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LLL 2014 Kurzporträts (6): Charles Lewinsky: Kastelau

dbp_longlist_2014Letzter Autor in meiner kleinen Reihe zur Longlist ist wiederum ein mir bisher ganz unbekannter Schriftsteller, von dem aber schon im Begleitheft zum Buchpreis viel Interessantes, Ungewöhnliches, manchmal durchaus auch Witziges berichtet wird.

Die harten Fakten zuerst: Geboren wurde Charles Lewinsky 1946 in Zürich, ging dort zur Primarschule, musste dann aber zum Gymnasium jeden Tag nach Luzern reisen, denn die Zürcher Schulen nahmen nun einmal keinen Schüler auf, der aus religiösen Gründen samstags nicht schreiben durfte. Nach der Schule studierte er Germanistik und Theaterwissenschaften, arbeitete dann als Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Bühnen in der Schweiz und in Deutschland, ehe er als Ressortleiter beim Schweizer Fernsehen für die „Wort-Unterhaltung“ zuständig war.

Seit 1980 arbeitet er als freier Autor und hat in dieser Zeit bemerkenswert unterschiedliche Dinge geschrieben: die Bühnenprogramme für „Mary“, ein paar Geschichten für die „Traumschiff-Serie“, Drehbücher für Sitcoms im Schweizer Fernsehen, sogar als Ghostwriter für Harald Juhnkes Show „Musik ist Trumpf“ – falls sich da noch jemand der Leser erinnern kann – ist Lewinsky tätig gewesen, so wie er auch einen Titel zum Grand Prix der Volksmusik beigesteuert – und damit gewonnen – hat. Im Leseproben-Heft zur Longlist wird er mit dem Satz zitiert: „Ich schrieb zuerst mal alles, was verkäuflich war“.

Er ergänzt, dass er im Laufe der Jahre dann mit der „bestellten Ware“ so erfolgreich geworden sei, dass er Zeit finden konnte, am Anderes, um „Anspruchsvolleres zu probieren“. Und so erschienen Romane wie „Johannistag“ (2000), „Melnitz (2006), „Doppelpass“ (2009) und „Gerron“ (2011). In seinen Romanen setzt er sich immer wieder mit der Geschichte, oft auch mit jüdischer Geschichte, auseinander.

So reisen wir auch in seinem Roman „Kastelau“ in die Vergangenheit zurück, ins Jahr 1944, dem Jahr, in dem Berlin von den Alliierten beschossen wird und jeder, der weggehen kann aus der Stadt, froh darüber ist. Da kommt der Auftrag zum Drehen des Nazi-Films „Das Lied der Freiheit“ in einem bayrischen Bergdorf für einige UFA-Schauspielerinnen und Schauspieler gerade recht. Und auch wenn nur ein Teil der Crew in Kastelau ankommt, so entscheiden diese sich dafür, den Film unter allen Umständen drehen zu wollen, auch wenn sie dazu Dorfbewohnern und Nazi-Spitzel ordentlich etwas vorspielen müssen, Hauptsache, sie müssen nicht zurück nach Berlin.

Charles Lewinsky macht uns in seinem Roman Glauben, dass sein Roman um die Geschehnisse in Kastelau auf die Unterlagen von Samuel Anthony Saunders zurückgehe, der ein umfassendes Werk von Briefen, Listen, Notizen Tonbändern usw. hinterlassen habe, als er erst 49-Jährig in Hollywood verstorben sei, Vorarbeiten wohl zu einer Dissertation und, als die abgelehnt wurde, zu einem Roman über die Geschichte des Schauspielers Arnie Walton. Er habe, so schreibt Lewinsky erklärend, diesen Schatz ganz zufällig gefunden im Film & Television Archive der UCLA, ansässig an der East Melnitz. Und auf seiner Webseite erzählt er dieeinfach  wunderbare Geschichte, welche Beziehungen es zwischen dem Straßennamen, seinem Roman „Melnitz“ und dem neuen Roman gibt (scrollen bis „Zufälle gibt´s“).

Saunders hat wirklich akribisch recherchiert, hat den Weg des Schauspielers Arnie Walton, der immerhin mit einem Stern auf dem Walk of Fame geehrt wird, zurückverfolgt nach Deutschland, hat mögliche Geburtsorte gefunden, seine Karriere Schritt für Schritt nachvollzogen, überprüft, ob das, was Walton über sein Leben in Deutschland erzählt, über seine Haltung zu jüdischen Kollegen beispielweise, auch tatsächlich stimmt.

Natürlich hieß er nicht wirklich Arnie Walton. Marilyn Monroe hieß auch nicht Marilyn Monroe, und John Wayne hieß nicht John Wayne. Vielleicht hat er sich den Namen nicht einmal selber ausgedacht, hat nur nicht widersprochen, als die Werbeabteilung des Studios damit ankam. Anpassungsfähig ist er immer gewesen. Arnie Walton war die Amerikanisierung des Namens, unter dem er in Nazideutschland Karriere gemacht hatte. Und auch der war schon ein Pseudonym gewesen. (…) Die wirkliche Erklärung für die abrupte Beendigung seines Vertrags fand ich im Thüringischen Staatsarchiv Greiz, wo die (nach einem Vernichtungsbefehl vom Februar 1945 sehr unvollständigen) Akten der obersten Polizeibehörde Gera aufbewahrt werden. Im handschriftlich geführten Journal vom November 1933 lässt sich unter dem 18. des Monats in der Rubrik «Festnahmen» der Name «Arnold, Walter» entziffern, mit dem Vermerk «wg. 175». Es kann sich hier nur um den berüchtigten Paragraphen 175 des deutschen Reichsstrafgesetzbuches handeln, der «die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren verübt wird» mit Gefängnis von sechs Monaten bis zu vier Jahren bedrohte.“ (S. 21/ S. 23)

Wer hat Lust, die sehr spannend erscheinende Geschichte um Samuel Anthony Saunders, Charles Lewinsky und Arnie Walton, alias Walter Arnold, den es ja bestimmt nach Kastelau verschlagen hat, zu lesen und zu besprechen? Schreibt einen Kommentar oder eine Mail!

Einen längeren Ausschnitt aus „Kastelau“ könnt Ihr hier und eine erste Rezension hier lesen. Empfohlen sei in jedem Fall auch Lewinskys Homepage.

Gewinnerin ist dieses Mal Eva aus Wien.

2 Kommentare

  1. Also noch ein Kommentar um mein Glück zu versuchen, obwohl meine Leseliste ohnehin schon knarzt und knarrt und jetzt noch ein Debutroman einer jungen österreichischen Autorin daraufgekommen ist und das vorletzte Buch, das ich besprochen habe, war auch ein solches.
    Charles Lewinsky war und ist auch mir völlig unbekannt und ich habe vorher sogar noch extra nachgelesen, ob er wirklich auf der LL steht, also wahrscheinlich ein dringender Grund ihn kennenzulernen und jetzt bin ich gespannt, ob und was ich gewinne und welche Bücher der LL auf meine Leseliste kommen werden!
    Liebe Grüße aus Wien, den Antonio Fian habe ich übrigens am Samstag am Volksstimmefest, wo ich beim „Linken Wort“ gelesen habe, gesehen und nächste Woche wird in Wien, der „Leo Perutz Preis“ vergeben, da seht er auch auf der Kanditatenliste

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