Erzählungen, Lesen, Romane
Kommentare 6

Lutz Seiler: Die römische Saison

Das Leben als Schriftsteller kann ja durchaus ganz besondere Momente bieten – denkt man so als Laie. Und ist ein wenig neidisch, wenn ein Schriftsteller berichtet von seinem Jahr, das er mit der ganzen Familie in der Villa Massimo in Rom verbringen durfte, als Stipendiat der Deutschen Akademie Rom. Ach, seufzt man, wie schön wäre das, auch einmal ein Jahr in Rom verbringen zu können, das römische Leben mal nicht als Tourist für ein paar Tage oder Wochen ausprobieren, sondern gleich ein ganzes Jahr Zeit zu haben, es bei den Römern zu beobachten und selbst zu erproben; zu schauen, was es tatsächlich auf sich hat mit dem „Dolce far niente“, aus dem preußischen Hamsterrad aussteigen und sich dem Müßiggang hingeben zu können; zu jeder (Jahres-)Zeit durch die alten Gassen zu schlendern, auch dann, wenn keine Touristenmengen sich hindurchschieben; mitten in der Nacht oder früh am Morgen Geldmünzen in den Trevi-Brunnen zu werfen und auf der spanischen Treppe in die Sonne zu blinzeln, Bars und Cafés abseits der üblichen Routen entdecken, und beim Flanieren durch die alten Steine, winkeligen Gassen und vorbei an den kleinen, kühlen Läden Inspirationen zu finden für das eigene kreative Werk. Endlich in Ruhe und in so einer wunderbar anregenden Umgebung den Roman zu schreiben, dessen Planungen schon weit fortgeschritten sind (oder auch nur in Ruhe endlich die vielen Bücher lesen zu können, die schon lesebereit im Regal stehen und dazu endlich die Rezensionen so zu schreiben, wie man sie sich vorstellt): Ach, wäre das schön.

Lutz Seiler hat ein Jahr in Rom verbracht, als Stipendiat der Villa Massimo. Man kann ihn entdecken auf der Liste der zehn Künstler, die 2011 in die Villa eingezogen sind, bildende Künstler sind dabei gewesen, Architekten und zwei Schriftsteller, Jan Wagner und er.

Und gleichzeitig denkt man an „Kruso“, den Roman, der auf Hiddensee spielt zur Wendezeit des Jahres 1989 und für den Lutz Seiler 2014 den Deutschen Buchpreis erhalten hat. „Kruso“, der Roman, der so gar nichts zu tun hat mit dem, was wir uns unter italienischem Lebensgefühl vorstellen, muss doch ungefähr um 2011 herum entstanden sein, denkt man – und wundert sich. Immerhin Sommer, Wasser, Urlaubszeit und der damit verbundene Ausstieg aus dem üblichen sozialistischen Alltag, das alles spielt auch in „Kruso“ eine Rolle. Das ist aber auch schon alles, was es gibt an Ähnlichkeiten mit Rom. Ob der Roman tatsächlich während des Villa-Massimo-Jahres entstanden ist, ist also die Frage, die sich demjenigen aufdrängt, der Lutz Seiler schmales Bändchen „Die römische Saison“ in die Hand nimmt, darin blättert und dann tatsächlich als Überschrift einer der beiden Erzählungen findet: „Von Rom nach Hiddensee“.

Lutz Seiler also hat den 6er im Lotto gewonnen, zieht für ein Jahr zum Leben und Schreiben samt Familie in die Villa Massimo. 14 Bücherkisten habe er gepackt, „voller Bücher, Ordner, Kopien, Recherche- und Arbeitsmaterial“, sein ganzes im vorangegangenen Jahr zusammengetragenes Material für den Roman, „auch Handlungsskizzen, Kapitelentwürfe, Figurendossiers und Dramaturgien, darunter drei ausformulierte Romananfänge, die dem Experimentieren mit verschiedenen Erzählperspektiven entsprungen waren.“ Das alles passte gerade so, bei umgeklapptem Rücksitz, in sein Auto, damit hatte er die Alpen überquert auf seinem Weg von Norden in den Süden. Und nun sitzt er mit seinen Kisten und Materialien und Experimenten in der wunderbaren Villa Massimo, in seinem ihm zugewiesenen Atelier, das so groß, so hoch ist, dass ein Bildhauer hier vor 100 Jahren, als dieser Raum für die Künstler entstanden ist, ein schönes Reiterdenkmal hätte fertigen können.

In diesem Raum kommt Lutz Seiler sich irgendwie verloren vor, an Schreiben ist hier jedenfalls nicht zu denken. Auch der Versuch, den Raum anders zu gestalten, die paar vorhandenen Möbel in eine Ecke zu verschieben, um, abgetrennt durch einen Schrank, eine kleine Kammer am Rand des großen Ateliers zu gestalten, bringt für das Schreiben keinen Durchbruch. Die vielen Veranstaltungen, liebevoll-fürsorglich von der Künstlerbetreuerin erdacht, um den Stipendiaten Rom nahe zu bringen, sie sind für ihn nur eine Ablenkung. Und dann gibt es ja auch noch, wenn er in seiner Kammer sitzt, die vielen akustischen Ablenkungen, angefangen bei den summenden Heizungsrohren über die nächtlichen Attacken der römischen Müllabfuhr, das ständige Sirenengeheul von Polizei und Rettung bis zu den Gärtnern der Villa, die spätestens um 10 Uhr sehr geräuschvoll an ihr Tagwerk gingen – an Schreiben ist unter diesen Umständen jedenfalls nicht zu denken.

Als dann nach einem Monat die ersten Shop-Talks auf dem Programm stehen – dabei besuchen sich die Stipendiaten zusammen mit dem Direktor der Villa Massimo, seiner Frau, den Mitarbeitern, dem Hausmeister und den Katzen an einem Vormittag wechselseitig, um den Stand der Arbeiten zu präsentieren -, muss Seiler improvisieren, verteilt den Inhalt seiner 14 Bücherkisten, auf beste Wirkung bedacht, über Tische und Boden des Ateliers, allein um davon abzulenken, dass er in diesem Monat rein gar nichts zu Papier gebracht hat. Der Roman über die Nachwendezeit in Berlin, der auch die Geschichte der Russenmafia und des Diensthundewesens an der Grenze beinhalten sollte, er verweigerte sich völlig, „stattdessen Krise. Herzrasen, Hitze, Schweißausbrüche und Schlaflosigkeit, Magenkrämpfe und zu hoher Blutdruck – was folgte war die rasche Entfaltung des kompletten Spektrums der hypochondrischen Möglichkeiten (…)“.

Lutz Seiler erzählt, fast lustvoll in der Wunde bohrend, von seiner Schreibblockade im Rom. Glücklicherweise liest er auch Marie Luise Kaschnitz, die über ähnlich frustrierende Erlebnisse in der Villa Massimo berichtet hat. Die Folgen des Spagats zwischen Ablenkung und Anspruch trifft ihn also nicht alleine. Und so lässt er Roman erst einmal Roman sein, wendet sich dem tatsächlichen römischen Leben zu, begleitet den Sohn auf den Fußballplatz, lernt dort andere Kinder und ihre Eltern kennen, geht zum Joggen in den benachbarten Park, geht mit offenen Augen durch Rom und sieht endlich, was zu sehen ist. Und irgendwann kommt der kleine Funke, der eine große Geschichte hervorbringt, eine, die gar nichts mehr zu tun hat mit den Grenzhunden und der Nachwendezeit, sondern eine, die auf Hiddensee angesiedelt ist, beim Klausner, und mit einem Sowjetgeneral mit nassen Hosenbeinen aufwartet.

Was es mit dem Fußballspielen seines Sohnes in Rom auf sich hat, davon erzählt die zweite Geschichte dieses Buches. Dabei steht gar nicht mal so sehr das Fußballspielen im Vordergrund des Erzählens, denn nur am Rande werden Trainingsmethoden und Spieltaktiken mit dem heimatlichen Kiezverein verglichen, sondern vielmehr die Besonderheiten der Bürokratie im italienischen Ligabetrieb. Da wiehert der Amtsschimmel, wie er in einem preußischen Büro nicht lauter wiehern könnte und wenn Lutz Seiler erzählt von den zehn Dokumenten, die sie beibringen müssen, vier, damit der Sohn überhaupt mitttrainieren, weitere sechs, damit er auch an den Ligaspielen teilnehmen darf, dann ist es nicht mehr weit zur unvergesslichen Szene aus Uwe Tellkamps „Turm“, in der aus dem Behördenapparat im Dresdner Rathaus erzählt wird und von den Verwicklungen, die dort entstehen, wenn eine Geige zur Ausfuhr angemeldet werden muss. Und man kann mitfühlen und mitleiden mit den Eltern, die in den nächsten Wochen nichts unversucht lassen, um die italienische Bürokratie zufriedenzustellen, damit ihr Sohn, der, zu allem Unglück nicht nur einen deutschen Vater, sondern auch eine schwedische Mutter hat, was das Procedere der Bescheinigungen, Dokumente und Zertifikate extrem erschwert, endlich Fußball spielen kann.

Von diesen Geschichten aus Rom, weit abseits der Spanischen Treppe, des Trevi-Brunnens und weiterer Rom-Tourismus-Klischees würden wir gerne mehr lesen, würden gerne noch mehr erfahren von den Erlebnissen des römischen Jahres. Würden gerne weiter eintauchen in Seilers dichte Sprache, die ein ums andere Bild vor unserem inneren Auge erzeugt, uns lachen lässt, uns den Schlaf raubt, uns von Rom mitten hinein ins Leseerlebnis „Kruso“ katapultiert, um uns dann mit bangem Herzen und in der devoten Haltung von Bittstellern vor den drei Empfangsdrachen des Fußballclubs zu schicken.

Zu erwähnen ist abschließend, dass diese zwei Erzählungen Lutz Seilers begleitet werden von Tuschezeichnungen Max P. Härings. Imagination findet in diesem Band also gleich zweifach statt: einmal beim Lesen, einmal beim Betrachten der Zeichnungen.

Lutz Seiler (2016): Die römische Saison, mit Zeichnungen von Max P. Häring, Oberelchingen, Topalian & Milani

6 Kommentare

  1. Ich bin mal gespannt. Kruso war mir zu düster aber Seiler schreibt Klasse. Es ist auf heden Fall mir noch einen Versuch wert.

    • Diese beiden Erzählungen sind gar nicht düster. Ganz im Gegenteil, eher ironisch, verschmitzt, die Absurditäten im Blick, mit denen man bei solch einem Aufenthalt eher nicht rechnet. Aber die wenigen Pasagen, in denen Seiler beschreibt, wie die Geschichte Krusos zu ihm gekommen ist, die haben mir doch auch gleich wieder den Roman und seine ganz besondere Stimmung ganz plastisch vor Augen geführt. Aber keine Sorge, das sind nur ganz wenige Absätze – und da ist man als Leser mit dem Autor froh, dass es endlich wieder mit dem Schreiben klappt.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Grad von einem 4-tägigen grandiosen Rom-Aufenthalt zurück in Athen, las ich mit Schmunzeln und echtem Verständnis deine Rezension. Denn herrlich war Rom vier Tage lang – aber ich habe nicht einen Strich in meinen Zeichenblock getan. Nun wieder zurück im Athener Trott gilt es, eine Routine wiederzugewinnen in einer Stadt, die ihrerseits jede Menge Ablenkungsmöglichkeiten anbietet. …

    • Es liegt wahrscheinlich in der Natur dieser besonderen Großstädte, dass sie jede Menge schöner Ablenkungen bereit halten. Aber dass Du gar nichts im Skizzenbuch festgehalten hast, ist ja auch ein bisschen traurig.
      Eine gute Eingewöhnung in Athen wünscht Claudia

  3. Ich mochte die beiden Texte auch sehr (bzw. ich mag): Die richtige Mischung aus Reflexion, Humor, leichter Satire und auch Melancholie. Aber ein wenig scheint sich la bella vita schon auf Lutz Seiler da auch übertragen zu haben.
    Nicht zu verschweigen: Die wirklich wunderschöne Gestaltung und Fertigung dieses Buches, das von den beiden Verlegern mit viel Liebe gemacht wurde.

    • Ja, ein ganz anderer „Sound“ als im Kruso. Ich hätte gerne noch ein paar Geschichten mehr gelesen. Müssen wir auf den „nächsten Seiler“ eben noch ein bisschen warten. Und ja, die Gestaltung des Buches ist wunderschön, das ist in meiner Besprechung wirklich ein bisschen kurz gekommen.
      Viele Grüße, Claudia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s