Alle Beiträge, die unter Bits und Bytes gespeichert wurden

Ian MacEwan: Maschinen wie ich

Charlie Friend sitzt im Wartezimmer seines Arztes, denn ein eingewachsener Zehennagel am Fuß quält ihn. Und während er dort sehr lange warten muss, philosophiert er darüber, wie es denn zu diesem einzigartigen Augenblick gekommen ist: „Die Gegenwart ist ein unwahrscheinliches, unendlich fragiles Konstrukt. Es hätte anders kommen können. Etwas oder alles könnte auch ganz anders sein. Das gilt für das kleinste wie für das größte. Wie leicht, eine Welt heraufzubeschwören, in der mein Zehennagel nicht eingewachsen war; eine Welt, in der ich, nach dem Erfolg eines meiner kleinen Projekte reich geworden, nördlich der Themse lebte; eine Welt, in der Shakespeare als Kind gestorben war und von niemandem vermisst wurde, eine Welt, in der die Vereinigten Staaten die Entscheidung getroffen hatten, ihre bis zur Perfektion getestete Atombombe über einer japanischen Stadt abzuwerfen; oder einer Welt, in der die Falklandtruppen nicht in den Krieg gezogen oder siegreich heimgekehrt waren, weshalb das Land jetzt nicht trauerte (…).“ Charlie Friends tief greifende Überlegungen beschreiben treffend Ian McEwans poetologisches Prinzip für seinen Roman: McEwan beschwört nämlich eine Welt herauf, die …

Dave Eggers: Der Circle

Mit der Lektüre von Dave Eggers Roman „Der Circle“ bin ich tatsächlich spät dran. 2014 ist der Roman schon in Deutschland erschienen, da bin ich irgendwie noch an ihm vorbeigekommen. Nun aber konnte ich mich nicht mehr entziehen, denn mein Literaturkreis hat sich für den „Circle“ entschieden. Ich bin schon gespannt, ob er meine Mitlesenden überzeugt hat. Mich jedenfalls nicht. Und das, obwohl er, wenn die gegenwärtige Facebook-Debatte berücksichtigt wird, so aktuell ist wie vor 5 Jahren. Dave Eggers siedelt seinen Roman dort an, wo spannende Themen durchaus zu erwarten sind, nämlich mitten in der schönen, neuen Arbeitswelt eines Tech-Konzerns in Kalifornien. Dort ergattert Mae Holland durch Unterstützung ihrer Studienkollegin Annie einen Job und fühlt sich nach ihren Erfahrungen beim langweiligen Strom- und Gasversorger ihrer Heimatstadt wie im siebten Himmel, als sie an ihrem ersten Arbeitstag über den Unternehmens-Campus schlendert. Überall junge Leute, die in ungezwungener Atmosphäre auf dem park-ähnlichen Gelände arbeiten und gemeinsam Spaß haben, alles ist sauber und ordentlich und in den Pflastersteinen sind die wundervollsten Inspirationsbotschaften verewigt: „ Träumt“, „Bringt euch ein“, …

Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

Als ich vor ein paar Wochen Birgits Besprechung des Romans von Julia von Lucadou gelesen habe, hatte sie mich mit der „Hochhausspringerin“ gleich am Wickel. Zwar schickt die Autorin ihre Figuren in eine dystopische Gesellschaft – und das ist nicht das Genre, das mir immer zusagt -, dafür aber haben die Figuren mit so ziemlich allen Aspekten zu kämpfen, die ich in der Gegenwartsliteratur so oft vermisse: nämlich einem Leistungs- und Wettbewerbsdenken, das in wirklich alle Lebensbereiche vorgedrungen ist. Kombiniert wird das mit den vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Selbst- und Fremdüberwachung. Durch Kameras, die jede Bewegung jeder Person bis in die eigene Wohnung hinein erfassen, durch Schlaf-, Stress- und Fitnesstracker, die die aktuellen Werte auch an den Chef melden, der dann seinen Mitarbeiter umgehend zu mehr „Meditation, Entspannungsübungen“ und bewusstem Atmen rät. Das alles ist zwar Science-Fiction – aber gar nicht so ganz weit weg von unserem Leben, denn über die Technik, die hier genutzt wird, verfügen wir zum großen Teil schon. Dass Julia von Lucadous Roman auch noch ein Debüt ist und auf der …

Philipp Schönthaler: Vor Anbruch der Morgenröte

Philipp Schönthalers Texte umkreisen immer wieder die Bruchstellen des modernen Lebens. In seinem Erzählungsband „Nach oben ist das Leben offen“ lotet er die Facetten der Selbstoptimierung aus. Das Ziel der stetigen Verbesserung der Leistungsfähigkeit wollen ja nicht nur die Jugendlichen erreichen, die im hoch in den Bergen gelegenen Internat beim Höhentraining an ihrer körperlichen Fitness arbeiten, der gähnenden Langeweile und auch den (Todes-)Opfern dieser Schinderei zum Trotz, sondern es sind ja auch diejenigen Selbstoptimierer, die in anderen Bereichen stetig an sich „arbeiten“. Wenn sie „leistungsfördernde emotionen im unterbewusstsein verankern und wie auf knopfdruck abrufen“ können, um allen Situationen gerecht werden zu können, wenn sie neue berufliche überwältigende Aufgaben zu Herausforderungen umdeuten oder Niederlagen zu „wertvollen ressourcen“, wenn Paare an ihrer Kommunikation „arbeiten“ oder gar an ihrer Beziehung. In seinem neuen Erzählband „Vor Anbruch der Morgenröte“ erzählt Schönthaler von den Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, erzählt davon, wie wir wohnen werden, wie wir arbeiten, wie wir uns entspannen. Es sind Geschichten, die beim ersten Lesen scheinen, als würde der Autor uns ins verrückte Science-Fiction-Welten …

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles.

Ich weiß: Indem ich diesen Artikel veröffentliche und gleich an mehreren Stellen bei Facebook auf ihn hinweise, indem ich im Zuge des Lesens von Hofstetters „Sie wissen alles“ nach weiteren Informationen zur Autorin und ihrem Unternehmen  gesucht habe, indem ich den „Wehrt Euch“-Artikel von Enzenzberger in der FAZ gelesen habe, ich bei brasch und buch seine Besprechung des Buches von Hofstetter gelesen und auf Kaffeehaussitzer Uwes Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ kommentiert  und ebenfalls auf meine aktuelle Buchlektüre hingewiesen habe, habe ich meinen digitalen Fußabdruck wieder einmal deutlich vergrößert. Ich habe den Daten, die Google, Microsoft, Facebook und andere bisher über mich gesammelt haben, weitere hinzugefügt, Informationen darüber, wofür ich mich – und wie lange – interessiere, mit wem ich – und wie oft – in Kontakt stehe. Und diese Daten werden nicht nur gespeichert, sondern mit den vielen anderen, die über mich schon vorliegen, in Beziehung gebracht. Und dienen alle dazu, mich besser kennenzulernen, vielleicht sogar, so wird gemutmaßt, besser, als ich mich selbst zu kennen meine. Yvonne Hofstetter ist Juristin und …