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Céline Minard: Das große Spiel

Wer ist die Frau, die sich entschließt, für unbestimmte Zeit hoch in den Bergen zu leben, an einer exponierten und wenig geschützten Stelle auch noch, der Hitze, dem Sturm, dem Schnee ausgesetzt? Warum hat sie sich entschlossen, das karge, harte Leben einer Selbstversorgerin auf über 1600 Metern zu leben? Was erhofft sie sich von diesem Leben weit ab von anderen Menschen und völlig auf sich selbst gestellt? Von einem Leben, das neben den täglich notwendigen Routinearbeiten auch viel Zeit lässt für ausgedehnte Wanderungen und Klettertouren und auch für das Nachdenken über die Fragen des Lebens?

Die Ich-Erzählerin gibt uns wenig direkte Einblicke in ihr Leben vor dem Abenteuer auf dem Berg. Einmal, noch sehr zu Beginn ihres Aufenthaltes, schiebt sich der Stadtplan von New York vor ihren weiten Blick aus den Fenstern ihrer Behausung über die Hänge, Wiesen und Berge. Über andere Ereignisse ihres früheren Lebens denkt sie nicht nach. Wer sie also ist und was sie antreibt, was den Anlass gab für ihre Entscheidung, dass kann der Leser nur indirekt erschließen aus dem, wie sie sich im Hier und Jetzt verhält, wie sie ihre Erlebnisse schildert. Aber auch aus den – durchaus philosophischen – Fragen, denen sie immer wieder nachgeht und die auch die Art und Weise ihres In-der-Welt-Seins beschreiben.

„Sich mit dem begnügen, was passiert.

Wenn man ein Ereignis betrachtet, sieht man in ihm, wie es sich bildet und weiterentwickelt.

Ich verstehe „betrachten, was kommt“ nicht als einen Akt der Naivität. Ich verstehe „sich damit begnügen“ als einen Akt der Weisheit.

Die urteilsfreie Beschreibung ohne Neigung ist vielleicht die einzige notwendige Disziplin. Wofür? Um die Welt zu empfangen.

Und wie sollte der, der die Welt empfängt, nicht leben können?“

Dieses Prinzip des Beobachtens der Ereignisse, der urteilsfreien Beschreibung, verfolgt die Ich-Erzählerin konsequent. Und so sieht der Leser genau das, was die Erzählerin sieht, riecht, was sie riecht, schmeckt, was sie schmeckt, hört, was sie hört und fühlt, was sie fühlt. Der Leser ist auf ihre Beobachtung angewiesen, um sich sein Bild zu machen, muss auf ihre Beobachtung vertrauen oder ihr in ihrer Unzuverlässigkeit folgen, muss sich ihren Gefühlen und Handlungen anschließen. Dabei beschreibt sie ihre Beobachtungen in einer präzisen und anschaulichen, zum Teil lyrischen Sprache. Und dieses Erzählprinzip und seine sprachliche Gestaltung machen schon einen großen Reiz des Lesens aus.

Wer nun aber ist diese Protagonistin? Da wir nichts Genaues über ihr Vorleben erfahren, müssen wir aus ihren Handlungen und Betrachtungen auf sie zurückschließen. Offensichtlich ist sie eine sehr zielorientierte, sehr planvoll agierende Person, eine Ingenieurin vielleicht. Denn bei der Umsetzung ihres Entschlusses, hoch in den Bergen leben zu wollen, ist sie äußerst strukturiert und umsichtig vorgegangen: Sie hat ein 200 ha großes Gelände gekauft und hat dabei alle rechtlichen Aspekte berücksichtigt, sodass keine Gemeinde, kein Umweltverein und keine Bürgerinitiative ihr Vorhaben noch verhindern konnte.

Zusammen mit einem ansässigen Unternehmen hat sie ihre „Hütte“ entworfen, eine runde Konstruktion aus Glasfaser verstärktem Kunststoff und Hart-PVC, die dem besonderen Gebirgswetter, den Stürmen, dem Schnee, trotzen kann, die aussieht wie ein Flugzeugrumpf und die sie als „Tonne“, als „Lebensröhre“ bezeichnet. Sie ist mit Kochecke, mit Bett und Tisch, mit Regalen für Bücher, mit Schränken, gut klimatisiertem Vorratsraum und vielen Fenstern ausgestattet und hat natürlich auch Platz für ihr Cello. Photovoltaik-Panels und Akkus sorgen für eine ausreichende, vor allem autarke, Energieversorgung. Natürlich auch im Winter, das hat sie genau berechnet. Und für den Fall der Fälle verfügt sie auch über einen Computer und ein Mobiltelefon. Auch wenn das Leben in einer unwirtlichen Umwelt beschwerlich ist, wenn das Leben eine Alltagsroutine erfordert, so leistet sie sich doch den Luxus der unter diesen Umständen bestmöglichen technischen Ausstattung.

Sie hat dieses Leben in dieser Umgebung ebenso bewusst gewählt, wie sie ihre Ausrüstung geplant hat. Ihre Motivation ist es wohl, den Menschen zu entgehen, die sie immer wieder als „Undankbare, Neider und Schwachsinnige“ bezeichnet. Und sie möchte sich in einem besonders herausfordernden Umfeld erproben, möchte wissen, wie es auf sie wirkt.

„Die Umwelt, in die ich meinen Unterschlupf gestellt habe, sagt mir zu. Sie verschafft mir von außen die für mein Leben nötige Form, indem sie an der Hülle meines Körpers schabt und reibt, meines Körpers, der widersteht, der sich anpasst. Diese Welt der Abgeschiedenheit, der Leere, der großen Kälte, der bleiernen Hitze, des harten Felsens, der Stille und der Schreie der Tiere lässt einem kaum eine andere Wahl. Sie ist ein genauer Lotse. Die Lage, in der ich mich befinde, ist durchdacht und berechnet, dass sie mir ein maximales Training ermöglicht. Ich habe sie sorgfältig ausgewählt. Ich habe ihr zutiefst zugestimmt.

Bleibt herauszufinden, ob der Abdruck, den sie in meinem Geist hinterlassen hat, eine Erleuchtung ist – oder ein Irrtum.“

Der Leser begleitet die Ich-Erzählerin von ihrer Ankunft in der Höhe, die wohl im Frühjahr stattfindet, schaut sich bei ihrem Inspektionsgang durch ihre Lebensröhre ihre Unterkunft an, geht mit ihr zusammen herunter zum See, wo sie ihr Gemüsebeet anlegen wird. Und begleitet sie auf den ersten Erkundungstouren in ihrer neuen Umgebung. Dabei stellt sie dem Leser besondere Landmarken ihrer unterschiedlichen Touren vor, auf die sie sich immer wieder bezieht, wenn sie später zu einer neuen Tour startet oder eine bekannte Route erweitern will. So kann der Leser sich immer wieder im Felsgewirr und zwischen den Berggipfeln und Tälern gut orientieren. Neben diesen Tätigkeiten bleibt ihr genügend Zeit, ihre „Hefte zu füllen“, vielleicht mir Tagebucheinträgen, vielleicht mit ihren philosophischen Überlegungen.

Denn parallel zu ihren Tätigkeiten in der Natur beginnt die Erzählerin auch, über verschiedene Fragen nachzudenken. Was ist Not? Was bedeutet es, den „Kopf zu verlieren“, wenn es um Sicherheit und Risiko geht? Was treibe ich hier?, ist eine Frage, was macht das Leben aus? eine andere. Und immer wieder denkt sie darüber nach, wie sich das Zusammenleben der Menschen gestaltet, denkt nach über das Verhältnis von Drohung und Versprechen, von Autorität und Macht:

„Die Autorität: das große Spiel der Menschheit?!

Es dauert nicht lange, da stößt die Erzählerin bei ihren Erkundungswanderungen auf Zeichen menschlicher Anwesenheit. Sie findet, nicht weit von ihrem Garten, eine Jagdhütte in einem Baum und eine Badewanne. Beides wirkt alt und verlassen. Aber dann sieht sie bei der Überschreitung eines Passes in einem anderen Tal ein Haus. Als sie es genauer mit ihrem Fernglas betrachtet, sieht sie, dass es vor Jahren von der Elektrizitätsgesellschaft gebaut wurde. Auf einer der beiden Bänke davor aber erblickt sie offensichtlich vergessene Kleidungsstücke. Als sich dann aber aus dem Wollhaufen ein Arm reckt, eine Hand in ihre Richtung zu winken beginnt mit einem Fingernagel, der mindestens 20 Zentimeter lang ist, da treibt es ihr einen ordentlichen Schreck in die Glieder.

Ob diese Figur, die sich als weiblich erweist und sich später als chinesischer General namens Dongbin vorstellt, real ist oder nicht, ob es sich um eine Schäferin handelt, die sich, wie die Ich-Erzählerin, für die Einsamkeit der Berge entschieden hat oder um eine mythische Figur, halb Mensch, halb Tier, die den Menschen immer wieder – auch böse – Streiche spielt, eine Figur also,  wie sie im Sagenschatz einiger Bergtäler der Alpen vorkommt, das bleibt unklar. Dongbin erweist sich jedenfalls in einigen Bereichen als das genaue Gegenteil der Erzählerin, lebt mehr als spartanisch, scheint der Umgebung besser angepasst als die Erzählerin, kennt sich noch besser aus, ist ihr oft einen Schritt voraus. Die Auseinandersetzung mit dieser Figur, die zunächst wie ein Revierstreit von Tieren abläuft, sich dann doch zu einer vorsichtigen Annäherung entwicklt, bestimmt jedenfalls mehr und mehr die Gedankenwelt der Ich-Erzählerin. Und hier spiegelt sich auch in einer – womöglich vermeintlichen – Handlungsebene das, was sie über das „große Spiel“ der Menschen bei ihrem Nachsinnen immer wieder reflektiert.

Céline Minard hat einen packenden Abenteurroman, eine spannende Robinsonade geschrieben, eine Geschichte darüber, was mit einer planvollen, zielorientierten, durch und durch rational agierenden und äußerst reflektierten Frau in der Einsamkeit der Bergwelt passiert. Und was passiert, als sie dort auf ihren Freitag trifft, wie sich dieses „Ereignis bildet und weiterentwickelt“. Ob das für sie eine Erleuchtung ist oder ein Irrtum – das mag jeder Leser entscheiden.

Céline Minard (2018): Das große Spiel, aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Mälzer, Berlin, Matthes & Seitz

2 Kommentare

  1. Liebe Claudia!
    Das Buch hört sich nach einer spannende Reise ins Ich an. Im Moment befinde ich mich im Endspurt meiner Studienzeit also immernoch keine Zeit zum Lesen von anderen Büchern als Fachbücher. Vielleicht nehme ich mir das Buch mit in den einwöchigen Bergurlaub, den wir uns noch gönnen werden.
    Einen schönen Sommertag wünscht dir Susanne

    • Liebe Susanne,
      der Roman ist wie gemacht für eine einwöchige Reise in die Berge: nicht zu dick und genau in die Umgebung passend. Mit dem eigenen Blick auf Felsformationen, Bergwiesen und Seen lässt sich die beschriebene Atmosphäre noch besser nachvollziehen. Ist mir jedenfalls auch so ergangen.
      Viele Grüße, Claudia

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