Jahr: 2014

Buchsaitens Blogparade zum Lesejahr 2014

Immer, wenn es auf Katrins Seite  wieder den Hinweis auf eine neue Blogparade gibt, dann weiß der Leser: Es muss schon wieder ein Jahr herum sein. Das kann aber doch gar nicht sein: Gerade erst sind so viele Blogger dem Beispiel der – mittlerweile ganz verschollenen – Bücherphilosophin gefolgt und haben mit so viel Freude jeden Sonntag einen Sonntagsleser-Beitrag verfasst, um so die Blogwoche noch einmal Revue passieren lassen. Gerade noch ist es Frühling und überall fliegen die Blogstöckchen durch die Gegend, gefährlich scharf geworfene, manchmal auch solche, die im Laufe der Fluges die Form, also die Fragen, ändern. Darüber lassen sich die Blogschreiber noch einmal aus einer anderen Perspektive kennenlernen, aber schon häuft sich auch Unwillen wegen der vielen herumfliegenden Stöckchen, die beantwortet werden wollen und dadurch die Zeit zum Lesen und Darüberschreiben stehlen. Gerade erst wurde der Leipziger Buchpreis vergeben und alle Welt liest Sasa Stanisics Roman „Vor dem Fest“ und diskutiert über Sprache und Erzählstimme(n) – und natürlich auch Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“, auch wenn sie ohne Preis geblieben ist. Gerade erscheinen …

#VerschämteLektüren (14): Nebelschwaden wabern über dem grauen Sofa

Ursprünglich veröffentlicht auf Sätze & Schätze:
Ganz großes Kino? Großes Kino? Mittelgroßes Kino? Na ja, Kino halt: Die Nebel von Avalon Claudia ist eine passionierte Leserin – davon spricht ihr Blog „DASGRAUESOFA“ Bände. Bei der Auswahl zeitgenössischer Literatur verlasse ich mich gerne auf die Tipps, die sie zu bieten hat: Ihr Urteil hat Hand und Fuss, sie zeigt Stärken und Schwächen von Büchern auf, die ich nachvollziehen kann, selbst wenn ich das Buch „anders“ lese. Kurzum: Eine Leserin mit Sinn und Verstand. UMSO ERSCHÜTTERNDER ist es zu erfahren, dass einst über dem grauen Sofa fantastische Nebelschwaden aufzogen…: „Ich muss gestehen: Ich habe sie auch alle gelesen, die verschämten Lektüren, die hier schon vorgestellt worden sind – ich bin in mindestens 11 Bänden Angélique durch Frankreich, über das Mittelmeer in den Orient und später bis nach Kanada gefolgt  (und wie langweilig war danach der Geschichtsunterricht), habe in den Südstaaten-Romanen von Gwen Bristow in gleich drei Bänden eine Plantagenbesitzerfamilie und ihre unglaublichen Schicksale über die Jahrhunderte verfolgt, und natürlich in Margret Mitchells „Vom…

Joshua Cohen: Vier neue Nachrichten

Es stimmt schon, „das Internet“ verändert – zum Teil – unsere Lebensgewohnheiten, greift in unseren Tagesablauf ein, beeinflusst unsere Arbeit und unseren Konsum, wertet unsere persönlichsten und privatesten Daten aus und schafft neue Kommunikationsmöglichkeiten. So haben Hobby-Leser nun ganz andere Möglichkeiten, mit anderen Hobby-Lesern in Kontakt zu treten, wenn sie auf ihren Hobby-Blogs ihre Hobby-Rezensionen veröffentlichen und diese gegenseitig kommentieren. Sie tauschen untereinander Bücher, manchmal verabreden sie sogar ganz anachronistische Treffen. Aber die Technik, die es erleichtert, geografisch weit verstreute Gleichgesinnte auf einem virtuellen (Markt-)Platz zu treffen, um sich auszutauschen, gemeinsam etwas zu organisieren, mithin gesellschaftliche Öffentlichkeit herzustellen, kann natürlich auch anders genutzt werden: als Pranger, an dem jemand öffentlich zur Schau gestellt wird, als Medium zur Verbreitung von Vorurteilen, Verleumdungen und Hass, und Daten können genutzt werden, um Gewohnheiten, Einstellungen, Meinungen einzelner Akteure auszuspähen. Wie die Technik das Leben verändert, spielt in der Literatur bisher nur in Ansätzen eine Rolle. Nelia Fehn navigiert mit Hilfe ihres Smartphones durch Athen und durch Frankfurt, in Kuhns Roman „Hikikomori“ nutzt der Protagonist den Computer, um den nötigsten …

Roman Ehrlich: Urwaldgäste

In den Urwald entführt uns Roman Ehrlich mit seinen zehn Erzählungen, so verspricht es der Titel. Und dabei bleibt unklar, ob wir Leser die Gäste sind im Urwald oder doch die Protagonisten seiner Geschichten. Auch die Covergestaltung trägt das Ihre bei zur Einschätzung, einen Ausflugs in eine Natur zu bestreiten, die gänzlich ohne die ordnende Hand des Menschen auskommt: Äste, Blätter und die verschiedenartigsten Blüten einer unbekannten Pflanze wuchern über die Seite, Vögel sind zu sehen, deren Gefieder sich gar nicht so sehr von denen der Pflanzen unterscheidet, ein hölzerner Sessel mit filzartigen Armschonern steht bereit, den Erzählungen zu lauschen. Ein Urwald also, den wir nicht durchschauen, deren Pflanzen und Tiere wir nicht kennen, eine Umgebung, die angesichts der Farbenpracht phantastisch wirkt, aber auch ängstigend, weil wir nicht wissen, ob sich hinter dem nächsten Blatt eine Gefahr verbirgt, der wir uns völlig ahnungslos nähern. Ein Urwald also, der die Menschen, die sich nicht auskennen, auch täuschen kann, sodass sie nicht mehr wissen, was Realität, was – wahnhafte – Vorstellung ist. So wissen wir, auf was …

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung

Dass mit einer Buchhandlung auch scheitern kann, wer eine junge, moderne Idee umsetzt, haben wir in dieser Woche aus dem Börsenblatt des Buchhandels erfahren können. Die Berliner Buchhandlung ocelot, den Bildern nach gestaltet wie ein Wohnzimmer, das zum Verweilen, zum Schmökern und Kaffeetrinken einlädt, hat Insolvenz angemeldet. Auch das akribisch entwickelte Gesamtkonzept mit Bausteinen wie Ladengestaltung, einer Öffentlichkeitsarbeit weit über die Berliner Grenzen hinaus, verschiedenen Veranstaltungen und selbstständigem Internetauftritt hat die bodenständigen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen nicht aushebeln können: Die Kosten sind letztendlich höher als die Erlöse, das Kapital wird langsam aber sicher verbrannt, die Liquidität schwindet. Ob damit gleich dem kompletten Geschäftsmodell des stationären Buchandels das Totenglöckchen geläutet werden muss, scheint äußerst fragwürdig, denn es sollte doch zunächst am konkreten Beispiel eine genaue Analyse der finanziellen Schieflage und ihrer Gründe erfolgen, bevor hier munter von einem auf die anderen geschlossen wird, gerade so, als ob alle Buchhändler mit völlig gleichen Rahmenbedingungen zu tun haben und absolut gleiche Entscheidungen treffen. Petra Hartlieb jedenfalls beschreibt in ihrem Buch einen völlig anderen Weg, eine Buchhandlung zu führen. Sie ist …

Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn: Die Reise der jungen Anarchistin in Griechenland

Das ist er also, der Roman im Roman. In Marlene Streeruwitz´ „Nachkommen.“ hat Nelia Fehn davon erzählt, wie es einer jungen Autorin ergeht, die mit ihrem Erstling, eben dem Buch über „Die Reise der jungen Anarchistin in Griechenland“ völlig überraschend auf die Shortlist des Deutschen Buchpreis gelangt. Mit großen Augen erlebt sie die Feierstunde des Deutschen Buchpreises – sie geht leer aus -, ebenso staunend läuft sie durch Frankfurt, erlebt die Buchmesse und die wichtig-grotesken Abendessen mit Verlegern und Geldgebern, die merkwürdige Welt der Interviews, die gähnende Langeweile an abgelegenen Ständen, die High Society der Literaturkritiker und andere Absurditäten. Nun können wir uns also auch ein Bild über den nominierten Roman machen – und natürlich auch Nelias Erfahrungen auf ihrer griechischen Reise nacherleben. Da erzählt eine Neunzehnjährige was ihr passiert auf der Fahrt von Kreta nach Athen, erzählt eine Roadnovel, in die sie durch Evangelos, den übergriffigen Freund des Schwagers, geraten ist, zum Teil aber auch durch ihre unglaubliche Naivität. Diese Naivität, gepaart mit ihren sehr klaren, oder auch altklugen, Lebensweisheiten und Zwängen, sind manchmal …

LLL 2014 – Esther Kinsky: Am Fluss

„sie lernte das Licht“ – Ein Gastbeitrag von Thomas Molitor Esther Kinskys Roman „Am Fluß“ ist am River Lea im Nordosten Londons angesiedelt. Die namenlose Ich-Erzählerin wählt diesen zunächst bedeutungslosen, fast vergessenen Ort, um sich vom großstädtischen Leben, aber auch von ungenannten Beschädigungen ihrer eigenen Existenz zu verabschieden: „Ich hatte mich nach Jahren aus dem Leben, das ich in der Stadt geführt hatte, herausgeschnitten wie einen Schnipsel aus einem Landschafts- oder Gruppenfoto.“ Mit diesem sezierenden Schritt in einen ihr unbekannten Stadtrandbezirk Londons will sie sich einerseits von Vergangenem lösen, zugleich aber längst verschüttete Erinnerungen aufsuchen, um so eine neue Zukunftsperspektive aufzubauen. In diesem Außenbezirk Londons, der schon bessere Zeiten gesehen hat, geht die städtische Dichte über in eine Art Grenzgebiet. Auch die dort lebenden Menschen sind von der pulsierenden Urbanität an den Rand gespült worden. Neben frommen Juden leben hier Menschen unterschiedlichster Herkunft. Sie alle sind hier gestrandet, weil sie sich im städtischen Labyrinth und damit in ihrem eigenen Leben nicht mehr zurechtgefunden haben. So zieht die Erzählerin in eine kleine, eher zufällig gewählte Wohnung. …

LLL 2014 – Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand

Schon in Köhlmeiers Novelle „Idylle mit ertrinkendem Hund“ hat ein schwarzer Hund eine ganz besondere Rolle. Einmal trifft ihn der Lektor beim Spaziergang und – obwohl er eigentlich sehr von Hundeangst geplagt ist– teilt er mit diesem sein Brot. Ein anderes Mal treffen Lektor und Erzähler genau diesen Hund am See wieder, der Hund droht ins Eis einzubrechen, der Erzähler hält ihn, selbst bald in Gefahr, ins kalte Wasser zu rutschen, solange, bis der Lektor mit der Hilfe eintrifft. Nun, in seinem neuen Roman von den beiden Herren am Strand, spielt ein schwarzer Hund wieder eine gewichtige Rolle. Er geht nämlich ein und aus bei Charlie Chaplin und bei Winston Churchill, den beiden Protagonisten des Romans. Immer wieder, in unregelmäßigen Abständen, manchmal absehbar, manchmal aus heiterem Himmel, kratzt er an die Tür der beiden, findet Einlass und stürzt die Besuchten durch Heulen und Zähneklappern, manchmal auch nur durch stummes Anstarren, in eine unendlich große Schwermütigkeit. Dann wird Churchill, der begnadete Rhetoriker, innerhalb weniger Stunden zu einem ängstlichen Stammler, kann die Tage überhaupt nur überstehen, wenn …

LLL 2014 – Lukas Bärfuss: Koala

Der Bruder hat seinen Suizid genau geplant. Erst hat er seinen letzten Willen formuliert, seinen Besitz unter Freunden und Familie verteilt, bestimmt, wie er beerdigt werden möchte. Sechs Wochen später dann hat er sich in eine Badewanne gelegt und eine Überdosis Heroin gespritzt. Die Wohnung hat er vorher aufgeräumt, die Wohnungstür unverschlossen gelassen, damit sie nicht unnötig aufgebrochen werden muss, die geliehenen Gegenstände mit Zetteln versehen, sodass sie schnell zurückgegeben werden können. In die Wanne hat er sich gelegt, weil er keinen Schmutz hinterlassen will. Der Ich-Erzähler reist, als er die Nachricht vom Tod des Bruders erhält, zurück in seine Heimatstadt, die er vor vielen Jahren verlassen hat. Abends sitzt er mit Freunden des Bruders zusammen, alle sind überrascht, denn vor ein paar Tagen noch haben sie zusammen gesessen, so erzählen die Freunde, zusammen gewürfelt. Bestimmt habe er sich da von ihnen verabschiedet „im Geheimen, er für sich alleine, ohne sich zu offenbaren“. Und dann, später am Abend, als sie sich gefasst haben, beharren die Freunde darauf, dass ein Erstaunen über die Tat nicht richtig …

Experiment im Lesesalon der Süddeutschen Zeitung

In der letzten Woche hat die Süddeutsche Zeitung ihre Leser in ihren – virtuellen – Lesesalon eingeladen. Dort können sich 100 Leser treffen, um gemeinsam ein Buch zu lesen, sie können es dort gemeinsam diskutieren, sie können Fragen zu stellen, Anregungen geben, also alles das tun, was wir tun können, wenn wir uns in der realen Welt mit anderen Lesern um einen Tisch versammeln und über die gemeinsame Lektüre ins Reden kommen. Nur, dass wir oft in unserer unmittelbaren Umgebung gar keine Mitleser finden, also gar kein Gegenüber haben für spannende Diskussionen. Wir Blogger haben dafür schon einen anderen Weg gefunden, versuchen nämlich Gleichgesinnte in der virtuellen Welt zu finden, und manchmanl, wenn alles richtig gut läuft, dann kommt auch eine Diskussion zu einem Buch zustande, dann findet ein richtig guter Austausch über auch kontroverser Blickwinkel, verschiedener Perspektiven und Deutungen statt. Ich erinnere mich an diese Sternstunden im Zusammenhang mit Wolfgang Herrndorfs Buch „Struktur und Arbeit“ und in jüngerer Zeit hat es beim gemeinsamem Lesen von Longlist-Tieln ganz toll geklappt mit den Diskussionen. Dann ist …

Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom

Ein Gastbeitrag von Tina aus Stuttgart Ich-Erzähler Artur ist Historiker. Er verdient aber in einem Copyshop, als freiberuflicher Sketchschreiber und Nachhilfelehrer seinen Lebensunterhalt. Schnell wird dem Leser klar, dass Artur bisher ein recht monotones Leben hatte und in seiner Ehe mit Lehrerin Rita, die kurz vor der nächsten Karrierestufe steht, nicht den Ton angibt. Mit einem Mal ändert sich alles: Eine gewisse Alice („Aließ“) taucht im Copyshop auf und hinterlässt Artur eine Nachricht. Er hat nun die Wahl, dieser mysteriösen Unbekannten zu folgen oder eben nicht. Das war die letzte Handlung in meinem alten Leben, von dem ich heute weiß, dass es kein Leben war, und in das ich doch, wenn das möglich wäre, ohne zu murren zurückkehren würde. Seine Entscheidung trifft er schnell. Er folgt ihr. Nach und nach wird dadurch sein Leben auf den Kopf gestellt. Im Laufe der Geschichte hadert Artur immer wieder mit sich, denn impulsive Entscheidungen widersprechen seinem eigentlichen Wesen. Der „alte“ Artur wollte sein Glück nie herausfordern. Um das Schlimmste zu umgehen hat er beispielsweise eine Reihe Versicherungen abgeschlossen, …

Und noch eine – ganz persönliche – Shortlist

Bärfuss und Köhlmeier sind schon erlesen, aber ich komme und komme nicht dazu, eine Besprechung zu schreiben. Es ist nämlich so, dass ich noch eine andere Shortlist nicht auf dem Nachttisch, sondern auf dem Schreibtisch liegen habe. Für einen Prüfungsaufgalopp Anfang Oktober. Und die sind nicht so richtig spannend, die Bücher dieser Shortlist. Und sie müssen einfließen in Entwürfe und Konzepte, Verlaufsplanungen, Motivationsgründe, Ziele und Entwicklungsideen, Kompetenzumsetzungen und Förderansätze, zusätzliche Angebote und langsfristige Strategien, in Analysen und Evauationen, in Beratung und Beurteilung, in Transparenz, konstruktivistische Arbeitsanregungen, in Outputorientierung und Effektivitätssteigerung, in Messbarkeit unf Zählbarkeit – und natürlich alles unter dem großen Ziel der Qualitätssicherung und -verbesserung. (Wer nun meint, es gehe hier um eine neue Fertigungstechnologie, der ist nur ein wenig auf dem Holzweg….) Ich nehme dabei vieles mit, was ich aus dem „Koala“ und den „Zwei Herren am Strand“ gelernt habe: trotz allem auch an Faulheit denken und ein bisschen wenigstens erholsam im Baum schaukeln und immer die Methode des Clowns anwenden: „Der Irrsinn kann nur mit Irrsinn geheilt werden.“ (Köhlmeier: Zwei Hrren am …

LLL 2014 – Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling

Weil der Vulkan auf Island so einen unaussprechlichen Namen ha, über den auch die Nachrichtensprecher der Reihe nach gestolpert sind, können wir uns noch ganz gut erinnern an seinen Ausbruch im April 2010. Wegen der vielen Aschepartikel, die er in die Luft gespuckt hat, musste tagelang der Flugverkehr eingestellt werden und viele Fluggäste strandeten auf irgendeinem Flughafen. Für diejenigen, die nichts aufs Fliegen angewiesen waren, gab es ein paar Tage blauen Himmel ohne Kondensstreifen und ohne Fluglärm. In diesen Tagen streift die Ich-Erzählerin – wir erfahren ihren Namen nicht, erfahren nur etwas über ihre Kindheit in der Schweiz und können auf ihr Alter schließen, da sie den Mauerbau in Berlin als Kind erlebt hat – durch London. Sie lebt für einige Monate in einer kleinen Wohnung im East End, neben ihren hauptsächlich pakistanischen Nachbarn, die Bars betreiben, Esslokale, Basare, die Hochzeiten feiern und mit einer gewissen Verwunderung im Fernsehen verfolgen, wie Großbritannien die eigenen in Europa gestrandeten Bürger mit Schiffen nach Hause holt, gerade so, als müssten sie aus einer schweren Katastrophe befreit werden. Die …

Meinungen des Buchhandels zum Buchpreis (4): Jacqueline Masuck

Heute beantwortet Jacqueline Masuck, Literaturbloggerin und Buchhändlerin im KulturKaufhaus Dussmann in Berlin, meine Fragen zur Longlist und zum Buchpreis. Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 ist seit ein paar Wochen bekannt. Sind Sie überrascht von Titeln auf der Liste, vermissen Sie den ein oder anderen Titel oder sind Sie insgesamt zufrieden? In wenigen Tagen wird bereits die Shortlist veröffentlicht und ich frage mich, warum nicht direkt damit starten? Das funktioniert im Frühling, wenn es um den Preis der Leipziger Buchmesse geht, auch immer sehr gut. 5-7 Titel fände ich super – und dann am Ende den Sieger. Den 20 Titeln der Longlist in dem kurzen Zeitraum angemessen Aufmerksamkeit zu schenken, ist kaum möglich. Weder als Käufer, noch als Buchhändler. Parallel zur Longlist erscheinen außerdem unzählige neue Romane, denen dann noch weniger Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. Ob ich überrascht war von der Liste? Nein, ich war weder überrascht noch zufrieden. Eher enttäuscht. Sie widerspiegelt für mich lediglich eine subjektive Auswahl einer kleinen Gruppe von Jury-Mitgliedern. Eine große Anzahl der Titel sind vom Frühjahr 2014. Das finde …

Meinungen des Buchhandels zum Buchpreis (3): Daniela Dobernigg

In meiner kleinen Reihe mit Beiträgen aus dem Buchhandel hat mir heute Daniela Dobernigg von der Buchhandlung cohen + dobernigg in Hamburg Rede und Antwort zur Longlist 2014 und zum Deutschen Buchpreis gestanden:   Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 ist seit ein paar Tagen bekannt. Sind Sie überrascht von Titeln auf der Liste, vermissen Sie den ein oder anderen Titel oder sind Sie insgesamt zufrieden? Ehrlich gesagt ist es wie jedes Jahr: Viele Bücher habe ich noch nicht gelesen, da kann man keine Meinung haben. Ich finde den Buchpreis aus persönlicher Sicht nicht sehr spannend, und erstelle lieber meine eigenen, sehr variablen Listen. Für unsere Buchhandlung ist der Buchpreis auch nicht wahnsinnig relevant. Die Longlist hatte auch in den letzten Jahren kaum Auswirkungen. Selbst bei der Shortlist reagieren die Kunden kaum. Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: 1. Wir machen keine Sonderpräsentation, Werbung usw. 2. Die Bücher, die in den letzten Jahren gewonnen haben, waren für viele durchschnittliche Leser nicht besonders attraktiv. Wir hadern immer wieder mit dem Deutschen Buchpreis, nicht weil wir …

LLL 2014 Kurzporträts (6): Charles Lewinsky: Kastelau

Letzter Autor in meiner kleinen Reihe zur Longlist ist wiederum ein mir bisher ganz unbekannter Schriftsteller, von dem aber schon im Begleitheft zum Buchpreis viel Interessantes, Ungewöhnliches, manchmal durchaus auch Witziges berichtet wird. Die harten Fakten zuerst: Geboren wurde Charles Lewinsky 1946 in Zürich, ging dort zur Primarschule, musste dann aber zum Gymnasium jeden Tag nach Luzern reisen, denn die Zürcher Schulen nahmen nun einmal keinen Schüler auf, der aus religiösen Gründen samstags nicht schreiben durfte. Nach der Schule studierte er Germanistik und Theaterwissenschaften, arbeitete dann als Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Bühnen in der Schweiz und in Deutschland, ehe er als Ressortleiter beim Schweizer Fernsehen für die „Wort-Unterhaltung“ zuständig war. Seit 1980 arbeitet er als freier Autor und hat in dieser Zeit bemerkenswert unterschiedliche Dinge geschrieben: die Bühnenprogramme für „Mary“, ein paar Geschichten für die „Traumschiff-Serie“, Drehbücher für Sitcoms im Schweizer Fernsehen, sogar als Ghostwriter für Harald Juhnkes Show „Musik ist Trumpf“ – falls sich da noch jemand der Leser erinnern kann – ist Lewinsky tätig gewesen, so wie er auch einen Titel zum …

LLL 2014 Kurzporträt (5): Esther Kinsky: Am Fluß

Esther Kinsky ist wiederum eine Autorin, die ich bisher nicht kannte, von der ich noch nichts gelesen habe. Über die Autorin etwas zu erfahren, ist auch ähnlich schwierig, wie bei Gertrud Leutenegger. Es sind kaum Interviews zu finden, kaum Artikel, die ein wenig Aufschluss gewähren über die Autorin selbst. So können hier nur ein paar biografische Daten genannt werden: geboren ist sie 1956 in Engelskirchen, aufgewachsen in Bonn, lebte einige Jahre in London, dann in Berlin und seit 2004 auch im südungarischen Battonya. Seit 1986 arbeitet sie als Übersetzerin russischer, polnischer und englischer Literatur und hat in dieser Zeit auch immer wieder Kurzprosa veröffentlicht, Gedichte und Kinderbücher. Erst 2009 hat sie ihren ersten Roman „Sommerfrische“ veröffentlicht, dann 2010 „Banatsko“, der in der Landschaft in Ungarn spielt, in der sie selbst auch wohnt. Und nun also hat sie sich in ihrem neuen Roman wieder einer Landschaft zugewendet: einer Flußlandschaft, die sich die Ich-Erzählerin erwandert. Flüsse spielen auch in ihrem Leben eine wichtige Rolle, der Rhein ihrer Kindheit zum Beispiel, die Themse bei ihrem Aufenthalt in London. …

Meinungen des Buchhandels zum Buchpreis (2): Samy Wiltschek aus Ulm

Samy Wiltscheck führt in Ulm die Kulturbuchhandlung Jastram und schreibt auch auf seinem Blog. Zur diesjährigen Longlist und zum Buchpreis  hat er diese Überlegungen „zu Papier“ gebracht:     „Oh, was soll ich bloß über die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 schreiben? Alle großen Zeitungen, Fachmagazine und Blogger haben sich schon geäußert und jeder hat seine eigene Meinung. Über etwas zu schimpfen und zu kritisieren ist natürlich nicht so schwer. Eine Idee nicht gut zu finden und es selbst anders machen zu wollen, oder erst gar nicht, liegt in der Sache selbst. Vor Jahren ging mir diesbezüglich ein Licht auf. Auf die Fragen, wer denn nun dieses Jahr den Literatur Nobelpreis bekommen solle und danach, wie ich denn die Wahl finde, habe ich mich immer sehr schwer getan. Mittlerweile ist mir klar, dass natürlich nicht die beste Schriftstellerin, der beste Schriftsteller des Jahres gewählt worden ist, sondern es die Auswahl einer kleinen, überschaubaren Jury ist, deren Diskussionen im Verborgenen bleiben. Haben wir nicht während der Fussball-WM gefühlte 12 Millionen Schiris und Trainer vor den Fernsehapparaten? …

LLL 2014 Kurzporträt (4): Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand

Michael Köhlmeier immerhin – mit Blick auf meine sechs Longlistpatenbücher – ist ein Autor, von dem ich schon zwei Bücher hier auf dem grauen Sofa gelesen und vorgestellt habe. „Idylle mit ertrinkendem Hund“, die Novelle um einen Schriftsteller und seinen Verleger, ihr Arbeitsverhältnis, ihr persönliches Verhältnis und ihre gemeinsamen Versuche, einen Hund zu retten, der im Eis eingebrochen ist, ist meine erste Begegnung mit Köhlmeier gewesen – und wurde angeregt, ach was: erzwungen, bei meinen Bloglesereien (eine winkende Hand in Richtung Kai :-)). Und dann folgte im letzten Jahr das Erlesen des Lebens Joel Spazierers, des Helden, der seine Mitmenschen so gut durchschaut, dass es sie nach eigenem Gusto für sich und seine Ziele einspannen, also manipulieren, und sich so als Hochstapler, aber einem deutlich unangenehmeren als Felix Krull, recht bequem und ohne jeden moralischen Skrupel durch die Zeitläufte bewegen kann. Was soll auch der einzelne eine Moral haben, wenn die große Politik um ihn herum sie nicht hat? Zur Biografie Köhlmeiers ist dies festzuhalten: Geboren wurde er 1958 in Hard in Vorarlberg, er studierte …

LLL 2014 Kurzporträt (3): Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling

Und noch eine Autorin, von der ich bisher noch nichts gelesen und mit deren Roman es mir so ähnlich ergangen ist wie mit Bärfuss´ „Koala“. Im Verlagsprospekt entdeckt, wollte ich den „Panischen Frühling“ schon im Frühjahr lesen, habe ihn dann aus den Augen verloren und nun durch die Nominierung wiederum eine zweite Lesechance bekommen. Mich der Autorin zu nähern, ist gar nicht so einfach. Natürlich gibt es die wichtigsten biografischen Daten in einschlägigen Quellen nachzulesen: geboren 1948 in Schwyz, dann ein Regiestudium an der Zürcher Schauspielakademie und die Arbeit als Regieassistentin ab 1978 in Hamburg, später Reisen und Aufenthalte in Florenz, Berlin und in Tokio. Nun hat sie sich in Zürich niedergelassen. Viel mehr aber ist kaum über Gertrud Leutenegger zu erfahren. Es gibt zwar viele Rezensionen in den Zeitungen zu ihrem Roman „Panischer Frühling“, aber keine Interviews, keine Fernsehauftritte, keine weiteren Möglichkeiten, etwas mehr zu erfahren über die Autorin und was sie umtreibt. Und so ist auch in der ZEIT zu lesen, dass sie „keinerlei Lärm“ verursache, sondern eine Autorin sei, die es vorziehe, …

Meinungen des Buchhandels zum Buchpreis (1): Hauke Harder aus Kiel

In meiner kleinen Interviewreihe möchte ich wissen, was Buchhändler von den Noinierungen auf der Longlist in diesem Jahr und vom Buchpreis ganz allgemein halten. Als erster der Buchhändler steht Hauke Harder von der Buchhandlung Almut Schmidt in Kiel Rede und Antwort.   Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 ist seit ein paar Tagen bekannt. Sind Sie überrascht von Titeln auf der Liste, vermissen Sie den ein oder anderen Titel oder sind Sie insgesamt zufrieden? Insgesamt zufrieden, denn die Liste ist eine gute und bunte Mischung. Dennoch fehlen mir persönlich einige meiner Favoriten. Aber es werden wohl immer individuelle Buchtitel nicht nominiert, die einen persönlich begeistert haben. Als kleine Kritik würde ich sagen, daß die Liste den Lesegeschmack vieler Buchliebhaber nicht immer spiegelt. Ich denke, daß die Liste am Leser, der nicht beruflich mit dem Medium Buch zu tun hat, leicht vorbei gehen könnte. Die Auswahl ist eine künstlerische und anspruchsvolle Auswahl, die aber eventuell dadurch die sogenannte „Hemmschwelle“ eines Buchliebhabers zum stationären Buchhandel aufbauen könnte… Wir, die beruflich mit dem Medium „Buch“ arbeiten, sind alle …

LLL 2014 Kurzporträt (2): Lukas Bärfuss: Koala

Auch Lukas Bärfuss ist mir als Autor unbekannt, keinen seiner bisherigen drei Romane habe ich gelesen. Immerhin haben einige Blogger-Kollegen im Frühjahr schon „Koala“ gelesen und den Roman so vorgestellt, dass er mir als sehr lesenswert erschien. Aber irgendwie sind wir doch noch nicht zusammengekommen, der „Koala“ und ich. Nun gibt es also – zum Glück – eine zweite Chance. Lukas Bärfuss ist ein Schweizer Autor, der Dramen und Romane schreibt. Schaut man auf die Themen, denen er sich widmet, so wird deutlich, dass Bärfuss immer wieder einen genauen Blick sucht auf die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen und Probleme. In seinem Theaterstück „Zwanzigtausend Seiten“ (2012) zum Beispiel beleuchtet er die Beziehungen der Schweiz zum Nazi-Regime in den 1930er und 1940er Jahren und fragt danach, wie wir heute mit diesen Erinnerungen, mit dem Wissen über das, was in der Vergangenheit passiert ist, umgehen. Die Rezensenten erklären, dass Bärfuss in seinem Stück zeige, dass immer dann, wenn das Wissen nicht nützlich ist, immer dann, wenn es nicht dazu beitrage, finanziellen Gewinn zu erzielen, es gesellschaftlich opportun …

LLL 2014 Kurzporträt (1): Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom

Da habe ich mich so gefreut, auch in diesem Jahr wieder beim Erlesen und Erschreiben der LongList des Deutschen Buchpreises mitmachen zu können, da es doch im letzten Jahr so einen Spaß gemacht hat. Und dann fing es schon an, das Bangen darüber, welche Autoren und welche Titel mir zufallen werden – es wird bestimmt ganz schwierig, bestimmt kenne ich keinen der Autoren, und dann sind das bestimmt alles ganz dicke Wälzer, in kleinster Schrift, und ganz schlimm zu lesen – das sind so meine Gedanken gewesen, fast hätte ich abgesagt. Und dann steht auch noch Antonio Fian auf meiner Liste, von dem Autor habe ich ja noch nie gehört, und auch noch so ein sperriger Titel und ein merkwürdig knalliges Buchcover. Was soll denn, bitteschön, ein Polykrates-Syndrom sein?! Ich habe es ja gewusst, man soll sich doch wirklich nie zu früh freuen, das dicke Ende folgt auf dem Fuß. Vielleicht sollte ich jetzt noch absagen? Also gegoogelt – und da wurde mir der Autor doch schon viel sympathischer. Er ist Österreicher, in Klagenfurt geboren, …

LongListLesen 2014 auf dem Grauen Sofa

Nun ist ja bereits eine Woche vergangen, seit die Longlist veröffentlicht ist und ist gibt zahlreiche Diskussionen um die Nominierten, die Repräsentanz von unabhängigen Verlagen, den Anteil der Frauen bei den Nominierten und den Preisträgern usw, usw. Wer da weiterlesen möchte, der klicke hier oder hier oder hier. Es wird also langsam einmal Zeit, sich auch den Inhalten zuzuwenden und mit dem Ziel sind wir ja auch unter dem Titel LongLIstLesen 2014 gestartet. Die Bücherliebhaberin hat ja schon gepostet, wie sie sich den regen Austausch über die Romane vorstellt. Ich möchte es hier ein wenig anders machen, aber natürlich könnt Ihr auch hier Bücher der Longlist gewinnen und auch ich hoffe auf eine spannende, kontroverse Diskussion über Themen, literarische Gestaltung, ob sie „gut“ sind und gar preiswürdig. Und so habe ich mir das Longlistlesen auf dem Grauen Sofa vorgestellt: Ich möchte Euch in den nächsten Tagen die sechs Romane und ihre Autoren,die ich von der langen Liste betreue, in kleinen Porträts vorstellen. Wer also einen der Romane gewinnen, lesen und besprechen möchte, sei herzlich eingeladen …

LongListLesen 2014

  Kaum ist die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 veröffentlicht, schon gibt es Diskussionen off- und online (zum Beispiel hier und hier und hier.  Genau bei diesen Diskussionen wollen wir dieses Jahr mit unserem Bloggerprojekt LongListLesen 2014 einhaken. Wir, das sind in diesem Fall Mara von buzzaldrin , die dieses Projekt gemeinsam mit der Bücherliebhaberin vom glasperlenspiel13 und mit mir in Angriff nimmt. Im letzten Jahr gab es bereits eine Bloggeraktion: 5 lesen 20 . Bei dieser haben 5 Blogger die 20 Bücher der Longlist des Deutschen Buchpreises gelesen und vorgestellt. 2014 möchten wir, dass die nominierten Bücher von möglichst vielen Literaturbegeisterten gelesen werden. Dadurch erhoffen wir uns noch mehr Austausch und Stoff zum Diskutieren. Was wir uns genau überlegt haben, erfahrt ihr, wenn ihr in den nächsten Tagen unsere Blogs im Auge behaltet. Dort berichten wir, was jeder von uns sich unter LongListLesen 2014 genau vorstellt und wie ihr eins der 20 Bücher gewinnen könnt. Viele Aktionen erwarten Euch! LongListLesen 2014 ist zwar eine Kooperation des Deutschen Buchpreises mit den drei oben genannten Blogs, …

Rainald Goetz: Johann Holtrop

Dieser Tage berichten die Zeitungen über die neue, wohl wissenschaftlich belastbare Erkenntnis, dass Psychologen erst gar nicht mehr lange Fragebögen entwickeln müssen, wenn sie herausfinden wollen, ob ihr Gegenüber eine narzisstische Persönlichkeit hat. Die Frage „Ich bin ein Narzisst. Wie sehr stimmen Sie dieser Aussage zu?“ reiche völlig aus, um das herauszufinden, denn die Betroffenen geben offen zu und seien geradezu stolz darauf, sich selbst ganz großartig zu finden und zu meinen, viele Dinge besser zu können als andere, während ihnen Selbstkritik völlig fremd sei, ebenso wie Mitgefühl. Wenn dieses Erkenntnis stimmt, dann ist Johann Holtrop Narzisst. Er ist prominenter Manager eines Medienunternehmens, der Vorstandsvorsitzende der Assperg AG, erfolgreich zur Jahrtausendwende, zur aufregenden und aufgeregten Zeit der New Economy, die zum Ende der 1990er Jahre viele Fantasien befördert und die ersten „Investoren“ steinreich gemacht hat. Holtrop verkauft in der Boomphase einen Unternehmensteil und spült damit eine richtig große Summe Geld ins Portefeuille seines Arbeitgebers – und ins eigene. Und weil er so erfolgreich ist, sind natürlich die Journalisten hinter ihm her, fragen nach Interviews, wollen …

Leonardo Padura: Ketzer

Wer einen Schmöker sucht für verregnete – oder gerade auch sonnige – Ferientage, einen üppigen Roman, der den Leser über die Kontinente und durch die Jahrhunderte entführt – in das Havanna von heute und das der 1930er bis 1950er Jahre, nach Amsterdam und bis nach Osteuropa zur Mitte des 17. Jahrhunderts, in Rembrandts Atelier, die Behausungen der Einwanderer und auf die alte Prachtstraße Calle G in Havanna – dem sei Paduras „Ketzer“ empfohlen. Der kubanische Schriftsteller, der sich auch mit kritischen Reportagen über die Missstände in seinem Land einen Namen erworben hat, schickt wieder seinen Ermittler Mario Conde ins Rennen, den ehemaligen Polizisten und jetzigen Jäger bibliophiler Schätze. Doch dieses Mal geht es nicht um einen Mord, sondern um die Suche nach einem Bild Rembrandts, das seit 1939 verschollen ist, nun aber bei einer Auktion in London plötzlich wieder auftaucht. Und nebenbei – oder doch: vor allem – geht es um die Frage, wie viel Freiheit verschiedene Gesellschaften ihren Mitgliedern zugestehen, um individuelle Entfaltungsmöglichkeiten wahrnehmen zu können- und welchen hohen Preis diese Freiheit haben kann. …

Marlene Streeruwitz: Nachkommen.

Was soll Literatur leisten in Zeiten der wirtschaftlichen Krise? Hat sie eine besondere Aufgabe in einer bedrängenden Situation, die Finanzkrise genannt wird, tatsächlich aber Familien bis zur Mittelschicht in ausweglose Armut stürzt, so als ob ein Krieg herrscht, Reich gegen Arm? Nelia Fehn, die zwanzigjährige Protagonistin dieses Romans, hat die Auswirkungen der Krise in Griechenland besichtigt, sie hat in einer Athener Familie gesehen, wie schnell der wirtschaftliche Abstieg gehen kann, durchaus unter tätiger Mitwirkung von nationaler und internationaler Politik und der Verwaltung: Die Ohnmacht, wie die eigenen Politiker einen morden. Das Schleichende an den Morden. Langsam und stetig. Die himmelschreienden Ungerechtigkeiten. Die Polizei, die den Eliten alles ermöglichte und den Bürgern die Füße zerschlug. (…) Es war eine ungeheure Schnelligkeit in diesem zähen Niedergang. Jede Stufe hinunter. Da blieb gar keine Zeit. Nicht einmal Zeit für wirklich lautes Schreien. Ein kurzer Ausruf und schon der nächste Schmerz. Das ist also mein Leben, musste man da rufen und schon den nächsten Verlust verbuchen und um Luft ringen. (S. 92) Über ihre Reise nach Griechenland hat Nelia …

Heinrich Steinfest: Der Allesforscher

Wale scheinen gerade in der Literatur groß in Mode zu sein. Einmal schwimmt einer titelgebend durch London, einmal strandet einer nach einem Unwetter auf einem Dorfplatz in Island. Auch Heinrich Steinfest setzt in seinem Roman „Der Allesforscher“ auf den Wal. Bei ihm erscheint der Wal in modernen Versionen, trotzdem aber mit deutlichen Bezügen zur biblischen Jonas-Geschichte. Um einen Auftrag scheint es auch hier zu gehen, um ein Überleben – ein Wiedergeborenwerden ?- in stürmischer See und um die Frage nach Schicksal und Zufall. Steinfests Geschichte fängt damit an, dass sein Protagonist Sixten Braun ein Organ eines gestrandeten Wals, der beim Transport durch die Innenstadt von Tainan, einer Stadt im Süden Taiwans, explodiert, so unglücklich an den Kopf bekommt, dass er mit einem Schädel-Hirn-Trauma in einem Krankenhaus landet. Sein Zwei-Tages-Koma wird dort von der deutschen Gehirnspezialistin Dr. Lana Senft fachkundig betreut – und natürlich verliebt sich Sixten beim Erwachen postwendend in sie. Vielleicht passiert dies, so erklärt er es sich, weil sich durch das explosionsartig durch die Luft gesauste und vor seinem Schädel gelandete Walorgan doch …

Zsófia Bán: Als nur die Tiere lebten

„Als nur die Tiere lebten“ ist für die dreijährige Anna der Ausdruck dafür, dass etwas aus einer Welt stammt, in der es noch keine Menschen gab, dass etwas also „sehr lange“ her ist – und dabei ist das Gestern durchaus mit eingeschlossen. Und tatsächlich erzählt Zsófia Bán fünfzehn Geschichten aus verschiedenen Zeiten, von verschiedenen Orten, von verschiedene Menschen und nimmt so den Leser mit in eine Zeit, als nur die Tiere lebten. Da freut sich Maja zum Beispiel schon seit langem auf das Rolling-Stones-Konzert am 18. August 1990 in Prag. Deutlich sichtbar hängen zwei Karten an der Pinnwand, die endlich, endlich den Jugendtraum in Erfüllung gehen lassen, dass es einmal, in einer anderen Welt, auf einem anderen Planeten, einem anderen Sonnensystem ein Stones-Konzert geben wird, das sie besuchen können, und dann werden sie gerettet sein, dann werden sie davongekommen sein. Wie wenn die Titanic mit dem Eisberg kollidiert, und, o Wunder, nicht die Titanic, sondern der Eisberg untergeht. (S. 46) Die andere Welt ist nun da, dafür braucht Maja gar nicht den Planten zu verlassen …

Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat

Ishmael ist Kriminalkommissar in Madison in Wisconsin. Wenn er gefragt wird, warum er Polizist geworden ist, dann erklärt er es damit, dass er ein Rebell sei. Er habe rebelliert gegen den Konformitätszwang, dem sich die Schwarzen unterwerfen, die sich in der amerikanischen Mittelklasse etablieren wollen. Nein, so ein angepasstes, langweiliges Leben, ein Leben als Professor-Roboter mit jährlich gleichen Vorlesungen an einer Universität, das wollte er nicht. Und tatsächlich, als Polizist fühlt er sich mehr als er selbst, als er es sonst hätte sein können. Dabei hat seine Frau ihn genau wegen dieses Berufs verlassen. Nicht, weil er gefährlich ist oder Ishmael ständig Überstunden gemacht hat, sondern weil sie ihn als Verräter sieht, als Verräter gegen seine eigene Rasse, denn Ishmael ermittelte durchaus auch gegen schwarze Kriminelle. Mukoma wa Ngugi skizziert zügig die Gemengelage, in der der Ich-Erzähler Ishmael einen Mord aufklären muss. Es ist die Suche nach der Identität, die Ishmael persönlich umtreibt, es ist seine Suche nach einem Mörder und sein Versprechen, Gerechtigkeit herzustellen. Thema ist aber auch der Rassismus, der im Roman in …

Werkstatt: Aus Holst Noble wird eine rote Celtic-Jacke

So schnell kann es gehen und ein Projekt gerät ins Hintertreffen, wandert auf dem Sofa weiter zur Seite, weggedrängt von den neuen roten Wollknäulen, immer weiter an den Rand, bis es schließlich im großen Strickkorb in der Ecke landet. Dieses schlimme Schicksal hat nun also die Cocoa-farbige Breckon-Jacke ereilt – aus verschiedenen Gründen. Zum einen nervt mich irgendwann diese rechts-links Strickerei, ich mag eigentlich  solche Strukturmuster gar nicht gerne stricken (hätte ich ja eigentlich vorher wissen können). Dann hat mich die Anleitung geärgert – vielleicht lag es aber auch an meinem Unvermögen, mit der amerikanischen Anleitung, obwohl ich davon ja schon einige bewältigt habe. Jedenfalls passen die Musterstreifen des Vorder- und Rückenteils nicht zusammen, wenn ich die Schulternähte schließe. Irgendwo habe ich mich also total verzählt. Und dann der allerwichtigste Grund: Sind die Farben nicht toll? Die schreien doch geradezu danach, sofort in einem mehrfarbigen Muster verstrickt zu werden. Rot und bordeauxrot sind außerdem noch meliert, lila leider nicht, soll aber auch nur als Schmuckband in den Bündchen auftauchen. Es ist wieder einmal Holst-Garn, und …

John von Düffel: Wassererzählungen

Von verschiedenem Wasser erzählt uns John von Düffel in diesen Erzählungen, von Ostsee und Nordsee, von einem natürlichen Schwimmteich, einem Swimmingpool, einem Teich im Garten, einem See in Norddeutschland. Von unterschiedlichen Landschaften erzählt er und von Menschen in entscheidenden Situationen ihres Lebens. John von Düffel ist ein passionierter, ein unermüdlicher Schwimmer. Dabei kann ihn beobachten, wer die Dokumentation zur Entstehung seines Houwelandt-Romans sieht: Immer wieder zieht von Düffel seine Bahnen, im Schwimmbad, im See. Und so bezeichnet er sich selbst als einen „Paradiesvogel“ unter den Schriftstellern, zumindest zu Beginn seiner Karriere sei das so gewesen. Ein asketischer Schriftsteller, dem der eigene Sport wichtig sei, das Langstreckenschwimmen noch dazu, das passe nicht zur gängigen Vorstellung über das Lebens eines Künstlers, der, so werde doch immer noch unterstellt, seine Schaffenskraft, seine Intuition und Kreativität vor allem auf den Genuss von Rauchwaren und Rotwein zurückführe, nicht auf den möglichst täglichen Gang ins meistens zu kalte Wasser [2]. Dass aber auch das zu kalte Wasser eine Inspirationsquelle sein kann, das zeigt von Düffel uns deutlich mit seinen „Wassererzählungen“. In …

Schramm, Priol, Malmsheimer: Ein Kabarett-Abend

Wer sich die Welt erklären lassen möchte, der muss, wenn er sich selbst das Lesen der Zeitungsseiten ganz hinten und der Bücher, die auf keiner Bestsellerliste auftauchen, ersparen möchte, ins Kabarett gehen. Dort gibt es sie noch, die Aufklärer und die Clowns, die das große Ganze im Blick haben und manchmal auch die kleine, absurde Situation und uns die Dinge erklären, mal heiter bis lustig, mal so, dass es einem im Hals stecken bleibt, das Lachen. Georg Schramm hat im letzten Jahr beschlossen, nicht mehr mit Soloprogrammen auf die Kabarett-Reise zu gehen. Nun wollen seine Kollegen Urban Priol und Jochen Malmsheimer, die sich wohl im Rahmen der Sendung „Neues aus der Anstalt“ kennen- und schätzen gelernt haben, diesen Rückzug aber nicht so sang- und klanglos über die Bühne gehen lassen, sondern den Kollegen und seine Verdienste um das Kabarett noch einmal ordentlich feiern. Dazu haben sie sich eine tolle Veranstaltung ausgedacht, haben schon Sponsoren eingeladen – was sie dem zu Ehrenden, das wissen sie genau, natürlich auf keinen Fall sagen dürfen -, für ordentlich viel …

Rafael Chirbes: Am Ufer

Als Wirtschaftskrimi kündigt der Verlag Rafael Chirbes Roman an, als Buch zur spanischen Finanzkrise empfiehlt ihn El Pais. Beide Zuschreibungen stimmen – und sind doch zu oberflächlich. Wesentlich vielschichtiger hat der Autor seinen Roman konzipiert und hat eben nicht nur die Auswirkungen der zerplatzten Immobilienblase auf die verschiedenen Milieus einer Kleinstadt in der Nähe von Valencia beschrieben. Chirbes hat uns vor allem Esteban erschaffen, einen knorrigen, und zynischen Handwerker, für den sein siebzigjähriges Leben mehr Enttäuschungen als positive Wendungen bereit gehalten hat. Esteban weiß seine Umgebung – und durchaus auch sich selbst – auch mit Ironie zu betrachten und beurteilen und er gewährt uns durch seine Erinnerungen auch tiefe Einblicke in die spanische Gesellschaft seit dem Ende der Zweiten Republik und der Machtübernahme durch Franco 1936. Es ist der 14. Dezember 2010 an dem Esteban sich auf den Weg macht in die Sümpfe. Zuvor hat er seinen über neunzigjährigen dementen Vater geduscht, ihm neue Windeln angelegt und ihn angezogen, ihm ein Frühstück bereitet und ihn dann in den tiefen Sessel vor den Fernseher gesetzt, aus …

Juli Zehs Corpus Delicti, Big Data und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Als Juli Zeh 2009 ihren Roman „Corpus Delicti“ veröffentlichte, schien die von ihr dort als METHODE geschilderte Doktrin doch sehr weit hergeholt zu sein. Einen Staat, der das Rauchen verbietet, den kennen wir ja. Eher unvorstellbar aber ist, dass der Staat so sehr in eine Erzieherrolle hineinwächst, dass er uns so allerlei gesundes Verhalten vorschreibt – und das auch lückenlos überprüft. Und doch wird uns mehr und mehr klar, dass „der Staat“ über Institutionen, die zunächst einmal unbemerkt von der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit agieren, ungehindert Daten sammeln kann, zunächst vielleicht unter dem Deckmantel einer Terrorbekämpfung und mit sehr ungewissen Erfolgen. Neben dem Staat aber, und auch hier weitgehend außerhalb unserer Beobachtung, sammeln aber auch Unternehmenumfassende Daten, der „gläserne Kunde“ ist ihr Ziel, der Kunde, dem man am besten schon Werbung zu Produkten zukommen lassen kann, für die er sich wahrscheinlich erst in naher Zukunftinteressieren wird, der Kunde, dessen Risiko das (Versicherungs-)Unternehmen genau einschätzen kann. In Juli Zehs Gesellschaft, die sich zu Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts entwickelt hat, ist es das Gesundheitswesen, dass die Menschen beherrscht. …

Die Sonntagsleserin: KW # 22 2014

Die Bücherphilosophin hat die Idee zu dieser allwöchentlich-sonntäglichen Blog-Rückschau über die besonderen Blogleseerlebnisse der vergangenen Woche. Bei der Bücherphilosophin findet Ihr auch eine Liste der anderen Sonntagsleser, bei denen es immer vieles zu entdecken gibt. Diese Woche stand vor allem im Zeichen der Diskussion um die Literaturkritik in Zeitungen und Blogs. Bei der Bücherphilosophin findet Ihr dazu eine komplette Sammlung aller Beiträge. Dass ich die Blogs so schätze, weil sie mich auf Themen und Bücher aufmerksam machen, die nie ein Feuilleton besprechen würden, habe ich ja in meinem Statement zur Diskussion deutlich gemacht. Und – wie gewünscht – haben mir viele Blogs dazu wieder jede Menge Fundstücke geliefert in Form von Besprechungen von Büchern, die ich sonst nie entdeckt hätte, in Form von Artikeln und Interviews, die im Feuilleton eben nicht geführt würden. Vielleicht hat Birgit von sätzeundschätze ja Recht, dass wir Blogger auf jeden Fall insofern schon unseren ganz besonderen Beitrag zur Literatur geleistet haben, als dass hier immer wieder auch Bücher besprochen und geteilt werden, die in den unabhängigen, kleinen Verlagen publiziert wurden …

Wo geht´s denn hier zur guten Literaturkritik? – Ein weiterer Baustein zur Debatte

Ich habe in dieser Woche die durch Maras Beitrag angeregte Diskussion über Qualität und Innovativität der Literaturkritik in Printmedien und auf Blogs verfolgt. Seit gestern reizt es mich sehr, einen der vielen konstruktiven Beiträge zu kommentieren. (Eine Übersicht über die bisherigen Diskussionsbeiträge findet Ihr bei Mara oder bei Anna.) Aus dem Kommentar ist dann ein ganzer Beitrag geworden, die freie Zeit des Feiertags und das ewig nieselige Wetter haben hier ordentlich Vorschub geleistet. So möchte ich der Diskussion noch nun ein paar weitere, wahrscheinlich gar nicht mal taufrische, Ideen hinzufügen: 1. Die so komplexe und differenzierte Diskussion, die auf den Blogs zu lesen ist, macht schon einmal deutlich, dass hier eben nicht Dilettanten – im negativen Wortsinn – am Werk sind, sondern Menschen, denen nicht nur die Literatur am Herzen liegt, sondern die außerdem auch noch der Sprache und der Argumentation mächtig sind. Das sind doch mal ganz gute Voraussetzungen, finde ich, um meinungsbezogene Beiträge zu schreiben. 2. Die Blogs, denen ich folge, sind von Menschen geschrieben, die sowohl von ihrer Vorbildung als auch von …

Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsproduktes

Jedes Jahr im Herbst veröffentlichen die Fünf Weisen das Herbstgutachten. Die Fünf Weisen stammen keineswegs aus dem Morgenland, sondern sind renommierte Wirtschaftsprofessoren, die mit ihrem Gutachten die wirtschaftliche Entwicklung des kommenden Jahres „berechnen“. Eine der wichtigen Kennzahlen, die sie veröffentlichen, ist die Schätzung des Bruttoinlandsproduktes, die andere nicht minder wichtige Kennzahl die der Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft. Auf beide Kennzahlen wird mit großem Politik- und Medien-Interesse geschaut, die Verkündung der Zahlen ist die Vorhersage, wie es „uns“ im nächsten Jahr gehen wird. Groß also der Jubel, wenn sie üppig ausfällt, groß der Katzenkammer, wenn es nur einen Zuwachs von unter einem Prozent zu verzeichnen gibt, Weltuntergangsstimmung gar, wenn die Wirtschaft zu schrumpfen droht. Was hat es mit dem BIP und der Wachstumsrate aber auf sich, dass Regierungen und Medien so auf diese Zahlen schielen? Und welche Aussage haben diese Zahlen wirklich? Zeigen sie tatsächlich an, wie „gut“ es uns geht, ist das BIP wirklich ein Indikator dafür, wie es um unseren Wohlstand bestellt ist? Und woher stammt die Idee zu einem Bruttoinlandsprodukt? Diesen Fragen geht …

Die Sonntagsleserin: KW # 21 2014

Die Bücherphilosophin hat die Idee zu dieser allwöchentlich-sonntäglichen Blog-Rückschau über die besonderen Blogleseerlebnisse der vergangenen Woche. Bei der Bücherphilosophin findet Ihr auch eine Liste der anderen Sonntagsleser, bei denen es immer vieles zu entdecken gibt. Immer noch aus arbeitstechnischen Gründen sehr Blog- und Roman lesebeschränkt, habe ich aber doch in der vergangenen Woche an dem ein oder anderen Beitrag meine Freude gehabt und so einen Blick von meinem Schreibtisch in die große weite Welt tun können. Und was gab es da nicht alles zu sehen und zu lesen: Literaturen hat den dritten Geburtstag gefeiert („Herzlichen Glückwunsch“ und großen Tusch), Bücherphilosophin und buechermaniac sind verreist (oh wie neidisch angesichts meiner Stapel-arbeit), muromez zeigt uns Autorenköpfe als streetart und Maren und Birgit liefern sich einen witzigen Bilderschlagabtausch um die schönsten maritim geschmückten Schaufenster Lesenswerte Artikel: Bei literaturundfeuilleton hat Nadine noch einmal die Reise Jörg Albrechts zur Buchmesse nach Abu Dhabi zusammengefasst, für deren Verlaufsbeschreibung sich nun der Titel kafkaesk tatsächlich aufdrängt. Zum Glück ist alles noch einmal gut gegangen und wir können froh und dankbar sein, in …

Die Sonntagsleserin: KW # 19 2014

Die Bücherphilosophin hat die Idee zu dieser allwöchentlich-sonntäglichen Blog-Rückschau über die besonderen Blogleseerlebnisse der vergangenen Woche. Bei der Bücherphilosophin findet Ihr auch eine Liste der anderen Sonntagsleser, bei denen es immer vieles zu entdecken gibt. Mein Bloglese in dieser Woche stand wieder ganz im Zeichen der Bücher. So habe ich einige Titel entdeckt, die ich gerne lesen würde, andere habe ich schon im Regal stehen, so dass meine Vorfreude nun noch größer ist. Der Kaffeehaussitzer empfiehlt Peter Englunds Geschichten von neunzehn Menschen, die den Ersten Weltkrieg miterlebt haben und deren Leben er durch das Studium von Tagebüchern, Briefen oder Gesprächen mit Freunden und verwandten recherchiert hat. So entstehen kleine, private Geschichte über „Schönheit und Schrecken“, so der Titel, oder, wie es im Untertitel heißt, „Eine Geschichte des Ersten Weltkrieges“, wie sie in den Geschichtsbüchern nicht erzählt wird, weil uns Geschichtsbücher eben nichts darüber berichten, wie es den einzelnen Menschen ergangen ist: „Viel näher“, so schreibt Uwe resümierend, „ kann man der Zeit zwischen 1914 und 1918 nicht kommen.“ Auch auf Herberts Bücherblog, auf dem wir …

FO: Autumn Rose aus Isagers Hochlandwolle

Endlich fertig! Nach Jahren, nach langer, langer Existenz als UFO versunken und immer wieter versinkend in einem Wollkorb. Nun habe ich mich doch erbarmt, das Strickmuster wieder hervorgekramt und endlich die Ärmel fertig gestrickt, alle Strickstücke zur Schneiderin gebracht, damit sie den in Runden gestrickten Körper und die zusammen ebenfalls rund gestrickten Ärmel absteppen und aufschneiden kann und dann „noch eben“ die Knopfleiste und den Halsauschnitt gestrickt – bei 2,5er Nadeln und bei der Länge der Kanten, hat das noch einmal ganz schön lange gedauert. Der Autumn Rose Pullover gefällt mir ja schon seit ein paar Jahre, allerdings mag ich Pullover aus Wolle nicht so gerne – viel zu warm in immer überheizten Räumen – und stricke deshalb lieber Jacken. Außerdem hat das Pullimodell nur dreiviertel Ärmel und einen riesigen sommerlichen Halsausschnitt. Also habe ich einen anderen Entwurf gesucht und bin in der Verena  bei einem Strickmantel fündig geworden. Verstrickt habe ich Isagers schottische Hochlandwolle, die es nun schon gar nicht mehr gibt. Sie ist schön dünn (dadurch dauert die Strickerei natürlich ewig) und bietet …

Die Sonntagsleserin: KW # 18 2014

Die Bücherphilosophin hat die Idee zu dieser allwöchentlich-sonntäglichen Blog-Rückschau über die besonderen Blogleseerlebnisse der vergangenen Woche gehabt. Bei der Bücherphilosophin findet Ihr auch eine Liste der anderen Sonntagsleser, bei denen es immer viele spannende Beiträge zu entdecken gibt. Mich haben in dieser Woche die folgenden Artikel besonders interessiert, zum einen, weil sie meine Bücherliste vergrößerten, zum anderen, weil sie genau das Thema der übervollen Leselisten kritisch beäugten. Leseschatz empfiehlt ein Buch über „die Vorzüge des Wartens“, das die Journalistin Friederike Gräff verfasst hat. Genau die richtige Lektüre für jemanden, der so ungeduldig ist, wie ich. Und als Wochenendtipp wird auf dem Blog nichts geringeres empfohlen als: EIN BUCH. Wolfgang Schiffer ist von Island nach erst nach Wisconsin und dann mit Ishmael, dem Ermittler in einem Mordfall, nach Kenia gereist. Er empfiehlt uns den Roman „Nairobi Heat“ von Mukoma wa Ngugi, der nicht nur ein Krimi sei, sondern auch der Frage nachgehe, wie sich ein schwarzer Amerikaner in Afrika fühle. – Und nebenbei ist der Roman auch noch auf der SWR-Bestenliste Mai in der Rubrik „persönliche …

Birgit Vanderbeke: Der Sommer der Wildschweine

Birgit Vanderbeke breitet in ihrem Roman vom „Sommer der Wildschweine“ ein Familien-Wimmelbild vor uns aus, oder – um im Bild eines der Themen des Romans zu bleiben – verknäuelt die Erlebnisse, Interessen und Erfahrungen Leos und Milans sowie ihrer Kinder Johnny und Anouk gehörig, um sie dann im Laufe der Erzählung zu entwirren und zu einem ordentlichen (Woll-)Knäuel aufzuwickeln. So wuseln also die unterschiedlichsten Themen vor den Augen des Lesers herum: die wirtschaftlich immer höchst gefährdete Situation von Einzelunternehmern, die von jeder Wirtschaftskrise betroffen sind, die Hausbesetzerszene im Frankfurter Westend in den 1980er Jah-ren, das strickende soziale Netzwerk ravelry, die Kunst des Bloggens, der Bau von Lautsprecherbo-xen für anspruchsvolle Kunden, Strickdesigns und hochwertige Garne, Keywords im Zeitalter des Contents, Hilfe für ölverschmierte Pinguine, Pervasive Computing, Unwetterkatastrophen im Fern-sehen, Industrial Design, PETA, 3-D-Programmierung, die wirtschaftlichen Interessen einer Ölgesellschaft – und eben Wildschweine. Über Wildschweine, so berichtet Leo, die Ich-Erzählerin dieses Fadengewirrs, habe sie gerade letztens einen knappen Artikel gelesen, der eigentlich nur Content gewesen sei, ein Text zu einem Bild, für ein paar Cent von einer …

Matthias Nawrat: Unternehmer

Lipa lebt in Schönau, im Schwarzwald, und arbeitet als Assistentin im Familienunternehmen, das im – wir nennen es mal – Handel von Wertstoffen tätig ist. Lipa koordiniert die Einsätze, sie inventarisiert, sie erfasst die Ausgaben und Einnahmen, bewertet die beweglichen Wirtschaftsgüter, berücksichtigt vermögenswirksame Leistungen, bilanziert und sucht Kosteneisparpotenziale. Die ganze Familie lebt die Arbeitswerte des Vaters, der die Tätigkeit als Unternehmer hoch einschätzt. Zur Motivation hat er die Idee ersonnen, dass die Familie spätestens im nächsten Frühjahr nach Neuseeland auswandere, denn dort sei ja alles besser und leichter. Und auf jede noch so problematische Situation hat er eine Antwort, die aus dem Schatzkästlein des protestantischen Wirtschaftsethos Max Webers oder der Idee des schöpferischen Unternehmers, wie ihn Joseph Schumpeter skizziert hat, entliehen zu sein scheint: Es gibt keine unternehmensfreie Zeit, sagt der Vater. Entweder man ist Unternehmer, oder man ist es nicht. (…) Keinen Moment Ruhe kann man sich als Unternehmer gönnen. (…) Unser Beruf (…) bringt viele Schmerzen mit sich. Aber die Schmerzen müssen wir ertragen können. Das ist das Gesetz des Unternehmertums. (…) Wenn …

Die Sonntagsleserin: KW # 16 2014

Auch an diesem Ostersonntag soll die Tradition der Sonntagsleserin fortgeführt werden. Die Bücherphilosophin hat die Idee gehabt und mittlerweile berichten immer mehr Blogger in ihren allwöchentlich-sonntäglichen Rückschauen über die besonderen Blogleseerlebnisse der vergangenen Woche. Bei der Bücherphilosophin findet Ihr auch eine Liste der anderen Sonntagsleser, bei denen es immer vieles zu entdecken gibt. In dieser Woche habe ich Blogartikel gesammelt, deren gemeinsames Thema ist, dass sie keine Bücher besprechen. Offensichtlich haben viele Blogger angesichts des Frühlingswetters und der freien Tage ihre Bücher zur Seite gelegt, haben sich feste Schuhe angezogen und es hat sie wandernd, laufend, walkend, radelnd oder Unkraut jätend in die Natur gezogen. Naja, Ihr werdet sehen, so ganz ohne Bücher ging es dann auch in dieser Woche nicht: Blicke auf viele verschiedene Türen in Neve Tsedek, einem Stadtteil Tel Avivs, hat Sabine geworfen. Und Anna zeigt uns, dazu passend, viele unterschiedliche Fenster, die sie in Bamberg gefunden hat und abgelichtet hat. (Die Kombination von Fenstern und Türen wird vielleicht zu dem ein oder anderen neuen Bauwerk inspirieren 🙂 .) Charlotte hat auch …

Dorothee Elmiger: Schlafgänger

Als Schlafgänger, so erklärt der Student aus Glendale, seien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diejenigen Zuwanderer in die Großstädte wie Berlin, Frankfurt und Wien bezeichnet worden, die nur schlecht bezahlte und meist befristete Arbeit fanden und sich deshalb kein Zimmer leisten konnten. Sie mieteten sich also ein Bett für ein paar Stunden, um schlafen zu können. Eine absolut prekäre Situation, denn Schlafgänger fanden so „auch für den Schlaf keinen unbedingt sicheren Ort, sie legen sich für einige Stunden auf eine gemietet Stelle, um dann wiederum als Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen.“ Und sie wurden auch, so fährt der Student seine Erklärung fort, als „flüchtige Existenzen bezeichnet, auf die stets das Augenmerk der Polizei gerichtet war.“ Schlafgänger gibt es heute wohl nicht mehr, den Gedanken aber, geradezu das Primat, die Arbeitskraft so zu erhalten, dass sie immer wieder einsetzbar ist, sehr wohl. Nur wer über eine marktfäfige Arbeitskraft verfügt, findet seinen Platz in unserer Gesellschaft, sei es als Fußballspieler, als Schriftstller, als Logistiker/Spediteur. Und der Logistiker in Dorothee Elmigers Roman hat nun das große …

Das apokalyptische Stöckchen

Obwohl doch nun das Wetter besser wird und alle Leser und Blogger die freie Zeit draußen verbringen sollten, fliegen sie immer noch, die Blog-Stöckchen. Ein ganz besonderes hat mich gerade erreicht, denn es malt sich gleich mal  die Apokalypse aus. Tobias, von dem die Idee, was in apokalyptischen Zeiten als Buchliebhaber am dringendsten zu tun sei, stammt, beschreibt sie so: Wenn du drei Bücher vor der Apokalypse, die alle anderen Bücher auf dem Planeten zerstört, retten könntest – welche wären es? Und Tobias hat dann gleich noch ein paar Regeln mitgeliefert – Ordnung muss im Angesicht des Weltuntergangs schließlich sein: es dürfen wirklich nur drei Bücher genannt werden (und schon beginnt man zu grübeln, wie man diese Regel elegant unterlaufen kann: ist eine Gesamtausgabe etwa als ein Buch zu werten, welche mehrbändigen Werke sind auch einbändig erschienen?, wie schaffe ich es also, möglichst viel Lesestoff zu retten?), es muss erklärt werden, WARUM es genau diese drei Werke sind und die Begründung darf nicht mehr als 140 Zeichen pro Buch lang sein (wie sympathisch). Nun warf …

Die Sonntagsleserin: KW # 14 2014

Die Bücherphilosophin hat die Idee gehabt, mittlerweile berichten immer mehr Blogger in ihren allwöchentlich-sonntäglichen Rückschauen über die besonderen Blogleseerlebnisse der vergangenen Woche. Bei der Bücherphilosophin findet ihr auch eine Liste der anderen Sonntagsleser, bei denen es immer vieles zu entdecken gibt. In dieser Woche habe ich viele Blogbeiträge zum Thema Reisen und Literatur gefunden. Angestoßen wurde dieser Blick zum einen von Wolfgangs Vorstellung eines Essays zum Thema Reisen und Lesen, speist sich zum anderen aber bestimmt auch aus meiner Vorfreude auf die Freiheiten, die die die kommenden Ostertage uns bescheren, und hat natürlich auch etwas zu tun mit meinem immer interessierten Blick auf die vielen Reisen in entfernte Gefilde oder zu besonderen Ereignissen in der Nähe, die ich beim Lesen der Romane erleben kann. Die Initialzündung meiner Blogperspektive in dieser Woche ist aber Wolfgangs Beitrag über seine Lektüre von Petras Essay (ja, es ist Petra von phileablog!) „Ganz weit weg. Leselust und Reisefieber“ gewesen. In ihrem Text skizziere Petra „in elegantem Plauderton“ die ähnlichen Beweggründe, die zum Reisen sowie zum Lesen verleiten, sie erkläre, ob …