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Salih Jamal: Das perfekte Grau

Sie sind gestrandet in einem heruntergekommenen Hotel an der Ostsee, haben sich dort zu einem lächerlichen Lohn verdingt als Zimmermädchen, Koch, als Kofferträger und Handwerker, als Empfangsdame: Dante, der Ich-Erzähler, Rofu, der Flüchtling aus dem Sudan, Mimi, die vor viele Jahren aus London verschwunden ist und Novelle, Anfang 20, die erst verletzlich und schüchtern wirkt und im nächsten Moment ordentlich aus der Haut fahren kann und die sich heimlich an den kleinen Fläschchen aus den Hotelbars bedient. Sie alle wohnen in der ehemaligen Scheune hinter dem Hotel der alten Schmottke. Die sitzt hinter dem Empfangstresen und starrt auf ihren Fernseher und ist so geizig, dass sie ihren Mitarbeitern nicht einmal eine gute Matratze gönnt.

Schon mit den ersten Sätzen entsteht das Bild des in die Jahre gekommenen Hotels vor den Augen der Leserin, sie sieht den Rost am Heizkörper, der sich auch durch noch eine Schicht Lack nicht überpinseln lässt, sieht, wie die Gäste, die dem Hotel noch die Treue halten, auch in die Jahre gekommen sind, so wie es dem ganzen Seebad wohl ergangen ist, das längst nicht mehr ein mondäner Ort ist. Da ist gleich klar: wer hier arbeitet, wer sich auf die Meckereien und garstigen Ton der alten Schmottke einlässt – und erst auf ihre Bingo-Abende! -, der muss ein Stück aus der Gesellschaft gefallen sein. Und so ist es mit den vier Protagonisten ja.  

Einmal verbringen sie gemeinsam ihren freien Tag. Dante hat ein Boot ausgeliehen, gemeinsam fahren sie raus aufs Meer zur kleinen Robbeninsel. Sie essen ihr mitgebrachtes Picknick, genießen die Sonne – und streiten sich. Es sind Rofus Fragen, woher sie komme und wie es da sei, in Altötting, die Novelle kaum ertragen kann. Aber dann fasst sie sich ein Herz und erzählt ihre Geschichte. Die Offenheit, mit der sie erzählt, die wahrhaft zuhörenden Kolleginnen und Kollegen, die sich sofort auf ihre Seite stellen, tun nicht nur Novelle gut. Hier entspinnt sich zwischen den Vieren eine Freundschaft.

Und die wird schon am Abend auf die Probe gestellt. Denn als Dante endlich zurück zum Hotel kommt, er musste das Boot noch übergeben und Formalitäten erledigen, da sieht er Mimi mit gepacktem Koffer über den Hof gehen. Sie ist auf der Flucht vor den beiden neuen Gästen, die morgens im Hotel eingecheckt haben und von denen sie sicher ist, dass sie Polizisten seien, die sie hier entdeckt hätten und festnehmen wollten.

Dante lässt sie nicht alleine gehen. Gemeinsam überlegen sie, was zu tun ist – und beweisen zum ersten mal, was es bedeutet, Freunde zu sein. Und so verlassen sie noch in der Nacht gemeinsam das Hotel. Dante stiehlt eines der Boote aus dem Hafen, darauf schippern sie über die Mecklenburger Flüsse und Seen. Sie kommen sich und ihren Geheimnissen dabei ziemlich nah. Für Novelle richten sie mitten im Sommer auf dem Boot ein Weihnachtsfest aus, mit geschmücktem Baum, mit Kerzen, Geschenken und einem richtigen Festessen. Das hat Novelle als Wunsch geäußert, weil sie nie ein Weihnachtsfest erlebt hat. Rofu erzählt von seiner Flucht – das sind ganz eindringliche Seiten des Romans, ganz ernst erzählt und ohne Dantes manchmal ein bisschen arg flapsigen Ton. Dante erzählt von den zwei Frauen, die er gleichzeitig geliebt hat. Mimi erzählt von dem Pilzgericht, mit dem sie ihren Mann getötet hat und von ihren Jahren auf der Flucht, im Untergrund.

„Doch dann, wenn der Puls der Stunden immer leiser wurde, bis er fast ganz verstummte, öffnete sich in den Büchern eine geheime Tür, durch die ich in Welten schritt, ohne dass ich mich fortzubewegen brauchte, und schließlich ist die Welt zu mir gekommen. Lesen ist wie Reisen im Kopf. Es hat mich gerettet. Bücher haben mich davor bewahrt, verrückt zu werden. Bücher und Kochen.“

Irgendwann beschließen die vier, nach Salzburg zu fahren, dorthin, wo Rofu seinen neuen, wenn auch gefälschten Pass hat, der ihn als deutschen Staatsbürger ausweist. So einen möchten sie für Mimi besorgen, damit sie endlich wieder ganz normal leben kann. Sie legen ihr Geld zusammen und Dante schlägt vor als Erdbeerpflücker weiteres Geld für die Reisekasse zu verdienen. Das geht allerdings allerdings alles andere als gut aus. Denn die Genossenschaft wird so effizient geführt, ist so exakt getaktet, wie wir es sonst eher aus einem DAX-Unternehmen kennen. Und die beiden Obergenossen benehmen sich auch, wie es von Großkapitalisten erwartet wird. Dies ist ein Beispiel für die ein oder zwei Stellen im Roman, an denen Jamal, um den Konflikt voranzutreiben, zu sehr in die Klischeekiste greift.

Salih Jamal nimmt uns in seinem Roman nicht nur mit auf einen spannenden Roadtrip mit ungewöhnlichen Wendungen. In dem natürlich alle möglichen Verkehrsmittel eine Rolle spielen: ein Boot, Fahrräder, die Eisenbahn. Und mache Strecken müssen auch zu Fuß bewältigt werden. Er stellt uns dabei Figuren vor, die alle ihre biografischen Brüche mit sich tragen und – wie es sich für einen guten Roadtrip auch gehört – während der Reise wieder das Vertrauen zu sich sowie die Kraft gewinnen, die eigenen Geschicke wieder selbst bestimmen zu wollen. Dabei spielt Jamal auch mit den Motiven Flucht und Reise.

Dante nämlich kann auch der bei niederschmetternden Wendungen noch Positives erkennen. Und wenn er dann so erklärt, dass das Reisen doch ein Kreisen sei, dass sie doch bisher eine schöne gemeinsame Reise gehabt hätten, dann ist Rofu da ganz anderer Meinung:

„Walla! Flucht ist weglaufen und verstecken. Keine Scheißreise mit so einem Scheiß wie: Der Weg ist das Ziel. So was Beklopptes! Der Weg ist das Ziel, der Weg ist das Ziel. (…) Das sagen doch nur die, die schon längst das Ziel gefunden haben. Weißt du, was nämlich der Unterschied ist? Reisen ist finden. Aber Flucht, das ist Suche.“

Der Roman führt zum Schluss nach Altötting, oder besser nach Alt-Otta-King, wie Rofu, der durch seinen Umgang mit der Sprache immer für Heiterkeit sorgt, versteht. Dort steht die schwarze Madonna, eine Holzfigur, zu der Heerscharen von Gläubigen pilgern. Fast wie die Kaaba, vergleicht Rofu, die Verhältnisse doch ein wenig verkennend. So könnte es ja auch sein, dass Jamal seine Protagonisten gar nicht hat flüchten lassen aus Frau Schmottkes schäbigem Hotel. Sondern sie auf eine Pilgerreise geschickt hat. Bei der alle etwas über sich herausfinden und sich unter dem Schutz der Freundschaft entwickeln können. Und auch Rofu scheint gar nicht mehr auf der Suche zu sein, sondern findet etwas.

Als Sommergeschichte bezeichnet er Klappentext den Roman. Das ist er sicherlich auch. Es ist ja schließlich auch eine Reise im Sommer, getragen von Freundschaft und dem Willen zueinander zu stehen, eine Reise vom Norden Deutschlands in den Süden, durch weite offene Landschaften, eine ganz existentielle Reise für die vier Protagonisten. Eine Reise, in der Jamal durch seine anschauliche Sprache Umgebungen und Atmosphären zu malen scheint. Aber diese Lektüre wird natürlich nicht nur im Sommer anregend sein, sondern zu allen anderen Jahreszeiten auch.

Salih Jamals Roman „Das perfekte Grau“ ist eines der 30 Bücher auf der Hotlist, der Liste der guten Bücher aus unabhängigen Verlagen. Hier findet ihr die Liste und hier geht’s ins Wahlstudio. Bis zum 20. August 2021 könnt ihr noch wählen.

Salih Jamal (2021): Das perfekte Grau, Wien, Septime Verlag

3 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    Ich habe mir das Buch aufgrund deiner Empfehlung gekauft und bin begeistert.
    Ich habe mich über die Erdbeer-Kooperative sehr amüsiert und mochte gerade das leicht überzogene. Wobei ich denke, dass es heute fast real ist: bei viele. Projekten wird über das Ziel hinausgeschossen. Ich erlebe es in Berlin immer wieder, wie gerade Projekte, die die Welt verbessern wollen, mit Scheuklappen geplant und umgesetzt werden.
    Es herrscht meines Erachtens zurzeit ein großer Egoismus in der Welt, der den Blick kaum vom eigenen Ich wendet.
    Liebe Grüße und danke für deine Empfehlungen,
    Susanne

    • Liebe Susanne,
      da freue ich mich ja ganz doll, dass ich dich mit meiner Besprechung zum Buch „verführen“ konnte. Und es dir dann auch gefällt. Vielen Dank für die schöne Rückmeldung.
      Ja, das mit dem Egoismus an allen möglichen und unmöglichen Stellen, beeindruckt mich auch sehr. Ein merkwürdiger Ton hat Einzug gehalten. Und wahrscheinlich auch andere Werte.
      Immerhin hat Jamal der hochkapitalistischen Erdbeer-Kooperative doch noch eine andere landwirtschaftliche Herangehensweise entgegengestellt: es geht also auch anders.
      Viele Grüße nach Berlin, Claudia

      • Ja, liebe Claudia,

        es geht auch anders.

        Mich faszinierte im Buch, dass sich die Betreiber der Kooperative für besonders halten.

        Das fällt mir auch bei anderen Beispielen auf. Ein sehr spezielles Thema sind da für mich die Lastenfahrräder und ihre Betreiber in der Großstadt. Es wird keine Rücksicht mehr auf Fußgänger, ja überhaupt andere Teilnehmer des Straßenverkehrs genommen und trotzdem halten sich die auf dem schmalen Bürgersteig fahrenden Lastenräderbesitzer und -besitzerinnen für besonders. Nicht selten bin ich in letzter Zeit als Fußgängerin von Lasten- und Elektrofahrrädern fast umgefahren worden, wäre ich nicht gehopst. Natürlich bin ich auch von den Fahrradfahrerinnen und -fahrer tüchtig ausgeschimpft worden, was laufe ich den da auf dem Bürgersteig herum!

        Auch, dass nicht für alle 20 Mietparteien auf dem Hof Platz für Lastenräder, ja nicht mal für Fahrräder ist, wird nicht beachtet. Frei nach dem Motto: Hopla, jetzt komme ich mit dem umweltbewußten Fahrrad, und ich habe Recht und ich nehme mir das Recht zu schalten und zu walten wie ich will. Schließlich bin ich klimaneutral. Jedenfalls, wenn ohne Elektrohilfe gefahren wird.
        Du liest meine Verzweiflung auf dem Gebiet des Egoismus. Ich verstehe das nicht. Können wir nicht alle aufeinander Rücksicht nehmen? Was ist bloß passiert?
        Verzeih meinen Ausbruch, liebe Grüße von Susanne

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