Alle Beiträge, die unter Erzählungen gespeichert wurden

Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo

Als Niroz Malek 1946 in Aleppo geboren wurde, um genau zu sein am 17. April, feierte Syrien genau an diesem Tag seine Unabhängigkeit von Frankreich, der vom Völkerbund in Syrien und Libanon seit dem Ersten Weltkrieg eingesetzten Mandatsmacht. „Sohn des Friedens“ wurde Malek also wegen seines ganz besonderen Geburtstages genannt und er habe, so schreibt er in seinem Nachwort, lange daran geglaubt, dass es nie wieder Weltkriege geben werde. Die Demonstrationen, die in Syrien 2012 sechs Monate lang friedlich stattfanden, bei denen breite Schichten der Bevölkerung und vor allem die jungen Menschen solche Dinge einforderten wie „Freiheit“ und „Würde“, die „Reformierung der staatlichen Institutionen“ und das „Ende der Korruption“ gingen dann aber, statt in eine Kommunikation mit allen beteiligten zu kommen, doch in einen „internationalen, zerstörerischen, barbarischen, schmutzigen Krieg“ über. So schmutzig und barbarisch, dass immer wieder – und gerade in diesen Tagen  – von Giftgastoten die Rede ist. Und so wird Malek, was er nie vermutet hätte, er wird zu einem „Sohn des Kriegs“ und erlebt in Aleppo den Krieg aus nächster Nähe. Viele …

#lithund – Michael Ondaatje, Serge Bloch: Jasper braucht einen Job

Man muss den Tatsachen schon ins Auge schauen: Seit der Wolf als Hund bei Menschen wohnt, seit er sich nicht mehr als Einzelgänger oder im Rudel aus Wald und Flur selbst versorgt, sondern sich vom Menschen versorgen lässt, seitdem ist sein Leben bequem – aber auch teuer. Und es sind ja nicht nur die köstlichen Speisen, die in den unterschiedlichsten Läden extra für den Hundegeschmack angeboten werden, die so ins Geld gehen, es sind auch die anderen Kosten, die so ein Leben in schönster Bequemlichkeit mit sich bringt: Es müssen Steuern bezahlt und Versicherungen beglichen werden, der Arzt wünscht eine regelmäßige Konsultation und natürlich Extra-Geld, wenn eine Pfote geröntgt oder Zahnstein entfernt werden soll, und der Friseur rückt zwar auch den wildesten Fell-Verfilzungen mit seiner Schere unerschrocken zu Leibe, will aber dafür auch Bares sehen. Wenn dann auch noch ein Extra-Gassigeher bestellt wird, dann läppern sich schnell mal 900 Dollar zusammen. Das erkennt auch Mr. Cletus, Englischlehrer und deshalb schlecht im Rechnen. Wenn er die Beträge überschlägt, die die Familie für Jasper, den Familienhund, berappen …

Lutz Seiler: Die römische Saison

Das Leben als Schriftsteller kann ja durchaus ganz besondere Momente bieten – denkt man so als Laie. Und ist ein wenig neidisch, wenn ein Schriftsteller berichtet von seinem Jahr, das er mit der ganzen Familie in der Villa Massimo in Rom verbringen durfte, als Stipendiat der Deutschen Akademie Rom. Ach, seufzt man, wie schön wäre das, auch einmal ein Jahr in Rom verbringen zu können, das römische Leben mal nicht als Tourist für ein paar Tage oder Wochen ausprobieren, sondern gleich ein ganzes Jahr Zeit zu haben, es bei den Römern zu beobachten und selbst zu erproben; zu schauen, was es tatsächlich auf sich hat mit dem „Dolce far niente“, aus dem preußischen Hamsterrad aussteigen und sich dem Müßiggang hingeben zu können; zu jeder (Jahres-)Zeit durch die alten Gassen zu schlendern, auch dann, wenn keine Touristenmengen sich hindurchschieben; mitten in der Nacht oder früh am Morgen Geldmünzen in den Trevi-Brunnen zu werfen und auf der spanischen Treppe in die Sonne zu blinzeln, Bars und Cafés abseits der üblichen Routen entdecken, und beim Flanieren durch die …

Ulrike Almut Sandig: Buch gegen das Verschwinden

Wer vom Verschwinden erzählt, der nutzt schon ein mächtiges Werkzeug, um geradezu zu verhindern, dass etwas verschwindet. Denn wer darüber eine Geschichte erzählt, der hat ja schon ein Gegenüber gefunden, der beim Zuhören – oder Lesen – das Erzählte in viele lebendige und bunte Bilder überträgt, an die er sich erinnert, die er vielleicht seinerseits weitererzählt. So heißt Ulrike Almut Sandigs Buch auch ganz programmatisch „Buch gegen das Verschwinden“, denn die sechs Erzählungen, die sie hier versammelt hat und die alle um ganz verschiedene Aspekte des Verschwindens kreisen, werden ja so geradezu dem Verschwinden entrissen. Ulrike Almut Sandigs Art des Erzählens merkt man deutlich an, dass sie auch Lyrikerin ist und ihre Worte ganz genau zu setzen weiß. Wie ein Maler mit wenigen Strichen, so kann sie mit wenigen Worten Umgebungen, Landschaften, Charaktere und Lebensgeschichten vor uns entstehen lassen und Atmosphären schildern, die uns Leser fesseln. Und ihre Geschichten? Auch die wissen zu fesseln, obwohl – oder gerade weil – sie aus Leben zu stammen scheinen, die auch unsere Leben sein könnten. Ihre Geschichten kommen, …

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt

Ihren Erzählungen stellt Karen Köhler ein Zitat von Frieda Kahlo voran, das, viel besser als es der verspielt wirkende Titel und der ebenso gestaltete Buchumschlag vermuten lassen, das Leitmotiv aller versammelten Geschichten verdeutlicht: I tried to drown my sorrows, but the bastards learned how to swim. Dabei haben Karen Köhlers Figuren, in dem Moment, in dem sie sie uns zeigt, nicht nur mit Sorgen zu kämpfen, sondern sind geradezu in existenzielle Nöte geraten, ausgelöst durch Tod oder Krankheit oder weil sie verlassen worden sind. Dieses Thema variiert die Autorin, zeigt uns verschiedene traumatisierende Situationen, die ihren Figuren, mit einer Ausnahme sind sie alle um die dreißig Jahre alt, allesamt den Boden unter den Füßen wegzieht, Situationen, die Hilflosigkeit erzeugen, Ohnmacht. In der ersten Erzählung „Il Comandante“ steckt die Protagonistin mitten in einer Krebsbehandlung, kein Haar hat sie mehr am Körper, einen künstlichen Darmausgang mitten auf dem Bauch und die Diagnose zeigt, dass der Krebs bereits gestreut hat, weitere Behandlungen stehen an, Ausgang ungewiss. Ihr Freund hat sie seit ein paar Tagen nicht mehr besucht, das …

Joshua Cohen: Vier neue Nachrichten

Es stimmt schon, „das Internet“ verändert – zum Teil – unsere Lebensgewohnheiten, greift in unseren Tagesablauf ein, beeinflusst unsere Arbeit und unseren Konsum, wertet unsere persönlichsten und privatesten Daten aus und schafft neue Kommunikationsmöglichkeiten. So haben Hobby-Leser nun ganz andere Möglichkeiten, mit anderen Hobby-Lesern in Kontakt zu treten, wenn sie auf ihren Hobby-Blogs ihre Hobby-Rezensionen veröffentlichen und diese gegenseitig kommentieren. Sie tauschen untereinander Bücher, manchmal verabreden sie sogar ganz anachronistische Treffen. Aber die Technik, die es erleichtert, geografisch weit verstreute Gleichgesinnte auf einem virtuellen (Markt-)Platz zu treffen, um sich auszutauschen, gemeinsam etwas zu organisieren, mithin gesellschaftliche Öffentlichkeit herzustellen, kann natürlich auch anders genutzt werden: als Pranger, an dem jemand öffentlich zur Schau gestellt wird, als Medium zur Verbreitung von Vorurteilen, Verleumdungen und Hass, und Daten können genutzt werden, um Gewohnheiten, Einstellungen, Meinungen einzelner Akteure auszuspähen. Wie die Technik das Leben verändert, spielt in der Literatur bisher nur in Ansätzen eine Rolle. Nelia Fehn navigiert mit Hilfe ihres Smartphones durch Athen und durch Frankfurt, in Kuhns Roman „Hikikomori“ nutzt der Protagonist den Computer, um den nötigsten …

Roman Ehrlich: Urwaldgäste

In den Urwald entführt uns Roman Ehrlich mit seinen zehn Erzählungen, so verspricht es der Titel. Und dabei bleibt unklar, ob wir Leser die Gäste sind im Urwald oder doch die Protagonisten seiner Geschichten. Auch die Covergestaltung trägt das Ihre bei zur Einschätzung, einen Ausflugs in eine Natur zu bestreiten, die gänzlich ohne die ordnende Hand des Menschen auskommt: Äste, Blätter und die verschiedenartigsten Blüten einer unbekannten Pflanze wuchern über die Seite, Vögel sind zu sehen, deren Gefieder sich gar nicht so sehr von denen der Pflanzen unterscheidet, ein hölzerner Sessel mit filzartigen Armschonern steht bereit, den Erzählungen zu lauschen. Ein Urwald also, den wir nicht durchschauen, deren Pflanzen und Tiere wir nicht kennen, eine Umgebung, die angesichts der Farbenpracht phantastisch wirkt, aber auch ängstigend, weil wir nicht wissen, ob sich hinter dem nächsten Blatt eine Gefahr verbirgt, der wir uns völlig ahnungslos nähern. Ein Urwald also, der die Menschen, die sich nicht auskennen, auch täuschen kann, sodass sie nicht mehr wissen, was Realität, was – wahnhafte – Vorstellung ist. So wissen wir, auf was …