Monat: Oktober 2015

Christian Kortmann: Mein Chef der Hund

Eine Gastrezension von FelixderHund Das ist ein Buch nach meinem Geschmack. Endlich einmal stolpert der Hund in der Literatur nicht als metaphorisch-symbolisch-allegorisches Bild für diverse verstörende Wesenszustände des Menschen durch die Geschichten, sondern wird gezeigt, wie er wirklich ist: Energisch, empathisch, kraftvoll, verspielt – und als ausgezeichneter Chef und Menschenführer. Die Geschichte ist die: Der namenlose Ich-Erzähler hat seinen Job hingeschmissen, weil ihm sein Chef mit seinen herunterputzenden dummen Bemerkungen so auf die Nerven gegangen ist, dass er es einfach nicht mehr ertragen hat. Da bekommt er von einem Bekannten den Tipp, sich doch bei Papenburger zu bewerben, die hätten jetzt einen Hund als Chef: „Quereinsteiger. Haben ewig lang gesucht. Mit Headhunter und so weiter. Und sein Profil hat wohl am besten gepasst.“ Also schickt der Ich-Erzähler seine Bewerbung an die Papenburger Personalabteilung, schreibt als Hobby von seiner Vorliebe für ausgedehnte Spaziergänge – und bekommt prompt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Und bei diesem Gespräch werden schon die Führungskompetenzen des Chefs klar: Statt den Bewerber stundenlang warten zu lassen, damit auch der Letzte merkt, wie beschäftigt …

Dörte Hansen: Altes Land

Ihren Heimatroman siedelt Dörte Hansen im Alten Land an, dem Landstrich, der in der Nähe Hamburgs liegt, in dem sich die Menschen aber ihre dörflichen Strukturen und Traditionen bewahrt haben. Die großen, alten und zumeist gut gepflegten Häuser, die die Großstädter auf der Suche nach einer Alternative zum Stadtleben zum Träumen, und manchmal auch zum Kaufen bringen, die akkurat gepflegten Vorgärten mit den sauber abgestochenen Rasenkanten, das alles erweckt den wunderbaren Eindruck von ländlicher Idylle. Die es aber natürlich auch hier nicht gibt. Hansen spielt mit den Konventionen des Heimat- bzw. Dorfromans, durchbricht gängige literarische Vorstellungen, um an ihnen zu zeigen, dass auch das traditionelle Dorfleben alles andere als in Ordnung ist. Die ersten Eindringlinge in die dörfliche Gleichförmigkeit, die Flüchtlinge aus dem Osten, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs hier strandeten, verändern noch nichts an den Strukturen, sie werden verscheucht oder leben das Leben eines Außenseiters. Doch die Traditionen, das „alte“ Denken, erweist sich nicht nur als nicht mehr zeitgemäß, es zerstört mehr und mehr die Individuen, die mit ihm leben, ihm verhaftet sind. …

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Beim Sprachunterricht der afrikanischen Flüchtlinge, die es in ein Berliner Altersheim verschlagen hat, hängen die Verben an der Wand: gehen, ging, gegangen. Jenny Erpenbeck hat in ihrem Roman ein ganz aktuelles Thema aufgegriffen, hat quasi den Roman zur Flüchtlingsthematik dieses Spätsommers geschrieben. Dabei spürt sie in ihrem Roman einem Flüchtlingsdrama nach, das sich vor zwei Jahren ereignet hat, als Afrikaner, die über das Mittelmeer nach Italien gelangt sind, die Abgabe ihres Asylantrags in Deutschland, entgegen den Regeln von Dublin II, erzwingen wollten und dazu monatelang in Berlin auf dem Oranienplatz gelebt haben, um so auf ihre Situation aufmerksam zu machen. „We become visible“, haben sie auf Schilder geschrieben. Sie selbst wollten sichtbar werden, sie wollten ihr Problem sichtbar machen, den Kampf nämlich gegen den europäischen Paragrafendschungel, der doch alles zu tun scheint, um sie dem öffentlichen Sichtfeld zu entziehen. Die Geschichte des Streiks vom Oranienplatz nimmt Jenny Erpenbeck zum Ausgangspunkt ihres Romans. Vor den zeitlichen Verläufen der realen Geschichte um die streikenden Afrikaner, ihr Abkommen mit dem Berliner Senat, das sich ein paar Wochen später …

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen

Shumona Sina hat ihren Roman in Frankreich schon 2011veröffentlicht. Sie stammt aus Indien, hat dort bereits Gedichtbände auf bengalisch veröffentlicht und lebt seit 2001 in Frankreich. Dort hat sie auch den Job gehabt, den sie nun ihrer Protagonistin auf den Leib schreibt: Sie ist Dolmetscherin bei der Einwanderungsbehörde, kennt das Innere eines Amtes, weiß um das Prozedere bei den Anhörungen von Asylbewerbern und bei den medizinischen Untersuchungen, sie hat den manchmal zermürbenden Arbeitsalltag zwischen Verwaltungsvorschrift, Formularwesen und Lüge selbst erlebt. Als ihr Roman „Erschlagt die Armen“ veröffentlich war, hat sie die Kündigung bekommen, ihr Text sei den Behörden vor der Veröffentlichung nicht zu Genehmigung vorgelegt worden, hieß es. Sie scheint also mit ihrem schmalen Roman, der den Titel eines Gedichts Charles Baudelaires trägt, der Administration und weiteren staatlichen Stellen ordentlich auf die Füße getreten zu haben. Und tatsächlich: Schon alleine der Erzählton der namenlosen Ich-Erzählerin ist von einer ganz anderen Energie, einer Wut geradezu, die beispielsweise in Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ ganz und gar nicht zu finden ist. Schon im ersten Satz denkt …