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Meinungen des Buchhandels zum Buchpreis (3): Daniela Dobernigg

cobo_1In meiner kleinen Reihe mit Beiträgen aus dem Buchhandel hat mir heute Daniela Dobernigg von der Buchhandlung cohen + dobernigg in Hamburg Rede und Antwort zur Longlist 2014 und zum Deutschen Buchpreis gestanden:

 

Die Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 ist seit ein paar Tagen bekannt. Sind Sie überrascht von Titeln auf der Liste, vermissen Sie den ein oder anderen Titel oder sind Sie insgesamt zufrieden?
Ehrlich gesagt ist es wie jedes Jahr: Viele Bücher habe ich noch nicht gelesen, da kann man keine Meinung haben. Ich finde den Buchpreis aus persönlicher Sicht nicht sehr spannend, und erstelle lieber meine eigenen, sehr variablen Listen.
Für unsere Buchhandlung ist der Buchpreis auch nicht wahnsinnig relevant. Die Longlist hatte auch in den letzten Jahren kaum Auswirkungen. Selbst bei der Shortlist reagieren die Kunden kaum. Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe:
1. Wir machen keine Sonderpräsentation, Werbung usw.
2. Die Bücher, die in den letzten Jahren gewonnen haben, waren für viele durchschnittliche Leser nicht besonders attraktiv.
Wir hadern immer wieder mit dem Deutschen Buchpreis, nicht weil wir unzufrieden sind mit der Qualität der Gewinnerbücher!!!, sondern weil es anfangs hieß, dass es ein Preis sein soll, der Aufmerksamkeit auf den Buchhandel, die Verlage und selbstverständlich die Autoren lenkt. Ein Preis, der die Leute ans Lesen erinnern soll.
Nun ist es aber so, dass viele das eine oder andere Mal ein ausgezeichnetes Buch gekauft, und … oft nicht zu Ende gelesen haben. Klar kann man sich streiten warum, aber ich wage die These, dass es manchmal an Leichtigkeit und Spaß fehlt (nein, ich rede nicht von Klamauk). Gerade bei diesem Preis ist das fatal. Um so schlimmer, dass Kollegen aus der Branche das gleiche feststellen. Ich vermute, ich werde es nicht erleben, dass einmal ein „lustiges“ Buch den Gewinn einfährt. Ein Publikumspreis wäre da wohl die Lösung?

Andreas Platthaus hat in der FAZ zur Longlist gesagt, die Juroren hätten vor allem auf das „Bewährte“ gesetzt, so sei cobo_2ungewöhnlichen und wagemutigen Projekten kein Platz auf der Longlist eingeräumt worden und es sei auch nur wenig Bereitschaft zu sehen, auch mal den Roman eines unerkannteren, kleineren Verlags zu nominieren. Hat Platthaus mit seiner Einschätzung nicht recht?
In unserer Buchhandlung legen wir seit der Gründung Wert auf kleine, besondere Verlage, gerade die liegen uns sehr am Herzen. Und mich persönlich wundert es dann schon, wie wenig Beachtung sie in der Öffentlichkeit und beim Buchpreis bekommen.
Aber: ich sitze nicht in der Jury, werde es nie tun – und deren Tun nicht hinterfragen. Wie gesagt, in unserer Buchhandlung haben wir unsere eigene Auswahl.

Der Deutsche Buchpreis tritt, seinen Leitsätzen zufolge, mit dem Ziel an, „den besten Roman“ des Jahres auszeichnen zu wollen. Über einzelne Titel kann man ja lange streiten. Gibt es für Sie bestimmte Kriterien, die den „guten“ Roman, um nicht zu sagen: den „besten“ Roman, ausmachen?
Sehr kurz gesagt: Ein Buch muss mich packen, muss mir etwas erzählen, muss mich mitnehmen, entführen, sich in meinem Kopf festsetzen und mich beschäftigen. Und wenn es einen Teil davon schafft, dann sind wir auf einem gutem Weg. Ich bin kritische Buchhändlerin, aber keine Literaturkritikerin.

Der Deutsche Buchpreis wird ausgelobt vom Börsenverein des Buchhandels. Steht da nicht, den Kriterien des „guten Romans“ zum Trotz, viel mehr der Verkauf der Bücher im Vordergrund des Interesses? Die Marketingmaschine, die nun angeworfen wird, spricht doch dafür.
War das nicht der Auslöser für diesen Preis? Eine Liste wird kaum reichen für Aufmerksamkeit. Will man Berichte im Radio, Presse, ggf. sogar TV … muss es mehr als eine Liste haben.

Wie ist denn Ihre Erfahrung in diesen ersten Tagen dieses Jahres, wie aus den letzten Jahren: Bringt der Buchpreis mit seiner medialen Aufmerksamkeit mehr Kunden in den Buchhandel, werden mehr Bücher verkauft, insbesondere die Titel der Long- und Shortlist, des Gewinners, die auch in jedem Laden an prominenter Stelle ausgestellt werden?
Nein. Der Buchpreis bringt nicht mehr Kunden in unseren Laden, wir werden aber ab und an angesprochen auf die Liste, später auf den oder die Gewinner/in.
Mich persönlich freut aber das mediale Interesse trotzdem. Besser als nichts.

Der Schriftsteller Michael Lentz hat vor ein paar Jahren gefordert, den Preis sofort abzuschaffen. Er würde die nominierten zwanzig Titel so stark in den Vordergrund stellen, sodass alle nicht nominierten Romane nicht mehr wahrgenommen werden. Mit unserem Blogprojekt tragen wir ja zu genau dieser Sichtweise auch bei. Sehen Sie das auch so kritisch?
Das ist immer schwierig. Eigentlich bin ich auch gegen diese Liste, ganz egal wie lang oder kurz sie ist. Jedoch, wie schon gesagt: Mediale Präsenz ist für die Bücherlandschaften, also auch uns, nie schlecht.
In unserer Buchhandlung werden nicht nominierte Romane und Autoren sehr wohl wahrgenommen. Die Kunden vertrauen uns, und nicht den Listen.

Haben Sie einen persönlichen Favoriten auf der Liste?
Nein, noch nie. Nur aus Jux für das ladeninterne Tippspiel.

 

Vielen Dank, liebe Daniela, fürs Mitmachen und Fragen beantworten!

4 Kommentare

  1. Liebe Claudia.,
    einn schönes Interview – und die Antworten sprechen mir aus dem Herzen. Mir ist im übrigen als Leser und Buchhandlungsaufsuchender (wow, was für ein Wort) ein eigenständiges Sortiment viel lieber, als ein sich nach irgendwelchen Listen richtendes Angebot (wunderbar gruselig und furchtbar platzraubend in vielen Buchhandlungen immer wieder die Spiegelliste).
    Da kann man viel mehr entdecken abseits der ausgetretenen Pfade und die kleinen Verlage kommen auch nicht zu kurz. So gesehen finde ich diese Preise und Listen bestenfalls als Marketinginstrument wichtig – auch wenn hier ja rüber kommt, dass nicht mal das wirklich funktioniert. Meine Vermutung ist ja, dass viele der Leute,die auf so etwas anspringen sich sofort bei amazon bedienen und die Buchhandlungen einfach links liegen lassen. Das könnte man kontraproduktiv finden…
    Anyway, ich bin grade fleissig mit den beiden Herren beschäftigt, die Du mir ans Herz und in den Briefkasten gelegt hast und bin ganz begeistert. Aber natürlich, den Köhlmeier lese ich am Ende doch freiwillig und nicht listenbestimmt…
    Liebe Grüsse
    Kai

  2. Ein sehr schönes Interview. Die Antworten gefallen mir. Ich lese gerne und viel. Aber von der Liste hatte ich glaube ich noch nie eines auf meiner Liste.
    Wie oben erwähnt, die machen doch keinen Spaß.
    Liebe Grüße Andrea

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