Erzählungen, Lesen
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Richard Russo: Immergleiche Wege

Vier Erzählungen sind versammelt in diesem Band, vier Erzählungen von Protagonisten in den mittleren Jahren, die darüber nachdenken, wie es zu den Schrammen, Kratzern und Wunden gekommen ist, die sie im Laufe des Lebens erhalten haben, manchmal durchaus mit eigenem Zutun. Es sind alles keine wirklichen Helden, die Russo uns vorstellt, keine Figuren, die sich in schwierigsten Situationen bewähren müssen und daran wachsen und reifen. Es sind eher die sprichwörtlich ganz normalen Menschen, die in ihrem ganz normalen Leben gezeigt werden, in Leben, die so verlaufen sind, wie auch die Leben der Leser verlaufen können. Alles ganz normal also – und doch zeigt sich in jedem der Geschichten nach und nach ein persönliches Drama.

Die Professorin Janet Moore sitzt in ihrem Büro auf dem Campus und ihr gegenüber der Student James Cox, der einen Essay mit überzeugender Argumentation abgegeben hat – der aber, daran erinnert Janet sich, vor ein paar Jahren schon einmal eingereicht worden ist. Die alte Arbeit hat sie gesucht, vier Stunden hat es sie gekostet, sich durch die archivierten Texte in die Vergangenheit zu arbeiten, bis sie fand, wonach sie suchte. Und während sie nun hier sitzt und den Studenten mit ihren Recherchen konfrontiert, ärgert sie sich gleichzeitig, dass sie immer eine wasserdichte Überführung haben will. Ihr Professorenkollege Tony Hope aber macht sich nie die Mühe des Suchens. Sie weiß, dass er in solchen Fällen zockt, wenn er ein wissendes Gesicht aufsetzt und den Stundenten einfach zwei Fragen stellt: „Ist das Ihre Arbeit?“ Und „Wären Sie in der Lage, den Essay unter meiner Aufsicht zu reproduzieren?“

Während Janet hier sitzt, braut sich ein Unwetter zusammen und Janet denkt an Zeilen aus dem Kindergedicht vom „Reitersmann“, dass ihr Mann Robbie jeden Abend dem behinderten Sohn Marcus vorliest:

„Wenn weder Mond noch Stern vom Himmel lacht,
es draußen stürmt und braust,
jagt Mal ums Mal aus finstrer Nacht
Ein Reitersmann vorbei am Haus.“

Das Gewitter, die Strophen des Gedichtes, der Student, der eine Arbeit plagiiert hat – für Janet ist das alles der Stimulus, der eine alte Erinnerung zum Vorschein bringt. Die Erinnerung an ein Gespräch vor ungefähr zehn Jahren, das für sie zu einem Schlüsselereignis geworden ist. Damals saß sie als Doktorandin bei ihrem Professor Bellamy und er hat ihren Text beurteilt mit dem Satz:

„Es ist einfach nicht wirklich Ihre [Arbeit].“

Dabei meinte er gar nicht, dass sie abgeschrieben hätte, er meinte vielmehr, dass er sie nicht selbst erkennen könne in ihrem Text: „Es ist, als existierten Sie nicht…“ Er forderte sie auf, mehr Leidenschaft in ihre Analysen fließen zu lassen, mehr ihre persönliche Verbindung mit den Romanen erkennbar zu machen, mehr das in akademischen Kreisen so verpönte „Ich“ herauszustellen. Und bemerkte abschließend:

„Oh, erfolgreich werden Sie schon sein“, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Nur eben nicht gut.“

Es ist das Bemerkenswerte, das Beeindruckende an Russos Erzählungen, dass er aus einer Alltagssituation heraus eine Geschichte entwickelt, in der die Protagonistin gleich auf mehreren Ebenen gegenwärtig ist, indem sie handelt, sich erinnert, reflektiert. So entstehen ungeheuer dichte Erzählsituationen mit vielschichtigen Charakteren und ihren Leben im Hier und Jetzt. Aber auch mit ihren Gedanken an die Erlebnisse, die sie lieber im Keller ihrer Erinnerungen aufbewahren. Und in diese persönlichen Lebensgeschichten hinein werden Themen der Gesellschaft verwoben – in Janet Moores Erzählung das Plagiieren der Studenten und die im akademischen Kontext immer noch grassierenden bemerkenswert geistlosen Sprüche über Frauen.

Der pensionierte Professor Nate, der Protagonist der zweiten und längsten Erzählung „Stimme“, ist mit einer Reisegruppe zur Biennale nach Venedig gereist. Zur Gruppe gehört auch sein Bruder Julian, mit dem er seit Jahren ständig überkreuz liegt:

„Merkwürdig, dachte Nate. Kaum eine Minute war nach ihrem ersten Wiedersehen vergangen, und schon hätte er seinen Bruder erwürgen können.“

Julian bezeichnet ihn ein ums andere Mal als vertrottelt oder Verspult und sieht sich selbst als cleveren und erfolgreichen Geschäftsmann. Leider ist Julian im Moment so klamm, dass er Nate um Unterstützung beim Bezahlen des Hotels bitten müsste, was er aber nicht über sich bringt, deshalb abreist und Nate wortlos seine Rechnung überlässt. Nate belastet aber nicht nur dieser alte Zank mit dem Bruder, nicht nur die Schrullen und Marotten seiner Mitreisenden, die Unübersichtlichkeit der venezianischen Gassen, in denen er sich verirrt, sondern auch und vor allen Dingen die unsägliche Geschichte mit seiner Studentin Opal Mauntz, die vor einem Jahr passiert ist. Der ist er zu nahe gekommen, aber nicht aus einer übergriffigen sexuellen Laune heraus, sondern mehr aus einer väterlichen Sorge, als sie mit den von einem Sturz herrührenden Verletzungen im Gesicht in seinem Jane-Austen-Kurs stand.

Als Opal Mauntz in sein Seminar kam, hatte ihm der universitäre Gesundheitsdienst Opals Diagnose „Autismus“ übermittelt und genaue Anweisung gegeben, dass niemand sie anspreche oder gar berühre. Tatsächlich ergriff sie im Seminar nie das Wort, nahm keinen Kontakt zu ihm oder ihren Kommilitonen auf und saß immer weit abgerückt von den anderen. Aber sie schrieb die bei weitem besten Texte. Weitaus besser als die „verschwommene Prosa“ ihrer Studienkollegen, in deren Arbeiten die „Argumente irgendwo herumlungerten, wo sie der Leser mühsam suchen musste, als läge Koherenz ebenso in seiner Verantwortung wie in der des Autors.“

Er hatte Opal Mauntz` violett angeschwollenes Gesicht berührt, „so leicht er es vermochte“. Und während er die Geste ausführt, weiß er, dass er den schlimmsten Fehler in seiner Professorentätigkeit begeht und meint auch zu wissen, dass diese Karriere „ebenfalls ein Fehler war“.

Es ist mithin nicht nur die Frage der Protagonisten in allen Erzählungen immer gleich – die Frage also, ob sie das richtige Leben gewählt haben – sondern auch die Struktur aller Erzählungen folgt dem immergleichen Weg. Russo hat für alle vier Geschichten einen analytischen Aufbau gewählt, und enthüllt in der Jetztzeit das Ereignis der Vorgeschichte, das seine Protagonisten zweifeln lässt über ihrem Lebensweg. Und dass obwohl sie doch alle dem Leben ein wenig mehr abgeluchst haben, als sie meinen, dass es ihnen zustehe.

So wie Ray, der durch die Finanzkrise der späten 2000er Jahre gebeutelte Makler, der selbst auf die windigen Formulierungen eines Exposés hineingefallen ist. Eine Doppelgarage wurde dort angepriesen, die sich aber bei Inaugenscheinnahme als so klein erwies, dass höchstens zwei Coupés hinein passten. Nun hat Ray endlich wieder einmal Kunden, die sich für eines seiner Häuser interessieren, eines mit „Winteraussicht“, denn im Winter kann man durch die blattlosen Bäume hindurch das Meer sehen. Und während er hier alles tut, um den Kauf abzuwickeln, erinnert er sich an den ständigen Streit seines Vaters mit dessen Bruder – und an die Krebsdiagnose, die er bekommen hat. Die Krankheit selber fürchte er ja gar nicht so sehr, vermutlich ist sie auch gut heilbar. Aber: Er hat keine Krankenversicherung, die Einnahmen der letzten Zeit waren gering und seine Frau hat mit ihrer Galerie ebenfalls eine finanzielle Schieflage.

Es sind amerikanische Geschichten, die Richard Russo uns erzählt. Von den Genderdiskussionen an den Universitäten, der Immobilienkrise, den fehlenden Krankenversicherungen, den Verhältnissen in Hollywood. Das ist einerseits sehr unterhaltsam zu lesen, zumal Russo seinen Erzählungen nicht nur die nachdenkliche Schwere einschreibt, sondern immer auch die komischen Momente, die bizarren Dialoge und kuriosen Figuren, miterzählt. Und andererseits ist das Drama seiner Figuren, sind ihre existenziellen Fragen, die sich in der Erzählreihung durchaus steigern, auch unsere Fragen an das Leben. Und sind wir nicht alle, wie der alternde Drehbuchautor Ryan, auf der Suche nach dem Glück, wollen wir nicht alle gerne bekommen, was wir begehren? Auch, wenn das Streben nach Glück in unserer Verfassung nicht niedergeschrieben ist.

Richard Russo (2018): immergleiche Wege, aus dem Englischen von Monika Köpfer, Köln, DuMont Buchverlag

7 Kommentare

  1. Ich habe Russo vor einiger Zeit für mich entdeckt, sehr gern „Diese gottverdammten Träume“ und „Ein Mann der Tat“ gelesen. Vielleicht greife ich mal zu seinen Erzählungen. Viele Grüße

    • „Diese gottverdammten Träume“ warten auch schon seit geraumer Zeit im Regal. Nachdem ich nun die Erzählungen so mochte, werde ich mich „dem dicken Wälzer“ bestimmt auch noch zuwenden. Irgendwie haben die Amerikaner es ja drauf mit dem Schreiben so nah am normalen Leben. Und dir werden die Erzählungen bestimmt auch gut gefallen…;)

  2. Oh, da muss ich mich euch wohl anschließen … ich habe bisher noch nichts von Russo gelesen, aber was du beschreibst, klingt sehr gut. Vor allem, dass er seine Erzählungen „Alltagsmenschen“ widmet. Danke für den Hinweis!

    • Die Erzählungen sind sicherlich ein guter Einstieg. Da kannst du Russo erst einmal „auf der kurzen Strecke“ kennenlernen. So habe ich es mir zumindest gedacht. Einen schönen stürmischen Sonntag!

  3. Ich bin großer Fan. Richard Russo versteht es, stets gekonnt auf großartige Weise zu unterhalten. Seine Romane und Erzählungen sind geprägt durch Melancholie, Witz, Tiefgang und Empathie. Alle seine Werke sind sehr lesenswert. Liebe Grüße, Hauke

    • Lieber Hauke,
      ich nehme deinen Kommentar als deinen deutlichen Hinweis, nun auch noch die Romane zu lesen. Nach diesen Erzählungen werde ich das bestimmt tun – und hoffe auf eine baldige Flaute bei den Neuerscheinungen ;). Aber wie schon geschrieben: „Die gottverdammten Träume“ stehen hier schon.
      Viele Grüße, Claudia

      • Ja, unbedingt! Der Hinweis kann gar nicht deutlich genug sein 😉 Ich wünsche Dir viel Freude und weiterhin erlesene Stunden.
        Liebe Grüße, Hauke

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