Erzählungen, Lesen
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Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens

Aus dem Buchregal genommen habe ich Terézia Moras Erzählband, weil die Autorin, so wurde Anfang Juli bekannt, die diesjährige Büchner-Preisträgerin ist. Eine gute Gelegenheit also, die Lektüre des vor zwei Jahren schon veröffentlichten und immer noch ungelesenen Erzählbandes endlich nachzuholen. Und dann ergab sich auf einmal ein ganz stimmiger Zusammenhang mit den vorher gelesenen Büchern – denn auch Terézia Moras Geschichten umkreisen das Thema Stille. Angefangen hat meine kleine, wenn auch ungeplante Reihe zum Thema mit Céline Minards Protagonistin, die die einsame Bergwelt aufsucht, um zu erproben, ob ihr Leben dort, und auch die dazugehörende Stille, sie zu einer Erleuchtung führe – oder eben nicht. Erling Kagge stellt schon mit dem Titel seines Buches klar, dass er sich mit dem Phänomen der Stille beschäftigt, und beleuchtet dann Momente der Stille und Wege zur ihr.

In Moras Erzählungen sind es wiederum die Protagonisten, die ein besonderes Verhältnis zur Stille haben. Es sind oft Figuren, die alleine leben oder die sich selbst dann  einsam fühlen, wenn es Lebenspartner gibt. Es ist eine Stille, die sie umgibt, die auch zeigt, dass sie sich ein Stück entfernt haben von den Menschen ihrer Umgebung. Manche haben sich in ihrem einsamen Leben eingerichtet, manche leiden darunter, manche suchen zumindest für kleine Auszeiten die Einsamkeit, um endlich so sein zu können, wie sie gerne sind. Erasmus Haas zum Beispiel verschafft sich nach einer Prüfung ein verlängertes Wochenende, von dem niemand erfahrend soll, was er wirklich tut, denn er wird endlich wieder Trinken und Fernsehschauen. Und natürlich handelt keine einzige ihrer Erzählung tatsächlich von Aliens, von fremden Gestalten, wie wir sie aus der Science-Fiction-Literatur kennen.

In der titelgebenden Erzählung „Liebe unter Aliens“ ist es Sandy, die, nachdem sie Gras geraucht haben, in Tim plötzlich einen Alien erkennt. Während Tim noch darauf wartet, die schönen Farben zu sehen „wie einmal, als alles so bunt war, wie in Kindheitsträumen“, beginnt sie, sich vor ihm zu ängstigen:

„Ich kann dich nicht ansehen. Du bist ein Alien.

Waswaswas?

Du bist ein Alien.

Scheiße, sagte Tim. Oh Scheiße! Jetzt kann ich dich auch nicht mehr ansehen. Jetzt bist du auch´n Alien.“

Tim robbt ins Wohnzimmer, damit Sandy ihn ncht doch noch ansieht und in ihm den Alien erkennt. Später geht es dann wieder und sie können nebeneinander im Bett liegen. Aber dass das überhaupt passiert, dass sie am Tisch zusammensitzen, in dieser winzigen, heruntergekommenen Einzimmerwohnung, die Tim sich gerade leisten kann von seinem Geld als Kochlehrling, und sich nicht mehr anschauen können, weil einer im anderen eine fremde Spezies erkennt, vor dem er Angst hat, das ist schlimm.

Denn Tim liebt Sandy, seit sie sich vor einem halben Jahr in einer Einrichtung kennengelernt haben und kann sich nicht mehr vorstellen, ohne sie zu leben. Sandy hat nichts zu tun als darauf zu warten, dass seine Schicht beendet ist. Dann holt sie ihn ab und Tim fühlt sich gut. Denn seit seine Mutter gestorben ist, macht ihm alles Angst, was er nicht kennt. Manchmal zittert ihm bei der Arbeit das Messer so in der Hand, dass Ewa, seine Chefin, es ihm abnehmen muss. „Herr Zitterpappel“ nennt sie ihn dann. Dass Tim so an Sandy hängt, findet Ewa gar nicht gut: Das wird nicht gut ausgehen.

Und tatsächlich ist Sandy dann auf einmal weg. Tim und Sandy sind auf dem Weg zum Meer, dort wollen sie das Wochenende verbringen. Sie haben eine Rast gemacht, wieder einmal etwas geraucht, sind eingeschlafen und als Tim erwacht, ist sie weg. Er ruft Ewa an, sie kommt mit dem Wagen, gemeinsam fahren sie zum Meer, halten Ausschau nach Sandy, suchen sie am Strand und im Ort, aber sie können sie nirgendwo entdecken. Wieder zu Hause verkriecht Tim sich in seiner Wohnung. Seine Ausbildung zum Koch setzt er nicht fort. Und dann ist auch er irgendwann spurlos verschwunden.

Terézia Moras Geschichten kreisen alle um Figuren, denen das Leben nicht gut mitgespielt hat, die die falschen Entscheidungen getroffen oder Schuld auf sich geladen haben. Es sind Menschen, die sich in ihrer eigenen Umgebung fremd fühlen, wie Fremde, die sich nicht zurechtfinden. Manche ziehen sich zurück, wie der Marathonmann, der bei der Bahn als Schaffner gearbeitet hat, bis er in Frührente geschickt wurde, und der seine Wohnung nur verlässt, wenn er einkaufen geht oder sein Lauftraining absolviert. Sein Viertel verlässt er dabei nicht, nur für einen Wettkampf fährt er in eine andere Stadt. Als ihm dann ein junger Mann auf der Straße den Einkaufsbeutel aus der Hand reißt, in dem Wohnungsschlüssel und Geldbörse sind, da besinnt sich der Marathonmann auf seine Fähigkeiten und verfolgt den Jungen quer durch die Stadt. Und kommt in völlig unbekannte Viertel, in denen er sich kaum zurechtfindet.

Oder der Rezeptionist in einem Hotel, der am liebsten die Nachtschicht übernimmt. Zuerst, weil das mehr Geld brachte. Aber mittlerweile hat die Nachtschicht für ihn ganz andere Qualitäten, auch wenn ihn deswegen Andrea, seine Verlobte, verlassen hat, wenn er seine Freunde aus der Clique nicht mehr treffen kann, weil die einen anderen Lebensrhythmus haben.

„Ich weiß auch nicht. Ich weiß nicht mehr genau wann, vielleicht während der einsamen Nächte hinter dem Rezeptionistenpult und manchmal vor der Tür stehend, um das Rauschen des Schilfs und des Sees hören zu können, vielleicht durch die Sonnenauf- oder -untergänge, ist eine Stille in ihn eingezogen, die er kein Herz hat kaputt zu machen.“

Nun bietet seine Chefin ihm an, Leiter der Rezeption zu werden. Vier Mitarbeiter hätte er dann, hätte Verantwortung, auch etwas mehr Geld, aber er müsste tagsüber arbeiten. Er zögert und bespricht sich mit seiner Stiefschwester, die er einmal im Jahr trifft. Die sieht die Karrierechancen, die sich ihm eröffnen, und redet ihm zu, endlich etwas aus sich zu machen. Er aber mag schon das Wort Karriere nicht.

Es ist die Welt der ganz normalen Menschen, in die Terézia Mora uns mitnimmt. Hier gibt es kein strahlendes Heldentum, keine neidisch machenden Social-Media-Bilder und -geschichten. Meistens ändert sich genau zu dem Zeitpunkt, zu dem Mora ihren Blick auf sie wirft, eine Kleinigkeit in ihrem Leben und Mora erzählt, welche Schwierigkeiten ihnen das bereitet. Und vor diesem Hintergrund entfaltet sie auf knappem Raum eine komplexe Figur, braucht oft nur einen kleinen Hinweis, um eine ganze Lebensgeschichte zu enthüllen: „Das kenne ich. Das war der erste Platz, an dem ich ausstieg, als die Mauer aufging. Jemand schenkte mir ein Sesambrötchen und eine Orange.“

Ganz besonderen Glanz bekommen die Erzählungen durch ihre Gestaltung. Jede Erzählung hat ihre eigene Stimme, findet den sprachlichen Ausdruck, der genau zu ihr passt, ein bisschen gösselig bei Tim und Sandy, den Bildungsstand des emeritierten Professors zeigend in einer anderen Geschichte. Jeder Protagonist kommt uns nahe, zeigt uns ganz anschaulich seine Lebensumwelt, zeigt uns auch seine Verletzlichkeit, hat immer seine besondere Würde. Den meisten ist ein besonderer Blick auf die Natur eigen, auf die Bäume an der Straße, die Trias „die Weiden, die Pappel, die Zieräpfel“ wiederholt sich in verschiedenen Erzählungen, auf die Gewässer, an denen sie sich befinden, die Themse, die die ungarische Übersetzerin während ihres Stipendiums in London entlanggeht, der Fluss, den Erasmus Haas, der Verwaltungsangestelltenanwärter, jeden Tag queren muss, um auf die Insel zu kommen, auf der sich seine feuchte Wohnung in einem Mietwohnungskomplex befindet.

Und jede Geschichte entfaltet eine ganz eigene Stimmungslage, ist so traurig, dass es dem Leser schwer auf der Brust drückt, wenn er eine moderne Version der Fluchtgeschichte von Felix und Felka Nussbaum liest, hofft mit dem Professor, dass die plötzlich entbrannte Liebe zu einer Göttin irgendwie erwidert wird und schmunzelt dann über Mario, der so gern Dandy wäre, sich aber schon morgens beim Yoga-Drehsitz dem Rücken schmerzhaft verrenkt und sich anschließend mit Gebrauchtmöbelhändlern herumschlagen muss, die nicht nur völlig uneins sind mit ihm über den Wert seiner angeblich hochwertigen Antiquitäten, sondern es auch fertigbringen, das eine Kinderbett, das er verkauft, beim Abtransport im Flur zwischen Wänden und Geländer so fest zu verkeilen, dass es dort steckenbleibt.

Terézia Moras Erzählungen also sind so, als würde der Leser in zehn Schaukästen schauen, in denen sich Ausschnitte der Leben der Protagonisten betrachten lassen. Viel mehr als Schaukästen bieten die Erzählungen aber nicht nur anschauliche und bis ins kleinste Detail modellierte Sichten auf die Räume, in denen sich die Protagonisten bewegen, sondern geben den Lesern vor allem auch tiefe Einblicke in ihre Seelen. Und wie Céline Minard, so lotet auch Mora die Kehrseite der von Kagge beschriebenen Stille aus, indem sie an ihren Figuren zeigt, was Stille auch bedeuten kann, nämlich sich fremd, sich nicht zugehörig zu fühlen.

Terézia Mora (2016): Die Liebe unter Aliens. Erzählungen, München, Luchterhand Literaturverlag

Hier findet ihr die Begrndung der Jury zur Verleihung des Büchner-Preises an Terézia Mora.

Und hier ihre Website.

9 Kommentare

    • Ja, das Thema ist irgendwie gerade immer dabei. Aber spätestens bei Virginie Despantes wird es sich dann verabschieden ;). Viele Grüße, Claudia

  1. Liebe Claudia,
    danke für den Hinweis! Ich mag die Autorenseite von Terézia Mora, die große Schrift und die vierpdf Dateien, die heruntergeladen werden können, empfinde ich als sehr ansprechend. Toll ist, dass drei ihrer Werke als Hörbuch produziert wurden. Nun muss ich entscheiden, welches ich zuerst hören will. Ich tendiere zu „Alle Tage“, einmal, weil es das Erstlingswerk von Terézia Mora ist und weil Eva Mattes liest. Ich mag die Stimme von Eva Mattes.
    Liebe Grüße von Susanne

    • Liebe Susanne,
      ich habe deinen Hinweis aufgenommen und die Autorinnenseite noch in meinem Beitrag verlinkt. – Einen Roman von Eva Matthes gelesen – das ist bestimmt klasse. Ich habe ja außer der Frankfurter Poetikvorlesung auch noch nichts von Terézia Mora gelesen und liebäugel auch noch mit den Romanen. Da haben wir also noch ein bisschen etwas vor uns.
      Viele Grüße nach Berlin, Claudia

      • Liebe Claudia,
        ja, da haben wir etwas vor uns! Aus den Rezensionen habe ich herausgelesen, dass es nicht einfach ist, dem Hörbuch zu folgen und viele das Buch nicht zuende gelesen haben. Das spornt mich erst recht an, es zu hören. Ich werde berichten. Im Moment höre ich noch Thea Dorns Deutsch nicht dumpf. Aber das Hörbuch kann ich unterbrechen.
        Einen schönen Wochenbeginn von Susanne

      • Die Erzählungen sind sicher ein guter Einstieg in ihr Werk (schon interessant übrigens, wie sich beim Lesen oft ein Kreis ergibt, hier der Kreis der Stille – schade, dass du es jetzt bald wieder krachen läßt 🙂 ). Ich bin seit „Alle Tage“ fasziniert von der Wucht (passt ja eigentlich nicht zum Thema Stille) ihres Schreibens. Ich kann dir auch nur raten, mit einem Roman, vielleicht diesem, zu beginnen – aber irgendwie hatte ich im Hinterkopf, dass wir uns mal über „Das Ungeheuer“ unterhalten haben, oder täusche ich mich da?

        Und was für Spezialisten: Sie hat den ungeheueren Romanwurf von Peter Esterhazy, die Harmonia Caelestis, aus dem Ungarischen übersetzt, ein Buch, an dem man echt knabbern kann, aber so was von überragend, überwältigend – und die Übersetzung von ihr muss einfach grandios sein!

        Euphorisch, Birgit

      • Liebe Birgit,
        ich muss gestehen, dass ich irgendwann mal einen ihrer Roman in den Händen hatte, es war „Alle Tage“, und relativ schnell aufgegeben habe. Irgendwie bedrückte mich damals die dunkle Atmosphäre so sehr, dass ich den Roman schnell zur Seite gelegt habe. Nach dem Lesen der Poetikvorlesungen, die mich sehr überzeugt haben, und diesem Erzählungsband werde ich es aber auf jeden Fall noch einmal mit den Romanen versuchen. Vielleicht bin ich jetzt in einer anderen Stimmung, vielleicht auch eine etwas andere Leserin (das Bloggen hat schon auch Zugänge zur Literatur verändert). Und das, was Mora in der Erzählungen sprachlich veranstaltet, ist wirklich grandios. Euphorisierend eben ;)!
        Dass wir über das „Ungeheur“ plauderten und ich die Lektüre ablehnte, kann durchaus sein. Wie gesagt: Ich werde mich da noch einmal heran trauen und die Lektüre ausprobieren.
        Vielleicht sind Moras Romane wie die Stille: Man muss erst ein gewisses Alter erreicht haben (sprach ich gerade gestern noch mit einer Freundin drüber), bis man auf den Geschmack kommt. Und „die Wucht“ genießen kann. Ich werde berichten.
        Liebe Grüße, Claudia

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