Debüt, Flucht und Entwurzelung, Lesen, Romane

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen

Shumona Sina hat ihren Roman in Frankreich schon 2011veröffentlicht. Sie stammt aus Indien, hat dort bereits Gedichtbände auf bengalisch veröffentlicht und lebt seit 2001 in Frankreich. Dort hat sie auch den Job gehabt, den sie nun ihrer Protagonistin auf den Leib schreibt: Sie ist Dolmetscherin bei der Einwanderungsbehörde, kennt das Innere eines Amtes, weiß um das Prozedere bei den Anhörungen von Asylbewerbern und bei den medizinischen Untersuchungen, sie hat den manchmal zermürbenden Arbeitsalltag zwischen Verwaltungsvorschrift, Formularwesen und Lüge selbst erlebt. Als ihr Roman „Erschlagt die Armen“ veröffentlich war, hat sie die Kündigung bekommen, ihr Text sei den Behörden vor der Veröffentlichung nicht zu Genehmigung vorgelegt worden, hieß es. Sie scheint also mit ihrem schmalen Roman, der den Titel eines Gedichts Charles Baudelaires trägt, der Administration und weiteren staatlichen Stellen ordentlich auf die Füße getreten zu haben.

Und tatsächlich: Schon alleine der Erzählton der namenlosen Ich-Erzählerin ist von einer ganz anderen Energie, einer Wut geradezu, die beispielsweise in Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ ganz und gar nicht zu finden ist. Schon im ersten Satz denkt die Erzählerin an „diese Leute, die wie ungeliebte Quallen die Meere befallen und sich an fremde Ufer geworfen haben.“ Diese Menschen, von denen sie hier spricht, das sind die Flüchtlinge, die nach Frankreich gekommen sind, um hier Asyl zu beantragen. Und sie, selbst eingewandert und mit dem starken Willen, sich zu integrieren, übersetzt bei der Einwanderungsbehörde die Geschichten, die die Antragsteller erzählen.

Nun sitzt sie Gefängnis, denn in der Metro hat sie sich hinreißen lassen, einem Migranten die Flasche Wein über dem Kopf zu schlagen, die sie in der Hand trägt auf dem Weg zu Lucia, eine der Beamtinnen, die die Anhörung der Asylbewerber leiten und die die Erzählerin besonders verehrt, in die sie verliebt zu sein scheint, schon alleine ihrer unerträglich schönen blau-grauen Augen wegen. Verhört wird die Erzählerin von Herrn K., der sich ein Bild machen will, wie es zu der Tätlichkeit in der Metro kam, der angeordnet hat, dass sie diese Nacht in der Arrestzelle verbringen muss. Und dort sitzt sie nun schlaflos und legt sich Rechenschaft ab darüber, wie viel Wut sich aufgestaut hat, die sich in diesem Schlag – endlich – befreien konnte.

Die Ämter, so erzählt die Erzählerin, liegen alle an den Rändern der Stadt, sodass die einheimische Bevölkerung möglichst nichts mitbekommt von denen, die hier darum kämpfen, bleiben zu dürfen. Vor dem Eingang zum Amt wird wiederum separiert: Die Einwanderer ordnen sich schon auf der Straße nach ihren Herkunftsländern, „sie brauen sich zu Wolken zusammen, die jederzeit über die Stadt niedergehen konnten.“ Und neben ihrem Eingang ins Amt ist der Eingang für die „Privilegierten“, für diejenigen also, die über das Schicksal der anderen entscheiden.

Zur Gruppe der Privilegierten gehören auch die Dolmetscher; sie sind schon im Besitz der richtigen Papiere, eines Dienstausweises mit Chipkarte nämlich. Die Dolmetscher haben es schon geschafft, sie haben zum Teil dieselben Fluchtwege genommen, wie die Antragsteller, haben „Stacheldraht und Niemandsland überwunden, aufgewühlte Gewässer, Gewitterhimmel und Amtsstuben, sie haben bewiesen, dass sie es wert sind, dass sie ihre Berechtigung haben, sie haben gekämpft und gewonnen.“ Und tragen trotzdem schwer an ihrer Geschichte, an ihren Erlebnissen, an ihren Erinnerungen, an ihrem Äußeren und ihrer Kultur, an den sozialen Codes, die nicht zu denen passen, die in Frankreich üblich sind.

Bei den Anhörungen werden sie von den Beamten mit Argwohn betrachtet, wer weiß schon, ob sie wirklich übersetzen, was erzählt wird. Die Antragsteller wiederum gehen davon aus, dass sie in ihrem Übersetzer einen Helfer zur Seite haben, einen Menschen aus dem eigenen Land, der schon so übersetzen wird, dass das Beste herauskommen wird. Aber die Antragsteller, Männer zumeist, machen auch kein Hehl daraus, wie sie es finden, hier ausgerechnet Frauen Rede und Antwort stehen zu müssen, ausgerechnet auch noch einer Frau aus dem eigenen Land:

„Sie brüllten, dass ich nicht übersetzte, was sie sagten. Sie brüllten, dass ich ihre Sprache nicht kenne, dass es nicht meine Sprache sei. Sie durften meine Arbeit kritisieren, weil eine echte Frau nicht arbeitet. Keine Frau, die sie von Nahem oder Weitem kannten, keine Nachbarin im Dorf war so tief gesunken, dass sie sich der Welt aussetzte und ihren Leben und ihren Lebensunterhalt mühevoll alleine verdiente, als gäbe es auf der Welt keine Männer mehr.“

So gleich von mehreren Seiten in die Zange genommen, empfindet sich die Erzählerin als Sprachengymnastin, als Sprachenturnerin, die für die unendlichen, aber immer gleichen Geschichten der Asylsuchenden die richtigen Worte finden und andersherum ihnen die Fragen der Behörde nahebringen muss. Sie ist eine derjenigen, die zwischen den Erdplatten vermitteln, die im Büro des Einwanderungsamtes aufeinanderprallen. Die auswendig gelernten Geschichten erwerben die Flüchtlinge zusammen mit dem Platz auf dem Boot, sie gehören also zum Dienstleistungspaket der Schleuser. Da erzählen sie, wie sie, als Parteimitglied der Partei A, verfolgt werden von den Mitgliedern der Partei B, wie sie als Christ, Hindu oder Moslem verfolgt werden von den Hindus, Moslems oder Christen, schmücken ihre Geschichte aus nach allen Regeln der erzählerischen Kunst und reden sich doch um Kopf und Kragen, „vorzeitige Wahrheitsergüsse“ nennt die Erzählerin das, sobald die Beamtin nachfragt, ganz einfach wissen will, was denn das Programm der Partei A sein, oder eine Frage zur Religion stellt:

„Es gab diese drei, diese drei Personen, die Jesus nach seiner Geburt aufgesucht haben. Wer sind sie?“
„Ich hatte viele Probleme, ich war sehr beschäftigt, die Terroristen haben mich bedroht… Ich habe nicht gesehen, wer Jesus besucht hat.“ (S. 55)

Diese Geschichten führen dazu, dass alle abstumpfen, die sie den ganzen Tag über hören müssen und trotzdem verfolgen sie die Erzählerin manchmal bis in den Schlaf. Selbst wenn die Interviewer genau wissen, dass die Asylbewerber genau solche Geschichten der persönlichen Verfolgung erzählen, ja, dass sie lügen müssen, weil es keine andere Möglichkeit der Einwanderung in den „Norden“ gibt, denn alleine das Asylrecht bietet die Chance zu einem Leben, das im eigenen Land nicht möglich ist, weil die eigenen Felder immer häufiger ein halbes Jahr lang unter Wasser stehen.

Einmal besucht die Erzählerin ein Stadtviertel, in dem die Neuankömmlinge wohnen. Als Freiluftbasar sieht sie dieses Viertel, als Elendsviertel, „Müllland (…), das von den ungeliebten Quallen eingenommen wird“. Dort gibt es einen Verein, der den Einwanderern Zuflucht ist, wo sie, von freundlichen Sozialarbeitern begleitet, so sein können, wie sie wollen. Hier stellt niemand eine Forderung an sie, hier brauchen sie kein Interesse zu zeigen an dem Land, in dem sie leben, hier brauchen sie die Sprache nicht lernen, sondern können in aller Ruhe ihre Bräuche pflegen und ihren Gewohnheiten nachgehen, zur Not auch „einstimmig“ eine Fatwa unterstützen, „die die Mullahs in ihrem Land gegen eine Schriftstellerin und Landsfrau im Exil verhängt hatten.“

Es stimmt wohl, Shumona Sinha ist mir ihrem Roman den Behörden ordentlich auf die Füße getreten. Sie benennt Dinge, die sich niemand zu sagen traute, der Mitteleuropäer ist und nicht in die falsche politische Ecke gestellt werden möchte. Aber ihre Kritik reicht noch viel weiter: Sie zeigt auf, dass diese Menschen, die in Mitteleuropa als Wirtschaftsflüchtlinge gelten und somit die „schlechten“ Flüchtlinge sind, doch auch nur eine Chance auf Selbstbestimmung und Überleben suchen, die in ihren Ländern nicht gegeben ist, und selbst überfordert sind mit den Bedingungen, mit denen sie in ihren „Paradies“ konfrontiert sind. Und weil die Integrationsleistung so gewaltig ist, vielleicht tatsächlich auch nicht wirklich gewollt, werden die Opfer so auch zu Tätern, wenn sie nämlich gegen den Wertekanon des Einwanderungslandes verstoßen. Und Sinha zeigt auch die verschiedenen Formen systemischer Gewalt auf, die in ganz unterschiedlicher Art und Weise auf alle Beteiligten einwirken, auf die Flüchtlinge genauso wie auf die Beamten der Behörden und die Dolmetscher. Und weit und breit kein Weg, um diese Konflikte zu klären.

Shumona Sinhas Roman ist nicht nur wegen dieses ungewöhnlichen Blickes auf die Fluchtbewegungen nach Europa so interessant, sondern auch wegen seiner unglaublich dichten sprachlichen Gestaltung. Vielleicht ist das eine oder andere sprachliche Bild ein wenig überstrapaziert, insgesamt hat sie jedoch einen Roman geschrieben, der zwar auf den ersten Blick schmal ist, sprachlich jedoch so komplex, so bildmächtig formuliert, dass jedes Wort, jede Aufzählung, jedes Motiv (von Quallen und Erdplatten war ja schon die Rede), jede Geschichte, die Facetten von Flucht und Einwanderung, Gesetz und Verwaltung so anschaulich zeichnet, dass die Leser einen ganz ungewöhnlichen und ganz intensiven Blick bekommen auf das Thema. Auch die literarischen Verweise, der Verhörer heißt Herr K., der Titel ist eine Erinnerung an Baudelaires Gedicht, schlagen einen Bogen zu der europäischen Literatur, die das Verlorensein des Individuums in der Welt thematisiert. Viel mehr also als Jenny Erpenbeck dekliniert Shumona Sinha die vielen Formen von Flucht und Einwanderung und ihren Folgen auf die Menschen.

Shumona Sinha (2015): Erschlagt die Armen, übersetzt von Lena Müller, Hamburg, Edition Nautilus

Eine weitere Besprechung des Romans findet ihr bei libroskop.

6 Kommentare

  1. Liebe Claudia,

    das Buch liegt nun ausgelesen neben mir. Ich bin erleichtert. Und geschafft. Und kurz erschrocken, so etwas von einem guten Buch zu denken, es auszusprechen. Aber wenn mich jemand versteht, dann du, da du es gelesen und hier so wunderbar reflektiert hast.

    Hier steckt eine Energie drin, die aus den Seiten förmlich nach draußen steigt, bei mir lautes Bauchgrummeln erzeugt und wieder einmal zeigt, wie lebendig Literatur sein kann. Das ist beeindruckend, aber bisweilen schon eine Herausforderung. Gut, vielleicht habe ich zuletzt zu viele eindringliche Bücher nacheinander gelesen, dass ich erst einmal satt und besonders empfindlich bin. Oder will das Buch einfach laut sein? Wohl auch, ja.

    Nicht nur sprachlich gesehen, ist dieses Buch faszinierend. Genauso schätze ich den anderen Blick auf die aktuelle Fluchtbewegungen nach Europa, diese Inneneinsichten und Aufzeichnungen, die einem sonst eher verborgen bleiben.

    Ich schnappe mir gleich das Notizbuch und halte meine Gedanken fest, die deinen nicht unähnlich sind.

    Einen schönen Feiertag wünsche ich und sende sonnige Grüße aus der Hauptstadt,
    Klappentexterin

    • Liebe Klappentexterin,
      das Buch ist wirklich eine Wucht. Sprachlich fühlte ich mich sehr an Valerie Fritsch erinnert, so poetisch, sprach- und bildmächtig ist es geschrieben. Da merkt man gut, dass Shumona Sinha auch Lyrikerin ist. Und eben auch ganz fest in der euopäischen Literatur verwurzelt, denn Herr K. erinnert ja nun doch sehr an Kafka.
      Und der Inhalt hat es ja mindestens genauso in sich. Nun ist sie ja selbst Dolmetscherin gewesen, aber dieser Beruf ist ja auch für den Roman und seine Blike auf Flucht, auf Integrationswillen (und Scheitern), auf Überforderung und Unwillen mit der neuen Kultur, unheimlich gut passend, weil er ja tatsächlich auch die ganz vielen Facetten von Flucht und Entwurzelung aufzeigen kann. Und nur so kann sie schreiben, wie sie schreibt. Stell´ Dir vor, dieser Roman wäre von Jenny Erpenbeck. Ist das überhaupt denkbar? Wäre nicht eine ganz laute Debatte entflammt? Hätte man sie nicht in die ganz rechte Ecke gestellt – auch wenn hier ja nur Probleme thematisiert werden, die jeder sehen kann, der mal ein paar Tage Aufsicht auf einem deutschen Schulhof macht. Und dann die Frage nach einer Lösung, damit eben vielleicht doch nicht alle Beteiligten von diesem System überfordert werden. Die bietet der Roman eben nicht an, es sei denn, man denkt an Verbesserungen der Lebenssituationen der Menschen in ihren Heimatländern.
      Diese Kraft des Erzählens, die Komplexität, mit der das Thema beleuchtet wird und natürlich die Sprache, das schätze ich so an dem Roman. Und halte ihn für einen der besten, die ich in den letzten Monaten gelesen habe.
      Und nun warte ich ganz gespannt auf Deine Leseeindrücke. Auf dass wir ganz viele Blogleser auf den Roman aufmerksam machen und sie zum Lesen anstiften!
      Viele Grüße, Claudia

  2. Wow. Das klingt imposant. Besonders eure Kommentare haben mich gerade fasziniert. Es ist unglaublich, was manche Bücher für eine Energie haben können. Ich werde demnächst mal in meiner Buchhandlung um die Ecke reinlesen und schauen, ob es mich packt.

    Liebe Grüße
    Mareike

    • Liebe Mareike,
      demnächst wird noch ein Interview/Gespräch zu diesem Roman folgen, das Kai von skyaboveoldblueplace und ich zu dem Buch führen. Kai ist weit weniger begeistert von dem Roman, sodass wir tatsächlich ein paar kontrovers zu diskutierende Aspekte haben werden. Es sind also längst nicht alle Leser so angetan wie die Klappentexterin und ich. Aber genau so soll Literatur ja gerade sein: Anlass geben zu diskutieren, Anlass geben, sich vertieft mit dem einen oder anderen Aspekt auseinanderzusetzen. Und dann bin ich gespannt, ob und wie Dich das Buch packt.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Liebe Claudia, manchmal rutscht mir selbst auf den von mir hochgeschätzten Blogs etwas durch und das betrifft auch diese Rezension, auf die ich nun erst durch den „inversen“ Beitrag von Kai gestoßen bin. Mir hat dabei das Zusammenspiel eurer beiden Beiträge viel Freude gemacht – ich kann es nicht anders sagen. Selten hat mich eine Besprechung so neugierig gemacht, ich werde mir das Buch auf jeden Fall besorgen.
    Was mich (natürlich) an diesem Themenkomplex besonders interessiert, ist die Notwendigkeit „falsche Geschichten“ zu erzählen und die Abhängigkeit dabei von einer Person, der Dolmetscherin, die nicht unparteiisch ist, sein kann.
    Zum Schluss noch ganz was anderes: Es gibt da vielleicht einen Kölner Buchhändler 😉 Herzliche Grüße!

    • Liebe Jutta,
      ja, das ist wirklich ziemlich überraschend, was bei unserem gemeinsamen Lesen herausgekommen ist. Und für mich hat Kais Deutung noch einmal eine neue Facette des Romans erschlossen. Ich habe fast Lust, den Roman vor dem Hintergrund noch einmal zu lesen. Mal schauen, ob ich dazu komme. – Dass „falsche“ Geschichten erzählt werden müssen, habe ich auch in Sinhas Roman erst gelernt. Das wird aber bei uns nicht anders sein als in Frankreich und hat eben damit zu tun, dass wir kein Einwanderungsgesetz, sondern nur das Asylrecht habern. Also muss jeder, der Asyl beantragt, nachweisen, dass und wie verfolgt er ist. Das würde, wenn es jetzt nicht anders geregelt wäre, auch den meisten syrischen Flüchtlingen vermutlich schwer fallen, wenn wir unter „politischer Verfolgung“ das verstehen, was es zu Zeiten des Kalten Krieges einmal war.- Ich finde an Sinhas Roman so faszinierend, wie vielschichtig ihre Geschichte ist, obwohl sie kaum 120 Seiten füllt. Sie wirkt kein bisschen konstruiert, sondern ist ganz organisch erzählt – und bietet doch so viele Blicke auf das Flüchtlingsthema, auch durchaus kritische.
      Der Hinweis auf den Kölner Buchhändler hört sich sehr gut an. Ich bin mit meiner Recherche noch nicht weiter gekommen, denn mein Kontakt antwortet leider nicht auf meine Mail. Köln ist doch aber sicher eine gute Lösung und wäre auch für Deine Bonner Leser eine gute Adresse (und bitte nicht dienstags oder mittwochs).
      Liebe Grüße, Claudia

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