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Philipp Schönthaler: Vor Anbruch der Morgenröte

Philipp Schönthalers Texte umkreisen immer wieder die Bruchstellen des modernen Lebens. In seinem Erzählungsband „Nach oben ist das Leben offen“ lotet er die Facetten der Selbstoptimierung aus. Das Ziel der stetigen Verbesserung der Leistungsfähigkeit wollen ja nicht nur die Jugendlichen erreichen, die im hoch in den Bergen gelegenen Internat beim Höhentraining an ihrer körperlichen Fitness arbeiten, der gähnenden Langeweile und auch den (Todes-)Opfern dieser Schinderei zum Trotz, sondern es sind ja auch diejenigen Selbstoptimierer, die in anderen Bereichen stetig an sich „arbeiten“. Wenn sie „leistungsfördernde emotionen im unterbewusstsein verankern und wie auf knopfdruck abrufen“ können, um allen Situationen gerecht werden zu können, wenn sie neue berufliche überwältigende Aufgaben zu Herausforderungen umdeuten oder Niederlagen zu „wertvollen ressourcen“, wenn Paare an ihrer Kommunikation „arbeiten“ oder gar an ihrer Beziehung.

In seinem neuen Erzählband „Vor Anbruch der Morgenröte“ erzählt Schönthaler von den Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, erzählt davon, wie wir wohnen werden, wie wir arbeiten, wie wir uns entspannen. Es sind Geschichten, die beim ersten Lesen scheinen, als würde der Autor uns ins verrückte Science-Fiction-Welten entführen, die aber tatsächlich nur eine Handbreit von unserer Realität entfernt sind (wenn überhaupt). Die in den Erzählungen zugrundeliegenden Möglichkeiten der Digitalisierung gibt es schon, sie sind nur noch nicht vollkommen umgesetzt in Prozesse, in die der Mensch ständig seine Daten einspeist, sodass die Algorithmen immer die bestmögliche Leistung für ihn zu Verfügung stellen. Das Quellenverzeichnis am Ende des Erzählbandes belegt jedenfalls, dass Schönthaler hier nicht ins verwegene Träumen geraten ist.

„Orchid Yards“, das sind die neuen Wohnträume in New York, ein Projekt städtischen Lebens, in dem die Möglichkeiten der smarten Technologie Grundlage der Bauplanung gewesen sind. Hier können „Fußgängerströme, Verkehrsflüsse, Luftqualität, Energieverbrauch, Müllentsorgung, Recycling“ dank vieler gewonnener Daten der Bewohner und der Besucher optimal gesteuert werden. Das klappt so gut, dass Energie- und Wasserverbrauch im Vergleich zu anderen Stadtquartieren innerhalb der letzten drei Jahre deutlich gesenkt werden konnten, dass es durch eine intelligente Wegeführung an keiner Stelle des Fußgänger- oder Autoverkehrs noch nennenswerte Ansammlungen und dadurch Verzögerungen gibt, und die Kriminalitätsrate ist absolut niedrig.

Das alles macht das Wohnen im „Orchid Yard“ nicht nur für Bewohner attraktiv, die Wohnungen, so bestätigt der Vorstandsvorsitzende werden ihm geradezu aus den Händen gerissen, sondern das Wohn-Konzept an sich ist ein Geschäftsmodell, das weltweit verkauft werden kann. Gerade ist eine Delegation aus den Vereinigten Arabischen Emiraten vor Ort, es geht um die letzten Verhandlungen vor der Unterzeichnung der Verträge; drei Yards sollen verkauft werden, sollen den arabischen Investoren „schlüsselfertig“ übergeben werden. Das große Problem, wer die Daten erhebt, wer sie auswertet und seine Schlüsse zieht, wer sie möglicherweise weiter veräußert, ja, wem die Daten überhaupt gehören, wird auch von der Delegation der willigen Käufer nicht angesprochen. Glück für die Verkäufer.

Während sich im 52. Stock des höchsten Orchid Yards Turm der Vorstandsvorsitzende noch einmal darum bemüht, die Alleinstellungsmerkmale des Konzeptes zu erläutern, die Juristen wiederum alle Änderungswünsche in die Verträge einarbeiten und die Käufer die überarbeiteten Verträge studieren, findet viel weiter unten auf den Straßen eine Demonstration statt. Überwachungstools haben die Entwicklungen weitestgehend im Blick, geben die Daten an die Polizei weiter, die daraus ihr Vorgehen planen kann. Allein die hautfarbenen Halstücher, die die Demonstranten sich dann ins Gesicht ziehen, die asymmetrischen Frisuren, die merkwürdigen, bunten Gesichtsbemalungen – alles Maßnahmen, um die algorithmische Gesichtserkennung der gängigen Programme zu unterbunden – scheinen die einzigen Maßnahmen der Demonstranten zu sein, um ein bisschen Unkontrollierbarkeit, ein bisschen Revolution, in die datenmäßig längst vermessene Demonstration zu bringen. Als die Käufer aus den VAE abreisen, die unterschriebenen Verträge in der Tasche, sind die Straßen geräumt, die Ordnung ist längst wiederhergestellt.

Schönthalers Erzählung von den Orchid Yards überzeugt nicht nur durch die Geschichte. Es ist vor allem die Form, die für ein komplexes Leseerlebnis sorgt. So wie die Daten zwar von Individuen erfasst, dann aber schnell in Clustern weiterverarbeitet werden, so erscheinen hier alle Protagonisten in ihren Rollen, als Polizisten, Juristen, Demonstranten, Besucher, Bewohner, Käufer. Alleine der Vorstandsvorsitzende ist als Individuum erkennbar, bleibt aber anonym, identifizierbar nur in seiner Rolle als guter Verkäufer, der die Besonderheiten seines Leistungsbündels durch auch interkulturell funktionierende Geschichten nahebringt, der Manager, der Verkäufer erweist sich als begabter Storyteller. Dass die Handlungen auf der Straße und in den Konferenzräumen in himmlischer Höhe ineinander montiert sind, erhöht die Spannung. Auch wenn die Geschichte aus der Perspektive des wirtschaftlichen Erfolgs gut ausgeht, auch wenn die Argumente für die Konzeption dieses smarten Wohnens immer wieder erläutert werden, so bleibt der Leser doch sehr nachdenklich zurück angesichts der Möglichkeiten der Datensammlung und -auswertung.

In Schönthalers Erzählungen steht jeweils das Thema im Vordergrund. Die Figuren dagegen bleiben im Hintergrund, sie bieten kaum Identifikationsangebote. Mit ihnen können wir nicht leben, lieben und leiden, denn wir sehen sie nur in ihren Rollen: als Verkäufer, als Bloggerin, als Teilnehmer einer Fernsehshow, als Benutzer einer Mikrowelle. Aber anders als im ersten Erzählband „Nach oben ist das Leben offen“, in dem in den Geschichten jeweils ein vielstimmiger Chor von Figuren erzählte, Figuren, die noch weniger Griff haben, denn sie sind jeweils lediglich an ihren Namen, nie aber an ihren Charaktereigenschaften zu erkennen, gewährt uns in „Vor Anbruch der Morgenröte“ doch meistens ein Protagonist genügend Halt, um in der Geschichte zu verwurzeln, um wenigstens in die Geschichte so einzutauchen, dass sie auch nachhallen kann.

Dieser stereotypen Gestaltung der Figuren steht jedoch eine derartig detaillierte Betrachtung der von der Digitalisierung geprägten Lebensumstände der Protagonisten entgegen, dass es eine große Lust ist, sich auf diese Lebensrealitäten einzulassen. Es hat ja tatsächlich seinen Reiz, Hennigs Beschwerdebrief an den Hersteller der Mikrowelle zu lesen, in dem er so genau erzählt, mit welchen Empfindungen er allabendlich in seine Wohnungseinheit zurückkehrt, wie er die Zubereitung seines eingefrorenen Lieblingsdonuts in der Mikrowelle zelebriert, wie er das Gebäck im Fernsehsessel in seiner „automatisch wohltemperierten Komfortzone“ verspeist, seine Lieblingsbilder aus dem All betrachtend, die ihm genau in diesem Moment – ausgelöst von der Mikrowelle? – auf die große Leinwand gesendet werden. Und welches Unglück es ihm bereitet, dass nun genau diese Bilder aus dem All nicht mehr gezeigt werden. Ist wohl die vernetzte Mikrowelle defekt, ist seine bange Frage an den Hersteller.

Manchmal müssen wir schon lachen über die Nöte und Sorgen der Protagonisten. Henning, aber auch der Vorstandsvorsitzende, scheinen ihren Körper nur noch über Geräte lesen zu können, die ihnen die messbaren Körperdaten anzeigen, ihre Gefühle können sie wohl anders gar nicht mehr wahrnehmen. Auch über die erfolgreiche junge Mutter und Bloggerin schütteln wir wohl eher den Kopf, wenn wir einen ihrer Beiträge lesen, und erfahren, dass die ganze Familie mittlerweile davon lebt, dass sie nette Geschichten über ihr Familienleben schreibt und dabei tausendunddrei Produkte nennt, die Links sind schön erkennbar, und deren angenehmen Funktionalitäten in ihre Erlebnisse einbaut (Advertorial nennt man diese Textgattung, in der der Leser kaum mehr zwischen redaktionellem Beitrag und Werbung unterscheiden kann,). Da werden Kinder und Mann zu Protagonisten, zu Figuren ihres Blogs, ja, vielleicht gar zu Marken – und niemanden scheint es zu stören. Im Gegenteil, zum Geburtstag schenkt ihr Mann ihr die Abbildungen der positiven Entwicklung ihrer Blogkennzahlen, schön gerahmt und zum Aufhängen. Sie dagegen beginnt dieses Leben mehr und mehr in Frage zu stellen, weil sie sich nur noch getrieben fühlt von der Notwendigkeit, Events zum Schreiben zu kreieren und ihr ihre Leichtigkeit abhanden zu kommen scheint.

Egal, ob Schönthaler in den Inseldschungel zieht und von einer Unterhaltungssendung berichtet, deren Spielregeln noch das Dschungelcamp toppen, einen Ausflug unternimmt in die Erlebnissphären der BMW-Welt oder die Geschichte von Joseph Paul Jennigan rekonstruiert, einem armen Kleinkriminellen, der zur Todesstrafe verurteilt wird, die, so steht es im Gesetz, „Vor Anbruch der Morgenröte“ durchgeführt werden muss, und, am Vorabend der Entwicklung der bildgebenden Verfahren, noch in die Fänge der Wissenschaft gerät – die Erzählungen üben auf den Leser einen Sog aus, überzeugen durch ihre Vielschichtigkeit, durch ihre immer wieder andere Form, vor allem durch ihren Inhalt. Indem Schönthaler seine Figuren in ihre digitalisierten Lebenswelten stellt, Welten, in denen sie sich ganz normal bewegen, indem er ihre Brüche zeigt, ihre Sorgen, ihre Erlebnisse, gibt er uns eine Menge zu denken darüber, wie wir mit der Digitalisierung umgehen und leben wollen, welche Angebote wir annehmen, welche wir ablehnen. So sind die Erzählungen ist ein ganz wichtiger literarischer Beitrag zu einer auch nur schleppend geführten gesellschaftlichen Diskussion. Und auch wer

Wer schon einmal einen Vorgeschmack auf Schönthalers Erzählungen bekommen möchte, dem sei die Seite „The short story project“ empfohlen, auf der seine Geschichte „Ihre Mikrowelle“ veröffentlicht ist. Und über dieses interessante Projekt könnt ihr bei Constanze noch mehr erfahren. Es lohnt sich.

Philipp Schönthaler (2017): Vor Anbruch der Morgenröte. Erzählungen, Berlin, Matthes & Seitz

7 Kommentare

    • Vielleicht berichtest Du ja mal, wie sie Dir gefallen haben, die Erzählungen über die Digitalisierung. Bin gespannt!

      • Ich habe zumindest jetzt die Mikrowellengeschichte lesen können. In fast proustscher Fabulierlust verliert sich der Protagonist in den Details seines Mikrokosmos. Was soll man davon halten: Steckt dahinter Narzissmus oder einfach Verlangen die eigene Welt zu verstehen? Die verschachtelten Sätze sind nicht nur lustig zu lesen, sondern drücken auch die Hilflosigkeit eines Menschen aus, der die digitale Welt gerne als gegeben hinnehmen möchte und auch kein Problem damit hat, sich eben aus narzisstischen Gründen transparent zu machen, allerdings an der Komplexität schier verzweifelt und dem Ganzen Möglichkeiten zuordnet, die gar nicht vorhanden sind. Und darin sehe ich die Tiefe und die Tragik dieser Geschichte. Die Digitalisierung hat auch nichts anderes zu bieten als alle Heilsversprechen vorher: man ist Teil des großen Ganzen und fühlt sich dabei sehr wohl und trotzdem beginnt man irgendwann das Konstrukt zu hnterfragen. Ich hoffe das Herr Schönthaler diesen großen Bogen schlagen wollte. Denn wenn man die neue schöne Welt der Digitalisierung als Heilsversprechen, das niemals eingelöst werden kann, weil erwartet wird, dass man seinen Verstand aufgibt, entzaubert wird, ist es einfach nur eine technische Errungenschaft, gegen deren negative Seiten man sich wappnen kann und die ansonsten das Leben ein bisschen erleichtern kann. Alleine, um das heraus zu finden, werde ich das Buch lesen.

      • Hennings Geschichte ist, auch wenn er uns als Leser ja durchaus zum Lachen bringt, auch aus meiner Sicht eine durchaus tragische. Seine Wohnung kennt ihn – oder meint ihn zu kennen – spielt ihm die Musik vor, die er gerne hört (es gibt da gar nicht Neues mehr, nichts, was ausprobiert, nichts, was entdeckt werden kann), regelt das Licht, wie er es zum Wohlfühlen braucht, ebenfalls die Temperatur (er weicht wohl keinen Abend mehr von diesen langweiligen Gewohnheiten ab), spielt ihm dann zum Donut die Weltraumbilder auf die Projektionsfläche – da braucht es wirklich keiner eiegnen Überlegungen und Verantwortlichkeiten mehr. Und dabei durchschaut Henning ja, wie die Prozesse funkionieren, er weiß ja, was passiert – und ist trotzdem entsetzt, als seine Umgebung nicht mehr so wie gewohnt funktioniert. – Und ich denke, wenn man die anderen Erzählungen des Bandes mit einbezieht (und den ersten Erzählband auch), dass Schönthaler genau diese Problematik thematisieren will, indem er diese großen Versprechen der Digitalisierung auf ihre Wirkung befragt. Und die Antworten schön für den Leser offen lässt. So „funktionieren“ auch die anderen Geschichten. Ich wünsche Dir viel Spaß bei der Lektüre!

    • Sehr gerne! Dieser Erzählband hat mir wirklich gut gefallen, vielleicht, weil die Geschichten viel eingängiger zu lesen sind, als die so ganz besonders komponierten Erzählungen im ersten Band „Nach oben ist das Leben offen“.
      Viele Grüße, Claudia

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