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Lukas Bärfuss: Hagard

Ist es möglich, in einer europäischen Großstadt, in einer Stadt in der Schweiz, einfach verloren zu gehen? So verloren gehen wie die Boing 777 der Malaysia Airlines, die ein paar Tage vor der hier erzählten merkwürdigen Geschichte um den Immobilienentwickler Philip auch einfach vom Radar verschwunden war? Ist es möglich, dass sich ein ganz normaler Bürger erst auf ein belanglos erscheinendes Spiel einlässt, dann aber in einen Strudel gerät, der ihn die üblichen Konventionen vergessen lässt, ihm einen Rückweg ins „normale“ Leben unmöglich macht? Lukas Bärfuss erzählt in seinem Roman „Hagard“ genau solch ein Geschichte, er erzählt, wie Philip sich in kaum mehr als 24 Stunden komplett aus seinem Leben katapultiert.

Philip ist durchaus erfolgreich, ein Projekt auf Gran Canaria steht gerade vor den letzten Abschlüssen. Er besitzt eine Wohnung, ein Auto, ein Büro, beschäftigt eine Angestellte, Vera, und hat ein Kind, einen Sohn im Kindergartenalter. Er ist Ende 40, raucht, in den letzten Jahren hat er ein paar Kilo zugelegt. Sein Leben ist durchgetaktet, mit seinem Handy ist er in ständigem Kontakt mit Vera, die seinen Terminkalender führt, hinter Kunden her telefoniert, wenn die sich verspäten, und seine Flüge bucht. Wie er sich dabei fühlt, ob er zufrieden ist, gar glücklich, davon wird nichts berichtet. Morgen jedenfalls wird Philip nach Gran Canaria fliegen und heute Nachmittag hat er noch einen Termin mit einem Handwerker, Herrn Hahnloser, der insolvent ist und ein Grundstück verkaufen möchte oder muss. Hahnloser kommt und kommt nicht zum vereinbarten Termin, Philip gibt seine Warteposition im Café auf und schlendert ein wenig über die Straßen und Promenaden, er hat noch eine Stunde Zeit bis zu seinem nächsten Termin. Es ist März, ein ungewöhnlich warmer und sonniger Tag und die Menschen auf den Wegen und Straßen genießen das schöne Wetter: endlich Sonne und Wärme nach dem langen Winter.

Philip aber kann dem Wetter nicht nur Positives abgewinnen. Er empfindet die Temperatur als „dumpfe Wärme“, als eine Luft „die eine fiebrige Krankheit ankündigt“, eine Assoziation, die Philip an die Nachricht von Menschen in China erinnert, die plötzlich mit hohem Fieber, mit Gliederschmerzen und Husten in ein Krankenhaus eingeliefert werden, um dann an einem Lungenödem zu sterben. Philip scheint geradezu die schlechten Nachrichten aufzusaugen, sieht sie als Beweis dafür, dass etwas Bedrohliches in der Luft liegt, dass sich auch unsere mitteleuropäischen Gewissheiten als ungewiss herausstellen werden.

Und genau in diesem Moment des melancholischen Nachdenkens über das Schwinden von Zuversicht und Vertrauen, während er die Menschen in seiner Umgebung beobachtet, die pummelige Kassiererin bei der Zigarettenpause, die Halbwüchsigen, die nicht „wussten, dass sie längst in der Falle saßen, längst geknechtet von den Kreditverträgen“, da sieht Philip in der Menschenmenge, zwischen den dunklen und dicken Halbschuhen und Stiefeln ein Paar „pflaumenblaue Ballerinas“.

„Mehr sah er nicht, die Frau, die sich einen Weg durch die Menge suchte, blieb unsichtbar. […] Für einen Augenblick erschien ihre Gestalt, klein, zierlich, verletzlich. Er schätzte sie auf Mitte zwanzig. Ihr Gesicht konnte er nicht erkennen, doch schon da muss ihr Duft in seine Nase gestiegen sein, oder die Vorstellung ihres Duftes, Rosen oder Jasmin. […] Und als sie sich aus dem Pulk gelöst hatte, meinte Philip eine Geste ihrer Hand oder ihres Kopfes zu erkennen, eine Bewegung, die ihn lockte, aufforderte, ihr zu folgen, was nichts als eine Illusion sein konnte, denn bestimmt hatte sie ihn nicht bemerkt. Doch für Philip bestand kein Zweifel: Sie meinte ihn, sie schickte ihm ein Zeichen. So löste er sich von der Säule und folgte der jungen Frau hinein ins Gewühl.“

Ein Blick auf die pflaumenblauen Ballerinas, auf die junge Frau, auf ihren bauschigen Chiffonrock, genügen, um Philip Leben auf den Kopf zu stellen. Was er sich zunächst als kleines, unschuldiges Spiel erklärt, als Zeitvertreib für eine Stunde, bis er seinen Sohn bei der Tagesmutter abholt, das wächst sich aus zum Stalken aus. Philip vergisst, nur um der unbekannten Frau folgen zu können, alle Termine, alle Verantwortungen, wirft alle Rationalität über Bord. Im Zug fährt er mit ihr in einen unbekannten Vorort, folgt ihr zu ihrem Haus, bezieht, durchaus zum Unwillen einer Elster, die den Platz für sich beansprucht, Posten vor dem Haus, lässt sich dann von einem Taxifahrer sein Auto aus dem Parkhaus zum Haus der Unbekannten bringen, um dort die Nacht schlafen zu können. Und als er das Auto am nächsten Morgen Hals über Kopf verlassen muss, um der Unbekannten wiederum zum Zug und in die Innenstadt zu ihrem Arbeitsplatz zu folgen, vergisst er in der Eile, sein Portemonnaie und seine Papiere mitzunehmen. Und das Smartphone wird auch über kurz oder lang seinen Dienst quittieren, der Akku ist leer, das Ladekabel bereits im Koffer für die Reise nach Gran Canaria.

Den Absturz Philips erzählt ein namenloser Ich-Erzähler, der den Handlungsverlauf der ganzen Geschichte kennt, nicht aber die Beweggründe Philips, sich von den pflaumenblauen Ballerinas so aus dem Leben reißen zu lassen. So kann der Ich-Erzähler nur spekulieren und verschiedenen Erklärungsansätzen nachgehen, kann eine plötzliche Verliebtheit ins Spiel bringen, auch einen gewissen Überdruss am alltäglichen Leben. Dieser Erzähler, der vielleicht auch der Erfinder der Geschichte ist, unterbricht Philips Geschichte immer wieder, versucht einzuordnen und Begründungen zu finden. Und so ergibt sich zwischen Philip und dem Erzähler durchaus eine Arbeitsteilung: während Philip, aus der Zeit und aus seinem Leben gefallen, nun immer wieder Muße hat, seine Umgebung ganz genau zu beobachten und zu analysieren – und die Szenen, die er am Bahnhof beobachtet, gehören zu den besten Szenen des Romans – kann der Erzähler auch noch den Bogen spannen zu den gesellschaftspolitischen Aspekten, kann immer wieder verweisen auf die vielen Zeichen, die andeuten, dass auch unser sicheres mitteleuropäisch-großstädtisches Leben vor deutlichen Veränderungen steht – so wie die Annektion der Krim, die gerade in diesen Tagen passiert, die Gewissheit zerschlägt, dass nie wieder ein Krieg in Europa stattfinden wird.

Auch wenn fraglich ist, ob Philips Verschwinden realistisch ist, auch wenn der Autor gegen Ende des Romans ganz unverhofft noch eine neue Perspektive einbringt, vielleicht weil seine Figuren eben nicht die komplette Bandbreite der Lebensstile abbilden können, so hat Lukas Bärfuss mit „Hagard“ doch einen faszinierenden Roman geschaffen, der mit sehr genauem Blick seziert, wie schnell ein Mensch sich aus unserem normalen Alltag entfernen kann, wie er im wahrsten Sinne des Wortes verloren gehen kann. Der zeigt, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen, und wie schnell es brechen kann, wenn da einer die Kontrolle aufgibt und seinen Obsessionen nachgeht, anstatt an der – allgemein anerkannten – stetigen Verbesserung des Ich zu arbeiten, durch gute Ernährung, ein ausreichendes körperliches Training, eine lebenslange Bildung, einen Job, der Selbstverwirklichung ermöglicht und eine Kommunikation, die mehr und mehr empathisch, mehr und mehr den Anforderungen der Gewaltfreiheit entspricht. Der erzählt ist in einer präzisen, sehr verdichteten Sprache, mit einer Fülle von Motiven und Anspielungen, einer Sprache, in der wir Philip angespannt fast durch den Bahnhof und die Züge folgen, mit ihm vor dem Haus der Unbekannten stehen, die Nacht mit ihm im Auto verbringen.

Es sind in diesem Frühjahr Autoren wie Bärfuss und Lüscher, die Geschichten erzählen, die sich eben nicht im Privaten erschöpfen, sondern ihren genauen Blick auf die gesellschaftspolitische Verfasstheit unseres Lebens richten, das sich in allen Facetten den Anforderungen des Primats der Wirtschaft unterwirft.. Die ihre Geschichten erzählen ab dem Punkt, an dem die bisher so Erfolgreichen doch scheitern, die ihre Kritik in wunderbar ironisch erzählten Szenen entfalten. Und die in ihren Geschichten eben genau die Mittelstandsprotagonisten zeigen, die an unseren gesellschaftspolitischen Idealvorstellungen grandios scheitern, Figuren also, die sich selbst verloren gehen.

Lukas Bärfuss (2017): Hagard, Göttingen, Wallstein Verlag

5 Kommentare

  1. Ich habe das Buch mit Interesse, jedoch nicht mit Freude gelesen. Der Seelenzustand und die Motivation der Hauptfigur haben sich mir bis zum Ende des Romans nicht erschlossen; fremd blieb mir auch die Neigung von Philip, sich in der Beobachtung seiner Umwelt auf Negatives zu konzentrieren. Diese Beobachtungen werden teilweise abschätzig kommentiert – in der Sprache des Chronisten oder in der Sprache Philips?
    Philip ist ein Mensch, der sich den Sog in den Abgrund auch intensiv wünscht, wobei wir nicht erfahren, ob er sich das auch eingestehen kann, ob er darüber reflektiert. Die Entwurzelung, die Aufrechterhaltung von Fremdheit und Distanz (er lässt Gelegenheiten verstreichen, mehr über das Objekt seiner Sehnsucht zu erfahren), sogar die Preisgabe an vollkommene Lächerlichkeit – all das will Philip. Aber warum ?
    Sprachlich bewegt sich der Roman auf sehr hohem Niveau, in dem gelegentlich „Fingerübungen“ aufscheinen, in denen ich eine kleine Eitelkeit zu erkennen glaubte.
    Ein Buch zum Nachdenken und Diskutieren, nur eingeschräkt ein Lesevergnügen.

  2. Liebe Elisabeth,
    ja, es stimmt, „Hagard“ ist sicherlich eine sperrige Lektüre. Philip und seine Motivation, sein schnelles Herausfallen aus gesellschaftlichen Normen, die Rolle des Erzählers und auch die sprachliche Gestaltung tragen wirklich nicht zu einem „uneingeschränkten Lesevergnügen“ bei. Trotzdem mochte ich den Text sehr – auch wenn ich das eine oder andere als recht unwahrscheinlich wahrgenommen habe (Stichwort „Lächerlichkeit“), denn er ist einer der wenigen gesellschaftskritischen Romane, die es momentan zu lesen gibt.
    Warum Philip auf einmal dieser Obsession des Stalkens verfällt, wird ja tatsächlich nicht deutlich. Weder von Philip erfahren wir dazu etwas, noch vom Erzähler der Geschichte (auch über seine Rolle lässt sich trefflich diskutieren und spekulieren), der aber zumindest das Thema der Obsession anspricht (wenn ich mich richtig erinnere, ich habe den Roman gerade nicht griffbereit). Mit hat eine Erklärung Philips Verhalten nicht wirklich gefehlt. Mich hat diese Leerstelle im Roman eher zu Spekulationen und Deutungen eingeladen.
    Unser Leben ist ist nun einmal ziemlich durchgetaktet, das ist ja bei Philip auch der Fall, da ist die Arbeit und das Funktionieren die Obsession, die man sich „nur“ leisten kann. Wenn dann auch noch eine sorgenvolle Zukunft prognostiziert wird, weil überall die vermeitnlichen Sicherheiten wegbrechen, dann bedarf es vielleicht nur eines Paars „pflaumenblauer Ballerinas“, um jemanden aus dieser ganzen funktionellen Taktung herauszureißen. Diesen Gedanken finde ich schon bemerkenswert, Philips Geschichte dazu interressant, vielleicht auch ein bisschen abwegig. Dafür sind so einige von Philips Beobachtungen und Deutungen am Bahnhof sehr schön und „auf den Punkt“ erzählt.
    Hast Du auch schon Lukas Bärfuss´ Roman „Koala“ gelesen. Auch dort serviert er dem Leser nicht unbedingt leichte Lesekost.
    Viele Grüße – und vielen Dank für den langen und eine inhaltliche Diskussion anregenden Kommentar, Claudia

    • Vielen Dank für deine Antwort, liebe Claudia, und die Zeit, die du dir dafür genommen hast.
      Ja, mir haben auch einige Passagen gefallen. Es wird deutlich, wie Philip die Außenwelt Schritt für Schritt verloren geht. Geschieht das mit ihm oder treibt er diesen Vorgang voran? Wahrscheinlich von beidem etwas. Es musste schon eine besondere Persönlichkeit sein, der dieses passiert. Oder eben: mit der dieses passiert.
      Wenn ich dich richtig verstehe, siehst du maßgebliche Ursachen dafür in unseren allgemeinen Lebensbedingungen. Also: die Welt hat ihn so werden lassen, dass er die Welt nicht mehr ertragen konnte. Ja, das könnte sein.
      Das Motiv des abrupten Weggehens, der Flucht aus dem geordneten Leben hat eigentlich durchaus meine Sympathie. Mir hat z.B. in „Nachtzug nach Lissabon“ gut gefallen, wie die Motivation dargestellt wurde, das „alte“, fast schon „verlebte“ Leben hinter sich zu lassen und ins Ungewisse zu reisen. Und ich habe kürzlich von Peter Stamm „Weit über das Land“ gelesen, ein Buch, in dem die männliche Hauptfigur von einem Moment auf den anderen weggeht, ohne dass man erfährt, was ihn dazu bewogen hat (man kann es höchstens ein wenig erahnen). Aber diesse Personen treibt doch etwas an, Neugierde, Sehnsucht oder ein Fluchtimpuls; auf ihre Art sind sie aktiv, während ich Philip als überwiegend passiv wahrgenommen habe.
      Ja, das war interessant, noch einmal darüber nachzudenken. vielen Dank für die Anregung.
      „Koala“ habe ich nicht gelesen. Ich werde mich informieren und mich gegebenenfalls Lukas Bärfuss in einem zweiten Versuch annähern. Denn einen guten Blick und eine starke Sprache hat er schon.
      Beste Grüße
      Elisabeth

      • Ja, diesen Philip trifft das Herausgerissenwerden aus dem normalen Alltag mehr als den Protagonisten aus „Nachtzug nach Lissabon“ (den Namen habe ich vergessen, aber ein Lehrer war es, ich glaube ein Latein-Lehrer), der sich in Lissabon wirklich eine neue Stadt, eine ganz andere Welt aneignet. Peter Stamms Roman habe ich nicht gelesen, aber es ist interessant, dass du das Motiv des Weggehens, der Flucht, in gleich mehreren aktuellen Romanen wiedergefunden hast. Mehr als der Latein-Lehrer lebt Philip ja dieses moderne Wirtschaftsleben: er ist selbstständig, international ausgerichtet, ein Verkäufer mit Sekretärin und Terminkalender, mit den Statussymbolen eines erfolgreichen Managers, mit Kinderfrau, die sich illegal im Land befindet (vielleicht auch ein bisschen weniger verdient als die hier Ansässigen), auch mit Verantwortung für ein Kind (von einer Frau, von der Mutter ist ja nicht einmal die Rede). Den reißen die „pflaumenblauen Ballerinas“ noch einmal ganz anders aus seinem Alltag, da entwickelt sich eher diese merkwürdige Obsession, bei der Philip sein Ich aufgibt (aber hat er vorher ein „Ich“ gehabt, oder auch nur funktioniert?) und gerade kein Platz geschaffen wird für die neugierige Erkundung einer neuen Umgebung, für die Entwicklung eines neuen Ichs, das das alte „verlebte“ Ich langsam ersetzt.
        Wie schön, noch einmal so intensiv über „Hagard“ nachdenken zu können!
        Viele Grüße, Claudia

      • Ja, mir hat der Gedankenaustausch auch viel Freude gemacht. Ich denke, mit der Frage „Hat er denn vorher ein ‚Ich‘ gehabt oder nur funktioniert?“ sprichst du einen zentralen Aspekt dieses Romanes an (und zugleich auch mein Problem mit ihm). Lukas Bärfuss lässt uns mit dieser Frage allein – und auch vielen anderen, die im Roman selbst formuliert werden. Ganz absichtlich, natürlich. Für mich war es interessant, darüber nachzudenken, aber es bleibt doch eine etwas unzufriedene Ratlosigkeit zurück.
        Schade, dass dir „Unterleuten“ nicht gefallen hat, wie ich inzwischen gelesen habe. Das war wohl der umgekehrte Fall, wenn ich mal so sagen darf: zuviele Antworten auf Fragen, die du gar nicht gestellt hattest. Zu wenig Geheimnis. Kann ich schon auch ein wenig nachvollziehen. Für mich war es hingegen eine genussreiche und sehr amüsante Lektüre. Weiterhin viele gute Inspirationen und beste Grüße
        Elisabeth

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