Goldsucher, ist auf dem Weg. Er ist zu Fuß unterwegs, leider, denn diese Art der Fortbewegung findet er nur „attraktiv, wenn sie von Frauen auf den Brettern einer Bühne oder beim Einkaufen unter den Arkaden einer Stadt praktiziert werden.“ So nutzt er die Gelegenheit, als er Bird Boisverds Pferd alleine am Rand eines Waldes stehen sieht, um es zu stehlen. Und freut sich, dass er nicht nur ein Pferd hat, sondern auch die komplette Ausrüstung eines Trappers sowie Lebensmittelvorräte. Nach der Flucht kocht er damit erst einmal ein schönes Chili. Aber das isst ihm Zebulon weg – Elie hat gerade am Flussufer Haare und Gesicht gewaschen und das Essen nicht bewacht – und beim anschließenden Würfeln verliert Elie alles -entgegen seinem einzigen Grundsatz: „Man darf beim Spielen alles verlieren bis auf sein Pferd“.

Minards Prinzip wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Ihren Roman bevölkern die üblichen Figurentypen, die einen Western ausmachen, die aber in ihrem Roman ganz eigene Denk- und Betrachtungsweisen haben, denen individuelle Vorlieben oder Gewissheiten zu eigen sind, die den Leser immer wieder irritieren, verwundern, zum Lachen bringen. Manche dieser Besonderheiten sind in der Handlung angelegt, der Mittagsschlaf des Romanhelden unter einem Salbeistrauch zum Beispiel, vieles in der Art der Figuren, die Welt zu betrachten und zu träumen, oder auch in der Sprache, in der erzählt wird. Die Autorin jedenfalls bürstet mit großer Freude und Fabulierkunst unsere Vorstellungen vom Western gegen den Strich und erschafft Figuren mit ihren Vorgeschichten, mit ihren Vorlieben und Visionen, mit ihren Träumen, mit ihren Stärken und vor allem auch mit ihren Schwächen. Schwach werden sie nämlich alle schon mal, wenn es um Recht und Gesetz geht, sie alle haben mehr oder weniger Dreck am Stecken. Nicht nur für Zebulon gilt: „Schließlich herrschte hier kein Recht und Gesetz. Genau deshalb war er ja da.“

Langsam nähern sich die Reisenden alle der neuen Stadt, von der sie gehört haben. Dabei ist „Stadt“ ein sehr beschönigender Ausdruck, denn es handelt sich ja eigentlich nur um ein paar Bretterbuden rechts und links einer Straße, dazwischen Zelte. Immerhin aber stehen diese Behausungen mitten in der einsamen Prärie.  Und es sind schon fast alle da, die man in einer funktionierenden Stadt braucht: ein Fleischer, ein Barbier, ein Waffenhändler und ein Eisenwarenhändler. Am Rand hat Nils Antulle eine Schafzucht aufgebaut, seine Töchter fertigen aus der Wolle Decken und helfen beim Vermieten der Betten in ihrem Zelt-Hotel. Das einzige zweigeschossige Gebäude ist der Saloon, den Sally betreibt, mit Zimmern in der oberen Etage, die ihrem Bordell gehören. Hier ist auch Arcadia angekommen, eine Musikerin, die mit ihrem Bass herumreist, sich bei Sally eingemietet hat und nun mit ihrer Musik zum gesellschaftlichen Leben im Ort beiträgt. Die Frauen in dieser Stadt sind überhaupt alle starke Figuren, die locker „ihren Mann“ stehen.

Mit Zebulons Ankunft in der Stadt kehrt ein bisschen mehr Zivilisation ein. Zebulon, der sich schon auf seiner Reise als sehr freundlicher, umgänglicher und hilfsbereiter Mensch erwiesen hat und der sein Gegenüber ein ums andere Mal „sympathisch“ findet, setzt nämlich hier in der Stadt einen Wunsch um: Er, der das Baden so sehr liebt, lässt mit der Postkutsche Badewannen liefern und eröffnet sein Badehaus “Zum rudimentären Luxus“, dessen Preise, das ist ihm ganz besonders wichtig, er so wählt, dass sich jeder die Freuden des Bades leisten kann. Mit seinem Badehaus kommt er ganz schön Sally in die Quere, die an den ersten Tagen nach der Eröffnung kaum Kunden begrüßen kann. Dieses Problem aber lösen Sally und Zebulon ohne Problem.

Hier in der Stadt werden nun die auf der Reise entstandenen Konflikte um Bird Boisverds Pferd gelöst, es werden die Auseinandersetzungen mit dem Obergauner Quibble und seiner Bande nunmehr gemeinschaftlich geführt und es gibt Verhandlungen mit den Dakota-Indianern um den Häuptling Grollendes-Gewitter. So etablieren sich langsam Strukturen, die dem Ort Sicherheit und Stabilität geben und den Rahmen für weitere Prosperität.

Aber Minard geht es nicht nur um den Aufbau einer neuen Stadt. Es geht ihr auch um einen Vater-Sohn-Konflikt, um die Auseinandersetzung mit einem Vater, der in einer anderen Gegend zwar vom Kopfgeldjäger zum Sheriff geworden ist, der sich aber von seinem Sohn in der Öffentlichkeit, noch dazu vor dem Governeur, nicht die Wahrheit sagen lassen kann. Dann kann er auch schon mal die Buchstaben des Gesetzes nach eigener Lesart auslegen. Mit seinen Milizionären ist er dem Sohn nun auf der Spur und findet ihn auch irgendwann in der neuen Stadt. In der Stadt aber ist man schon lange vorbereitet auf die Auseinandersetzung, denn die Indianerin Über-die-Ebene-fließendes-Wasser, bestens vernetzt und im Besitz aller wichtigen Informationen in dieser Gegend, hat mehrfach vor den näher kommenden gefährlichen Männern gewarnt.

Céline Minard hat den Western in anspruchsvolle Literatur verwandelt. Sie jongliert souverän mit seinen Versatzstücken und gibt ihm, auch durch die sprachliche Gestaltung, eine ganz moderne Form. Wenn es um die mystischen Rituale der Indianer geht, dann schleichen sich auch märchenhafte Facetten ein. Und dem amerikanischen Mythos von der Eroberung des Westens stellt sie mit Zebulon eine biblische Figur zur Seite: Sebulon ist einer der Söhne Jakobs, der zum Gründungsvater eines der zwölf jüdischen Stämme wird.

Den großen Showdown zum Ende, den löst sie dann auch auf alt-europäische Weise, vor allem ist hier der Gemeinsinn, in der französischen Revotlution war ja von der Brüderlichkeit die Rede, viel wichtiger als der Cowboy mit dem schnellsten Finger am Colt. Obwohl: geschossen und gestorben wird hier auch, den ersten Schuss gibt Arcadia ab, als einer der Männer des Vaters eine falsche Bewegung macht. Die Bilder aber, die Minard hier vor dem Auge des Lesers entstehen lässt, die langsamen Bewegungen der Protagonisten und ihr Schweigen, die lassen Bilder entstehen, die auch aus einem Westernfilm stammen könnten. Und die Musik von Sergio Leone hat der Leser sofort im Kopf.

Celine Minard (2014): Mit heiler Haut, aus dem Französischen von Nathalie Mälzer, Berlin, Matthes & Seitz

1. Frauenleserin Blogparade zum Jahresende

Kerstin Herbert hat zur Blogparade aufgerufen. Sie interessiert die Frage, ob auf den Blogs ähnlich gelesen wird, wie in den Feuilletonredaktionen, ob nämlich vor allem die männlichen Autoren wahrgenommen werden. Und sicherlich möchte sie mit ihren weiteren Fragen auch noch einmal die Literatur von Frauen in den Fokus rücken, die uns Blogger im Laufe des Lesejahres 2018 in verschiedenen Bereiche besonders beeindruckt haben.

Anlass zu ihrer Blogparade ist ein Beitrag im NDR. Dort wird berichtet über ein Forschungsvorhaben zum Geschlechterverhältnis in der Literaturkritik, das an der Universität Rostock durchgeführt worden ist: Bei ungefähr gleichen Veröffentlichungszahlen in Belletristik und Krimi werden aber, so das Ergebnis der Untersuchung, 70 % Bücher von Autoren besprochen – und an diesen Zahlen haben auch die Kritikerinnen ihren Anteil. Elisabeth Prommer, die die Studie ausgewertet hat, meint dann auch, dass alle Beteiligten schon das Gefühl einer Gleichverteilung hätten, wenn es in Wahrheit um ein Verhältnis von zwei dritteln Büchern von Autoren und einem Drittel Büchern von Autorinnen gehe. Die Redaktion des NDR-Kulturjournals hat dann auch gleich mal bei den eigenen Beiträgen nachgezählt: „Und ja, auch das Kulturjournal hat in diesem Jahr zu 68 Prozent Autoren besprochen. Und nein, damit hätten wir nicht gerechnet.“

Im Sommer schon gab es im Dlf ein Interview mit Veronika Schluchter, die sich an der Universität Innsbruck unter dem Titel „Gender in der Literaturkritik“ auseinandersetzt. Auch diese „Auszählung“, und dabei wurden über 15 Jahre lang Daten von vier überregionalen Tageszeitungen (FAZ, der Standard, TAZ und NZZ) erhoben, kommt zu dem Ergebnis, dass im Feuilleton der genannten Zeitungen sich rund 70 % Kritiker zu Wort melden und sich auch nur ungefähr ein Viertel der Texte mit den Werken von Autorinnen auseinandersetzen. Schluchter erklärt auch, warum das so ist und welche Konsequenzen es hat.

Nun, im letzten Jahr sind sehr renommierte Buchpreise allesamt an Autorinnen gegangen: der Georg-Büchner-Preis an Terézia Mora, der Preis der Leipziger Buchmesse an Esther Kinsky, der Wilhelm-Raabe-Preis an Judith Schalansky, der Deutsche Buchpreis an Inger-Maria Mahlke. Trotzdem: unabhängig von den Preisträgerinnen und ihrer Strahlkraft ist es doch spannend zu schauen, wie der ganz normale Besprechungsalltag aussieht. Und so habe ich auch einmal nachgezählt.

Dabei suche ich Bücher nicht danach aus, ob sie von Frauen oder von Männern sind, aus Publikums- oder unabhängigen Verlagen. Mich interessiert vor allem die Geschichte, die sich am liebsten mit gesellschaftspolitischen Fragen auseinandersetzt oder gar beleuchtet, wie das ökonomische Denken von Ertrag und Zielorientierung immer mehr in das Alltagsleben schwappt. Im letzten Jahr scheine ich bei meiner Suche besonders bei den Autorinnen fündig geworden zu sein, im Jahr davor aber habe ich jedoch nicht einmal im üblichen Drittel-Schnitt gelesen.

Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wie viele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wie viele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich habe gezählt: Nur zwanzig Bücher habe ich auf dem Blog besprochen, 7 Bücher von Autoren, 13 Bücher von Autorinnen. Macht eine Quote von 65 % zu 35 % für die Autorinnen. 2017 aber war das deutlich anders: Da habe ich mich nur 25 % meiner Beiträge mit den Büchern von Frauen auseinandergesetzt.

Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Mich auf ein Buch zu beschränken, finde ich zu schwer. Es gibt eine Reihe Romane, die jeweils beeindruckende Besonderheiten haben, die ich schlecht vergleichen, die ich noch schlechter kategorisieren kann. Also nenne ich mal drei:

Anja Kampmann hat mir mit ihrem Debüt „Wie hoch die Wasser steigen“ ganz besondere Lesestunden beschert. Ihren melancholischen Protagonisten Waclaw, der die letzten Jahre auf Ölbohrinseln überall auf der Welt gearbeitet hat, auf seiner Reise durch Europa und auf der Suche nach Heimat und Halt zu begleiten, in dieser besonders poetischen, lyrischen Sprache, das war schon großartig.

Terézia Mora war für mich eine echte Neuentdeckung. Denn abgesehen von ihrer Poetikvorlesung „Nicht sterben“ habe ich noch keinen ihrer Romane gelesen. Also war der Erzählband „Liebe unter Aliens“ die erste Annäherung an das Erzählwerk. Und obwohl ich nicht die größte Freundin von Kurzgeschichten und Erzählungen bin, so haben mich diese Geschichten Moras um Außenstehende sehr für ihre Schreibkunst eingenommen.

Kathrin Gerlof erzählt in ihrem Roman „Nenn mich November“ die Geschichte der Absteigerin Marthe, die ihren Namen nicht mag und so ihre Freunde auffordert, sie November zu nennen. Aus gut situierten Verhältnissen mit zwei gut bezahlten Jobs stürzen sie und ihr Mann David in die private Insolvenz, als ihre Geschäftsidee mit kompostierbarem Geschirr nicht die gewünschten Erlöse bringt (vielleicht waren sie einfach ein paar Jahre zu früh am Start und hätten nun bessere Chancen….). Die Berliner Wohnung können sie so nicht mehr halten, überhaupt wird das Leben in der Großstadt zu teuer. Und so ziehen sie aufs Land, in ein kleines Dorf inmitten der Mais-Monokultur. Und dort lernt Marthe, was es bedeutet, fremd zu sein.

Welche Autorin hast Du in diesem Jahr für Dich entdeckt und was macht sie für Dich so besonders?

Céline Minards Roman „Das große Spiel“ erzählt die Geschichte einer Protagonistin, die sich in den Bergen auf ca. 1500 Metern eine Hightech-Überlebenskapsel baut, um die nächsten Monate und Jahre alleine in den Bergen verbringen zu können. Dort legt sie Beete an, erwandert und erforscht ihre Umgebung. Irgendwann trifft sie auf Spuren einer anderen menschlichen Existenz. Und so beginnt „Das große Spiel“.

Minard schreibt einen Abenteuerroman mit einer weiblichen Hauptfigur, die sich neben den notwendigen, manchmal ja durchaus beschwerlichen Tätigkeiten auch dem Beobachten von Vögeln, dem Betrachten der Natur und der Auseinandersetzung mit Fragen der Existenz und der Macht auseinandersetzt. Wenn sie diese andere Existenz trifft, wenn es dann darum geht, wer hier die Macht gewinnt, dann schleichen sich auch schauerliche Momente in den Abenteuerroman.

„Das große Spiel“ ist nicht der erste Roman Minards. Ein Blick in ihre Werke zeigt, dass sie in ihren Romanen auch immer wieder mit anderen Genres experimentiert. So hat sie einen Western geschrieben („Mit heiler Haut“) und die Lebensbeichte einer erfolgreichen Schriftstellerin („So long, Luise“). Diese Lust, bei jedem Roman etwas ganz Neues auszuprobieren, dafür auch immer wieder mit den Motiven der jeweiligen Genres zu spielen und eine dazu passende Sprache zu erproben, finde ich sehr faszinierend. „Mit heiler Haut“ habe ich schon gelesen: ein toller Western, abseits der üblichen Klischees – die aber trotzdem alle eine Rolle spielen. Das ist auch „ein großes Spiel“. Und so liegt auch „So long, Luise“ hier schon zum Lesen bereit.

Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Zu diesem Thema habe ich nichts gelesen.

Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Da habe ich schon zwei Bücher im Blick, die auch schon bei mir eingezogen sind. Die bestätigen, was ich oben geschrieben habe, dass wohl im Moment die Frauen diejenigen sind, die von „meinen Themen“ erzählen:

StellingAnke Stelling: Schäfchen im Trockenen  – Darin erzählt die Erzählerin Resi davon, wie dumm es war, die tolle und vor allem bezahlbare Mietwohnung in der Berliner Innenstadt als Untermieter eines Freundes zu mieten, der sie nun, nachdem er sich über sie geärgert hat, aus der Wohnung wirft. Da wird sie nun mit Ehemann Sven und den drei Kindern genau zum neuen Jahr auf der Straße stehen.

Und nun rechnet sie ab mit ihren alten Freunden, die, so sieht Resi es, alle ihre Ideen und Werte aus Schul- und Unizeiten längst über Bord geworfen haben, um in einem bürgerlichen Alltag anzukommen, der vielleicht nicht so spießig ist, wie der der Eltern, aber dieselbe normierende Kraft hat. Die, weil sie die richtigen beruflichen Entscheidungen getroffen und Kinder erst später bekommen haben, über ganz andere finanzielle Verhältnisse verfügen als Resi und Jens, die sich beide als Künstler mehr schlecht als recht durchs Leben larvieren.

MermerVerena Mermer: Autobus Ultima Speranza – Im Bus der letzten Hoffnung sitzen die Arbeitsmigranten aus Rumänien, die den Bedrückungen der Arbeitslosigkeit dort versuchen zu entkommen, indem sie sich in in West-Europa im Dienstleistungsbereich zu niedrigsten Löhnen verdingen. Und mit diesem Bus ab und zu nach Hause fahren, um die Familien zu besuchen. So auch jetzt, zwei Tage vor Weihnachten.

Das scheinen zwei spannende Bücher über die aktuellen gesellschaftlichen (und wirtschaftlichen) Probleme zu sein. Ich bin sehr gespannt.

Und auf Kesrtin Herberts Seite findet ihr auch die Links zu den anderen Blogs, die bei dieser Blogparade teilnehmen.

Leserückblick 2018 (3): Vier Familienromane erzählen europäische Geschichte(n)

Möglicherweise gibt es sie in jedem Jahr, aber in diesem Jahr haben mir gleich vier Romane ganz besondere Lesezeiten beschert, die sich dem Genre des Familienromans zurechnen lassen. Auffallend sind sie, weil sie nicht so sehr von den Konflikten und Probleme zwischen den Figuren und ihren Zielen und Werten erzählen oder vom ewigen Zwist zwischen den Generationen, weil sie eben nicht in erster Linie vom Zusammenleben in den Familien erzählen und daraus eine Geschichte entwickeln. Auffallend sind sie, weil sie eher anders herum die Frage ausloten, wie die Familienmitglieder, wie die Familienverbände insgesamt mit gesellschaftlichen, ja, vor allem mit politischen Zeitläuften umgehen, wie sie dem Druck politischer Ideologien standhalten – oder eben auch nicht –, wie das Leben einzelner oder auch das Leben der gesamten Familie beeinflusst wird durch die politischen Zustände. Manche versuchen sich wegzuducken und entwickeln Mechanismen, um den toxischen Anforderungen aus dem Weg zu gehen, damit sie ihr Leben unbehelligt weiter führen können, und fühlen sich alleine durch diese Haltung schuldig. Manche werden zu Mitläufern, manche zu Tätern. Manche engagieren sich in der Opposition und nehmen die Folgen in Kauf. Die Romane erzählen auch davon, wie schwer es sein kann, sich der Schuld der vorherigen Generation zu stellen, wie schwer eine Versöhnung ist.

Alle vier Romane also erzählen von Familien in politisch unruhigen Zeiten. Und sie setzen den Familienroman in höchst unterschiedliche Erzählkonzeptionen um. Dabei bieten vor allem die vielseitigen Romane Aramburus und Melandris sowohl detaillierte Charakterzeichnungen sowie auch atmosphärisch dichte Schilderungen. Und da ich alle vier noch nicht vorgestellt habe auf dem Blog, ist das nun eine gute Gelegenheit dazu.

Fernando Aramburu: Patria

Patria, die Heimat, das ist das Baskenland. Besser noch: Das Dorf, in dem Bittori und Miren wohnen. Sie sind beste Freundinnen seit Kindertagen. Gemeinsam wollen sie ins Kloster gehen, heiraten aber doch fast zeitgleich in den 1960er Jahren, bekommen Kinder und leben weiter in ihrem Dorf, nicht weit entfernt von San Sebastian. Die Familien bleiben befreundet, die beiden Männer – Txato und Joxian – verbringen viel Zeit beim baskischen Nationalsport, dem Fahrradfahren, und sitzen gemeinsam mit den anderen Männern des Dorfes in der Kneipe. Beide sich sie wortkarg und lassen sich von ihren dominanten, oft übellaunigen und intriganten Frauen herumkommandieren.

Im Hintergrund radikalisiert sich die ETA, verübt Anschläge auf Gebäude und Busse, dann auch gezielt auf Menschen. Um diesen Krieg aus dem Untergrund bezahlen zu können, erpresst sie Geld von Unternehmern, oft gepaart mit Drohungen gegen Familienmitglieder. So treten sie auch an Txato heran, den Mann Bittoris, der eine Spedition aufgebaut hat und der deshalb gar nicht viel hält von diesem Separationskampf. Er hält den Mund, will sich heraushalten, zahlt einmal und hofft, nun längere Zeit Ruhe zu haben. Die ETA aber sieht in Txato eine weiter sprudelnde Geldquelle, immerhin hat er Mitarbeiter, beutet also, in ihrer Sichtweise, Landsmänner aus. Als Txato nicht bezahlt, er kann es sich auch nicht mehr leisten, gerät er im Dorf ins Abseits. Wandschmierereien tauchen auf, die Txato als Polizeispitzel darstellen, als Unterdrücker und Ausbeuter. Auch Miren beendet ihre Freundschaft mit Bittori abrupt. Dann wird Txato erschossen, ein paar Schritte von seinem Haus entfernt, und ausgerechnet von Joxe Mari, dem Sohn Mirens und Joxians.

Aramburu erzählt diese Geschichte zweier Familien aus den Perspektiven der neun Familienmitglieder: der zwei Elternpaare und der insgesamt fünf erwachsen werdenden Kinder. So entsteht eine Vielstimmigkeit, so werden die verschiedenen Sichtweisen und Interessen ausgelotet, so gelingt ein ganz differenzierter Blick darauf, wie sich die Mechanismen einer Ideologie in der Enge des Dorfes entwickeln.

Einmal steht Arantxa, die Tochter Mirens, die früh einen Spanier geheiratet hat und weggezogen ist, dann aber wieder zurückkommen musste, weil sie wegen eines Schlaganfalls auf ständige Hilfe angewiesen ist, vor dem Spiegel, um sich zu betrachten. Ihr Leben, so überlegt sie, ist „in Glasscherben zerbrochen wie eine zu Boden gefallene Flasche. Und in jeder Scherbe eine Erinnerung, eine Episode, verstreute Schatten und Figuren des Gestern“. So ist auch Aramburus Erzählkonzept.

„Patria“ ist ein ganz aktueller Roman: Zum einen hat die Eta nach einer Umfrage unter den inhaftierten Mitgliedern im Frühjahr 2018 ihre Auflösung bekannt gegeben. Zum anderen aber zeigt Aramburus Roman am Beispiel des Baskenlands, zu welchen Verwerfungen Formen des exklusiven Nationalismus bis in die einzelnen Familien führen können.

Francesca Melandri: Alle, außer mir

Es ist 2010 und Oberst Muammar Al-Gaddafi absolviert in Rom seinen Gegenbesuch bei Ministerpräsident Berlusconi. Wenn Gaddafi mit seiner „Diktatorenlimousine“ die Straßen passiert, dann will er natürlich „nicht an den geparkten Wagen von Normalsterblichen vorbeifahren“. Aus diesem Grund sucht Ilaria Profeti, die für das neue Schuljahr eingekauft hat, ihr geparktes Auto vergeblich. Wo sonst kein Parkverbot ist, ist es nun verboten zu parken, ein handgeschriebener DIN-A4-Zettel weist darauf hin. Und dann sitzt, als sie nach Hause kommt, auch noch dieser junge Mann vor ihrer Tür, Mitte zwanzig wahrscheinlich, mit spindeldürren Beinen und einer Hautfarbe so dunkel wie die Wohnungstüren aus Holz, und behauptet, Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti zu heißen – Attilio Profeti, so wie ihr Bruder und wie ihr Vater. Er zeigt ihr seinen äthiopischen Pass, in dem tatsächlich der Namen ihres Vaters steht. Und der junge Mann meint, sie sei seine Tante.

Diese ersten Szenen enthalten bereits alles, was Melandri auf den nächsten 600 Seiten ihres Romans entfaltet: die zweijährige Flucht des jungen Äthiopiers über die fast unbeschreiblichen Lager Gaddafis, die, von Europa finanziert, sozusagen als letztes Bollwerk in Afrika die Fluchtströme von Europa ab- und aufhalten sollen, wofür Gaddafi im Gegenzug in den Hauptstädten Europas seine operettenhaften Auftritte inszenieren darf und und gut dotierte Abnahmepreise für sein Gas erhält; die Herkunft Shimeta Ietmgeta Attilaprofetis als Enkel eines der italienischen Kolonialherren in den 1930er Jahren; die Lebensgeschichte des schillernden Attilio Profeti, der sein Glück in Abessinien machen möchte und dabei nicht nur den mit einem wissenschaftlichen Mäntelchen kaum bekleideten Rassismus gegen die afrikanische Bevölkerung mitmacht, sondern auch noch in üble Kriegsgräuel verwickelt ist, während er gleichzeitig mit einer Äthiopierin lebt und mit ihr Kinder hat; Ilaria, die Lehrerin, die sich daran macht, die Geschichte ihres Vaters zu recherchieren, von dem sich herausstellt, dass er keineswegs „im Widerstand“ gewesen ist, wie es immer gesagt wurde, sondern der in den Kolonien eine Familie hatte, deren Existenz er nach dem Krieg verschwiegen und verdrängt hat – so lange, bis der junge Mann vor der Tür steht.

Melandri erzählt in ihrem auch kompositorisch großartigen Roman ein Stück italienische Geschichte, die nach dem 2. Weltkrieg erfolgreich verdrängt wurde. Dabei zeigt sie alle denkbaren Formen von Rassismus auf, die faschistischen Formen, die plumpen Formen des Alltagsrassismus in der demokratischen römischen Nachkriegszeit, die heute unter Mitwirkung der Bürokratie gängigen Formen im Umgang mit den über das Mittelmeer Geflüchteten. Sie erzählt auch davon, wie leicht es nach dem Krieg gewesen sein muss, eine weiße Weste zu bekommen, denn offensichtlich hat sich niemand die Mühe gemacht, die Erzählungen der Lebensgeschichten zu überprüfen: Ilaria braucht nur einmal in der Staatsbibliothek nach einem Eintrag ihres Vaters suchen – und schon findet sie einen Artikel, der seine üblen Tätigkeiten in Äthiopien umreißt.

Melandri hat einen fulminanten Familienroman über ein dunkles Kapitel der italienischen Geschichte geschrieben, der aber auch ganz viel von unserer Gegenwart erzählt, von der in Addis Abeba genau wie von der in Rom.

Inger-Maria Mahlke: Archipel

Archipel, das ist Teneriffa. Dort leben die Familien Baute und Bernadotte schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Bernadottes sind reich, die Männer sind Offiziere beim Militär, im Bürgerkrieg sind sie auf der Seite Francos. Der Vater Julio Bautes war Apotheker, die Familie kämpfte gegen die Faschisten, Julio ist noch zu jung, aber sein Bruder engagiert sich politisch und wird getötet. Heute, mit über 90 Jahren hochbetagt, lebt Julio im Asilo, im Altenheim, bekleidet dort aber den Job eines Portiers. Er sitzt in der Portiersloge, schaut im Fernsehen begeistert den Giro d´Italia oder die Vuelta, öffnet die Türe für die Besucher und hält sie geschlossen, wenn ein Mitbewohner hinausschlüpfen möchte, der das nicht darf. Was es für Julio bedeutet, Amalia Gonzáles Herrera, die den Falangisten Mario kannte und nun auch eine Mitbewohnerin im Asilo ist, in seinem Refugium einen Stuhl heranzuziehen und sie dort neben sich sitzen zu lassen, das lässt sich nur erahnen.

Julios Tochter Ana ist mit Felipe Bernadotte verheiratet und lebt mit ihrer Familie in dem langsam verfallenden Stammsitz der Bernadottes. Felipe hat vor Jahren seine Arbeit als Professor aufgegeben, sitzt seitdem im Club herum und vertreibt sich die Zeit mit dem Trinken. Ana ist Lokal-Politikerin auf Teneriffa und zuständig für den Tourismus. Da entscheidet sie über viel Geld, das von der EU zu den ortsansässigen Unternehmen fließt. Leider, so würde Julio sagen, ist sie in der falschen Partei. Gerade droht ihr ein ordentlicher politischer Skandal, doch man hat beschlossen, ihren Kollegen zu opfern. In dem Korruptionssumpf, in den Ana ein bisschen Einblick gibt, ist zu erwarten, dass Ana dafür demnächst ein Entgegenkommen in der einen oder anderen Frage rund um ihre Tourismuspolitik zeigen sollte. Und Tochter Rosa hat ihr Kunststudium in Madrid hingeschmissen und ist ohne Plan und ohne Ziel zurück auf die Insel gekommen.

Die Familien machen deutlich: Zwar haben sich die ehemaligen politischen Gräben geschlossen, es gibt Annäherungen und Hochzeiten zwischen ehemals Verfeindeten, aber wirklich glücklich oder zumindest zufrieden scheint hier keiner der zu Beginn des Romans vorgestellten Figuren. Statt diese Situation aber weiter zu erzählen, wählt Inger-Maria Mahlke einen anderen Weg: Sie erzählt ihre Geschichte nun rückwärts, steigt sozusagen immer weiter hinab in die Tiefen der Geschichte und beleuchtet so einzelne Ereignisse in den Jahren zwischen 2015 und 1919, Julios Geburtsjahr.

Als Leser ist diese Asynchronität ein ganz befremdliches Erlebnis: das Figurentableau ändert sich auf ungewöhnliche Weise, wenn aus Erwachsenen Kinder werden und Erwachsene hinzukommen, von denen ein paar Jahre später (und ein paar Seiten vorher) nicht erzählt wurde, weil sie vielleicht schon tot sind oder die Insel verlassen haben. Und auch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern sich natürlich gegen die Zeit: von der Touristeninsel entwickelt sich Teneriffa zum wichtigen militärischen Stützpunkt während der Westsahara-Kriege Spaniens, dann zum Interessensgebiet der Engländer, die hier für ihre Handelsbeziehungen die günstige geografische Lage Teneriffas nutzen konnten. Mittendrin, neben einer Vielzahl anderen Figuren, immer die Familien Baute und Bernadotte – und Merche Ruiz Pérez und ihre Tochter, die über die Zeiten hinweg als Hilfe im Haus der Bernadottes arbeiten.

Inger-Maria Mahlkes Roman, auch mit dem Deutschen Buchpreis 2018 ausgezeichnet, ist durch die rückwärtsgerichtete Art des Erzählens sicherlich der irritierendste Familienroman dieser Zusammenstellung. Und zwar nicht so sehr wegen seines Inhaltes, auch wenn es hier viel zu lernen gibt über eine Insel am Rande von Europa, sondern mehr mit Blick auf seine Form. Denn das rückwärtsgerichtete Erzählen fordert den Leser viel mehr als das chronologische, sogar mehr noch als das assoziative, das Aramburu für seinen Roman gewählt hat.

Maxim Biller: Sechs Koffer

Maxim Biller erzählt in seinem Roman am Beispiel der Familie Biller, wie das perfide osteuropäische Bespitzelungssystem eine Familie bis in die Grundfesten erschüttern kann. Da ist der Großvater Schmil Gregorewitsch in Moskau hingerichtet worden – und unter den vier Söhnen und ihren Frauen und den Kindern geht es fortan und in den nächsten Jahren immer wieder um die Frage, wer ihn verraten haben könnte. Die Auseinandersetzung mit dieser Frage sät Argwohn, Zweifel und Zwietracht unter den Familienmitgliedern. Jeder könnte es sein, jeder hat in seinem Leben irgendwo einen biografischen Flecken, der ihn angreifbar macht, der ihn vielleicht in die Fänge der Geheimdienste hat geraten lassen. Vielleicht aber auch ist diese Verdächtigung untereinander falsch, vielleicht hat das florierende Geschäft des Großvaters, des Taten, über den eisernen Vorhanghinweg alleine schon für dessen Verhaftung und Ermordung gesorgt. Schließlich ist er schon Monate vorher einmal am Flughafen in Moskau verhaftet worden – er und die Dollar, die er bei sich führte.

Der Roman setzt ein mit dem Tag im Mai 1965, an dem Dima, der Onkel des Erzählers, aus der Haftanstalt in Prag entlassen wird. Da stellt der Ich-Erzähler, damals noch ein kleiner Junge, die These auf, dass Onkel Dima den Großvater verraten habe. Diese These kann der Ich-Erzähler im Laufe seines Lebens nicht klären, denn es gibt Indizien, die dafür sprechen, aber auch solche, die dagegen sprechen. Und genauso wie Dima könnte es auch der eigene Vater gewesen sein, oder Rada, die Mutter, es könnte Natalia, die Frau von Dima, gewesen sein oder der Bruder Lev.

Der Ich-Erzähler geht der Geschichte aus den verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder nach. Doch je mehr der sechs Koffer Biller nun öffnet, umso unsicherer wird die Situation – auch für den Leser. Es fühlt sich für den Leser an, als stünde er auf Treibsand, der umso mehr nachgibt, je mehr Informationen er bekommt. Denn wenn schon einzelne Informationen nicht wirklich zuverlässig sind, wie soll er dann erst die gesamte Lage beurteilen.

Und so ist das Besondere an Billers Erzählkonzeption, den Leser miterleben zu lassen, wie das System der Zersetzung funktioniert, wie Misstrauen in die Familie gelangt, wie keine offene und ehrliche Beziehung mehr stattfinden kann – und das zwischen Brüdern, zwischen Ehepaaren, zwischen Eltern und Kindern, Onkeln und Neffen. Dass es sich dabei um eine Familie handelt, deren Mitglieder auf einer wenn auch über Jahre sich hinziehenden Flucht sind und nirgendwo wirklich zu Hause, einer Familie, deren Mitgliedern immer wieder antisemitische Vorurteile entgegengebracht werden, macht ihre Situation nicht einfacher. Da ist es vielleicht nicht schlecht, sich wie der brave Soldat Schwejk (Übersetzungsarbeit des Vaters ins Russische) mit Täuschung, Pfiffigkeit und Witz durch das Leben zu schlagen.

Fernando Arambur (2018): Parria, übersetzt von Willi Zurbrüggen, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

Francesca Melandri (2018): Alle, außer mir, übersetzt von Esther Hansen, Berlin, Wagenbach Verlag

Inger-Maria Mahlke (2018): Archipel, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

Maxim Biller (2018): Sechs Koffer, Köln, Verlag Kiepenheuer & Witsch

Paulchen entdeckt Bücher

Leserückblick 2018 (2): Vier Entdeckungen

Das Jahr 2018 hat mich nicht nur mit einer Roman-Serie überrascht, sondern mir auch verschiedene Entdeckungen beschert. Entdeckungen von Autoren, die mich mit ihrem Debüt überzeugt haben und Entdeckungen von Autoren, die schon länger publizieren, von denen ich aber bisher noch nichts gelesen habe. Ihre Romane haben mich auf eine Ölplattform und durch halb Europa geführt, in die hohen Berge und ins ostdeutsche Dorf. Das waren alles interessante, merkwürdige und anregende Reisen, auf denen ich vieles entdecken konnte, die mich vor allem aber auch durch die Art ihrer Erzählung begeistert haben.

Anja Kampmann entführte mich auf die schon genannte Ölplattform und zu den Nomaden-Arbeitern, die den Ölfördergebieten nachziehen,um den Energiehunger der Welt zu stillen. Da ist Waclaw, der nach dem Tod seines besten Kumpels Mátyás nicht mehr zurückkehren kann in den alten Lebensrhythmus zwischen zwei Wochen Arbeit auf der Plattform und zwei Wochen Reisen und Spielen und Genießen an Land. Von Sizilien aus macht er sich auf denWeg über die Alpen ins Ruhrgebiet und dann Richtung Polen und begibt sich auf die Suche nach seinen Wurzeln. Waclaws Geschichte erzählt Anja Kampmann in so einer verdichteten, poetischen und melancholischen Art, das sie noch langenachhallt. Und dabei ist dieser Roman ihr Debüt.

Céline Minrad schickt ihre Protagonistin in die hohen Berge. Hier, auf 1600 Metern Höhe, legt sie ihren Gemüsegarten an, erwandert ihre unmittelbare und auch die weitere Umgebung, steigt auf ihren Hausberg und beobachtet Licht und Wetter aus ihrer High-Tech-Überlebenskapsel. Irgendwann entdeckt diese Abenteurerin mehr und mehr Spuren eines anderen Wesens, entdeckt gar vor einem verlassenen Steinhaus, das die Elektrizitätsgesellschaft vor Zeiten gebaut hat, ein Wesen sitzen, eine Gestalt mit wolligem Umhang, vielleicht Mensch, vielleicht Tier. Es beginnt ein Kampf um die besten Plätze, teils erbittert geführt, teils mit List, manchmal auch als versöhnliches Beisammensein. Das spannende an diesem Roman sind die philosophischen Überlegungen der Protagonistin, wenn ihre Gedanken beispielsweise um die wesentlichen Fragen des Lebens kreisen und die Fragen von Autorität und Macht. Besonders reizvoll ist auch die Art des Erzählens, die nämlich ganz ohne Projektionen auskommt, die ganz in der Beschreibung der Situation bleibt und so ganz anschauliche, ganz plastische Momente schafft. Auch das Genre des Abenteuerromans bekommt durch manche Schilderung unheimlicher Momente ganz neue Facetten. 

An Terézia Moras Romanen habe ich mich lange vorbeigeschlichen. Ihre Frankfurter Vorlesungen („Nicht sterben“) habe ich dann jedoch mit großem Interesse gelesen. Und da stand ja noch dieser Erzählungsband in meinem Regal. In diesem Sommer habe ich ihn endlich gelesen.  Und gestaunt, wie Mora es gelingt, von den soganz normalen Menschen, ja, den Menschen, die alle einen oder mehrere Kratzermit sich herumtragen, zu erzählen. Manche Kratzer haben sie sich selbstzugefügt, manche hat ihnen das Leben mit auf den Weg gegeben. Und diese oft einsamen, manchmal in ihren Gewohnheiten merkwürdigen Figuren, die im Licht der üblichen Konventionen vielleicht sogar als Aliens bezeichnet werden können, bringt Mora uns durch ihre Erzählung ganz nah, zeigt sie in ihrer Verletzlichkeit, gibt ihnen eine besondere charakterliche Tiefe und vor allem eine Würde. Von zehn Schaukästen habe ich geschrieben, in die uns die Erzählerin blicken lässt,wenn wir ihre Geschichten lesen, von bis ins kleinste Detail modellierte Welten.Mich haben sie sehr berührt – und es wird nicht mein letzter Terézia Mora Band gewesen sein!

Auf Kathrin Gerlofs Roman „Nenn mich November“ bin ich ineiner kurzen Rezension in der Tageszeitung aufmerksam geworden. Da ist es doch,mein Thema, dachte ich, als ich dort las von dem Berliner Ehepaar, das dasAbrutschen in die Hartz-IV-Welt zu einem Umzug in ein ererbtes Haus in ein Kaffzwischen den Maisfeldern der ostdeutschen Provinz zwingt. Der Ehemann, David, hat wohl seinen Job verloren. Von einer Abfindung jedenfalls ist die Rede, die er zum großen Teil an der Börse verzockt. Die Reste steckt er in eine innovative Idee, die er mit seiner Frau Marthe umsetzen möchte. Die hat nämlich bei der Arbeistsagentur gekündigt, weil sie dieÜberprüfung und Gängelei ihrer „Kunden“ nicht mehr ertragen konnte. Aber kompostierbares Porzellan, so die Geschäftsidee, könnte ja durchaus marktfähig sein. Es klappt aber nicht und David und Marthe bleibt nur der Umzug in das geerbte Haus in der Provinz. Da lässt sich vielleicht die Zeit der Privatinsolvenz besser überstehen als in der teuren Hauptstadt. Als dann auch noch die Flüchtlinge im Dorf untergebracht werden sollen, kommen latente Abwehrreflexe gegen alles, was fremd ist, ans Tageslicht. Ein leiser Dorfroman, der davon erzählt, wie es um unsere Welt bestellt ist.

Von allen Autorinnen habe ich in diesem Jahr zum ersten Mal einen Roman gelesen. Außer Kampmann haben alle anderen den einen oder anderenRoman veröffenlticht. So wird es im nächsten Jahr sicherlich immer mal wiederzum #backlistlesen kommen.

Leserückblick 2018 (1) – Vom Roman zur Serie – und wieder zurück

Das Lesejahr 2018 ist – fast – vorbei. Ein guter Moment also zurückzuschauen, was es an besonderen Romanen, Geschichten und Figuren gebracht hat. Mein erster Blick fällt dabei auf eine Roman-Serie. Auf Virginie Despantes Trilogie um Vernon Subutex, der die Literaturkritikerin Antje Deistler den Vergleich mit einer süchtig machenden TV-Serie mit auf den Klappendeckel gegeben hat [1].

Beim ersten Band wusste ich noch gar nicht so genau, ob ich den Roman gut finden, ob ich gar die beiden nächsten Teile ganz oben auf meine Leseliste setzen sollte. Die manchmal derbe Sprache, der Protagonist mit den charakterlichen Macken und seiner merkwürdigen Lethargie, die anderen Figuren, auf deren Sofas er übernachtet, die auch nicht alle so richtig sympathisch sind, die vielen Geschichten um Sex, Drogen und Gewalt, die Hyäne mit ihren Cybermobbing-Attacken und dann der kontinuierliche Absturz Vernons – nicht gerade eine ganz freudige Lektüre.

Aber trotzdem: Schon im ersten Band hat Virginie Despantes es auch geschafft, mich neugierig zu machen auf die Figuren. Sie verrät sie nicht, sie gibt ihnen eine Stimme und sie schafft so glaubwürdige Figuren, die alle eine Geschichte mit sich tragen, die ihre Verhalten erklärbar machen, wenn auch nicht immer akzeptabel. Und natürlich ist Despantes ausgefuchst genug, so viele Handlungsfäden vor dem Leser auszubreiten, dass er dann ja doch auch wissen möchte, wie es denn weiter geht. Nicht zuletzt hängt Vernon Subutex am Ende des ersten Bandes zwar nicht an der tatsächlichen Klippe, verschwindet aber mitten im Winter und schwer krank in den Parks von Paris. Auch ein Cliffhanger auf Leben und Tod. Ist der Roman also doch eine Imitation der ganz erfolgreichen und „süchtig machenden“ Fernsehserien?

Eigentlich ahmt die Fernsehserie ja den Roman nach: Im Roman haben die Figuren Zeit, sich über verschiedene herausfordernde Situationen zu entwickeln. Sie treffen – meistens zumindest – auf ein größeres Tableau anderer Figuren, die ihren Weg begleiten, an denen sie sich stoßen und abarbeiten, die sie auch inspirieren. Dabei bleibt viel Raum, um das handlungsfördernde Thema, den Konflikt, aus vielen Perspektiven zu betrachten und so seine Komplexität auszuloten. Der Plot selbst dient als roter Faden, an dem entlang sich die Handlung entspinnt, manchmal über viele Jahre – und viele Romanseiten -, sodass er gar aus dem Blick geraten kann, nur um dann umso dringlicher wieder ins Bewusstsein der Figuren und des Lesers zu treten. Und der Roman kann es sich durchaus auch leisten, verschiedene Erzählstimmen zu Wort kommen zu lassen und verschiedene Perspektiven einzunehmen – Multiperspektivität also im Dienste der Komplexität des Themas oder der Charaktere.

Seit geraumer Zeit finden sich genau diese Erzählmuster auch in den sehr erfolgreichen Fernsehserien, denen ein Qualitätsetikett angehängt wird. DVD und Streaming als neue Zugriffsmöglichkeiten auf die Serien schaffen veränderte Rezeptionsgewohnheiten: Wenn der Zuschauer sich nicht mehr an der vom Sender festgelegten Sendezeit einer einzigen Episode orientieren muss, wenn er also nicht zu einer bestimmten Zeit vor dem Fernseher sitzen muss, um in dosierten Häppchen der Geschichte folgen zu können, sondern selbst bestimmen kann, wann er wie viele Folgen sehen möchte, dann kann die Geschichte auch anders gestrickt sein. Ein Problem, ein Konflikt muss dann eben nicht am Ende dieser einen Folge gelöst sein, sondern kann durchaus über mehrere Folgen hinweg erzählt werden. Der Zuschauer wiederum verpasst nichts, zur Not kann er sich auch eine alte Folge noch einmal anschauen.

Diese veränderte Rezeption bietet dann auch die Möglichkeit, dass sich die Figuren entwickeln können, dass multiperspektivisch erzählt wird, dass verschiedene Handlungsstränge ineinandergreifen. Episches oder horizontales Erzählen wird diese Art der Dramaturgie genannt – so wie wir sie aus Romanen kennen [vgl. 2]. Da sich die Serien, gerade die mit dem Qualitätsanspruch, auch zunehmend sozialen, politischen und kulturellen Themen zuwenden, da sie durchaus realistisch sind, bezeichnen Metz und Seeßlen sie dann auch als „erwachsen“ geworden [3].

Despantes hat mit „Vernon Subutex“ eine Roman-Serie geschrieben, die die Facetten der großen Fernsehserien durchaus adaptiert und in Literatur zurückübersetzt. Ihre Romane sind realistisch, sie zeigen, wie unsere Welt funktioniert – auch wenn sie eher besondere gesellschaftliche Milieus ausleuchtet, nicht unbedingt das Leben der „ganz normalen“ Arbeiter und Angestellten. Ihre Romane sind durch die Vielfalt der Figuren und unendlich vielen Einzelheiten, die diese erzählen, besonders komplex. Einzelne Figuren bekommen im Laufe der Handlung immer wieder eine Stimme, sodass sich Veränderungen in den Figuren – und ihre Auslöser – zeigen. Und das erzählt Despantes so überzeugend, dass der Leser auch den unglaublichsten Volten der Figuren ohne Murren folgt. So entsteht über die drei Bände hinweg und über die verschiedenen Handlungsstränge eine Art Gedächtnis, das erst diese Entwicklungen zeigen kann.

Despantes verknüpft ihre Figurenführung und ihren Plot mit kontroversen gesellschaftlichen und politischen Themen: veränderte wirtschaftliche Strukturen, z.B. durch die Digitalisierung, denen Subutex mit seinem Plattenladen zum Opfer fällt, verschiedene Facetten religiösen Lebens, der soziale Abstieg oder der verwehrte Aufstieg, (wirtschaftliche) Macht, das Versagen der Parteien – gerade der sozialistischen -, veränderte gesellschaftliche Werte, Drogen und Formen der Gewalt bis hin zum Terrorismus. Dabei lässt sie auch diejenigen zu Wort kommen, die am Rand stehen, die Obdachlosen und die Armen, die sich so gerade noch in ihren Wohnungen halten können, und auch diejenigen, die sich nicht immer „politisch korrekt“ äußern und verhalten. Und natürlich sorgt sie auch immer wieder für Überraschungen, denn manchmal entpuppt sich der vermeintlich Arme als Lotto-Millionär – dessen finanzieller Segen später zum Bruch der Gemeinschaft führen wird.

Der Aspekt der Gewalt, der in ihren Büchern immer wieder thematisiert wird – institutionelle Gewalt, wenn Vernon bei der Arbeitsagentur nicht kooperativ genug ist, gesellschaftliche Ausgrenzung dem mittellosen Freund gegenüber, verschiedene Spielarten der Gewalt gegen Frauen und die Arten, wie sie sich zur Wehr setzen, die Aus- und Abgrenzung der Obdachlosen untereinander – , die laute, schnodderige, manchmal auch aggressive Sprache macht das Lesen manchmal auch anstrengend, schafft aber diese ganzbesondere Atmosphäre. Dagegen blendet Despantes aber immer wieder auch die poetischen Momente, besonders dann, wenn sie die Convergences beschreibt, die Wirkung von Vernons besonderer Musikmischung, der sich keiner der Teilnehmer entziehen kann. Drogendealer, die hier auftauchen und das große Geschäft wittern, müssen unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen: Bei der Musik braucht es keine Drogen.

Indem sie immer wieder die Perspektive wechselt, erschafft sie eine höchst vielschichtige Gesellschaft, in der so verschiedene Charaktere mit ihren so unterschiedlichen Herkünften und Geschichten eine Stimme bekommen. Dabei zeigen sich über die lange Strecke auch Brüche in den Figuren, die einmal so engagiert in der Gruppe um Vernon mitwirken und neue Perspektiven entwickeln, die dann aber auch zu Konflikten beitragen, die Gruppe scheitern lassen oder einige Mitglieder in üble Gefahren bringen können. Die Figuren also sind auch komplex, sind nicht nur gut und sympathisch oder böse und unsympathisch und sind vor allem offen für weitere Entwicklungen. Das alles ist so lebendig und so nah am Leben, dass es spannend ist, die vielen Figuren über die drei Bände zu begleiten.

Dass jeder Band, und Band kann man hier sicherlich mit einer Staffel gleichsetzen, dann auch noch einen eigenen Ton, eine eigene Atmosphäre entwickelt, macht einen weiteren besonderen Aspekt dieser Trilogie aus. Einem dreiaktigen Drama gleich, das nach Vernons Abstieg in die Obdachlosigkeit im ersten Band, im zweiten dann die Utopie einer kooperativen und solidarischen Lebensweise aufzeigt, steuert der dritte Band, die dritte Staffel, dann auf die Katastrophe zu, auf den furchtbaren Untergang. Das ist sicherlich den realen Terrorismuserfahrungen in Paris im Jahre 2015 geschuldet. Aber das Hinsteuern auf den Untergang der Welt der Serie ist eben auch ein Aspekt, der sich in der Liste der Merkmale der guten und erfolgreichen Serien wiederfindet.

Die Subutex-Romane sind schon etwas Besonderes, eine Lesereise, die mir im Gedächtnis bleiben wird als eine der besonderen Leseerlebnisse des Jahres 2018. Man müsste Romane noch einmal lesen, nun ruhiger und bedächtiger, weil die Spannung ja heraus ist, dafür mit mehr Blick für die vielen kleinen Dinge, Anspielungen, Spielereien, die sich sicherlich bei genauer und bei zweiter Lektüre finden lassen. Dafür fehlt ja leider immer ein bisschen die Zeit. Immerhin: Der Klappentext des dritten Romans verrät, dass die Bücher als Fernsehserie(!) verfilmt werden.

[1] Antje Deistler: Macht süchtig wie eine gute TV-Serie, in: https://www.deutschlandfunk.de/virginie-despentes-das-leben-des-vernon-subutex-2-macht.700.de.html?dram:article_id=411854

[2] Ron Kellermann: Was macht eine Qualitätsserie eigentlich zu einer Qualitätsserie? – Teil I, in: https://filmschreiben.de/was-macht-eine-qualitaetsserie-eigentlich-zu-einer-qualitaetsserie-teil-i/ (5.3.2016, Zugriff 8.12.2018)

[3] Markus Metz und Georg Seeßlen: Erzählen im Wandel. Die Welt als Serie – die Serie als Welt, in: https://www.deutschlandfunk.de/erzaehlen-im-wandel-die-welt-als-serie-die-serie-als-welt.1184.de.html?dram:article_id=402123 (7.1.2018, Zugriff am 8.12.2018)

Virginie Despantes: Das Leben des Vernon Subutex 3

Vernon Subutex sitzt im Zug von Bordeaux nach Paris. Als die Landschaft beginnt, immer schneller vor seinem Fenster vorbeizuziehen, fällt ihm wieder ein, wie gerne er immer mit dem Zug gefahren ist. Er erinnert sich an die verschiedenen Fahrten mit der Bahn, in den Urlaub oder zu Weihnachtsfeiern, zu Freunden aufs Land oder zu Festivals. Und er fühlt wieder diese ganz besondere Stimmung, die im Zug entsteht, weil alle Passagiere sich in dieser Übergangssituation zwischen zwei Situationen, zwischen zwei Orten befinden und „für ein paar Stunden nicht gestört werden können“.

Auch wenn er hier in schönen Erinnerungen schwelgt, der Grund für seine Paris-Reise ist ein ziemlich unangenehmer. Es sind ganz furchtbare Zahnschmerzen, die ihn quälen. „Wenn der kranke Zahn oben den Zahn unten berührte, durchbohrte ein Schwert seinen Körper, der Schmerz riss ihn hoch und zermalmte ihn. Er brüllte, ohne sich beherrschen zu können.“ Kein Mittel hilft, selbst Spülungen mit reinem Alkohol verschaffen nur kurze Erleichterung, Zahnschmerzen und Kater am nächsten Tag sind dann noch unerträglicher. Die Freunde im Camp beginnen zu organisieren. Rufen in Paris den Investmentbanker Kiko an, der mit einem Zahnarzt spricht, der wiederum ein Rezept in die nächste Apotheke faxt. Und während Vernon endlich schmerzfrei schlafen kann, kümmert sich die Gruppe um den Zug nach Paris, die Übernachtungsmöglichkeit, den Termin bein Zahnarzt.

Zum ersten mal seit Monaten verlässt Vernon wegen der Zahnschmerzen das Camp und seine Freunde, die mit ihm zusammen durchs Land ziehen, geeignete Orte suchen und die Convergences organisieren und durchführen, bei denen einige persönlich Eingeladene ein Nacht tanzen können, zu der Musik, die Vernon auflegt. In den Wochen dazwischen leben die Freunde zusammen wie in einer großen WG, die sich ganz besondere Regeln gegeben hat. Handys und Laptops sind nämlich zum Beispiel verboten – damit niemand sie über ihre digitalen Spuren orten kann. Denn wahrscheinlich ist der Regisseur Dopalet, dem Aïcha und Céleste nach Art von Lisbeth Salander in der Millennium-Trilogie übel mitgespielt haben, hinter ihnen her.

Vernon also, der arbeitslos und mittellos aus seiner Wohnung geflogen ist und obdachlos wurde, als niemand mehr Lust darauf hatte, ihn auf dem Sofa schlafen zu lassen (Ende Band 1), ist nun im Kreis seiner Aussteigerfreunde und als DJ-Geheimtipp in einem Leben angekommen, das ihm gefällt. Es gibt einen Zusammenhalt zwischen den so unterschiedlichen Freunden, es hat sich ein Alltag etabliert, der wie eine utopische Idee modernen Zusammenlebens anmutet.  Manchmal erscheint Vernon fast wie Jesus, der mit seinen Jüngern durch das Land zieht und statt die gute Botschaft zu verkünden die Beats spielt, die allen Tanzenden eine Nacht mit ekstatischen Erfahrungen verschaffen (Ende Band 2, Beginn Band 3).

Diese grausamen Zahnschmerzen Vernons aber sind auch als Alarmzeichen zu sehen, als Symbol für eine ungemütliche Zukunft, in die Vernon und seine Freunde schlittern. Denn die ersten Spannungen, die sich im Camp zeigen, werden noch viel größer, als Vernon zurückkehrt, Veró im Schlepptau, die Lebensgefährtin von Charles. Vernon hat Charles in Paris besuchen wollen, denn Charles ist auf einmal nicht mehr ins Camp gekommen. Veró erzählt, dass er gestorben sei. Und sie erzählt auch von Charles´ Lottogewinn, den der vor allen Freunden verheimlicht hat, und dass er ihr und der Gruppe jeweils einen großen Betrag hinterlassen habe. Über die Frage, was sie tun sollen mit dem Geld, reißen die Gräben zwischen den Freunden im Camp richtig auf. Es kommt zu einem großen Streit, in dem ausgerechnet Pamela Kant Vernon unlautere Motive unterstellt. Vernon reist ab. Er antwortet nicht auf Nachrichten aus dem Camp. Selbst am Abend des 13. November – es ist der Tag der Anschläge in Paris – meldet er sich nicht.

Die grausamen Zahnschmerzen nehmen aber auch schon vorweg, was die Menschen in Paris und anderswo in diesem Jahr 2015 mit den Terroranschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo im Januar und den Anschlägen beim Stade de France, beim Konzert im Bataclan und auf den Straßen Paris´ im November erleiden werden. Auch der Freundeskreis ist betroffen von Angst und Verunsicherung. Wenn Sylvie und Emilie abends in Paris ausgehen, ziehen sie zur Sicherheit nicht mehr die hohen Schuhe an, sondern gehen mit Turnschuhen: damit man auch mal schnell weglaufen oder aus einem Fenster springen kann. „Ich hätte nie gedacht“, sagt Sylvie, „dass ich so leicht auf das verzichten kann, was den Kern meines Looks ausmacht.“ Sie meiden lange Schlagen vor Eingängen, halten immer wieder Ausschau nach Möglichkeiten, sich wegzuducken oder sich verstecken zu können. Und Sélim nimmt das Rad, weil er sich nicht mehr mit der Metro zu fahren traut.

Und im Rücken der Gruppe braut sich richtig etwas zusammen. Das wahrhaft Böse, sozusagen der übel entzündete Zahn, ist nämlich nicht nur der IS-Terrorist, der sinnlos mordend durch die abendliche Großstadt zieht, sondern ein vermeintlich zu kurz gekommener Mann mittleren Alters, der lose Kontakte zum Kreis um Vernon hat. Er horcht Teilnehmer der Convergences aus und Mitglieder des engeren Freundeskreises, es setzt Informationsbruchstücke zusammen und sucht Verbündete für einen teuflischen Plan. Dessen Umsetzung – fast – makellos gelingen wird.

Virginie Despentes erzählt auch den letzten Teil ihrer Trilogie in gewohnter Weise: im Aufbau multiperspektivisch und sequenziell, im Ton laut und direkt, frustriert, oft wütend, von Figuren, die sich politisch äußern oder ihre sozialen Probleme darlegen, sich aber über die drei Bände hinweg verändern und entwickeln.  Da erzählt Stéphanie von ihrem anstrengenden Leben als alleinerziehende Mutter – wenn sie noch einmal entscheiden könnte, dann würde sie sich, auch wenn sie ihren Sohn liebt, gegen ein Kind entscheiden -, der Regisseur Dopalet, den wir im ersten Band schon als Macher kennengelernt haben, von seinem Leben nach dem Überfall und warum er sich neue Tattoos auf den Rücken stechen lässt. Max, der ehemalige Manager Alex Bleachs, erzählt, dass er vom Leben nicht bekommt, was ihm zusteht und Sylvie von ihrem rasanten sozialen Abstieg, weil ihr Ex-Mann sie nach dem Auszug ihres erwachsenen Sohnes Lancelot finanziell nicht mehr unterstützt und sie nun von Sozialhilfe leben muss.

Und Aïcha, die aus einem säkularen Haushalt stammt und sich dem Islam zugewendet hat, erzählt davon, wie sie als Au-Pair-Mädchen bei einer muslimischen Familie in Deutschland arbeitet, Hausarbeit verrichtet und die zwei kleinen Söhne versorgt. Sie hält die strengen Regeln ein und senkt den Blick oder verlässt das Zimmer schnell, wenn Walid, der Familienvater, mit ihr allein ist. Aber Walid fängt sie ab, wenn sie ohne Begleitung am Mainufer spazieren geht und er stellt ihr im Haus nach, wenn Fa za, seine Frau, bei der Arbeit ist. Auch wenn Aïcha früher solche Frauen verachtet hat, sie lässt sich von Walid einwickeln und verführen. Und schämt sich dann, wie schnell sie zur Hure geworden ist. Walid, arbeitslos, Alkohol trinkend, mit einer weiteren Geliebten und einem interessanten Wertekanon,  tröstet sie:

„Sie tat ihm leid. Er sagte es ohne Grausamkeit. Er tat etwas Schlechtes – aber wenn die Gesellschaft, in der sie lebten, ihre Codes respektieren würde, könnte er sie als Zweitfrau nehmen; unter diesem Blickwinkel waren seine Gefühle rein, so sagte er – und dass er sich wünschte, es sei möglich.“

Im Laufe der Erzählungen der Figuren entwickelt Despantes auch einen sich stetig verstärkenden Spannungsbogen. Dabei steht nicht mehr so sehr Vernons Leben und die Katastrophe seines sozialen Abstiegs, wie im ersten Band, im Fokus. Auch der utopische Charakter des zweiten Bandes wird nun wieder ad absurdum geführt, denn nun eskaliert der Konflikt, der sich aus den Aussagen von Alex Bleach auf den Videobändern, die er bei Vernon zurückgelassen hat, ergibt. Für den Freundeskreis von Vernon endet dieser Konflikt geradezu in einer Apokalypse.

Despentes verlässt nach diesem spektakulären Ende ihren eher realistischen Erzählstil und fasst in einer Art Epilog kurz die Ereignisse bis ins Jahr 2286 zusammen. Die Entwicklung unserer Gesellschaft und unseres Lebens, die sie hier mit kargen Strichen skizziert, ist erschreckend, ist dystopisch. Und zeigt sicherlich in einer weiteren Facette, unter welchem Eindruck auch die Autorin nach den Ereignissen des Terrors 2015 gestanden hat.

Despantes Romanserie kommt zu keinem guten Ergebnis. Das kann man als zu skeptisch werten, als einen zu negativen Blick auf unsere Zeit und unsere Gesellschaft. Pörksen (s. Link unten) stellt in einer der letzten Ausgaben der ZEIT gerade das Problem dar, das entsteht, wenn die bisher engagierten und den Diskurs tragenden Milieus der Gesellschaft aufgeben und sich nur noch von den vermeintlich unzähligen negativen Entwicklungen demotivieren lassen – so wie Kathrin Gerlofs Marthe im Roman „Nenn mich November“. Zu dieser Einsicht könnte Despantes Trilogie durchaus führen.

Auf der Ebene der Narration aber ist ihre Romanserie durchaus spannend und interessant, fesselt mit unerwarteten Wendungen und komplexen, eben auch vielschichtigen und sich im Laufe des Romans durchaus entwickelnden Figuren. Sie erzählt von den Rändern der Gesellschaft, von denen viele von uns lieber nichts hören und sehen wollen, gibt auch Figuren eine Stimme, die sich mit (rechts-)radikalen Gedanken und auch Handlungen zeigen. Und in jedem Teil der Trilogie legt sie andere Erzählschwerpunkte. Das macht ihren Dreiteiler zu einer sehr innovativen, sehr unterhaltsamen  und gleichzeitig auch anspruchsvoll konzipierter Literatur.

Dass sich ihr Erzählen durchaus mit den Erzählstrukturen und Kriterien der erfolgreichen Qualitätsserien im Fernsehen vergleichen lassen kann, möchte ich im nächsten Blogbeitrag klären.

Virginie Despantes (2018): Das Leben des Vernon Subutex 3, Köln, Kiepenheuer & Witsch

Link: Bernhard Pörksen (10.10.2018): Genug der Apokalypse in: https://www.zeit.de/2018/42/bildung-demokratie-kommunikation-optimismus  (digital leider nur als kostenpflichtiger  Z+-Artikel verfügbar).

Kathrin Gerlof: Nenn mich November

Katrin Gerlofs Roman scheint unter dem Radar der Literaturkritik zu fliegen, kaum besprochen auf den Blogs – jedenfalls habe ich noch keine Rezension gelesen -, wenig in den Zeitungen und einschlägigen Radiosendungen. Das ist schade, denn ihr Roman hat auf jeden Fall viel mehr Aufmerksamkeit verdient, seziert sie doch mit ihrer Geschichte von Marthe und David Lindenblatt, die aus Berlin in ein ziemlich verschlafenes Nest in der ostdeutschen Provinz ziehen, zumindest einen Teil aktueller deutscher Befindlichkeiten. Sie erzählt, wie so eine Abstiegsgeschichte aus dem großstädtischen Mittelstand aussehen kann und welche Tristesse auf dem Dorf herrscht, das schon alle vertrieben hat, die sich auch nur ein kleines bisschen mehr vom Leben erhoffen und das sich so wehrhaft gegen alles Fremde behauptet.

Marthe und David müssen Privatinsolvenz beantragen. Daniels Geschäftsidee, kompostierbares Geschirr auf den Markt zu bringen, hat sich nicht durchgesetzt. Dabei schien das doch angesichts der Plastikmüllberge, die sich bis in die Meere erstrecken, eine gute Idee zu sein: „Papier rettet Meer“. Auch ihren Berater bei der Bank, Herrn Sommer, haben sie überzeugt, „mit einem aufgeblasenen Konzept und einem noch aufgeblaseneren Businessplan, mit dem sie behauptet hatten zu wissen, wo sie in drei Jahren stehen werden“. Er hat den Kredit bewilligt. Doch nun ist das Geld verzehrt und auch das letzte Geld ist weg, das Marthe zurückgelegt hat, als sie und David noch in festen Jobs gearbeitet haben. Auf dem Konto sind nur noch 100 Euro und die Miete ist auch nicht bezahlt. Und sie hat es ausgerechnet:

„Wenn ich jeden Monat viertausend verdiene, braucht es dreiundsechzig Jahre, bis die Schulden abbezahlt sind. Vorausgesetzt wir können jeden Monat tilgen.“

Da kommt die Erbschaft von Davids Tante wie gerufen: Ein altes Haus in einem Siebzig-Seelen-Dorf, eingeklemmt zwischen Maisfeldern und Wald. Dort können sie die Miete sparen und billiger leben als in der Großstadt. Marthe will nicht weg aus Berlin, nicht in dieses Dorf, das nicht einmal einen vernünftigen Breitbandanschluss hat. Dort wird sie nicht ihrer Passion nachgehen können, im Internet die neusten Katastrophenmeldungen zu lesen und in ihren verschiedenen Ordnern auf dem Rechner mit Rubriken wie Erderwärmung, Müll, soziale Ungerechtigkeit, Gewalt, Terror und Krieg abzulegen. Dort wird sie kein eigenes Zimmer mehr haben, in das sie sich zurückziehen kann, weil sie immer wieder Distanz braucht zur Welt, nicht einmal die vielen Fotos, die sie an die Wand ihres Berliner Zimmers geklebt hat, wird sie mitnehmen können.

Trotz ihres Widerstands: Marthe und David ziehen in die dörfliche Einöde, ins Haus der Tante, das sie mit ihren geringen Mitteln für sich herrichten. Kontakte ergeben sich vor allem zu den Dorfbewohnern, die auch mehr am Rande stehen: zum Nachbarn, dem undurchsichtigen und irgendwie auch angsteinflößenden Hundemann, dem, so geht das Gerücht, die Frau weggelaufen ist in die Maisfelder und der nun seinen Hund töten muss, weil der nachts, wenn er durch das Dorf streunert, zu viel Unheil anrichtet. Zum Schreiner Radomski aus dem Nachbardorf, der sich finanziell nur noch über Wasser halten kann, wenn er wildert und das Fleisch an die Restaurants der nächsten Stadt verkauft.

Aber auch zu Schulz, einem der beiden Arbeitgeber im Ort, dem hier alle Felder und alle verlassenen Häuser gehören und der auch David beschäftigt, als Minijobber, das restliche Geld, das sich David beim Reparieren der großen Landmaschinen erarbeitet, bekommt er schwarz. Die meisten anderen Dorfbewohner aber bleiben abweisend, grüßen vielleicht, suchen aber kein Gespräch. Und hier ist der Roman durchaus parteiisch, denn die stumme Mehrheit der Bewohner, die, die sich arrangiert haben mit dem Stillstand in ihrem Leben, die bekommen keine Stimme.

Und dann kommen die Flüchtlinge ins Dorf. Schulz lässt die Baracken, in denen im zweiten Weltkrieg die Zwangsarbeiter untergebracht waren und die abseits des Dorfes liegen, mit Hilfe von öffentlichen Geldern – davon bleibt ein bisschen natürlich auch bei ihm hängen – für die Flüchtlinge umbauen und versucht die Dorfbewohner für seine Idee zu gewinnen, indem er fünf Arbeitsplätze verspricht. Aber die Dorfbewohner sind skeptisch, sie wollen keine Flüchtlinge im Dorf haben, die doch nur Probleme bringen werden, Einbrüche, Vergewaltigungen und was nicht alles zu hören ist. Krüger, der Besitzer der Biogasanlagen, die mit Schulzes Mais gefüttert werden und dessen Widerpart im Kampf um die Macht im Dorf, stellt eine Bürgerwehr auf, die im eisigen Februar des Nachts durch das Dorf patrouilliert, gewärmt auch vom Alkohol, der reichlich fließt. Zu tun haben sie nichts.

Noch ein Dorfroman aus der Provinz also. Mit einer Protagonistin, deren eifriges Sammeln schlechter Nachrichten, deren Blick auf ihr eigenes Leben – „Ich habe längst aufgegeben“ – noch dazu mit einem Arm, den sie als Fremdkörper ansieht, den Leser zunächst schon befremdet. Das verspricht nun nicht gerade spannende Lektüre.

Und tatsächlich hat Katrin Gerlof in ihrem Roman eher die ruhigen Töne gewählt. Das passt zur Umgebung, das passt zum Thema und zu Martha. Und schafft so ein ganz intensives Leseerlebnis, wenn auch die kleinen Dinge ihre besondere Bedeutung bekommen. Gerlof rückt ganz nah an ihre Protagonistin Marthe heran, an ihre Gedanken, Erinnerungen, Reflexionen. In knappen, manchmal abgehackten Sätzen, in Sätzen, in denen sich bisweilen sogar ganz plötzlich die Perspektive hin zur Ich-Erzählung wandelt, zeigt sich, dass Marthe sich nicht nur mit Untergangsmeldungen und diesem falschen Arm abmüht, sondern eine gute, vor allem auch eine mitfühlende und kluge Beobachterin ihrer Umgebung ist.

Eingereiht zwischen den Marthe-Kapiteln stehen Kapitel, in denen auch die anderen Dorfbewohner, einmal auch David, zu Wort kommen. Da erzählt Prokorski, wann die Stimmen in seinem Kopf sich zum ersten Mal gemeldet haben und dass sie damals schon versprachen, sich um ihn zu kümmern. Da erzählt der fünfzehnjährige Robin wie es kam, dass seine Mutter mit dem Trinken anfing und dass er nur so lange im Dorf bleiben wird, bis er seinen Schulabschluss hat. Auch die Geschichte des Schusterhauses wird erzählt, des Hauses, das David geerbt hat. Und vom Dorf wird erzählt, dass sich rüstet zum Kampf gegen die neu zugezogenen Flüchtlinge:

„Geschichten machen die Runde. Uralte Geschichten, tausendmal erzählt, jedes Mal so, als wären sie gerade gestern und gleich nebenan passiert. Legenden, die wie Pech und Schwefel sind, als hätte der Teufel höchstpersönlich sie in die Welt gesetzt. Genüsslich werden sie in flüsterndem Ton. Ich will ja nichts gesagt haben. Erzählt und von Mann zu Mann, Frau zu Frau getragen. Niemand ist frei von Mitgefühl, denn natürlich. Krieg ist schlimm. Da sei Gott oder wer es sonst tun könnte, vor, dass so etwas bis hierherkommt. Aber Krieg hat immer auch Schuldige zu benennen. Und kann jemand sagen, ob von denen nicht am Ende welche hinterm Dorf in den Baracken wohnen werden?“

Diese Art des Erzählens, indem sich die Erzählungen manchmal ein und derselben Sache durch die verschiedenen Figuren über- und nebeneinander legen, ist wie das Weben eines sehr festen Stoffes und erschafft beim Lesen nach und nach eine sehr komplexes Bild vom Dorf und seinen Bewohnern, von seiner Enge und wie das alles zurückwirkt auf Marthe und David und ihre Ehe.

Und ganz tief eingewebt in diese Erzählungen der verschiedenen Stimmen hat Kathrin Gerlof das Thema des Fremdseins. Es ist nicht in erster Linie die Fremdheitserfahrung, die die Flüchtlinge im Dorf haben und bei ihrem kurzen Besuch bei Krügers Tanzfest im neuen Landgasthaus, zu dem das ganze Dorf eingeladen, die Flüchtlinge aber nicht willkommen sind. Es ist vielmehr die Fremdheitserfahrung, die alle Figuren des Romans machen und die sich in ganz verschiedenen Motiven zeigt: Marthe, die ihren Namen nicht mag und statt dessen lieber November genannt werden möchte; die Dorfbewohner, die heimlich in ihren Häusern viel zu viel Alkohol trinken und denen sich Kummer und Unglück als Fettpolster an die Körper gehängt haben; David, der immer schweigsamer und dünner wird. Und manche fremdeln eben auch, wenn auf dem Tanzfest „Hulapula“ von Andreas Gabalier gespielt wird.

Fremd in ihrer Haut, fremd in ihrem Leben, so wird deutlich, fühlen sich schon die im Dorf Heimischen. Da haben die leichtes Spiel, die die Angst vor weiterem Fremden zu schüren wissen. Krüger nutzt das in seiner Eröffnungsrede zum Tanzfest des Dorfes sehr geschickt. Er will der nächste Bürgermeister werden, denn „letztlich geht es darum, im Dorf und in den Dörfern ringsum das Sagen zu haben“.

„Er wird nicht über die Fremden reden. Also kein Fass aufmachen. Auch wenn es ein leichtes wäre, das heute zu tun. Aber er wird sagen, dass zu einer Zukunft auch Sicherheit gehört. Und dass man dafür sorgen muss. Jeder soll sich sicher fühlen. Er wird das Wort Heimat benutzen und sagen, dass jeder Mensch ein Recht auf Heimat habe. Das ist ein versöhnlicher Satz, der auch die Fremden einschließt. Alle im Saal werden wissen, dass die Heimat der Fremden nicht hier ist. Er wird über Gastfreundschaft reden. Dass die wichtig ist und ihnen seit jeher im Blut liegt. Aber auch alle wüssten, Gastfreundschaft darf nicht ausgenutzt werden. Mehr wird er dazu nicht sagen.“

Kathrin Gerlof hat einen sehr aktuellen Roman geschrieben. In leisem Ton erzählt sie nicht nur vom sozialen Abstieg des großstädtischen Mittelstandes, sondern verquickt das geschickt mit der Erzählung von den (Macht-)Verhältnissen und Befindlichkeiten auf dem Land. So lässt sich ihr Roman einreihen in die Dorfromane, die im Kleinen aufzeigen, was die Gesellschaft im Großen bewegt. Und wird leider damit so wenig wahrgenommen wie Norbert Scheuer im letzten Jahr mit seinem Roman „Am Grund des Universums“.

Kathrin Gerlof (2018): Nenn mich November, Berlin, Aufbau Verlag

Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

Als ich vor ein paar Wochen Birgits Besprechung des Romans von Julia von Lucadou gelesen habe, hatte sie mich mit der „Hochhausspringerin“ gleich am Wickel. Zwar schickt die Autorin ihre Figuren in eine dystopische Gesellschaft – und das ist nicht das Genre, das mir immer zusagt -, dafür aber haben die Figuren mit so ziemlich allen Aspekten zu kämpfen, die ich in der Gegenwartsliteratur so oft vermisse: nämlich einem Leistungs- und Wettbewerbsdenken, das in wirklich alle Lebensbereiche vorgedrungen ist. Kombiniert wird das mit den vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Selbst- und Fremdüberwachung. Durch Kameras, die jede Bewegung jeder Person bis in die eigene Wohnung hinein erfassen, durch Schlaf-, Stress- und Fitnesstracker, die die aktuellen Werte auch an den Chef melden, der dann seinen Mitarbeiter umgehend zu mehr „Meditation, Entspannungsübungen“ und bewusstem Atmen rät. Das alles ist zwar Science-Fiction – aber gar nicht so ganz weit weg von unserem Leben, denn über die Technik, die hier genutzt wird, verfügen wir zum großen Teil schon. Dass Julia von Lucadous Roman auch noch ein Debüt ist und auf der Liste der eingereichten Bücher zum diesjährigen Bloggerpreis steht, hat mich noch neugieriger auf den Roman gemacht.

Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt des Romangeschehens, zwei Frauen, die es beide, so scheint es auf den ersten Blick, geschafft haben. Riva Karnovsky ist die eine, die erfolgreiche Hochhausspringerin, die sich von dem eintausend Meter hohen Hochhausdach selbstverständlich in die Tiefe stürzt wie ein Vogel und sich dann beim Fallen so elegant dreht, rollt und streckt und in ihrem silbrig schimmernden Anzug so überirdisch schön erscheint, dass der Fotograf Aston ihr den Namen Dancer_of_the_SkyTM verliehen hat. Sie stürzt dem Boden entgegen, kostet jede Sekunde ihres Fallens aus für neue Figuren, in vollstem Vertrauen auf die Technik ihres Anzugs, die sie, wenn sie im allerletzten möglichen Moment den Flugmodus ihres FlysuitTM aktiviert, vor dem Aufprall bewahrt und wieder nach oben trägt. Die Zuschauer am Boden folgen begeistert ihrem kunstvollen Flug, halten dann aber doch den Atem an wegen ihrer Waghalsigkeit und sind erleichtert, wenn Riva im letzten Moment doch noch die Kollision mit dem Boden abgewendet hat.

Riva ist nicht nur bei ihrem Sport erfolgreich, sie meistert auch mit Bravour ihre öffentlichen Auftritte und füllt ihre Social-Media-Kanäle immer wieder mit Bildern und Content aus ihrem Glamour-Leben. Dom Wu, ihr Vertragspartner, ist zufrieden mit seinem Star, der bewundert wird von seinen vielen Followern. Riva stammt aus der Peripherie, sie also ist der Beweis: Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur anstrengt.

Hitomi Yoshida ist die andere erfolgreiche Frau und die eigentliche Protagonistin, denn sie erzählt uns diese Geschichte, ihre eigene Geschichte, die ganz eng verbunden ist mit Rivas. Auch sie scheint es geschafft zu haben in dieser Gesellschaft, was sichtbar ist an ihrer schönen Wohnung im 24. Distrikt der Stadt, nur vier Distrikte entfernt von den Wohnblocks mit den besten Adressen. Für diese Wohnung hat sie auf einer Warteliste gestanden, seit sie ihr Psychologiestudium an der Wirtschaftsakademie begonnen hat. Nun, mit dem Abschluss in der Tasche, hat sie sich bei PsySolutions beworben und Hugo M. Master, den Abteilungsleiter Sportpsychologie, von sich überzeugen können. Er hat während der Einstellungsphase viele der vertraulichen Telefoncoachings mit angehört, die Hitomi bei ihrem Nebenjob Call-a-CoachTM geführt hat.

Und Master hat ihr gleich einen wichtigen Auftrag verschafft. Sie soll nämlich Riva helfen, die vor ein paar Tagen plötzlich und völlig unerwartet ihr Training eingestellt und es damit zu einem Vertragsbruch hat kommen lassen mit der Dom Wu Akademie. Dom Wu hat nach den ersten persönlichen Gesprächen mit seiner Sportlerin PsySolutions beauftragt, „Riva schnellstmöglich [zu] reanimieren“. Hitomi kann sich durch diesen VIP-Auftrag, der ihren Creditscore angenehm erhöht, ihre wunderbare Wohnung – fast – leisten.

Die Welt, die Julia von Lucadou hier erschaffen hat, ist faszinierend – und erschreckend zugleich. Faszinierend, weil sie uns zunächst so bekannt vorkommt. Hier leben die Menschen in der Großstadt mit Hochhäusern in guten und schlechten Vierteln. Sie gehen ihrer Arbeit nach und treffen sich abends in Bars. In der Stadt ist es sauber, aufgeräumt und kühl. Aber: Diese Großstadt ist ganz offensichtlich eine Gated Community, in die an den Wachen und Zugangskontrollen vorbei nur hereinkommt, wer so erfolgreich ist, dass er über einen entsprechenden Creditscore verfügt, um sich in der Stadt eine Wohnung leisten zu können. Oder zumindest so erfolgreich ist, um eine Arbeit in der Stadt zu ergattern und dafür einreisen darf. Abends müssen diese Pendler dann wieder nach draußen, in die Peripherie, wo die erfolglosen Menschen in schlechten bis heruntergekommenen Wohnsilos leben, in Hitze und Schmutz, in Enge und Trubel, in einer „unübersichtlichen Masse“. Da will keiner leben, im Gegenteil, da wollen alle weg. Und das befeuert permanent den Wettbewerb in dieser Gesellschaft, in der alle in der Stadt leben und arbeiten wollen und selbst diejenigen, die dort leben, stehen ständig in der Gefahr heruntergestuft zu werden.

Der Schmierstoff dieser Gesellschaft ist ein ausgeklügeltes Bewertungssystem, der Creditscore. Die Höhe des Scores gibt Auskunft über die Leistungsfähigkeit – und letztendlich auch über die Anpassungsfähigkeit der Bürger: Ist er hoch, gibt es „Wohnraumprivilegien“, sinkt er deutlich, gibt es eine Vorladung ins Verwaltungsgebäude und es werden Wohnraummaßnahmen oder gar Relokalisierung in Aussicht gestellt. Und das ist erschreckend an dieser Gesellschaft: Es begehrt niemand auf. Alle spielen das üble Spiel mit, selbst der Barkeeper nimmt gleich mehrere Jobs an, um seinen Score so zu verbessern, damit er endlich aus der Peripherie in die Stadt ziehen kann.

Erschreckend ist für den Leser auch Hitomis Arbeit. Denn die Patienten kommen nicht zu ihr, der Psychologin, um sich beraten und helfen zu lassen. Es ist eher anders herum. Hitomi schleicht sich unbemerkt in die Leben ihrer Klienten ein, in einem helfenden Beruf zwar, aber genau in der Art, wie es die politischen Spitzel aller Diktaturen dieser Welt üblicherweise auch tun: Sie greift auf alle Daten zurück, die es über ihre Klienten gibt, beobachtet sie in ihrer Wohnungen und erfasst, mit wem sie was sprechen und was sie wann tun. Sie hat natürlich Zugriff auf alle aktuellen Körperwerte, auf Fitnesslevel, Muskelschwund und Ernährungsverhalten, auf Erholungswerte durch Schlaf und die Regelmäßigkeit des Mindfulness-Trainings.

Sie kann auch Videos aus fast allen Lebensperioden anfordern oder auch private Dateien, die ihre Klienten gelöscht haben, einsehen, um nach Gründen für aktuelle Unangepasstheit, auffälliges Sozialverhalten, unausgeglichene Stimmungen und natürlich schlechte Arbeitsleistungen zu suchen. Wenn es nötig scheint, nimmt sie auch Kontakt zu Personen im Umfeld ihrer Klientin auf. Dann gibt es direkte Anweisungen auf deren Tablet, damit sie sich für eine Verhaltensänderung einsetzen. Mit diesen Mitteln also versucht Hitomi Riva zu „reanimieren“. Nicht so sehr, so hat es Rivas Chef Dom Wu formuliert, aus Sorge „um den hohen finanziellen Schaden und den Gesichtsverlust meines Unternehmens und unserer Sponsoren, sondern in erster Linie [aus Sorge] um die Gesundheit Rivas.“

So entsteht ein Katz- und Mausspiel zwischen Hitomi und Riva, das seine besondere Tragweite auch dadurch gewinnt, dass Hitomis Schicksal fest an Rivas Einsicht geknüpft ist. Die Spannung, die sich aus dieser Konzeption vermutlich ergeben soll, kommt aber nicht so recht voran. Denn Rivas Beweggründe für ihre Verweigerung sind zu deutlich, bestätigen sich spätestens dann, wenn Hitomi einen Blick in die von Riva gelöschten Tagebuchaufzeichnungen gewinnt. So wird der Roman vor allem vorangetragen durch die Frage, wie Hitomi sich in dieser ja eigentlich von Beginn an ausweglosen Situation verhält. Und auch ihr Weg zeigt – bis auf ein einziges Mal – keine überraschenden Wendungen. Das mag auch daran liegen, dass Hitomi als so angepasster Charakter kaum eine besondere Tiefe aufweist.

Trotzdem: Julia von Lucadou hat in ihrem Roman eine in vielen Facetten überzeugende Welt erschaffen, die ganz besonders glatt, steril und effizient zu sein scheint. In dieser Welt gibt es, zumindest bei den Bewohnern der Innenstadt, kaum Gefühle, keine echten Beziehungen, keine Liebe, nicht einmal die Familien leben als Familien zusammen. Hitomi ist – bis zu ihrer letzten Entscheidung in diesem Roman – das Ergebnis dieser durchkalkulierten Welt: völlig angepasst an alle Anforderungen, die an sie gestellt werden, hat sie nie den leisesten Zweifel an ihrem Tun, greift nie auf einen wie auch immer gearteten moralischen Kompass zurück. Ihr Körper aber macht das alles noch lange nicht mit. Von Anfang dieses Auftrags an kämpft sie mit Kopfschmerzen und einer Übererregbarkeit, mit Einschlaf- und Durchschlafschwierigkeiten, mit hohen Stresswerten. Dass in dieser glatten, in dieser in allen Belangen transparenten Welt keiner ein gutes Leben leben kann, auch Hitomis Chef Master zeigt so seine Schrulligkeiten, ist ja eigentlich klar.

Auch Hitomis Sprache, in der sie von ihrer Arbeit, von ihrem Leben und auch ihrer Kindheit erzählt, ist immer kalt, emotionslos, gespickt mit technischen Begriffen und auf Effizienz getrimmt. Die Rebellion ihres Körpers beschreibt sie so distanziert, wie sie auch Rivas Gespräche und Handlungen beschreibt – und immer aus einer sicheren Entfernung, die ihr der Blick durch die Kameras verschafft. Später treffen sich beide ein einziges Mal zufällig auf der Straße, aber Riva erkennt ihre „Therapeutin“ nicht, denn sie wusste ja nie von ihrer Überwachung. Dass Hitomi sich nicht denken kann, dass ihr Büro und ihre Wohnung auch unter Dauerbeobachtung stehen, das ist dann schon eher nicht mehr richtig glaubwürdig.

Julia von Lucadous Gesellschaftsprojektion erinnert ein bisschen an Juli Zehs Drama und Roman „Corpus Delicti“, in der die METHODE als Grundlage einer Gesundheitsdiktatur gilt, die sich zum Ziel gesetzt hat, allen Bürger bis ins hohe Alter eine gute Gesundheit zu garantieren. Immerhin hat sich hier eine Widerstandsbewegung gegründet – die Hoffnung auf gesundheitliche Sünden und Lebensfreude ist also noch nicht völlig dahin. Nicht einmal solche revolutionäre Ideen scheint es in der „Hochhausspringerin“ zu geben, weil alle freudig am System mitwirken. Es bleibt unklar, ob alle Menschen, die in der Peripherie leben, nur nach dem Leistungsprinzip leben, um die Privilegien der Innenstadt zu erfahren, jedenfalls scheint es auch in der Peripherie keine Widerständler zu geben.

Und es bedarf auch keiner festgeschriebenen METHODE, um auch dem Letzten klar zu machen, wie er sich zu verhalten hat. Die knappen Plätze in der „schönen“ Welt, der ständige Wettbewerb darum, das komplette Vermessen der Menschen in allen Lebensbereichen führt dazu, dass diese Gesellschaft funktioniert – ohne dass von Vordenkern dieses Systems erzählt wird, die sich immer mal wieder zu Wort melden müssen, ohne dass es eine Machtinstanz gibt, die nach dem Rechten schaut. Hier regelt die unsichtbare Hand des Marktes und der Creditscore wirklich alles. Insofern ist Julia von Lucadous Gesellschaftsversion eine noch radikalere als die, die Juli Zeh erdacht hat. Und somit eine spannende und nachdenklich machende Lektüre – und ein gelungenes Debüt.

Julia von Lucadou (2018): Die Hochhausspringerin, Berlin, Hanser Berlin           

 

Ein Nachtrag:

Ein Bewertungssystem, ähnlich wie das in von Lucadous Roman, steht in China in den Startlöchern. Hier soll vor allem das Sozialverhalten der Bürger bewertet werden, der Erziehungsgedanke lässt sich kaum verheimlichen.

Auch wenn diese Idee bei uns – noch – aus Datenschutzgründen sehr fantastisch erscheint, die Möglichkeiten der Überwachung, des Spitzelns und Schnüffelns geht auch bei uns munter weiter. Und kommen weniger aus den Laboratorien des Staates als viel mehr der Industrie.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 2

Nun ist Vernon also ganz unten angekommen, als Obdachloser im Norden Paris´. Sein sozialer Abstieg, etwas abgemildert durch seine Freunde und Bekannten, die ihn – mehr oder weniger begeistert – immer wieder für ein paar Tage aufgenommen haben, hat ihn jetzt also auf eine Parkbank verschlagen in der Nähe des Parc Buttes-Chaumont. Und da liegt er nun in den kalten Vorfrühlingstagen, krank und mit hohem Fieber, oft halluziniert er. Und droht selbst hier vertrieben zu werden, weil ein Anderer ihm diesen Platz streitig macht.

So also beginnt der zweite Teil der Geschichte Vernon Subutex´, der sich somit nahtlos an die Erzählung des ersten Bandes anschließt. Doch ganz schnell wird deutlich, dass dieser zweite Band in einem ganz anderen Ton erzählt ist als der erste. Hier finden sich nicht mehr die oft kurzen und knappen Sätze, die beim Lesen so eine unheimliche Geschwindigkeit entwickeln, die gespickt sind mit schnodderigen Wendungen, mit abfälligen und beleidigenden, mit Begriffen der Gewalt, des sozialen Abstiegs und des politischen Extremismus, mit Ausdrücken aus dem Drogenmilieu, der Musikszene und dem Börsenparkett und die so eine unheilvolle und bedrückende Atmosphäre schaffen.

Der viel ruhigere und nachdenklichere Ton, die vielen Reflexionen und die oft abwägende und komplexe Sicht der Figuren auf ihre Umgebung und auf ihr Leben, eine Sprache also, die eben nicht durch Aggressivität überrascht, sondern durch den intensiven Blick auf den Moment, eine Sprache, die manchmal Traurigkeit, Frustration und Melancholie vermittelt, manchmal aber auch Zufriedenheit und Hoffnung, gehen Hand-in-Hand mit einer ganz offensichtlich veränderten Haltung aller Protagonisten, auch mit Handlungen, die nicht mehr ausgelegt sind auf das Sich-Abgrenzen von anderen, sondern auf ein Miteinander. Der Absturz Vernons, die Tatsache, dass er vom Erdboden verschluckt zu sein scheint, vielleicht auch der von Rechtsradikalen durchgeführte Angriff auf Xavier, bei dem er krankenhausreif geschlagen wurde, haben Vernons Freundes wohl wachgerüttelt.

Es liest sich dieser zweite Band also keineswegs nur als Fortsetzung der (spannenden) Handlung des ersten Teils, sondern lässt vor den Augen des Lesers auch eine Wiederbelebung der vermeintlich verstaubten Idee von Gemeinschaft und Freundschaft entstehen. Ja, manchmal mutet das, was in diesem Sommer mit den Freunden Vernons unter den großen, alten Bäumen des Parkes geschieht, an, wie die Wiedergeburt der Utopie von einer besseren Gesellschaft. Und dieses andere Bild zeigt sich schon auf den ersten Seiten des neuen Bandes.

Vernon nämlich liegt ja fiebernd auf dieser Parkbank, er halluziniert, er deliriert. Da kommt Charles, ein älterer Mann, der gerne trinkt, aber offensichtlich, Vernon sieht es später an seinen Händen, kein Obdachloser ist. Charles beschimpft Vernon laut und wüst, weil der „seine“ Bank besetzt hat. Dann aber merkt er, dass Vernon so krank und geschwächt ist, dass er sich überhaupt nicht wehren kann. Charles schaut sich die Situation an, überlegt, wägt ab – und dann beschließt er, Vernon zu helfen. Er geht los und kauft Orangen ein und Aspirin, schaut jeden Tag bei ihm vorbei und freut sich über Vernons Fortschritte: „freut mich zu sehn, dass du allmählich aufwachst, Kumpel. Wurde auch Zeit.“

Charles gibt ihm den Tipp, von der Parkbank zu verschwinden, bevor die Straßenfeger ihn dort entdecken, und zeigt ihm ein Haus, in das er sich verkriechen könne. Und Jeanine kommt vorbei, eine Nachbarin, die auch die wilden Katzen füttert. Sie bringt Vernon Essen mit, muss aber heimlich kommen, damit die anderen Nachbarn sie nicht sehen, denn die möchten nicht, dass sie den Obdachlosen Essen gibt; es hat schon zu viele Probleme mit ihnen gegeben. So kommt Vernon durch die Hilfe von Charles und Jeanine langsam wieder auf die Beine.

Und nicht nur die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung kümmern sich um ihn, auch seine Freunde machen sich auf die Suche nach ihm. So unterschiedlich sie sind, sie eint das Ziel, Vernon zu finden, ihn vielleicht gar „zu retten“. Und es stoßen auch diejenigen zu dieser Suchaktion dazu, die zu Beginn der Geschichte noch deutlich zu Vernons Gegnern gehörten, denen er einfach lästig war, die ihn gar den sozialen Netzwerken mit Schimpf und Schande überschüttet haben, die den dubiosen Auftrag hatten, ihn zu finden. Denn er besitzt ja die Bänder mit den Aufnahmen Alex Bleachs, von denen der Produzent Laurent Dopalet meint, sie könnten ihm gefährlich werden. Die Freunde laufen durch die Parks, sprechen die Menschen an, fragen nach Vernon. Und Charles und Laurent, ein anderer Penner, erzählen es Vernon:

„Weißt du eigentlich, dass es da unten einen ganzen Stamm Hirnis gibt, die dich suchen?“

„Was meinst du?“

„Es sind mehrere. Sie kommen jeden Tag und nerven alle und jeden. Sie fragen nach dir.“

Vernon wird blass, aber Laurent hebt beschwichtigend die Hand:

„Sieht nicht so aus, als ob sie sauer wären. Eher bisschen durchgeknallt, insgesamt … entweder perfekte Schauspieler oder sie wollen dir wirklich nichts Böses.“

„Es sieht mehr so aus, als machten sie sich Sorgen.“

„Nein, das wusste ich nicht.“

Charles und Vernon überreden Vernon, zu ihnen zu gehen und die Hilfe anzunehmen. Und so sitzen sie eines Abends alle gemeinsam in der Wohnung der Hyäne, Vernon kann duschen und seine Kleidung wird gewaschen und sie alle gemeinsam schauen sich Alex Bleachs Videos an. Und es stellt sich heraus: Laurent Dopalet fürchtet die Bänder völlig zu Recht, ist er doch ein Paradebeispiel für die Vorfälle, die in der #Metoo-Debatte ans Licht gekommen sind. Vernon aber, bei dem sich alle fast überschlagen, um ihm ein Bett oder eine Couch anzubieten, will weiter draußen leben, will weiter die Freiheit und Weite genießen, will nicht wieder zurück in sein altes „bürgerliches Leben“, von dem er sich nun wundert, dass er es darin solange ausgehalten hat. Stattdessen richtet er sich an den verlassenen Schienen ein – ein Tipp von Laurent – und empfängt jeden Tag im Park auf der großen Wiese unter den alten Bäumen seine Freunde, die, so unterschiedlich auch jeder von ihnen ist, zu einer großen Gemeinschaft zusammenwachsen.

„Tagsüber ist der Park eine Mischung aus Debattierklub, Coffee Shop unter freiem Himmel und Bierausschank geworden. Die Wiese ist Vernons Salon, er empfängt dort mit der Liebenswürdigkeit eines Gastgebers, der Zeit hat und sich über die Aufmerksamkeit freut. Sein Leben ist angenehm. Es gibt Gebäck, Rosé, nette Menschen, die Frauen kümmern sich um ihn, sie hören gute Musik aus rohrförmigen Bluetooth-Boxen, es gibt Stammgäste und Tagesbesucher. Ein unkompliziertes gesellschaftliches Leben und keine Briefe von irgendeiner Verwaltung, um ihm den Tag zu verderben.“

Auch wenn Virginie Despantes den Erzählton ins Fürsorglich-Mitfühlende neu justiert hat, auch wenn sie vom Sommer im Park mit der wachsenden Freundesgruppe erzählt, von denen sich keiner dem ganz besonderen Charisma Vernons entziehen kann, so bleibt sie doch auch den großen gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit verhaftet und legt durch die Perspektiven ihrer Figur gnadenlos den Finger die Wunde. Dies gelingt, indem sie den Blick immer häufiger von Vernon weg und auf die anderen Figuren richtet und sie sprechen lässt, sie von ihrem Leben erzählen und reflektieren lässt und so einen vielstimmigen und multiperspektivischen Chor erschafft.

Virtuos wechselt Despentes die Erzählstimmen von Kapitel zu Kapitel, zum Teil innerhalb eines Kapitels, zum Teil im Satz. So ermöglicht sie auch, ein und dieselbe Sache aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Jede Figur hat dabei, wie schon im ersten Band eine eigene Stimme, eine eigene Sprache, eine ganz eigene Gefühlslage: Vernon zum Beispiel schaut genau hin, wenn er andere Obdachlose trifft und ihren sozialen und vor allem auch körperlichen Verfall diagnostiziert; Sélim, der aus Algerien stammende Hochschullehrer, der die Errungenschaften des aufgeklärten Frankreich so liebt, erzählt von den Zuständen im Mittelbau der Universitäten, von den Budgets für Forschung und Entwicklung, die als erstes zusammengestrichen werden und wie er darunter leidet, dass seine Tochter zu Religion und Kopftuch zurückgekehrt ist; Charles weiß genau, wohin die Solidarität der französischen Arbeiter verschwunden ist – sie haben kein Klassenbewusstsein mehr, sondern wollen denken, leben und handeln wie ihre Chefs – und Céleste, die einzige, die gegen Vernons Charme immun zu sein scheint, lässt sich von Aïcha, der Tochter Sélims, zur Rache an Dopalet überreden, zu einer Art Selbstjustiz, die notwendig ist, weil sie Dopalet über den rechtsstaatlichen Weg nicht überführen können. Und Antoine, der Sohn Dopalets, kommt ihnen dabei zur Hilfe.

Wie im ersten Band versammelt Despentes auch hier viele unterschiedliche Stimmen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus und verschiedenen politischen Richtungen, treibt die Handlung spannend voran und lässt eine Gruppe um Subutex wachsen, die eine Form utopischen Lebens erprobt, bei der ganz ungewöhnliche Freundschaften entstehen und neue Ideen, wie Vernon seine Kunstfertigkeit als DJ zeigen kann. Das ist eine anregende Analyse des gesellschaftlichen Status quo, eine rasante Geschichte mit vielen schillernden Figuren, ein großartiger Lesespaß. Der sich zum Glück ab dem 7.9. mit dem 3. Band der Trilogie fortsetzen lässt.

Virginie Despantes (2018): Das Leben des Vernon Subutex 2, aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz, Köln, Kiepenheuer & Witsch

Verena Lueken: Anderswo

In „Alles zählt“, ihrem ersten Roman, folgte Verena Luekens Erzählung der Geschichte einer Journalistin, die sich eine Auszeit nimmt in New York, der Stadt, in der sie sich so gerne aufhält, um ihre Gedanken zu sortieren, um aufzutanken, um neue Schreibideen zu entwickeln. Dort erkrankt sie aber wieder an Lungenkrebs und muss nach ihrer OP eine lange und qualvolle Schmerzenszeit überstehen, bis sie endlich wieder gesundet und bei einer Reise nach Asien Hoffnung und eine neue Perspektive für ihr Leben findet. In ihrem neuen Roman „Anderswo“ ist es wieder eine weibliche Protagonistin mittleren Alters, die sich auf eine Suche begibt. Auf die Suche nach einer Leerstelle in der Biografie ihres Vaters, die sie klären möchte, auch wenn der Vater schon tot ist und sie ihm mit ihrer Recherche keinen Liebesdienst mehr erweisen kann.

Es ist überhaupt eine für die Tochter ziemlich abträgliche Beziehung, die die beiden zueinander haben. Der Vater, Jugendlicher und junger Erwachsener während der Nazi- und Kriegszeit, kann schon während ihrer Kindheit wenig Empathie oder gar Liebe aufbringen für die Tochter. Sie ist fünf Jahre, als sie erfährt, dass es ihre Mutter noch einmal 500 Mark gekostet hat, um sie nicht abzutreiben. Ein Schweigegeld sozusagen, das sie dem Arzt angeboten hatte, wenn er die Abtreibung nicht vornahm, obwohl sie selbst das Schweigen über das in ihr wachsende Kind ja gar nicht bewahren konnte. Denn eigenes Geld hatte sie keines. Und so tobt der Vater auch, als er den Kontoauszug sieht mit den zusätzlichen 500 Mark, die abgebucht wurden.

„Ihre Mutter hatte ihren Vater nicht bei ihr angeschwärzt, was die Abtreibung anging. Sie hatte vielmehr erzählt, ihr Vater, der beruflich auf dem Weg nach oben war, sei um ihre Gesundheit besorgt gewesen und habe deshalb eine weitere Schwangerschaft für keine so gute Idee gehalten. Nicht so schnell. Ihr Bruder war kaum ein Jahr alt. Aber für sie hatte es sich immer anders angefühlt. Sie ging verloren, als sie von der Geschichte erfuhr.“

Später, noch ein Kind, sitzt sie mit ihrem Vater in einem Gartenlokal, in dem es die leckersten jungen Kartoffeln gibt. Genüsslich und in Zeitlupe zerdrückt sie einen Berg Kartoffeln in Butter, streut Salz darüber und isst sie. Ob sie noch ein Eis wolle, fragt der Vater anschließend. Gerne: Schokolade, Erdbeere und Zitrone.

„Du solltest aufpassen, dass du nicht noch dicker wirst“, [sagt er]. Sie war kaum zehn und beschloss, das Essen ab sofort bleiben zu lassen.“

In diesem Ton, einfach, knapp und ohne jedes Gefühl, erzählt die personale Erzählerin vom Leben der Protagonistin, so, als könne sie selbst nicht recht ernst nehmen, was ihr da passiert ist, ja, als könne sie sich selbst – und ihren Schmerz – nicht recht ernst nehmen. Manchmal klingt an, welche Folgen diese „verquere Sache“, also der „Betrug“ um ihre Abtreibung für sie hat. Dann wird erzählt, dass sie ein trauriges Mädchen gewesen sei, dies aber als gutes Omen genommen habe. Dass sie später, als Erwachsene schon, Orte rund um die Welt gesucht habe, die ihr Sicherheit geben: „In Sicherheit hieß unsichtbar.“ Es ist genau die Stimme, die zu einer Frau passt, die sich schon als Fünfjährige selbst verloren hat.

Weil das Training ihren Tag und ihr Leben strukturiert und vor allem auch, weil ihr Körper so einen Zweck bekommt, beginnt sie zu tanzen. Und als ihr im Studium das Geld knapp wird, fängt sie an, in einer Peepshow zu arbeiten.  Sie findet gar nichts dabei, „weil sie tatsächlich kein Konzept von sexy hatte. Ein paar aufreizende Bewegungen zu dämlicher Musik für geile Männer hinter einer Sichtklappe, die nach fünf Minuten wieder vors Fenster fiel – sie sah nicht, warum sie damit ein Problem bekommen sollte. Sie war in Sicherheit. Niemand konnte sie anfassen, sie hatte alles im Griff. Sie hatte die Kontrolle über die Blicke der Männer“.

Es ist klar, dass diese Protagonistin Probleme haben wird mit Männerfreundschaften, mit Liebe, mit der Ehe und Kindern. So ist es letztendlich auch, auch wenn die Liebe zu Claudio, einem amerikanischen Musiker, lange hält. Sie trennen sich, die Protagonistin wird in den nächsten Jahren als Reisejournalistin um die Welt jetten, wird darauf achten, dass ihr Leben vor allem eines ist: provisorisch.

Spät in ihrem Leben, der Vater ist schon ein paar Jahre tot, beginnt sie doch, sich mit dem Vater auseinanderzusetzen. Sie ist auf eine Beerdigung eingeladen, der Vater einer Freundin ist gestorben, heftig beweint von seiner Tochter. Und hier, bei dieser Trauerfeier erinnert sie sich an die Trauerfeier ihres Vaters. Oder besser: sucht Erinnerungen an die Feier, die sie aber kaum findet. Lieder am Grab hat es wohl nicht gegeben, schon gar keine Maskenspieler, die einen Sketch spielen, der die Trauergäste zum Lachen bringt. Aber sie kann sich auch nicht an die Blumen auf dem Sarg erinnern, an nichts von dem, was gesagt wurde, überhaupt an kaum jemanden, der bei der Trauerfeier dabei gewesen ist. So, wie sie sich im Leben nicht kennengelernt haben, so wie sie sich dort verpasst haben, so hat sie auch die Trauerfeier für den Vater verpasst.

Nun, ausgelöst durch das Maskenspiel, beginnt sie, in der Vergangenheit nach dem Vater zu suchen. Vielleicht findet sie Gründe, warum er zu diesem Menschen geworden ist, zu dem sie keinen Kontakt bekommen hat. Vor allem beginnt sie eine Suche nach seinem Lieblingsbruder, von dem der Vater seit Kriegszeiten nichts mehr gehört hat. Ihre Suche beginnt reichlich spät, viele Zeugen, viele verlässliche Informationen wird sie nicht mehr finden. Aber immerhin erfahren, auf welcher Seite die Brüder, auf welcher Seite der Vater während des Kriegs gestanden haben. Und während ihrer Recherchen lässt sie in assoziativen Einschüben auch immer wieder ihr Leben Revue passieren, so dass sich nach und nach das Lebenspuzzle der Protagonistin vor den Augen des Lesers zusammensetzt. Es ist so, als mache sie sich nun doch auf eine Suche, so, als wolle sie ihm noch einen späten Gefallen tun, als wolle sie endlich eine Anerkennung, ein Lob von ihm. Dabei hätte sie Lob und Anerkennung von diesem Vater wohl schon zu Lebzeiten nicht bekommen.

Je weiter sie die Geschichte des Vaters und des Bruders ausgräbt, umso unsicherer werden ihre Datenquellen. Das ist auf der einen Seite nachvollziehbar. Auf der anderen Seite aber führt es auch dazu, dass die Protagonistin immer mehr Lehrstellen mit den eigenen Spekulationen und Deutungen füllt. Während sich der Leser zu Beginn der Erzählung über Ereignisse und Erlebnisse der Protagonistin, über die besondere Art ihrer Beobachtungen und ihrer Reflexionen ein Bild über sie und ihre Verletzungen machen muss, wird ihm diese eigene Deutungsarbeit gegen Ende der Geschichte, vor allem während ihrer Suche in Südafrika, völlig abgenommen, denn die Protagonistin erzählt alle ihre Annahmen und alle ihre Interpretationen. Und das schadet der Geschichte und dem Leseerlebnis.

Verena Lueken (2018): Anderswo, Köln, Kiepenheuer & Witsch

Zu einem anderen Fazit kommt Ruth in ihrer Besprechung.

Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen

 

 

Vor ein paar Tagen stellte Anna auf ihrem Blog buchpost die Autobiografie Anthony Ray Hintons vor, der 1985 in Alabama zu Unrecht wegen angeblichen Mordes zum Tode verurteilt und erst dreißig Jahre später aus dem Gefängnis entlassen wurde. Seine Geschichte ist ein Paradestück dafür, wohin rassistische Vorverurteilungen führen, wenn es denn im gesamten Rechtsapparat so gar niemanden gibt, der seine Arbeit ernsthaft betreibt und auf Widersprüche und eklatante Ermittlungsfehler hinweist. Fast zeitgleich habe ich Margriet de Moors Roman „Von Vögeln und Menschen“ gelesen, dessen erzählerischer Kern auch solch ein „Justizirrtum“ ist.

Auch wenn in de Moors Roman schließlich ein Geständnis vorliegt, wenn auch ein falsches, durch Schlafentzug und andere Formen der psychischen Folter erpresst, die Ermittlungen sind genauso schlampig durchgeführt wie in Hintons Geschichte. Weil die Schuldige, wie in Hintons Fall, schon sehr schnell feststand. Diese Geschichte ist wohl wirklich passiert, in den Niederlanden der 1980er Jahre, nur dass hier die Vorverurteilung keine rassistische Grundlage hat, sondern eine soziale, vielleicht auch eine frauenfeindliche. Margriet de Moors Augenmerk liegt jedoch nicht so sehr auf der Rekonstruktion des fehlerhaften Verfahrens. Viel mehr interessiert sie, was der Mord am neunzigjährigen Bruno Mesdag mit dem Leben von Louise Bergman und ihrer Tochter Marie Lina macht. Wie dieses Ereignis ganz plötzlich ihr Leben umkrempelt, wie es sie in den kommenden Jahren prägt, wie es sie begleitet, ja, wie es in Rache mündet und in einen zweiten Mord.

Die Geschichte setzt an einem frühen Junimorgen ein, als Rinus Caspers, der Vogelvertreiber des Amsterdamer Flughafens Schiphol, von der nächtlichen Arbeit nach Hause kommt. Und schon der zweite Satz des Romans lässt keinen Zweifel daran, dass „die friedliche Stille“ des schönen Frühlingsmorgens „trügerisch“ ist. Zwar scheint alles ganz normal, Rinus legt sich ins Bett, schmiegt sich an Marie Lina an, und erzählt ihr, noch bevor er einschläft, dass die Nacht ruhig gewesen sei am Flughafen, nur am Ende seiner Schicht hätten die Bussarde sich sehen lassen. Sie hätten auf den Tafeln der Anflugbefeuerung gesessen.

Gespräche über seine Arbeit am Flughafen sind üblich bei Rinus und Marie Lina. Sie interessiert sich sehr für die vielen Vögel, die sich neben den Flugbahnen so gerne aufhalten, weil sie der Krach der startenden und landenden Flugzeuge nicht stört und es dort keine Menschen gibt. Dabei unterschätzen die Vögel, dass sie in die Triebwerke geraten können und sich und die Menschen an Bord in Gefahr bringen. Und Rinus weiß genau, was zu tun ist, um Bussarde, Stare und Gänse ihrer Art entsprechend zu vertreiben, damit solch ein Unglück eben nicht passiert.

„Jetzt aber schlafen sie, der Vogelvertreiber und seine heitere Frau Marie Lina, die gestern, am frühen Nachmittag, mit einer anderen Frau in eine tätliche Auseinandersetzung geraten ist. Es war ein heftiger Kampf, ihrerseits in der klaren Absicht, Böses zu tun.

Und dann so friedlich schlafen in der darauffolgenden Nacht?

Wie ein Murmeltier, nein: wie ein Kind.“

Gestört wird ihr Schlaf kurze Zeit später durch die Polizisten, die erst Olivier, den Sohn, aus dem Bett klingeln, der ihnen die Tür öffnet, und dann Marie Lina noch im Schlafzimmer festnehmen. Bevor sie geht, umarmt sie Rinus und flüstert ihm ins Ohr „Ich habe es getan“. Und sie gibt es auch unumwunden einen Monat später bei Gericht zu. Ja, sie hat Klazien Wroude in die Baugrube am Bahnhof gestoßen – und sie hat es mit Absicht getan: „Ich habe mein ganzes Leben an nichts anderes gedacht.“ Und das ist umso überraschender, als dass Marie Lina mit Rinus, dem Sohn Olivier und dem Bordercollie Sjaak ein so normales Leben führen, ja, ein sehr glückliches, wie immer wieder zu lesen ist. Anders also als der reale Hinton kann Marie Lina die Geschichte des Mordes an Bruno Mesdag und die dazugehörenden Ungerechtigkeiten nicht verwinden und bewahrt ihre verlorene Kindheit und das zerstörte Leben der Mutter tief in sich auf.

In der Festnahme Marie Linas spiegelt sich die Festnahme ihrer Mutter Louise vor über zwanzig Jahren. Als die Polizisten damals Louise abholten, geschah das aber völlig überraschend. Wie in einem schlimmen, nicht endenden Albtraum kann Louise sich dem Verdacht nicht entziehen und gerät tief in die Mühlen der Justiz. Und Marie Lina, damals neun Jahre alt, hat die Szene der Verhaftung so entsetzt, dass sich die Wut, die sie in diesem Moment erlebt und die zu einem Schrei führt, „ein hoher Schrei, ein Schrei wie ein Messer“, so tief in ihr eingräbt, sich so entwickelt und gedeiht, dass, neben dem ganz normalen Leben, das sie führt, immer auch eine Sehnsucht in ihr wächst, dass endlich ein spektakuläres Unglück geschehen möge.

Marie Linas und Rinus´ Geschichte, die Geschichte ihrer seit zwölf Jahren so glücklichen Ehe, bildet den Rahmen des Romans. Während sehr detailliert und zeitdehnend der Morgen der Festnahme erzählt wird, schildert die Erzählerin, die ganz souverän alle Fäden der Geschichte in der Hand hält und die ebenso souverän ganz verschiedene Erzählperspektiven und -stile anwendet, wie es zu der Auseinandersetzung zwischen Marie Lina und Klazien Wroude an der Baugrube gekommen ist. Sie holt weit aus in der Vergangenheit Marie Linas, erzählt von ihrer Kindheit, von ihrer Mutter Louise, der Altenpflegerin, die so fürsorglich und liebevoll für die Tochter sorgt, ein Kätzchen aufnimmt, weil Marie Lina sich eines wünscht, und die die Literatur so mag. Zweimal in der Woche versorgt Louise die Wohnung des hochbetagten Bruno Mesdag. Die Erzählerin hat auch Zeit und Muße, von Bruno Mesdag zu erzählen, von seinem erfüllten Leben, von seiner Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, die sich auch darin zeigt, dass er, selbst sechsundachtzigjährig, einen jungen Mann vor dem Ertrinken zu retten versucht.

Und sie erzählt von der Familie Caspers, dem Vater mit seinen drei Söhnen, von denen einer Rinus ist, der Gärtner, der dann als Vogelvertreiber arbeitet. „Es war einmal ein Vater, der zu seinem Kummer keine Tochter hatte, dafür aber drei Söhne“, beginnt dieser Erzählstrang. Und tatsächlich mutet diese Familiengeschichte, auch wenn sie nicht immer für alle Familienmitglieder nur das reine Glück bereithält, an, wie ein Märchen.

Es spricht für Margriet de Moors Erzählkunst, dass die Erzählung dieser fast märchenhaft gestalteten Familiengeschichte nicht in den Kitsch abrutscht. Und dass sie – ganz im Gegenteil – durch die sprachliche Gestaltung eine ganz besondere Atmosphäre kreiert, der man geradezu gespannt folgt, eine Atmosphäre auch, die wie aus der Zeit gefallen erscheint, auch wenn es Hinweise zu der Verwurzelung der Ereignisse in unserer Zeit gibt. Letztendlich spiegelt diese Zeitlosigkeit den Kern des Romans, denn Rache, wie sie entsteht und lange schlummert, um dann irgendwann doch an die Oberfläche zu streben, ist ja eine zutiefst menschliche und alle Zeiten überdauernde Regung.

Und was die Besonderheiten Margriet de Moors sprachlicher Gestaltung betrifft, so findet sich in diesem Roman wieder, was wir auch schon aus anderen ihrer Romane kennen, nämlich der ganz besondere Klang ihres Erzählens. Dabei wechseln sich märchenhaften Passagen, in denen auch schon einmal Konversation mit den Toten betrieben wird, mit ganz realistischen ab, mit Zeitungsartikeln, die über Bruno Mesdags Rettungsaktion berichten, mit den Passagen, in denen die Polizisten Louise gegen alle rechtsstaatlichen Standards in die Verhörmangel nehmen, mit den Passagen, in denen das fast fürsorglich anmutende Strafvollzugssystem der heutigen Niederlande erwähnt wird.

Erstaunlich ist aber nicht nur, wie Margriet de Moor die Geschichte um Louise und Marie Lina erzählt, sondern vor allen Dingen auch, wie diese Geschichte auf die Leser wirkt. Wie der Leser, genau wie die Familie Caspers, sich gar nicht wundert, dass die eigenen ethischen Vorstellungen hier ordentlich aus dem Lot geraten. Wie auf einmal gar nicht mehr der Justizirrtum und die Frage, wie das in einem Rechtsstaat am Ende des 20. Jahrhunderts nur passieren konnte, im Mittelpunkt steht. Sondern dass Rache offensichtlich durchaus dazu führen kann, die Seele zu befreien. Davon erzählt Margriet de Moor äußerst kunstvoll und versiert, fesselnd, verstörend und nachdenklich.

Margriet de Moor (2018): Von Vögeln und Menschen, übersetzt aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, München, Carl Hanser Verlag

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens

Aus dem Buchregal genommen habe ich Terézia Moras Erzählband, weil die Autorin, so wurde Anfang Juli bekannt, die diesjährige Büchner-Preisträgerin ist. Eine gute Gelegenheit also, die Lektüre des vor zwei Jahren schon veröffentlichten und immer noch ungelesenen Erzählbandes endlich nachzuholen. Und dann ergab sich auf einmal ein ganz stimmiger Zusammenhang mit den vorher gelesenen Büchern – denn auch Terézia Moras Geschichten umkreisen das Thema Stille. Angefangen hat meine kleine, wenn auch ungeplante Reihe zum Thema mit Céline Minards Protagonistin, die die einsame Bergwelt aufsucht, um zu erproben, ob ihr Leben dort, und auch die dazugehörende Stille, sie zu einer Erleuchtung führe – oder eben nicht. Erling Kagge stellt schon mit dem Titel seines Buches klar, dass er sich mit dem Phänomen der Stille beschäftigt, und beleuchtet dann Momente der Stille und Wege zur ihr.

In Moras Erzählungen sind es wiederum die Protagonisten, die ein besonderes Verhältnis zur Stille haben. Es sind oft Figuren, die alleine leben oder die sich selbst dann  einsam fühlen, wenn es Lebenspartner gibt. Es ist eine Stille, die sie umgibt, die auch zeigt, dass sie sich ein Stück entfernt haben von den Menschen ihrer Umgebung. Manche haben sich in ihrem einsamen Leben eingerichtet, manche leiden darunter, manche suchen zumindest für kleine Auszeiten die Einsamkeit, um endlich so sein zu können, wie sie gerne sind. Erasmus Haas zum Beispiel verschafft sich nach einer Prüfung ein verlängertes Wochenende, von dem niemand erfahrend soll, was er wirklich tut, denn er wird endlich wieder Trinken und Fernsehschauen. Und natürlich handelt keine einzige ihrer Erzählung tatsächlich von Aliens, von fremden Gestalten, wie wir sie aus der Science-Fiction-Literatur kennen.

In der titelgebenden Erzählung „Liebe unter Aliens“ ist es Sandy, die, nachdem sie Gras geraucht haben, in Tim plötzlich einen Alien erkennt. Während Tim noch darauf wartet, die schönen Farben zu sehen „wie einmal, als alles so bunt war, wie in Kindheitsträumen“, beginnt sie, sich vor ihm zu ängstigen:

„Ich kann dich nicht ansehen. Du bist ein Alien.

Waswaswas?

Du bist ein Alien.

Scheiße, sagte Tim. Oh Scheiße! Jetzt kann ich dich auch nicht mehr ansehen. Jetzt bist du auch´n Alien.“

Tim robbt ins Wohnzimmer, damit Sandy ihn ncht doch noch ansieht und in ihm den Alien erkennt. Später geht es dann wieder und sie können nebeneinander im Bett liegen. Aber dass das überhaupt passiert, dass sie am Tisch zusammensitzen, in dieser winzigen, heruntergekommenen Einzimmerwohnung, die Tim sich gerade leisten kann von seinem Geld als Kochlehrling, und sich nicht mehr anschauen können, weil einer im anderen eine fremde Spezies erkennt, vor dem er Angst hat, das ist schlimm.

Denn Tim liebt Sandy, seit sie sich vor einem halben Jahr in einer Einrichtung kennengelernt haben und kann sich nicht mehr vorstellen, ohne sie zu leben. Sandy hat nichts zu tun als darauf zu warten, dass seine Schicht beendet ist. Dann holt sie ihn ab und Tim fühlt sich gut. Denn seit seine Mutter gestorben ist, macht ihm alles Angst, was er nicht kennt. Manchmal zittert ihm bei der Arbeit das Messer so in der Hand, dass Ewa, seine Chefin, es ihm abnehmen muss. „Herr Zitterpappel“ nennt sie ihn dann. Dass Tim so an Sandy hängt, findet Ewa gar nicht gut: Das wird nicht gut ausgehen.

Und tatsächlich ist Sandy dann auf einmal weg. Tim und Sandy sind auf dem Weg zum Meer, dort wollen sie das Wochenende verbringen. Sie haben eine Rast gemacht, wieder einmal etwas geraucht, sind eingeschlafen und als Tim erwacht, ist sie weg. Er ruft Ewa an, sie kommt mit dem Wagen, gemeinsam fahren sie zum Meer, halten Ausschau nach Sandy, suchen sie am Strand und im Ort, aber sie können sie nirgendwo entdecken. Wieder zu Hause verkriecht Tim sich in seiner Wohnung. Seine Ausbildung zum Koch setzt er nicht fort. Und dann ist auch er irgendwann spurlos verschwunden.

Terézia Moras Geschichten kreisen alle um Figuren, denen das Leben nicht gut mitgespielt hat, die die falschen Entscheidungen getroffen oder Schuld auf sich geladen haben. Es sind Menschen, die sich in ihrer eigenen Umgebung fremd fühlen, wie Fremde, die sich nicht zurechtfinden. Manche ziehen sich zurück, wie der Marathonmann, der bei der Bahn als Schaffner gearbeitet hat, bis er in Frührente geschickt wurde, und der seine Wohnung nur verlässt, wenn er einkaufen geht oder sein Lauftraining absolviert. Sein Viertel verlässt er dabei nicht, nur für einen Wettkampf fährt er in eine andere Stadt. Als ihm dann ein junger Mann auf der Straße den Einkaufsbeutel aus der Hand reißt, in dem Wohnungsschlüssel und Geldbörse sind, da besinnt sich der Marathonmann auf seine Fähigkeiten und verfolgt den Jungen quer durch die Stadt. Und kommt in völlig unbekannte Viertel, in denen er sich kaum zurechtfindet.

Oder der Rezeptionist in einem Hotel, der am liebsten die Nachtschicht übernimmt. Zuerst, weil das mehr Geld brachte. Aber mittlerweile hat die Nachtschicht für ihn ganz andere Qualitäten, auch wenn ihn deswegen Andrea, seine Verlobte, verlassen hat, wenn er seine Freunde aus der Clique nicht mehr treffen kann, weil die einen anderen Lebensrhythmus haben.

„Ich weiß auch nicht. Ich weiß nicht mehr genau wann, vielleicht während der einsamen Nächte hinter dem Rezeptionistenpult und manchmal vor der Tür stehend, um das Rauschen des Schilfs und des Sees hören zu können, vielleicht durch die Sonnenauf- oder -untergänge, ist eine Stille in ihn eingezogen, die er kein Herz hat kaputt zu machen.“

Nun bietet seine Chefin ihm an, Leiter der Rezeption zu werden. Vier Mitarbeiter hätte er dann, hätte Verantwortung, auch etwas mehr Geld, aber er müsste tagsüber arbeiten. Er zögert und bespricht sich mit seiner Stiefschwester, die er einmal im Jahr trifft. Die sieht die Karrierechancen, die sich ihm eröffnen, und redet ihm zu, endlich etwas aus sich zu machen. Er aber mag schon das Wort Karriere nicht.

Es ist die Welt der ganz normalen Menschen, in die Terézia Mora uns mitnimmt. Hier gibt es kein strahlendes Heldentum, keine neidisch machenden Social-Media-Bilder und -geschichten. Meistens ändert sich genau zu dem Zeitpunkt, zu dem Mora ihren Blick auf sie wirft, eine Kleinigkeit in ihrem Leben und Mora erzählt, welche Schwierigkeiten ihnen das bereitet. Und vor diesem Hintergrund entfaltet sie auf knappem Raum eine komplexe Figur, braucht oft nur einen kleinen Hinweis, um eine ganze Lebensgeschichte zu enthüllen: „Das kenne ich. Das war der erste Platz, an dem ich ausstieg, als die Mauer aufging. Jemand schenkte mir ein Sesambrötchen und eine Orange.“

Ganz besonderen Glanz bekommen die Erzählungen durch ihre Gestaltung. Jede Erzählung hat ihre eigene Stimme, findet den sprachlichen Ausdruck, der genau zu ihr passt, ein bisschen gösselig bei Tim und Sandy, den Bildungsstand des emeritierten Professors zeigend in einer anderen Geschichte. Jeder Protagonist kommt uns nahe, zeigt uns ganz anschaulich seine Lebensumwelt, zeigt uns auch seine Verletzlichkeit, hat immer seine besondere Würde. Den meisten ist ein besonderer Blick auf die Natur eigen, auf die Bäume an der Straße, die Trias „die Weiden, die Pappel, die Zieräpfel“ wiederholt sich in verschiedenen Erzählungen, auf die Gewässer, an denen sie sich befinden, die Themse, die die ungarische Übersetzerin während ihres Stipendiums in London entlanggeht, der Fluss, den Erasmus Haas, der Verwaltungsangestelltenanwärter, jeden Tag queren muss, um auf die Insel zu kommen, auf der sich seine feuchte Wohnung in einem Mietwohnungskomplex befindet.

Und jede Geschichte entfaltet eine ganz eigene Stimmungslage, ist so traurig, dass es dem Leser schwer auf der Brust drückt, wenn er eine moderne Version der Fluchtgeschichte von Felix und Felka Nussbaum liest, hofft mit dem Professor, dass die plötzlich entbrannte Liebe zu einer Göttin irgendwie erwidert wird und schmunzelt dann über Mario, der so gern Dandy wäre, sich aber schon morgens beim Yoga-Drehsitz dem Rücken schmerzhaft verrenkt und sich anschließend mit Gebrauchtmöbelhändlern herumschlagen muss, die nicht nur völlig uneins sind mit ihm über den Wert seiner angeblich hochwertigen Antiquitäten, sondern es auch fertigbringen, das eine Kinderbett, das er verkauft, beim Abtransport im Flur zwischen Wänden und Geländer so fest zu verkeilen, dass es dort steckenbleibt.

Terézia Moras Erzählungen also sind so, als würde der Leser in zehn Schaukästen schauen, in denen sich Ausschnitte der Leben der Protagonisten betrachten lassen. Viel mehr als Schaukästen bieten die Erzählungen aber nicht nur anschauliche und bis ins kleinste Detail modellierte Sichten auf die Räume, in denen sich die Protagonisten bewegen, sondern geben den Lesern vor allem auch tiefe Einblicke in ihre Seelen. Und wie Céline Minard, so lotet auch Mora die Kehrseite der von Kagge beschriebenen Stille aus, indem sie an ihren Figuren zeigt, was Stille auch bedeuten kann, nämlich sich fremd, sich nicht zugehörig zu fühlen.

Terézia Mora (2016): Die Liebe unter Aliens. Erzählungen, München, Luchterhand Literaturverlag

Hier findet ihr die Begrndung der Jury zur Verleihung des Büchner-Preises an Terézia Mora.

Und hier ihre Website.

Erling Kagge: Stille. Ein Wegweiser

Nach der Reise mit der Protagonistin in Céline Minards Roman „Das große Spiel“ in die Abgeschiedenheit, Einsamkeit und vor allem auch Stille der Berge, ist der Schritt zur Lektüre von Erling Kagges „Wegweiser: Stille“ nicht weit. Wie Minards Erzählerin eine Abenteurerin ist, die keine Scheu hat vor dem einsamen und ausgesetzten Leben auf dem Berg, so ist auch Kagge ein Mensch, der sich in der Auseinandersetzung mit den extremen Bedingungen der Natur in Arktis, Antarktis und auf dem Mount Everest ausprobieren möchte.

Solche Situationen zu suchen bedarf eines besonderen Mutes und Zutrauens, auch der guten Vorbereitung mit „kühlem Kopf“, vor allem aber auch des Wissens, die lange Einsamkeit, die lange Stille, ertragen zu können. Aber nicht nur das: Kagge sucht geradezu die Stille, sucht immer wieder Momente, in denen er die Welt aussperren kann;

„Es zu lernen, hat eine Weile gedauert. Erst als ich begriff, dass ich ein tiefes Bedürfnis nach der Stille habe, begann ich, die Stille zu suchen – und dort, tief unter einer Kakophonie von Verkehrslärm und Gedanken, Musik und Maschinengeräuschen, iPhones und Schneefräsen, lag sie verborgen und wartete auf mich. Die Stille.“

So geht er nun in seinen 33 Kurz-Essays der Frage nach, was sie denn sei, die Stille. Wo sie sei und warum sie heute so eine große Bedeutung habe. Nicht nur für ihn scheinen diese Fragen wichtig zu sein, sondern auch für viele andere stress- und lärmgeplagte Menschen, wenn man bedenkt, wie viele Bücher – und dabei auch Anleitungen – es gibt, die Wege aufzeigen, wie durch Meditation und Achtsamkeit das eigene Selbst wieder gehört und gespürt werden könne, welches große Wellness- und Freizeitangebot besteht, in dem es tatsächlich auch Kurse gibt, in denen der moderne Mensch das Waldbaden lernt. „Zentren für Stille“, so schreibt auch Kagge, seien eine Wachstumsindustrie, ein Luxus für diejenigen, die ihn sich leisten können.

Es ist sicher ein großes Verdienst dieses Buches, dass Kagge sich gerade nicht über diese Anleitungen und Trainingsprogramme der Stille nähert. Vielmehr blickt Kagge aus ganz verschiedenen Perspektiven auf das Phänomen, blickt auf eigene Erfahrungen während seiner Expeditionen zurück, liest in philosophischen Texten und schaut, welche Bedeutung Stille in den Religionen hat. Er befragt andere Menschen über ihr Verhältnis zur Stille, recherchiert wissenschaftliche Untersuchungen und schildert, welchen Zusammenhang von Kunst und Stille es gibt.

Mit einem Fußballspieler spricht er über die Stille während des Spiels. Wir Zuschauer nehmen im Stadion oder beim Fußballschauen am Fernseher immer einen enormen Geräuschpegel wahr, der sich noch einmal deutlich erhöht, wenn auf dem Platz eine besondere Situation zu sehen war, erst recht, wenn ein Tor geschossen wurde. Der Spieler, der gerade aufs Tor schießt, aber hat durchaus andere, viel differenziertere Wahrnehmungen:

„Wenn er den Ball abschlägt, hört er keinen Ton, obwohl der Geräuschpegel enorm ist. Dann beginnt er zu jubeln. Er weiß als Erster, dass es ein Tor wird. Einen Augenblick später scheint es im Stadion wieder komplett ruhig zu sein. Als nächstes begreifen die Teamkollegen, dass der Ball die Torlinie passiert hat, er hört sie jubeln. Kurz darauf realisieren es auch die Fans, und dann jubeln alle. Das Ganze dauert eine Sekunde oder zwei.“

Es ist die von Kagge immer wieder vorgenommene Unterscheidung zwischen der äußeren Stille und der inneren, die in diesen Eindrücken des Fußballers eine Rolle in seiner Wahrnehmung spielt und die auch für Kagge eine besondere Bedeutung hat. Die äußere Stille gehört zu seinen Extremreisen als fast selbstverständlicher Teil hinzu. Und so führt die äußere Ruhe dazu, dass Kagge den Weg zum Südpol auf sich selbst zurückgeworfen verbringt, mit den Gedanken, die ihm durch den Kopf schießen. Die äußere Ruhe kann er auch suchen, wenn er wandert, wenn er in der Natur ist. Als Mensch, der aber in Oslo lebt und arbeitet, der dort einen Weg zu seinem Arbeitsplatz bewältigen muss, mit Lärm und Verkehr und dessen Arbeitstag dann durch äußere Vorgaben getaktet ist, ist die innere Stille, die Stille, die jeder in sich erschaffen kann, auch wenn es um ihn herum noch so turbulent und laut zugeht, eine ganz besondere Qualität. Es ist diese innere Stille, in der der Fußballspieler seinen Schuss platziert und dem Ball nachschaut, bis erst er jubelt und er dann erst den Jubel der Zuschauer wahrnimmt.

Kagge spürt den Momenten der Stille nach, die jeder suchen kann und die auch kein finanzieller Luxus sind. Es sind die fünf Extraminuten morgens im Bett, die Entscheidung gegen das Radio oder das Smartphone, die Entscheidung dafür, einen Weg zu Fuß zu bewältigen. Es ist der ganz bewusste Blick auf die Besonderheiten der Natur, einen Stein, ein Moos. Und es ist natürlich auch das bewusste Hören von Musik, der konzentrierte Blick auf ein Gemälde, mit dem dann fast eine Kommunikation entsteht, und das Lesen von Literatur bzw. Gedichten. Wenn aus dem Gelesenen ein Bild wird, eine Landschaft entsteht oder eine bestimmte Szenerie, wenn wir die Zeit vergessen haben, aus der Welt sind und doch ganz präsent in diesem Moment, dann, so Kagge

„wird [die Welt] einen Augenblick ausgesperrt, eine innere Ruhe und Stille übernimmt. Dies sind Gefühle, die wir alle in unterschiedlichem Maß und auf verschiedene Weise empfinden und von denen ich meine, dass man sie kultivieren und ausbauen sollte.“

Kagge also versammelt in seinen Essays viele Ansätze, wie wir uns der inneren Stille nähern können. Er erklärt aber auch, welche Stoffe in unserem Hirn bewirken, dass wir den Verlockungen – und der Ablenkung – der digitalen Techniken so schwer entkommen können. Und zeigt ein ganz überraschendes wissenschaftliches Experiment auf, dass zeigt, wie schwer es vielen Menschen fällt, Stille zu ertragen.

Probanden aller Altersklassen und sozialen Herkünfte sollen sechs bis fünfzehn Minuten in einem Raum der Stille bleiben, ohne dass sie eine Ablenkung in Form eines Buches, von Musik oder ihres Smartphones mitnehmen dürfen. Übereinstimmend erklären sie nachher, wie unwohl sie sich gefühlt haben, und dass sie sich nicht hätten auf etwas Bestimmtes konzentrieren können. Bei einer Verschärfung des Experimentes nutzt die Hälfte der Teilnehmer die Möglichkeit, die 15 Minuten im Raum der Stille zu verkürzen, indem sie einen schmerzhaften elektrischen Schlag in Kauf nimmt.

Kagge führt dieses Ergebnis darauf zurück, dass wir auf der ständigen Flucht vor uns selbst seien. So können wir die Stille um uns herum nicht ertragen und lassen uns gerne von Technik und anderen Dingen ablenken. Er folgt damit dem Philosophen Blaise Pascal, der schon im 17. Jahrhundert der Meinung war, „das Unglück der Menschen kommt davon her, dass sie nicht verstehen, sich ruhig in der Stube zu halten.“  Es ist schade, dass Kagge hier nicht genauer ausführt, welche Gründe die Wissenschaftler gefunden haben, dass Menschen sich während der kurzzeitigen Stille so unwohl fühlen, sich sogar Schmerzen zufügen, um die Zeit abzubrechen. Immerhin ist der Mensch ein soziales Wesen, gewohnt, mit anderen zusammen zu sein. Auch ein Wesen, das neugierig ist und seine Umgebung erkundet, das Entwicklungen anstößt, weil es eben nicht nur ruhig in der Stube sitzt. Genau diese beiden Aspekte haben im Laufe der Menschheitsentwicklung auch unser Überleben gesichert.

Es sind diese Ungenauigkeiten, die Kagges Essays manchmal zu einseitig, manchmal auch fraglich erscheinen lassen. Natürlich, es ist seine Meinung, es sind seine Erlebnisse, es ist seine Auseinandersetzung mit dem Thema, die er hier in Form von Mosaiksteinen  zusammenträgt. Darin stecken viele gute Ideen, Ansätze, philosophische Aspekte, die nachdenkenswert und nachahmenswert sind, in einer Zeit, in der die Menschen immer lauter werden. Es ist auch klar, dass ein Band zum Thema „Stille“ nicht unbedingt die negativen Aspekte der Stille, des Still-Seins oder des Stille-Suchens beleuchtet, alles Aspekte, die einen Menschen ja gerade den sozialen Bindungen entzieht – nicht umsonst sind Bezeichnungen wie Einsiedler nicht nur positiv besetzt.

Aber ob Stricken und Holzhacken wirklich gute Beispiele für Stille sind, nicht viel mehr für Konzentration auf genau diese Tätigkeit, die man gerade ausführt, ob die nur kritische Auseinandersetzung mit der Technik wirklich in ein Buch der Stille gehört und ob die Hinweise auf den Luxus, im Beruf auch mal nicht erreichbar sein zu können und Aufgaben an Kollegen zu delegieren (was ist dann mit deren Suche nach Stille?), eine angemessene Lösung sind – das alles wirkt nicht ganz konsequent durchdacht.

Erling Kagge (2017): Stille. Ein Wegweiser, Berlin, Insel Verlag