Lesen, Romane, Wirtschaft
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Ling Ma: New York Ghost

Soll man in der Covid-Pandemie tatsächlich ein Buch lesen über eine Pandemie? Eine Pandemie, die zum ersten Mal in China aufgetreten ist, in Shenzhen, und die sich von dort in kurzer Zeit weltweit ausbreitet. Zu deren Schutz dieselben – manchmal hilflosen – Maßnahmen ergriffen werden, wie wir sie kennen, nämlich (am Anfang viel zu wenige) FFP 2-Masken und Latex-Handschuhe, Home-Office und Social-Distancing. Und ich kann hier schon sagen: ja, der Roman ist absolut lesenswert, weil eben nicht nur über eine Pandemie erzählt wird, sondern durch diese Extremsituation unsere Arbeit und unsere Gesellschaft, unsere Art des Lebens und unsere Werte wie unter einem Brennglas beleuchtet werden. Ling Ma hat mit diesem Debüt, das bereits 2018 im Original erschienen ist, die Pandemie als das Bild gewählt, wie in unserer globalisierten Welt alles miteinander verwoben ist. 

Die Pandemie wird in ihrem Roman durch eine Pilzinfektion ausgelöst, die zu Kopfschmerzen, Müdigkeit und Fieber führt und vielen erst wie eine Erkältung erscheint. Sie tritt zum ersten Mal bei Arbeitern in Shenzhen auf, die unter den Arbeitsbedingungen der stetigen Kostensenkung Produkte für den globalen Markt herstellen. Und sie reist, anders als unsere Pandemie, nicht mit den Menschen, sondern mit den Produkten um die ganze Welt.  

Nach den ersten Erkältungssymptomen nimmt die Krankheit den Menschen ihren Willen und ihre Selbstbestimmung. Wie in einer nicht mehr endenden Programmierschleife gefangen, wiederholen die Menschen eine Handlung wieder und wieder. So beschreibt Candice, die Ich-Erzählerin, wie eine Familie sich am Esstisch versammelt: die Mutter deckt den Tisch, Vater und Sohn nehmen Platz und essen von den leeren Tellern, lecken sie dann sogar ab, die Mutter räumt das Geschirr zurück in den Schrank – und schon beginnt das Essensritual von vorne. Es kann sein, dass das Fieber erst nach mehreren Wochen zum Tode führt. Solange hängen die Menschen in ihren Endlosschleife sinnloser Verrichtungen, ihre Körper sind noch nicht tot, aber ihren Verstand haben sie bereits verloren.

Candice Chen ist mitten drin im Global-Sourcing. Nach einem Studium der Bildwissenschaft zieht sie mit den Studienfreundinnen und -freunden nach New York. Den Sommer über zieht sie sich mehr und mehr aus dem Freundeskreis zurück, macht lange Spaziergänge durch New York und startet ihren Blog „New York Ghost“, auf dem sie ihre Fotografien der Stadt veröffentlicht. Durch den Tipp eines ehemaligen Liebhabers bekommt sie einen Job bei einem Dienstleister für Verlage. Der Job aber hat kaum etwas mit ihrem kreativen Studium zu tun, sondern führt sie mitten hinein in die globalisierten Herstellprozesse. 

Ihre Aufgabe ist es, für andere Verlage billige Produktionen in China in Auftrag zu geben, den Bestellprozess und die Kosten zu überwachen und für die Logistik in die USA zu sorgen. Dabei geht es immer um Bibeln, die für Sonderausgaben produziert werden: die Outdoorbibel in einer leichten Stahlkasette, die Alternativ-Bibel mit leerem Cover und Filzstiften zum Selberbemalen, die Bibel-Handtasche, die Besondere-Momente-Bibel und die Edelstein-Bibel. Hier also wird die Bibel zum veritablen  Konsumgut, knapp kalkuliert und gesteuert durch einen tiefen Outsourcingprozess. Die Arbeiter vor Ort sind es dann, die als erste am Staub der Edelsteinschleiferei am Fieber erkranken.

Weil Candice keine Familie hat, erteilt ihr Chef ihr eine besondere Aufgabe. Während viele andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ihren Familien außerhalb New Yorks reisen, bleiben ein paar in der Stadt, um das Büro vor Ort weiterhin zu betreiben. Das ist wichtig für das Image des Unternehmens, das lässt der Chef sich durchaus etwas kosten. Und so geht Candice weiterhin jeden Tag zur Arbeit in ihr kleines Büro mit Blick auf den Times Square und sieht, wie die Stadt und die Infrastruktur mehr und mehr verfallen, weil immer mehr Menschen infiziert sind oder die Stadt bereits verlassen haben. Zum Schluss zieht Candice, die eisern ihren Vertrag erfüllt, in ihr Büro, weil die U-Bahnen still stehen. In ihren Arbeitspausen – zu tun gibt es ja eigentlich nichts mehr – stromert sie durch Manhattan und fotografiert den Niedergang. So dokumentiert ihr Blog die Veränderungen in Manhattan, ist die letzte Quelle, die die Welt mit Bildern aus New York versorgt, nachdem die Zeitungsredaktionen, die Radio- und TV-Studios längst aufgegeben wurden.

Irgendwann entschließt sich auch Candice, New York zu verlassen. Auf dem Land findet eine Gruppe Überlebender sie am Straßenrand in einem gelben New Yorker Taxi. Die Gruppe nimmt sie auf, nimmt sie mit auf die Reise an einen „sicheren Ort“. Der Anführer ist Bob, der älter ist als die anderen, und der ganz schnell eine religiöse Ideologie und sich daraus ableitende strenge Regeln in der Gruppe etabliert. So verklärt er die scheinbare Immunität der Überlebenden als göttlichen Plan und die schwangere Candice schützt er auf seine Art ganz besonders. Der sichere Ort in Illinois stellt sich dann als Shopping-Mall heraus, an der Bob Anteile hält und in der er als Kind viel Zeit verbracht hat. 

Ling Ma gelingt es beeindruckend, die Gefühlswelt von Candice vor dem Ausbruch der Pandemie, während ihrer Zeit in New York und auf der Reise nach Chicago, zu vermitteln. Das Fremdheitsgefühl, das Candice in jeder Lebensphase hat, ihre Einsamkeit und Traurigkeit und ihr Verlorensein, ihr Gefühl, ein Geist zu sein, vermitteln sich nicht nur durch ihre Handlungen und Reflexionen, sondern besonders auch durch die Sprache.  

„Wenn ich nach Hause kam, sah ich die Bilder auf der Kamera durch und lud die guten auf NY Ghost hoch. Der Geist war ich. Ich war nur eine Erscheinung, die den Schauplatz heimsuchte, herumirrlichterte ohne Ziel, ohne Grund. Der Wind könnte mich nach Jersey oder Ohio pusten oder zurück nach Salt Lake City. Es erschien mir angemessen, das Blog anonym zu führen. Oder vielleicht wollte ich anonym bleiben, weil ich nicht wusste, ob die Fotos überhaupt etwas taugten. Was mir gefiel, oder wozu ich mich genötigt sah, war die Routine.“

Candice erzählt chronologisch von ihren Erlebnissen während der Reise ihrer Gruppe zur sicheren Anlage. In Rückblenden erinnert sie ihre eigene Geschichte vor der Pandemie in New York, erzählt von ihrer Beziehung zu Jonathan, vom gemeinsamen Filmschauen in seiner Kellerwohnung, davon, wie sie sich kennengelernt, wie sie sich getrennt haben. Sie erzählt auch von der Immigration ihrer Eltern von China nach Salt Lake City und erinnert sich, dass ihr Vater in den USA die Anonymität gesucht habe: „Es war die Anonymität. Er wollte unbekannt sein, unberührt vom Wissen anderer über ihn. Das war Freiheit.“ Die Mutter dagegen findet sich im neuen Leben kaum zurecht. Erst in einer chinesisch-christlichem Gemeinschaft findet sie ein Stück Heimat. Und im Konsum. 

So sind es auch die Motive, die Ling Ma so virtuos in den verschiedenen Zeitebenen spiegelt. In Anonymität zu leben war für den Vater eine wichtige Motivation für das Auswandern und ist auch für Candice bis in das Zusammenleben in der Gruppe der Überlebenden wichtig. Es bedeutet für sie aber auch die Gefühle der Einsamkeit und des Ausgeschlossen-Seins. Der Glaube, dessen Rituale die Eltern eher auswendig lernen als tatsächlich leben, führt für sie aus der Isolation in eine Gemeinschaft. Für Candice dagegen wird die Bibel zum Konsum-Objekt, das sie in immer neuen Aufmachungen zu günstigsten Kosten herstellen lässt, damit der ja eigentlich gesättigte Markt doch noch eine weitere Bibel aufnimmt. Und die ewig gleichen sinnentleerten Arbeitsroutinen, die Candice bei ihren Besuchen in den Fabriken der Sonderverwaltungszone in Shenzhen vorgeführt bekommt, ähneln ja den fortgeschrittenen Krankheitsstadien des Shen-Fiebers. 

Es lohnt sich also, Ling Mas schon 2018 erschienen Debütroman zu lesen. Weil er ein bisschen – und es wirkt fast unheimlich – unser Leben in der Pandemie zeigt, bis in die merkwürdigen Auswüchse in den sozialen Medien. Weil er aber vor allem unserem Lebensgefühl in dieser globalisierten Welt nachspürt, auslotet, wie die Mechansimen der Arbeitsprozesse, der (Kosten-)Verhandlungen und Kontrollen auf die Menschen wirken. Das macht er – ausgelöst durch die Pandemie – überspitzt. Und literarisch überzeugend. 

Ling Mas „New York Ghost“ ist eines der 30 Bücher auf der Hotlist, der Liste der guten Bücher aus unabhängigen Verlagen. Hier findet ihr die Liste und hier geht’s ins Wahlstudio.

Ling Ma (2021): New York Ghost, aus dem Englischen übersetzt von Zoe Beck, Hamburg, Culturbooks

2 Kommentare

  1. Guten Morgen, liebe Claudia,
    danke für diese Rezension, die uns auf dieses Buch neugierig machte. Wir haben es gleich bestellt und sind gespannt. Wir kannten bislang nur von Camus „Die Pest“ als Roman, der sich mit einer Pandemie/Epidemie beschäftigt.
    Mit herzlichen Grüßen vom kleinen Dorf am großen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    • Lieber Klausbernd, da freue ich mich, dass ich dich neugierig machen konnte auf „New York Ghost“ und die Pandemie, von der dort erzählt wird. Und hoffe, dass der Roman dir genauso gefällt wie mir. Auch wenn ich mich sonst nicht so für diese dystopischen Endzeitgeschichten erwärmen kann.
      Viel Freude bei der Lektüre und viele Grüße – ausnahmsweise 🙂 – von der anderen Seite des Meeres, Claudia

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